WASTELAND - Schuld und Sühne - Russell Blake - E-Book
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WASTELAND - Schuld und Sühne E-Book

Russell Blake

4,4

Beschreibung

Sie hatten behauptet, dass es niemals geschehen, dass der Tag niemals kommen würde. Sie lagen falsch. Fünf Jahre nach dem Kollaps schlägt sich der ehemalige Texas-Ranger Lucas Shaw durchs Ödland, in dem es nur eine Regel gibt: Töten oder getötet werden. Als eine rätselhafte junge Frau mit einer verzweifelten Bitte in sein Leben tritt, muss Lucas sich einer unmöglichen Herausforderung stellen und einen Feind bekämpfen, der vor nichts Halt macht. Knallhart und temporeich markiert SCHULD UND SÜHNE den Beginn der WASTELAND-Serie, ein Nonstop-Adrenalinrausch in einem beängstigend realistischen Endzeitszenario. Fans von Jack Reacher, den HUNGER GAMES und ROAD WARRIOR kommen hier voll auf ihre Kosten. ------------------------------------- "Die beste Postapokalypse, die ich seit einer Ewigkeit gelesen habe. Ich hoffe, dieses Buch wird das Ende der Welt überdauern. Kann es kaum erwarten, die Fortsetzung zu lesen." [Hugh Howey]

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WASTELAND

Schuld und Sühne

Russell Blake

Copyright © 2016 by Russell Blake All rights reserved. No part of this book may be used, reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording, or by any information storage or retrieval system, without the written permission of the publisher, except where permitted by law, or in the case of brief quotations embodied in critical articles and reviews. For information, contact: [email protected]

By arrangement with Peter Lampack Agency, Inc. 350 Fifth Avenue. Suite 5300 New York, NY 10118 USA

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: THE DAY AFTER NEVER: BLOOD HONOR Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Mark Tell Weber

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-352-7

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

WASTELAND - Schuld und Sühne
Impressum
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Über den Autor

Vorwort

Die Serie WASTELAND zeichnet eine Zukunft, in der die Zivilisation nach einer Reihe denkwürdiger Ereignisse zusammengebrochen ist – eine tödliche, globale Pandemie und der daraus resultierende Zusammenbruch der Weltwirtschaft.

Es wäre weit beruhigender, wenn man behaupten dürfte, dass so etwas nie geschehen könnte, aber tatsächlich treten Pandemien alle fünf oder sechs Generationen mit schöner Regelmäßigkeit auf. Gleichzeitig sind die globalen Finanzsysteme in einem solchen Maße vernetzt, dass das Ableben eines einzigen ›Global Players‹ zu einem systemischen Versagen führen könnte – eines, bei dem man das Vertrauen in Papierwährungen verlieren und die Welt ohne ein legales Tauschmittel dastehen könnte. Das Konzept des Fiat-Geldes hat in der Geschichte regelmäßig versagt und es ist interessant festzustellen, dass die sogenannten Reservewährungen immer etwa 30 bis 40 Jahre durchhalten, bevor sie wieder von einem neuen Währungsstandard ersetzt werden.

Diese Theorie erwies sich schon als richtig, als der Dollar im Jahr 1944 das britische Pfund ablöste, und bewahrheitete sich erneut, als Nixon von 1971 bis 1973 den Goldstandard abschaffte: Der Petrodollar entstand. In 2008 wäre es beinahe wieder geschehen, hätten nicht alle Zentralbanken der Welt in nie gekannter Weise begonnen, frisches Geld zu drucken.

Die Welt, die ich für dieses Szenario ersonnen habe, ist alles andere als nett, denn WASTELAND lebt von der dunklen Seite der menschlichen Natur, die erst dann zutage tritt, wenn die Ordnung zusammenbricht. Meiner Erfahrung nach, die ich während eines gewaltigen Hurrikans machte, bei dem in Mexiko für zwei lange Wochen die Strom- und Wasserversorgung zusammenbrach, die Straßen unpassierbar wurden, die Krankenhäuser geschlossen waren und die Gesetze keine Geltung mehr hatten, geschieht dann Folgendes: Wenn die Systeme katastrophal versagen, bleiben jene, die sonst für Ruhe und Ordnung sorgen, zu Hause, um ihre Lieben zu schützen. Die Gesetzlosen hingegen wittern ihre Gelegenheit, werden dreist und beherrschen die Straßen. Das Beängstigende daran ist, dass es nur eine geringe Anzahl Verbrecher braucht, um die Mehrheit unter solchen Umständen zu terrorisieren. Was das über unsere Spezies aussagt, ist nicht sehr schmeichelhaft. Aber es entstand auch erst vor Kurzem der irrtümliche Eindruck, dass die Welt ein friedlicher Ort sei und das Gute sich immer durchsetzen würde.

Da es sich um ein fiktionales Werk handelt, habe ich mir einige Freiheiten genommen, was ein paar der Details angeht, insbesondere bei einer Kleinstadt in New Mexico und mit so ziemlich allem, was Pecos, Texas betrifft. Ich bin mir sicher, dass es sich dabei um einen wundervollen Ort handelt, um dort zu leben oder Urlaub zu machen – nur eben nicht in meiner apokalyptischen Zukunftsvision.

Außerdem könnte ich mir ein Szenario erdacht haben, das manchem zu weit hergeholt erscheinen mag. Doch das trifft nur auf jene unter uns zu, die nicht den Hurrikan Katrina in New Orleans erlebt haben oder Odile in Baja, Mexiko. Für die, die selbst dabei gewesen sind, könnte das Szenario glaubwürdiger wirken, als ihnen lieb ist. Aber das macht es auch, zumindest in meinen Augen, zu einem interessanteren Leseerlebnis.

Vielen Dank, dass Sie WASTELAND eine Chance geben, und ich hoffe, dass Ihnen die erste Episode Schuld und Sühne gefällt.

Russell Blake 2016

Kapitel 1

Lucas spähte durch sein Fernglas zum fernen Horizont, der durch die brütende Hitze der westtexanischen Sonne verzerrt wurde, und suchte die karge Landschaft ab. Grünlich-braunes Gestrüpp wuchs wie Tumore entlang der Hügel. Der große Hengst unter ihm bewegte sich mit einem trägen Schütteln des Kopfes. Lucas lehnte sich langsam vor, um ihm beruhigend auf den Nacken zu klopfen.

»Ruhig, Tango. Ich weiß, es war ein langer Ritt«, murmelte er.

Das Pferd beruhigte sich und Lucas kehrte zu seinen Beobachtungen zurück. Seine Lippen waren nur zwei dünne Linien zwischen zwei Tage alten Bartstoppeln. Die gerade Krempe seines Cowboyhutes aus braunem Filz überschattete stahlgraue Augen und eine Haut, die von einem Leben im Freien braun wie Bronze war.

Ein heißer Wind kam aus den Bergen zu seiner Linken und brachte den Geruch von Regen mit sich. Ein Band pflaumenfarbener Wolken pulsierte vor Blitzen, dort, wo die Bergspitzen den Himmel berührten. Er schätzte, dass es noch ein gutes Stück weit weg war, mindestens vier oder fünf Stunden. Das erhöhte die Chancen, dass das Gewitter sich austobte, bevor es ihn erreichte.

Nicht, dass er etwas gegen eine regnerische Nacht gehabt hätte. Er hatte sein Zelt und seinen Schlafsack und in seinen Satteltaschen war genug Proviant für Wochen. Es war schwer abzuschätzen, wie lange er brauchen würde, die Herde Wildpferde aufzuspüren, der er auf den Fersen war. Auf Expeditionen wie dieser war er immer auf alles vorbereitet, was Mutter Natur und ihre raue Landschaft ihm in den Weg stellen konnte.

Lucas Aufmerksamkeit wechselte zu einer braunen Staubfahne, die in der Ferne aufstieg. Er nahm das Fernglas herunter und blickte hinauf in den Himmel. In ein paar Stunden würde es dunkel sein. Er warf einen Blick auf den alten Pilotenchronometer an seinem Handgelenk, nicht weil ihm die Uhrzeit etwas genutzt hätte, aber es half ihm beim Abschätzen der Entfernung. Die Staubwolke war etwa fünf Meilen entfernt. Er wollte sein Pferd nicht schon vorher auslaugen, denn er würde sein volles Tempo benötigen, um Tiere der Herde einzufangen. Das hatte Priorität.

Er nickte wie zur Bestätigung. Bei lockerem Trab konnte er die Urheber der Staubwolke bis zur Dämmerung erreicht haben. Lucas rückte das M4A1 Sturmgewehr auf seinem Rücken zurecht und tastete dann automatisch nach dem Schaft seiner 7.62 Remington 700 Police DM in dem Futteral neben seinem Knie.

Nicht, dass er sie heute benötigen würde.

Immer vorausgesetzt, dass die Staubwolke auch von der Herde stammte.

Es gab in diesen staubtrockenen Senken nicht viel zu holen, alle Gebäude waren vor langer Zeit aufgegeben und von allem befreit worden, was noch irgendeinen Wert darstellte. Aber das hielt die Plünderer aus Mexiko nicht auf, sich auf den Weg nach Norden zu machen. Die Situation südlich dessen, was einmal die Grenze gewesen war, war schlimm oder sogar schlimmer als hier. Und nach dem, was er bisher gehört hatte, war ein Menschenleben in den Augen dieser Aasgeier nicht viel wert. Sie lebten mehr recht als schlecht von dem, was sie sich Zusammenstahlen, und würden jedermann auf Sicht töten. Dabei spielte es keine Rolle, ob er ein Gringo oder ein Mexikaner war.

Das war auch einer der Gründe, warum Lucas die verwaisten Highways mied, welche die Gegend durchzogen. Der Asphalt war nicht nur schlecht für Tangos Hufe, sondern es gab dort auch die schauerlichen Überreste jener Fahrzeuge, die zurückgelassen worden waren, als den Leuten der Sprit ausging. Selbst jetzt, fünf Jahre nach dem Tag, von dem jeder gesagt hatte, dass er nie kommen würde, waren die Autobahnen immer noch unsicher. Es gab Gesindel, das dort lauerte, um Reisende zu überfallen – nicht selten verzweifelte Familien, die einen Handwagen mit ihren wenigen Habseligkeiten hinter sich herzogen, auf dem Weg zu einem Ort, von dem sie gehört hatten, dass das Leben dort besser sei. Das Benzin taugte schon lange nichts mehr, selbst der Diesel war rar, was die Überlebenden dazu zwang, auf andere Transportmittel zurückzugreifen – ob Fahrräder oder Lasttiere – es spielte keine Rolle, solange man nur in Bewegung blieb.

»Sinnlos«, stieß Lucas hervor und stutzte, als er hörte, wie gebrochen seine Stimme klang. Mit seinem Pferd zu reden war eine Sache, aber Selbstgespräche waren ein Warnsignal – eines von vielen, auf die er achten musste. Die Angst, durchzudrehen, war für ihn ein ständiger Begleiter, seit alles den Bach runtergegangen war.

Lucas schnalzte mit der Zunge und Tango lief los. Das Pferd trottete unsicher über die lose Erde. Der sanfte Windhauch war das einzige Geräusch neben Tangos Hufschlag und einem gelegentlichen Schnauben. Lucas Sinne sagten ihm, dass er allein war, aber er blieb wachsam. Seine Kleidung ließ ihn mit der Umgebung verschmelzen und er hoffte, dass seine abgewetzte Jeans, sein sandfarbenes Hemd und die Panzerweste in Wüstentarnung ihn zu einem schwierigen Ziel machen würden. Anders als im Film ist es nämlich verdammt schwer, ein bewegliches Ziel aus der Entfernung anzuvisieren, besonders bei stetigem Wind.

Er grunzte, als sie eine besonders schwierige Stelle überwanden und trieb Tango vorwärts, wobei Lucas' Lendenwirbel gegen den rauen Ritt protestierten. Was hätte er jetzt für einen Geländewagen gegeben. Oder wenigstens eine Enduro, ganz zu schweigen von einem Allradfahrzeug wie seinem alten Pick-up. Er hatte diesen großen Chevy geliebt. Der Wagen, genau wie das M4, waren die Vorteile seines Dienstranges gewesen: Einer der jüngsten Texas Ranger in der Geschichte der Truppe, der für die E Division von El Paso aus operiert hatte. Aber der Wagen, genau wie seine Truppe, waren Geschichte. Es war ein trauriger Tag gewesen, als er ihn mitten in der Wüste zurücklassen musste.

Die Sonne war ein Flecken roter Glut, der in einem Wolkenband versank, als er aus einiger Entfernung Gewehrschüsse hörte. Das unverkennbare Rattern automatischer Waffen ertönte aus der Ferne, kaum lauter als gedämpftes Feuerwerk, aber doch unverkennbar. Tango tänzelte auf der Stelle. Lucas Augen wurden schmal, während er sein Pferd beruhigte.

»Offenbar kam der Staub doch nicht von der Herde«, flüsterte er.

Nach ein paar Minuten hörte die Schießerei auf. Er schätzte, dass er noch gut eine Meile entfernt war. Lucas suchte den Horizont wieder mit dem Fernglas ab, konnte aber nichts erkennen. Was immer auch geschehen war, blieb außer Sicht, hinter der nächsten Hügelkette.

Instinktiv wollte er nach dem Rechten sehen – wenn eine Gruppe Bewaffneter in der Gegend war, musste er sich früher oder später Klarheit verschaffen und seine Suche nach den Wildpferden verschieben, bis die Bande die Gegend verlassen hatte. Er wollte die Tiere für Tauschgeschäfte nutzen – die Ranch hatte kaum noch Waren, die man an einem der Außenposten in der Nähe hätte eintauschen können – aber dafür musste er am Leben bleiben. Er konnte seine Spuren nicht verwischen, während er eine Herde wilder Mustangs trieb.

»Nun komm schon, Tango. Zeit, dass du dir deinen Futtersack verdienst.« Lucas führte das Pferd nach links, wollte einen weiten Bogen schlagen, um unbemerkt zu bleiben.

Purpurne und lachsfarbene Wolkenstreifen dominierten den Himmel, als er in der Nähe des Hügels abstieg und Tango an einem verkrüppelten Mesquitebusch anband. Er zog die Remington 700 aus dem Polster und klopfte auf die vier Reservemagazine mit 5.56 mm Vollmantelgeschossen für seine M4, die in seiner ATS Aegis V2 Plattenschutzweste steckten, gleich neben seinem ganzen Stolz an der Hüfte, einer Kimber 1911 Tactical Custom II Kaliber .45. Lucas prüfte, ob die Mündungsfeuerbremse auf dem M4 saß und ob die Waffe gesichert war. Dann hob er den Blick hinauf zu den schwarzen Umrissen der Geier, die über ihm kreisten.

Lucas nahm seinen Hut ab, als er auf die Anhöhe zukroch, und verharrte hinter einer Deckung aus dichtem Buschwerk.

Die Körper lagen über den Grund eines ausgetrockneten Flussbetts verstreut. Auf den ersten Blick konnte Lucas erkennen, dass die Gruppe in der Mitte von oben her angegriffen worden war – wegen ihrer Position war das offensichtlich. Sie waren gestorben, als sie den Angriff abzuwehren versuchten.

Er beobachtete das gesamte Areal mehrere Minuten lang durch sein Fernglas und nahm sich dabei die Zeit, die Leichen näher zu studieren: Vier Männer in Kleidung aus Armeebeständen, zwei von ihnen trugen Schutzwesten über ihren Tarnhemden, ihre Hände umklammerten noch immer die unverkennbaren Umrisse von AR-15 oder M16 Sturmgewehren. Zwei ihrer Pferde waren ebenfalls erschossen worden, ihre Kadaver schwollen bereits an. Ein einfaches Tragegestell aus überkreuzten Holzstangen lag hinter einem von ihnen. Ganz in der Nähe führte eine Spur dicker Blutstropfen in das Arroyo hinauf, möglicherweise von einem angeschossenen Pferd, denn es hatte geschafft, noch ein wenig Distanz zwischen sich und das Schlachtfeld zu bringen.

Fünf Angreifer lagen im Kreis um das Areal, ihr Blut benetzte den harten Fels dort, wo sie gefallen waren, als sie vorzurücken versuchten. Lucas konnte sich das Gefecht vor seinem geistigen Auge vorstellen. Er hatte ja gehört, dass der Schusswechsel kurz und heftig gewesen war. Den Spuren nach zu urteilen, war die kleine Gruppe, von Nordwesten kommend, entlang des ausgetrockneten Flussbetts auf einen See zugeritten, wo sie vermutlich die Nacht verbringen wollten. Die Angreifer hatten eine günstige Stelle ausgewählt und mit der Sonne im Rücken das Feuer eröffnet. Aber sie waren zu selbstsicher gewesen und zu hastig vorgerückt, wobei sie schwere Verluste hinnehmen mussten.

Mit zugekniffenen Augen spähte Lucas zu der steilen Felswand auf der anderen Seite des Einschnitts hinüber, die von Höhlenöffnungen durchlöchert war, besorgt wegen eines möglichen Hinterhalts. Eine Bewegung dicht bei einem der gefallenen Männer im Tarnanzug erregte seine Aufmerksamkeit und er beobachtete, wie ein Geier seinen blutigen Schnabel aus seinem Festmahl herauszog. Der große Aasvogel neigte den Kopf in seine Richtung und beobachtete ihn abschätzend, dann flatterte er einmal mit seinen schwarzen Schwingen und kehrte zu seiner Mahlzeit zurück. Er hatte entschieden, dass Lucas dort oben für ihn keine ernsthafte Bedrohung darstellte.

Es war unwahrscheinlich, dass noch Angreifer vor Ort waren, sonst wären die Geier vorsichtiger gewesen. Außerdem gab es keinen Grund für sie, in der Gegend zu bleiben – wenn es überhaupt Überlebende gegeben hatte. Er hatte auch keine weiteren Pferde gesehen, also waren sie ihnen vielleicht durchgegangen. Lucas sah es pragmatisch: So gab es mehr für ihn einzufangen. Domestizierte Tiere waren leichter zu fangen als wilde. Und auch leichter zu verkaufen.

Lucas hatte seit dem Kollaps eine Menge Tod gesehen. Ungerührt kehrte er zu Tango zurück und stieg wieder auf. Die Tage der Vernunft, des Geldes, der Ordnung und der rechtlichen Konsequenzen waren vorbei. Was blieb, war die brutale Alternative zwischen Jäger und Gejagtem. Wäre er noch ein Ranger gewesen, hätte er es als seine Aufgabe betrachtet, alle überlebenden Angreifer zu suchen und sie der Gerechtigkeit zuzuführen. Aber dieses Konzept existierte nicht mehr und Gerechtigkeit kam heute aus dem Lauf einer Waffe.

Er ließ seine Stiefel in die Steigbügel gleiten und gab Tango mit dem Zügel einen sanften Klaps auf den Nacken. Das M4 hielt er fest in seiner rechten Hand, während das Pferd seinen Weg hinunter zu der grässlichen Szene suchte. Lucas beobachtete weiterhin die Umgebung und der Lauf seiner Waffe wanderte mit seinen Augen.

Als Lucas näherkam, hüpfte der Geier davon und erhob sich in die Luft, um seinen Kumpanen am Himmel Gesellschaft zu leisten. Erst als Lucas sicher war, dass es keine ungebetenen Gäste gab, stieg er ab und flüsterte in Tangos Ohr: »Bleib.«

Tango blinzelte ihm mit seinen großen, dunklen Augen zu und blieb erwartungsvoll stehen.

Lucas betrachtete die Szene und war abgestoßen vom sinnlosen Verlust an Menschenleben. Er ging zur ersten Leiche und drehte sie auf den Rücken. Drei Einschüsse liefen quer über die Brust des Mannes. Die letzte Kugel hatte ihm die halbe Schulter weggerissen. Seine leeren Augen blickten mit einem überraschten Ausdruck in die Ewigkeit, den Lucas nur zu gut kannte. Er ließ den Mann zurücksinken und ging zum nächsten. Er vergewisserte sich, dass sie wirklich alle tot waren. Lange dauerte es nicht: Die großen Blutlachen unter jedem von ihnen waren Beweis genug. Sie alle hatten das ausgemergelte Aussehen von Männern, deren Ernährung sich nach dem Ende der Zivilisation dramatisch verändert hatte. Das simple Konsumieren von Fertignahrung war ersetzt worden durch die Jagd auf alles, was kreuchte und fleuchte. Er erkannte allerdings, dass sie alle ordentlich geschnittene Haare und gute Ausrüstung hatten. Diese sammelte er hastig ein und legte sie auf einen Haufen, wobei er sich auf Waffen und Munition konzentrierte. Ansonsten fand er nur wenig Tauschartikel, die sich leicht transportieren ließen.

Danach ging er zu den toten Pferden und sah in ihre Satteltaschen. Sie enthielten Plastikbehälter mit Reis, Töpfe, mehr Munition, Kompasse, Trockenfleisch und andere haltbare Nahrungsmittel, dazu die übliche Sammlung von spärlichen Habseligkeiten, die heutzutage als Schätze durchgingen. Er leerte die Satteltaschen aus und sah den Inhalt zügig durch. Er legte alles beiseite, was sich nicht leicht transportieren ließ. Er hatte nur Raum für Sachen von Wert, so wie ein Jagdmesser oder eine AR-15 mit mehreren hundert Schuss Munition, die kostbarer als alles andere zusammen war.

Als er den ersten der toten Angreifer erreichte, verzog er das Gesicht. Der Schädel des Mannes war ein Krater voller Fliegen, die Vorderseite des Kopfes war von einem Schuss zerfetzt worden. Zurück blieben nur sein öliges, schwarzes, zu einem Iro geschnittenes Haar und ein verdreckter, ungepflegter Bart.

»Raider«, murmelte Lucas. Der Iro war das Erkennungszeichen einer der Gangs, welche die Gegend unsicher machten und jeden terrorisierten, auf den sie stießen. Sie waren undisziplinierte Amateure, aber gefährlich wie Skorpione und vollkommen skrupellos. Viele von ihnen waren Berufsverbrecher, die die Städte verlassen hatten, als alles zusammenbrach, und die eine Bande von Halsabschneidern gebildet hatten, die lieber raubten und mordeten statt als Farmer zu schuften. Der Kollaps hatte das Beste und das Schlechteste in den Menschen geweckt. Leider hatte das Schlechte meist überwogen und ihre Gewaltbereitschaft verschaffte ihnen natürlich Vorteile gegenüber den Schwächeren.

Lucas hatte das blutige Handwerk der Raider mehr als einmal beobachtet, an den schutzlosen Häusern, die es hier früher einmal gegeben hatte. Wie ein Heuschreckenschwarm hatten sie alles auf ihrem Weg zerstört. Sie töteten jeden, außer jungen Frauen, die sie zu Sklavinnen machten – Gerüchten zufolge ein Schicksal schlimmer als der Tod. Er machte einen weiten Bogen um sie – und sie ließen die Stadt, bei der er wohnte, in Frieden. Sie bevorzugten leichtere Ziele als diese schwer bewaffneten Siedler. Genau wie die Raider hatte auch Lucas einen Ruf, der ihm vorauseilte, sodass sie die Farm, auf der er mit seinem Großvater lebte, in Ruhe ließen.

Drei der anderen Toten waren ebenfalls Raider. Ein weiterer Indikator war ihre Lieblingswaffe, die Kalaschnikow AK-47, deren 7.62 Munition durch Geschäfte mit mexikanischen Banditen leicht zu beschaffen war. Mexiko war während des Krieges gegen die Drogen regelrecht mit Waffen geflutet worden. Man nannte sie auf Spanisch Cuerno de Chivo – das Ziegenhorn – wegen ihres auffällig gekrümmten 30-Schussmagazins. Die meisten waren vollautomatisch, und obwohl sie nicht so präzise waren wie Lucas' M4, hatten sie doch auf einhundert Meter eine mörderische Durchschlagskraft. Lucas sammelte die Sturmgewehre ein. Zwei davon waren die AK-M Variante mit einklappbarer Schulterstütze. Er warf sie auf den Haufen zu den anderen Waffen.

Ein Gurgeln kam von einem der Körper, die er noch nicht untersucht hatte. Er wirbelte in der Hocke herum, das M4 im Anschlag. Der Mann, dessen Iro kanariengelb gefärbt war, war wie die anderen Raider mit einer dreckigen schwarzer Jeans und einem fleckigen T-Shirt gekleidet. Lucas lief zu ihm hinüber, jederzeit bereit zu schießen, aber der Mann war bereits am Ende. Blut aus einer Kopfwunde verkrustete ihm Stirn und Augenlider. Lucas zog die Glock aus seinem Hosenbund und schob die AK mit dem Fuß beiseite, bevor er sich vorsichtig neben ihm hinkniete.

Die Augen des Mannes öffneten sich und er starrte Lucas mit leerem Blick an. Er versuchte zu sprechen, aber alles, was aus seinem Mund kam, war ein Schwall Blut. Dann rollte sein Kopf zur Seite. Sein Todesröcheln dauerte beinahe fünf Sekunden.

Lucas ging seine Sachen durch und fand in der Gesäßtasche des Mannes ein Klappmesser. Es war von guter Qualität und versprach einen guten Handel. Die Glock und ihre zwei Reservemagazine würden ebenfalls ein gutes Geschäft werden, auch wenn er persönlich nicht viel von einer 9mm hielt. Lucas' Philosophie war immer gewesen, dass die momentane Taubheit, die einen Schuss aus seiner Kimber begleitete, durch ihre hohe Durchschlagskraft mehr als aufgewogen wurde.

Nachdem er sich alle Waffen angesehen hatte, traf er eine schnelle Entscheidung und trug die wertvollsten zu Tango hinüber. Lucas belud die Satteltaschen bis zum Bersten mit Waffen und Munition und war enttäuscht, doch wenig überrascht, dass er zwei AK-47 und ein paar Pfund Munition zurücklassen musste.

Entferntes Donnergrollen hallte von den Wänden der Schlucht wider und Lucas wandte sich dem aufziehenden Sturm zu. Er erstarrte, als er eine Gestalt bemerkte, unmittelbar neben einem Felsvorsprung, deren Brust sich hob und senkte und die offensichtlich am Leben war. Er hatte diese Person vorher nicht bemerkt. Wer immer es auch war, hatte sich gut verborgen. Er schnellte hoch und lief im Zickzack auf den gefallenen Schützen zu. Die M4 hielt er im Laufen auf die Gestalt gerichtet.

Als er den Vorsprung erreichte, blieb er verblüfft stehen.

Es war eine Frau.

Bewusstlos und schwer atmend, eine AR-15 war direkt neben ihr zu Boden gefallen.

Aber sie war am Leben, auch wenn sie um jeden Atemzug kämpfte. Ihre Bluse und ihre Hose waren von Blut durchtränkt.

Kapitel 2

Lucas senkte langsam die Waffe, als er sich der Frau näherte und ihren Zustand einschätzte. Sie war in den Oberschenkel und in den oberen Brustkorb getroffen worden. Ihre leichte Schutzweste hatte nicht ausgereicht, um sie gegen die Gewehrkugeln zu schützen. Er kauerte sich neben sie und blickte in ihre bleichen Züge: Ihr Ausdruck wechselte zwischen Agonie und Bewusstlosigkeit.

Er filzte sie und fand einen kurzen .38er Revolver in ihrem Hosenbund. Er warf die Waffe beiseite und blickte hinauf zum Himmel. Er machte sich Sorgen, dass es bald zu dunkel sein würde. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu und zog ihr vorsichtig die Schutzweste aus. Danach waren seine Finger schlüpfrig von ihrem Blut. Eilig suchte er in seiner Flakweste nach der wiederaufladbaren LED-Taschenlampe.

Lucas schaltete die kleine Taschenlampe ein und ließ den Lichtkegel zu den Wunden der Frau wandern. Das Bein sah nicht allzu schlimm aus, die Wunde in ihrer Brust schon – der Blässe ihrer Haut nach hatte sie bereits eine Menge Blut verloren und es bestand die Gefahr, in einen Schockzustand zu verfallen, wenn das nicht längst geschehen war. Immer mehr Blut kam aus der Eintrittswunde. Lucas musste eine schnelle Entscheidung treffen. Und er brauchte das Licht der Stablampe, auch wenn es die bösen Jungs anlocken konnte. Ansonsten würde die Frau sterben.

Er folgte seinen Spuren zurück zu Tango und holte das Erste-Hilfe-Set aus der Satteltasche. Das Pferd schien seine Aufregung zu spüren und wieherte leise.

»Keine Sorge, mein Großer. Wir hauen hier so bald wie möglich ab«, murmelte Lucas, bevor er zu der Frau zurückging.

Nachdem er die Taschenlampe wieder eingeschaltet hatte, holte er eine Plastikflasche heraus und drehte den Verschluss ab. Der Geruch von hochprozentigem Alkohol stieg ihm in die Nase. Dreifach gebrannt von seinem Großvater, aus Getreide, das auf seiner eigenen Ranch wuchs, brachte den ›White Lightning‹ auf über 70 Volumenprozent. Abgesehen davon, dass er ein heißbegehrter Tauschartikel war, machte ihn das auch zu einem vorzüglichen Desinfektionsmittel, obwohl diese Verwendung seinem Grandpa nicht gefallen hätte. Für ihn war das nur eine Verschwendung von gutem Schnaps.

Lucas nahm eine Plastikplane aus der Verpackung und breitete das Feldbesteck darauf aus. Nachdem er die Wunde in der Brust noch einmal untersucht hatte, sterilisierte er eine langstielige Wundzange. Als er sicher sein konnte, dass das Instrument keimfrei war und keine Infektion auslösen würde, nahm er sich zunächst die Beinwunde vor. Er stellte fest, dass es sich um einen sauberen Durchschuss handelte. Da hatte sie Glück gehabt, doch bei ihrer Brustwunde sah es anders aus. Die Kugel hatte zwar ihre Lunge verfehlt, aber es gab keine Austrittswunde und er war nicht darauf vorbereitet, im Freien und nur im Licht einer kleinen Taschenlampe einen chirurgischen Eingriff durchzuführen.

Er stocherte vorsichtig in der Eintrittswunde herum und versuchte dabei, das Projektil zu ertasten, gab aber nach ein paar fruchtlosen Minuten auf. Das Beste, was er tun konnte, war, die Wunde mit dem Alkohol zu sterilisieren und einen Druckverband anzulegen. Wenn sie die Nacht überstand, konnte er versuchen, sie zum nächsten Handelsposten zu transportieren, wo es qualifiziertere Hände gab. Lucas war mit dem Anblick von Blut vertraut und hatte seit dem Kollaps schon ein paar Wunden versorgt, aber noch keine, die so ernst war. Obwohl er ein Army-Handbuch zur Notversorgung durchgeackert hatte, war er hier überfordert.

Der Blutverlust war vermutlich riskanter als die Möglichkeit, dass die Kugel wanderte und so mehr Schaden anrichtete. Dem Blutfluss nach waren keine größeren Blutgefäße verletzt, aber ganz sicher war er nicht. Er suchte nach auffälligen arteriellen Blutungen, doch als er nur schwächere Einblutungen sah, holte er eine Phiole Morphin aus dem Notfallset, das er nach dem Kollaps aus einem Krankenhaus hatte mitgehen lassen. Er hatte die Droge bisher nie einsetzen müssen und hoffte um der Frau willen, dass die karamelfarbene Flüssigkeit noch ihren Kick hatte, obwohl sie schon lange abgelaufen war. Lucas goss Alkohol über ihre Armbeuge und spritzte ihr Dreiviertel der kleinen Ampulle in die Vene. Danach tauchte er die Nadel in Alkohol, wobei er den Verschluss als Behälter nutzte. Nach dreißig Sekunden Desinfektion nahm er die Nadel heraus und verstaute sie wieder im Notfallset.

Die Atmung der Frau wurde ruhiger und regelmäßiger. Lucas nahm seinen Hut ab und legte ein Ohr auf ihren Brustkorb, um lauschen zu können, ob ihre Lunge sich mit Flüssigkeit füllte, aber viel hörte er nicht. Ihre Atemwege schienen frei, aber das war im Augenblick reines Wunschdenken. Selbst wenn sie gerade in ihrem eigenen Blut ertrank, konnte er doch nicht mehr tun als zu beten und ihr den Rest Morphium zu spritzen.

Lucas lehnte sich zurück und griff nach dem Alkohol, widerstand aber dem Wunsch, einen Schluck zu nehmen, um seine Nerven zu beruhigen. Er goss ihn stattdessen über ihre Beinwunde und wusch dabei das getrocknete Blut weg. Sie rührte sich kaum. Bevor er sich um die Schusswunde in der Brust kümmerte, nahm er aus einer versiegelten Packung Wundverbände und platzierte zwei davon auf ihrem Oberschenkel, die er mit einem Verband fixierte, nachdem er das Ganze großzügig mit Braunol betupft hatte.

Besser als nichts, dachte er und kümmerte sich um die Wunde in ihrer Brust. Hier reagierte sie auf den Alkohol mit einem Zucken und schmerzvollem Stöhnen, doch die Augen der Frau öffneten sich nicht. Wieder desinfizierte er die Stelle und träufelte etwas Alkohol direkt in die Wundöffnung, nur um sicherzugehen. Danach improvisierte er einen Druckverband, um die Blutung zu stillen.

Als er fünf Minuten später seine Sachen zusammenpackte, war es längst dunkel geworden und er hatte es plötzlich eilig, die helle Taschenlampe abzuschalten, bevor der Lichtkegel unliebsame Gesellschaft herbeilockte. Er lief zu Tango zurück und packte das Set wieder in die Satteltaschen. Endlich schaltete er die Lampe aus und steckte sie in die Tasche. Lucas wartete neben seinem Pferd, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Über den entfernten Hügeln schossen Blitze aus dichten Wolkenmassen, gefolgt von einem gelegentlichen Donnergrollen. Er zählte vom nächsten Aufblitzen bis zum Donnerschlag und errechnete, dass der Sturm noch mindestens fünfzehn Meilen entfernt war.

Schuldbewusst blickte er in der Dunkelheit zu den Toten hinüber. Hätte er mehr Zeit gehabt und wenn er sich nicht um die verwundete Frau hätte kümmern müssen, dann hätte er die Leichen vermutlich mit Steinen bedeckt oder mit seinem Klappspaten in einer flachen Grube beerdigt. Aber mit einem Gewitter im Anmarsch und angesichts des schlechten Zustands der Frau waren ein paar Worte des Gebets alles, was er für die Gefallenen tun konnte.

»Möge Gott deiner Seele gnädig sein«, schloss er und wunderte sich über den Wankelmut des Universums: All diese Männer, ob sie nun Raider oder Reisende gewesen waren, hatten die schlimmste Katastrophe der Menschheit seit biblischen Zeiten überlebt, nur um hier, in einem namenlosen, trockenen Flussbett zu sterben. Er nahm an, dass es schon immer so gewesen war, doch in solchen Momenten der Sinnlosigkeit wurde sein Glaube auf eine harte Probe gestellt.

Der Wind winselte wie ein alter Hund und holte ihn aus seiner Trance. Er führte Tango zu dem Ort hinüber, an dem die Frau in einem drogeninduzierten Schlummer lag. Er hatte darüber nachgedacht, ihr Wasser aus seiner Trinkflasche einzuflößen, entschied sich jedoch dagegen. Es konnte die Dinge verschlimmern und sie sogar ersticken.

Stattdessen ging er zu dem toten Packpferd mit der Trage zurück und löste die beiden langen Stangen von seinem Rücken. Glücklicherweise war keine davon zerbrochen, als das arme Tier zu Boden gegangen war. Die einfache Pferdetrage, eigentlich nur ein Stück Segeltuch zwischen zwei Holzstangen, wie es früher die amerikanischen Ureinwohner verwendet hatten, war von findigen Überlebenden wiederentdeckt worden, die mit Esel, Pferd oder Kuh unterwegs waren. So konnten sie viel mehr transportieren als auf dem Rücken ihrer Tiere, sogar durch unwegsames Gelände, das für Wagen unpassierbar gewesen wäre.

Lucas schlang die Befestigungsseile um das Sattelhorn und die gekreuzten Stangen spreizten sich hinter Tango. Beim ersten Mal hatte er die Trage nicht durchsucht, war aber dankbar, ein paar Wasserkanister und mehrere Körbe mit halbverfaulten Äpfeln und Orangen zu finden. Nach kurzem Überlegen entschied er sich, zwei der Kanister, einen Korb Obst und die restlichen Waffen mitzunehmen, die nicht mehr in die Satteltaschen gepasst hatten. Wenn Tango ohnehin die Frau zog, dann würden ein paar Pfund mehr Ausrüstung auch nicht schaden.

Als er fertig war, inspizierte er sein Werk. Es würde die Frau mit Leichtigkeit aushalten. Wenn er es langsam angehen ließ, war es für seinen großen Hengst auch keine echte Herausforderung. Als er die Frau aufhob, war er überrascht, wie leicht sie war. Er hatte so lange keine Frau mehr in den Armen gehalten, dass er beinahe vergessen hatte, wie …

Er schüttelte den Gedanken ab und legte sie auf der Trage ab, wo er sie mit einem Stück Seil fixierte, damit sie nicht herunterfiel. Weit wollte er in der Nacht nicht reisen – wer nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs war, bettelte praktisch um einen Hinterhalt und dem ging er gern aus dem Weg.

Lucas schwang sich mit einer fließenden Bewegung in den Sattel und schnalzte Tango zu. Der Hengst begann zu ziehen und Lucas war erleichtert, dass das Pferd mit dem zusätzlichen Gewicht gut zurechtkam. Sie folgten dem fallenden Flussbett, bis es Lucas an einer flachen Stelle möglich war, Tango auf den Grat zurückzulenken. Oben angekommen machte er eine Pause und suchte den Horizont mit dem Fernglas ab. Doch abgesehen von der sich auftürmenden Wolkenkette im Westen gab es nichts zu sehen. Dem Klang des Donners nach hing das Gewitter über den Bergen fest, wo es hoffentlich bleiben würde. Das würde ihnen am Morgen schlammige Pfade ersparen.

Ein Stück entfernt fand er einen Lagerplatz, an dem er schon früher übernachtet hatte. Er hatte dort freies Schussfeld und nur zwei Wege führten auf die Lichtung am Fuße eines aufragenden Felsens. Er sattelte Tango ab und streichelte sein Pferd anerkennend, bevor er es zum Grasen schickte. Tango, mittlerweile viereinhalb Jahre alt, war von Lucas aufgezogen worden. Er hing an ihm, soweit das für ein Tier überhaupt möglich war. Lucas hatte keine Sorge, dass Tango sich zu weit entfernen würde. Er zog es vor, in der Nähe der Lichtung zu bleiben, wo es zu dieser Jahreszeit reichlich Gras zu Fressen gab.

Lucas sah erst kurz nach der Frau, bevor er im Umkreis von 50 Metern Stolperdrähte zog. Er spannte sorgfältig kunststoffummantelten Draht zwischen zwei Bäumen, die den Hauptzugang einrahmten, den ein möglicher Eindringling nehmen würde. Den Vorgang wiederholte er am rückwärtigen Zugang zwischen zwei Felsen, wo er den Draht zwischen zwei solide aussehenden Jungbäumen spannte.

Er ging zurück zu der Stelle, an der die Frau auf der Trage schlief, öffnete einen der Wasserkanister und schnupperte daran, bevor er Tango Wasser anbot, der ein paar Meter entfernt genüsslich den Boden abgraste.

»Willst du auch etwas Wasser, mein Junge?«, flüsterte er und Tango trabte auf ihn zu, als hätte er verstanden. Das Pferd soff den Kanister komplett leer, was Lucas wieder einmal daran erinnerte, dass Tango am Tag mindestens zehn Gallonen Wasser benötigte. Mehr sogar, wenn er sich verausgabt hatte.

Lucas rollte seinen Schlafsack aus, legte ihn über die Frau und setzte sich neben sie. Er lauschte ihrer Atmung, was nur durch einen gelegentlichen Eulenschrei und entferntes Donnergrollen unterbrochen wurde. Lucas schob ihr eine Strähne hellbraunen Haares aus der Stirn und studierte ihre Züge im schwachen Mondlicht, das zwischen Wolkenfetzen hindurchschimmerte.

»Was hast du nur da draußen gemacht?«, murmelte er. »Eine todsichere Methode, sich umbringen zu lassen.«

Er entschied, ein kleines Feuer zu riskieren. Die Lichtung lag abgelegen zwischen hohen Felsen. Es sollte ungefährlich sein und er hatte es schon vorher getan, wenn er hier campiert hatte. Tatsächlich lag seine alte Feuerstelle nur ein paar Schritte entfernt. Nachdem er ein paar trockene Zweige gesammelt und die Steine der Feuerstelle zusammengerückt hatte, beträufelte er das Holz mit dem Geheimrezept seines Großvaters und zündete es mit einem Wegwerffeuerzeug an – eines von dreien in seinem Besitz. Es waren hochbegehrte Tauschartikel.

Das Feuer erwachte zum Leben und er beobachtete die tanzenden Flammen über dem knisternden Holz. Er kaute langsam etwas von dem Trockenfleisch, das er und sein Großvater auf ihrer Ranch herstellten und starrte gedankenverloren auf die orangefarbenen Flammenzungen, die sich in den Nachthimmel reckten.

Lucas schüttelte seine Müdigkeit ab und sah zu Tango hinüber, der längst wieder graste und die Selbstgespräche seines Herrn ignorierte. Lucas zuckte entschuldigend mit den Achseln und lehnte sich gegen den harten Felsen. Sein M4A1 lag mit montiertem Nachtzielgerät quer über seinen Knien, die Kimber ruhte an seiner Hüfte, doch seine Lider waren schwer, denn ein langer Tag hatte alles Adrenalin aufgebraucht. Er gestattete sich den kleinen Luxus, für einen Moment die Augen zu schließen, damit sie nicht mehr so brannten. Die Erinnerung an seine verstorbene Frau Kerry war mit einem Mal in seinem Kopf und er stieß einen Seufzer stiller Trauer aus. Lucas behielt ihr Abbild solange es ging vor seinem geistigen Auge, bis es sich auflöste wie Morgennebel. Ihre lächelnden Augen verschwanden zuletzt.

Ging er deswegen dieses Risiko ein und versuchte, die fremde Frau zu retten? Waren es Schuldgefühle, weil er seine Ehefrau nicht hatte retten können, die Liebe seines Lebens? Weil er seinen Job wichtiger genommen hatte als seine Ehe?

»Das ist nicht wahr«, flüsterte er, doch seine Worte klangen hohl.

Er war in den ersten Tagen des Kollapses im Außeneinsatz gewesen, bei dem Versuch, die Ordnung aufrechtzuerhalten, obwohl sich die Situation ständig verschlimmerte. Als die Grippe sich ausbreitete, waren viele Polizisten nicht mehr zur Arbeit erschienen. Die Nationalgarde hatte eigentlich ausrücken sollen, doch Lucas hatte ernste Zweifel gehegt, dass sich noch viele zum Dienst melden würden. Kerry hatte ihm versprochen, im Haus zu bleiben, die Türen abzuschließen und die Rollos unten zu lassen, aber irgendetwas – er hatte nie erfahren, was es war – hatte sie dazu veranlasst, die Sicherheit des Hauses zu verlassen.

Als man ihre Leiche fand, hatte Lucas all seine Willenskraft benötigt, um sich nicht den Lauf seiner Kimber in den Mund zu stecken und ihr in den Tod zu folgen. Er hatte nie herausgefunden, wer sie auf so unaussprechliche Weise missbraucht hatte, bevor er ihr Leben auslöschte. In der allgemeinen Abwärtsspirale der folgenden Tage war er gezwungen gewesen aufzugeben und sich auf sein eigenes Überleben zu konzentrieren.

»Du hättest nichts tun können«, wisperte er und rieb sich mit der Handfläche über sein Gesicht. »Niemand hätte das.«

Das war die Wahrheit, fühlte sich aber wie eine Lüge an. Er hätte zu Hause sein sollen, um sie vor allem Übel zu schützen, statt nur seinen Job zu machen. Er hätte wenigstens … irgendetwas tun können.

Allerdings hätte Lucas dafür ein anderer Mensch sein müssen – einer, der die ihm übertragenen Aufgaben beim ersten Anzeichen von Problemen hinwarf, einer, der die Menschen nicht schützte, die er zu schützen geschworen hatte – nur für den Fall, dass seine leichtsinnige Frau dachte, er würde es mit der ständig wachsenden Gefahr da draußen übertreiben.

Das wäre für ihn nie eine Option gewesen.

Aber sie hatte den Preis dafür bezahlt.

Sein Verstand ging auf Wanderschaft und spielte noch einmal wie in Zeitlupe den Sturz ins Chaos durch, als die Zivilisation zusammenbrach. Die Realität traf die Bevölkerung vollkommen unvorbereitet: Eine Versorgungskette für nur maximal drei Tage und abhängig von staatlicher Fürsorge, was Strom, Wasser und ihren eigenen Schutz anging. Ihr Vertrauen in den Staat erwies sich als unbegründet, als die Leichen sich zu stapeln begannen und eine Hungersnot die Nation erschütterte, gefolgt von totaler Anarchie. Er erinnerte sich noch an seine letzte Fernsehsendung, in der ein sichtlich nervöser Sprecher mit Schweißperlen auf der Stirn seine Zuschauer beschwor, dass alles gut werden würde und sie nicht in Panik verfallen sollten. Sie sollten in ihren Häusern bleiben, da man das Kriegsrecht verhängt hatte. Und er erinnerte sich an das Versprechen, dass es niemals zu dem apokalyptischen Szenario kommen würde, das sich bereits wie ein Lauffeuer über die sozialen Medien verbreitete. Nur eine weitere schlechte Lüge.

Das Wort ›niemals‹ hatte sich in Lucas' Erinnerung eingebrannt, in seiner ganzen, totalen Verlogenheit. Nur Stunden später war das Internet zusammengebrochen und es spielte letztendlich keine Rolle, ob es Vandalen oder die Regierung selbst gewesen war. Als er am folgenden Tag in seinem leeren Haus erwachte, war seine Ehefrau noch keine Woche tot. Es gab keinen Fernsehempfang, der Strom war weg und überall in der Umgebung waren Schüsse zu hören. Für immer vorbei war es auch mit seinem Job, seiner verdammten Pflicht und der komfortablen Routine, als der Tag, der angeblich nie kommen sollte, eingetroffen war.

Lucas seufzte wieder und fragte sich, warum er sich immer noch mit diesen vergifteten Erinnerungen herumquälte. Seit diesen Tagen war eine Ewigkeit vergangen. Jetzt war er nur noch einer von den Überlebenden, die versuchten, das Beste aus der Hölle zu machen, die sie umgab. Wie und warum es dazu kommen konnte, war letztendlich unwichtig. Es war eben passiert, nur das zählte.

Er öffnete seine Augen und blickte hinauf in das orangefarbene Mondlicht über dem hohen Gras und dann nach unten auf das Feuer, das schon halb heruntergebrannt war. Seine Augen wanderten zu der Frau hinüber und seine Gedanken rasten. Wie lautete ihre Geschichte? Woher kam sie und wohin wollte sie? Und was machte sie mit vier schwer bewaffneten Söldnern mitten im Niemandsland, einer Region, die selbst unter günstigsten Umständen bekanntermaßen gefährlicher als eine Giftnatter war?

Kapitel 3

Lucas schreckte mit einem leisen Fluch hoch. Seine Augen tasteten die Umgebung ab und blieben an der nahegelegenen Feuerstelle hängen. Das Feuer war nur noch eine schwelende Glut, das Holz war längst verbrannt und eine dünne Rauchfahne stieg aus der Asche.

Er war eingenickt, als er seinen quälenden Erinnerungen nachhing. Doch irgendetwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Tango schnaubte irgendwo in der Nähe, ein klares Warnsignal für Lucas, der sich bereits auf die Beine kämpfte. In diesem Moment hörte er ein Fluchen und das schnappende Geräusch des Stolperdrahts am Hauptzugang.

Er wartete nicht ab, bis der Flucher zu sehen war. Wie auf Autopilot bewegte er sich rasch aber lautlos auf den Spalt an der Rückseite der Lichtung zu, wobei er den selbst gelegten Stolperdraht umging, bis er sich zu einem Felsvorsprung vorgearbeitet hatte, von dem aus er ein gutes Sichtfeld auf die Umgebung und eine steinerne Deckung hatte.

Augenblicke später war er oben angekommen und blickte auf drei Gestalten hinunter, die durch das Gras auf Tango zu krochen. Die Frau lag noch in komatösem Zustand auf der Plane, nur ein paar Meter von seinem Pferd entfernt. Im Geiste ging Lucas seine Optionen durch – er konnte es vermutlich mit drei Männern aufnehmen, doch wenn er auch nur einen verfehlte, würde der in Richtung von Tango und der Frau feuern. Es gab keine Garantie für todsichere Schüsse in der Dunkelheit. Nein, er musste versuchen, sie zu umgehen und von der Seite anzugreifen, während sie sich auf die Lichtung vorarbeiteten. Er beobachtete für ein paar Sekunden ihre Bewegungen. Es musste sich um irgendwelche Gauner handeln, denn ihr Vorgehen zeugte von Unerfahrenheit. Sie schlichen geradewegs in eine potenzielle Falle.

Das machte sie in seinen Augen zu Narren.

Allerdings machte es sie nicht weniger gefährlich, war aber vielleicht ein Vorteil zu seinen Gunsten.

Er zog sich von der Felsspalte zurück und folgte dem Weg zur Lichtung. Dann umging er die freie Fläche weiträumig im Schutz der sie umgebenden Felsen. Er sah die Umrisse von drei Pferden in der Nähe einer Baumgruppe, etwa dreißig Meter den Berg hinunter. Er musste seine Meinung revidieren – so dumm konnten die Banditen nicht sein, da sie das Lager entdeckt hatten und clever genug gewesen waren, ihre Reittiere zurückzulassen.

Lucas erreichte seinen Stolperdraht und stieg darüber hinweg. Die Männer waren etwa 25 Meter vor ihm und kommunizierten mit Handsignalen. Sie ahnten nicht, dass er sich hinter ihnen befand. Er kniete sich hin und nutzte einen Baumstamm, um den Lauf der M4 ruhig zu halten. Sein Finger tastete nach dem Sicherungshebel. Es war die Einstellung für kurze Feuerstöße.

Der Wind drehte und drückte das hohe Gras in der Nähe herunter. Die Brise trug den Gestank von saurem Schweiß und Verwesung von den bewaffneten Männern zu ihm. Typisch für die Leichenfledderer, die die Wüste unsicher machten. Ihr Interesse an Hygiene und regelmäßigen Bädern war minimal. Lucas verzog bei der Duftnote das Gesicht und nahm die erste Gestalt durch das Nachtzielgerät ins Visier. Das grünliche Abbild war taghell, dank wiederaufladbaren Akkus. Der Bewaffnete trug etwas, das wie eine doppelläufige Schrotflinte aussah. Das bestätigte Lucas' Einschätzung, dass es sich um Grenzratten handelte, die sein Lagerfeuer bemerkt hatten und ihm wie Motten zum Licht gefolgt waren – Opportunisten auf der Suche nach leichter Beute.

Genau das sollte, wenn es nach ihm ging, ihr letzter Fehler gewesen sein.

Sein Finger krümmte sich um den Abzug und sein Sturmgewehr bellte die erste Salve heraus, die den Mann mit der Flinte traf. Die Kugeln warfen ihn herum, bevor er ins Gras stürzte.

Lucas hatte bereits den zweiten Mann im Visier, der sich herumwarf und in seine Richtung feuerte, ihn aber weit verfehlte. Lucas mähte ihn mit zwei gezielten Salven nieder. Das Gewehr fiel aus den Händen des Mannes, als er vornüber kippte.

Lucas suchte das Gras durch sein Zielfernrohr ab, auf der Suche nach dem Dritten und fluchte im Stillen. Nichts.

Der Kerl war im hohen Gras verschwunden und offensichtlich schlau genug, nicht wild drauflos zu ballern.

Das brachte Lucas in eine Zwickmühle: Sollte er warten, bis der Kerl sich zeigte, in der Hoffnung, dass er der Schnellere war? Oder sollte er sich zurückziehen und eine erhöhte Position suchen, von der aus er den Schützen vielleicht ausmachen konnte, weil das Gras aus dieser Perspektive nur wenig Deckung bot?

Er machte sich die Entscheidung nicht schwer. Lucas löste sich vom Baum und verschwand in den Schatten, um zur Rückseite der Lichtung und zu dem Felsvorsprung zurückzukehren.

Als er dort eintraf, hoffte er insgeheim, dass der Leichenfledderer das Weite gesucht hatte, nachdem seine Kumpanen erledigt waren. Der Kerl konnte schließlich nicht ahnen, wie viele Männer das Lager verteidigten und er kämpfte jetzt allein. Das Element der Überraschung hatte er auch verloren, war also klar im Nachteil.

Lucas nahm seinen Hut ab und legte ihn neben sich, bevor er durch den Spalt zwischen den Felsen spähte. Wie erwartet bot das Gras von hier oben aus keine Deckung, denn er konnte die toten Angreifer leicht ausmachen.

Den dritten Mann aber entdeckte er nicht.

Ein Wiehern unten am Fuß des Hügels bestätigte seinen ersten Verdacht. Der Mann hatte sich zurückgezogen, da er nicht wusste, woher die Schüsse kamen, und war zu den Pferden gelaufen.

Lucas wartete ein paar Minuten und lief, als er keine Bewegung mehr entdecken konnte, geduckt den Pfad zu den Bäumen hinunter.

Die Pferde waren verschwunden.

Er nickte gedankenvoll. Tote Männer brauchten keine Pferde und ihr ganzer irdischer Besitz war vermutlich in den Satteltaschen gewesen. Also war der dritte Mann gerade deutlich wohlhabender geworden, dank der Besitztümer seiner Gefährten und dem Marktwert ihrer Pferde.