Was wir Glück nennen - Jan Steinbach - E-Book
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Was wir Glück nennen E-Book

Jan Steinbach

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Beschreibung

Auf der Suche nach dem, was uns glücklich macht.

Lüneburg, 1961. Im Rathaus der Stadt restauriert Monika Hansens Vater alte Kulturgüter. Auch Monika arbeitet mit, doch niemand soll davon erfahren – eine Frau habe im Handwerk nichts zu suchen, heißt es. Und während ihr Bruder Wolfgang davon träumt, gegen den Willen des Vaters bei einer Beatband in Hamburg zu spielen, kämpft Monika um das Recht, einen Beruf zu ergreifen.

Jahrzehnte später stößt die Restauratorin Jordis auf Geheimnisse, die ihre verstorbene Großmutter betreffen, und muss sich fragen: Wer war diese Frau wirklich? 

Die Geschichte einer Familie zwischen der malerischen Kulisse Lüneburgs und der Hamburger Musikszene der Sechziger.

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Seitenzahl: 474

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

Lüneburg, heute: Als sie an einem großen Projekt im Rathaus der Stadt arbeitet, stößt die Restauratorin Jordis auf Ungereimtheiten, die auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun haben.

Lüneburg, 1961: Der Familienbetrieb Hansen tritt seinen bislang wichtigsten Auftrag an. Auch die Tochter Monika hilft bei der Restaurierung der Renaissance-Werke; nichts liebt sie nichts mehr, als die Kunst der alten Meister wieder zum Leben zu erwecken – auch wenn niemand davon erfahren darf: Eine Frau als Restauratorin ist unvorstellbar, ihr Bruder Wolfgang soll den Betrieb übernehmen. Doch dessen Herz schlägt für die Beatmusik, er will nach Hamburg gehen, wo die Beatles auf der Reeperbahn gerade ihren Durchbruch erleben. Um ihre Träume Wirklichkeit werden zu lassen, müssen beide Geschwister große Risiken eingehen – mit dramatischen Folgen … 

Ein einfühlsamer Roman über den Mut, einen eigenen Weg zu gehen.

Über Jan Steinbach

Jan Steinbach, geboren 1973, ist das Pseudonym eines erfolgreichen deutschen Schriftstellers, den es in seinen Romanen stets an norddeutsche Küsten und Landstriche verschlägt und der sich mit „Was wir Glück nennen“ den Traum verwirklicht hat, seine Lieblingsstadt im Norden literarisch zu besuchen: Lüneburg.

Bei Rütten & Loening und im Aufbau Taschenbuch liegen von ihm die Romane „Willems letzte Reise“, „Das Café der kleinen Kostbarkeiten“, „Das Strandhaus der kleinen Kostbarkeiten“ und „Die Schwestern von Marienfehn“ vor.

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Jan Steinbach

Was wir Glück nennen

Roman

Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Prolog — Herbst 1962

Kapitel eins — Heute

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier — September 1961

Kapitel fünf

Kapitel sechs — Heute

Kapitel sieben

Kapitel acht — Oktober 1961

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf — Heute

Kapitel zwölf — April 1962

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn — Heute

Kapitel sechzehn — April 1962

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn — Heute

Kapitel zwanzig — Mai 1962

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Kapitel fünfundzwanzig — Heute

Kapitel sechsundzwanzig — Juni 1962

Kapitel siebenundzwanzig

Kapitel achtundzwanzig

Kapitel neunundzwanzig

Kapitel dreißig

Kapitel einunddreißig

Kapitel zweiunddreißig

Kapitel dreiunddreißig

Kapitel vierunddreißig — August 1962

Kapitel fünfunddreißig — Heute

Kapitel sechsunddreißig — September 1962

Kapitel siebenunddreißig — Heute

Epilog — Herbst 1971

Nachbemerkung

Impressum

Prolog

Herbst 1962

Etwa zwei Dutzend Menschen waren zur Feierstunde in die Große Ratsstube des Lüneburger Rathauses gekommen. Ratsherren und deren Gattinnen, Mitarbeiter der Landesbehörde und hochstehende Persönlichkeiten der Stadt. Lauter arrivierte Herren in Anzügen, mit Wohlstandsbäuchen und Hornbrillen, von denen Monika, obwohl sie schon länger als ein Jahr in Lüneburg lebte, so gut wie niemanden kannte.

Sie stand abseits, dicht an den wuchtigen Wandvertäfelungen. Kaum jemand achtete auf sie, trotzdem fühlte sie sich unwohl. Sie gehörte nicht hierher.

Wäre doch nur Wolfgang da, dachte sie. Ohne ihren großen Bruder wusste sie nicht, wie sie all das überstehen sollte. Sie waren ihr Leben lang füreinander da gewesen. Kein anderer stand ihr so nahe. Doch ausgerechnet jetzt hatte er sie im Stich gelassen. Sie wusste zwar, er konnte nicht anders. Trotzdem war es ein bitteres Gefühl, dass er, als sie ihn am dringendsten brauchte, nicht da war.

Die Gäste wandten sich dem Stadtdirektor Doktor Priggen zu, der vortrat. Er zeigte ein breites Grinsen, als wären solche Ansprachen für ihn mehr Spiel als feierlicher Ernst.

»Verehrte Damen und Herren«, begann er und breitete die Arme aus. »Nehmen Sie sich Zeit, schauen Sie sich um. Werfen Sie einen Blick zur Decke. Es lohnt sich.«

Als hätte dies nicht jeder im Raum längst getan, reckten alle die Köpfe und bewunderten die frisch renovierte Ratsstube des Lüneburger Rathauses. Die Schnitzarbeiten der Renaissance, die allegorischen, bildgewaltigen Ölgemälde und vor allem die wiederentdeckten kunstvollen Deckenmalereien.

»Wenige Jahre ist es her«, sprach der Stadtdirektor weiter, »da wurden unter den Farb- und Schmutzschichten an dieser Decke die Originalmalereien aus dem sechzehnten Jahrhundert entdeckt. Ein verborgenes Meisterwerk, mit dem niemand gerechnet hatte.«

Mit großer Geste wies er auf Monikas Vater.

»Und nun, dank der kundigen Arbeit unseres hochverehrten Restaurators Heinrich Hansen und seiner Familie, konnte diese Historie wieder lebendig werden. Mit Fingerspitzengefühl und fundiertem Kunstverstand wurde alles freigelegt. Einen Applaus für unseren Restaurator, wenn ich bitten darf. Herr Hansen!«

Die geladenen Gäste klatschten wohlwollend. Monika sah, wie ihr Vater sich von der Bank erhob, eine Verbeugung in mehrere Richtungen andeutete und sich wieder setzte. Das Lächeln, um das er sich bemühte, wirkte falsch und erzwungen. Er war blass, sein Gesicht schien eingefallen. Es kostete ihn Mühe, dieses Schauspiel zu Ende zu bringen, das war deutlich zu erkennen.

Der Stadtdirektor redete weiter, doch Monika hörte kaum mehr zu. Ihr Blick wanderte zu dem verhangenen Gemälde, das hinter ihm aufgebaut war. Unter dem Stoff lag das Monumentalgemälde der Renaissance verborgen, ebenfalls frisch restauriert. Das Bildnis des gerechten Richters, wie es genannt wurde, obwohl kein eindeutiger Name überliefert war. Dieses Gemälde voller Rätsel und Geheimnisse, von dem Monika jeden einzelnen Millimeter kannte. Es hatte sie über Monate begleitet. Hatte ihr Glück, Trost und Zuversicht beschert. Und jetzt wünschte sie inbrünstig, es würde unter den weißen Stoffbahnen verborgen bleiben.

»Bevor wir uns der Kuchentafel im Huldigungssaal zuwenden, verehrte Gäste«, sagte Doktor Priggen, »möchte ich mich dem Höhepunkt der heutigen Feststunde nähern. Das Bildnis des gerechten Richters. Oder auch: Der Sieg der Tugend über das Laster, wie es von Kunsthistorikern genannt wird. Herr Hansen, wenn ich bitten darf?«

Ihr Vater erstarrte. Es war nicht abgesprochen, dass er das Bild enthüllen sollte. Und Monika glaubte kaum, dass er es als Ehre betrachten würde, diese Aufgabe zu übernehmen.

»Treten Sie vor, verehrter Herr Restaurator«, insistierte der Regierungspräsident. »Zeigen Sie uns, welches Schmuckstück die Stadt Lüneburg dank Ihrer Hilfe zukünftig präsentieren kann. Nochmals Applaus, wenn ich bitten darf.«

Unwillig erhob sich ihr Vater. Die Gäste applaudierten erneut. Er wandte sich der Menge zu, und für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke. Monika hielt den Atem an. Doch die Augen ihres Vaters blieben unergründlich. Dann trat er vor das Gemälde, um das Tuch fortzuziehen.

Sie wollte das Bild nicht sehen. Lautlos schlüpfte sie durch die Tür und floh hinaus in die Rathausdiele. Am liebsten wäre sie ganz aus dem Rathaus hinausgerannt. Aus der Stadt.

Von nebenan drangen Reden, es wurde geklatscht, vereinzelt sogar gelacht. Irgendwann öffnete sich die Tür, und die ersten Gäste schlenderten hinaus, um zur Kuchentafel zu gehen.

Ihr Vater kam auf sie zu und packte sie am Arm.

»Wir reisen ab, so schnell wie möglich.«

»Aber …«

Sie hatte gehofft, Wolfgang noch einmal zu sehen. Sich von ihm verabschieden zu können.

»Du tust, was ich sage. Keine Diskussion.«

Ihr Vater klammerte sich an die Rolle des Patriarchen. Sie war das Einzige, was ihn aufrecht hielt.

»Es ist alles erledigt«, bestimmte er. »Wir sind fertig.«

Er marschierte weiter, ohne sich nach ihr umzusehen. Monika zögerte, dann folgte sie ihm. Keiner merkte, wie die beiden sich davonmachten. Keiner rief sie zurück. Bürgerschaft, Presse, Verwaltung, sie feierten sich selbst und die Fertigstellung des Monumentalgemäldes. Dafür brauchten sie die Restauratoren nicht länger.

Es dauerte nur eine Stunde, bis sie in ihrer Unterkunft alles zusammengepackt und auf dem kleinen Lastwagen verstaut hatten. Monika schob zuletzt ihren Koffer und den ihres kleinen Bruders Helmut auf die Ladefläche. Wolfgangs Koffer ließ sie im Haus zurück. Er würde ihn später abholen kommen, wenn sie fort wären.

Sie hätte sich zu den anderen beiden ins Führerhaus quetschen können, doch wollte sie lieber hinter der Plane auf der Ladefläche sitzen. Es war ihr Stammplatz, den sie und Wolfgang stets eingenommen hatten, auf ihren Touren von Baustelle zu Baustelle.

Als sie hochkletterte, warf sie einen Blick auf das Patrizierhaus, in dessen Hinterhof sie ein Jahr lang gelebt hatten. Es schien niemand zu Hause zu sein. Die Fenster waren wie blinde Spiegel. Sie schlug mit der Hand gegen die Rückwand der Kabine, und ihr Vater startete den Motor.

»Hoffen wir, dass wir nie wieder zurückkehren«, war sein einziger Kommentar gewesen, als er ins Führerhaus geklettert war.

Der Motor startete knatternd, und der Lastwagen holperte los, über Kopfsteinpflaster und durch enge Gassen. Jenseits der Plane sah sie die Backsteinfassaden und die hochragenden Giebel der mittelalterlichen Stadt. Das Panorama verschwamm nach und nach hinter einem Tränenfilm. Sie ließ die Plane zurückgleiten und lehnte sich zurück.

Die Stadt wäre zukünftig ein weißer Fleck auf ihrer Landkarte. Sie würde ein neues Leben anfangen.

»Monika!«

Eine vertraute Stimme, draußen auf der Straße. Jemand rannte hinter dem Wagen her. Sie wusste, wer das war. Doch sie wollte ihn nicht wiedersehen, niemals mehr.

»Warte doch! Monika.«

Sie hielt den Atem an. Blieb reglos auf ihrem Platz sitzen, bewegte sich nicht.

»Jetzt warte doch!«, rief er wieder, doch der Lastwagen nahm an Fahrt auf und die Rufe entfernten sich. Bald verschwanden auch die anderen Geräusche der Stadt. Das Rattern des Motors und das Rumpeln des Wagens auf der Landstraße betäubten ihre Ohren.

»Wir können uns doch unsere Wünsche erfüllen«, hatte Wolfgang zu ihr gesagt. »Wir können alles sein, was wir uns erträumen. Wir müssen nur dafür kämpfen, siehst du das nicht, Monika? Wir müssen kämpfen.«

Es war eine Lüge gewesen. Ihre Träume würden sich niemals erfüllen. Sie wollte alles vergessen. Der Lastwagen ratterte weiter, und mit jeder Sekunde entfernte sie sich weiter von dem, was sie für Wolfgang empfunden hatte. Schlug eine unbekannte Richtung ein, in ihr neues, zukünftiges Leben.

Kapitel eins

Heute

Vor ihr schwebte das Gesicht der Kanzelfigur, das Bildnis der Heiligen Jungfrau, das ihr nach wochenlanger Arbeit vertrauter war als das eigene Spiegelbild. Jordis brauchte eine ruhige Hand. Das Blattgold schimmerte im Licht der Scheinwerfer. Der kleinste Luftzug konnte ausreichen, alles zu ruinieren.

Sie betrachtete die Jungfrau. Dieser hintergründige, geheimnisvolle Blick, den sie von zahllosen Schichten Staub und Ruß befreit hatte, ruhte jetzt aufmerksam auf ihr. Du schaffst das, schien er zu sagen. Ich habe Vertrauen in dich, Jordis.

Sie führte die Pinselspitze mit dem Blattgold zur Corona und tupfte es mit einer einzigen, fließenden Bewegung passgenau in die Lücke. Sorgsam strich sie die Enden glatt und trat einen Schritt zurück.

Es saß perfekt. Die goldene Corona war geschlossen, das letzte Puzzleteil eingefügt. Sie ließ das mystische Gesicht in alter Schönheit aufleuchten. Jordis glaubte für einen Moment, die Madonna lächle sie an. Doch das war natürlich Einbildung.

»Chefin!«

Es kam ihr vor, als erwache sie aus einem Traum. Sie trat zurück, lehnte sich über das Geländer und blickte vom Gerüst hinunter in das Kirchenschiff.

Dort stand Florian, ihr Geselle.

»Chefin, hörst du mich überhaupt?«

»Du bist ja laut genug.«

»Es ist sieben Uhr. Das Abendessen wartet auf uns.«

Sie Chefin zu nennen, obwohl sie fast gleich alt waren, hatte er sich angewöhnt, seit sie vor Kurzem eine wichtige Auszeichnung als Jungunternehmerin bekommen hatte. Schon die zweite Ehrung in diesem Jahr, nach der Denkmalschutzmedaille. Sie machte sich einen Namen in der Restauratorenszene, es ging bergauf mit ihrer Werkstatt.

Indem Florian sie augenzwinkernd Chefin nannte, machte er sich zwar ein bisschen lustig über sie, aber das war eben seine Art Humor. Sie wusste, dass er mächtig stolz auf seine achtundzwanzigjährige Arbeitgeberin war und ihre Erfolge.

Jordis blickte auf ihre Armbanduhr.

»Tatsächlich«, murmelte sie. »Schon sieben Uhr. Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht.«

Die Madonna stand unverändert neben ihr, doch auf einmal spürte Jordis ihren steifen Nacken und die schmerzenden Beine. Florian holte sie im rechten Moment. Sie hatte mal wieder zu lange und beharrlich gearbeitet.

»Ich habe im Gasthof versprochen, dass wir pünktlich sind«, rief er hinauf. »Also, wie sieht’s aus? Kommst du?«

Sie merkte, wie hungrig sie war. Dennoch fiel es ihr schwer, sich von der Kanzelfigur zu trennen. Sie lächelte der Madonna zu. Gute Nacht, meine Schöne, dachte sie, als sie sich zur Kabeltrommel wandte und den Scheinwerfer abstellte.

Sie kletterte am Gerüst hinunter und sprang über die letzten Sprossen in den Altarraum. Die kleine Barockkirche war voller Malereien und Skulpturen, ein wahres Kleinod. Zwar arbeitete sie schon seit Wochen in diesen Räumen, trotzdem wusste Jordis, wie ihr das Kirchlein fehlen würde, wenn sie die Arbeiten beendet hätten. Ein so prachtvoller Ort wie dieser war voller Magie. Randvoll mit Geschichten, die sich über Jahrhunderte aufgehäuft hatten. Man musste nur lange genug hinsehen und lauschen, dann offenbarten sie sich einem.

»Dann wollen wir mal. Seit heute Morgen hab ich nichts mehr gegessen.« Sie massierte sich den Nacken. »Ich sollte öfter eine Pause einlegen.«

»Wie ich gehört habe, gibt es heute Leberknödelsuppe. Und danach Krautwickerl mit Salzkartoffeln.«

Die Köchin in ihrem Gasthof hatte einen sportlichen Ehrgeiz entwickelt, ihren norddeutschen Gästen die bayerische Küche nahezubringen. Vielleicht lag es daran, dass in der Nebensaison kaum Touristen da waren. Vielleicht war auch Florian dafür verantwortlich, der am ersten Abend in Anbetracht einer Speisekarte voll bayerischer Spezialitäten fragte, ob er auch Pommes mit Ketchup bekommen könne. Jedenfalls entwickelten sie sich langsam zu wahren Fans der bayerischen Küche.

»Zum Nachtisch gibt es Dampfnudeln«, sagte er.

»Dampfnudeln«, schwärmte Jordis. »Ich möchte hier nie wieder weg. Sicher findet sich noch irgendetwas in der Kirche, das wir restaurieren könnten. Und dann bleiben wir für immer.«

»Das machen wir«, lachte er und schob die schwere Kirchentür auf. »Bis wir dick und fett sind und aus allen Nähten platzen.«

Bevor sie hinaus auf den Kirchhof trat, sah Jordis noch einmal zurück zur Kanzelfigur. Über den leeren Bänken der Gemeinde strahlte die Jungfrau mit dem geheimnisvollen Gesicht im alten Glanz. Jordis lächelte zufrieden und wandte sich ab.

Florian bemerkte ihren Blick und durchschaute sie.

»Jordis Hansen, jüngste Trägerin der Denkmalschutzmedaille«, kommentierte er. »Ausgezeichnet mit dem Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege.«

»Ach, hör schon auf. Ich bin einfach zufrieden mit meiner Arbeit. Das ist doch was Gutes.«

»Ich mach ja nur Spaß, das weißt du doch.«

Florian war von Anfang an dabei gewesen, seit sie den Familienbetrieb der Hansens wiederbelebt hatte. Wenige hatten ihr zugetraut, an die Erfolge ihrer Vorfahren anzuknüpfen, geschweige denn sie zu übertreffen. Selbst innerhalb der Familie hatten alle geglaubt, sie würde nicht lange durchhalten. Ohne nennenswertes Startkapital, ohne Kontakte und Verbindungen, dafür aber mit einem angeknacksten Ruf in der Branche.

»Morgen erledigen wir die restlichen Arbeiten«, sagte sie, »und dann können wir zusammenpacken. Wir sind genau im Zeitplan.«

»Dann können wir endlich mal Urlaub machen.«

Sie versteifte sich ein wenig. Urlaub. Natürlich hätte sie allein reisen können, irgendwohin, wo sie am Meer liegen und Bücher lesen würde. Doch die Angst vor der Einsamkeit war zu groß. Sie kam nicht umhin, sich zu fragen, mit wem Jonas wohl diesen Sommer verbrachte. Ob es immer noch diese Frau war, mit der er sie betrogen hatte. Wie es ihm gehen mochte, wo er jetzt wohnte? Sie dachte an sein Lächeln, an seine Grübchen und das Aufblitzen in den grünen Augen, wenn er sich über etwas freute. Eigentlich sollte sie wütend auf ihn sein. Er hatte sie belogen. Sie sollte ihn dafür hassen. Doch alles, was sie fühlte, war Traurigkeit.

Sie versuchte, den Gedanken an ihren Ex beiseitezuschieben. Florian würde nur wieder damit loslegen, dass sie froh sein konnte, ihn los zu sein. Dass sie ihm keine Träne hinterherweinen sollte.

Er warf ihr einen Seitenblick zu. Irgendwie schien er zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. Er wollte etwas sagen, doch sie kam ihm zuvor.

»Habt ihr schon Pläne für den Urlaub, du und Cem?«

Cem war Florians Lebenspartner. Ein netter Kerl, der für ein Start-up Videospiele entwickelte.

»Wir gucken, ob wir kurzfristig einen günstigen Flug auf die Kanaren bekommen. La Palma wäre großartig zu dieser Jahreszeit. Und was ist mit dir?«

»Ach, ich habe noch nichts entschieden.«

»Du wirst doch deine freie Zeit nicht wieder zum Aufräumen und Saubermachen verschwenden?«

»Na ja, die Steuer muss dringend gemacht werden. Und … es wäre tatsächlich nicht schlecht, die Werkstatt mal wieder gründlich aufzuräumen.«

»Jordis! Du solltest dringend mal ausspannen und die Seele baumeln lassen. Was ist mit deinem Liebesleben? Da muss doch mal was Neues kommen.«

»O Gott. Vielen Dank, aber dafür habe ich wirklich keine Zeit.«

»Dafür hat man immer Zeit. Das ist doch das Wichtigste.«

»Ich habe einen Betrieb. Ich mache Karriere. Alles gleichzeitig geht nun mal nicht.«

»Was redest du für einen Quatsch. Wir nehmen dich mit auf die Kanaren. Da finden wir schon einen geeigneten Kandidaten für dich, versprochen.«

»Ganz bestimmt. Und Cem wäre sicher begeistert, wenn du deine Chefin mitbringst in den Pärchenurlaub.«

»Dann verkriech dich halt in der Werkstatt. Aber sieh dich wenigstens mal auf Tinder um. Hast du überhaupt ein Profil?«

Sie verdrehte die Augen. Sie hatte wenig Lust, über ihr Liebesleben zu diskutieren.

»Dann werden wir dir eins anlegen«, sagte Florian. »Das mache ich gern für dich. Wozu hast du mich?«

»Für mittelalterliche Fresken, hatte ich gedacht.«

»Jetzt hab dich nicht so. Wir sehen uns mal auf Tinder um für dich. Das macht Spaß.«

Sie erreichten das Hotel, das aussah wie einer bayerischen Touristenbroschüre entsprungen: mit weiß getünchten Wänden, hölzernen Balkonen und massenweise Geranien.

Jordis ging in ihr Zimmer, um schnell unter die Dusche zu springen. Anschließend nahm sie sich kurz ihr Laptop vor. Sie würde nur rasch die Mails abrufen, dann ginge es schnurstracks zum Essen. Sie rechnete jeden Tag mit der Antwort auf eine Ausschreibung, an der sie teilgenommen hatte.

Sie klappte den Computer auf und ging die Posteingänge durch. Nichts. Auch nicht bei den gestrigen Nachrichten. Eher aus Frust klickte sie sich durch den Spam-Ordner. Dann stolperte sie über den Absender: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Zittrig öffnete sie die Mail, überflog rasch die Zeilen, las alles ein weiteres Mal gründlich, um jeden Irrtum auszuschließen, sprang auf und stieß einen Freudenschrei aus. Dann lief sie hinunter in den Gastraum, wo außer ihr und Florian keine Gäste waren.

Florian stand am Tresen und sprach mit der Köchin über sein Lieblingsthema, die bayerische Küche, während die Suppe bereits auf dem eingedeckten Tisch am Fenster stand.

»Da bist du endlich.« Florian bemerkte ihr strahlendes Gesicht und stutzte. »Ist etwas passiert?«

»Wir haben den Auftrag!«, stieß sie hervor. »Ich habe Post aus Hannover. Wir haben den Zuschlag bekommen. Fürs Lüneburger Rathaus.«

»Lüneburg?«, fragte er ungläubig. »Das gibt’s doch gar nicht. Wir sind dabei?«

So ein Projekt war der Traum jedes Restaurators. Das Lüneburger Rathaus, das den einstmaligen Reichtum der Salz- und Hansestadt repräsentierte, war eines der größten mittelalterlichen Rathäuser in Norddeutschland. Da der Gebäudekomplex im Krieg unbeschädigt geblieben war, waren sämtliche Kunstschätze erhalten. Jordis kannte nichts Vergleichbares.

»Sind wir!«, bestätigte sie. »Wir restaurieren die Figur der heiligen Ursula.«

Das Standbild der Schutzheiligen schmückte einen Pfeiler der Gerichtslaube, des ältesten Teils des Rathauses, der aus dem frühen dreizehnten Jahrhundert stammte. Die Aussicht, an einem historisch so bedeutsamen Ort arbeiten zu dürfen, begeisterte sie beide.

»Das ist großartig, Jordis. Wahnsinn.«

»Hört sich an, als gäbe es was zum Anstoßen«, mischte sich die Köchin ein. »Ich schenk Ihnen ein Weißbier ein, wie es sich gehört.« Doch dann schien ihr bewusst zu werden, dass Weißbier nicht unbedingt das Passende für so einen Anlass war. »Oder mögen Sie lieber ein Glas Sekt? Wir hätten auch Champagner.«

»Wir trinken Weißbier«, verkündete Florian übermütig. »Und zwar das teuerste, das Sie auf der Karte haben.«

Die Köchin lachte, und die beiden setzten sich an ihren Tisch im Fenster. Trotz ihres Enthusiasmus schweiften Jordis’ Gedanken ab. Das erkannte auch Florian. Denn er wusste, was dieser Auftrag für sie persönlich bedeutete.

»Dann geht es zurück zu den Anfängen«, sagte er. »Die Restaurationswerkstatt Hansen kehrt nach Lüneburg zurück.«

»Nach all den Jahren«, stimmte Jordis zu. »Das ist beinahe so großartig wie die Tatsache, dass wir diesen Job überhaupt bekommen haben.«

Denn das Lüneburger Rathaus war der Ort, an dem der Ruf der Hansens einst begründet worden war. Jordis’ Urgroßvater, Heinrich Hansen, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Familienbetrieb wiederaufbaute, konnte in Lüneburg Anfang der sechziger Jahre einen wichtigen Auftrag ergattern: die Restaurierung alter Deckenmalereien aus dem Mittelalter. Und weil diese Arbeit zur großen Zufriedenheit der Geldgeber erfüllt worden war, war er anschließend beauftragt worden, ein bekanntes Monumentalgemälde im Rathaus zu restaurieren, ein allegorisches Gemälde, das dem Renaissancemaler Daniel Frese zugeschrieben wurde. Es war nicht nur der Durchbruch ihres Urgroßvaters als Restaurator gewesen, sondern gleichfalls sein Lebenswerk, das wichtigste Gemälde, das er restauriert hatte. Und nun, durch den Zuschlag bei der Ausschreibung, kehrte Jordis zu diesen Wurzeln zurück. Es fühlte sich an, als würde sich endlich ein Kreis schließen, als würde sie die Arbeit ihres Ahnen vollenden.

»Warst du schon mal im Lüneburger Rathaus?«, fragte Florian. »Hast du die Arbeit deines Urgroßvaters schon mal gesehen?«

»Ich habe es bisher nie geschafft, eine Schande eigentlich. Ich kenne nur Fotos davon. Ich bin so gespannt darauf, alles mit eigenen Augen zu sehen.«

»Ein Monumentalgemälde aus der Renaissance. Das ist schon was Besonderes.«

»Eines Tages machen wir auch so etwas. Warte nur ab.«

»Ich weiß nicht, ob das nicht eine Nummer zu groß für mich wäre.«

Die Köchin brachte zwei große Weizengläser und stellte sie auf dem Tisch ab. Mit leichtem Bedauern betrachtete sie die Suppenteller, die kaum angerührt waren.

»Schmeckt Ihnen die Leberknödelsuppe nicht?«

»Sie ist köstlich«, beeilte sich Florian zu sagen. »Das wissen Sie doch. Ich werde den Rest meines Lebens von der bayerischen Küche schwärmen.«

»Schon recht.« Sie stellte die Gläser ab. »Sie haben was zu feiern, richtig? Dann will ich nicht stören.«

Florian zwinkerte und blickte ihr nach, wie sie wieder in die Küche verschwand. Dann hob er das Glas, um mit Jordis anzustoßen.

»Auf Lüneburg. Auf die Geschichte der Familie Hansen.«

»Auf Lüneburg.«

»Wann soll es denn losgehen?«

Jordis, die gerade anstoßen wollte, hielt verlegen inne.

»Nun. Also, weißt du …«

»Jordis?« Er schlug einen drohenden Tonfall an. »Wann geht es los?«

»Sei mir nicht böse, Florian. Ich habe gesagt, wir sind verfügbar.«

»Heißt das etwa …?«

»Leider ja. Ich hoffe, du kannst La Palma noch einmal verschieben?«

Kapitel zwei

Den nächsten Raum werden Sie sicher kennen, Frau Hansen. Folgen Sie mir.«

Herr Grotjahn, der etwas zugeknöpft wirkende Oberbürgermeister der Stadt Lüneburg, wies auf eine Tür, die, wie Jordis vermutete, zur Großen Ratsstube führte.

»Ihr Großvater hat bestimmt Fotografien von seiner Arbeit erstellt«, sagte er. »Mal sehen, ob Sie etwas wiedererkennen.«

»Ich kann es kaum erwarten«, sagte sie.

Sie ließ den anderen aus dem Begrüßungskomitee den Vortritt. Da waren eine ältere Dame, die von der Landesdenkmalbehörde aus Hannover angereist war, ein langhaariger Mann vom Lüneburger Stadtarchiv und eine junge Frau aus der Stadtverwaltung, die Herr Grotjahn nur mit Annika ansprach. Sie hatten Jordis und Florian durch den Rathauskomplex geführt, eine nicht enden wollende Folge von Prachtsälen und geschichtsträchtigen Räumen, die unterschiedliche Jahrhunderte und Stilepochen widerspiegelten: der Fürstensaal, die Kämmerei, das Hansekontor, der Huldigungssaal. Und nun die Große Ratsstube, das Meisterwerk der Renaissance.

»Er war allerdings mein Urgroßvater«, korrigierte sie Herrn Grotjahn.

»Ihr Urgroßvater? Wie alt sind Sie denn?«, sagte der Bürgermeister, begriff jedoch gleich darauf, wie unhöflich seine Frage war. »Vergessen Sie das. Sie müssen entschuldigen. Ich war ein Schuljunge, als Ihr Urgroßvater in Lüneburg war. Anfang der Sechziger. Mein Vater war damals Stadtarchivar, die beiden kannten sich gut. Lieber Himmel, wie die Zeit vergeht. Ich vergesse manchmal, wie alt ich bin.«

»Haben Sie meinen Urgroßvater kennengelernt?«

»Leider nein. Damals habe ich mich eher für Fußball interessiert und weniger für Geschichte.«

Er öffnete die beschlagene Holztür und führte die Karawane in den dunklen, vertäfelten Raum. Sie tauchten ein in die Welt der Renaissance. Holzverkleidungen, prachtvolle Schnitzereien und große Ölgemälde dominierten das Bild. Lüneburg hatte sowohl den Dreißigjährigen Krieg als auch den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, weshalb sich der Raum in den vergangenen fünfhundert Jahren kaum verändert hatte.

Jordis richtete den Blick zur Decke. Man musste nicht Restauratorin sein, um Ehrfurcht zu verspüren. Üppige Balkenmalereien, Kassettenfelder aus zartem Grün, mit kunstvollen Konturen und symmetrischen goldenen Rosetten.

Trotzdem fragte sie sich, wo das Bild des gerechten Richters hängen mochte. Im Raum waren mehrere Gemälde, die sie dem Maler Daniel Frese zuordnete, doch das Monumentalgemälde war nicht unter ihnen.

»Bei den Fresebildern dreht sich alles um Recht und Gesetz«, erklärte Herr Grotjahn, der auf die Ölgemälde unterhalb der Decke deutete. »Um Gericht und Urteilsfindung, und um das Ideal des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ich wünschte, Doktor Adler wäre hier, unser Mitarbeiter der Denkmalpflege. Er könnte Ihnen mehr dazu sagen. Er ist Historiker und wollte eigentlich die Führung übernehmen.« An die junge Frau aus der Verwaltung gewandt fragte er: »Hast du immer noch nichts von ihm gehört?«

»Nein, sein Handy ist abgeschaltet. Tut mir leid.«

»Wirklich ärgerlich. Wir waren doch verabredet.«

Jordis betrachtete die Gemälde des Renaissancemalers. Daniel Frese, der Michelangelo von Lüneburg, wie er auch genannt wurde. Seine Bilder hatten meist weltlichen Charakter, religiöse Motive spielten eine untergeordnete Rolle. Es waren allegorische Darstellungen, die in ihrer Botschaft heute noch modern waren.

»Wo hängt denn das Gemälde vom gerechten Richter?«, fragte sie. »Sie wissen schon, früher nannte man es: Der Sieg der Tugend über das Laster.«

»Gleich nebenan«, sagte Herr Grotjahn. »Es hängt im Treppenhaus. Kommen Sie.«

Die Frau von der Denkmalbehörde konnte sich kaum vom Saal losreißen. Sie lächelte den beiden Restauratoren zu, als wolle sie sagen: Ihr habt es gut, ihr dürft in den nächsten Wochen hier euren Lebensmittelpunkt haben.

»Bist du einer, erkennst du einen«, flüsterte Florian, der den Blick der Historikerin ebenfalls bemerkt hatte. Ein geflügelter Ausdruck, den für gewöhnlich Drogenabhängige füreinander benutzten. Jordis stieß ihm neckisch in die Seite, bevor sie dem Oberbürgermeister nach nebenan folgte.

Dann, ehe sie begriff, was passierte, stand sie direkt davor. Sie fühlte sich wie erschlagen von Größe und Ausdruckskraft des Gemäldes. Fast zwei Dutzend farbenfrohe, allegorische Figuren waren darauf zu sehen, meist Frauenfiguren, die auf einen Richter am oberen Bildrand einwirkten. Auf der einen Seite die Mächte des Bösen, angeführt von der Mendacium, der Lüge, und der Calumnia, der Verleumdung, und auf der anderen Seite die Mächte des Guten, dargestellt von der Veritas, der Wahrheit, oder der Innocentia, der Unschuld. Ein Baum teilte die beiden Aufzüge in der Mitte des Bildes, halbseitig war er kahl und verdorben, halbseitig blühend. Jordis wusste, man konnte Stunden damit zubringen, über mögliche Interpretationen nachzudenken oder einzelne Bildgegenstände zu entdecken. Doch in diesem Moment spürte sie vor allem Überwältigung angesichts des Ausmaßes des Gemäldes. Was für eine Großtat, dieses monumentale Werk zu restaurieren. Welchen Mut erforderte es, ein solches Projekt anzugehen?

»Das Bildnis des gerechten Richters«, kommentierte Herr Grotjahn. »In der neueren Forschung nennen wir es auch: Die Verleumdung des Appelles, weil es sich auf eben jenes Meisterwerk von Botticelli bezieht. Das Hauptwerk Daniel Freses. Wenn es denn von Daniel Frese ist. Eindeutig kann man ihm das nicht zuordnen. Schon merkwürdig, nicht wahr? Gerade bei seiner größten Arbeit fehlt die Signatur.«

»Ein Werk voller Geheimnisse«, sagte der Mann vom Stadtarchiv. »Es ist auch kein Titel für das Bild überliefert, deshalb weiß man nicht einmal genau, wie es heißt.«

»Früher nannte man es Der Sieg der Tugend über das Laster, doch das kommt der vielschichtigen Aussage kaum nahe. Der Gerechtigkeitsbegriff ist weiter gefasst, das Idealbild des gerechten Richters geht darüber hinaus. Aber bevor ich etwas Falsches sage … auch das sollte besser Doktor Adler erklären. Ich bin kein Historiker.«

Jordis konnte kaum den Blick von dem Aufzug der meisterhaften Figuren lösen. Wie gern wäre sie dabei gewesen, damals, als ihr Urgroßvater dieses unglaubliche Unterfangen realisiert hatte. Wie aufregend wäre es gewesen, so ein Gemälde in einer Werkstatt Millimeter für Millimeter zu untersuchen. In es einzutauchen, die Darstellungen lebendig werden zu lassen. Den Staub und den Schmutz der Jahrhunderte zu entfernen und es in altem, neuem Glanz wiederauferstehen zu lassen.

Der Bürgermeister redete weiter, doch seine Worte drangen kaum zu ihr durch. Sie versank in der Darstellung, wollte nur noch schauen, jede Kleinigkeit für sich entdecken. Was für eine beeindruckende Arbeit.

Florian legte den Arm um ihre Schultern. Überrascht sah sie auf. Die Karawane war bereits weitergezogen. Der Oberbürgermeister und die Historikerin aus Hannover plauderten angeregt, während Annika auf ihrem Handy herumtippte und wahrscheinlich immer noch versuchte, den Historiker von der Denkmalpflege zu erreichen.

»Es geht weiter zur Gerichtslaube«, sagte Florian. »Zu unserem Projekt. Komm schon, wir können uns später in Ruhe damit befassen.«

Jordis löste sich widerwillig von der Arbeit ihres Urgroßvaters. Florian hatte recht. Sie würden später genügend Zeit haben, alles in Ruhe zu erforschen.

Sie folgten dem Grüppchen durch das alte Gemäuer und durchquerten eine Halle, die zur Gerichtslaube führte, dem ältesten Teil des Rathauses, das im vierzehnten Jahrhundert errichtet worden war. Das Handy der Verwaltungsangestellten klingelte, sie zog es eilig hervor, wandte sich ab und flüsterte hinein.

»Herr Doktor Adler ist in fünfzehn Minuten hier«, verkündete sie anschließend und fügte schuldbewusst hinzu: »Ich habe ihm die falsche Uhrzeit genannt. Tut mir leid.«

Jordis konnte dem Oberbürgermeister ansehen, wie schwer es ihm fiel, seinen Ärger zu unterdrücken. Mit aufgesetzter Fröhlichkeit sagte er: »Dann ziehen wir doch einfach die Kaffeepause vor. Unten ist alles vorbereitet. Kaffee, Tee, Gebäck. Wenn Sie nichts dagegen haben, gehen wir runter, und nach der Pause geht es in die Gerichtslaube. Sicher ist es besser, wenn Doktor Adler anwesend ist.«

Keiner hatte was dagegen, einen Kaffee zu trinken. Die Plaudereien wurden wieder aufgenommen, und die Gruppe bewegte sich zum Treppenhaus. Jordis nutzte die Gelegenheit, sich von Herrn Grotjahn den Weg zu den Toiletten erklären zu lassen. Sie machte sich schnell frisch, checkte gewohnheitsmäßig ihr Handy und ging anschließend zu den anderen zurück.

Auf dem Weg passierte sie das Treppenhaus, und ohne darüber nachzudenken, kehrte sie zum Monumentalbild zurück. Es war, als würde eine magnetische Anziehungskraft von dem Gemälde ausgehen. Doch war sie nun nicht mehr allein. Auf den Stufen vor dem Bild entdeckte sie ein Mädchen. Es saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt und balancierte einen Zeichenblock auf den Knien. Ein schmächtiges Kind mit aschblonden Haaren, das Jordis auf elf oder zwölf Jahre schätzte. Sie fixierte das Fresebild und bearbeitete anschließend mit dem Bleistift hitzig ihren Block.

»Hallo«, sagte Jordis. »Was machst du da?«

Das Mädchen hatte sie nicht kommen hören. Es zuckte zusammen und drückte den Block schützend an die Brust. Sicher war es ihr nicht erlaubt, sich hier aufzuhalten. Das Rathaus war voller Kunstschätze, und Besucher durften sich nicht frei bewegen. Jordis fragte sich, ob das Mädchen zu einer Besuchergruppe gehörte und sich von der Führung abgesetzt hatte.

»Zeichnest du das Bild?«, fragte sie.

»Ich male Figuren ab. Nur so, aus Spaß.«

»Darf ich mal sehen?«

Sie zögerte. Ganz geheuer schien ihr Jordis nicht zu sein. Doch dann löste sie den Block von der Brust und hielt ihn so, dass Jordis einen Blick auf die Zeichnung werfen konnte.

Das Bild war grandios. Viel besser, als sie es von einer Zwölfjährigen erwartet hätte. Das Mädchen hatte die Mendacium abgemalt, die Lüge. Die Rädelsführerin der Anklage, mit den zwei Gesichtern, den hölzernen Stelzbeinen, den Eidfingern und der Schlange. Die Proportionen waren perfekt. In ein paar Jahren würde das Mädchen eine sehr gute Zeichnerin abgeben.

»Du bist talentiert!«, meinte Jordis.

Das Mädchen blickte kritisch auf ihre Zeichnung. »Die Falten von dem Kleid stimmen nicht. Und das Gesicht … das sieht nicht echt aus.«

»Du bist zu streng mit dir. Ich kenne niemanden in deinem Alter, der so was hinbekommen würde. Probier das mit dem Kleid noch mal. Du musst die Stellung des Oberschenkels beachten. Dir den Abstand zum Bein unter dem Kleid vorstellen. Dann klappt es.«

»Bist du Malerin?«

»Ich bin Restauratorin«, sagte Jordis. »Wieso malst du ausgerechnet die Lüge? Wieso nicht die Victoria? Oder den gerechten Richter?«

»Weiß nicht. Ich mag sie irgendwie.«

Seltsam, dachte sie. Die Mendacium war die schaurigste Figur auf dem Gemälde.

»Sie ist am schwersten zu malen«, fügte die Kleine hinzu. »Das gefällt mir an ihr. Ich möchte sie perfekt hinbekommen.«

»Es gibt nicht viele Mädchen, die sich für alte Meister interessieren. Malst du auch andere Sachen? Mangas vielleicht?«

»Mangas lesen ist cool. Aber … die Bilder hier finde ich besser. Die sind alt und … wahr. Keine Ahnung.«

Jordis wusste schon, was das Mädchen sagen wollte. Die Gemälde verfügten über eine mythische Ebene. Sie handelten von der Natur des Menschen, vom Widerstreit der irdischen Kräfte.

»Mir geht es auch so. Ich finde die alten Bilder besser.«

»Marie?«, tönte es durch das Gemäuer. »Marie, wo bist du?«

Es war ein skandinavischer Akzent, den Jordis nicht genau zuordnen konnte. Das Mädchen schien nicht begeistert, die Stimme zu hören.

»Bist du das? Heißt du Marie?«, fragte Jordis, worauf das Mädchen schlecht gelaunt nickte.

Eine junge Frau tauchte auf, kräftig gebaut und betont modisch gekleidet. Sie wirkte ein wenig steif und blickte streng.

»Was machst du hier, Marie? Du darfst hier doch nicht rein. Du solltest im Vorzimmer bleiben und warten. Ich bekomme nur Ärger wegen dir.«

Jordis vermutete, dass die Frau ein Au-Pair war, das auf Marie aufpassen sollte. Eine junge Skandinavierin in Norddeutschland.

»Hast du irgendwas angefasst? Jetzt komm schon, deine Eltern warten auf uns.«

Sie wartete ungeduldig, bis Marie den Zeichenblock eingesteckt hatte und lustlos die Treppe hinunterspazierte. Dann marschierte sie entschlossen davon, ohne Jordis weiter Beachtung zu schenken. Marie drehte sich zu ihr um und winkte, dann trottete sie der Frau hinterher.

Jordis blickte dem Mädchen nachdenklich nach, bevor sie sich wieder dem Ölgemälde zuwandte und den Faltenwurf des Kleides der Mendacium betrachtete.

»Du kannst dich einfach nicht losreißen, oder?«

Florian war hinter ihr aufgetaucht. Er stellte sich neben sie und folgte ihrem Blick. »Dieser Doktor der Denkmalschutzbehörde ist angekommen, es kann weitergehen. Ob dein Urgroßvater auch vom Verwaltungschef begrüßt worden ist? Mit Rathaustour und allem Drum und Dran?«

»Keine Ahnung. Er war damals mit der ganzen Familie angereist. Meine Oma Monika war dabei und auch mein Großonkel Wolfgang. Ein richtiger Familienbetrieb eben.«

»Schade, dass keiner von ihnen mehr lebt. Wäre bestimmt interessant, was sie zu sagen haben.«

»Wolfgang Hansen lebt noch«, korrigierte sie ihn. »Er wohnt in Hamburg. Ich sollte mich bei ihm melden, wir haben uns seit Ewigkeiten nicht gesehen. Vielleicht kann ich ihn mal am Wochenende besuchen, es ist ja nur ein Katzensprung.«

»Oder du lädst ihn nach Lüneburg ein. Er wird sich bestimmt freuen, noch mal ins Rathaus zu kommen. Ist doch für ihn auch toll, dass du die Tradition fortführst. Du arbeitest am Rathaus, so wie er.«

»Ja, du hast recht. Das sollte ich machen.«

»Dann lass uns zu den anderen zurückgehen.«

»Ich komme«, sagte sie, blieb jedoch in der Betrachtung versunken.

Es wäre eine gute Idee, Onkel Wolfgang einzuladen. Sie freute sich, ihn wiederzusehen. Wiedervereint im Rathaus Lüneburg, das klang vielversprechend.

»Was für ein Glück dein Urgroßvater hatte, diesen Auftrag zu bekommen«, sagte Florian. »Er muss außer sich gewesen sein.«

Seltsamerweise wusste sie gar nichts darüber. Es war in der Familie über den Aufenthalt in dieser Stadt nie viel gesprochen worden. Sie wusste nur, dass es nach der Arbeit mit dem Betrieb bergauf gegangen war.

»Das denke ich auch«, sagte sie, weil sie sich gar nichts anderes vorstellen konnte. »Er war sicher überglücklich.«

Kapitel drei

Hallo, Onkel Wolfgang. Ein Glück, dass ich dich erreiche.«

»Jordis, bist du das?« Er ließ sein heiseres Lachen ertönen, das unverwechselbar war und Jordis an ihre Kindheit erinnerte. Ein warmes Gefühl erfasste sie.

»Das ist ja eine Überraschung. Ich habe seit Ewigkeiten nichts von dir gehört.«

»Ich weiß. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen. Es war so viel los in letzter Zeit, ich hatte ständig zu tun.«

»Ach, bitte. Du musst kein schlechtes Gewissen haben. Ich freu mich riesig, dass es beruflich bei dir vorangeht. Deine Mutter hat mir erzählt, dass du den Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege bekommen hast? Sie war mächtig stolz auf dich, kannst du mir glauben.«

»Mama war sehr stolz. Aber ich weiß nicht, ob mein Vater genauso gedacht hat. Manchmal frage ich mich, ob er mir den Erfolg nicht gönnt.«

»Versuch, ihn zu verstehen. Er hat den Laden nicht über Wasser halten können. Das ist nie leicht, zu scheitern. Für keinen. Insgeheim platzt er vor Stolz, da bin ich sicher.«

Was das anging, kannte sie ihren Vater besser.

»Wenn du meinst.«

»Das Handwerk ist nicht für jeden was. Auch wenn es Teil unserer Familientradition ist. Vergiss das nicht.«

Ihr Onkel klang reserviert, als er das sagte, und sie fragte sich, ob er immer noch von ihrem Vater sprach oder schon von sich selbst.

»Onkel Wolfgang, ich habe eine Überraschung. Du wirst nicht glauben, wo ich bin.«

»Jetzt sag schon.«

»In Lüneburg.«

Es folgte Stille am anderen Ende.

»Was machst du da?«

»Das wollte ich dir längst gesagt haben, aber bei mir ging es drunter und drüber. Ich habe einen Auftrag bekommen, von der Denkmalbehörde. Und zwar, jetzt halt dich fest …« Sie hob die Stimme, um die Katze aus dem Sack zu lassen. »Im Lüneburger Rathaus.«

Onkel Wolfgang sagte nichts. Eine unangenehme Pause entstand. Jordis räusperte sich irritiert. Was war denn jetzt los?

»Aber nicht in der Großen Ratsstube, falls du das denkst«, redete sie weiter. »Ich arbeite in der Gerichtslaube. Die Figur der heiligen Ursula soll aufpoliert werden. Wie gesagt, ich wollte dir längst davon erzählen, aber ich habe es nicht eher geschafft.«

»Kein Problem«, sagte er und fügte etwas lahm hinzu: »Na, da gratuliere ich.«

»Kennst du die Skulptur von früher?«

»Natürlich. Ich war lang genug im Rathaus.«

»Ich konnte es nicht glauben, als ich den Zuschlag bekommen habe. Es fühlt sich an, als ob ich eure Arbeit weiterführe.«

Warum war er plötzlich so reserviert? Irgendwas stimmte nicht. Jordis fragte sich, ob er sauer auf sie war, weil sie nicht früher Bescheid gesagt hatte.

Sie hätte mit etwas mehr Begeisterung gerechnet. Mit aufgesetzter Fröhlichkeit redete sie weiter: »Ich kehre zu unseren Wurzeln zurück. In Lüneburg habt ihr euch damals mit der Werkstatt etabliert, und nun arbeite ich hier weiter. Ich habe heute das Fresebild gesehen. Mann, das war wirklich eine Großtat von euch.«

»Der Sieg der Tugend über das Laster. Den Namen werde ich niemals vergessen.«

Es wird heute nicht mehr so genannt, hätte sie beinahe gesagt. Doch sie wollte das Gespräch nicht weiter belasten, es war so schon seltsam genug.

»Wir hätten es fast nicht geschafft, es war ein großes Stück Arbeit«, sagte er.

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Wie lange ist das her? Fast sechzig Jahre. Unfassbar, wie die Zeit vergeht. Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr an das Fresebild gedacht. Hätte nicht damit gerechnet, noch mal darauf angesprochen zu werden. Du bist also in Lüneburg.«

»Genau, ich checke hier eure Arbeit von damals.«

Es sollte ein Witz sein, doch sie hörte selbst, wie aufgesetzt er klang.

»Du musst mich besuchen kommen, Jordis, wenn du so nah bist. Wie wäre es am Sonntag? Wir könnten an der Außenalster spazieren gehen. Ich lade dich in ein nettes Café ein. Dann erzählst du mir alles von deiner Arbeit. Von den Preisen, die du einheimst. Du musst es den Männern im Handwerk ja ordentlich zeigen, wenn du ihnen alles vor der Nase wegschnappst.«

»Ich dachte eigentlich … Wie wäre es, wenn du nach Lüneburg kommst, Onkel Wolfgang? Du könntest uns von damals erzählen, und wir besuchen das Monumentalgemälde. Florian, mein Kollege, würde dich gern kennenlernen. Du hast doch damals wesentlich daran mitgearbeitet.«

»Nach Lüneburg? Ich?«

Es klang wenig begeistert.

»Warum denn nicht? Es ist doch nur ein Katzensprung. Wir würden uns freuen.« Bemüht fügte sie hinzu: »Vielleicht hast du ja ein paar Tipps für uns. Wir lernen gern von den Alten.«

Er ließ wieder sein heiseres Lachen ertönen, doch diesmal klang es gekünstelt. »Ich würde euch nur im Weg herumstehen. Nein, nein. Das ist nichts für mich.«

»Es geht dir doch gut, oder? Was macht deine Hüfte?«

»Meiner Hüfte geht’s hervorragend, danke der Nachfrage. Aber was Lüneburg betrifft … Ich muss sehen, was mein Terminkalender sagt, Jordis. Ich … wenn ich mehr weiß, dann melde ich mich. In Ordnung?«

»Du bist hier jederzeit willkommen, Onkel Wolfgang. Aber wenn du nicht herkommen möchtest, besuche ich dich in Hamburg. Und dann reden wir mal über alles. Was meinst du?«

»Ich meine, das hört sich hervorragend an.« Nun nahm sie ihm das Lachen wieder ab. Seine Stimme wurde warm, als er sagte: »Schön, dass du in der Nähe bist, Jordis. Wir sehen uns viel zu selten.«

»Das denke ich auch, Onkel Wolfgang.«

Nachdem sie aufgelegt hatte, trat sie ans Hotelfenster und sah hinaus. Das ganze Telefonat war merkwürdig gewesen. Sie begriff nicht, was los war. Sonderbar.

Von ihrem Zimmer aus überblickte sie die Ilmenau und die mittelalterlichen Uferhäuser. Backsteingotik und Fachwerk, Treppengiebel, Türmchen und Erker. Der alte Stadtkern von Lüneburg war beinahe vollständig erhalten. Es glich einem Wunder. So war ein Spaziergang durch Lüneburg heute wie ein Ausflug ins Mittelalter.

Sie blickte zur Uhr. Wenn sie rechtzeitig zu ihrer Verabredung erscheinen wollte, musste sie sich beeilen. Sie überprüfte ihr Outfit im Spiegel. Die Haare waren hochgesteckt, etwas Make-up und Lippenstift aufgelegt, das luftige Baumwollkleid saß perfekt. Sie liebte diese Verwandlungen, die manche Leute denken ließen, sie hätten es mit zwei verschiedenen Persönlichkeiten zu tun. Tagsüber die Restauratorin mit Arbeitshosen und Baseballkappe und abends eine komplett andere, ihre Weiblichkeit betonende Frau.

Sie und Florian waren mit dem Historiker der Denkmalbehörde zum Essen verabredet. Diese Verabredung hatten sie Florian zu verdanken. Denn als Doktor Adler im Rathaus aufgetaucht war, ein gut aussehender Mann mit einem warmherzigen Lächeln, hatte er sofort bemerkt, dass Jordis den Mann spontan mochte. Wie nebenbei hatte Florian im Gespräch herausgefunden, dass Doktor Adler nicht nur ziemlich attraktiv, sondern auch Single war. Mit anderen Worten: Perfekt, um ihn mit seiner Chefin zu verkuppeln.

Jordis war erst ein bisschen genervt gewesen. Florian mochte das lustig finden, aber sie hatte langsam genug davon, dass er sich ständig in ihr Privatleben einmischte. Doch im Hotel gab es wenig zu tun, und auf diese Weise würde sie die Stadt besser kennenlernen. Wein trinken, etwas essen, sich mit einem Kenner über die Lüneburger Geschichte unterhalten, das war vielversprechender, als auf dem Hotelbett zu liegen und auf dem Tablet eine Serie zu gucken.

Sie nahm den Schlüssel und ging hinunter in die Hotellobby.

Die Sofas in den Sitzecken waren verwaist, und ein dicker Teppich schluckte jedes Geräusch. Hinter einem Wandvorsprung war der Tresen der Rezeption untergebracht. Jordis hörte Stimmen, eine gedämpfte Unterhaltung, dann rückte der Tresen in ihr Blickfeld. Da waren die Mutter der Hotelwirtin, eine rüstige alte Dame mit schneeweißem Haar, und vor dem Tresen ein älterer Mann, offenbar ein Bekannter, mit dem sie plauderte.

Die beiden verstummten und blickten Jordis erwartungsvoll an, als sie um die Ecke marschierte. Sie schaute sich irritiert um. Von Florian war nichts zu sehen, dabei war er sonst überpünktlich.

»Entschuldigen Sie, ich bin die Restauratorin von Zimmer siebzehn. Hat mein Kollege sich hier blicken lassen? Oder könnten Sie kurz bei ihm anrufen und Bescheid sagen, dass ich warte?«

»Sie sind Frau Hansen, richtig?«, fragte die ältere Dame. »Ihr Kollege war eben unten. Er lässt ausrichten, dass er sich für das Abendessen entschuldigt.«

»Er tut was?«

Das war doch ein schlechter Scherz. Jetzt sollte sie allein mit diesem Doktor Adler essen gehen? Wie plump glaubte Florian, sein zu können?

Na warte, Freundchen, dachte sie. So einfach kommst du mir nicht davon.

»Hat er auch gesagt, weshalb er sich entschuldigt?«

»Ja. Ich soll Ihnen ausrichten, dass er mit seinem …« Sie wechselte einen verunsicherten Blick mit ihrem Bekannten. »… mit seinem Ehemann skypen will. Er hat sich das Passwort fürs WLAN geben lassen.«

Trotz allem konnte Jordis sich ein Lächeln nicht verkneifen. Das war typisch Florian. Natürlich musste er den älteren Herrschaften auf die Nase binden, dass er einen Ehemann hatte.

Wenn er mit Cem skypte, dann konnte sie ihn getrost unterbrechen. Cem hätte auf jeden Fall Verständnis für sie. Notfalls würde sie Florian an den Haaren herbeiziehen.

Sie dankte der Frau und steuerte das Treppenhaus an. In der verwaisten Lobby fiel ihr Blick durch das Fenster. Zwischen Rosenstöcken und Kopfsteinpflaster sah sie Doktor Adler, der auf das Hotel zuging. Sie musste sich beeilen, wenn sie Florian den Marsch blasen wollte. Sonst würde sie doch mit diesem Typen allein essen gehen müssen.

»Hansen«, hörte sie eine Stimme sagen. »Dann ist es gar kein Zufall?«

Das war der ältere Herr gewesen. Die beiden an der Rezeption hatten offenbar nicht bemerkt, dass Jordis in der Lobby am Fenster stehen geblieben war.

»Nein, es ist die Enkelin«, erwiderte die weißhaarige Frau. »Derselbe Betrieb. Restaurationswerkstatt Hansen. Musste der Auftrag ausgerechnet an die vergeben werden?«

»Ach, Margot. Die Leute, die diese Aufträge vergeben, das sind doch meistens Zugezogene. Oder die sind zu jung, um sich zu erinnern.«

»Trotzdem. Das hätte nicht sein gemusst.«

»Lass gut sein. Die alten Geschichten. Wen interessiert das heute noch?«

»Ich sage ja nur: Es wäre besser gewesen, eine andere Firma hätte diesen Auftrag angenommen.«

Die Tür öffnete sich, und die beiden wurden unterbrochen. Jordis hörte die Stimme von Doktor Adler, der sich nach ihr und Florian erkundigte. In Jordis’ Kopf dröhnte es. Sie hatte keine Ahnung, wovon die Frau sprach. Mit der Arbeit im Lüneburger Rathaus hatte sich der Betrieb damals Ansehen verschafft. Hier war nichts passiert, was so eine Aussage rechtfertigte.

»Der Herr lässt sich entschuldigen«, hörte sie die Frau sagen. »Die Dame war gerade noch hier. Sie müsste eigentlich gleich wiederkommen. Ich kann aber versuchen, sie telefonisch …«

Da spazierte Jordis um die Ecke. Es war zu spät, Florian zu holen. Sie strahlte übers ganze Gesicht, als sie auf den Historiker zuging. Später würde sie über das Gesagte nachdenken. Nicht jetzt.

»Hallo, Herr Adler. Freut mich, dass Sie es einrichten konnten.«

»Bitte. Nennen Sie mich Emilian, das ist mein Vorname. Wir sind ja nicht im Rathaus. Was meinen Sie? Am liebsten wäre es mir, wir duzen uns.«

»Also gut. Ich bin Jordis. Mein Kollege hat es sich anders überlegt. Tut mir leid, so ist er manchmal. Ich hoffe, es stört dich nicht, mit mir vorliebnehmen zu müssen.«

»Überhaupt nicht, im Gegenteil. Uns werden die Gesprächsthemen schon nicht ausgehen.« Er reichte ihr seinen Arm. »Wollen wir?«

Jordis warf einen Blick zu den älteren Herrschaften, die sich beide nichts anmerken ließen. Sie unterdrückte ein Stirnrunzeln, holte tief Luft, wie um sich Mut zu machen, und hakte sich unter.

»Gern«, flötete sie. »Ich sterbe vor Hunger.«

* * *

Das Telefon in der Hand, saß Wolfgang Hansen in seinem Sessel neben dem Bücherregal und blickte durch das Terrassenfenster hinaus auf die Trauerweiden am Alsterufer.

Lüneburg. Es war ihm jahrelang gelungen, die Stadt auszublenden, sie wie einen weißen Fleck auf der Landkarte zu behandeln, obwohl sie nur wenige Kilometer entfernt lag. Jetzt kehrte sie durch diesen Anruf zurück in sein Leben und damit auch die Vergangenheit.

Monika kam ihm in den Sinn. Seine kleine Schwester. Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen. Bevor alles passiert war. Als sie voller Vorfreude waren auf die Zukunft. Er wünschte, sie wäre noch da und könnte ihm einen Rat geben. Aber sie lebte schon seit Jahren nur noch in seinen Erinnerungen.

Er warf den Blick auf ein Foto, das Monika als Fünfzigjährige zeigte. Das war kurz nach der Wende gewesen, bei einem gemeinsamen Besuch in Dresden. Sie lachte unbeschwert in die Kamera, schien ihm direkt in die Augen zu sehen.

»Was soll ich nur tun?«

Möglich, dass Jordis’ Aufenthalt in Lüneburg ein Zeichen war. Dass es an der Zeit wäre, dorthin zurückzukehren. Doch was hätte er dort verloren? Nein, er wollte nicht zurück.

Nachdenklich betrachtete er das Telefon in der Hand. Er musste das nicht heute entscheiden. Jordis wäre wochenlang in Lüneburg. Er hatte Zeit, seine Erinnerungen zu sortieren. Und dann konnte er immer noch entscheiden, ob er sich diesem Ort und seiner Vergangenheit stellen wollte.

Kapitel vier

September 1961

Mit dem Hanomag Kurier, dem kleinen und für sie einzig erschwinglichen Lastwagen, dem ganzen Stolz ihres Vaters, rumpelten sie durch die zahlreichen Schlaglöcher im Kopfsteinpflaster der Landstraße. Auf dem Pritschenwagen verstaut standen die Werkzeuge, die Materialien und das bisschen Hab und Gut, das sie als Familie mit sich herumschleppten und überall dort ausluden, wo sie einen Auftrag und eine Unterkunft bekamen. Hinten, verdeckt von der Plane, hockten Wolfgang und Monika, die älteren Kinder, für die im Führerhaus neben dem Vater und dem jüngeren Bruder Helmut nicht genügend Platz war. Diese Aufteilung, Vater und Helmut vorn, Monika und Wolfgang hinten auf der Ladefläche, hatte sich bei ihren vielen Reisen eingespielt, jeder nahm automatisch seinen Platz ein.

Wolfgang hatte ein Dreieck aus der Plane hochgeschlagen und blickte hinaus auf die blühende Heidelandschaft. Als die Kirchtürme von Lüneburg ins Blickfeld rückten, lehnte er sich weit aus dem Pritschenwagen heraus. Der Dieselmotor knatterte fröhlich, und der kleine Transporter mit seiner Handwerkerfracht wackelte unermüdlich weiter.

»Monika!«, rief Wolfgang. »Schau doch. Schau!«

Ein Schlagloch hätte ihn beinahe aus dem Wagen geschleudert. Lachend klammerte er sich an die Ladeklappe und winkte seine drei Jahre jüngere Schwester zu sich.

»Jetzt komm schon.«

»Kopf runter«, rief Monika, die hinter ihm sicher auf der Pritsche hockte. »Wenn dich die Polizei sieht.«

»Ach, hier doch nicht. Schau, da ist Lüneburg.«

Monika kroch zur Ladeklappe und sah ebenfalls hinaus, den Kopf im Fahrtwind. Die Häuser waren dicht gedrängt. Türme, Kuppeln, Giebel, zahllose schiefe Dächer. Ein ehrwürdiges altes Städtchen. Es gab keine Ruinen, keine Brachflächen oder Trümmerhaufen wie sonst überall im Land.

Plötzlich schrie Monika auf. Hinter ihnen fuhr ein Polizeiauto, ein VW-Käfer. Lachend warfen sich die Geschwister zurück auf die Ladefläche und zogen die Plane herunter. Sicher hatten die Polizisten sie gesehen, doch sie störten sich offensichtlich nicht an den beiden Jugendlichen auf dem Lastwagen.

Auf der verdunkelten Pritsche, eingeklemmt zwischen ihrem Gepäck, zog Wolfgang seine Gitarre hervor, wie er es immer tat, wenn er sich langweilte. Er spielte ein vertrautes Riff, sah zu Monika hinüber, ob sie es erkannte, wiederholte es, als er ihr Lächeln bemerkte, und begann zu singen: »Wake up, little Susie, wake up!«

Er sang ein paar Zeilen, summte dann weiter, wo er den Text nicht kannte, und fing wieder von vorn an. Er wollte unbedingt Englisch lernen, um die Texte besser zu verstehen. Die amerikanischen Besatzer hatten die Musik in das zerstörte Köln mitgebracht, wo er aufgewachsen war. Erst den Jazz, dann den Rock ’n’ Roll.

»Ist das Elvis Presley?«, fragte Monika, die mit dem Fuß wippte.

»Nein, das sind die Everly Brothers. Aber das Lied hat Akkorde wie beim Rock ’n’ Roll, auch wenn es eigentlich Western-Musik ist. Deswegen hört es sich an wie Elvis.«

Monika zuckte mit den Schultern, sie hatte längst das Interesse verloren. Musik war nicht ihr Ding, ganz im Gegensatz zu Wolfgang, der gar nicht genug davon bekommen konnte, egal, um welche Art Musik es ging.

Sicher lag das an ihrer Mutter. Er hatte kaum Erinnerungen an sie, doch sie war ebenfalls musisch veranlagt gewesen. Früher hatte es ein Klavier bei ihnen gegeben, und woran sich Wolfgang vage erinnern konnte, war, wie er neben ihr auf dem Schemel gesessen und ihren Duft gerochen hatte, ihr Rosenparfüm. Sie hatte ihm Klavierunterricht gegeben, und jedes Mal, wenn sie zusammen auf dem Schemel saßen, hatte er sie für sich ganz allein gehabt. Sie war nur für ihn da, und zusammen machten sie Musik, umhüllt von ihrem Rosenduft. Es war die schönste Erinnerung an seine Mutter.

Nach ihrem Tod verschwand das Klavier, sein Vater wollte es nicht mehr in der Wohnung haben. Wolfgangs Klavierspiel war damit beendet worden, doch nicht seine Leidenschaft für die Musik. Als er alt genug war, besorgte er sich eine Gitarre und brachte sich das Spielen selbst bei. Ein Klavier konnte er sich nicht leisten, außerdem waren sie immer unterwegs. Doch das Gitarrenspiel gefiel ihm fast genauso gut.

»Ich mag sowieso lieber Peter Kraus«, sagte Monika. »Der macht auch Rock ’n’ Roll. Und ist viel besser als Elvis.«

»Peter Kraus?«, rief Wolfgang verächtlich. »Das ist was für Backfische.«

Monika streckte ihm die Zunge raus. »Na und?«

»Wenn schon deutsch, dann lieber Caterina Valente«, sagte er. »Die ist wenigstens eine große Künstlerin.«

»Oder Trude Herr!«, rief Monika begeistert. Und augenblicklich leitete Wolfgang mit der Gitarre zu der Schlager-Akkordfolge über.

»Ich will keine Schokolade«, grölten sie gemeinsam auf dem Pritschenwagen, »ich will lieber einen Mann. Ich will einen, der mich küssen und um den Finger wickeln kann.«

Sie lachten laut, der Wagen rumpelte, und Monika schlug wieder ein Dreieck von der Plane hoch, um hinaussehen zu können. Der Lastwagen verlangsamte sein Tempo, sie hatten die Stadt erreicht. Wolfgang legte die Gitarre aus der Hand, verstaute sie vorsichtig und kroch zu seiner Schwester.

Nun ging es wieder über Kopfsteinpflaster. Alte, aber völlig unbeschädigte Häuser säumten die Straße, ihnen gegenüber waren Uferwiesen und ein Wasserlauf, die Ilmenau, die durch Lüneburg floss. Ihr Vater verlangsamte weiter, bog ab und steuerte den Hanomag durch die engen Gassen der Altstadt.

»Schau nur, das sind alles Gebäude aus dem Mittelalter«, sagte Monika aufgeregt. Sie deutete auf ein schmales Hafenbecken, das umgeben war von Fachwerkhäusern und Kontoren mit Backsteingiebel und dessen Zentrum ein historischer Hafenkran dominierte. »Der Kran, Wolfgang! Ist das nicht einzigartig?«

Er musste lächeln. Seine Schwester interessierte sich wirklich für dieses ganze alte Zeug. Ihm reichte völlig, auf den Baustellen des Betriebs zu arbeiten. Aber wenn es um seine Freizeit ging, da machte er lieber Musik.

Der Lastwagen schaukelte durch enge Gassen, und Monika bewunderte mit offenem Mund die Bauwerke der Hansestadt. Wolfgang hätte sich am liebsten wieder seiner Gitarre gewidmet.

»Im Grunde ist es ein Glück, dass es ab dem siebzehnten Jahrhundert mit dem Salzreichtum in Lüneburg vorbei war.«

»Was sagst du da?«

»Der Salzabbau. Womit Lüneburg reich geworden ist. Im späten Mittelalter war das alles vorbei. Da sind die Preise verfallen. Deshalb ist in den Jahrhunderten danach so wenig abgerissen worden. Erst der ganze Reichtum, und dann war nicht mehr genug Geld da, um Häuser abzureißen und neu zu bauen. So ist alles erhalten geblieben.«

Wolfgang runzelte lächelnd die Stirn.

»Ist das wirklich so?«

»Ja. Durch den Aufstieg der Niederlande …«

»Nein, ich meine, wieso weißt du das alles?«

»Na ja, es interessiert mich halt.«

»Unfassbar.«

Das war typisch Monika. Man sah sie ständig mit einem Buch in der Hand. Und sie liebte es, Vorträge über Kunstgeschichte zu halten. Wolfgang fand, sie sollte Lehrerin werden, das wäre der perfekte Beruf für sie. Doch davon wollte sie nichts hören.

»Die ganzen Patrizier, für die Lüneburg berühmt war, sind weggezogen, um woanders Geld zu machen«, erklärte sie. »Von da an wurde es ruhiger um die Stadt. Wenn du mich fragst, war das ein Glück, denn sieh nur, was dadurch erhalten geblieben ist.«

Der Hanomag hielt in einer Gasse, und der Vater stellte den Motor ab. Eng, wie die Straße war, blockierten sie mit dem Lastwagen die Durchfahrt. Der Vater kletterte aus dem Führerhaus, die Fahrertür fiel ins Schloss, und sie hörten ihn rufen: »Wir bringen unser Zeug erst mal rein. Den Lkw und das Werkzeug stellen wir danach am Rathaus ab.«

Wolfgang warf einen Blick aus dem Wagen, um ihre Unterkunft in Augenschein zu nehmen. In der Gasse stand ein prachtvolles, zweigeschossiges Patrizierhaus mit Backsteingiebel und breiter Toreinfahrt. Nicht breit genug für den Lkw, aber ein Pferdegespann würde mühelos hindurchfahren können. Im Hof war ihre Unterkunft. Sie würden im Gesindehaus untergebracht sein, einem Seitenanbau des Patrizierhauses. Dort wäre ihr Zuhause während der nächsten zwölf Monate.

Wolfgang überblickte das Gepäck mit ihren persönlichen Sachen. Er wollte zuerst die Unterkunft in Augenschein nehmen, bevor er die Koffer hinüberschleppte. Er griff nur die Gitarre, seinen wertvollsten Besitz, und kletterte von der Ladefläche. Monika betrachtete begeistert das Gebäude und entdeckte das Familienwappen der ehemaligen Patrizier, die das Haus erbaut hatten.

»Die Flügeltür stammt aus dem frühen Barock«, sagte sie begeistert. »Aber die Steinfassungen, die sind älter.«

Heinrich Hansen entdeckte die Gitarre im Arm seines Sohnes. Sein Blick verfinsterte sich. Er schätzte Wolfgangs Musikleidenschaft nicht.

»Ist das unser Haus? Das ist ja riesig. Ein richtiges Schloss.« Helmut, der mit seinen elf Jahren immer noch die Begeisterung eines Kindes zur Schau stellen konnte, sprang aufgeregt auf die Straße. »Ich möchte im Dach wohnen, da hinter dem kleinen Giebelfenster.«

»Das war mal ein Lastenaufzug«, erklärte Monika froh, einen Zuhörer gefunden zu haben. »Da oben wurde das Getreide gelagert.«

Wolfgang hielt dem Blick seines Vaters stand und umfasste entschlossen die Gitarre. Er glaubte, sein Vater würde etwas sagen, doch er spuckte nur aus, schnappte sich einen Koffer und marschierte zur Tordurchfahrt.

Heinrich Hansen hatte längst verfügt, dass Wolfgang den Betrieb weiterführen würde, den er nach dem Krieg wiederaufgebaut hatte. Restaurierungen Hansen, das sollte sein Vermächtnis für seine Kinder und Enkel sein. Zwar zeigte Wolfgang nicht das erhoffte Talent im Handwerk, doch war an diesem Entschluss nicht zu rütteln. Sein Sohn würde an sich arbeiten, und mit der Zeit würde sich der Erfolg einstellen.