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Willy Bernheim, erfolgreicher Unternehmer in Augsburg-Pfersee, wird nach der Machtübernahme sofort enteignet und verfolgt. Er kann nach Frankreich fliehen und schließt sich nach Kriegsbeginn als „feindlicher Ausländer“ der Fremdenlegion an, um dem Internierungslager zu entgehen. Nach vielen Abenteuern kann er als Soldat der Division Leclerc ins befreite Paris einziehen und später in seine zerstörte Heimatstadt. Seine nach dem Krieg verfasste, ungewöhnlich uneitle und detailreiche Autobiografie wird jetzt von seinem Enkel Michael Bernheim erstmals veröffentlicht.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2024
Willy Bernheim, ein erfolgreicher Unternehmer in Augsburg-Pfersee, wird nach der Machtübernahme sofort enteignet und verfolgt. Er kann nach Frankreich fliehen und schließt sich nach Kriegsbeginn als „feindlicher Ausländer“ der Fremdenlegion an, um dem Internierungslager zu entgehen. Nach vielen Abenteuern kann er als Soldat der Division Leclerc ins befreite Paris einziehen und später in seine zerstörte Heimatstadt.
Seine nach dem Krieg verfasste, ungewöhnlich uneitle und detailreiche Autobiografie wird jetzt von seinem Enkel Michael Bernheim (im Bild auf dem Arm seines Großvaters, wahrscheinlich 1956) erstmals veröffentlicht.
Gedruckt mit Unterstützung von
Dr.Eugen Liedl Stiftung Rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts – Sitz Neusäß
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de abrufbar.
Bildnachweis Cover: © Michael Bernheim
Composing durch Lisa Schwenk
Bildnachweis Innenteil: © Michael Bernheim
Redaktion: Michael Friedrichs
Als Buch erhältlich unter ISBN 978-3-95786-348-5
E-Book-Erstellung: CPI GmbH, Leck
Das originale Typoskript findet sich als Digitalisat auf dem Portal BAVARIKON der Bayerischen Staatsbibliothek München.
© Wißner-Verlag, Augsburg 2023
www.wissner.com
Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zulässigen Fällen bedarf deshalb der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags.
Inhalt
GeleitwortProf. Dr. Klaus Wolf, Universität Augsburg
Der lange Weg zur VeröffentlichungMichael Bernheim
Erläuterungen zur TranskriptionMichael Friedrichs
Der Text des Typoskripts von Willy Bernheim
Fotos
Anmerkungen
Geleitwort des Mitherausgebers
Zeitzeugeninterviews und Egodokumente spielen als Quellen für die Zeitgeschichtsschreibung eine wichtige und im Sinne der Geschichtsdidaktik und der Vermittlung von Geschichte an breitere Bevölkerungskreise eine durchaus bedeutende Rolle. Wenn freilich Zeitzeugen für die Jahre 1933 bis 1945 immer weniger am Leben sind und damit orale oder filmische Formate künftig kaum mehr zu erwarten sind, gewinnen schriftliche Quellen und besonders tagebuchartige Egodokumente sowie Autobiographien an Bedeutung. Insbesondere wenn in derartigen Egodokumenten regional bekanntere Persönlichkeiten Zeugnis ablegen, kann vor Ort mit gesteigertem Interesse gerechnet werden. In diese Kategorie gehören etwa Victor Klemperers Dresdener Tagebücher ‚Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten‘ (1933–1945). Für das schwäbische Landjudentum und insbesondere das einstige „schwäbische Jerusalem“ Ichenhausen schuf Rafael Seligmann mit seiner autobiographischen Romantrilogie (erschienen 2019, 2020 und 2022) ein bewegendes Zeugnis des weitgehend verlorenen reichen jüdischen Lebens im bayerischen Schwaben. Hierher gehört jetzt die auch literarisch ambitionierte Autobiographie des Augsburgers Willy Bernheim. Sie ist nicht nur authentische Geschichtsquelle, die nun in kritischer Edition der Zeitgeschichtsforschung zur Verfügung steht, sondern auch ein Identifikationsangebot für Augsburg und Schwaben. Ähnlich wie die Tagebücher der Anne Frank liegt hier als denkbare Rezeptionsmöglichkeit nicht zuletzt eine glaubwürdige Schullektüre im Rahmen des Deutsch-, Geschichts-, Religions- oder Ethikunterrichts vor.
Prof.Dr.
Der lange Weg zur Veröffentlichung
Dass die Erinnerungen meines Großvaters überhaupt veröffentlicht werden können, ist ein Glücksfall.
Sicher hat mein Vater ab und zu von den Abenteuern seines Vaters Willy mit Stolz erzählt. Er hatte wohl schon als junger Mann die Memoiren gelesen; sie enthalten nämlich handschriftliche Anmerkungen von ihm. Sicher habe ich als Teenager gewusst, dass das Manuskript in einer Kiste auf dem Dachboden des elterlichen Hauses lagert. Auch hatte ich es als junger Mensch einmal gelesen, aber es war damals für mich der Bericht eines Fremden, obwohl ich meinen Großvater noch gekannt hatte. Außer dass mein Vater kurz vor seinem Tod dem unvergessenen Gernot Römer auf dessen Initiative hin Informationen für zwei Bücher gab, hat er aber nie aktiv Schritte unternommen, diese Erinnerungen der Nachwelt verfügbar zu machen, und sei es nur, dass er gegen Ende seines Lebens die zweihundert Seiten dünnes Papier mir zu treuen Händen übergeben hätte. Die Zeit war nicht reif dafür; sie hatte ihre eigenen Sorgen.
1996 lösten wir den Haushalt meiner Eltern im Augsburger Stadtteil Pfersee auf. Buchstäblich wenige Minuten bevor wir das Haus zum letzten Mal verließen, bemerkte meine Frau Susanne den altertümlichen Aktendeckel mit dem Manuskript, der mit einem von zwei Metalldornen durchstochenen Textilband verschlossenen war, am Boden liegend inmitten von anderen Dingen, die wohl in den Abfall wandern würden. Sie erkannte dessen Bedeutung und nahm es an sich.
Jahre später verbrachten meine Frau und ich einen verregneten Sonntagnachmittag in meinem Büro in der Basler Innenstadt, um Fotokopien des Originals anzufertigen als Geschenke für meine beiden Geschwister. Wieder Jahre später, initiiert durch meinen Mitherausgeber Michael Friedrichs, entstand eine korrekte Abschrift in Form eines Word-Dokuments. Beides half sicher, einen völligen Verlust des Textes zu verhindern.
Der endgültige Durchbruch kam so: Im Sommer 2022 hatte meine Frau für uns beide die Teilnahme an einem Literaturseminar von Professor Klaus Wolf im Bildungswerk in Irsee gebucht. In den allerletzten Minuten der Veranstaltung, am Sonntag um kurz vor zwölf Uhr mittags stellte ein Teilnehmer die Frage, ob es in Bayern auch jüdische Literatur gebe. Herr Wolf nannte einige Beispiele und sagte, dass es außer veröffentlichten Werken immer noch ungehobene Schätze, etwa Zeitzeugenberichte aus der Nazizeit gäbe. Nach dem offiziellen Schluss der Veranstaltung erzählte ich ihm von meinen jüdischen Wurzeln und von dem Manuskript. Er war sofort begeistert.
Im Zuge dieses Veröffentlichungsprojekts habe ich die Memoiren meines Großvaters wieder gelesen, langsam und aufmerksam, fünfzig Jahre nach dem ersten Mal und um mehrere Jahre Erforschung des Schicksals der Augsburger Juden reicher. Jetzt hat mich seine Geschichte tief beeindruckt. Er hat als junger Mann schon viel erreicht und viel besessen, und er hat alles verloren, außer dem Leben. Aber er hat sich nicht beklagt. Es war ihm gegeben, so oft es ging, die abenteuerlichen und interessanten Momente seines Schicksals wahrzunehmen.
Wir werden wohl nie erfahren, wann genau er seine Erinnerungen zu Papier gebracht hat, ob bald nach Kriegsende oder erst später. Die Genauigkeit im Detail lässt vermuten, dass er ein Tagebuch geführt hat. Ein solches ist nicht erhalten. So oder so, seine Genauigkeit ist bewundernswert, ebenso seine Offenheit, mit der er auch eigene Schwächen und Probleme benennt, und vor allem seine schier unerschöpfliche Energie, mit der er unsägliche Probleme überwunden hat, aus der Überzeugung heraus, dass das Hitler-System nur durch persönlichen Einsatz seiner Gegner gestürzt werden kann.
Dass die Erinnerungen von Willy Bernheim nun als Buch erscheinen können, ist wie schon gesagt ein Glücksfall. Und die Bernheims verdanken es meiner Frau Susanne, die das Manuskript gerettet hat, und meinen Mitherausgebern, die mich überzeugt haben, dass das, was mein Großvater erlebt hat, erzählenswert ist. Die jüngsten Ereignisse in Israel, Palästina und Deutschland bestätigen das.
Michael Bernheim
Erläuterungen zur Transkription
Das für die Edition benutzte Original liegt in Form von mit Schreibmaschine meist einseitig beschriebenen Blättern vor. Dabei sind Blatt 1 bis 93 auf Schreibmaschinenpapier, die weiteren Seiten sind Durchschläge auf dünnerem Papier.
Der Text wurde von Willy Bernheim in anscheinend mehreren Arbeitsgängen handschriftlich durchkorrigiert. Auch zwei Korrekturhinweise von anderer Hand sind erkennbar, sie stammen nach dem Urteil von Michael Bernheim von seinem Vater Erhard Bernheim, Willy Bernheims älterem Sohn.
Der Text wurde zunächst von Julia Cornelissen als Datei erfasst. Die ursprüngliche Seitenzahl ist jeweils am Seitenanfang mit eingegeben; Einfügungen am Rand oder auf der Blattrückseite wurden markiert, ebenso gelegentliche Verweise auf eine spätere Seite.
Um die Überarbeitungen des Typoskripts komplett nachvollziehbar zu machen, wurden in einem zweiten Arbeitsgang sämtliche Einfügungen und Streichungen als Anmerkungen eingegeben. Nicht berücksichtigt wurden hierbei Ausstreichungen per Schreibmaschine mit „x“, die offenbar schon während des Tippvorgangs erfolgten.
Vermutlich wurde eine französische Schreibmaschine benutzt, die keine Umlaute und kein „ß“ hatte. Wir haben „ae – oe – ue“ der besseren Lesbarkeit wegen geändert in „ä – ö – ü“. Die Schreibung „ss“ wurde beibehalten, auch da, wo nach damaligen und/oder heutigen Regeln in Deutschland ein „ß“ stehen sollte; in handschriftlichen Eintragungen findet sich bisweilen „ß“. Einfache Tippfehler (die sehr selten sind) wurden stillschweigend korrigiert.
Schwieriger war der Umgang mit manchmal abweichender Schreibung von Ortsnamen (z.B. „Dauphinssquare“, S. /111/) und einigen Personennamen (z.B. „Försteraffaire“, S. /157/, laut Wikipedia Günter Freiherr von Forstner, s.v. Zabern-Affäre). Wo die gebräuchliche Schreibung zu ermitteln war, haben wir sie verwendet und die Schreibung im Typoskript als Anmerkung eingegeben (vgl. den Londoner Dolphin Square, im Typoskript S. /111/Dauphinssquare). Nicht mehr allgemein bekannte französische Begriffe wie „Boche“ S. /28/ wurden in einer Anmerkung erläutert.
Einige Varianten gegenüber der Standardsprache entstanden offenbar dadurch, dass Willy Bernheims Erlebnisse überwiegend in einem französischsprachigen Umfeld stattfanden. Diese Schreibweisen wurden, da gut verständlich, übernommen. So nennt er das bekannte amerikanische Militärfahrzeug nennt er fast immer „die Jeep“, wie eben im Französischen Kraftfahrzeuge feminin sind. Ähnlich nennt er einen LKW oft „die Maschine“, was wohl dem damaligen französischen Sprachgebrauch entspricht. Diese persönlichen Eigenheiten, die auf die Entstehungsumstände verweisen und von denen wir nicht wissen können, wie weit sie dem Autor unterlaufen oder seine Absicht sind, wurden in der Abschrift beibehalten.
Auf die Erläuterung weitergehender historischer Hintergründe haben wir verzichtet. Viele Informationen sind heute einfach im Internet zu finden, teils zuverlässig, teils interessegeleitet.
Michael Friedrichs
Der Text des Typoskripts von Willy Bernheim
/1/ Das war also die letzte Nacht. Der Abschluss von 25Monaten Gefängnis. Ich lag auf einer Pritsche in einem kleinen nackten Raum und wartete auf den Moment an dem ich um 4Uhr früh1 entlassen werden sollte. Ich erinnere mich noch deutlich, dass ich keine grossartige Freude oder Sensation über meine bevorstehende Befreiung empfand, eigentlich nur froh war, dass ich die letzte und schwerste Klippe des Abtransports in das Konzentrationslager Dachau umschifft hatte. Es war nämlich üblich, dass die meisten Strafgefangenen, vor allem Juden,2 und auch3 politisch links eingestellte Menschen, zwangsläufig im Anschluss an die kleinsten4 Strafen in ein5 Konzentrationslager überführt wurden, da man es der arischen Bevölkerung schlechterdings nicht zumuten konnte, wie die Diktion lautete, dieselbe Luft einzuatmen, wie vorbestrafte „Untermenschen.“
Ich konnte nicht schlafen und mein Leben zog an mir vorbei, angefangen von meiner frühesten Kindheit. Ich sah mein Elternhaus6. Ich sah die7 Ehe zwischen einer weichen, sensiblen Frau, der ich wohl mein geistiges und charakterliches Erbe verdanke, und einem braven unkomplizierten Vater. Wir lebten immer in geräumigen, bürgerlichen Wohnungen. Der finanzielle Hintergrund war eine kleine Fabrik, gegründet von meinem Grossvater. Ich erinner8e mich an die Spiele mit meinen9 zwei Brüdern und Vettern,10 an die Volksschule, das Gymnasium, die ersten Flirts, unsere Sommerfrischen meist in der Schweiz wie das damals Mode war, kurz an das gleichmässige und von keiner Erschütterung getrübte Leben einer israelitischen Familie in Deutschland vor dem ersten Weltkriege. Den Begriff, bzw. den Namen Juden gab es damals nicht, höchstens wenn uns irgendein Schulkamerad der bei einem Streit den kürzeren zog, in seiner Wut „Saujud“11 nachrief. Wären wir drei12 Buben nicht13/2/ zwangsweise in die Synagoge zu gehen veranlasst worden, bei14 uns zuhause hätten wir keinerlei Eindrücke des Judentums empfangen.
Da kam der Weltkrieg, der uns in irgendeinem Gebirgsdorf in dem wir zur Sommerfrische waren, überraschte. Alles kehrte in überstürzter Hast heim und für uns Jungen begann die grosse Zeit der Extra-Blätter und der deutschen Siege, schulfrei, F15ahnen geschmückte ausziehende Regimenter. Dieser Taumel erfasste mich aufs Tiefste.16 Vielleicht war es auch der Versuch der Unterdrückung17 eines Minderwertigkeitsgefühles oder der Flucht aus einer Sonderstellung, die ich auf das unangenehmste empfand wenn wir z.B. an einem jüdischen Feiertag die Synagoge verliessen und die Blicke der Mitbürger erstaunt oder geringschätzig auf uns ruhen fühlte, oder wenn ich bei Beginn des christlichen Religionsunterrichts18 den Klassenraum verlassen musste.19
Der grösste Teil des Vermögens meines Vaters verwandelte sich damals in Kriegsanleihe, der Trauring, die Uhrenkette verschwanden und an ihre Stelle trat Ersatz mit dem Stempel: „Gold gab ich für Eisen“. Ich war knapp 17Jahre, als ich im Oktober 1917 mit allem Ungestüm von meinem Vater die Erlaubnis erzwang, als Kriegsfreiwilliger in die deutsche Armee einzutreten. Es folgten zunächst 6Monate Ausbildung bei der von mir gewählten Gebirgsartillerie im bayrischen Allgäu und Ausmarsch ins Feld im Mai 1918. Man20 hatte die Wahl, entweder nach Finnland zur Gebirgsartillerie zu gehen, oder zu den Infanterie-Grabenbatterien an die Westfront. Aus Ehrgeiz und Gründen der raschen Beförderung, wählte ich letzteres. Eine Umschulung und Felddepot-Ausbildung für diese Waffenart und ein beginnender Offiziers-Kurs21 bewirkten, daß mich der Waffenstillstand überraschte u.22 dass ich die Front damals nur aus 5km. Distanz sah. Trotzdem erinnere ich mich noch des ungeheuren Eindrucks den damals, besonders nachts, diese brüllende Feuerlinie auf mich machte. Ich hörte und sah nichts was in Deutschland vorging, bis der23 Instruktionschef uns zusammenrief und uns über den Zusammenbruch Deutschlands, an dem zur Hauptsache die Juden Schuld seien, orientierte. Ich erinnerte24 mich an den Rück- /3/ marsch, bei dem wir 10Tage lang bis zu 50km. pro Tag zu Fuss gehen mussten, an das25 Wiedersehen mit den Eltern nach26 meiner Demobilisation,27 Weihnachten 1918. Mein Bruder, der als Infantrist an der Westfront stand, war damals im Lazarett, wo er sich langsam von einer Gasvergiftung28 erholte.
Es folgte29 meine Studienzeit, zuerst im Bankfach, während mein Bruder Chemie studierte, bis ich umsatteln30 musste, weil mein Bruder sich entschloss, Landwirt zu werden und ich mich der Chemie widmen musste.
Ich kam 1922 von meinen Studien in meine Vaterstadt zurück und trat in die väterliche Fabrik ein. Im Jahre 1919 lernte ich meine31 Frau kennen, sie war32 damals noch nicht einmal 17 Jahre alt33. Sie34 war die Tochter eines über meine Vaterstadt weit hinaus bekannten arischen Industriellen, Korps-Student und Hugenberganhänger. Auch hier führte ich den stets mir vorschwebenden Gedanken der jüdischen Assimilation in vollem Umfang und voller Konsequenz durch. Nach schweren Kämpfen in der Familie meiner späteren Frau, nicht in meiner, glückte es uns im Jahre 1922 die Widerstände zu überwinden und die Genehmigung der Eheschliessung zu erhalten. Unsere Trauung fand kirchlich statt.35 Um einerseits die geringsten Schwierigkeiten der Kinder halber in der Ehe zu vermeiden und auch den letzten Schritt der Angleichung36 zu tun, liess ich mich vorher37 taufen.38 Wie glücklich war ich, dass ich am Ziel meiner Liebe und auch gleichzeitig am Ziel meines damaligen Ehrgeizes einer39 gesellschaftlichen Stellung war.
Der40 damals bereits beginnenden41 antisemitischen42 Welle, die bis zu angeklebten Hetzzetteln in der ganzen Stadt führte, schenkte43 ich keine44 Bedeutung, da ich geradezu eingekapselt und in der egoistischsten Weise mich nur mit meinem eigenen Schicksal und dessen Entwicklung befasste. Die Fabrik nahm einen guten und raschen Aufschwung und führte zur Gründung45 einer Reihe von Tochtergesellschaften im Ausland. Der steigende Umsatz und die rasche Vergrösserung erzwangen lange Reisen und Abwesenheit von zu Hause und so stand ich eines Tages vor46 einer weit zurückdatierenden Entfrem- /4/ dung in meiner Ehe, die schliesslich zu einer unüberbrückbaren Kluft wurde.47 Wir passten48 nicht zusammen. Meine Frau war die erste Frau in meinem Leben49, ich war zu weich, zu sentimental, und meine Frau, eine starke Veranlagung von Vaters Seite her. Sie50 hätte um sich folgerichtig entwickeln zu können, einer starken männlichen51 Führung bedurft. Trotzdem die Ehe in ihrem ganzen Umfang in die Brüche ging, blieben wir als52 Kameraden beieinander, wenn auch der Übergang in diesen Zustand mit viel unliebsamen Erörterungen und Tränen verbunden war. Dass die beiderseitigen Eltern dieser Entwicklung mit grosser Betrübnis zusehen mussten, war selbstverständlich. Der Ehe entsprangen zwei Söhne, ein Sohn im ersten Jahr53 der Ehe geboren, der II.54 neun (Anmerkung MB: es waren acht Jahre, 1923-1931) Jahre später,55 ein Versuch, das gebrochene Glück zu „kitten“.
Ich begann allmählich in unserer Firma die führende Kraft zu werden und die erzielten Erfolge liessen meinen Vater und meinen Onkel, den Bruder meiner Mutter, ihre Pflicht vergessen, mich56 zu leiten57. So entwickelte ich mich in den Jahren bis 1933 zu einem geschäftlich selbstherrlichen Despoten. 1932 trat mein Onkel aus der Firma aus und siedelte sich im Ausland an. Die von ihm bis dahin noch58 geführte Finanzwirtschaft der Gesellschaft übernahm nun ich zu allem übrigen.
So vergingen die 10Jahre einer59 Tätigkeit bis 193360, ausgefüllt von Arbeit und privatem Leben, das sich in einem grossen Haushalt mit Automobil, Pferden und grossen Reisen etc. erschöpfte61. 62Leider starb mein zweiter Bruder63 an einer nicht rechtzeitig erkannten Nasen-Diphtherie. /5/
Ich erlebte64 den Januar 1933 mit all seinen umwälzenden Geschehnissen und ich ahnte damals nicht, wie nah mein persönliches Unglück und65 Sturz war. Am 5.Februar erhielten wir Besuch der Beamten des Landesfinanzamtes, die auf Grund unserer grossen66 Verbindungen mit dem Ausland die Finanzgebarung der Gesellschaft zu kontrollieren hatten. Unter Mitnahme des einschlägigen67 Aktenmaterials verliessen die Herren die Bureauräume.
Am 22.Februar, als ich mittags68 von einer Reise nach Hause kam, wurde ich verhaftet unter dem Verdacht69 Devisenverbrechens. Ich weiss, wie sehr meine Gedanken sich in dieser letzten Nacht in der Zelle wehrten, sich mit diesen furchtbaren Schlägen zu befassen, die damals auf mich niederfielen, diese Zwangsbilder bemächtigten sich meiner jedoch70 in einer solchen Wucht, dass ich all diese schrecklichen71 Tage72, Wochen und Monate73 noch einmal mit aller Intensität erlebte bis74 jener75 Zeitpunkt eintrat76 an dem allmählich auch in dem77 furchtbaren Milieu des G78efängnisses die Gewohnheit zu einem lindernden Moment dieser79 Qualen wurde. Ich musste, auf das Polizeipräsidium geführt, meine Taschen entleeren und wurde zum ersten Mal80 einem mit allen Abzeichen der Partei dekorierten Beamten gegenübergestellt, der sich sofort in den wüstesten Ausfällen von Volksschädling, Genickbrechen und derlei81 Äusserungen erging. Ich lehnte ab, mich von ihm verhören zu lassen und beanspruchte richterliche Einvernehmung. Ich wurde in das Justizgebäude geführt und wir mussten bis 8Uhr abends auf den Richter warten, der auswärtig war. Heute noch, nach 1382 Jahren, erschüttert mich die Erinnerung die ich empfand als ich durch ein83 Fenster84 im Justizgebäude mein Haus von weitem sah, in dem ich meine Frau und meine Kinder wusste. Der Richter kam, das Verhör dauerte bis 10Uhr. Ich weiss, dass der Richter sich den nationalsozialistischen Beamten gegenüber weigern wollte85, den Haftbefehl aufrecht zu erhalten, der vorlag. Trotzdem wurde ich86 gegen 11Uhr von einem Polizei87beamten durch die dunklen Strassen meiner Vaterstadt geführt und in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert. /6/
Ich musste mich einer körperlichen Untersuchung unterwerfen. I88rgendwo in einem kalten Gang89 wurde eine Zellentür aufgesperrt, in der ein junger Mann auf einer Pritsche lag. Es war ein neunzehnjähriger Mörder, der in eine Gemeinschaftszelle verlegt90 wurde, und ich nahm seinen Platz ein. Die Tür wurde geschlossen und ich war allein. Trotzdem ich bis zu Tode erschöpft war, verhinderten diese jagenden Gedanken den Schlaf. Gegen Morgen fiel ich für wenige Stunden erschöpft auf mein Lager. Das grauenhafte Erwachen, die folgenden Tage, die Verhöre, der ganze Staatsapparat der91 sich auf mich stürzte, alles musste ich noch einmal durchkosten. Ich sah die Besuche meiner Angehörigen, besonders meiner verzweifelten Mutter und meiner ebenso unglücklichen Frau, in der durch den Schicksalsschlag die ursprüngliche Liebe wieder zu mir durchbrach, ich sah vor allem wieder jenen Augenblick, in dem der eine der höheren Beamten lügnerischerweise92 mir erklärte, er hätte jetzt auch93 meine Frau verhaftet, um mich durch diese seelische Qual zu einem Geständnis zu bringen. Ich hatte aber keines zu machen, da man in der Hauptanschuldigung einem Phantom nachlief. Die Sachlage war kurz die: Unsere94 ausländischen Fabriken, ausnahmslos Aktiengesellschaften, verteilten keine Dividenden und admassierten das Kapital. Das wurde als Vergehen gegen die Devisengesetze insofern ausgelegt, als die Tochter95gesellschaften96 verpflichtet gewesen wären97 die Gewinne auszuschütten und an die Mutter98gesellschaft99 abzuführen. Es wurde als Devisenverbrechen weiterhin100 angesehen, dass Zwischenfabrikate von der Muttergesellschaft an die ausländischen101 Tochtergesellschaften zum Selbstkostenpreis ohne Gewinnaufschlag abgegeben wurden. Meine Verteidigung, die sich zur Hauptsache der politischen Seite zuwandte, wurde, da ich Jude war, nicht anerkannt. Die erwähnte Unzuverlässigkeit der Verhältnisse Deutschlands habe ich102 am besten dadurch illustriert, dass 1932103 bei uns, wie bei allen Industriellen unserer Stadt, einer der Polizeichefs vorsprach und anregte, gegen Unruhen104 eine Signaleinrichtung am Pult anbringen zu lassen, die direkt mit /7/ dem Polizeipräsidium in Verbindung stand, um bei Unruhen und Überfällen sofortigen Schutz herbeirufen zu können. Auf meine Frage was passierte, wenn alle Signaleinrichtungen auf einmal bedient würden, gab der Polizeioffizier unumwunden zu, dass die Stadt und der Staat infolge ungenügenden Mannschaftbestandes nicht in der Lage sei, irgend einen Schutz zu gewähren.
Zur gleichen Zeit wie ich verhaftet wurde105 ging eine Welle gleichartiger Aktionen durch die gesamte Industrie Deutschlands. Es war bekannt, dass sich ein Grossteil der Werke, sei es durch Kapitalexport, sei es durch andere geeignete Massnahmen vor den Unruhen und dem drohenden Zusammenbruch in Deutschland sichern wollte. Die Zeitungen waren voll von Verhaftungen bekannter I106ndustrieller, besonders in Berlin, im Rheinland, in Frankfurt, wie in allen Centren der Wirtschaft. Schliesslich schritt die Regierung unter Führung von Göring und Staatssekretär Rheinhard107 gegen diese Welle ein, die drohte die ganze Wirtschaft lahm zu legen, und dekretierte die Niederschlagung sämtlicher laufender Verfahren, da man es den B108etreffenden109 unter den unstabilen bisherigen110 Verhältnissen nicht verdenken konnte wenn sie durch entsprechende Massnahmen111 ihre Kapitalien schützten, und erklärte dass Steuerhinterziehungs- und Devisenverbrechen keine Verbrechen seien, höchstens als Kavaliersdelikte anzusprechen seien, die erst zu Verbrechen dann werden, wenn sie jetzt unter dem neuen Regime begangen werden, unter einem Regime, unter dem niemand Grund hätte, um sein Kapital oder die Stabilität der Verhältnisse Sorge zu tragen. Alle Verfahren und Massnahmen wurden auch eingestellt, mit Ausnahme der Verfahren gegen Juden. Als mir die verhörenden Instanzen mitteilten, dass diese generelle Massnahme von der ich durch die Zeitung erfuhr112 für mich als Jude nicht in Frage kam, sah ich zum ersten Mal in der ganzen113 Klarheit die114 Gefahr des Nationalsozialismus für alle diejenigen die aus der deutschen Gemeinschaft damals ausgeschlossen wurden. In diese Zeit fielen ja auch die ersten politischen Verhaftungen und die Gefängnisse füllten sich bis zum letzten Platz. Es war ein ewiges Kommen und Gehen, da /8/ die einmal Verhafteten wenige Tage später alle per Schub115 in die inzwischen errichteten Konzentrationslager abgeschoben wurden.
Mit der schwerste Schlag war der Verlust116 unserer Fabriken. Unsere Angestellten hatten die Konjunktur rasch gewittert und setzten sich, beschleunigt durch Drohung und Betrug, gestützt durch die nationalsozialistischen Untersuchungsbeamten, in den Besitz der Werke. Dazu kam daß der Staat117 alle Vermögenswerte, inclusive Hausrat mit Ausnahme des nötigsten,118 beschlagnahmte119 und die beteiligten Familien, meine Eltern, mein Bruder und ich, mussten ihr Leben auf ein äusserstes120 Existenzminimum umstellen. Die Presse bemächtigte sich unseres Falles und pries in den glühendsten Farben die Gerechtigkeit des nationalsozialistischen Staates, der121 nicht nur die Kleinen, sondern auch die Grossen traf, und der nach einem Jahr Untersuchungshaft in Scene gesetzte Prozess, der ein wahres Schauspiel für die ganze Stadt war, wurde in122 theatralischem Ausmasse aufgezogen. Es waren wirklich123 „Circenses“124. Mein Schwiegervater, der zufällig ein Studienfreund des im Prozess fungierenden Landsgerichtspräsidenten war, teilte mir viele Monate vor dem Prozess das Urteil von zwei Jahren Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft mit, und so wurde der „Volksschädling“ aus dem Gerichtssaal geführt, nicht mit 34 Monaten Zuchthaus, wie der Staatsanwalt beantragte, sondern mit 24 Monaten Gefängnis, wie vorveranschlagt. Wie die damaligen Beamten arbeiteten kann am besten daran erkannt werden, dass erst125 im Gerichtssaal126 die Summe der in Frage stehenden hinterzogenen127 Kapitalien auf Grund der von uns längst128 vorgelegten Beweise sich auf weniger als die Hälfte der in der Klageschrift angeführten Summe ermässigte.
Nach zwei Monaten weiteren Verbleibens in demselben düsteren Hause wurde ich endlich in die Strafanstalt überführt. Ich war froh, denn mein älterer Sohn war gezwungen jeden Tag auf dem Weg in seine Schule an diesem Hause vorbeizugehen, in dem sein Vater hinter Gittern sass. Was das an seelischen Martern für uns beide bedeutete, kann nur der ermessen, der je129 in einer solchen Lage130 war. Die Erinnerung an alle diese Dinge peitschte meine Nerv131en /9/ in eine solche Spannung, dass ich keine Ruhe mehr fand, liegen zu bleiben und diese letzte Nacht wandernd in dem kleinen Raum zubrachte. Wie ein Tier im Käfig.
Das Leben der Strafanstalt, die geschorenen Haare, das hässliche rauhe Gewand, die harte Discipline, die erniedrigenden anthropometrischen Untersuchungen und Messungen, denen man sich132 zu unterwerfen hatte, ebenso die schlechte ungenügende Kost, die schwere ungesunde Arbeit wie die Verarbeitung von Kokosphasern in einer kleinen Zelle, in der sich alles mit diesem beissenden Staub füllte, die Qual der sexuellen Enthaltsamkeit die sich bevor diese Qual abklingt fast zu einer Besessenheit steigert, alles wog weniger als eine dunkle drohende Zukunft. Ich erlebte auch133 den Dunkelarrest in der Strafanstalt selber, den ich wegen unbefugten Sprechens, – es war völliges Sprechverbot – erlitt. Wir sahen134 zu einer bestimmten Stunde des Tages den Transportwagen, der die Gefängnisinsassen jeweils nach Verbüssung ihrer Strafen in das Konzentrationslager135 brachte, und es wurden136 trotz Sprechverbots137 die beunruhigendsten Dinge über diese Hölle bekannt138.
Ich erinnerte mich auch noch der Zeit139 des seinerzeitigen Putsches in Österreich, anlässlich dessen in einen Flügel unseres Gefängnisses hunderte von österreichischen Nationalsozialisten einzogen140, natürlich nicht als Häftlinge, sondern als Gäste141 des deutschen Reiches, die man aber wegen der nahen Verbindung mit der Regierung vor der Öffentlichkeit verbarg142. Sie wurden bedient und erhielten vor unseren gierigen Augen das schmackhafteste und reichlichste Essen, während wir nach achtstündigem Ziehen von Wegwalzen uns mit einem Stückchen Brot als Zusatznahrung begnügen mussten. Die Mitnahme einer verdorbenen143 Kartoffel, die ein Gefangener144 in seinem Geschirr stehen liess, wurde mit Dunkelarrest bestraft.
Ich habe es der Kommission, die darüber zu befinden hatte, ob ich ins Konzentrationslager abzutransportieren sei, zu verdanken, dass ich von dieser Massnahme verschont blieb. Vielleicht hatten /10/ die Herren meine Verurteilung in Würdigung der damaligen Gesamtverhältnisse doch als Ungerechtigkeit145 empfunden. Kurz, die Eröffnung wurde mir146 drei Tage vor dem Endtermin gemacht, dass ich einfach entlassen würde.
Um vier Uhr auf den Glockenschlag der kleinen Anstaltskirche, trat der Wärter ein. Er lachte über mein Aussehen147 in welch groteskem Masse mir meine Zivilkleider148 um den Körper schlotterten, hatte ich doch 56Pfund abgenommen. Er ging mit mir zum Ausgangstor öffnete es, und ich trat am 14.März 1935 in ein Leben, vor dem ich149 Angst hatte.
Ich ging an den Bahnhof der150 kleinen Stadt, kaufte ein Billett und bestieg um 4Uhr20 den Zug der mich in meine Vaterstadt zurückbrachte. Eingeschüchtert sass ich in der Ecke des Wagons, in der Annahme dass mir jeder ansah, wo ich herkam. Meine Ankunft war eine Art Spiessrutenlaufen. In der Halle der ankommenden Reisenden standen die Gepäckträger die mich alle kannten und es war nur eine Frage von wenigen Stunden und die ganze Stadt wusste von meiner Ankunft. Mein Bruder holte mich vom Bahnhof ab und wir gingen in seine kleine Wohnung, in der er mit meinen Eltern schlecht und recht hauste. Nach zwei Tagen fuhr ich zu meiner Frau, die mit den Kindern auf einem Landsitz ihrer Eltern wohnte. Auch dort die lästigen Gaffer, die mich wie ein seltenes Tier anstarrten. Ich sah meine Frau, von der ich wusste, dass sie bis wenige Tage vor meiner Entlassung sich151 mit einem152 Freund sehen liess, und ich sah meinen jüngeren Sohn, der mich nicht mehr153 erkannte, denn er war ein einviertel Jahre alt, als ich verhaftet wurde, und der seine Mutter fragte „wer der Mann sei“.154 Auch mein Schwiegervater war zugegen.155 Es folgte die Aussprache mit meiner /11/ Frau, in der ich ihr wohlvorbereitetes Geständnis156 abnahm, indem ich ihr erklärte, dass ich über alles orientiert sei und dass ich nicht daran denke, daraus irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. Wir beschlossen, nicht mehr in unsere Vaterstadt zurückzuziehen, sondern in eine andere grössere, wo uns nur wenige Menschen kennen, zu übersiedeln. Wir stiessen auf ungeheure Widerstände. Mehr als einmal wurden abgeschlossene Wohnungskontrakte nach Erkundigung über meine Person von dem Gegenkontrahenten annulliert und diese beschämende Massnahme war wohl eines jener Dinge, dich ich im Gefängnis dunkel ahnte und fürchtete. Die Nerv157en meiner Frau waren dem nicht gewachsen. Es gab Nerv158enzusammenbrüche, Tränen, Vorwürfe, zu denen ich schwieg. Ich war so wund, so unglücklich, dabei,159 völlig ungerechtfertigt, so schuldbewusst, dass ich jede Beleidigung, jedes Treten gegen mein Ehrgefühl, gegen meinen Stolz als willkommen ansah.160 Schliesslich und endlich fanden wir bei einem verständigen Mann, dem ich meinen Fall genau erzählte, Gnade und damit161 vier Wände und eine Tür dieichzuschliessen konnte. Kleinigkeiten, wie dass das eine oder andere Gymnasium meinen162 halbarischen Sohn nicht aufnahm, oder dass der eine oder andere Hausbewohner nicht grüsste, dass man mit Wissen meiner Strafhaft an die eine oder andere Kellertür doppelte Schlösser anbrachte, störte163 meine Frau, mich weniger, da ich an gewaltigere Nerv164en- und Gefühlsansprüche gewohnt war. Überhaupt konnte ich zu meiner grossen Zufriedenheit feststellen, dass ich mich rasch körperlich und nerv165lich erholte und dass vor allem mein moralischer Widerstand gegen diese abscheulichen Diffamierungen wuchs und energisch sich zur Wehr setzte.
Wir führten gegen den damaligen Treubruch unserer ehemaligen Geschäftsangestellten,166/12/167einen Prozess auf Zurückgabe, den wir auch nicht abbrachen, als von der Gegenseite die Strasse mobil gemacht wurde, und Hetzartikel in der Presse lanciert wurden, dass man Volksschädlingen und Verbrechern nicht noch einmal Gelegenheit geben darf, ihre abscheulichen Volksverbrechen zu wiederholen. Dass der Gegenanwalt sich derselben Worte gegen die „Judenbande“ in seinen Prozessschriften bediente wird reizvoll unterstrichen durch die Tatsache dass er vor Entdeckung seines nationalsozialistischen Herzens die „Judenbande“ in Prozessen selbst vertrat. Pecunia non olet. Schliesslich wurde es aber immer schwieriger, den Prozess zu führen, weil sich keine Anwälte mehr fanden, die das Risiko ihrer Bürozertrümmerung weil sie für Juden eintraten, auf sich nehmen wollten, und der Prozess verlief so wie er verlaufen musste, da es im nationalsozialistischen Staat für Juden kein Recht gab.
Fünfzehn Monate lang nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis suchte ich nach irgend einer Beschäftigung. Ich versuchte auch in dieser Zeit, meinen Onkel im Ausland zu sehen, um mit ihm über die Existenzzukunft unserer drei Familien,168 zu verhandeln, da er Beschlag auf alle unsere ausländischen Unternehmungen gelegt hatte, da die Muttergesellschaft ihm die letzten Verpflichtungen aus dem Austratungsvertrag in folge des Prozesses nicht mehr zahlen konnte. Es gelang mir sogar, die Erlaubnis des Staates zu bekommen, ins Ausland zu fahren, wenn ich genügend Sicherheiten zur Verfügung stellen konnte, die verfallen würden im Falle dass ich nicht zurückkommen würde. Es gelang mir auch, diese Sicherheiten in erheblicher Höhe von früheren Bekannten und Freunden zu erhalten. Ich erhielt, was wirklich als ein Wunder zu bezeichnen ist, im Frühjahr 1937 Pass und Visum, und fuhr ins Ausland. Die Verhandlungen führten zu keinem Resultat und wurden erst drei Jahre später wieder aufgenommen und zu Ende169 geführt.170/13/ D171a ich mein Wort gegeben hatte, zurückzukommen, war es mir eine Selbstverständlichkeit trotz der grossen Versuchung dieses Wort zu halten und zwar nicht nur der Behörde, sondern auch denen gegenüber, die die Garantien gegeben hatten. Als ich die deutsche Grenze beim Wiedereintritt überschritt, waren meine Nerven wieder so weit hergestellt, dass, wie ich mich genau erinnere, ich ohne jede Angst oder Erregung zurückkehrte. Ich urteile auch heute in Kenntnis all dessen, was inzwischen vorgefallen ist, über meine Pflicht, zurückzukehren, nicht anders.
Schliesslich fand ich bei172 jüdischen Freunden in einem mir branchenfremden Betrieb173 Beschäftigung in leitender Stellung. Es ist interessant, in diesem Zusammenhang festzustellen, dass auch damals die meisten deutschen Juden die logische Entwicklung gegen sie noch174 nicht voraussahen, denn das Angebot, als Teilhaber bei ihnen einzutreten ist wohl der klarste Beweis ihrer falschen Beurteilung der Lage.
So hatte ich also nun wieder nach über vier Jahren eine geregelte Tätigkeit und mein ganzes Leben begann verhältnismässig friedlich und erträglich zu werden. Allerdings gab es unangenehme Zwischenfälle wie z.B. als175 der eine der Inhaber mir vertraulich mitteilte, dass er einen anonymen Brief bekommen habe, in dem von einem Angestellten der Firma ihm mitgeteilt wurde, dass der Betrieb geschlossen in den Streik treten würde, wenn dieser „Volksschädling“,176 von dem inzwischen bekannt geworden sei, dass er „jahrelang“177 im Gefängnis sass, nicht sofort fristlos entlassen würde, da man es dem178 arischen Personal und Belegschaft nicht zumuten könnte, seine Gegenwart zu erdulden. Der Brief wurde, da anonym, nicht beantwortet und es ergab sich keine Weiterung. Ein anderes Mal war eine neuerliche Grossaktion in ganz Deutschland wonach sämtliche Juden die mit dem Gesetz irgend wie und wann einmal in Konflikt geraten waren, verhaftet und für immer in die Konzentrationslager eingeliefert wurden. Ich verliess sofort meine Wohnung und trieb mich dauernd unter Wechsel des Namens zunächst /14/ in der Stadt selber in der einen oder anderen Pension oder bei Freunden herum, verliess dann die Stadt und tauchte in anderen benachbarten Städten unter bis die Aktion beendet179 und die akute Gefahr vorüber war. Damals habe ich zum ersten mal den Begriff des gehetzten Wildes verstanden. Zurückgekehrt an meinen Posten, erlebte ich die Ausweisung aller polnischer Juden aus Deutschland und ihre zwangsweise Verschickung an die polnische Grenze. Die jüdische Gemeinde stellte alle Automobile aus Privatbesitz zur Verfügung, die die armen Menschen mit ihrer geringen Habe zum Bahnhof fuhren. Wenige Tage später kamen diese Unglücklichen wieder zurück, da erstens die Polen sie nicht hereinliessen und sie im Niemandslande an der Grenze vor dem Hungertode standen, zweitens die Polen mit Regress-Massnahmen, Ausweisung von Deutschen in fünffacher Zahl, drohten. Zu den ankommenden Zügen waren ebenfalls wieder diese Wagen mobilisiert – auch ich war am Steuer eines dieser Automobile180. Die Menge verhielt sich im allgemeinen ruhig, wenn es auch unter den Neugierigen viele gab, die die hässlichsten Zurufe machten.
Inzwischen begannen die Verhältnisse, getrieben durch die Zuspitzung der politischen Lage, Besetzung Österreichs, Besetzung der Tschechoslowakei in zwei Etappen, sich für uns zu verschlechtern. Die Vorstände der Arbeitskartelle, die Einflussnahme des Staates auf jüdische Betriebe nahm so zu, dass man sich entschloss, die Fabrik zu verkaufen. Verhandlungen wurden angebahnt.181 Die Auswanderungen der Juden aus Deutschland begannen sich in erheblichem Masse zu häufen und schliesslich zu überstürzen. In dieser Atmosphäre vollzog sich die Konferenz von München, die trotz der vorübergehenden allgemeinen Befried182ung im Gegenteil nur dazu angetan war, für uns die Lage noch unhaltbarer zu machen. Veranlasst und getrieben durch die Behörden, entschlossen meine Frau und ich, uns zu der längst in Aussicht genommen Scheidung. Die Durchführung war grotesk. Unsere beiden Anwälte mussten sich zusammensetzen und einen Grund konstruieren, der mich nicht ins183 Gefängnis brachte184, und es /15/ lohnt sich, darauf einzugehen. Einen glatten Ehebruch zu konstruieren mit einer Arierin war wegen der Rassengesetze ausgeschlossen, da die überwachende SS in den Gerichtssälen mich sofort verhaftet hätte, auch wenn der Ehebruch nicht wahr war. Das Unglaublichste aber ist, dass auch der fingierte185 Ehebruch mit einer Jüdin mir gefährlich werden konnte, da die damalige Ansicht der Nazis lautete, dass es ein unerhörter Affront für eine arische Frau und damit für das gesamte deutsche Volk sei, wenn ich mit186 einer Arierin verheiratet eine Jüdin ihr vorzog. Der Grund, dass man dem arischen Eheteil nicht zumuten könnte, mit einem Juden die Ehe weiterzuführen war nur bis Mitte des Jahres 1935 gültig. Schliesslich und endlich fand man irgendeine Konstruktion der besonderen Abneigung als hinreichende Begründung. Zeugen wurden nicht geladen und mein Geständnis genügte. Die Scheidung wurde wegen meines alleinigen Verschuldens ausgesprochen und die ganze Prozedur dauerte genau 6Minuten. Zumindest war damit wenigstens ein Teil unseres Vermögens für meine Frau und meine Kinder sichergestellt. Ich wurde von Parteiorganen sofort darauf aufmerksam gemacht, dass ich die gemeinsame Wohnung mit meiner Frau sofort zu verlassen habe und dass187 ein erneuter ehelicher Verkehr trotz der 16 Jahre dauernden188 Ehe als Rassenschande mit mindestens 5 Jahren Zuchthaus bestraft werde189. Unmittelbar nach der Scheidung erhielt ich auch bereits durch das Vormundschaftsgericht den Beschluss190, wonach mir jedes Einspruchs- und Erziehungsrecht hinsichtlich meiner beiden Söhne mit sofortiger Wirkung entzogen sei, um den verderblichen jüdischen Einfluss von den Kindern fernzuhalten. Ich zog zu meiner Mutter. Mein Vater starb ein Jahr vorher als gebrochener Mann.
Die Sprache in der Presse gegen die Welt und gegen uns wurde immer drohender und in diese dumpfe Stimmung knallte der Schuss Grünspahns191 auf der Pariser deutschen Botschaft gegen Herrn von Rath192. Nur wer damals noch als Jude in Deutschland gelebt hat kann die Angst ermessen, in der wir den unweigerlich kommenden Dingen nun entgegenzitterten. Es kam die Nacht vom 9.November 1938.193/16/
Ich war abends194 bei meinen Freunden, bei denen ich in der Fabrik arbeitete, als gegen zehn Uhr ein Telefonanruf kam. Ich nahm den Hörer ab und sagte „ja“, worauf eine kreischende Stimme schrie: „Bist Du denn immer noch da, Du Saujud’? Wenn Du nicht in einer Stunde aus Deutschland verschwindest reissen wir Dir die Zunge heraus und hängen Dich am Nabel auf.“ Nach wenigen Minuten kam ein zweites Gespräch, das meinen Freund verlangte, der dieselbe Hetzrede in verbesserter Auflage zu hören bekam. Ich hängte nicht mehr ein, sondern legte den Hörer neben den Apparat, was meine Freunde davor schützte gegen drei Uhr morgens in ihren Betrieb gerufen zu werden, in dem die schwersten Zerstörungen angerichtet waren. Bekanntlich „explodierte“ in dieser Nacht spontan die entfesselte Volkswut gegen die Juden, so spontan, dass bereits um 6 Uhr früh die seit Wochen vorbereiteten Hetzzettel übelster Art in der ganzen Stadt angeschlagen waren. Der Bedrohlichste unter ihnen dürfte wohl die Erklärung gewesen sein, wonach Juden keine Läden mehr betreten dürften, auch nicht Lebensmittelläden. In der Früh um 7Uhr erreichte mich bei meiner Mutter195 ein Telefonanruf meiner Freunde, die inzwischen doch von der Zerstörung in ihrem Betrieb gehört hatten, ich möchte sie an einer vorher verabredeten Stelle in einer Wohnung treffen.
Dort angekommen erzählten sie mir, dass alle Juden in ganz Deutschland verhaftet werden und in die Konzentrationslager verbracht werden, dass sämtliche jüdischen Geschäfte zerstört und geplündert seien, dass die Strasse der SS und der SA freigegeben sei, dass Wohnungsplünderungen, Vergewaltigungen etc. üblich seien, dass die Synagoge zerstört sei, kurz, dass ein196 Pogrom in vollem Gange sei. Ich verliess das Haus und nahm den Wagen, der unten stand, fuhr zu meinem Bruder, der inzwischen in dieselbe Stadt übergesiedelt war. Ich traf nunmehr seine Frau, die mir zitternd erzählte, dass der verhältnismässig anständige Blockwart sie benachrichtigt habe, ihren Mann sofort zu verstecken, da er sonst erschlagen werde. Sie berichtete mir, er sei im Kohlekeller in einer Kiste und von Kohlen zugedeckt. Ich fuhr in unser Versteck zurück und liess den Wagen einige Strassen weiter weg an einer Ecke stehen. Wir blieben in dieser Woh- /17/ nung zwei Tage unter der schwersten Gefahr durch die systematische Suche der losgelassenen Horden aufgestöbert zu werden, und wechselten dann das Versteck mit einem kleinen Zimmer in dem die197 Schwester einer kleinen Büroangestellten wohnte198. Obwohl, oder gerade weil nebenan im Zimmer zwei SA-Männer wohnten, war dieses Versteck, so schwierig die Bedingungen waren sich darin längere Zeit aufzuhalten, doch verhältnismässig günstig. Wir mussten die Notdurft im Zimmer selbst verrichten, da wir es nicht verlassen konnten, wir blieben fast die ganze Zeit im Bett, durften nicht sprechen, damit man uns nicht höre und durch199 die plötzlich veränderten Lebensbedingungen der Frau die früh zur Arbeit ging und erst200 abends wiederkam, nicht aufzufallen201, und verbrachten so unter diesen nervenzermürbenden Verhältnissen zwölf Tage. Wir hörten inzwischen, was draussen vorging, dass alle Freunde und Bekannte verschleppt waren und wir erfuhren von diesen radikalen Massnahmen gegen202 Juden, die nun alle rasch ihre Geschäfte203 verkaufen mussten. Es erübrigt sich, die Bedingungen auszumalen, unter denen der Käufer die Werte erwarb. Die Frau meines Freundes führte allein die Verhandlungen während wir versteckt waren, und ich möchte an dieser Stelle vor aller Welt meiner Bewunderung Ausdruck geben für ihre wunderbare Haltung, ihre Tatkraft, Unerschrockenheit und Umsicht. Am 24. konnten wir das Versteck verlassen, da die Aktion als abgeschlossen betrachtet wurde und unmittelbar persönliche Verhaftungsgefahr nicht mehr bestand. Jetzt hatte ich allerdings genug und nichts hielt mich mehr ab dieses entsetzliche Land zu verlassen204. Der Prozess auf Rückgabe unseres Eigentums war endgültig verloren, m205eine Ehe war geschieden und meine Kinder in verhältnismässiger Sicherheit, m206eine Tätigkeit in Deutschland bei meinen Freunden war erledigt und ich sah dieses schreckliche Deutschland das zu einem sadistischen Tollhaus geworden war unweigerlich dem Kriege zurollen. Wie aber hinauskommen? Die verschieden früher eingeleiteten Versuche durch ein französisches Visum207 ausreisen zu können, scheiterten an der Tatsache, dass auf die sehr dringend abgefassten Gesuche208 der französischen Botschaft209, die wie mir mitgeteilt wurde stets mit Spezialkurier abgingen210 nie eine /18/ Antwort kam. Da benachrichtigte mich die Frau meines Bruders, dass es folgenden sicheren Weg gab: Der japanische211 Honorarkonsul212, den wir kannten, stellte uns eine Bestätigung aus, dass wir ungehindert nach Japan einreisen könnten (was natürlich nicht wahr war, aber für diesen Zweck die wertvollsten Dienste leistete). Wir besorgten uns auf dem Reisebüro Schiffsbilletts auf einem213 italienischen Schiff214 nach Yokohama, und so ausgerüstet gab uns sowohl215 die Schweizer wie die französische Botschaft216 Transitvisen. All die Klippen, wie Unbedenklichkeitserklärung des Finanzamtes, Passtellen etc. wurden damit verhältnismässig leicht und rasch überwunden, da wir auf alles verzichteten, selbst auf Mitnahme von Kleidern und Wäsche, für die damals Ausreisesteuer und Abgabe erlegt werden musste und so fuhren wir, d.h. mein Bruder und ich, mit dem217 grossen218 „J“ im Pass und der unterschriebenen Erklärung dass wir niemals mehr nach Deutschland zurückkehren werden, allein, jeder mit einem kleinen Köfferchen,219 ab. Am Bahnhof waren meine Mutter, meine Frau und meine beiden Kinder. Ich sah meine Mutter damals zum letzten Mal. So kam ich am 28.November 1938 abends nach Zürich. Ich verliess Deutschland mit dem ganzen Gefühl des Abscheus und des Ekels, aber ebenso sehr mit einer tiefen Trauer im Herzen.
Wenn ich geglaubt habe, dass nun mein Leben ruhiger und weniger gehetzt und bedroht verlaufen würde, so wurde ich sehr rasch eines besseren belehrt. Wir stiegen in einer kleinen Pension ab, die voll von jüdischen Flüchtlingen war, die nun den Kampf mit den schweizerischen Fremdenbehörden zu führen gezwungen waren. Kantonalpolizei, Fremdenpolizei, Genehmigungen in Bern durch den allgewaltigen Dr.Rothmund und wie die Stellen alle hiessen, die nun für uns /19/ Wurzellose weiterhin dafür sorgten, dass wir nicht zu Atem kamen, schwirrten den ganzen Tag in diesen Gesprächen, die sich um nichts anderes drehten als wohin, wie, wann etc. Ich hatte ein Durchreise-Visum von acht Tagen und mein französisches Transitvisum für drei Wochen war drei Monate gültig, also bis Ende Februar. Ich wollte zunächst in der Schweiz bleiben, um dort die damals abgebrochenen Vergleichsverhandlungen mit meinem Onkel zum Abschluss zu bringen, da wir ja ohne Existenzgrundlage und infolge dessen ohne220 waren221. Meinem Bruder, der kein französisches Visum hatte, den man also nicht einfach abschieben konnte, gelang es durch einflussreiche222 Freunde die Verlängerung seines Aufenthaltsvisums in der Schweiz zu erhalten. Mir dagegen wurde kategorisch erklärt, dass, wenn ich auch nur 24Stunden länger bliebe, ich verhaftet und an die deutsche Grenze gestellt werden würde. Das waren damals nicht leere Drohungen, und ich erinnere mich an die entsetzte Stimmung in unserer Pension, als die Sbirren223 der Fremdenpolizei einen Flüchtling zum Abtransport nach Deutschland verhaftete. Auf Rat eines Schweizer Freundes ging ich in einen anderen Kanton, in einen Badeort und erhielt dort ohne weiteres Genehmigung zur Durchführung einer Kur, die ich natürlich nie antrat, mich dort aufzuhalten. Die Stimmung in der Schweiz war sehr unsympathisch,224 Man verkaufte225 an den Zeitungs226ständen die deutschen Nazi-Zeitungen, geheimerweise sogar den „Stürmer“ und „Das schwarze Korps“. Die Zeitungen und Behörden227 erklärten schreiend, dass die Schweiz nicht mehr in der Lage sei, die Zahl der bei ihnen weilenden Familien zu steigern, wenn es sich im Laufe der Zeit auch erwiesen hat, dass das hundertfache auch noch leicht möglich und zu verdauen war. Überall war diese 5. Kolonne.228
Nach Abschluss des Vergleiches, der uns ein wenn auch229 recht bescheidenes Lebensminimum sicherte, und bei dem die Verhandlungen natürlich nicht ohne aufregende und erniedrigende Momente abgingen, wollte ich weiterreisen, erkrankte an einer Angina und musste meine Abreise etwas verschieben. Inzwischen hatte der Allgewaltige der /20/ Schweizer Fremdenpolizei des Kantons Zürich230 mich in Zürich selbst231 gesehen und erfuhr über Bern, wo ich mich aufhielt. Ich lag mit 40Fieber im Bett, als zwei Beamte der Berner Polizei, die über der Kantonalspolizei steht, bei mir im Zimmer erschienen und mir die Verfügung von Bern überbrachten, dass ich binnen 24Stunden aus der Schweiz auszureisen habe, da ich sonst in Konstanz an die deutsche Grenze gestellt würde. Mit Hilfe des mich behandelnden Arztes erreichte ich Aufschub bis zur Genesung. So fuhr ich am 27.Februar 1939 aus der „gastlichen“232 Schweiz ab und kam in Paris, Gare de l’Est gegen 8 Uhr abends an.
Ein Geschäftsfreund von mir holte mich am Zug233 ab und brachte mich in ein kleines Hotel in der Nähe der Avenue Kleber234. Obwohl ich unendlich schlecht französisch sprach und gar keinen Beweis für meine Ansicht hatte, so hatte ich doch den Eindruck einer ungleich freundlicheren und loyaleren Haltung uns Ahasveren235 gegenüber und ich habe mich vom ersten Moment an weniger belastet und vertrauter gefühlt. Auch hier ergab sich nun das Problem, in welcher Form ich das Transitvisum, das mir einen dreiwöchentlichen Aufenthalt sicherte, in eine Aufenthaltsberechtigung umwandeln konnte. Man gab mir den Rat, dies nicht in Paris selbst, da die Stadt von Flüchtlingen überfüllt sei, sondern in einem benachbarten Departement zu versuchen. Ich war glücklich, als dort236 die Behörden, verständig237 für unsere Lage im allgemeinen und meine im besonderen, sich bereit erklärten, sich für mich in dem gewünschten Sinne zu bemühen. So erhielt ich anschliessend an meine drei Wochen Transit zunächst für einen Monat das Recepisse238, das so lang immer wieder verlängert wurde bis das Ministerium die Entscheidung wegen einer Carte d’Identité fällen sollte, wozu es nie kam239, da der Krieg uns vorher überfiel. /21/
Da sass ich also nun in irgend einer französischen kleinen Stadt, wohnte in einem netten sauberen Zimmer und konnte mich mit echten, gültigen und in Ordnung befindlichen Papieren in einem Lande bewegen, das für uns alle nach all dem was wir durchgemacht hatten, ein wahres Paradies war. Man musste keine feindlichen Massnahmen befürchten, man konnte ruhig schlafen, und wenn, wie es unter uns Refugies240 hiess, es in der F241rühe läutete, so wusste man, dass es der Milchmann war242. Ich verbrachte meine Zeit hauptsächlich damit, dass ich mich bemühte, die Sprache zu erlernen. Bei dem Vergleich mit meinem Onkel fiel uns u. a.243 eine Beteiligung an einem französischen Betrieb zu und so beherrschte mich eigentlich zur Hauptsache der Gedanke des Schicksals meiner Mutter und meiner Kinder. Bezüglich meiner Kinder war ich244 ziemlich beruhigt da die nationalsozialistische Gesetzgebung für christliche Halbarier festgelegt245 und in keiner Weise beunruhigend war. Anders war es, was meine Mutter betraf. Ich setzte mich mit meinem Bruder, der in Zürich blieb, in Verbindung und wir planten246 mit meinem Onkel, der inzwischen247 in Amerika248 sesshaft wurde um mit dessen finanzieller Hilfe249 meine Mutter aus dieser Hölle ins freie Ausland bringen zu können250.
Was meine Einstellung zu Frankreich betraf, so fühlte ich mich verpflichtet, mich, bzw. meine Dienste im Kriegsfall251 zur Verfügung zu stellen, und ich bat in einem Schreiben an den Präfekten des Departements um die Genehmigung der für Ausländer vorgeschrieben dreimonatigen Dienstzeit, um im Bedarfsfalle bereit sein zu können. Ich erhielt auch in der Tat von dem Rekrutierungsbüro eine Convoquation zur Musterung und wurde anlässlich dieser Musterung unter der Bedingung als kriegsdienstfähig geschrieben, dass ich mir einen rechtsseitigen Leistenbruch, den ich mir beim überlasteten Tragen in der Gefangenschaft zugezogen hatte, operativ beheben liesse252.
Ich machte einige Reisen zu Verwandten und Freunden und akklimatisierte mich so langsam aber sicher an französische Verhältnisse. Da verdichteten sich in der Sache Danzig die Kriegsdrohungen auf das /22/ schwerste und ich erinnere mich noch des 1. September 1939, als ich an einer kleinen Spezereihandlung253 vorüberging und durch den im Zimmer aufgestellten Radio hörte, dass Hitler in Polen eingefallen sei. Am Abend des 2. September war in unserem Hotel ein besonders auffälliges Kommen und Gehen und ich erfuhr vertraulich, dass der Stab der englischen Luftwaffe im Hotel Wohnung genommen hatte. Da kam die Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland, und damit war das eingetreten was254 wir255 befürchteten, aber auch256 als unausweichbar voraussahen. Ich erinnere mich noch des letzten Abends in Paris, den ich mit Freunden in einem Cafe auf den völlig verdunkelten Champs-Elysees verbrachte. Wir erwogen die Aussichten dieses Krieges und es gab für uns keinen Zweifel, (selbstverständlich war der Wunsch der Vater des Gedankens), dass dieses Hitler-Deutschland rasch257 besiegt werden würde. Vielleicht wirkte auch258 im Unterbewusstsein der Eindruck nach, den die grossartige Parade des 14.Juli auf den Champs-Elysées259, die ich aus nächster Nähe sah, hinterliess. Dass dies alles nur260 eine klägliche Fassade war, wagte ja niemand im entferntesten anzunehmen. Ich kehrte mit einem Vorortszug in mein Hotel zurück und erlebte in dieser Nacht zum ersten Mal einen Fliegeralarm. Am anderen Morgen waren überall die grossen Anschlagszettel für die Mobilisation, für die Erlasse der Kriegsgesetze und auch einer, der uns betraf, uns Menschen deutschen Ursprungs, gleichgültig ob Jude oder Nazi, ob freundlich oder feindlich gesinnt. Der Befehl sah vor, sich mit einer Decke,261 Wäsche und Nahrungsmittel für 24 Stunden in dem für uns bestimmten Sammellager des Rennplatzes in Maison Lafitte einzufinden. Wenn ich auch über diese Massnahme auf das schwerste erschrak, so verstand ich sie doch, da ich mir ausrechnete262, dass bei der französischen Mentalität sofort die schwarzen von den weissen Schafen geschieden werden würden und dass es nicht lange dauern könnte, bis wir geschworene263 Feinde der Nazis wieder auf freien Fuss kämen. Ich ging sofort auf das Rekrutierungsbüro, rannte von Pontius zu Pilatus, um erstens eine Bestätigung der Musterung, die am 6.August stattfand, zu bekommen, zweitens wollte /23/ ich sofort zur Armee und, einmal Soldat, mich der verlangten264 Bruchoperation unterziehen, da ich mich innerlich mit meinem ganzen Gefühl gegen die Verbringung in ein Lager wehrte. Leider wurde mir dieses Certificat nicht gegeben und zwar weil einerseits der zuständige Commandant265 im Büro nicht anwesend266 war, andererseits für solche Sonderfälle nicht vorgesehen war und drittens ich, nach meiner Nationalität und Ursprung gefragt, auf die kälteste Abweisung stiess267. Meine Bekannten, die sich zunächst in dem kleinen Ort vor dem Autobus, der uns ins Lager hineinbringen sollte, versammelt hatten, waren nicht meiner Ansicht, dass es sich nur um eine kurze Massnahme handelt, da sie wie sie behaupteten, Frankreich besser kennen würden als ich, der ich zu kurz in diesem Lande sei, und sie268 sich vor allem269
