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"Ich werde dich Wassili nennen" - sagt der Autor, als er während des Urlaubs auf Sylt einem merkwürdigen Unbekannten begegnet, der offenbar über einen reichen Schatz an Wissen verfügt und um keine Antwort verlegen ist, wenn es um Religion, Philosophie, Metaphysik oder auch nur um den Alltag der Menschen geht. So entspinnt sich ein manchmal ernstes, manchmal heiteres Gespräch über Gott und die Welt, bis sich schließlich - doch das sei jetzt noch nicht verraten.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
Wir schrieben das Jahr 1988.
Ein rätselhaftes Robbensterben schockierte die Menschen und führte zu einer heftigen Diskussion über die Verschmutzung der Nordsee.
In Armenien ereignete sich ein schweres Erdbeben. Zum erstenmal wurde in der Sowjetunion direkte Hilfe aus dem westlichen Ausland zugelassen.
Doch vorher schon kündigte sich ein noch viel größeres Erdbeben an, als Michael Gorbatschow den osteuropäischen Ländern die Freiheit einräumte, ihre Staatsform selbst bestimmen zu können – kaum einer ahnte zu diesem Zeitpunkt, daß dies den Anfang vom Ende der Weltmacht Sowjetunion bezeichnen sollte.
Die UdSSR zog sich aus Afghanistan zurück und begann mit dem Abbau der Mittelstreckenraketen in Europa – und beendete damit ein beispielloses Wettrüsten der Supermächte, das die Welt an den Rand eines Abgrunds geführt hatte.
Bereits zwei Jahre vorher war ein Atomreaktor in Tschernobyl explodiert. Eine radioaktive Wolke war über Europa gezogen, und das gerade erst verkündete Atomzeitalter hatte eine tiefe, unübersehbare Narbe zu verzeichnen.
Ich selber hatte zur gleichen Zeit meinen eigenen Super-GAU erlebt: Eine tiefe persönliche Krise, die mein bisheriges Leben sinnlos erscheinen und mich nun die Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt, nicht nur meines eigenen, stellen ließ.
In dieser Zeit begann ich zu lesen... und zu lauschen. Ich verschlang alles, was an spiritueller und esoterischer Literatur zu bekommen war (das war damals noch überschaubar). Vieles legte ich wieder zur Seite, weil ich feststellen mußte, daß es nur das Geltungsbedürfnis der Autoren beziehungsweise der Leser bediente, anderes dagegen bewegte mich, vor allem, wenn ich spürte, daß es etwas in mir anrührte: ein längst vergessenes Wissen, eine Erinnerung an einen Schatz, den ich schon immer besessen, aber völlig aus dem Auge verloren hatte.
Oft verspürte ich Sehnsucht nach einem Lehrer, der mir erklärt hätte, was richtig ist und falsch – aber es sollte wohl nicht sein.
Bis eines Tages Wassili in mein Leben trat.
Doch lesen Sie selbst...
Es war im Sommer während des Urlaubs auf Sylt, als ich Wassili traf. Ich verbrachte dort gerade einen richtigen Ferientag; einen Tag, an dem man plötzlich die Zeit und die Welt und alles andere vergißt und eingetaucht ist in etwas ewig Vibrierend-Lebendiges, ohne Anfang und Ende; ein Augenblick, wo einem die Leute um einen herum plötzlich gleichgültig sind.
Nein, nicht etwa, daß man ihrer überdrüssig wäre und ihnen aus dem Wege gehen müßte; das geschieht ja ohnehin nur dann, wenn man sich selber wider den eigenen gesunden Instinkt mit reizenden Zeitgenossen völlig überreizt hat; nein, sie sind plötzlich egal, weil man nichts mehr von ihnen erwartet, weder Gutes, noch Schlechtes; man läuft über den Strand, an ihnen vorbei und durch sie hindurch, als wären sie gar nicht da - waren sie es überhaupt?
Ich weiß es jetzt nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen. Ich weiß nur, daß Wellen und Sand da waren, im stetigen Wechsel sich gegenseitig formgebend, da schwappte es, rieselte und rollte, rauf, runter und wieder herauf, in gleichförmigem Rhythmus, mit wechselnder Oberhand je nach den Gezeiten, und das alles ist auch jetzt noch und war auch vorher schon - mit oder ohne Leute.
Also, wie gesagt, ich weiß wirklich nicht, ob an jenem Augusttag irgendwelche Zeugen beobachtet haben, wie ich Wassili traf. Auf jeden Fall hatte ich mich wohl sehr allein gefühlt, als ich ihn plötzlich im Sand vor mir liegen sah. Ich blieb eine Weile versonnen stehen und starrte ihn an.
„Was ist?“ riß er mich plötzlich aus allen Träumen. Ich zuckte schuldbewußt zusammen; es war ja auch wirklich nicht gerade höflich, wie ich mich aufführte.
Allerdings muß ich an dieser Stelle, verehrter Leser, eine Erklärung einschieben, denn ich vermute jetzt, daß Sie sich eine völlig falsche Vorstellung machen von dem, was dort geschah. Wassili war nämlich ein etwa faustgroßer grauer Kieselstein.
Was sagen Sie? Kieselsteine können nicht sprechen? Nun, sehen Sie, genau dasselbe habe ich mir auch gesagt, nachdem meine akademisch geschulte Vernunft nach einem kurzen Aussetzer wieder die Regie übernommen hatte. Mein gesunder Menschenverstand allerdings wollte sich diesmal nicht so ohne weiteres geschlagen geben; schließlich habe er, so versicherte er beharrlich, deutlich vernommen, daß der Stein eine Frage gestellt hatte. Demonstrativ ging er daraufhin in Wartestellung um die Wirkung dieses gewichtigen Arguments zu überprüfen, welches allerdings auch das einzige war, welches er vorzubringen vermochte. Die derart tumb attackierte Vernunft wollte gerade eine Salve von scharfsinnigen Entgegnungen abfeuern, als sich meine anerzogene Höflichkeit einmischte und der ganzen Sache eine eindeutige und folgenschwere Wendung gab, indem sie feststellte:
„Ob der Stein nun sprechen kann oder nicht, berechtigt wäre seine Frage allemal gewesen, denn man glotzt nicht jemanden einfach nur so an wie du es gerade tust!“
Ich wurde nun ein wenig rot und fing, dem Stein zugewandt, an zu stammeln: „‘ntschuldigung. Mir war nur, irgendwie, hatte ich das Gefühl, vielleicht haben wir uns schon mal irgendwo gesehen?“
Auf diese, zugegebenermaßen etwas einfältige Weise, versuchte ich mich der unangenehmen Lage, in die ich geraten war, zu entwinden.
„Mag sein“, schnarrte mir da der Stein entgegen, diesmal unüberhörbar – was mein gesunder Menschenverstand übrigens triumphierend zur Kenntnis nahm – „so etwas kommt vor. Vielleicht in einem deiner früheren Leben“.
Nun war meine Vernunft trotz all ihrer Skepsis am Ende. Ich mußte mich setzen und ließ dem Spiel seinen Lauf. Der Stein hatte mir wohl die Verwirrung am Gesicht abgelesen und setzte deshalb hinzu: „Jedenfalls in den letzten 35 Jahren nicht. Ich bin nämlich die ganze Zeit hiergewesen, du dagegen kein einziges Mal“.
Ich nickte betroffen. Das war nun etwas, was ich vorbehaltlos unterschreiben konnte, und meine Vernunft kam in eine etwas versöhnlichere Stimmung. Sie beschloß, die Bemerkung mit dem früheren Leben zu übergehen und die Tatsache, daß ein Stein sprechen kann, stillschweigend zu akzeptieren; ja, sie schien überhaupt allen weiteren Scherereien aus dem Wege gehen zu wollen, denn sie wußte ja aus Erfahrung, daß das nur wieder fürchterlich viel Arbeit nach sich ziehen würde, und sie war nun gerade in Urlaubsstimmung.
Den Stein schien mein Schweigen allerdings eher zu animieren.
„Ach“, sagte er gedehnt, „es ist schön, daß mir endlich einmal wieder ein Mensch zuhört. Du mußt wissen“, setzte er hinzu, „daß das letzte Mal inzwischen runde hundertausend Jahre her ist. Ich war damals noch ein bißchen dicker als jetzt. Aber dann bin ich irgendwie unter dieses Eis geraten, und wurde gedreht, geschoben, gequetscht, gerieben und geschliffen, geschoben und gerollt, ich dachte schon, es würde gar nicht mehr aufhören. Irgendwann war ich dann im Meer gelandet und wiegte mich in der Strömung hin und her. Wie gesagt, ich habe ganz schön abgenommen im Laufe der Zeit, weit mehr als andere, denen das mit dem Eis erspart geblieben ist. Nun ja, man wird eben immer kleiner, so ist das im Leben. Ja, und jetzt liege ich hier am Strand. – Aber es ist schon merkwürdig...“
„Was ist merkwürdig?“ fragte ich dazwischen, gerade so, als sei sonst weit und breit nichts Merkwürdiges an der augenblicklichen Situation zu verzeichnen.
„Ach“, fuhr der Stein fort, „merkwürdig ist, wie die Menschen sich verändert haben seit dieser Eiszeit. Ich habe mir die ganze Zeit über gewünscht, noch einmal Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Weißt du, wenn man sich etwas wünscht, dann erfüllt sich das auch über kurz oder lang. Und wenn man einmal mit Menschen geredet hat, dann geht einem das dumme Gebrabbel der anderen Steine ziemlich schnell auf den Wecker. Ich war also recht froh, nach dieser relativ kurzen Zeit an diesen Strand gespült zu werden und wieder auf Menschen zu treffen.“
„Aber?“ fragte ich nun gespannt.
„Ja, weißt du, früher, da sahen die Menschen zwar eher aus wie Tiere, aber man konnte sie leicht von diesen unterscheiden: Sie redeten nämlich mit uns. Den Tieren sind Steine immer ziemlich egal gewesen, aber das liegt wohl daran, daß sie auch untereinander kaum einmal ein Wort wechseln. Die Menschen waren da ganz anders. Sie untersuchten uns, gaben uns Namen, und wenn wir ihnen gefielen, bekamen wir eine Aufgabe. Besonders die Feuersteine machten viel von sich her, aber sie wurden zum Teil auch ganz schön zugerichtet; kultiviert, würdet ihr heute sagen. Je schärfer und spitzer sie waren, desto mehr galten sie; sie wurden geküßt und gehätschelt, davon machst du dir gar keine Vorstellung. Einige waren so heilig, daß sie mit ihren Menschenfreunden zusammen beerdigt wurden, wenn diese tot waren. Das war ihnen übrigens nicht unbedingt recht, denn sie waren ja noch sehr lebendig. Die Menschen wußten das wohl auch, und manch einer von meinen Brüdern wurde deshalb wieder ausgegraben. Das war schon eine tolle Zeit, rückblickend betrachtet, wenngleich so ein dicker runder Stein wie ich nicht so recht zum Zuge kam. Ein Freund von mir, der schon etwas kleiner war, erzählte – und ich habe keinen Anlaß an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweifeln, obgleich gerade unter Steinen die tollsten Geschichten ausgesponnen werden – er erzählte also, er sei von
