Was nun, Herr Doktor? - Viola Maybach - E-Book

Was nun, Herr Doktor? E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Dr. Valentin McGregor, allgemein nur ›Mac‹ genannt – oder, von seinen kleinen Patientinnen und Patienten und deren Eltern ›Dr. Mac‹ – schloss an diesem warmen Sonntagnachmittag die Tür der stillen Kinderarztpraxis auf, in der er seit einiger Zeit angestellt war. Seine Chefinnen waren Dr. Antonia Laurin und Dr. Maxi Böhler, die Praxis mitsamt den Menschen, die darin arbeiteten – es gehörte noch Carolin Suder dazu, die Praxisorganisatorin – war schon so etwas wie sein zweites Zuhause geworden. Nur ganz am Anfang hatten ihm die falschen Beschuldigungen eines kleinen Jungen zu schaffen gemacht, doch seit diese Geschichte hatte geklärt werden können, war er jeden einzelnen Tag gerne hierhergekommen, voller Vorfreude auf die Aufgaben, die sich ihm stellen würden. Er schätzte seine Kolleginnen und fühlte sich von ihnen geschätzt, und die Kinder, auch die, die von Antonia oder Maxi behandelt wurden, liebten ihn. Das lag nicht nur an seiner freundlichen und zugewandten Art, sondern auch daran, dass ein Teil des Blutes, das in seinen Adern floss, schottisch war, was die Kinder interessant fanden. Macs Vater Sean war stolzer Schotte, und er hatte seinen drei Söhnen diesen Stolz vermittelt. Alle drei spielten Dudelsack, trugen zu bestimmten Anlässen ihren Kilt, liebten schottischen Whisky und natürlich Schottland, wo sie ihre Urlaube am liebsten verbrachten. Sie waren, wie Sean manchmal lachend sagte, so etwas wie ›schottische Deutsche‹, während er sich selbst als ›deutschen Schotten‹ bezeichnete. Macs Mutter Ellen schüttelte immer nur den Kopf, wenn sie diese Reden hörte. Jedenfalls nutzte Mac sein schottisches Erbe vor allem dann, wenn es galt, ein krankes Kind abzulenken oder aufzuheitern. Oder auch, wenn er ihm einfach eine Freude machen wollte. Dann nahm er seinen Dudelsack, der im Sprechzimmer in Sichtweite stand, und spielte darauf eine muntere Melodie. An ganz besonderen Tagen zog er auch noch seinen Kilt an, der im Schrank hing und jederzeit zu Diensten war, wenn er gebraucht wurde, genauso wie der Dudelsack. Meistens erfüllte sich seine Hoffnung: Das eben noch weinende Kind vergaß seinen Schmerz ebenso wie seine Angst und betrachtete mit großen Augen den jungen Arzt, der einem verrückten Instrument ungewohnte Töne entlockte und manchmal dazu sogar noch ein paar Tanzschritte vollführte. Natürlich hörten auch die Kinder in den beiden anderen Sprechzimmern der Praxis, wenn Mac spielte, und so hatte er es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Besonders mutige Mädchen und Jungen, die ihn nicht einmal persönlich kannten, klopften schon mal an seine Sprechzimmertür und fragten ihn, ob er einmal etwas für sie spielen könne.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der neue Dr. Laurin – 106 –Was nun, Herr Doktor?

Unveröffentlichter Roman

Viola Maybach

Dr. Valentin McGregor, allgemein nur ›Mac‹ genannt – oder, von seinen kleinen Patientinnen und Patienten und deren Eltern ›Dr. Mac‹ – schloss an diesem warmen Sonntagnachmittag die Tür der stillen Kinderarztpraxis auf, in der er seit einiger Zeit angestellt war. Seine Chefinnen waren Dr. Antonia Laurin und Dr. Maxi Böhler, die Praxis mitsamt den Menschen, die darin arbeiteten – es gehörte noch Carolin Suder dazu, die Praxisorganisatorin – war schon so etwas wie sein zweites Zuhause geworden. Nur ganz am Anfang hatten ihm die falschen Beschuldigungen eines kleinen Jungen zu schaffen gemacht, doch seit diese Geschichte hatte geklärt werden können, war er jeden einzelnen Tag gerne hierhergekommen, voller Vorfreude auf die Aufgaben, die sich ihm stellen würden. Er schätzte seine Kolleginnen und fühlte sich von ihnen geschätzt, und die Kinder, auch die, die von Antonia oder Maxi behandelt wurden, liebten ihn.

Das lag nicht nur an seiner freundlichen und zugewandten Art, sondern auch daran, dass ein Teil des Blutes, das in seinen Adern floss, schottisch war, was die Kinder interessant fanden. Macs Vater Sean war stolzer Schotte, und er hatte seinen drei Söhnen diesen Stolz vermittelt. Alle drei spielten Dudelsack, trugen zu bestimmten Anlässen ihren Kilt, liebten schottischen Whisky und natürlich Schottland, wo sie ihre Urlaube am liebsten verbrachten. Sie waren, wie Sean manchmal lachend sagte, so etwas wie ›schottische Deutsche‹, während er sich selbst als ›deutschen Schotten‹ bezeichnete. Macs Mutter Ellen schüttelte immer nur den Kopf, wenn sie diese Reden hörte.

Jedenfalls nutzte Mac sein schottisches Erbe vor allem dann, wenn es galt, ein krankes Kind abzulenken oder aufzuheitern. Oder auch, wenn er ihm einfach eine Freude machen wollte. Dann nahm er seinen Dudelsack, der im Sprechzimmer in Sichtweite stand, und spielte darauf eine muntere Melodie. An ganz besonderen Tagen zog er auch noch seinen Kilt an, der im Schrank hing und jederzeit zu Diensten war, wenn er gebraucht wurde, genauso wie der Dudelsack. Meistens erfüllte sich seine Hoffnung: Das eben noch weinende Kind vergaß seinen Schmerz ebenso wie seine Angst und betrachtete mit großen Augen den jungen Arzt, der einem verrückten Instrument ungewohnte Töne entlockte und manchmal dazu sogar noch ein paar Tanzschritte vollführte.

Natürlich hörten auch die Kinder in den beiden anderen Sprechzimmern der Praxis, wenn Mac spielte, und so hatte er es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Besonders mutige Mädchen und Jungen, die ihn nicht einmal persönlich kannten, klopften schon mal an seine Sprechzimmertür und fragten ihn, ob er einmal etwas für sie spielen könne. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, erfüllte er ihnen die Bitte. Man konnte mit einigem Recht sagen, dass die Kinderarztpraxis, die schon vorher nicht über zu wenig Arbeit hatte klagen können, durch Mac noch einmal beliebter und bekannter geworden war.

Er schloss die Tür hinter sich und blieb erst einmal stehen. Es war das erste Mal seit vier Wochen, dass er diese Räume wieder betrat. Die Arbeit mit den Kindern hatte ihm gefehlt, seine Kolleginnen hatten ihm ebenfalls gefehlt, aber er war dennoch unfähig gewesen, hierherzukommen und seine Patientinnen und Patienten zu behandeln. Dabei wusste er, was er Antonia, Maxi und Carolin dadurch zugemutet hatte. Vier Wochen ohne ihn – das war garantiert die Hölle gewesen. Und auch jetzt noch traute er sich kein volles Arbeitspensum zu. Antonia hatte ihm vorgeschlagen, es vorerst mit halben Tagen zu versuchen, er hatte eingewilligt.

Vor vier Wochen hatte seine Frau Salome ihr Kind verloren – einen kleinen Jungen, der Salome und Mac ein halbes Jahr später zu Eltern gemacht hätte. Es war im Park passiert, sie hatte starke Blutungen bekommen und als sie in die Kayser-Klinik gebracht worden war, hatte niemand mehr etwas für sie tun können. An dem Tag war für sie beide eine Welt zusammengebrochen. Sie hatten sich so unbändig auf dieses Kind gefreut und direkt nach der Feststellung der Schwangerschaft geheiratet: Mac hatte unbedingt haben wollen, dass Salome, das Kind und er denselben Namen trugen. Zum Glück war sie einverstanden gewesen und hatte nicht etwa auf ihrem Namen bestanden …

Nun trauerten sie um dieses Kind, das noch kaum ein Kind gewesen war, aber es fühlte sich so an. Salome kam seltsamerweise besser mit dem Verlust klar als er. Sie hatte viel Blut verloren und war körperlich geschwächt gewesen, hatte aber schon bald wieder arbeiten wollen. »Ich werde sonst verrückt, Mac, ich muss mich ablenken, etwas Sinnvolles tun.«

Er hatte das nicht gekonnt. Ausgerechnet er, Mac, der jederzeit für gute Stimmung sorgen konnte und den so leicht nichts umwarf, hatte nicht mehr schlafen können, war ständig deprimiert und kraftlos gewesen, hatte seine sonst nie versiegende Zuversicht, dass sich schon alles zum Guten wenden würde, verloren. Schließlich hatte er eine Psychologin aufgesucht, die ihm eine Depression bescheinigt hatte. Es half ihm, mit ihr zu reden, es ging ihm auch etwas besser. Aber noch längst nicht gut.

Er schloss die Augen, ließ den vertrauten Geruch der Räume auf sich wirken. Ja, der Geruch war vertraut, aber alles andere kam ihm fremd vor, so leer und ruhig hatte er die Räume ja bislang nur selten erlebt. Er blieb noch ein paar Sekunden stehen, bevor er die Augen wieder öffnete und sich langsam auf den Weg zu seinem Sprechzimmer machte. Die Tür war nur angelehnt, vorsichtig stieß er sie weiter auf und erstarrte in dem Moment, da sein Blick auf seinen Schreibtisch fiel. Dort lagen große Stapel von Post und anderen Papieren, alles war fein säuberlich aufgeschichtet worden. Aber das war doch nicht möglich? Die Post erledigte in der Regel Carolin, sie bekamen Briefe nur zu Gesicht, wenn sie persönlich adressiert waren, was aber selten vorkam. Was also hatten diese Stapel zu bedeuten?

Sein Blick floh den Schreibtisch, wanderte weiter zum Dudelsack. Wieder musste er die Augen schließen, er bekam nur noch schlecht Luft. Aber die kurze Panikattacke verging zum Glück schnell. Er wartete jedoch noch, bis sein Atem wieder leichter floss. Erst dann öffnete er die Augen und näherte sich vorsichtig dem Schreibtisch. Zuerst sah er auf den Stapel an Papieren und erkannte augenblicklich, worum es sich handelte: Es waren Kinderzeichnungen, manche mit ungelenken Buchstaben versehen.

Das oberste Bild zeigte einen Mann mit einem Instrument, das eindeutig ein Dudelsack sein sollte. Daneben lag ein Kind auf einer Art Tisch, der wahrscheinlich eine Untersuchungsliege sein sollte und lächelte zum Dudelsackspieler hin.

Unter dem Bild standen in großen, schiefen Druckbuchstaben die Worte: »Komm bald wieder, Dr. Mac!«

Fassungslos ließ sich Mac auf seinen Schreibtischstuhl sinken, nahm Blatt für Blatt von dem Stapel, sah, was die Kinder für ihn gemalt und las, was sie ihm zu ihren Bildern geschrieben hatten, und er merkte erst, als Tränen auf die Blätter tropften, dass er weinte. Schließlich übermannten ihn seine Gefühle, er konnte nicht weitermachen und schlug beide Hände vors Gesicht. So hatte er seit Tagen nicht geweint – dabei weinte er viel seit jenem Unglückstag.

Er hatte Mühe, sich wieder zu beruhigen. Immer wieder stieg neues Schluchzen in ihm auf, immer wieder schossen ihm neue Tränen in die Augen. Als sein Handy klingelte, beschloss er, es zu überhören.

Doch als er sah, dass es Salome war, die ihn anrief, nahm er das Gespräch an. Vorher räusperte er sich kräftig. »Hallo, Salome«, sagte er und fand, dass er beinahe normal klang.

Aber Salome ließ sich nicht so leicht täuschen. »Ich stehe draußen vor der Tür eurer Praxis«, sagte sie. »Bist du gar nicht mehr drin?«

»Doch«, sagte er. »Ich … ich …« Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Sie würde sofort sehen, dass er geweint hatte – bislang hatte er seine Tränen fast immer vor ihr verbergen können. Er war ja tagsüber lange genug allein gewesen.

Doch seine Füße nahmen ihm die Entscheidung ab, denn sie trugen ihn ganz von selbst zur Tür. Er öffnete sie, und Salome trat ein. Sie sah sein Gesicht und umarmte ihn, ohne eine Frage zu stellen.

Er führte sie in sein Sprechzimmer und zeigte ihr die Bilder, die die Kinder für ihn gemalt hatten. »Die Briefe habe ich noch gar nicht angesehen. Ich … ich schaffe das nicht, Salome. Die Arbeit, meine ich. Ich kann doch nicht hier stehen und weinen, wenn ich mich um ein krankes Kind kümmern soll.«

»Du wirst nicht weinen, wenn du dich um jemanden kümmern musst«, erwiderte sie sanft. Dann setzte sie sich an seinen Schreibtisch und betrachtete die Zeichnungen und kleinen Botschaften, und wenig später war sie es, in deren Augen Tränen glitzerten.

»Das sind alles Botschaften der Liebe«, sagte sie leise. »Wie wundervoll, Mac. So viel Liebe und Vertrauen!«

»Aber ich weiß nicht, ob ich dem noch gerecht werden kann«, erwiderte er verzweifelt. »Ich bin nicht mehr der Arzt, der ich vor vier Wochen war, Salome.«

»Oh doch, der bist du immer noch. Und außerdem bist du jetzt noch ein Mann, der etwas Schlimmes erlebt hat und deshalb vielleicht sogar noch einfühlsamer ist als vorher.«

»Ich bereue, dass ich zugesagt habe, wieder zu arbeiten«, sagte Mac dumpf. »Ich werde eine Belastung für alle sein.«

Er sah auf, direkt in Salomes Augen und was er darin las, ließ ihn zusammenzucken. »Entschuldige bitte, ich … tue immer so, als wäre ich der Einzige, der etwas Schreckliches erlebt hat. Dabei hattest du nicht nur seelisch, sondern auch noch körperlich zu leiden.«

Sie stand auf, kam auf ihn zu und umarmte ihn erneut, ohne ein Wort zu sagen. Er erwiderte ihre Umarmung und hatte Mühe, weitere Tränen zurückzuhalten. Er war hierhergekommen, um den Schock, den er befürchtet hatte, schon heute zu erleben, nicht erst am nächsten Tag, wenn er herkam, um wieder in die Arbeit einzusteigen. Der Schock war schlimmer ausgefallen als erwartet, am liebsten hätte er Antonia angerufen, um ihr zu sagen, dass er noch mindestens eine weitere Woche zu Hause sein würde.

»Ich bin so müde, Salome«, sagte er leise. »Und ich habe Angst. Angst vor allem … vor dem Leben.«

»Ich weiß«, erwiderte sie. »Aber du musst keine Angst haben, denn du bist ja nicht allein. Komm, wir gehen jetzt nach Hause.«

Sie verließen die Praxis Hand in Hand, die Zeichnungen blieben auf dem Schreibtisch, ebenso wie die ungeöffneten Briefe. Mac fragte sich, ob er jemals die Kraft haben würde, sie zu öffnen und zu lesen.

In einer der benachbarten Straßen wurde gefeiert, ein Straßenfest. Musik, Gelächter, Stimmengewirr schallten von dort herüber. Sie achteten nicht darauf, sondern beeilten sich, den Klängen zu entkommen. Erst als vom Straßenfest nichts mehr zu hören war, gingen sie langsamer.

Mac merkte, wie er sich allmählich beruhigte, wie die Panik, die sich angesichts der Briefe und Zeichnungen auf seinem Schreibtisch in ihm ausgebreitet hatte, allmählich verging. Salome schien das zu spüren, denn sie drückte seine Hand.

Er erwiderte den Händedruck, was sie veranlasste, den Kopf zu heben und ihn anzulächeln. Es gelang ihm sogar, auch das Lächeln zu erwidern. Er hatte ihr, zu dem Verlust des Kindes, noch zusätzlichen Kummer bereitet. Daran musste er ab jetzt denken, wenn er wieder einmal von schwarzen Gedanken überfallen wurde.

*

Josefine Feininger war zufällig auf das Straßenfest geraten. Sie hatte lange geschlafen und für diesen Sonntag keinerlei Pläne gehabt, was sie sehr schön fand. Vielleicht würde sie sich später mit ihrer Freundin Mona Sänger treffen, vielleicht aber auch nicht. Sie hatte aufgeräumt und Wäsche gewaschen, was sie normalerweise am Samstag erledigte, aber das hatte dieses Mal nicht geklappt, also hatte sie es heute nachholen müssen.

Sie beschloss, Mona anzurufen und sie zu fragen, ob sie nicht kommen wollte. Die Stimmung war gut hier, es waren jede Menge Leute unterwegs, und viele Stände boten etwas zu essen an. Sie könnten es sich hier irgendwo gemütlich machen, was den Vorteil hätte, dass sie später nicht würde kochen müssen.

»Du hast da was verloren«, sagte eine Stimme neben ihr, als sie das Handy aus der Tasche gezogen hatte, um Mona anzurufen.

Sie sah den Mann, der sie angesprochen hatte, verdutzt an. Er musste in ihrem Alter sein – also zwanzig, einundzwanzig etwa. Er hatte dichte dunkelblonde Haare und blaue Augen, die sie jetzt freundlich anlächelten, genauso wie sein ziemlich breiter Mund.

»Hier«, sagte er und reichte ihr das Portemonnaie. »Das hast du mitsamt dem Handy aus deiner Tasche gezogen.«

»Mist«, sagte sie. »Das ist mir neulich schon mal passiert. Da habe ich mir geschworen, das Geld woanders unterzubringen, aber ich denke nicht immer dran.«

»Solltest du aber. Es sind ja nicht alle Leute so nett und geben dir dein Portemonnaie wieder. Gehen wir was trinken? Oder essen?«

Sie musste lachen. »Du meinst, ich bin dir eine Einladung schuldig, weil du mir nicht das Portemonnaie geklaut hast?«

Er lachte auch. »So ungefähr, ja. Also? Ich bin übrigens Severin.«

»Josefine.«

Er betrachtete sie aufmerksam. »Ja«, sagte er schließlich mit ernster Miene. »Genauso siehst du aus?«

»Was meinst du damit? Wie sehe ich aus?«

»Wie eine Josefine«, erklärte Severin. »So jedenfalls, wie ich mir eine Josefine immer vorgestellt habe. Du bist die Erste dieses Namens, die ich kennenlerne.« Er unterbrach sich. »Chinesisch oder vietnamesisch? Oder mexikanisch?«

»Vietnamesisch«, sagte Josefine.

»Dann hier entlang, bitte. Das beste vietnamesische Essen gibt es da vorn.«

»Woher weißt du das?«

Severin grinste. »Gestern schon probiert. Gestern warst du wohl noch nicht hier? Du wärst mir sonst aufgefallen.«

»Gestern hatte ich keine Zeit.« Josefine folgte Severin, der sich geschickt durch die ihnen entgegenkommenden Menschgruppen drängelte. Er war fast einen Kopf größer als sie und eigentlich nicht ihr Typ, sie fand dunkelhaarige Männer attraktiver, ihre bisherigen Freunde waren jedenfalls alle dunkelhaarig gewesen. Wobei … alle – wie das klang! Es waren erst zwei gewesen, und beide Beziehungen hatten nicht sehr lange gedauert. Sie war ein Mensch mit einem eigenen Kopf. Sie konnte es nicht leiden, wenn jemand versuchte, sie zu bevormunden, und das schien bei Männern ziemlich weit verbreitet zu sein. Ihre Freundinnen hatten ihr das bestätigt. Und Mona hatte sich zum Glück endlich von Nils getrennt, der ihr zum Schluss sogar die Kleidung hatte vorschreiben wollen. Unglaublich, wenn man mal etwas länger darüber nachdachte!