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Beschreibung

Nein, nur einfach so rausgehen - damit ist es nicht getan. Exkursionen sind mehr als die "Begegnung mit dem Realobjekt": Wir können uns selbst nämlich nicht zu Hause lassen ... Das vorliegende Buch ist ein erweiterter Sammelband der bisherigen Bände "Sie können die Schuhe ruhig anlassen!" und "Bitte nehmen Sie doch Platz!". Wir laden Sie wieder ein, mit der GRUPPE experiment Exkursion KASSEL auf Erkundungstor zu gehen.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die Herausgeber

Dr. Andrea Gerhardt (M.A.), geboren 1971 in Kassel, studierte Erziehungswissenschaften, Soziologie und Wirtschafts- und Sozialgeographie und war von 2003-2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich 05, Lehrstuhl für Anthropogeographie der Universität Kassel. Nachdem sie 2011 den pädagogischen Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Gymnasien absolviert hatte, arbeitete sie an unterschiedlichen Kasseler Schulen, bis sie 2014 eine Stelle als Studienrätin an einem Gymnasium in Niedersachsen antrat.

Ulrich Kirsch, geboren 1983 in Kassel, studierte die Fächer Geographie und Sozialkunde für das Lehramt an Gymnasien und absolvierte 2015 erfolgreich den pädagogischen Vorbereitungsdienst. Derzeit arbeitet er als Studienrat an einem Kasseler Gymnasium und ist Verbindungslehrer des Stadtschülerrates.

SCHRIFTEN ZUR EXKURSIONISTISCHEN BILDUNG

Mit der vorliegenden Publikation soll eine interdisziplinäre und überfachliche Diskussion um Methoden, Arbeitsweisen und Inhalte von Exkursionen und deren Didaktik angeregt und befördert werden. Die Beiträge unterliegen ganz bewusst nicht den gängigen wissenschaftlichen Standards. So wird mit dieser Reihe ein möglichst offenes Forum für Erfahrungsaustausch und weiterführende Anregungen für alle Interessierten geschaffen. Ziel der Arbeit der GRUPPE war es, unterschiedliche methodische Zugriffsweisen zu dokumentieren und Erfahrungsberichte zu sammeln.

Der vorliegende Band ist eine überarbeitete und erweiterte Zusammenfassung der bereits erschienen Bände

GRUPPE experiment exkursion KASSEL

Andrea Gerhardt / Ulrich Kirsch (Hg.):

„Sie können die Schuhe ruhig anlassen!“

Auf Exkursion in Kassel und Umgebung

Norderstedt: BoD, 2007

ISBN: 978-3-8334-9857-2

„Bitte nehmen Sie doch Platz!“

Auf Exkursion in Kassel und Umgebung II

Norderstedt: BoD, 2010

ISBN: 9-783-839-14321-6

Dem ersten Band (2007) zum Geleit von Armin Chodzinski

Nun, es ist ja so, dass das alles eigentlich ein Missverständnis ist. Als ich nach Kassel kam und meinen Dienst an der Universität Kassel bei den Geographen begann, war mir vieles unklar, aber bei einer Sache war ich mir sicher: Exkursionen, begleitete Touren, explorative Aneignungen von städtischen Räumen, wie sie in der Kunst seit den 1960iger Jahren oder auch schon immer so beliebt sind, sind von den GeographInnen erfunden, durchdekliniert und tausendfach bearbeitet worden. Exkursionen sind der zentrale Bestandteil des Faches und in ihrer methodischen Vielfältigkeit unüberschaubar, aber kategorisiert, katalogisiert und verfügbar gemacht. Ganz so ist es nicht, aber fast: Eine strukturierte Exkursionsdidaktik gibt es nicht, aber es entsteht eine, wenn einer von Außen kommt, die Stadt kennen lernen will, Seminare gibt und glaubt, es sei die Aufgabe der Studierenden alles über Exkursionen zu wissen. So ließ ich mir ein ums andere Mal die Stadt zeigen – mehr eigentlich nicht – und brauchte fast drei Jahre um der Tatsache gewahr zu werden, dass die theoretische Untermauerung, die ich immer erwartete, nicht kam, weil es sie nicht gibt, weil Exkursion ohne Feldversuch bedeutet, dass einfach alle mal losgehen ... alles hängt also von der Person ab, die voraus geht. Einfach mal losgehen mit jemandem, sich darauf einlassen, zuschauen, zuhören, zulassen – mehr ist es vielleicht wirklich nicht – und dann sortieren, aufschreiben, nachdenken. Das passiert ja hier und ich kann nur gutes Gelingen dabei wünschen. Ich bestell’ schon mal ein Exemplar.

Es freute mich sehr, gefragt worden zu sein ein paar Worte des Geleites zu diesem Bändchen beizutragen, gibt es doch neben den guten Wünschen auch die Möglichkeit, sich endlich bei denen zu bedanken, die mir die Stadt und auch andere Städte zeigten, sich viele Sachen einfallen ließen und produzierten. Auch eine Entschuldigung zum Geleit, denn, es war völlig eigennützig und das auch nachhaltig ohne schlechtes Gewissen ....

Hallo Leserin, Hallo Leser!

In unserem Lesebuch werden sich häufig Bezüge auf die „Verwertbarkeit“ von Exkursionen in der Schule finden. Aspekte der Bildung sind der GRUPPE experiment exkursion KASSEL immer ein zentrales Anliegen, da sich dieses, vornehmlich studentische Projekt zu einem großen Teil aus (angehenden) Lehrerinnen und Lehrern zusammensetzt. Wir hoffen, dass es uns dennoch gelungen ist, ein facettenreiches Leseangebot zusammenzustellen, welches sowohl für Bewohnerinnen und Bewohner unseres schönen Städtchens, als auch für alle interessierten Besucherinnen und Besucher neue, manchmal ungewöhnliche Einblicke bereithält.

Die Herausgeber

und jetzt geht’s immer noch nicht los, denn wir möchten uns vorab schon einmal bei

den Engagiertenden Wagemutigenden Interessiertenden Kooperativenden Kreativenden Förderndenden Vordenkendenden Querdenkendenden Zuhörenden

und allen, die auf ihre Art einen Beitrag geleistet haben, bedanken.

Man findet euch an der Universität Kassel, als Gäste auf Exkursionen, im Beirat der documenta 12 und natürlich auch in der GRUPPE selbst. Ohne euch wäre Vieles nicht möglich gewesen.

INHALT

HESSISCHER SCHMANDKUCHEN

VORWORT

WAS IST EINE EXKURSION?

ARBEITSFELDER DER GRUPPE EXPERIMENT EXKURSION KASSEL

Modernität – Um- und Neudeutungen von gebautem Raum

Mein Kassel, dein Kassel, unser Kassel? - Lokale Identität, neue Nachbarschaften und Naturverbundenheit

Exkursionsdidaktiken und Exkursionsexperimente – neue Zugangsweisen zu gewohnten Orten

Abkehr vom „touristischen“ Blick

ABSCHNITT 1: DOCUMENTA-ERFAHRUNGEN

1.1 ANDREA GERHARDT: LEITMOTIVE DER

DOCUMENTA 12 FEATURING GRUPPE EXPERIMENT EXKURSION KASSEL

Ist die Moderne unsere Antike?

Das bloße Leben?

Bildung – Was tun?

1.2 MARTIN SCHARVOGEL / ANDREA GERHARDT: UND DANN WAR DA NOCH DIE SACHE MIT „KLAUS“...

Would you like to participate

Eine Verlustgeschichte

1.3 MARTIN SCHARVOGEL UND KATHRIN ROST: EINE ‚SEILSCHAFT’ AUF EXKURSION – EINE UNVERTRAUTE BEGEGNUNG MIT VERTRAUTEN ORTEN

ABSCHNITT 2: KASSELER GESCHICHTE(N)

2.1 ULRICH KIRSCH: FUNDSTÜCK. KASSEL ALS (HISTORISCHE) TRAUMREISE?

2.2 ANNEGRET LUCK: ARBEITERSIEDLUNGEN – EINEEXKURSION ZUM ROTHENBERG

Wohin wird die Exkursion gehen?

Konkrete Planung der Exkursion

Die Durchführung der Exkursion

Ein kritischer Rückblick

Allgemeine Rückschlüsse auf meine Vorstellung von Exkursionen

2.3 ANDREA GERHARDT: DER KASSELER HAUPTFRIEDHOF ALS NAHERHOLUNGSGEBIET

Das Experiment

Ulrich Kirsch: Nachrichtliches und Nachdenkliches: Erholung auf dem Hauptfriedhof?

2.4 ROLAND DEMME: 19. JAHRHUNDERT: STADTERWEITERUNG IN CASSEL. HOHENZOLLERNSTRAßE – MAGISTRALE EINES QUARTIERS FÜR GEHOBENES WOHNEN

2.4.1 ULRICH KIRSCH: GESAMMELTE REAKTIONEN ZU EINER ‚GANZ NORMALEN’ EXKURSION – ODER: NACHLESE IM VORDEREN WESTEN

Daniel Henke: „Protokoll“

Nadine Weinreich: Die Unersetzbarkeit der klassischen geographischen Exkursion, verdeutlicht am Beispiel der Exkursion im Vorderen Westen.

Tim Reitz: Essay zur Exkursion in den Vorderen Westen

Philipp Wichmann: Kritische Exkursionsbeobachtung aus geographischer Perspektive

Julia Harder: Eine perfekte Geographieexkursion – Ein kleiner satirischer Exkurs

Ulrich Kirsch: Ein Nachwort

ABSCHNITT 3: KASSEL IM (PÄDAGOGISCH WERTVOLLEN?) EXKURSIONS-EXPERIMENT

3.1 ULRICH KIRSCH: HARLESHAUSEN UND DIE FRISCHLUFTSCHNEISE

Vorstellung[en] + Gespräch[e]

ICH, Zirkusdirektor

Ankunft

Die „BEOBACHTER“ – was läuft drumherum?

Die „LEHRER“ - Potentiale für die Schule!

Die „BESONDEREN“ – Es lohnt sich immer!

Auftakt

Wo wir schon mal hier sind

Pioniere entdecken Pioniere

Kaltluftbahnen

Leben mit der Schneise

Halbzeit

Cut – Evaluation unmöglich?!

Nachlese[n]

Philipp Wichmann: Beobachtungen

Inga Bode: Harleshausen und die Frischluftschneise – Politik und eben nichts Besonderes!

3.1.1 ULRICH KIRSCH: DAS PROBLEM MIT DER EXZELLENZ - ARBEITSTITEL: FRISCHLUFTSCHNEISE

3.2 CHRISTIAN NICOLAIT: SEHEN UND GESEHENWERDEN: ÜBER EINE „BLINDE EXKURSION“

Zur Durchführung der Exkursion

War das noch eine Exkursion?

Der andere Blick

Wusste ich schon alles!

Wir haben eine Exkursion gemacht!

Was soll man da noch sagen?

3.2.1 „WO SIND WIR DENN BLOSS?!?“ AUSGEWÄHLTE ERFAHRUNGSBERICHTE UND PROTOKOLLARISCHE EXTRAKTE VON DER „BLINDEN EXKURSION“

Ulli Stötzer / Denny Schubert: Von zwei guten Freunden und einem gemütlichen Spaziergang in der Aue

Svenja Konze / Carola Conrad: Blind vom Campus zum Rathaus und zurück

Sehend vom Campus zum Rathaus – die ‚führende’ Ergänzung

Uta Raabe: Stadtauswärts entlang der Holländischen Straße

Marcus Gunkel: Auch Sehende sehen plötzlich mehr...

Birte Tränkner / Tim Reiz: Mentales Mapping

Christoph Bleuel / Tino Eberhardt: Neue Erfahrungen

Michael Sprick: Räume des Nicht-Sehens

Christian Nicolait: Zur Nachahmung Empfohlen. Einige abschließende Bemerkungen zur „Blinden Exkursion“

3.3 CHRISTIANE KOCH / CHRISTIAN NICOLAIT: NACHTWANDERUNG - EIN POTENTIAL AUCH FÜR DIE SCHULE?

Was ist eigentlich eine Nachtwanderung?

Vorüberlegungen

Der Ablauf der „Nachtwanderung“

Auswertung - Die nächtlichen Erfahrungen

Handlungsempfehlungen

Spannungsfeld: ExEx – Nachtwanderung

Zusammenfassender Ausblick

3.4 MARTIN SCHARVOGEL: DIE KASSELER UNTERNEUSTADT – AUF DER SUCHE NACH BEDEUTUNGEN

Ein Exkursionsexperiment.

Drei Ebenen der Begegnung mit einem fremden Ort

Das Rollenspiel als Versuch eines empathischen Einlassens

Die Aufgabenstellung als Wegbereiter für die Exkursion

Erste Runde: Auf den Spuren von Herbert F.

Zweite Runde: Auf den Spuren einer älteren Dame

Ausblick und Ende

3.5 ANDREA GERHARDT: AUF EXKURSION OHNE (AN-) LEITUNG. „FINDET DEN TOTEN KÜNSTLER!“

3.5.1 KAMIL ZGIERSKI / SEBASTIAN MÜGLICH: AUF DEN SPUREN TOTER KÜNSTLER IN KASSEL

Eine sachliche und methodische Untersuchung des

Exkursionsexperimentes „Findet den toten Künstler!“

Dokumentation auf einen Blick: Unsere Kartierung „toter Künstler“ in Kassel

Was haben wir eigentlich gemacht? Zur Reflexion der methodischen Vorgehensweise

Wie war das mit der Methode? Tipps für Impuls-Exkursionen

ABSCHNITT 4: AUS KASSEL HERAUS

4.1 ANDREA GERHARDT: VOM ERKUNDEN UND ERFINDEN. EIN EXKURSIONS-EXPERIMENT NACH HIRSCHHAGEN

Kay Janne Wiemann: Exkursion nach Hirschhagen

Julia Harder: Spurensuche der Ahnungslosen

Carola Conrad: Zur Flächennutzung in Hirschhagen

Christian Nicolait: Hirschhagen – Geschichte ohne Bewusstsein

Christoffer Beermann: Historisches Hirschhagen

Kathrin Sickinger: Künstliche Landschaften

Andrea Gerhardt: Was gesehen werden konnte...

4.2 EVA SCHULZKE: EXKURSION IN DEN REINHARDSWALD

Entwurf, Vorüberlegungen und Inhalte

Vorbereitung und Vorexkursion

Die Exkursion

Das geplante Ferienresort Beberbeck

Der Friedwald im Reinhardswald

Fazit der Exkursion

4.2.1 „... DEN WALD VOR LAUTER BÄUMEN NICHT ...“ AUSGEWÄHLTE PROTOKOLLARISCHE EXTRAKTE ZUR EXKURSION IN DEN REINHARDSWALD

Inga Bode: Bericht zur Exkursion in den Reinhardswald

Tim Reitz: Exkursion Reinhardswald

4.3 HARTMUT BICK: DER EDERSEE UND DIE EDERTALSPERRE

Der Bau der Edertalsperre

Die Edersee-Katastrophe: Bomben auf den Edersee

Reflexion zur Exkursion „Edertalsperrmauer“

ABSCHNITT 5: JETZT GEHT’S AUCH IN DIE SCHULE

5.1 ANNEGRET LUCK / ANDREA GERHARDT: EXKURSIONEN MIT SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN – EIN KLEINER DIDAKTISCHER LEITFADEN

Die Methodenfrage

Zum Verhältnis von Exkursion und Unterricht

Ziele zwischen Wissen – Wirklichkeit – Leben

5.2 ANDREA GERHARDT: DIE „KLEINGÄRTNERISCHE SPURENSUCHE“ IM RAHMEN DER PROJEKTTAGE AN DER ALBERT-SCHWEITZER-SCHULE KASSEL

Der Blick über den Gartenzaun - Vorwort

Die Erforschung von Kleingärten im Rahmen eines schulischen Projekts

Dokumentation der Teilprojekte

Auswertung der Fragebögen und Evaluation der Projektleitung

ANDREA GERHARDT: EIN PLÄDOYER FÜR EINE KONSTRUKTIVISTISCHE EXKURSIONSPRAXIS IN SCHULE UND HOCHSCHULE

Exkursion ja – aber wie?

ANDREA GERHARDT / ULRICH KIRSCH: UND DANN WAR DA NOCH DAS DUPLO-EXPERIMENT

Modellbeispiel einer „touristischen Exkursion“

Modellbeispiel einer „erkundenden Zugangsweise“

Modellbeispiele für zwei unterschiedliche Exkursionen zum Herkules

WENN SIE ZU BESUCH IN KASSEL SIND,

HESSISCHER SCHMANDKUCHEN

Bevor Sie loslaufen und / oder nachdem Sie losgelaufen sind: Eine ideale Stärkung schnell gemacht und in Kassel sehr gern gegessen.

Man nehme

4 ganze Eier

2 Tassen Zucker

3 1/2 Tassen Mehl

1 Tasse Öl

1 Tasse Selters (Fanta geht auch)

1 Päckchen Backpulver

Eier und Zucker mit dem Schneebesen verrühren; Öl und Selters (oder Fanta) dazu geben. Backpulver mit Mehl mischen und nach und nach unterheben. Masse auf ein Backblech geben. Den Teig im Backofen (Ober-/ Unterhitze) auf der mittleren Schiene bei 180°C ca. 25 Min. / oder bei 200°C ca. 20 Minuten backen. Der Boden ist fertig, wenn sich die Ränder leicht vom Backblech lösen und die Oberfläche goldbraun gebacken ist. In der Zwischenzeit

2 Becher Schlagsahne und

4 Becher Schmand (24% Fett)

miteinander verrühren. Wenn der Kuchenteig aus dem Backofen kommt, sofort den Schmandbrei auf den Kuchen geben und verteilen. Sofort mit einer Mischung aus Zucker und Zimt bestreuen und dann abkühlen lassen.

Dieses Rezept kommt ohne Waage und ohne Messbecher aus, die Mischung stimmt immer. Bei kleineren Tassen wird der Teig weniger und man kann ein Ei sparen. Bei Verwendung sehr großer Tassen besteht die Gefahr, mehr Teig zu produzieren als ein normales Kuchenblech fassen kann ... Experimentieren Sie!

Für das Rezept bedanken wir uns herzlich bei Frau Hannelore Kirsch.

VORWORT

Die GRUPPE experiment exkursion KASSEL ist im Herbst 2004 aus einem offenen Arbeitszusammenhang heraus entstanden, mit dem die sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen bezogen auf das Bild der Stadt Kassel erkundet und gemeinsam diskutiert werden konnten. Auf Initiative von Prof. Dr. Dagmar Reichert, Armin Chodzinski und Andrea Gerhardt haben sich interessierte Studentinnen und Studenten mit dem Ziel zusammengefunden, gemeinsam die Stadtlandschaft Kassels zu erkunden.

Fest stand zu Beginn, dass das individuelle Erleben von Stadt und darüber hinaus ihre Symboliken in diesem Projektzusammenhang eine Bearbeitung finden sollten. Der sehr offene organisatorische Charakter der GRUPPE war von Beginn an Programm. Daran hat sich bis heute nichts geändert – auch wenn die Arbeit der Mitglieder der GRUPPE sich zunehmend auf Exkursionen mit Schülerinnen und Schülern verschoben hat. Die Erarbeitung eines theoretischen Unterbaus für Exkursionen ist dabei immer weiter in den Hintergrund getreten; die praktische Arbeit und die tatsächlichen Erfahrungen sind und bleiben im Fokus der Aufmerksamkeit.

Was regt uns zum Experimentieren an? Verändert (Vor-) Wissen und konkrete Anleitung auf einer Exkursion den zu erkundenden Ort? Eine reflektierte Herangehensweise, bei der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst einen Bezug zum Ort herstellen, findet in vielen durchgeführten Exkursions-Experimenten bis heute ihren Ausdruck. Ein erklärtes Ziel in Bezug auf die Experimente besteht daher auch im Entwickeln verschiedener Konzepte, die eine reflexive Zugangsweise zur Stadt und zum Stadtraum ermöglichen. Wir können uns selbst nie „zu Hause“ lassen, haben unsere eigenen Perspektiven und sehen häufig nur das, was uns gezeigt wird.

Bereits im Wintersemester 2005/2006 gab die Veranstaltungsreihe „Gestaltung von Stadtgestaltung“ im Salon Elitaer an der Fuldabrücke einen ersten Impuls für die Schaffung eines Diskussionsforums, mit dem explizit auch ein außeruniversitäres Publikum angesprochen werden sollte. Die Vortragsreihe verstand sich als ein Angebot, sich im Schnittfeld zwischen der Stadt Kassel und der Universität mit Themen der Stadtgestaltung auseinanderzusetzen. Mit der Vortragsreihe „Men in Rubberboots?“ zum Thema Exkursionen, erweiterten wir dieses Angebot im Sommer 2006. Aus den sehr unterschiedlichen Gastvorträgen ergaben sich vielfältige Anregungen für eigene Vorhaben in Kassel, und sie waren ein wichtiger Baustein in der konzeptionellen Weiterentwicklung von Exkursions-Experimenten der GRUPPE.

Innerhalb dieser konzeptionellen Weiterentwicklung stand der direkte Lebensbezug zur Stadt Kassel immer im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses. Der Alltag, das Vergessen von Orten, das Festlegen von Lieblingsplätzen oder eine persönliche Betroffenheit, bildeten so individuelle Zugänge zum Stadtraum und seinen Konstruktions- und Konstitutionsbedingungen. Um die Flexibilität zu erreichen, die manchmal nötig ist, um ausgetretene Pfade verlassen zu können, sind wir bis heute Projekt geblieben. Ein Verein würde uns etwas nehmen, was wir erst im Projekt finden können. Es geht bei den Exkursionen der GRUPPE experiment exkursion KASSEL nicht um die Abfertigung von Massen. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist uns sehr bewusst, dass sich viele der gemachten Erfahrungen und ausprobierten Methoden wenig für die Ausarbeitung zu „alternativen Stadtführungen“ eignen. Zudem bedingt die Betonung individueller (und subjektiver) Erkenntnisse sehr häufig einen hohen organisatorischen Aufwand in Bezug auf die Vor- und Nachbereitungen der Exkursionen. Vor diesem Hintergrund wird die von uns bevorzugte Exkursionspraxis wohl auch in Zukunft ein exklusives Angebot bleiben, das mit touristischen Angeboten weder vergleichbar, noch in solche transferierbar ist.

Der Erfahrungsaustausch und die Reflexion des Erlebten sind zentrale Aspekte des Konzeptes der GRUPPE. Das, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Exkursionen zu berichten haben – ihre eigenen Gedanken, Bilder und Erklärungsversuche – sind ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Es kann daher nicht verwundern, dass den Berichten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der vorliegenden Dokumentation entsprechend Raum gegeben wird. Ausgewählte Berichte von dem, „was wir taten und tun“ halten Sie nun in der Hand.

Darüber hinaus bot die nun vorliegende Zusammenfassung der bereits erschienen Bände die einmalige Gelegenheit, alle Beiträge neu zu ordnen und thematisch zu gliedern. Einige neue – bislang noch unveröffentlichte – Beiträge konnten erfolgreich in den neuen Band integriert werden. Darunter beispielsweise die „Kleingärtnerische Spurensuche“ als Beispiel der Übertragung der im Rahmen der GRUPPE gemachten Erfahrungen auf die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern.

Abschließend ist zu sagen, dass sich die Arbeit der meisten Mitglieder der GRUPPE von damals auf die Schule verlagert hat. Da aber die gemachten Erfahrungen unserer Ansicht nach in den vergangenen zehn Jahren nicht an Wert verloren haben, widmen wir uns einer intensiven Rückschau, bevor wir weiter nach vorn schauen.

In der Hoffnung, dass Sie uns wohlwollend dabei begleiten, wünschen wir viel Vergnügen!

Ulrich Kirsch und Andrea Gerhardt

Kassel im Frühjahr 2017

WAS IST EINE EXKURSION?

Unter einer EXKURSION wird im Allgemeinen ein Ausflug unter (wissenschaftlicher) Anleitung und Zielsetzung verstanden. Wir erkunden dabei den Ort, an dem wir uns bewegen, beziehungsweise die „Dinge“ auf die wir stoßen oder auf die wir hingewiesen werden. EXKURSIONISTEN werden von der Suche nach Erkenntnissen angetrieben. Wir wollen lernen. Lebenslang. Eine gute Vor- und Nachbereitung einer solchen Erkundung durch die Exkursionsleitung kann dabei helfen, den Blick zu fokussieren, die Gedanken zu ordnen und die gesammelten Erfahrungen begreifbar zu machen. Ohne einen methodisch gegebenen Rahmen und ohne eine Intention gerät jedes Heraus-Laufen prinzipiell in den Verdacht der spielerisch-spaßigen oder auch spaziergängerischen Beliebigkeit.

Im Vorfeld einer solchen Unternehmung, die wir mit EXKURSION meinen, sind also zahlreiche Dinge zu bedenken, zu organisieren und vorzubereiten. So ist beispielsweise ein einfaches „Loslaufen“ für uns nur dann sinnvoll, wenn es mit einer anschließenden Reflexion in Verbindung steht und damit gewissermaßen zum Konzept der jeweiligen Exkursion gehört.

Eine EXKURSION soll nicht ausschließlich der Veranschaulichung oder Illustration von Sachverhalten dienen. Fotos und Filme können das unter Umständen viel besser. Begibt man sich jedoch hinaus in die Welt, ändern sich die Bedingungen, unter denen wir über Orte sprechen, vollkommen. Eindrücke und Erfahrungen verselbstständigen sich und wirken zunächst „ungeordnet“ auf alle Sinne der EXKURSIONISTEN ein. Die Blicke schweifen und das Unerwartete ersetzt die relativ fest gefügten, geordneten und regulierten didaktischen Rahmenbedingungen im Klassen- oder Seminarraum. Plötzlich spielt es also durchaus eine Rolle, wie es „da draußen“ riecht und dass sehr viel mehr zu sehen ist als auf Fotos oder Filmaufnahmen. Für eine erkundende Zugangsweise ist von entscheidender Bedeutung, dass wir unsere leiblichen „Befindlichkeiten“ vor Ort ernst nehmen. Mit einer entsprechenden Sensibilität für das Dazwischen, welches in einer touristischen Zugangsweise häufig keinen Platz hat, entdecken wir auch uns bereits bekannte Orte neu.

Die Trennung von wissenschaftlich aufbereitetem Wissen und subjektivbiographischen Erfahrungen, welche für das Lernen in pädagogischen Institutionen als Ideal angestrebt wird, kann gerade und insbesondere auf einer EXKURSION nicht aufrechterhalten werden. Denn die „erkundenden Subjekte“ können sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht von „sich selbst befreien“. So wirkt sich beispielsweise die bereits gesammelte Erfahrung als Interpretationsgrundlage aus. Wir haben bereits in früher Kindheit ein gewisses Verständnis für die Welt, in der wir uns bewegen, ausgebildet. Bei klassischen Exkursionen wird meist vorausgesetzt, dass die so genannte „Begegnung mit dem Realobjekt“ eine wirklichkeitsgetreue Abbildung im Betrachter hervorruft. Doch die „wirkliche Welt“ kann nicht objektiv erfasst werden, da unsere Erkenntnisfähigkeit immer von bereits gemachten Erfahrungen und von bereits erworbenem Wissen abhängt. Der erkennende, wahrnehmende Mensch ist stets unabdingbar verbunden mit der eigenen Biographie, die ihn erst zum Subjekt und somit eigenständig handlungsfähigen Menschen macht. Jeder von uns ist somit bereits „kontextualisiert“; d.h. durch ganz spezifische Erfahrungen zum Individuum herangewachsen.

Wir haben gelernt, in einer bestimmten Art und Weise zu sehen und zu denken. Diese ist uns in der Regel so selbstverständlich geworden, dass wir nicht mehr darüber nachdenken. Die vielschichtigen (sinnlichen) Erfahrungen, die auf Exkursionen gemacht werden können, bieten eine gute Möglichkeit, dieses nicht mehr reflektierte Selbstverständnis ein wenig zu erschüttern. Eine kleine Verunsicherung reicht oft schon aus, um genügend Abstand von den Dingen zu bekommen, die wir im Alltag gar nicht mehr sehen, weil wir uns so sehr an sie gewöhnt haben. Dieser Abstand ist aber nötig, um wieder neu hinschauen zu können und somit eine neue Perspektive einnehmen zu können.

Wenn sich unser Versuch zu Erkenntnis zu gelangen, bei Exkursionen unreflektiert auf die so genannten „Realobjekte“ und damit auf eine äußerliche „Ding-Welt“ richtet, werden mindestens zwei weitere Ebenen vernachlässigt. Oft genug ist das, was wir sehen, genau das, was uns gezeigt wird. Doch Erkenntnis kann nur in uns selbst entstehen. Wie wir gerade gesehen haben, müssen wir bei jeder exkursionistischen Unternehmung auch danach fragen, wer wir als „erkennende Subjekte“ sind, welches Vorwissen und welche bisherigen Erfahrungen in diesen Erkenntnisprozess einfließen und mit welcher Motivation wir uns dem zu erkundenden Ort nähern. Wir selbst sind – neben dem zu erkundendem „Objekt“ – eine zweite Ebene, die in das Nachdenken über die exkursionistische Unternehmung einfließen muss. Selbstverständlich kann nicht auf jeder Exkursion die Reflexion der subjektiven Ebene in gleicher Weise betont werden – sonst kämen wir vor lauter Selbst-Reflexion gar nicht mehr zum Staunen und Schauen! Dennoch gehört die angemessene Berücksichtigung dieser Ebene in jede Vor- und Nachbereitung einer Exkursion. Es lassen sich sogar Experimente entwerfen, die ganz bewusst auf den Aspekt der subjektiven Reflexion mit besonderer Aufmerksamkeit auf biographisches (Vor-) Wissen, angelegt sind. Bestehende Vorurteile und Klischees können mit Hilfe von Exkursionen sehr gut erkundet werden.

Der dritte wichtige Bereich, der in unsere Reflexion mit einbezogen werden muss, bezieht sich auf die Art und Weise unserer Annäherung an einen Ort. Die Frage, wie wir uns einem zu erkundenden Gegenstand nähern, muss ebenfalls Beachtung finden und in der Vorbereitung auf eine Exkursion möglichst gewissenhaft geklärt werden. Wir sind der Meinung, dass die Art und Weise, wie etwas gezeigt wird, einen starken Einfluss darauf ausübt, was gesehen wird. Wir können eigentlich gar nicht anders, als uns einem Ort mit einer Methode zu nähern. Die Reisefreudigen unter unseren Lesern wissen, was das bedeutet: Vor Reiseantritt werden Reiseführer gewälzt und im Internet recherchiert, die Prospekte aus dem Reisebüro werden aufmerksam gelesen und so entsteht nach und nach ein ganz bestimmtes Bild in unserem Kopf. Sind wir dann am Reiseziel angelangt staunen wir (meist in negativem Sinne) über das, was uns der Reiseprospekt nicht gezeigt hat.

Unserer Ansicht nach, ist über eine Exkursionspraxis, die über die Form der historischen Stadtführung oder auch des noch aus der Schule bekannten Klassenausfluges hinausgeht, bislang zu wenig nachgedacht worden. Aus diesem Grund haben wir ein Modell entwickelt, welches uns dabei behilflich sein soll, über Exkursionen in einer strukturierten Art und Weise nachzudenken, gemachte Erfahrungen einzuordnen und damit besser vergleichen zu können, sowie neue Experimente zu entwickeln. Anhand dieses „Drei-Ebenen-Modells“ wird deutlich, dass sich ein Erkenntnisinteresse nicht ausschließlich auf das zu erkundende WAS richten kann. Die Dinge, die wir uns ansehen, die Orte, die wir besuchen, sind nur ein einzelner Baustein in diesem „Erkenntnis-Puzzle.“ Wir müssen eben auch danach fragen, WER mit welcher Absicht in die Welt hinausgeht und WIE dies geschieht.

Aus diesen Überlegungen folgt weiter, dass nun auch Exkursionen zu den anderen „Bausteinen“ denkbar werden (im Schaubild ist dies mit den Fragezeichen markiert). Wenn der Ort, das zu erkundende „Objekt“, nicht mehr das einzig Wichtige ist, über das sich etwas lernen lassen kann, dann müssen auch Exkursionen mit anderer Schwerpunktsetzung möglich sein. Auf Exkursionen begegnen wir nicht nur „Objekten“, die wir uns anschauen (können), sondern auch anderen Menschen und nicht zuletzt uns selbst.

In den Bereich der nötigen grundsätzlichen Überlegungen gehört auch eine begriffliche Klärung dessen, was mit „erkunden“ gemeint ist. Das Erkunden ist dabei nicht zu verwechseln mit dem Entdecken. „Entdeckung“ ist eng verwandt mit „Auf-deckung“ – von etwas bereits Vorhandenem, das zuvor nicht gesehen wurde (oder gesehen werden konnte), wird metaphorisch die Abdeckung genommen und so für uns sichtbar.

Anders verhält es sich mit dem Begriff der Erkundung. Die „Kunde“ ist in unserem Sprachgebrauch verwandt mit „kennen“ und „künden“. Mit einer Erkundung wird der Aufmerksamkeitsschwerpunkt also einerseits auf ein Erkennen und andererseits, sozusagen als zweite Bewegung, auf ein Mitteilen gelegt. Das „Kennen-lernen“, das in diesem Begriff ebenso mitschwingt, muss dabei eben nicht ausschließlich auf ein äußerlich gegebenes WAS gerichtet sein. Die Erkundung, im Sinne des Erkennens und Kennenlernens, kann sich auch auf denjenigen beziehen, der erkennt, sowie auf die Art und Weise, wie erkannt wird.

In Allgemeinen wird unter „Erkunden“ meist das Sammeln und Aufbereiten von Daten und Informationen verstanden, die dann helfen sollen, eine bestimmte Lage oder Situation einzuschätzen. Historisch kommt der Begriff schließlich aus dem militärischen Bereich und bezeichnet hier eine Aufklärungsarbeit. Hier scheint es, dass die Erkundung zentral mit der Idee einer (Auf-)Klärung verbunden ist. Dies verweist darauf, dass die Bewegung der Erkundung zwar zur (Auf-)Klärung eines Sachverhaltes oder einer Situation dienlich sein kann, sie aber, anders als die Entdeckung, nicht für sich in Anspruch nimmt, eine bereits vorhandene „objektive Wirklichkeit“ lediglich aufzudecken, die aus welchen Gründen auch immer, bisher verdeckt geblieben ist.

Mit Hilfe des Begriffs der Erkundung kann im näher zu bestimmenden Rahmen dessen, was mit EXKURSION bezeichnet werden soll, also im Sinne einer vorsichtigen Annäherung, sowohl eine Art Lageeinschätzung erfolgen (Aufklärung), als auch eine Zusammenstellung, Aufbereitung und Mitteilung von Informationen. Dabei ist zu beachten – und stets zu reflektieren – dass es sich eben um Informationen handelt und nicht um „auf-gedeckte“ objektive Fakten. Auch mit einer reflektierten, methodischen und konzeptionell untermauerten Exkursionspraxis, wie wir sie anstreben, kann die Welt nicht abgebildet werden, wie sie „wirklich“ ist. Eine solche Praxis kann uns aber helfen, die Welt, in der wir leben und unsere Eingebundenheit in diese Welt, etwas besser zu verstehen.

Andrea Gerhardt

ARBEITSFELDER DER GRUPPE EXPERIMENT EXKURSION KASSEL

Die Themenfelder, mit denen wir uns beschäftigen, sind so vielseitig und wechselnd, wie die personelle Zusammensetzung der GRUPPE. Dennoch lassen sich einige Kernbereiche angeben, die in unserer Auseinandersetzung mit Kassel und Umgebung eigentlich immer eine Rolle spielen.

Modernität – Um- und Neudeutungen von gebautem Raum

Die Moderne übt einen großen Einfluss auf die Gestaltungsweise unseres Alltags aus – auch in Bezug auf konkrete Raumbildungsprozesse. Artefakte der Moderne, in Form von gebautem; d.h. architektonisch gestaltetem Raum, sind integraler Bestandteil unserer Raumwahrnehmung. Ob Industriebrachen, die Umnutzungen ehemaliger Fabrikgebäude oder auch noch erhaltene Arbeitersiedlungen: Den architektonischen Relikten der Moderne begegnen wir überall im Stadtraum von Kassel. Die Um- und Neudeutungen dieser Flächen und Gebäude ist ein wichtiger Bestandteil einer versuchten Auseinandersetzung mit unserer alltäglichen räumlichen Umgebung. Die „Konzepte der Moderne“ müssen bewusst gemacht und gehalten werden, vor allem dann, wenn wir aktuelle Raumbildungsprozesse verstehen wollen. Zu diesen Konzepten und Ideen gehören vor allem die Rationalität und die Nützlichkeit.

Um sich einer Stadt wie Kassel verstehend nähern zu können, ist eine Auseinandersetzung mit deren Zerstörung und Wiederaufbau unabdingbar. Da der Wiederaufbau von Kassel erst in den 1950er Jahren richtig begann, finden sich in diesem Prozess eine ganze Reihe „moderner“ Aspekte verwirklicht, die vor allem mit der exkursionistischen Methode sehr gut erkundet werden können.

Neben den städtebaulichen „Übersetzungsversuchen“ moderner Konzeptionen, lassen sich auch mit Blick auf die Zusammensetzung der Bewohnerinnen und Bewohner neue Erkenntnisse gewinnen. Es sieht häufig so aus, als ließe sich Kassels Bevölkerung wie ein „Identitäten-Puzzle“ beschreiben. Neben den „alteingesessenen“ Bewohnerinnen und Bewohnern, die noch das Vorkriegskassel kannten und das neue Kassel als völlig andere Stadt erleben und beschreiben, wohnen hier auch viele, die als Flüchtlinge erst in das bereits zerstörte Kassel gekommen sind. Deren Blick auf die Stadt unterscheidet sich wiederum bedeutend von der Perspektive der Arbeiterinnen und Arbeiter, die in den 1960er und –70er Jahren in den großen Industriebetrieben Beschäftigung fanden und hier ansässig wurden. All diese Bezüge zur Stadt – und die Bedeutungszuweisungen und Inwertsetzungen unterschiedlicher „Milieus“ – können durch Begegnungen und Gespräche dazu beitragen, das Gesamtgebilde, welches wir „Kassel“ nennen, etwas besser zu verstehen.

Mein Kassel, dein Kassel, unser Kassel? - Lokale Identität, neue Nachbarschaften und Naturverbundenheit

Im Zuge der Auseinandersetzung mit lokalen und globalen Raumbildungsprozessen, kann am Beispiel von Kassel der Versuch der Herausbildung lokaler Identität(en) mit der zur gleichen Zeit beobachtbaren strukturellen Orientierung an der Idee einer künftigen „Weltgesellschaft“ vergleichend in Beziehung gesetzt werden. An dieser Stelle werden von der GRUPPE auch Fragen nach der Zukunft von „Stadt“ ganz allgemein angebunden. Was bedeutet zum Beispiel noch „Nachbarschaft“, wenn das für die Menschen relevante Bezugssystem eine virtuelle Internetcomunity ist? Ist die „Stadt“ künftig vielleicht nur noch die Bereitstellung bloßer Infrastruktur und darüber hinaus eher eine „Behinderung“?

Wir verbinden mit unseren Exkursionen konkret Themen wie Nachbarschaft, Lebensqualität und Wohnqualität. Im Themenfeld „Nachbarschaft“ lässt sich beispielsweise die Fragilität von Privatheit zur Sprache bringen. Im Spannungsfeld zwischen „Lust und Frust“ bietet die funktionierende Nachbarschaft soziale Sicherheit und Zugehörigkeit, ein gestörtes Verhältnis allerdings die pure Ausgesetztheit des „Terrors“ von Nebenan. In allgemeinen Kontexten eher „unwichtige“ Themen bekommen in diesem sensiblen System oft eine besondere Bedeutung, wenn sich Betroffenheit, Hilflosigkeit oder verschiedene Interessen überlagern.

Ein besonderes Augenmerk liegt in diesem Themenkomplex für uns auch in der Erkundung des Verhältnisses der Kasselerinnen und Kasseler zur Natur. Die Vorgärten und Kleingartensiedlungen bilden für unsere Erkundungen sowohl ein Substrat von nachbarschaftlichen Verhältnissen, als auch ein Indiz für das, was unter „Wohnqualität“ verstanden wird und in den Gärten gestalterisch umgesetzt wird. Kassel wird oft als eine „grüne“ Stadt bezeichnet. Der Bergpark und die Aue sind aber nur die metaphorische Spitze des Eisberges. Sehr viel eindrücklicher vermag hingegen der Zustand von (privaten) Gärten und gemeinschaftlich genutzten Grünflächen in den einzelnen Stadtteilen ein Bild davon zu vermitteln, was es bedeuten kann, mitten in der Großstadt ein „Fleckchen Grün“ für sich beanspruchen zu können.

Exkursionsdidaktiken und Exkursionsexperimente – neue Zugangsweisen zu gewohnten Orten

Experimente mit der Ausgesetztheit und Verletzlichkeit menschlichen Lebens begleiten unsere Arbeit aber auch hinsichtlich der Entwicklung neuer Methoden für unsere Exkursionen. Immer wieder versuchen wir, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in für sie ungewohnte Situationen zu bringen, um die übliche Perspektive auf die Welt gerade genug verschieben zu können, damit der so sicher geglaubte feste Boden unter unseren Füßen samt seiner Konstruiertheit sichtbar werden kann. Mittelpunkt solcher Experimente ist die Erkundung des Verhältnisses zur Normalität und das Aufdecken impliziter und expliziter Erwartungen. Wir bewegen uns dabei im Spannungsfeld zwischen Konformität und Nonkonformität, um Mechanismen von Teilnahme und Abgrenzung sichtbar machen zu können.

Aus unserer Sicht bietet der Ansatz der „exkursionistischen Bildung“ eine echte Alternative zu rein kognitiv orientierten Klassenzimmer- und Schulpädagogiken. Ein erklärtes Ziel unserer Arbeit ist, neue Konzepte für den Schulunterricht zu entwickeln und auszuprobieren. Wir versuchen, eng mit Lehrerinnen und Lehrern zusammen zu arbeiten, um dem – ein wenig in Verruf geratenen – Wandertag wieder eine eigene didaktische Qualität zu verleihen. In Abgrenzung zur Klassenzimmer- und Schulpädagogik ergeben sich aus der Arbeit der GRUPPE Chancen für eine ganzheitliche Wahrnehmung und einer tatsächlichen „Begegnung mit dem Realobjekt“. Zudem werden die eigenen Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern mit unserem Ansatz als eine Grundlage für das Verstehen von Zusammenhängen ernst genommen.

Der „gewohnheitsmäßige“ Blick, in dem wir alle sozialisiert sind, lässt sich vor Ort sehr viel nachhaltiger irritieren als das im Klassenzimmer oder Seminarraum möglich wäre. Zudem erforschen wir Exkursionen als Sozialformen – der Einfluss von sozialen Dynamiken und Gruppenbildungsprozessen auf individuelle Lernprozesse ist noch weitestgehend unbekannt.

Abkehr vom „touristischen“ Blick

Indem wir auf unseren Exkursionen touristische Highlights stets mit kritischer Distanz besichtigen und die Produktionsstrategien von touristischen Konzeptionen aufdecken, wird immer wieder sichtbar, dass Orte keine Kulissen sind, die lediglich konsumiert werden können. Die Exkursions-Experimente der GRUPPE richten sich tendenziell gegen eine Standardisierung und Reproduzierbarkeit von „Orten“. Dahinter steht die Beobachtung, dass die Tourismus-Industrie häufig damit befasst ist, Orten eine (konsumierbare) Warenform zu verleihen, um diese besser vermarkten zu können. Am „touristischen Blick“ reiben wir uns mit unseren Exkursionen gern und häufig. Während die Vermarktung von Stadt und Region heute für diese als (über-) lebensnotwendig gelten kann und der Tourismus für diese Vermarktung bestimmte „Merkpunkte“ mit Alleinstellungsmerkmalen setzen muss, will auch der Tourist die wichtigsten Attraktionen und Eindrücke „mitnehmen“. In vielen Exkursions-Experimenten werden gerade Orte thematisiert, die keinerlei touristische Attraktionskraft besitzen. Damit befassen wir uns häufig mit einer Neuentdeckung des bereits Bekannten und Gewohnten.

ABSCHNITT 1: DOCUMENTA-ERFAHRUNGEN

Die ersten Beiträge dieses Sammelbandes beschäftigen sich mit den Auseinandersetzungen der GRUPPE mit der „documenta-Stadt“ Kassel. Wir starten mit einer „Übersetzung“ der Leitmotive, die von der künstlerischen Leitung der documenta 12 herausgegeben wurden, für die exkursionistische Arbeit der GRUPPE.

Die eher theoretischen Erwägungen werden im Anschluss gleich mit einem Exkursions-Experiment illustriert. Die Sache mit Klaus war – im Vorfeld der documenta 12 – wirklich eine Sache für sich...

Auch die ‚Seilschaft’ hat direkt mit der documenta 12 zu tun, da die Bildung einer Hochgebirgsseilschaft in der Kasseler Innenstadt im Rahmen des Begleitprogramms der documenta 12 erfolgte. Die GRUPPE war nämlich während der Dauer der documenta zu einer der täglich abgehaltenen „Lunch Lectures“ in die documenta-Halle eingeladen worden. Und in diesem Rahmen haben wir dann zu einem Exkursionsexperiment eingeladen.

1.1 ANDREA GERHARDT: LEITMOTIVE DER DOCUMENTA 12 FEATURING GRUPPE EXPERIMENT EXKURSION KASSEL

Erstmals hat die künstlerische Leitung einer documenta in Kassel mit der Formulierung von „Leitmotiven“ für diese Ausstellung ein Gesprächsangebot für die Kasseler Zivilgesellschaft gemacht, welches den rein künstlerischen Kontext dieser Ausstellung deutlich überschreitet und in die Stadt hineinwirkt. Dieses Angebot soll im Folgenden von uns aufgenommen werden. Wir werden uns an einer „Übersetzung“ der von Roger M. Buergel formulierten Leitmotiven versuchen und aufzeigen, wie diese mit den innerhalb der GRUPPE behandelten Arbeitsfeldern und Themengebieten in Beziehung stehen.

Ist die Moderne unsere Antike?

Wie in dem Abschnitt „Arbeitsfelder der GRUPPE“ bereits beschrieben, bildet die Auseinandersetzung mit der Modernität einen Kernbereich der Arbeit der GRUPPE. Wenn nun gefragt wird, ob die Moderne unsere Antike ist, dann impliziert diese Frage unterschiedliche Haltungen und Herangehensweisen an die „typischen“ modernen Ausdrucksformen in der Architektur und der Stadtentwicklung. Wie bereits beschrieben, interessieren uns Industriebrachen, die Umnutzungen ehemaliger Fabrikgebäude oder auch noch erhaltene Arbeitersiedlungen sowieso schon: Und zu unserer Vergangenheit gehören sie auch – sind sie aber bereits „antik“? Wie passen die Ideen und Konzepte der Antike zu den „Konzepten der Moderne“1? Betreiben wir mit unseren Erkundungen eine Art Archäologie?

Nehmen wir die sozialräumliche Dimension in den Blick, dann ist zunächst zu bemerken, dass sich die Moderne durch zunehmende Auflösung sozialer Beziehungen und familiärer Bindungen auszeichnet. Wahrnehmungen verändern sich und Identitäten beginnen sich zu entkoppeln. Ist der Vergleich von Wahrnehmungen von alteingesessenen Bewohnerinnen und Bewohnern von Kassel und denjenigen, die nach Kassel in den verschiedenen Phasen migriert sind, heute schon „antik“ – im Sinne von überholt? Wenn wir die Moderne wie die Antike behandeln – heißt das, dass wir alles „musealisieren“? Klar ist, dass die großen Industriebetriebe im Kasseler Stadtgebiet heute nur noch als Relikte auftauchen und teilweise erhalten werden können, weil Platz für neue Museen benötigt wird.

Als „antik“ lassen sich eventuell auch die Kommunikationsformen bezeichnen, die wir erproben; das Forum und die freie Rede. Wenn die Moderne unsere Antike ist, dann bedeutet das vielleicht, dass diese kommunikativen Formen wieder modern sind.

Das bloße Leben?

Folgt man den Ausführungen von Roger M. Buergel, soll es in diesem Themenbereich um die „Verletzlichkeit“ und „Ausgesetztheit“ menschlichen Lebens gehen. Wir verbinden damit konkret Themen wie Nachbarschaft, Lebensqualität und Wohnqualität, wie oben bereits ausgeführt. Was aber ist das Leben bloß? Was macht das Leben bloß? – der Ausdruck „Das bloße Leben“, vor allem mit dem Fragezeichen, lässt alle möglichen Interpretationen zu. Sich eine Blöße geben – Nackt sein – Pur. Was ist das Leben, wenn man allen Schnickschnack weglässt?

Wie oben schon ausgeführt, verknüpfen wir dieses Leitmotiv mit einem Arbeitsfeld der GRUPPE und richten unsere Aufmerksamkeit vor allem auf die Erkundung des Verhältnisses der Kasslerinnen und Kassler zur Natur. Vorgärten, Kleingartensiedlungen, öffentliche Parks und Grünflächen, ja selbst das Straßen-Abstandsgrün lassen Rückschlüsse auf dieses elementare Verhältnis zu. Die „grüne“ Stadt Kassel gehört für alle hier zum „bloßen“ Leben mit dazu.

Die ungewohnten Situationen, in die wir uns selbst bei unseren Experimenten zu bringen versuchen, verweisen ebenso auf unsere Bereitschaft, uns mit dem „bloßen“ Leben auseinander zu setzen. In metaphorischer Hinsicht stehen wir häufig am Rande des Abgrundes und beobachten fasziniert, wie die bodenlose Tiefe zurückstarrt. Bewusst und mit spielerischer Leichtigkeit versuchen wir, die Gewissheiten zu erschüttern. Damit geben wir uns eine Blöße – wir entblößen, dass wir nicht alles wissen, dass wir nicht alles unter Kontrolle haben. Wir bewegen uns im Spannungsfeld zwischen Konformität und Nonkonformität, um Mechanismen von Teilnahme und Abgrenzung sichtbar machen zu können.

Bildung – Was tun?

Roger M. Buergel formuliert in seinen Ausführungen der Leitmotive zu diesem Punkt, dass in der ästhetischen Bildung die Hoffnung auf eine Alternative zum Akademismus einerseits und zum Warenfetischismus andererseits liege. Dies können wir aus unserer Perspektive lediglich umformulieren und behaupten, dass die „exkursionistische Bildung“ eine echte Alternative zu rein kognitiv orientierter Klassenzimmer- und Schuldidaktik bietet und sich kritisch mit dem Tourismus auseinandersetzt, der daran arbeitet, den Ort und die „lokale Besonderheit“ zu einer Ware zu machen.

Darüber hinaus fragen wir uns – nicht zuletzt als angehende Lehrerinnen und Lehrer – was genau wir tun können, um zu bilden. Es ist richtig und wichtig, dass wir uns selbst bilden. Lautet die Frage also „Bildung – was tun?“ ist unsere Antwort unter anderem „Mit offenen Augen da raus gehen!“

Zudem gilt es immer, den „gewohnheitsmäßigen“ Blick, in dem wir alle sozialisiert sind, möglichst nachhaltig zu irritieren. Dazu gehört auch, dass wir gezielt danach fragen, inwiefern unsere Gefühle und sinnlichen Wahrnehmungen in Erkenntnisse transformiert werden können.

Die Auseinandersetzung mit den Leitmotiven der documenta 12 brachte innerhalb der GRUPPE viele Diskussionen hervor und wir waren meist nicht sicher, ob die künstlerische Leitung allgemein und Roger Bürgel insbesondere, sich einen kleinen Scherz erlaubt hat. War das wirklich sein Ernst?! In der Rückschau lässt sich sagen, dass wir uns nur teilweise auf dieses Spiel eingelassen haben. Ja, die documenta ist für Kassel schon wichtig. Ja, okay, es war schmeichelhaft, dass wir im BEIRAT mit dabei sein durften. Auf diese Weise erhielten wir die Chance, international bekannte Künstlerinnen und Künstler kennen zu lernen. Einigen von ihnen durften wir sogar „unser“ Kassel zeigen! Als eine Gruppe, die aber fest im akademischen Betrieb verankert ist, kann man sich aber schlecht von jeglicher Form akademischer Bildung verabschieden. Das klappt einfach nicht. Der Hauptgrund ist, dass uns die Suche nach Erkenntnis antreibt. Bloßes (Er-)Leben reicht uns einfach nicht.

1 Roger M. Buergel fasst darunter z.B. „Identität“ und „Kultur“: vgl. www. documenta 12.de / leitmotive

1.2 MARTIN SCHARVOGEL / ANDREA GERHARDT: UND DANN WAR DA NOCH DIE SACHE MIT „KLAUS“...

Would you like to participate ...

Ja, wir wollten partizipieren. Ricardo Basbaum hatte da eine wundervolle Idee und wir erklärten uns bereit, für eine gewisse Zeit die „Patenschaft“ für eines seiner Objekte zu übernehmen. Da wir eine Exkursionsgruppe sind, war eigentlich auch schon von Beginn an klar, dass „unser“ Basbaum-Objekt mit auf Exkursion gehen sollte. Was lag näher, als dem hier in einer Kassler Lehrwerkstatt „geborenen“ Objekt, seine Heimat zu zeigen!? Nun hatte unsere GRUPPE also ein neues Mitglied. Als eine „Quasi-Person“ sollte es zunächst auch einen Namen bekommen. Das Ansprechen fällt so erheblich leichter. Wir entschieden uns schließlich für „Klaus“ – und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen sollte der Name unser Vorhaben mit dem Objekt widerspiegeln. Mit dem Begriff „Klaus“ lässt sich auf die lateinische Wurzel claustrum verweisen, was einen geschlossenen Raum bezeichnet, aber auch auf claudere – (ver-)schließen. In das Objekt wollten wir unsere Exkursionserfahrungen „einfüllen“ und es damit versehen, schließlich weitergeben. Ein weiterer Grund für die Namensgebung war, dass das Hochdruckgebiet über Deutschland, welches zur Zeit unserer Übernahme des Objektes herrschte, ebenfalls „Klaus“ genannt wurde – ein herrlich „geographischer“ Grund ...

Klaus musste einige Tage auf seinen ersten „Einsatz“ warten. Während dieser Zeit hat er für unsere GRUPPE viel Gesprächsstoff geliefert. So war beispielsweise auch eine Exkursion zum Hauptfriedhof geplant und wir diskutierten, ob man Klaus da wohl mitnehmen konnte. Würden sich die Leute auf dem Friedhof vielleicht durch dieses Objekt gestört fühlen? War es überhaupt „erlaubt“, Klaus dorthin mitzunehmen? Was würden wir sagen, wenn uns das Friedhofspersonal auffordern würde, mit dem Objekt diesen Ort zu verlassen? Konnte man mit Klaus die „Totenruhe“ stören?! – Wir haben die Entscheidung darüber, ob Klaus nun mit auf den Friedhof soll, schließlich verschoben. Zunächst stand eine Exkursion nach Lohfelden in das neue Gewerbegebiet an der Autobahn an. Die Frage, wie Klaus am besten zu transportieren sei, wurde ebenfalls im Vorfeld besprochen. Für unwegsames Gelände schien er nicht gerade geeignet zu sein – klar war, dass mindestens zwei Leute während der Exkursion mit Tragen vollauf beschäftigt sein würden. Also wurde eine Sackkarre organisiert, Klaus probehalber einmal um den Block gefahren und man kam zu dem Schluss, dass es das wohl tun würde.

Alles war für die erste Exkursion mit Klaus vorbereitet. Sogar ein Auto wurde extra ausgeliehen, denn die Beförderung von Klaus mit öffentlichen Verkehrsmitteln war bei künftigen Vorhaben sowieso unumgänglich und wir wollten es mal langsam angehen lassen.

Sie ahnen – oder wissen vielleicht bereits – was jetzt kommt: Klaus ist verschwunden, er ist weg, einfach so und das zu Beginn einer Reise, welche gerade erst begonnen hatte. Das ist tragisch. Hat man nicht mit der nötigen Sorgfalt auf ihn aufgepasst? Oder hat man seine öffentliche Bekanntheit unterschätzt?

Eine Verlustgeschichte

Es geschah es in Kassel am Sonntag, 1.10.2006 um 17.30 Uhr direkt vor dem ikea-Verkaufsgebäude, mitten im Gewerbegebiet. Für ein paar Minuten musste Klaus auf die Exkursionsgruppe warten, die pflichtbewusst den herrenlosen ikea-Einkaufswagen (der als Transportmittel für Klaus gedient hatte, nachdem die extra organisierte Sackkarre an ihre mechanischen Grenzen gestoßen und diese sogar überschritten hatte) an seinen angestammten Platz zurückbrachte.

Klaus mitsamt Transportmittel. Es sollte eine ereignisreiche Exkursion werden, doch es wurde eine tragische Verlustgeschichte... Aus diesem Grund ist dieses Foto auch das vermutlich letzte dieses Objektes.

Als die GRUPPE nach etwa zehn Minuten zurückkam, war das Entsetzen groß. Klaus war weg! – wie, Klaus war weg? – gibt’s doch gar nicht! – aber doch, ja, hier haben wir ihn zurückgelassen und jetzt ist er nicht mehr da! Klaus war weg. Einfach so. Hatte ihn die GRUPPE zu lang allein gelassen? Fühlte er sich verlassen und ist einfach gegangen?!?

Aufgeregtes Hin- und Herlaufen. Zwei potenzielle Augenzeugen wurden ermittelt. Jawoll, wir haben gesehen, dass ein Mann das Teil in seinen Wagen verfrachtet hat. Er war allein und hatte große Schwierigkeiten, das Ding in sein Auto zu bekommen. Erst versuchte er es mit dem Kofferraum, doch schließlich hat er diese Wanne auf die Rücksitzbank gelegt ... war das nicht so ein Kunst-Ding-Bums von der documenta?! – wir haben da so einen Bericht in der HNA gelesen .... Den Kidnapper beschreiben? Puh, das ist nicht so einfach, Sie wissen ja, wie das ist – so genau schaut man ja dann doch nicht hin ... Also, es war ein Mann, allein, schon etwas älter, glaube ich; ich glaube, mit grauen Haaren und einem Bart ... hatte er einen Bart? Personen beschreiben, das ist schwierig, wissen Sie.

Unter den Exkursionisten: Entsetzen, Ratlosigkeit. Aber auch Klarheit. Offene Fragen quälen uns und werden hin- und herdiskutiert: Wer hat Interesse an einer Art Blechwanne, welche weder funktional, noch von (auf den ersten Blick) ansprechender ästhetischer Qualität ist? Dazu in einem Gewerbegebiet, am Sonntag, in einer Sackgasse ... Es ist ja nicht so, dass hier Durchgangsverkehr herrschen würde! – wir müssen schon vorher mit Klaus gesehen worden sein. Der Kidnapper hat nur auf eine Gelegenheit gewartet; anders hätte die Zeit für eine solche Tat überhaupt nicht ausgereicht! Doch es hilft alles nichts. Klaus ist weg.

Tragisch ist, dass Klaus bereits von seinem ersten Exursionsgang nicht mehr zurückgekehrt ist. Es ist tragisch, da Klaus ein stetiger Begleiter verschiedener Exkursionsversuche sein sollte. Unsere Exkursions-Erfahrungen sollten sich in ihm anreichern. Angefüllt mit unterschiedlichen Erfahrungen, hätte er dann zu weiteren Abenteuern aufbrechen können. Nun konnte er nur wenige Erfahrungen sammeln.

Diese Geschichte erinnert an geographische Expeditionen, in denen Mensch und Materie oft den Unwegsamkeiten der Natur und denen fremder kultureller Praktiken ausgesetzt sind. Bekanntlich mussten viele Pioniere ihren Abenteuermut entweder mit humboldtschen Welterfolg, mit ihrer Gesundheit oder sogar ihrem Leben bezahlen. Klaus ist nun einer von ihnen. Auf unbekanntes Terrain hat er sich vorgewagt, wollte die Welt erkunden und – durch seine Erfahrungen reicher geworden – uns allen nach seiner Rückkehr von seinen Reisen berichten. Nun ist er ganz allein da draußen. Auf sich selbst gestellt, verlassen und einsam. Sein Verschwinden erinnert uns daran, dass es ein gefährliches Unterfangen bleibt, sich hinaus in die Welt zu begeben. Klaus ist eines der zahlreichen stummen Opfer geographischer Exkursionspraxis.

Eine weitere Frage ist, wieso diese Wanne wohl ein solches Interesse erzeugt. Warum diese Aufmerksamkeit? Klaus ist im weiteren Sinne auch ein Opfer der Medien. Denn erst die Medienberichte und die Fotos haben dafür gesorgt, dass Klaus (und mit ihm seine geklonten Brüder und Schwestern) solch eine exponierte Bekanntheit erreicht haben. Ohne die Medien wäre Klaus weitgehend unbekannt und wohl nur als ein merkwürdiges Teil Altblech erkannt worden (- in Zeiten exorbitanter Preise für Rohstoffe hätte das vielleicht aber schon als Grund für seine Entführung ausgereicht – wer weiß...?).

Klaus ist auch, so könnte man mit aller Vorsicht formulieren, ein Opfer des Kunstbetriebes. Nur durch die documenta und die Beziehung zu einem bekannten zeitgenössischen Künstler konnte die Wanne als ein über den Materialwert (von „Gebrauchswert“ kann schon gar nicht die Rede sein) hinausgehenden, symbolischen Wert erhalten. Nun ist Klaus selbst bekanntlich kein Kunstwerk; Klaus behauptet von sich nicht, Kunst zu sein. Das eigentliche Kunstwerk entsteht im Prozess, durch die Auseinandersetzung der Menschen mit dem Teil, indem sich rund um die Objekte Geschichten anlagern, Erfahrungen gemacht werden, Erfahrungen geteilt werden, indem seine Geschichten weitergetragen werden und von anderen Menschen (und manchmal auch von anderen Kulturen) weitergestrickt werden. Jede Gruppe und jede Kultur findet ihren eigenen Umgang mit Klaus und seinen Geschwistern. Aus der Zusammenstellung und Dokumentation dieser Umgangsweisen kreiert Ricardo Basbaum schließlich das, was dann Kunst ist. Die Geschichte von Klaus verstummt an dieser Stelle und möglicherweise wird seine weitere Geschichte eine anonyme sein, so anonym wie die Geschichte serieller Produkte meistens abläuft. Klaus ist normalisiert. Adieu Klaus, zurück bleibt deine kleine Geschichte.

1.3 MARTIN SCHARVOGEL UND KATHRIN ROST: EINE ‚SEILSCHAFT’ AUF EXKURSION – EINE UNVERTRAUTE BEGEGNUNG MIT VERTRAUTEN ORTEN

Im Sommer 2007 konnte in Kassel eine merkwürdige Gruppe beobachtet werden. Mit der linken Hand an ein Seil gebunden bewegten sich etwa 15 Menschen durch die Innenstadt.

Abbildung 1: ‚Seilschaft’ in Bewegung (Foto: Ulrike Sitte)

Die Passanten, die diesem seltsamen Trupp begegneten, hielten zumeist einen ‚Sicherheitsabstand’ ein und beäugten das Geschehen mit fragendem Gesichtsausdruck. Das Bild der aneinander gebundenen Menschen löste durchaus Irritationen aus. Was im städtischen Kontext als befremdlich wahrgenommen wird, ist im Hochgebirge ein durchaus vertrauter Anblick.

Abbildung 2: Seilschaften im Gebirge

Im Hochgebirge schließen sich Menschen zur Formation der Seilschaft zusammen, da diese den einzelnen Bergsteiger- oder Bergwanderer davor schützen soll, verloren zu gehen oder abzustürzen. Klinkt man sich in einen solchen Trupp ein, dann ist es notwendig, dass Alleingänge zugunsten des Gruppendenkens zurückgestellt werden. Abweichungen des Einzelnen sind in dieser Formation nur begrenzt möglich. Auf diese Weise wird durch den Zusammenschluss zur Seilschaft das Verhalten des Einzelnen im Hinblick auf den gemeinsamen Erfolg diszipliniert wie normiert. Diese geordnete Verbundenheit gibt der Seilschaft ihre Stärke, erfordert aber neben der Beschränkung der Entscheidungskraft des Einzelnen, dass das Verhalten der Gruppe in solch einer Situation des Aufeinanderangewiesenseins ausgehandelt wird.

Was hat eine Seilschaft in der Stadt verloren?2 Gletscherspalten drohen hier nicht und wenn doch, dann nur im übertragenen Sinne. Allerdings muss auch im Rahmen einer städtischen Seilschaft die Verständigung über Bewegungsrichtung und Bewegungsform ausgehandelt werden.

Die Implementierung einer Hochgebirgsseilschaft in die Kasseler Innenstadt erfolgte im Rahmen des Begleitprogramms der documenta 12. Die ‚Gruppe experiment exkursion Kassel’ war zu einer der täglich abgehaltenen Lunch Lectures in die documenta-Halle eingeladen worden. In dieser – frei übersetzt – ‚Lehrstunde zur mittäglichen Zeit’ haben wir, dem Anliegen der Gruppe konsequent folgend, zu einem Exkursionsexperiment eingeladen.

Das Szenario einer Exkursion in Form der Seilschaft ebenso wie das regnerische Sommerwetter forderten die TeilnehmerInnen heraus, denn die meisten kannten einander nicht. Das Zusammenfinden und Zusammenbinden machte es erforderlich, dass alle Exkursionsteilnehmer die Nähe zu unbekannten Personen zulassen mussten. Der Abstand zwischen den einzelnen TeilnehmerInnen betrug in etwa einen Meter und lag damit aus Sichtweise der Psychologie in der persönlichen Zone, die mit einer Distanz von 60 cm bis 120 cm bemessen wird. Da wir diese Nähe normaler Weise Freunden gewähren bzw. diesen Abstand zu näheren Bekannten einnehmen, erforderte bereits das Anseilen von den TeilnehmerInnen durchaus eine innere Bereitschaft.

Mit Schirmen und Regenjacken bewaffnet und an der linken Hand angeseilt, machte sich die Gruppe auf den Weg. Von der Exkursion, die ihren Ausgangspunkt an der documenta-Halle nahm, sollen hier exemplarisch zwei Stationen vorgestellt werden.

Der erste Anlaufpunkt war der Kasseler Friedrichsplatz. Wie sollte die Seilschaft diesem altehrwürdigen Platz mit dem imposanten Gebäude des Fridericianums begegnen? Eine Formation des Dreiecks und eines Vierecks wurde als Bewegungsform vorgeschlagen. Die Gruppe nahm die Geometrie des Platzes und die architektonische Klarheit des Fridericianums auf.

Abbildung 3: Die Gruppe in Dreiecksformation (Foto: K.R.)

Die Geometrie der Bewegungsform lässt sich sicherlich mit dem klassizistischen Bau in Beziehung setzen, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vom Architekten Simon Louis du Ry als eine symmetrische Dreiflügelanlage errichtet worden war. Auch die Gestalt der Platzanlage basierte ursprünglich auf geometrisch angelegten Wegen, Rasenflächen und Baumreihen.

Abbildung 4: Friedrichsplatz in Kassel; Planausschnitt von 17863

Nach einer mehr als 200jährigen wechselvollen Geschichte sind diese Geometrien noch bzw. wieder zu erkennen.4 Der Platz trägt wie jeder Ort seine Geschichte mit sich, gleichsam verbinden sich mit dem Ort Geschichten und Geschichte. Wenn die ExkursionsteilnehmerInnen eine Bewegungsform finden sollen, die ihre Auseinandersetzung mit der Anlage zeigt, dann gilt es über die verschiedenen Bedeutungszuschreibungen an den Platz zu kommunizieren. Je nachdem, was die ExkursionistInnen mit dem Ort in Beziehung setzen, werden andere Bewegungsformen zu finden sein, sei es das spaziergängerische Flanieren, die militärischen Paraden oder die formale Gestalt des Platzes. Im Verband der Seilschaft muss eine gemeinsame Bewegungsform ausgehandelt werden.