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Wasser ist Leben Die Kurzgeschichten in diesem Band entstanden zur Ausstellungseröffnung - Wasser - in der Werkstattgalerie. Ariane Hartmann Schmuckdesign am 30. Oktober 2016. Speziell für diesen Anlass verfassten die Autorinnen und Autoren der Gruppe LITERA Texte, die sich dem Thema in immer neuen, abwechslungsreichen Varianten widmen. Bei einer zeitgleich zur Vernissage durchgeführten Lesung wurden die Beiträge erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit Texten von Anja Brand, Beate Kranz, Brigitte Krause, Marion Leppink, Nuri Ortak, Frank Siebel, Carsten Wunn. Titelbild: Sonja Opfermann
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Seitenzahl: 75
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wasser kann Leben verändern
Die Stadt der Brunnen
Und dann kam so viel Wasser
Wassermann
Augustschwärmerei
Der Zimmerspringbrunnen
Wasserzauber
Der Fünfer
Der Weihnachtskarpfen
- Anja Brand -
Thomas Mutter war mit diesem Haus verwachsen. Egal wie schlecht die drei Räume in der ersten Etage auch ausgestattet waren, sie waren Lisbeths Zuhause. Solange sie denken konnte, gab es in dieser Wohnung weder fließendes warmes Wasser, noch eine Heizung. Haare waschen mit Gießgefäß und Schüssel war hier genauso normal wie jeden Morgen ein Feuer in dem alten Kohleofen zu entzünden.
Die alte Wohnküche war ihr Reich. Ein Tisch stand vor einem alten Sofa, das geradeaus an der Wand stand. Um den Tisch gab es noch ein paar alte Stühle. Der Küchenschrank war ebenso in die Jahre gekommen und das Sideboard stand auf recht wackeligen Beinen.
Das eckige Waschbecken hinter der Tür war schon fast nostalgisch und für den alten Kohleofen, der gleichzeitig als Herd diente, hätte sich jeder Trödler begeistert.
Draußen, auf dem Flur, war abgeteilt eine Toilette mit einem kleinen Handwaschbecken. In den beiden hinteren Räumen standen die Betten und zwei Kleiderschränke. Auch ein altes Schlafsofa hatte hier seinen Platz. In dieser Wohnung hatte sie all die Jahre gelebt, ihre Kinder großgezogen und ihren kranken Mann versorgt. Er hatte damals oft gesagt, dass eine andere Wohnung besser gewesen wäre, aber sie hing an diesen Räumen. Warum auch immer!
Nach und nach waren die anderen Mieter ausgezogen. Die Parterrewohnung war vor zwei Monaten geräumt worden. Die Wohnung über ihr war schon länger leer. Mehrfach hatte man Lisbeth und ihren Söhnen eine andere Wohnung angeboten, denn das Haus sollte abgerissen werden. Diesen Schritt zu gehen hatte sie bis heute vermieden.
Seit einem Jahr arbeitete sie in einem kleinen Metzgereibetrieb als Aushilfe, um ihre magere Rente aufzubessern. Lisbeth spülte und putzte die Wurstküche, schrubbte die Böden und ging dort zur Hand, wo sie gebraucht wurde. Wenn sie am Abend langsam die Straße zu ihrer Wohnung hinaufschlurfte, merkte man ihr den langen und anstrengenden Tag an. Kaum zu glauben, dass sie sich dort so wohl fühlte. Ihre beiden jüngsten Söhne waren beide schon aus dem Teenageralter raus, wohnten aber noch mit ihrer Mutter in dem alten Haus. Die anderen beiden Söhne, die schon lange aus dem Haus waren, versuchten immer wieder sie zu einem Umzug zu bewegen - Vergebens.
Mein Freund Thomas, war einer von den Daheimgebliebenen. Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen, dass er jedes Mal die Augen verdrehte, wenn die Sprache auf das Thema Umzug kam.
„Papperlapapp!“ sagte seine Mutter und wischte mit einer Handbewegung alle Einwände fort. „Ich lebe hier seit Jahrzehnten und hier bleibe ich auch!“
Damit war das Thema für sie beendet.
Eines Tages kam ein Brief von der Stadt. Dort hieß es: „Wie bereits seit Anfang des Jahres bekannt, kündigen wir den Wohnraum in der Hansastrasse 3 fristgerecht zum 31. März des kommenden Jahres.“
Der Abriss des Hauses sollte in den danach folgenden Wochen wie geplant stattfinden.
Das war der schlimmste Tag seit langem. Lisbeth saß am Tisch, hielt den Brief in Händen und starrte ins Leere.
„Das können die doch nicht machen“, stammelte sie leise und Verzweiflung klang aus ihrer Stimme.
Ich weiß nicht wie sie es schaffte, aber am nächsten Tag merkte man ihr von der Nachricht der Stadtverwaltung nichts mehr an. Lisbeth ging weiterhin zur Arbeit und lebte weiter als sei nichts geschehen. Wenn man glaubt, sie hätte Wohnungsanzeigen gelesen, oder gar Bewerbungen geschrieben, keine Spur. Es war so, als hätte es diese Schreiben nicht gegeben.
Dem sonnigen September folgte ein regnerischer Oktober. Das Jahr ging zu Ende, aber nichts veränderte sich. Der Dezember war lausig kalt. Das Weihnachtsfest verbrachte die Familie bei einem der älteren Söhne in der Nachbarstadt, aber auch dort wurde das Thema Wohnungswechsel nicht angeschnitten. Auch der Januar, mit seinen sternenklaren Nächten brachte tiefsten Frost. Als Ende Februar die ersten Sonnenstrahlen die Erde zu wärmen begannen und die Tage langsam länger wurden, wurde die Situation immer angespannter. Niemand sprach über das brisante Thema, aber alle fragten sich insgeheim, wie es weitergehen sollte. Die Einzige, die keine Gemütsregung zeigte, war Thomas Mutter. Es begann der März und bescherte richtig warme Tage.
Thomas hatte seine Mutter zur Arbeit gebracht und holte mich von meiner Freundin ab. Als wir das Auto vor dem Haus parkten, und langsam zur Haustür gingen sahen wir, dass Wasser unter der Haustür hindurch und die Straße hinunter lief.
Was war das? -
Wir schauten uns gegenseitig an und blickten fast zeitgleich auf das Wasser, das unaufhaltsam weiter unter der Tür her floss. Mit zitternden Fingern versuchte Thomas den Schlüssel in das Haustürschloss zu stecken, was ihm aber erst beim dritten Mal gelang. Als die Tür aufschwang sah man die ganze Bescherung. Ich hatte das Gefühl eine Tropfsteinhöhle zu betreten. Von der Decke regnete es dicke Tropfen und die Treppe glich einem Wasserfall. Knöchelhoch stand das Wasser im Hausflur. Ein Teil floss weiter Richtung Keller und der andere Teil zur Tür hinaus.
Thomas war kreideweiß. Er eilte die Stufen hinauf und schrie: „Hier läuft es auch!“
Er öffnete die Tür zur Wohnküche. Den überschwemmten Raum und die tropfende Decke sehe ich heute noch vor mir. Aber damit nicht genug. Das Wasser rann aus dem Küchenschrank und klimpernd fielen Tropfen in die alten Kaffeetassen. In den angrenzenden Räumen bot sich das gleiche Bild - Wasser!
Eine große Pfütze hatte sich auf der Ablage und auf der Glasscheibe des Waschtisches gesammelt. Der machte so seinem Namen alle Ehre.
Die sonst hellblaue Tagesdecke auf dem Bett war dunkelblau und aus ihren Troddeln an den Rändern tropfte es munter auf den Fußboden. Das Wasser hatte die weiße Deckenfarbe an gelöst und kleine weiße Kegel hingen an der Decke, von denen unaufhörlich die Tropfen fielen.
Wasser, Wasser, Wasser, wohin das Auge blickte.
Thomas rief plötzlich: „Der Haupthahn, der ist im Keller!“ und rannte los. Nach kurzer Zeit war er wieder da und tatsächlich floss das Wasser irgendwann langsamer.
Die kalten Nächte der vergangenen Zeit und das milde Wetter der letzten Tage hatten das Unglück ausgelöst. Ein Wasserrohrbruch in der oberen, leerstehenden Wohnung hatte das Chaos verursacht. Kein einziger Fleck war in der Wohnung auch nur halbwegs trocken.
Mit bangen Gefühlen holten wir am Abend Thomas Mutter ab. Sie betrat die tropfnasse Wohnung und sah sich um. Mit starrem Blick ging sie von Raum zu Raum. Sie sagte nicht ein Wort. Wir hatten ein paar Kleidungsstücke gepackt und sie im Auto verstaut. Mit diesen notdürftigsten Sachen fuhren wir zu Thomas älteren Bruder. Hier konnten die Drei erst einmal unterkommen.
Wir warteten gespannt auf eine Reaktion, hatte Lisbeth doch bis dahin nicht ein Wort gesagt. Sie fiel anders aus als erwartet. Als alle gemeinsam am Tisch saßen, schaute sie ungläubig zwischen allen Personen hin und her. Es dauerte einen Moment, aber dann begann sie schallend zu lachen. Sie lachte, bis ihr die Tränen liefen.
„Ha, da hat mich mein Sturkopf doch eingeholt“, presste sie lachend hervor. „Von wehehgen hier gehe ich nicht weg. Jetzt hat mein Alfons mir die Entscheidung abgenommen Hahaha, der hatte doch immer das letzte Wort! Sogar noch heute.“
Sie wischte sich die Tränen weg und fügte sich in ihr Schicksal, das es keineswegs schlecht mit ihr meinte.
Da die Stadt nicht darauf geachtet hatte, das Wasser in der oberen Wohnung abzusperren, war sie haftbar. Zwei Monate und zwei Schecks von der Versicherung später, bewohnte sie eine schöne Wohnung mit Balkon, Zentralheizung und Einbauküche. Ihr ganzer Stolz war das kleine Bad mit der Badewanne und dem Duschvorhang. Hier verbrachte sie viel Zeit und manchmal sang sie in der Badewanne: „Regentropfen, die an dein Fenster klopfen, das merke dir, die sind ein Gruß von mir......“
- Beate Kranz -
Am Ende ihrer Suche hatten sie drei ausgerissene Seiten eines Tagebuches und ein zerknicktes Foto in schwarz-weiß, das zwei Mädchen vor einem Brunnen zeigte, in ihren Händen gehalten.
„Ich befürchte, jetzt fängt die Suche erst wirklich an“, hatte sie zu ihrer Mutter gesagt und wiederholt die Eintragungen gelesen.
„Ich suche nicht weiter“, hatte ihre Mutter geantwortet. „Sie hat ihr ganzes Leben über geschwiegen. ‚Vorbei ist vorbei‘, hat sie immer gesagt, wenn ich etwas gefragt habe. Doch wenn du weitersuchen willst, meinen Segen hast du dazu.“
Zwei lange Jahre hatte sie bei dieser Suche gebraucht, bis sie glaubte, endlich am Ziel angelangt zu sein.
Doch jetzt, als sie vor dem Brunnen steht, fragt sie sich, ob sich die Suche gelohnt hat.
Nichts deutet auf die Vergangenheit hin, die sie aus den Notizen herausgelesen hatte.
Der Brunnen ist alt, hat einen gewissen historischen Wert; dennoch hindert es die Dorfbewohner nicht, ihre gelben Säcke, die mit dem verwertbaren Abfall prall gefüllt sind, am Abholtag um ihn herum zu deponieren.
‚Ich habe es mir anders vorgestellt‘, denkt sie, nimmt ihr Smartphone aus dem Rucksack, sucht die richtige Perspektive und dann die App für die Kamera.
„Ist etwas mit Ihnen“, fragt eine alte Frau mit Rollator und bleibt schwer atmend stehen.
