Was wäre ich ohne dich -  - E-Book

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Beschreibung

Unser Jakobsweg nach Santiago de Compostela "Volker läuft, ich auf dem Fahrrad. Der Pilgerweg "Camino Francés" durch Nordspanien unendlich lang vor uns. Hitze, Staub und viel Raum für Gedanken." Eine unterhaltsame Reiseerzählung über ein sportlich und mental anspruchsvolles Abenteuer auf zwei Laufschuhen und einem Fahrrad von St. Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela im September 2009. Die Autorin spricht darin auch über die Beweggründe, die sie zu dem Vorhaben veranlasst haben, über Menschen, die ihnen begegnet sind, über schöne Ereignisse und auch Missgeschicke, die sie erlebten.

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hamburg – Bilbao

Bilbao – Saint-Jean-Pied-de-Port

Saint-Jean-Pied-de-Port – Burguete

Burguete – Pamplona

Pamplona – Lorca

Lorca – Torres del Rio

Torres del Rio – Navarrete

Navarette – Granón

Grañón – Agés

Agés – Burgos

Burgos – Castrojeriz

Castrojeriz – Carrión de los Condes

Carrión de los Condes – Sahagún

Sahagún – Mansilla de las Mulas

Mansilla de las Mulas – León

León – Hospital de Orbigo

Hosptial de Orbigo – Rabanal del Camino

Rabanal del Camino – Ponferrada

Ponferrada – La Portela

La Portela – Triacastela

Triacastela – Portomarin

Portomarin – Melinde

Melinde – Pedrouzo

Pedrouzo – Santiago de Compostela

Erster Urlaubstag in Santiago de Compostela

Zweiter Urlaubstag in Santiago de Compostela

Abschied aus Santiago de Compostela

Nachwort

Danke

Einleitung

Auslöser für den Lauf auf dem Jakobsweg waren nicht die Veröffentlichungen bekannter Persönlichkeiten über deren Erfahrungen einer Wanderschaft auf dem Pilgerweg, sondern eine ganz private Situation, mit der Silke und ich uns Ende 2006 völlig unvorbereitet auseinander setzen mussten.

Nachdem wir erfuhren, dass unser Sohn recht krank wurde, brach für uns eine Welt zusammen. Er hatte sich für einen Weg entschieden, den wir nicht teilen und auch nicht mitgehen wollten. So traurig und schmerzvoll es auch für uns war, konnten wir seinen Weg nur mehr passiv als aktiv verfolgen. Um nicht in ein tiefes Loch zu fallen, haben wir uns ein größeres Vorhaben überlegt, das uns eine langfristige Konzeption abfordert.

Der Lauf nach Santiago de Compostela auf dem Jakobsweg sollte es sein. Der weltweit populärste Wallfahrtsweg seiner Art, von den Gebirgsflanken der Pyrenäen in Süd-Frankreich bis hin zum grünen Galicien in Nord-Spanien an der Atlantikküste.

Jede Pilgerin und jeder Pilger nimmt dabei eine große, beschwerliche, lange Pilgerreise mit einer körperlichen und seelischen Belastung auf sich, um sich und anderen zu demonstrieren, dass es möglich ist, etwas zu leisten, wenn man entsprechend willensstark ist.

Der Camino de Santiago, der Jakobsweg, folgt geografisch einer Linie von Ost nach West und strebt dem vermeintlichen Apostelgrab zu, als gelb markierter Wanderpfad und als Straßenvariante für Radler und Motorisierte.

Fuß- und Radpilgern stehen unterwegs Herbergen offen, die man mit einem Pilgerausweis für eine Nacht kostengünstig benutzen darf. Hotels und Pensionen bieten Alternativen zur Übernachtung.

Die Landschaften sind recht abwechslungsreich: So folgen auf die Pyrenäen zu Beginn des Caminos die Wälder Navarras, die Rebgärten der Rioja, die einsamen Weiten in den Hochebenen Kastilien-Leóns und schließlich verläuft der Weg durch die grünen Hügel Galiciens mit Eukalyptuswäldern. Man kann urige Dörfer mit wundervoll geschmückten Kirchen entdecken, faszinierende Städte mit Burgen, Klöstern und Kathedralen.

Es müssen mehrere Gebirge überwunden werden: Zuerst die Pyrenäenpässe mit 1640 m und 1057 m Höhe, später die Hochebene Meseta 800 – 1000 m, danach ein Zwischengebirge in 1504 m Höhe mit dem Pilgerkreuz Cruz de Ferro, weiter westlich in Galicien schließlich geht es auf den 1300 m Pass O Cebreiro hinauf.

Das Ziel in der Kathedrale von Santiago de Compostela ist der Silbersarkophag des Santiago, der heilige Apostel Jakobus.

Als langjährig erfahrener Marathonläufer möchte ich diese Strecke, die beinahe 850 Kilometer lang ist, aber nicht wandern, wie es früher schon die Wallfahrer taten, sondern laufen. Damit ich mich dabei nur auf das Laufen konzentrieren kann, begleitet mich Silke mit unserer gesamten Ausrüstung auf dem Fahrrad. Dieses Abenteuer wird auch für sie eine große Herausforderung, sowohl körperlich als auch mental.

Unser Leitgedanke: Wenn wir die Kraft haben dieses Unternehmen zu meistern, wird auch unsere private Krisenbewältigung, die noch länger viel Kraft und Ausdauer braucht, ein gutes Ende nehmen, und unser Sohn wird wieder gesund.

Wir kauften uns Literatur und fingen an, Eindrücke und Erfahrungen dieses Pilgerweges zu sammeln. Auch besuchten wir eine beeindruckende Dia-Multi-Visions-Show eines Reisejournalisten, der diesen Weg selbst wanderte, damit wir uns die Strecke vor Augen führen konnten. Die DVD dieses Diavortrags brachte uns häufig Ablenkung und Vorfreude.

Mit den gesammelten Informationen begannen wir mit der genaueren Planung unseres Vorhabens. Es war ein riesiger Berg an logistischen Aufgaben abzuarbeiten.

Parallel zu unseren Vorbereitungen verfolgten wir immer den Zustand unseres Sohnes. Wir hofften, dass irgendwann der Tag kommen würde, dass er zur Einsicht gekommen sei. Es sollten aber noch viele Monate bis zu dieser Entscheidung vergehen.

Nachdem wir die Witterungsbedingungen in Nord-Spanien über einen längeren Zeitraum beobachteten, wurde der Start für die Tour für September 2009 festgelegt.

Im Frühjahr 2008 wurden die Trainingseinheiten besprochen und geplant. Mein Laufpensum musste ausgebaut werden, damit diese Distanz läuferisch zu bewältigen ist. Silke begleitete mich bei meinen langen Läufen zunächst immer mit ihrem guten alten Fahrrad, auch als Radfahrerin braucht man für dieses Unternehmen mehr als nur eine Grundkondition. Wir wussten, dass unsere Tour mit diesem älteren Fahrradmodell nicht zu meistern ist. Daher dachten wir über den Kauf eines geländetauglichen Rades nach, das auch viel Gepäck transportieren kann.

André Meindlschmidt, der in unserer Straße das Fahrrad-Fachgeschäft „Der Fahrrad-Partner“ hat, war für dieses Abenteuer die richtige Adresse. Wir erzählten ihm von unserer Planung, und er empfahl uns ein Fahrrad, auf dem zwei seiner Kunden während einer größeren Island-Tour bereits gute Erfahrungen machten. Das Fahrrad wurde im August 2008 gekauft, getestet und auf unseren langen Trainingsstrecken eingefahren.

Nur, mit einem Fahrrad ist es auf so einer Strecke nicht getan. Was machen wir mit unserem Reisegepäck und wie viel darf es sein? Zu dem Rad kamen dann noch vier stabile regenfeste Gepäcktaschen, eine Lenkertasche und montierte Flaschenhalterungen am Rahmen für Getränke.

Diese neuen Aufgaben brachten uns beiden immer mehr Spaß, es entwickelte sich wirklich gute Teamarbeit.

Im Winter 2008/2009 legten wir die Hin- und Rückreise zwischen Kiel und Spanien bzw. Südfrankreich genau fest. Die Flüge Hamburg-Bilbao bzw. Santiago-Hamburg wurden gebucht.

Geplant ist zunächst ein Flug nach Bilbao über Palma de Mallorca. In Bilbao eine Übernachtung in der Jugendherberge mit Weiterfahrt am nächsten Morgen per Bus nach Bayonne, Südfrankreich. Mittags mit der Bahn von Bayonne nach St.-Jean-Pied-de-Port. Nach einer Übernachtung wollen wir dort am 1. September 2009 unseren Jakobsweg nach Santiago de Compostela starten.

Einen großen Teil unseres Trainings verbrachten wir mit den Läufern vom Kieler Lauftreffverein LTV Kiel-Ost e.V.. Dieser Verein ist bekannt für sein jährliches Marathon-Vorbereitungs-Training. Ab Januar 2009 liefen und fuhren wir dann regelmäßig sonntags morgens mit den Lauffreunden und absolvierten eine Trainingseinheit nach der anderen.

Auch in unserem Schwedenurlaub im Juni 2009 stand Langstreckentraining auf dem Programm. Silke mit ihrem „Drahtesel“ und ich als Läufer. Ein Fahrrad mit geschätzten 25 kg zusätzlichem Gepäck muss auf unterschiedlichem Profil gut gelenkt und in der Spur gehalten werden können. Um das zu trainieren, ist die schwedische Landschaft hervorragend geeignet. Ebenso testeten wir auch verschiedene Verpflegungsmöglichkeiten aus.

Viele Monate waren wir mit der Planung und dem Training beschäftigt, währenddessen konnten wir gut abschalten. In der Zwischenzeit veränderte sich der Weg unseres Sohnes. Man stellte ihn vor die Wahl, bei der ihm eigentlich nichts anderes übrig blieb, als den richtigen Weg zu gehen. Ihm fiel diese Entscheidung sehr schwer, und der Anfang war für ihn recht steinig. Unserer Begleitung und Unterstützung konnte er sich immer sicher sein, und das wusste er.

Dann erkannten wir erleichtert, dass er seinen neuen Lebensabschnitt angenommen hatte. Sein Gesundheitszustand verbesserte sich zusehends, und es machte auch wieder Spaß, sich mit ihm in Gespräche zu vertiefen. Er entwickelte sich zu einer Persönlichkeit und gewann viel Selbstvertrauen. Im März 2009 war unser Sohn wieder selbstständig und begann mit einer enormen Ausstrahlung sein neues Leben. Er ist seinen Weg gegangen und hat Kraft und Stärke bewiesen. Wir sind stolz auf das, was er in der vergangenen Zeit erreicht hat.

Mit diesen erfreulichen Nachrichten konnten wir unser Vorhaben zu Ende planen.

Unseren Weg müssen wir jetzt noch gehen, denn das, was man angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen.

„Der Weg ist das Ziel!“

Wir werden diese Strecke für uns und unsere Familie bewältigen.

In Santiago de Compostela werden wir danke sagen, weil wir eine starke Familie sind und jeder seinen Weg geschafft hat.

Ich bin fest davon überzeugt: Nur wer sich offen und ehrlich seinen Problemen stellt, wird seinen Weg finden und das Ziel erreichen. Wer seine Probleme verschweigt und nach außen den Eindruck erweckt, es sei alles in bester Ordnung, der hat seinen Weg noch nicht gefunden oder wird ihn vielleicht auch nie finden.

Volker

Was wäre ich ohne dich

So., 30. Aug. 2009 Anreise 1. Tag Hamburg - Bilbao

Das Abenteuer beginnt.

Unsere lieben Freunde Maike und Peter aus Flintbek holen uns pünktlich um acht Uhr mit ihrem Wohnmobil ab, um uns zum Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel zu bringen.

Welch ein Luxus! Wie kompliziert wäre es doch mit dem Flughafenbus Kielius geworden, der uns bis kurz vor Reiseantritt nicht mal eine 100%ige Zusage machen konnte, ob er unser Fahrrad überhaupt transportiert.

Im Flughafengebäude tragen Peter und Volker das gut im Karton des Fahrrad-Partners verpackte Rad auf einen Gepäckwagen, auf dem auch die vier Fahrrad-Gepäcktaschen Platz finden. Im Karton stecken zusätzlich mit dem Rad zwei Beutel mit unseren Schlafsäcken und Isomatten. Am Sperrgut-Schalter sagt man uns, wir mögen bitte erst einchecken und mit der Bordkarte wiederkommen. Gesagt, getan.

Wir haben noch reichlich Zeit bis zum Abflug und werden von einem Flughafen-Mitarbeiter für statistische Zwecke befragt. Vielleicht könnte der sich mal um den Transport von Fahrrädern zum Flughafen kümmern?!

Unser Flieger startet um halb zwölf, der Flug ist ein Traum. Freie Sicht über Deutschland und die grandiosen französischen Alpen, besonders beeindruckend ist Marseille von oben. Danach geht´s über das Mittelmeer zum Zwischenstopp in Palma auf der Insel Mallorca.

Von hier bei 26°C und Sonnenschein weiter nach Bilbao, übers wolkenfreie spanische Festland. Wow! Ich mache viele Fotos.

Nachmittags gegen halb fünf erreichen wir Bilbao. Am Schalter für normale Gepäckstücke erkundigen wir uns, wo man bitte Sperrgut abholen kann und werden zum drehenden Kofferband geschickt. Nicht an einer gesonderten Ausgabestelle?

Damit es auch durch die enge Öffnung auf das Drehband passt, wird der Karton von den Packleuten hinter dieser Öffnung ohne Rücksicht kraftvoll zusammengepresst und zerreißt laut. Wir hören es deutlich und fallen fast in Ohnmacht. Das kann doch nicht wahr sein!

Und da kommt es tatsächlich raus, mein schönes Fahrrad. Volker bekommt fast eine Herzattacke. Wütend wuchtet er es im zerfetzten Karton runter vom Band, das jetzt plötzlich auch noch stehen bleibt. Sogar das Notlicht blinkt auffällig rot. Das kommt dabei raus, wenn man so mit dem Gepäck umgeht, wir gucken uns vielsagend und Kopf schüttelnd an.

Ich schiebe die Gepäckkarre vor, wir holen das Fahrrad aus dem Karton und Volker baut es still mit ernstem Blick zusammen. Lenker richten, Pedalen anschrauben und Luft aufpumpen. Ich bewundere, wie ruhig er das auf einmal machen kann. Jetzt noch die vier dicken Gepäcktaschen einklinken, die inzwischen nach und nach auf dem Drehband ankommen, und wir sind endlich fertig. Den kaputten Karton stellt Volker einfach weiter hinten in der Halle an die Wand. So!

Draußen vor dem Flughafengebäude sollen Taxen warten, die auch Fahrräder transportieren, so sagte man uns vor fünf Tagen am Telefon.

Tja, ungefähr zwanzig Taxen stehen dort schön in Reih und Glied. Aber Räder transportieren? Bicicleta? No, kein Platz! Man müsste ja die Sitze umklappen, und dann könnte der Wagen auch noch schmutzig werden – das geht gar nicht!

Ob wir nicht die Reifen abbauen könnten, werden wir „mit Händen und Füßen“ gefragt. Oh no – bitte Finger weg vom Rad!

Dann nehmen wir eben einen Bus. Für 1,30 Euro pro Person, das Fahrrad fährt umsonst. Der Busfahrer ist wirklich sehr nett und sabbelt unaufhörlich in rasendem Tempo, denkt er etwa, wir verstehen auch nur ein Wort? Die paar Brocken Englisch zwischendurch sind auch nicht hilfreich.

In der Innenstadt steigen wir aus. Der Fahrer wartet bis alle Fahrgäste ausgestiegen sind, schließt seinen Bus ab und geht mit uns zusammen zu einer anderen Bushaltestelle, die weiter entfernt auf der gegenüber liegenden Straßenseite liegt. Er zeigt uns, wo genau der Bus Nr. 80 abfährt, der uns zur Jugendherberge bringen soll. Wir haben dort schon ein Zimmer für eine Nacht vorgebucht.

Nach nur drei Minuten kommt der Bus, aber auch hier: No bicicleta!

Langsam werden wir sauer. Wir halten einfach ein Polizeiauto an, sprechen Sie Englisch? Die Polizisten stellen zunächst ihr Fahrzeug ab, steigen in aller Ruhe aus und erklären uns dann höflich den Fußweg zur Jugendherberge: Nur den Berg hoch, ist nicht weit. Dann man los. Es geht lange bergauf, Volker schiebt das Rad zügig hoch.

An einer komplizierten Kreuzung frage ich mit meinem Stadtplan in der Hand lieber noch mal in einer Bäckerei nach. Die nette Verkäuferin holt ihre Brille, geht dann mit mir vor die Ladentür und zeigt uns den Weg. Gracias.

Unterwegs lassen wir uns kurz noch mal von drei kichernden Mädchen bestätigen, dass wir richtig sind. Oben auf dem Berg etwas versteckt, aber doch gut zu erkennen: Die Albergue von Bilbao.

Einchecken, Fahrrad in der Radbox anschließen, ins Zimmer gehen und ...plumps, erstmal setzen.

Es ist inzwischen schon sieben Uhr abends, in einer Stunde gibt´s Abendessen. Frühstück ist morgen um acht Uhr, aber das können wir leider nicht genießen, denn unser Bus nach Bayonne fährt schon um halb acht. Stattdessen stellt man uns ein Lunchpaket in Aussicht. Na, das ist doch was.

Abendbrot essen, duschen, schlafen.

Was für ein Tag!

Mo., 31. Aug. 2009 Anreise 2. Tag Bilbao - Saint-Jean-Pied-de-Port

Um sechs Uhr stehen wir in der Jugendherberge Bilbao auf, machen uns fertig und holen die beiden Lunchpäckchen an der Rezeption ab. Jedes enthält ein Brötchen, zwei Zwieback, eine Flasche Actimel und zwei Ecken Streichkäse. Das Fahrrad wird anschließend beladen und es geht los, zum Glück bergab, zum Bus-Bahnhof.

Die Tickets für die Fahrt nach Bayonne kosten 39,-€ für zwei Personen, unser Fahrrad fährt wieder mal umsonst. Um halb acht ist Abfahrt, nach drei Stunden Fahrt sollen wir unser Ziel erreichen.

Die entspannte Reise verläuft durch wunderschöne Landschaften. Wir sehen interessante Gebäude, viele Autobahnen, die über- und untereinander verlaufen, dazu reichlich verschiedene Brücken. Am schönsten ist es an der Atlantikküste, durch Biaritz und schließlich in Bayonne. Es ist heiß, blauer Himmel, Sommer in Südfrankreich.

In der Touristinfo bekommen wir eine gute Wegbeschreibung zum Bahnhof, der Zug nach Saint-Jean-Pied-de-Port soll um kurz vor zwölf abfahren. Der Kauf der Tickets wird leider zum Problem, denn der Automat nimmt nur Münzen an, die wir leider nicht haben. Der Shop und der Bäcker wollen kein Kleingeld wechseln, auch nicht, wenn man dort etwas einkauft.

Die Schlange an den Schaltern ist furchtbar lang, mir scheint, hier warten tausend Leute. Schaffen wir das in 25 Minuten? Ich schaue um die Ecke: Tatsächlich sind fünf Schalter geöffnet, und es geht flott voran. Hurra. Volker hütet inzwischen das Rad und trinkt dabei lauwarmen Kaffee.

Die kleine Bimmelbahn wartet schon, und wir bekommen mit dem Fahrrad einen Superplatz direkt neben der Kabine des Zugführers, hier ist nämlich der einzige Fahrradständer angebracht. Wir setzen uns mit dem Gepäck auf die Klappsitze daneben.

Das Beste: Es gibt nach vorne raus ein kleines Fenster, wir können also während der Fahrt auf die Gleise schauen. Wann kann man das schon mal?!

Die Bahn zuckelt langsam vorwärts, es ist eine großartige Strecke, und wir fühlen uns an die Flåmbahn erinnert, mit der wir im April 2007 in Norwegen fuhren.

Herrlicher Ausblick

Nach knapp eineinhalb Stunden erreichen wir St.-Jean. Puh, es sind 30°C, gut, dass wir aus dem stickigen Zug aussteigen können. Mit uns verlassen einige Fußpilger mit schweren Rucksäcken den Waggon.

In der steilen Gasse Rue de la Citadelle bekommen wir im Pilgerbüro detaillierte Auskunft über den Jakobsweg nach Santiago mit Plänen und Tabellen und eine Unterkunft für heute Nacht.

Unsere Pilgerpässe, die wir uns schon vor vier Monaten von der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e.V. aus Aachen zuschicken ließen, bekommen hier nun zum Start unserer Pilgerreise ihren ersten wichtigen Stempel. Eigentlich ist es der zweite Stempel im Pass, denn den ersten drückte die Jakobus-Gesellschaft selbst schon beim Ausstellen des Credencials del Peregrino hinein.

Außerdem ist neben Namen und Anschrift auch die Personalausweis-Nummer des Pilgers im Pass vermerkt. Ebenso wird festgehalten, ob der Pilger zu Fuß, per Fahrrad oder mit einem Pferd unterwegs ist.

Der Pilgerpass berechtigt die Benutzung aller Pilger-Einrichtungen für eine Nacht und ist das wichtigste Dokument der Pilgerschaft. Eine zweite Nacht wird nur bei Krankheit oder höherer Gewalt akzeptiert.

Beim Einlass in eine Unterkunft legt man den Ausweis vor und bekommt einen Stempel. Ansonsten wird in Kirchen und Klöstern entlang des Weges gestempelt. Alle diese Stempel dienen zum Nachweis, dass man den Jakobsweg mindestens die letzten 100 km vor Santiago zu Fuß oder die letzten 200 km mit dem Fahrrad oder zu Pferd zurückgelegt hat. Nur dann wird die Pilgerreise am Ziel in Santiago de Compostela offiziell anerkannt, und man erhält nach Vorzeigen des Passes die begehrte Pilgerurkunde, die Compostela.

In der Kathedrale von Santiago de Compostela werden die sterblichen Überreste des Apostels Jakobus in der Krypta aufbewahrt. Man sagt, durch den Gang dorthin wird dem Pilger am Ende der Pilgerreise die Absolution erteilt.

Die Jakobsmuschel ist das Symbol der Pilgerschaft. Eine der vielen Erklärungen zur Muschel ist diese: Im Mittelalter pilgerte man, nachdem man schon Santiago erreichte, noch weiter zum Kap Finisterre, das 90 km entfernt an der Atlantikküste liegt, obwohl die Pilgerreise mit dem Besuch des Apostelgrabes in Santiago abgeschlossen war. Das mystische Felsenkap Finisterre wurde schon vor 2500 Jahren als das Ende der Welt angesehen. Die Mönche brachten damals nach Erreichen des Strandes eine Muschel mit zurück in die Heimat als Zeichen, dass sie dort gewesen sind.

Wir suchen uns nun unsere Jakobsmuscheln aus einem Körbchen voller verschiedener Muscheln aus.

In derselben Straße des Pilgerbüros, in Haus Nr. 21, finden wir das genannte Refugio, das auch Fahrräder unterstellt.

Durch eine schmale Tür gelangen wir ins dunkle schön kühle Gewölbe. Am Ende des Gangs, in einer kleinen Diele, steht am überfüllten Schreibtisch eine Dame, die sich grade mit zwei Franzosen bespricht.

Als ich an der Reihe bin, will auf Englisch fragen, ob zwei Betten frei sind, da fragt sie mich auf Deutsch, ob ich aus Deutschland sei. Anita ist auch Deutsche, herrlich, wir verstehen uns.

Nachdem die Franzosen eingecheckt haben, zeigt Anita uns den Platz im Garten für das Fahrrad. Wir zahlen 30 € für zwei Personen für Übernachtung mit Frühstück ab sechs Uhr und, wenn wir möchten, können wir noch Abendessen für je 10 € bekommen. Das wird dann im Garten um 20 Uhr für alle serviert.

Eingangstür unserer Herberge

Unser vier-Bett-Zimmer liegt im ersten Stock, wir können es mit den beiden jungen Franzosen teilen, wenn es mir als Frau nichts ausmache, lacht Anita. Sie zeigt uns noch die WCs und Duschen und widmet sich wieder neuen Gästen.

Schnell suchen wir unsere Betten aus, machen uns kurz frisch und ziehen erstmal los, um uns den Ort anzusehen, denn so schnell werden wir wohl nicht wieder hierher kommen.

Ach ja, gleich neben unserer Herberge gibt es ein kleines Weinlokal, sagt uns noch der Herbergsvater Eric, mit leckerem Wein, aber auch gutem Kaffee. Das ist doch was für Volker.

In den kleinen Gassen geht es recht turbulent zu. Ein Souvenirladen steht neben dem anderen, Cafeterias und kleine Restaurants reihen sich dicht aneinander und viele viele Pilger, wohin man schaut. Wir finden einen schattigen Platz zum Kaffee trinken und Leute gucken.

Später am Nachmittag fallen wir lang auf unser Bett und erwarten gespannt den kommenden Tag:

Wir sind angekommen, um loszugehen.

Bis zum Abendessen ruhen wir uns hier aus und bereiten noch die Klamotten für morgen vor.

Für ihre Gäste kocht Anita selbst. Im Garten sind für das Abendessen zwei lange schmale Tische für 15 Personen hintereinander gestellt und nett eingedeckt. Außer uns sitzen dort nur Franzosen. Es gibt Gazpacho, die einfach köstlich schmeckt, anschließend eine Art Gulasch mit Kartoffeln gemischt, lecker und reichlich. Dazu viel Weißbrot, Wein, Wasser und kleine Schälchen mit Knabbergebäck.

Nach dem Essen spielt Sebastian, einer der beiden jungen Franzosen aus unserem Zimmer, auf seiner Gitarre. Zwei ältere Pilger singen dazu das berühmte französische Pilgerlied, das man in Frankreich schon in der Schule lernt:

Tous les matins nous prenons le chemin,

tous les matins nous allons plus loin,

jour après jour la route nous appelle,

c´est la voix de Compostelle.

Anita übersetzt leise für uns:

Jeden Tag nehmen wir den Weg,

jeden Tag laufen wir weiter, weiter, weiter,

Tag für Tag ruft uns der Weg,

es ist die Stimme von Compostela.

Nach der musikalischen Einlage kommen wir mit den beiden Zimmernachbarn ins Gespräch. Sie staunen nicht schlecht, als sie hören, dass Volker den Weg nach Santiago laufen will. Sie selber sind Gelegenheitsjogger und haben somit etwas Ahnung von Kondition und Belastung.

Die beiden haben sozusagen Halbzeit hier in St.-Jean, erzählen sie. Sie pilgerten bis hierher tatsächlich schon ca. 750 km durch Frankreich. Ich blicke nachdenklich in die Runde, alle diese Menschen sieht man wahrscheinlich nur einmal, evtl. morgen auf dem Camino nochmal, aber man kennt sich überhaupt nicht und verbringt so einen netten Abend miteinander. Das ist schon etwas Besonderes.

Es ist noch unglaublich warm, aber ziemlich schnell dunkel - eine ungewöhnliche Stimmung.

Wir wünschen allen „Buen Camino“ und liegen kurz nach neun Uhr im Bett, schließlich gibt es um sechs Uhr Frühstück.

Danach soll unser Pilgerlauf beginnen.

Di, 1. Sept. 2009 1. Etappe St. Jean-Pied-de-Port - Burguete 30 km

Pünktlich um sechs Uhr wartet das Frühstück in der Küche auf uns. Auf einem großen Tisch stehen Instantkaffee, Milch, Nesquick, Butter und Marmelade, dazu reichlich knusprige Baguettebrote.

Zunächst sind wir alleine, erst langsam trudeln nach und nach die anderen Pilger mit munterem Gesabbel ein.

Wir verstauen alle Gepäcktaschen am Rad und verabschieden uns kurz. Anita sehen wir nicht, sie ist wohl, nachdem sie das Frühstück bereitet hatte, wieder zu Bett gegangen.

Gegen halb acht schieben wir los, allmählich wird´s hell. Bereits jetzt sind es 18°C, ob es wieder so heiß wird wie gestern?

Unser Plan sieht vor bis mittags nach Roncesvalles über den Cisa-Pass zu kommen, das sind 27 Kilometer. Von dort möchten wir weiter bis nach Zubiri, nochmals 20 km. Auf relativ flachem Gelände ist diese Entfernung für uns grundsätzlich kein Problem, aber auf dem Jakobsweg hat man nach unseren Infos bis Roncesvalles einen Höhenunterschied von etwa 1300 m zu bewältigen.

Das ist uns durchaus bewusst, und dennoch wollten wir vor Antritt der Reise nicht zu viele Details und Erfahrungen anderer hören bzw. lesen, sondern alles auf uns zukommen lassen, wollen uns selbst ein Bild machen.

Nun also geht es in die Pyrenäen.

Zuerst ziehen wir noch fröhlich und motiviert an einigen Fuß-Pilgern vorbei und grüßen höflich. Aber es wird steiler und steiler.

Nach den ersten zehn Minuten sind wir schon durchgeschwitzt, der Puls ist auf geschätzte 200, denn wir beide schnaufen und schieben zusammen das Rad den steilen Weg hoch, an Laufen und Radeln ist überhaupt nicht zu denken. Dabei sind wir noch nicht mal ganz aus dem Ort heraus, wieso sagt uns das denn keiner?

Auf einem schmalen Viehtriebsweg nimmt Volker schließlich die schweren hinteren Gepäcktaschen ab, trägt sie auf einem Grasweg bis zur Serpentinenkurve hoch und kommt zurück. Gemeinsam schieben wir nun das Fahrrad, sonst haben wir keine Chance überhaupt voranzukommen.

Ich fühle mich gar nicht wohl, irgendwie gefangen, wie eingeschlossen, am langen Band festgebunden, denn es gibt nur diesen Weg nach oben, man kann nicht abbiegen und zurück wollen wir ja auch nicht. Dazu drückt diese neblige Stille um uns herum auf´s Gemüt. Nein, wirklich, unseren Start auf dem Jakobsweg habe ich mir anders vorgestellt.

Nach einer knappen Stunde und acht Kilometern körperlicher Schwerstarbeit gibt es eine Wasserstelle, ein kleiner Brunnen steht an der Straßenseite. Kurz vorher rücken unsere Zimmernachbarn Sebastian und Alexander immer näher und wundern sich. Am Abend zuvor erzählten wir noch, dass Volker „running“ wollte und ich „by bike“ - und nun sehen sie, wie wir uns den Berg hinauf mit insgesamt fünf Gepäckstücken und einem Fahrrad abmühen.

Alexander ist nicht davon abzubringen, mich mit dem fast senkrecht hoch schiebenden Rad zu fotografieren.

Erst haben wir noch recht gute Sicht, vor allem zurück ins Tal: Das alles haben wir schon geschafft. Aber leider wird es zunehmend nebliger.

Zehn Kilometer weiter in ca. 770 m Höhe befindet sich das Refuge Aubergue d´Orisson, mit einer Möglichkeit zu essen, zu trinken und auch die Toilette zu benutzen.

Bei der Bestellung von Volkers Tee am Tresen sehe ich ein Taxi-Rufnummer-Kärtchen und frage, ob ich Gepäck transportieren lassen könnte, ich hab soo keine Lust mehr.

Der französische Wirt schert sich den Teufel um meine englischen Worte und brabbelt unhöflich Französisch daher.

Ich kapiere gar nichts, vermute eine Absage und setze mich zu Volker raus.

Unser Herbergsvater Eric hält mit dem Auto bei uns, fragt nach unserem Befinden und tröstet: Nur noch etwa vier bis fünf Kilometer steigt der Weg an, dann sei das Schlimmste überstanden und es ginge flacher und bergab weiter.

Hab keinen Bock mehr ...

... nur noch 765 km

Eine junge Französin kommt zur Pause, sieht mein Rad und fragt verdutzt, ob ich diesen schrecklich steilen Weg damit wirklich hergekommen sei. Ich bestätige ihr das, und wir beide müssen lachen, dann geht sie recht fröhlich weiter ihren Weg.

Wir essen Bananen und Äpfel, das tut uns ganz gut.

Es wird tatsächlich so, wie Eric sagte: Volker kann streckenweise gut laufen und ich Rad fahren ohne zu schieben.

Auf dem Weg treffen wir unsere Zimmernachbarn wieder, die auch an dem Refugio pausierten. Dazu einen witzigen Franzosen, der sehr gemütlich daher geht und sich über uns beide etwas zu amüsieren scheint. Lacht er über uns?

In ca. 1200 m Höhe nach ungefähr 18 km ist ein zweiter Brunnen, davor das Schild: Bis Santiago de Compostela 765 km.

Hier begegnen wir dem netten jungen Mann aus Venezuela, den wir vorhin überholten und der an uns (schiebend) anschließend wieder vorbei ging. Immer mit einem Lächeln.

Bei Keksen, Bananen und Wasser machen wir im Sitzen (tut das gut!) Rast am Brunnen und unterhalten uns mit dem Venezueler. Drei Radler mit ihren Mountainbikes kommen dazu und zeigen großes Interesse an meinem Rad, besonders an der Gangschaltung. Als ich frage, wann sie denn in St.-Jean gestartet seien, antworteten sie: Erst gegen neun Uhr, schließlich sind sie Spanier. Ich staune, dass sie jetzt schon hier sind. Na ja, ich habe wohl doppelt so viel Gepäck geladen.

Wir fahren nun ab, winken dem Venezueler, die drei Spanier rufen: „See you in Zubiri!“ Ja, klar doch...!

Inzwischen haben wir die spanisch-französische Grenze überschritten, verfolgen sie noch ein kurzes Stück, aber so richtig merkt man von einer Landesgrenze hier auf einem Fuhrweg nichts. Nur ein Schild „Navarra“ weist darauf hin, dass wir jetzt Spanien erreicht haben.

Den nun folgenden Schotterweg durch die Pyrenäenlandschaft kann ich ganz gut fahren und Volker auch laufen.

Drei Kilometer weiter sitzen am Wegrand unsere Zimmernachbarn. Hey hallo! Als wir bei ihnen einige Minuten stehen, radeln die drei Mountainbiker an uns vorbei; Mann, sind die flott.

Diese Wege sind furchtbar holprig, mein Rad tut mir so leid. Auch der Nebel geht nicht vorbei, von wegen tolle Aussicht! Nix zu sehen, echt schade.

Bei einem erneut recht steilen Streckenabschnitt muss Volker wieder beim Schieben helfen, und da man höchstens dreißig Meter Sicht hat, weiß man nicht, wie lange die Steigung wohl anhält.

„Der Berg will mich wohl verarschen...!“ (O-Ton Volker)

Aber weiter oben schiebt auch einer der durchtrainierten Mountainbiker, ab und zu hält er an, schaut zurück und winkt uns zu.

Diese feuchte Höhenluft gibt einem ja den Rest, ich hab das Gefühl, als sei ich inzwischen drei Mal klinisch tot; meine Beine machen überhaupt nicht mehr, was sie sollen, dazu steigt der Puls auf gefühlte 1000!

Lustig sind unterwegs die Schafe, Kühe und Pferde mit ihren Glocken am Hals, sie laufen völlig frei umher und grasen, wo sie wollen.

Gegen ein Uhr mittags erreichen wir endlich den Cisa-Pass in 1430 m Höhe und bleiben stehen.

Volker schnauft völlig erledigt: “So eine Qual!“

„Das war für all unsere Fehler!“ rutscht es mir raus, ohne lange nachzudenken, und ich meine damit die in unserem Leben bisher gemachten Fehlentscheidungen und falschen Reaktionen.

Ab hier gibt es außer dem Wanderweg-Camino zusätzlich eine Abkürzung, den Ibañeta–Pass. Diese Asphaltstraße verläuft in Serpentinen bis auf 900 m Höhe runter, dort liegt der Ort Roncesvalles. Die nehmen wir lieber als den unwegsamen Camino. Wir ziehen uns Laufjacken über, denn aus dem Nebel wird zunehmend fieser Nieselregen, dazu pfeift ein recht kalter Wind.

Wir beide verabreden, dass jeder die Straße in seiner Geschwindigkeit nimmt und wir unten am Ende aufeinander warten wollen.

Volker läuft los, ich rolle in Dauerbremsung hinterher, beide Hände fest am Lenker. Das Gepäckgewicht drückt ganz schön heftig aufs Tempo. Zwischendurch stoppe ich, um eine lange Hose, T-Shirt und Cap überzuziehen, denn es regnet nun mehr, und der unangenehme Wind wird stärker.

Auf dieser fast fünf Kilometer langen Abfahrt über den Ibañeta-Pass überhole ich noch einige Wanderpilger und komme an einer kleinen Wallfahrtskapelle vorbei. Ziemlich weit unten treffe ich dann Volker, dem dieser Lauf richtig gut tat.

An der Hauptstraße begegnen wir der kleinen Französin, die oben so erstaunt war, dass ich mit dem Rad die steile Strecke fahre. Sie vergleicht ihre Streckenpläne mit meinen und ist noch unsicher, welchen Weg sie nehmen soll. Sie möchte noch nachdenken, wir verabschieden uns.

Nun geht´s geradewegs die eineinhalb Kilometer nach Roncesvalles. Gegen halb drei erreichen wir das alte Klostergelände.

Bereits vor langer Zeit war dieser Pass hierher einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen. Karl der Große wählte diesen Pyrenäen-Übergang für seinen Spanienfeldzug. Aber auch für Pilger aus Frankreich war das Kloster Roncesvalles von 1132 mit seinem großen Spital eine wichtige Station.

Die Abtei hat einen schönen Kreuzgang und ein Museum mit Klosterschatz kann besichtigt werden. Die Touristinformation wurde im Gebäude des alten Pilgerhospizes (17.Jh.) unterhalb der Abtei eingerichtet. Die große Klosterherberge, Albergue de la Real Colegiata de Roncesvalles, kann bis zu 110! Pilger beherbergen, für fünf Euro pro Nacht. In einem der gewaltigen Klostergebäude befindet sich heute ein exklusives Hotel, die Übernachtung kostet dementsprechend.

Die gesamte Anlage möchte ich später unbedingt noch fotografieren, aber jetzt nehmen wir jeder eine Gepäcktasche mit in das Restaurant und legen uns im engen Waschraum erstmal trocken.

Tut das gut, nun kann man wieder klar denken.

Es wird zum Glück Pilgermenü angeboten mit Vorspeise und Dessert, dazu Brot, Wein und Wasser für kleines Geld, uns knurrt fürchterlich der Magen. Nach dem Essen bleiben wir im Restaurant in der Wärme sitzen und ruhen aus.

Der Wirt, der unsere Pilgerpässe stempelt, brabbelt hinter seiner Theke pausenlos in einem rasenden Tempo Spanisch daher, das machen wohl alle hier.

Wir überlegen: Bleiben wir hier und gehen morgen weiter oder wollen wir jetzt weiter nach Zubiri, das sind von hier aus noch 22 km?

Im Pilgerbüchlein wird geblättert, die Strecke dahin soll nicht so steil sein, wie der Weg hierher. Eigentlich sind wir recht geschafft, aber wie sieht es nach einer gründlichen Pause aus? Gibt es spät am Abend dann noch ein Bett für uns? Und es muss dringend Wäsche gewaschen werden. Außerdem, wie soll das denn für die Gesamtstrecke weitergehen, wenn wir schon am ersten Tag nur die Hälfte der geplanten Etappe machen, fragt Volker laut.

Unsere Entscheidung steht fest: Hier übernachten und morgen weiter machen. Punkt.

Nebenan ist die Touristinformation, ich frage nach einer Unterkunft für die kommende Nacht. Alle Hostals sind bereits belegt, die Jugendherberge ist sowieso schon geschlossen (Spaniens Ferien sind vorbei), und nur die riesige Pilgerherberge gegenüber mit gestapelten Betten hat noch was frei. Der lustige junge Mann von unterwegs spricht mich an, es gäbe auf diesem Gelände doch das Hotel, aber es stellt sich raus: Auch ausgebucht.

Der Wirt bekommt das Ganze offenbar mit und fragt uns etwas auf Spanisch. Die junge Kellnerin spricht zum Glück Englisch und kann übersetzen: Er empfiehlt uns, es zwei Kilometer weiter in Burguete zu versuchen, dort gäbe es bestimmt eine Übernachtungsmöglichkeit. Im Gästeverzeichnis lesen wir die Beschreibung eines Hostals, und die Kellnerin ruft dort auf unsere Bitte hin an, um sich nach einem Doppelzimmer zu erkundigen. Ja, es ist eines frei.

Der Klopfer des Tages: Der Wirt bietet lachend an, uns dorthin zu fahren. So laden wir schnell unser Gepäck in sein Auto, ich setze mich mit rein, und Volker radelt hinter uns her, immer geradeaus ins Dorf Auritz/Burguete.

Unser Retter beobachtet Volker im Rückspiegel und hält sein Tempo so, dass Volker gut folgen kann. Dazu schaltet er das Warnblinklicht an und hat einen Heidenspaß. Er sabbelt die ganze Zeit ununterbrochen und lacht. Dazu zeigt er mir stolz den Camino, der genau parallel zur dieser Straße rechts durch den Wald verläuft. Wir passieren das bekannte Rolandskreuz, ein Steinkreuz der Gotik, das ich im Wanderführer schon bewunderte und unbedingt davon ein Foto machen wollte. Nun rollen wir daran vorbei – es gibt leider kein Foto. Ach, da fällt mir ein, ich wollte doch die Klosteranlage noch fotografieren, das habe ich total vergessen. Jetzt ärgere ich mich aber.

Im Hostal angekommen trägt der Wirt uns noch die Gepäcktaschen rein und winkt beim Abschied.

Der Besitzer ist ein bierernster unfreundlicher Mensch und spricht stur nur Spanisch oder Französisch. Den Zimmerschlüssel gibt er uns ohne Erklärung, wo das Zimmer sei, und als Volker das Fahrrad erwähnt, zeigt er nur stumm mit dem Arm einen großen Halbkreis. Wir sollen uns denken, dass das Rad draußen um das Haus herum abgestellt werden kann. Dann dreht er sich weg und setzt sich auf seinen Küchenstuhl.

Draußen vor dem großen Gartentor wartet Volker auf ihn und wartet und wartet. Nach einer Weile kommt er rein und fragt nach, wo der Wirt denn bleibt. Aber der hat sich von seinem Platz überhaupt nicht gerührt. Volker macht einfach selbst das große Tor auf, und wir schließen das Rad am Hinterhaus an.

Im Zimmer ist es einigermaßen nett, wir waschen Wäsche im Bad und machen es uns gemütlich. Anschließend suchen wir im Ort nach einem Supermarkt und stehen leider vor verschlossener Tür. Es muss also bei einem mageren Abendbrot von vier Äpfeln und sechs trockenen Keksen bleiben. Aber Pilger teilen gerecht, auch den letzten Schluck Selter.

Dann versuchen wir mit unserem mitgebrachten Reise-Tauchsieder heißes Wasser für einen Cappuccino herzustellen, aber das uralte Gerät, das ich in Mamas Keller kurz vor der Abreise fand, haut uns tatsächlich zwei Mal den FI-Schalter der Verteilung komplett raus. Wie gut, dass die Notbeleuchtung sofort funktioniert und der Verteilerkasten draußen im Flur hängt.

Es ist doch immer wieder praktisch einen Elektroinstallateur bei der Hand zu haben!

Tja, aus der Traum vom Heißgetränk. Hätte uns so gut getan.

Hier im Hostal gibt es morgen erst um acht Uhr Frühstück, wir möchten aber wieder um sieben starten.

Aus meinem Spanisch-Deutsch-Wörterbuch schreibe ich deshalb einige Brocken auf einen Zettel, zeige den dem Wirt. So weiß er, dass wir nicht frühstücken werden, aber das Rad um sieben Uhr abholen. Er gibt mir zu verstehen, dass er inzwischen das Fahrrad im Schuppen untergebracht hat und wir es morgen früh dort rausholen können.

Na, dann danke.

Kaum Abendbrot, kein Frühstück - das macht richtig Mut.

Vorhin beim Ortsrundgang sahen wir eine kleine Panaderia, die ab halb acht geöffnet hat. Die werden wir morgen früh ansteuern.

Wieder ist ein aufregender Tag vorüber!

Mi, 2. Sept. 2009 2. Etappe Burguete - Pamplona 46 km