wbg Weltgeschichte Bd. I -  - E-Book

wbg Weltgeschichte Bd. I E-Book

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Beschreibung

Die ›WBG Weltgeschichte‹ betrachtet – im Gegensatz zu bisherigen weltgeschichtlichen Darstellungen – die gesamte Menschheitsgeschichte erstmals unter dem Aspekt der globalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten und bietet so einen modernen und zeitgemäßen Gesamtüberblick. Wer etwas über die Geschichte der Menschen auf dem Planeten Erde unter Berücksichtigung aller Zeiten und Kulturen erfahren möchte, kommt an diesem Werk, an dem bedeutende deutsche Fachvertreter der Geschichtswissenschaften mitgewirkt haben, nicht vorbei: »Sowohl ein universitärer Leserkreis als auch ein breiteres Publikum finden hier wichtige lesenswerte Darstellungen zu großen welthistorischen Themen des 19. und 20. Jahrhunderts« Historische Zeitschrift Der erste Band schildert die Geschichte des Menschen von den Anfängen bis zu den frühen Hochkulturen in seinen globalen Lebensräumen – von Afrika über Europa und Asien bis hin zum alten Amerika. Im Mittelpunkt steht zunächst die physische wie mentale Entwicklung des frühen Menschen. Vom Beginn des Eiszeitalters bis zu seinem Ende vor 10.000 Jahren war Jagen und Sammeln die einzige Wirtschaftsweise der Menschen weltweit, die nicht nur die Gattung ›homo‹ konsolidierte, sondern bis zum Ende des Eiszeitalters auch die Besiedlung aller Kontinente förderte. Mit dem Ende der Eiszeit und dem Beginn der Neolithisierung entstanden die ersten Großsiedlungen und frühurbanen Strukturen, die schließlich in die Herausbildung der alten Hochkulturen mündeten. Mentalitäts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der frühen Menschen werden hier erstmals von bedeutenden Fachvertretern in einem Band berücksichtigt.

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Seitenzahl: 950

Veröffentlichungsjahr: 2016

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WBG WELTGESCHICHTE

EINE GLOBALE GESCHICHTEVON DEN ANFÄNGEN BIS INS 21. JAHRHUNDERT

 

 

Herausgegeben vonWalter Demel, Johannes Fried, Ernst-Dieter Hehl,Albrecht Jockenhövel, Gustav Adolf Lehmann,Helwig Schmidt-Glintzer und Hans-Ulrich Thamer

In Verbindung mit derAkademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz

WBG WELTGESCHICHTE

EINE GLOBALE GESCHICHTEVON DEN ANFÄNGEN BIS INS 21. JAHRHUNDERT

Band IGrundlagen der globalen WeltVom Beginn bis 1200 v. Chr.

Herausgegeben vonAlbrecht Jockenhövel

 

 

 

 

 

Impressum

Redaktion: Britta Henning

 

Abbildungsnachweis:S. 11, 58, 165, 249, 267 akg-images;S. 16, 25, 31 G. Bosinski;S. 93, 137 Archäologisches Institut Berlin;S. 225 R. Eichmann;S. 367, 431, 435 N. Grube;S. 303, 321 J. Müller;S. 2, 145, 173, 208, 352, 401, 403 picture-alliance;Karten: Peter Palm, Berlin.

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung inund Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Sonderausgabe 2015© 2015, 2., durchgesehene Auflage1. Auflage 2009/2010Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitgliederder WBG ermöglicht.Satz: SatzWeise GmbH, TrierUmschlaggestaltung: Finken & Bumiller, StuttgartUmschlagmotiv:Der sogenannte Sonnenwagen von Trundholm,Dänemark. Ca. 1650 v. Chr. Nationalmuseum KopenhagenFoto: The Art Archive, London

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-26749-1

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-74026-0eBook (epub): 978-3-534-74027-7

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Zur »WBG Weltgeschichte« – Ein Geleitwort von Joschka Fischer

Vorwort der Herausgeber(Helwig Schmidt-Glintzer)

Dynamiken in der Geschichte

Neue Räume und Zwischenräume

Einleitung(Albrecht Jockenhövel)

Etappen zum neuen Bild der Vorgeschichte

Archäologie – Begrenzte Potentiale einer jungen Wissenschaft

Archäologie und die Entdeckung der Zeit

Zur archäologischen Periodisierung und Terminologie

Frühe Menschheitsgeschichte

Die Entwicklung des Menschen bis zum Ende des Altpaläolithikums(Gerhard Bosinski)

Die Entstehung des Menschen

Die ältesten Steinartefakte vor mehr als 2 Millionen Jahren

Die Zeit vor 2 bis 1,5 Millionen Jahren

Acheuléen und Developed Oldowan vor 1,5 bis 1 Million Jahren

Die Zeit vor 1 bis 0,5 Millionen Jahren

Erste „Eiszeitjäger“ vor 500.000 bis 400.000 Jahren

Das Späte Altpaläolithikum vor 400.000 bis 300.000 Jahren

Von der Entstehung des Neandertalers bis zum Ende des Eiszeitalters(Gerd-Christian Weniger)

Die Neandertaler und ihre Zeit

Die afrikanischen Wurzeln des modernen Menschen

Weltenwanderer

Die letzten Jäger und Sammler und ihr Erbe

Herausbildung und Konsolidierung der Sprachen(Michael Janda)

Allgemeines

Die indogermanische Sprachfamilie

Neolithisierung und frühurbane Strukturen

Neolithisierung und frühe soziale Gefüge(Andreas Zimmermann)

Entstehung des Neolithikums

Zum Übergang von aneignender zu produzierender Wirtschaftsweise

Die bandkeramischen Bauern

Das Mittelneolithikum

Von den ersten Dörfern zu frühurbanen Strukturen(Klaus Schmidt)

Klimaveränderung am Ende der Eiszeit

Heilige Orte und sagenhafte Feste

Großsiedlungen und frühe Städte

Frühe Hochkulturen

Das Alte Ägypten(Erhart Graefe)

Einleitung

Zeittafel des pharaonischen Ägypten

Landschaft, Volk und Staat

Geschichtsauffassung und -darstellung

Königsdogma

Gang durch die ägyptische Geschichte

Mesopotamien(Hans Neumann)

Einleitung

Frühe Staaten im 3. Jahrtausend v. Chr.

Die Territorialstaaten in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr.

Obermesopotamien, Babylonien und Assyrien

Die Großreiche im 1. Jahrtausend v. Chr.

Die Arabische Halbinsel(Ricardo Eichmann)

Naturräumliche Voraussetzungen

Regionen und Nachbarn

Die Indus-Kultur(Ute Franke)

Entdeckungen und Perspektiven

Siedlungen, Städte, Handwerk und Glaubensvorstellungen

Wirtschaft, Handel, Schrift und Sprache

Das Hethiterreich(Andreas Müller-Karpe)

Die frühhethitische Zeit

Das Althethitische Reich

Das Mittelhethitische Reich

Das hethitische Großreich

Kreta, Mykene, Zypern(Hartmut Matthäus)

Die minoische Kultur Kretas

Die mykenische Kultur des griechischen Festlandes

Zypern

Kupfer und Bronze – Neue Technologien

Kupfer, Megalithen und neue Technologien(Johannes Müller)

Kupfer – Ein neuer Werkstoff

Neolithische Monumente

Rad und Wagen – Eine Innovation des Neolithikums

Momentaufnahme 3000 v. Chr.

Zeitenwende – Von Viehhaltern und Kriegern

Bronzezeit – Epoche zwischen Archäologie und Schriftlichkeit(Albrecht Jockenhövel)

Einleitung

Bronzezeitliche Gesellschaft

Zwischen Interaktion und regionaler Identität

Wirkung und Vermächtnis einer Epoche

Ferne Lebensräume

Afrika – Ein Kontinent im backwater der Geschichte?(Peter Breunig)

Das falsche Bild von der Geschichte Afrikas

Anfänge der Menschheit und ihrer Kultur

Die Wurzeln des Homo sapiens und seiner Kultur

Der afrikanische Weg zum sesshaften Bauern und zur komplexen Gesellschaft

Backwater der Geschichte?

Das prähistorische und frühdynastische China(Reinhard Emmerich)

Die prähistorische Zeit

Die Shang-Dynastie (ca. 1600 bis ca. 1045 v. Chr.)

Die Kulturen des Alten Amerika(Nikolai Grube)

Die Besiedlung des Kontinents

Die Erdzeitalter in Mesoamerika

Die Maya

Die vorinkaischen Kulturen der Anden

Die Inka

Am Rand der Oikumene – Zur Urgeschichte uns fremder Menschen(Clemens Pasda)

Geschichte der nordamerikanischen Arktis

Die Erforschung der Arktis

Ausblick(Albrecht Jockenhövel)

Der Kreis schließt sich

Literaturverzeichnis

Chronologie

Register

Zur »WBG Weltgeschichte«

Ein Geleitwort von Joschka Fischer

Globalisierung – ein Begriff, der zum Programm geworden ist; zum Programm der wohlhabenden Industrieländer, der sogenannten Schwellenländer wie auch der armen Länder der Welt. Ein Begriff, der sich immer intensiver in die Köpfe der Menschen drängt und den heutigen Alltag bestimmt. Ein Begriff, der für die einen eine neue Chance zum Greifen nah werden lässt und der für die anderen eine Bedrohung darzustellen scheint. In diesem Bewusstsein und mit diesen Gedanken leben die Menschen des 21. Jahrhunderts. Globalisierung ist aber nicht allein ein Phänomen unserer Zeit – es ist ein historischer Prozess, der sich vor etwa zwei Millionen Jahren in Bewegung setzte, als die ersten Menschen Afrika verließen und die Erde besiedelten. Vielleicht erschien die Welt damals unendlich; in der heutigen Zeit bemerken die Menschen aber, dass sie immer kleiner wird, ja zu einer Einheit zusammenwächst. Diese Entwicklung wird – abhängig von der eigenen Position in der Welt – mit ganz unterschiedlichen Augen gesehen: Sie lässt Chancen entstehen, aus dem (falschen?) Bild von den unterentwickelten Staaten auszubrechen und sich dem Lebensstandard des Westens anzunähern. In ihr wurzelt Kritik, die wohl vor allem aus Angst vor dem Verlust der wirtschaftlichen und sozialen Vorrangstellung in der Welt, vor der Verschiebung beziehungsweise Neuverteilung der globalen Macht resultiert. Und sie birgt die Gefahr, die Kluft zwischen Arm und Reich noch zu vergrößern. Eines sollten sich jedoch alle Menschen vor Augen führen: Durch Globalisierung rücken die Staaten der Welt zusammen, nähern sich an und stehen im ständigen Austausch. Transnationale Konfliktbeilegung und Wohlstandsmehrung, aber auch Terrorgefahr und Ressourcenknappheit werden zu globalen Herausforderungen, die nur gemeinsam, durch Kooperation gelöst werden können.

Globalisierung ist ein historischer Prozess, der vor vielen Millionen Jahren seinen Anfang fand. Für die Gesellschaft der heutigen Zeit ist dies nicht vorstellbar. Sie wird als eine Entwicklung des 21. Jahrhunderts wahrgenommen. Die nun vorliegende »WBG Weltgeschichte« reagiert auf die Globalisierung in unserer Zeit, indem sie die Geschichte der Menschheit schreibt. Erstmals wird in dieser Weltgeschichte das Nebeneinander und Miteinander der Kulturen in den verschiedenen Epochen unter globaler Perspektive betrachtet, nicht eurozentrisch oder aus nordatlantischer Sicht. Das sechsbändige Werk ist vielmehr durch Multiperspektivität gekennzeichnet, was auch in seinem Aufbau deutlich wird. Die Epochenbände grenzen sich nicht scharf gegeneinander ab, sondern gehen fließend ineinander über, indem sich die einzelnen Themenfelder logisch verzahnen. Dies ist durch ein Herausgeber-Gremium erreicht worden, das sich aus renommierten Experten für verschiedene Epochen und Räume zusammensetzt. Die Gesamtkonzeption, Gliederung und die Verteilung der Themen im Einzelnen wurden gemeinsam diskutiert, bevor die Band-Herausgeber mit der Arbeit an den einzelnen Büchern konkret begonnen haben. Diese Vorgehensweise und Haltung ist Garant der übergreifenden Perspektive und der Verflechtung der verschiedenen Kulturen und Ereignisse über sechs Bände – über die Zeit von der Vorund Frühgeschichte bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts.

Ich freue mich auf die folgenden und abschließenden Bände und wünsche diesem Werk eine gute Aufnahme. Ich hoffe, dass es zu einer die Tagespolitik verlassenden und fundierten Diskussion über die Globalisierung, ihre Geschichte und Gegenwart beiträgt.

Berlin, August 2009

Vorwort der Herausgeber

Helwig Schmidt-Glintzer

Vielfalt der Kulturen der Menschheit

Dem Menschen als biologischem Wesen, das sich seiner Herkunft vergewissert und die Bedingungen für sein Überleben planvoll organisiert, ist die Beschreibung der Vorgeschichte seiner Gattung auf dem Planeten Erde immer schon ein Bedürfnis gewesen. Dabei ging es ihm um Rückblick und Ausblick, und bei aller Wertschätzung der Vergangenheit konnte immer wieder die Gegenwart als Erfüllung, als Ergebnis von Fortschritten gesehen werden. Die Bilder und Vorstellungen von der Welt haben sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende gewandelt. Aber sie waren oft auch regional sehr verschieden. Trotz einigem Austausch haben sich so Kulturen und Milieus mit ganz unterschiedlichen Welthaltungen herausgebildet, die das Handeln der Gesellschaften wie der Einzelnen prägten. Diese Gestaltungen liegen der Vielfalt der Kulturen der Menschheit zugrunde, und ein Verständnis der ihnen zugrundeliegenden Sinngebungen gehört zu einem umfassenden Bild der Weltgeschichte. Wie schon die Benennungen von Orten, Städten und Landschaften sich änderten, wie die Bedeutungen von Bezeichnungen sich verschoben, wie neue Konzepte der Organisation von Herrschaft entwickelt wurden, gehört ebenso zu dieser Vielfalt wie die mannigfaltigen Ausdrucksformen in der Sprache, der Musik und allen Gewohnheiten wie Nahrungszubereitung und der Kleidung.

Einheit der Welt

So unterschiedlich die Berichte von der Geschichte der Welt auch waren, so war der Blick nicht allein auf das eigene Volk, die nähere Umgebung gerichtet, sondern sollte immer das Ganze umfassen. Stets ist man von der Einheit der Welt ausgegangen und hat allenfalls noch von Unterwelten und himmlischen Sphären gesprochen. Sehr unterschiedlich aber war, wie die Zusammenhänge im Einzelnen vorgestellt wurden. Die Geschichtsschreibung und die erinnerte und erzählte Geschichte vergangener Völker und Kulturen, aber auch vergangener Individuen und Gruppen, geben mit den materiellen Zeugnissen immer wieder neue Einblicke in die Geschichte der Erde und der Menschheit.

Und doch sucht jede Zeit durch die Vielzahl der Jahresringe, durch die Verdichtung von Dokumenten und Erinnerungen die für sie selbst wichtigen Ereignisse und Perspektiven zu erkennen, nicht zuletzt um das eigene Urteilen und Handeln daran auszurichten. Diesem Anspruch will die vorliegende, zu Beginn des 21. Jahrhunderts moderner Zeitrechnung verfasste Weltgeschichte gerecht werden.

Neues Bild der Weltgeschichte

Während das 19. und das 20. Jahrhundert noch überwiegend im Lichte einer Nationalgeschichtsschreibung die Geschichte zu verstehen suchten, wird mit dieser Weltgeschichte an die viel ältere Tradition der Universalgeschichtsschreibung angeknüpft und diese im Lichte neuester Erkenntnisse fortgesetzt. Das wechselvolle Erdklima und die zahlreichen neuen archäologischen Funde haben ebenso ein weithin neues Bild der Weltgeschichte entstehen lassen wie die neuen Möglichkeiten der DNA-Analyse und anderer Verfahren zur Erkenntnisgewinnung.

Auch wenn die Völker und Kulturen seit unvordenklicher Zeit miteinander im Austausch waren, ja die Menschheit selbst vor etwa 400.000 Jahren möglicherweise eine gemeinsame Herkunft hat, gab es doch zwischenzeitlich Eigenentwicklungen und Nähe wie Ferne konstituierende Absonderungen. Die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Lebensformen bilden bis heute eine oft unterschätzte, gelegentlich auch wegen daraus entstehender Konfliktpotentiale gefürchtete Bereicherung der Menschheit. Wie mit dieser Unterschiedlichkeit bei der Verfolgung von Lebensund Wohlstandssicherungsinteressen in der Vergangenheit umgegangen wurde, ist im Wesentlichen der Stoff der vorliegenden Sichtung und Darstellung. Während über lange Zeiträume hinweg die Erdbewohner eher wenig Austausch über größere Distanzen gepflegt zu haben scheinen, hat sich dies seit dem 15. Jahrhundert grundlegend geändert. Doch auch lange zuvor gab es in Regionen verdichteter Herrschaftssysteme engen Austausch und auf diese Weise beschleunigte Entwicklungen und selbstverständlich auch Konflikte. Ägypten, Mesopotamien ebenso wie die Kulturen auf dem Gebiet des heutigen China gehören zweifellos dazu, aber auch manche frühe Zivilisationen, von denen wir bisher durch neuere Ausgrabungsfunde erst schemenhafte Kenntnisse haben.

Der sich seit dem Zusammenbruch der Mongolenherrschaft im 14. Jahrhundert beschleunigende Weltverkehr und die folgende Expansion der europäischen Mächte hatten zu einer frühen Globalisierung geführt, die seit der Dekolonisierung in der Mitte des 20. Jahrhunderts in eine neue Phase eingetreten ist.

Globaler Zusammenhang

Seither hat sich auch der Rahmen für die Beschäftigung mit Geschichte geändert. Die technische Erschließung der Welt durch Verkehrs- und Kommunikationstechnik und neue Formen von Krieg und Gewalt haben das Bewusstsein eines globalen Zusammenhanges geschärft. Dazu hat auch die Gegenwärtigkeit von Schreckensmeldungen beigetragen. Neben Entwicklungen von anscheinender Unausweichlichkeit sind Handlungsmöglichkeiten getreten, an denen ein zunehmender Teil der Weltbevölkerung mitwirkt, durch Wahlen ebenso wie durch zivilgesellschaftliches Engagement, durch Spenden und durch Entgegennahme von Hilfe. Und doch geht das Weltverständnis nicht in der Gegenwartsbewältigung auf, sondern Zukunftsentwürfe und Handlungsoptionen ebenso wie Traumata und Erinnerungen verweisen auf Alternativen und führen damit zu neuen Lösungen, aber auch zu neuen Konflikten.

Blick auf größere Zusammenhänge

Die Erweiterung unseres Wissens und unserer Erkenntnis- und Diagnosefähigkeiten ermöglicht uns nun aber doch, so hoffen wir jedenfalls, ein zunehmend besseres Verständnis der Geschichte. Geologische Forschungen, wie die Untersuchungen der Schichten des Erdmantels, haben unsere Kenntnisse der Erdgeschichte revolutioniert, und die Analysemethoden der Genforschung sowie besonders die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ermöglichen Blicke in die Wanderungs- und Beziehungsgeschichte der Lebewesen, insbesondere der Menschen, die alle bisherigen Horizonte der Geschichtsschreibung überwinden. Erst ein Blick auf diese größeren Zusammenhänge, zu denen auch Klimaveränderungen wie Eis- und Warmzeiten gehören, ermöglicht das Verständnis regionaler und nationaler Geschichte. Daher wird in allen Ländern und Regionen dieser Erde inzwischen die eigene Geschichte in den Zusammenhang der Weltgeschichte gestellt. Die in der Zeit um 1800 – zur Zeit Goethes – erst geahnte und im »Faust« beschriebene großstilige Veränderung der Lebensverhältnisse durch Ingenieurskunst und Erkenntnisfortschritt der Wissenschaften scheint nach neueren Einsichten in die durch Menschen bewirkten Umweltveränderungen in geradezu unvorstellbarer Weise übertroffen. In der Mitte des 21. Jahrhunderts wird die heutige Welt kaum wiederzuerkennen sein. Mindestens ebenso wirksam sind die Veränderungen unseres Planeten und seiner Umgebung. Auch wenn viele Veränderungen nur sehr allmählich vonstatten gehen, so lässt das heutige Wissen um die Veränderungen der Erdplatten schon zukünftige Entwicklungen ahnen wie etwa in der Afar-Senke am Südufer des Roten Meeres, wo sich eine Abspaltung Ostafrikas abzeichnet. All diese erd- und weltgeschichtlichen Zusammenhänge will der moderne Mensch kennen, und er braucht das Wissen darüber zu seiner eigenen Orientierung.

Wenn diese neue Weltgeschichte den Blick in die Tiefe der Vergangenheit richtet und die Geschichte der Menschheit auch im Zusammenhang der Umweltgeschichte thematisiert, so tut sie dies im Kontext eines geschärften Bewusstseins von der Abhängigkeit von Umweltfaktoren, zugleich aber auch in Kenntnis der durch die Kognitionswissenschaften erforschten Rahmenbedingungen. So sind neben die Dokumente und Quellen, neben die überlieferten schriftlichen Zeugnisse und das Insgesamt der Ergebnisse menschlicher Tätigkeiten noch weitere Bestimmungsfaktoren zum Verständnis der Geschichte hinzugetreten, zu denen sozialpsychologische Erkenntnisse ebenso gehören wie die Geschichte von Krankheiten und ihrer Behandlung. Dabei rückt uns die Vergangenheit näher, als wir lange Zeit ahnten.

Formenreichtum der Menschheitsgeschichte

Die Perspektiven und der Facettenreichtum der Darstellung berücksichtigen kultur- und religionsgeschichtliche Aspekte ebenso wie die Entwicklung von Institutionen. Militär, Diplomatie und der ganze Formenreichtum der Menschheitsgeschichte werden in die Darstellung einbezogen. Die sich immer wieder neu formierenden Herrschafts- und Machtverhältnisse, verknüpft mit Änderungen auf den Gebieten des Ackerbaus wie des Handels und jeglichen Wirtschaftens, werden ebenso in ihren Grundzügen dargestellt wie die Geschichte der Glaubensbewegungen.

Dynamiken in der Geschichte

Globales Ereignis

Eine auf neuesten Erkenntnissen gegründete Darstellung der Weltgeschichte wird die bisherigen Vorstellungen von der Vergangenheit der Menschheit einer grundlegenden Revision unterwerfen und im Lichte der Geschichte das gegenwärtige Bewusstsein von seinen Verstrickungen in Zwänge der Gegenwart befreien. Die Entwicklung des Menschen, seine Vorläufer sowie die frühen greifbaren Formen seiner Kultur waren bereits ein globales, weite Teile der Erde einbeziehendes Ereignis, gefolgt von einer Ausdifferenzierung und der Ausbildung erster Hochkulturen. Nicht nur Sprache und Anfänge der Schrift, sondern auch früheste künstlerische Ausdrucksformen werden ebenso beschrieben wie die Ausbildung von Techniken des Ackerbaus und der Werkzeugherstellung. Aus dem Wechselverhältnis von Abgrenzung und globalen Austauschprozessen der Vergangenheit werden Strukturen erkennbar, die heute wieder deutlicher zutage treten.

Ausbreitung der Schriftlichkeit

Die Gewichtung der Aufmerksamkeit in einer im Wesentlichen chronologisch gegliederten Weltgeschichte orientiert sich an markanten Zäsuren. Diese in mehreren Kulturen durch besondere Merkmale gekennzeichneten ähnlichen Entwicklungsschübe verlaufen allerdings charakteristischerweise nicht zeitgleich, sondern zeitversetzt. Die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. war eine solche Zäsur, in der sich eine neue Form reflexiver Zivilisationen herausbildet, die zu neuen Reichsbildungen führte. In den folgenden Jahrhunderten wird die monotheistische Wende und die damit verknüpfte neue Begründung von Staatlichkeit für Europa und Kleinasien ebenso prägend wie die Ausbreitung der Lehre des Buddha die Kulturen Ostasiens nachhaltig bestimmt. In der Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. beginnt der Islam seinen Siegeszug, vor allem wird von jener Zeit an eine Verbreitung von Schriftlichkeit und einer erweiterten Bürokratie in den verschiedenen Kultursphären bestimmend. Dabei beginnen sich Weltdeutungen von ihrer Bindung an religiöse Rituale zu lösen und Gegenstand eigener Auslegungs- und Kommentierungsformen zu werden. Hier wie auch sonst sind solche „Fortschritte“ zugleich auch mit Verlusten verbunden, mit neuen Ausdifferenzierungen, Grenzziehungen und Alteritätserfahrungen und infolge dessen mit neuen Problemlagen und Konfliktpotentialen verknüpft. So entstehen in Ostasien mit China, Korea und Japan und in Südostasien, neben Indien und dem Nahen Osten, in Europa und Mittelamerika eigene Kulturen mit ganz spezifischer Selbstauslegung.

Strukturverschibungen

Bei einem Rückblick werden auch Strukturverschiebungen deutlich, unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten und Urbanisierungsgrade, bei denen sich im 20. Jahrhundert die Rollen vertauscht zu haben scheinen, so dass inzwischen die großen Metropolen nicht mehr in Europa oder Nordamerika, sondern in Asien zu finden sind, wo sich bereits vor 1400 Jahren einmal mit Chang’an die damals größte Stadt der Welt befand, die dann zum Vorbild für viele Metropolen in Ostasien werden sollte.

Ausbildung neuer Wissenschaftskonzepte

Eine weitere Zäsur ist die Überschreitung der Grenzen dieser Kulturen, angestoßen durch klimatische Veränderungen und die ganz Europa und Asien erschütternden Mongolenstürme im 13. und 14. Jahrhundert. Die Folge sind nicht nur politische Verwerfungen, sondern auch Neuorientierungen in der Deutung der Welt bis hin zur Ausbildung gänzlich neuer Wissenschaftskonzepte. Dabei ist der Spezifik der europäischen Renaissance eine Neubesinnung auf das Altertum in der chinesischen Kultur an die Seite zu stellen. Trotz ganz unterschiedlicher Ausformungen der Lebenswelten in den einzelnen Kulturen sind doch in der überschaubaren Geschichte die Gemeinsamkeiten vielfältig. Umso mehr stechen dann die Verschiedenheiten ins Auge, und es ist gar keine Frage, dass der Siegeszug der europäischen Kulturen seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert unabwendbar erscheint, wodurch die Dynamiken anderer Kulturen in der Vergangenheit allerdings etwas aus dem Auge verloren wurden, eine Wahrnehmungsverschiebung, um deren Korrektur es in der vorliegenden Weltgeschichte auch geht.

„Aufbruch in die Moderne“

Während diese Zeit der Renaissance in Europa und parallele Entwicklungen in anderen Weltteilen noch als Vorgeschichte der Moderne gesehen werden, beginnt der „Aufbruch in die Moderne“ mit einem weiteren Globalisierungsschub im ausgehenden 16. Jahrhundert, der im Inneren Europas durch eine Adjustierung von Konfessionalität und Staatlichkeit und nach außen durch eine Expansion Europas gekennzeichnet ist, die erst im 20. Jahrhundert zu einem Stillstand kommt. Dieses 20. Jahrhundert leitet eine Phase der Menschheitsverdichtung und des beschleunigten Austausches von Gütern und Informationen ein, deren Konsequenzen so bedrohlich wie vielversprechend erscheinen und im Einzelnen noch gar nicht absehbar sind.

Inzwischen ist die Selbstverortung der Welt im Weltall in eine neue Phase getreten. Die Menschheit hat begonnen, sich als Gattung zu verstehen und wird möglicherweise einige ihrer Überlebensbedingungen durch kontrollierte Nutzung der Sonnenenergie optimieren.

Neue Räume und Zwischenräume

Informationssysteme

Inzwischen ist die Welt so eng mit Informationssystemen überspannt, dass sie sich im gleichen Takt und praktisch synchron zu bewegen scheint. Ganz offenbar aber sind dadurch neue Spannungen und Asymmetrien entstanden, die neue konzeptionelle Lösungen erfordern. Nicht mehr die Geschichte als Abfolge von Ereignissen in einem definierten Territorium erfordert daher das vorrangige Interesse, sondern die Geschichte der Dynamik, der Zwischenzonen, der Handelswege, der Migrationsströme und des Waren- und Rohstoffverkehrs. Manche Weltzonen, die längere Zeit wenig Aufmerksamkeit fanden, sind wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gelangt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Geschichte Nordasiens stärker in das Blickfeld gelangt. Diese von manchen als Eurasien bezeichnete Zwischenzone zwischen Europa und Asien, die zum Teil mit der Geschichte der Seidenstraße zusammenfällt, kann wie manche anderen Gegenden der Erde als „Zukunftsregion“ bezeichnet werden; dazu im Gegensatz steht nicht, dass es sich auch um Konfliktregionen handelt. Ähnliches gilt für Afrika und Südamerika, deren Geschichte immer noch durch die Zeiten der Kolonialherrschaft geprägt, inzwischen aber unter neuen Horizonten zu beschreiben ist.

Neue Funde und neue Erkenntnismethoden

Neue Funde und neue Erkenntnismethoden, aber auch neue Herausforderungen der Menschheit lassen die Vergangenheit in einem neuen Licht erscheinen. Hinzu kommt, dass viele Länder inzwischen eine gemeinsame Geschichte verbindet. Seit vor etwa 200 Jahren der Begriff einer Weltgeschichte in dem emphatischen Sinne des Ringens um eine gemeinsame Moderne geprägt wurde, hat es immer wieder Versuche gegeben, eine zusammenhängende Geschichte der Menschheit zu schreiben. Inzwischen haben die Gemeinsamkeiten durch schnelle Verkehrsverbindungen und Datenübertragungsnetze ein solches Maß erreicht, dass die unterschiedlichsten Räume und Lebenswelten auf diesem Planeten unmittelbar aufeinander Bezug nehmen. So richtet sich die Aufmerksamkeit neben der eigenen auch auf die Geschichte der vielen anderen Regionen und Teilkulturen der Menschheit. Wen heute die Geschichte seines Landes und seines Volkes interessiert, wird sie immer schon eingebettet finden in größere weltgeschichtliche Zusammenhänge.

Mit dieser Weltgeschichte erscheint erstmals eine Darstellung der Geschichte der Menschen auf dem Planeten Erde unter Berücksichtigung aller Zeiten und Kulturen. Neben den Grundzügen vom ersten Auftreten des Menschen bis in die Gegenwart trägt die Darstellung den politischen und institutionellen Aspekten ebenso Rechnung wie der Veränderung und Vielfalt im Bereich der Religion, Philosophie und Kunst. Dabei werden regionale Mythen und durch jahrhundertelange Geschichtsschreibung geprägte Vorstellungen ebenso berücksichtigt wie neuere, durch biometrische und andere Verfahren gewonnene Erkenntnisse. Die lange Geschichte der Menschheit wird im Zusammenhang der Erdgeschichte, der Klimaveränderungen und der allmählichen Kulturentwicklung ebenso nachgezeichnet wie die uns näher liegende Zeit seit den frühen Hochkulturen.

In einer Zeit rapide zunehmender Informationen über die Geschichte der Erde und des Kosmos und insbesondere über die Geschichte der Menschheit lassen sich die einzelnen Kenntnisse erst durch eine knappe, aber umfassende Darstellung der Weltund Menschheitsgeschichte einordnen. Daher ist die vorliegende Weltgeschichte für jeden an der Geschichte Anteil nehmenden Zeitgenossen unverzichtbar.

Einleitung

Albrecht Jockenhövel

Unsere Gegenwart wird in vielen Zügen durch eine stetig zusammenwachsende Welt ausdifferenzierter Gesellschaften geprägt, die auf eine lange Geschichte zurückblicken. Die aktuellen vielschichtigen Vorgänge werden unter dem Schlagwort Globalisierung zusammengefasst. Die Menschen von heute bewegen sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit weltweit aufeinander zu, Wirtschaft und Kultur sind ineinander verwoben, die Kommunikation erfolgt in Sekundenschnelle. Jeder kann jeden über entsprechende Medien sehen und hören. Das Internet verknüpft alle mit allen und allem. Es sind heute zentripetale Kräfte, die diesen immer enger werdenden Zusammenschluss bewirken. Die Menschen sind sich ihrer Einheit wieder mehr bewusst, gerade in Zeiten, in denen ihre irdische Umwelt immer fragiler wird. Dabei drohen jedoch die historisch gewachsenen Eigenzüge ganzer Kontinente mit ihren jeweils individuellen Gesellschaften verlorenzugehen. Diese Vorgänge werden von vielen Menschen mit Chancen und Hoffnungen, aber auch mit Risiken und Ängsten verbunden. Dabei scheint in der aktuellen Debatte die Globalisierung zunächst ein modernes Phänomen zu sein. Aus historischer Perspektive sieht es jedoch anders aus, und es lohnt sich, auf die Genese der heutigen Welt als eine aktuelle Momentaufnahme zurückzublicken. So wird auch aus den in diesem Band versammelten Beiträgen deutlich, dass es besonders am Beginn der Menschheit eine lang andauernde Globalisierung gab, ja dass sie geradezu die Anfänge der Menschheit über Jahrmillionen prägte. Aus einem einheitlichen Menschengeschlecht, das sich allmählich über den gesamten Globus ausbreitete, entwickelten sich zentrifugal in unterschiedlichen Ökosystemen immer weiter differenzierende Gesellschaften, die seit dem revolutionären Prozess der produzierenden Wirtschaftsweise sich immer weiter voneinander entfernten und begannen, ein isoliertes Eigenleben zu führen.

Globalisierung

Diese Tatsachen dürfen wir in der aktuellen Diskussion nicht vergessen, und wir werden in einem historischen Längsschnitt verstehen, dass sich Globalisierung und Regionalisierung nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig bedingen. Gerade der erste Band der hier vorlegten Weltgeschichte steht unter diesem Motto, denn in dem längsten Abschnitt der Menschheitsgeschichte – es handelt sich um ca. 2,5 Millionen Jahre! – wird das gemeinsame kulturelle Erbe in seiner Einheit und Vielfalt in einer Pendelbewegung deutlich. Über einen kaum messbaren, fast unvorstellbar langen Zeitraum löste sich der Mensch als biologisches Wesen aus dem Tierreich und schuf als einziges geistbegabtes Wesen seine Kultur – und sei sie noch so einfach, wie die ältesten Geräte. Er blieb aber noch bis zu seiner Sesshaftwerdung seiner natürlichen Umwelt unauflöslich verhaftet. Wir sprechen aber für diesen Abschnitt bewusst nicht von einer Naturgeschichte des Menschen. Mit der Einführung von Ackerbau und Viehzucht in vielleicht mehreren Zentren der Alten (Asien, Europa, Afrika) und Neuen Welt (Amerika) griff der Mensch immer weiter und tiefer in seine Umwelt ein und gestaltete sie zunehmend nach seinen Bedürfnissen, die nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sozialer und religiöser Art waren. So schuf er bis zum Ende der Bronzezeit und Eisenzeit – hierin sind die frühen Hochkulturen einbezogen – in den siedlungsgünstigen Landstrichen der Alten Welt fast überall seinen Ansprüchen dienende strukturierte Kulturlandschaften. An ihren jeweiligen Rändern und außerhalb davon gab es alternative Lebenskonzepte, wie zum Beispiel das der Nomaden, die vielfach in einem konfliktgeprägten Antagonismus zu den sogenannten Zivilisationen standen.

Evolutionskomik. Vom Primaten zum Computernutzer.

Ende der Eiszeiten

Mit dem Ende der Eiszeiten begann ab ca. 12.000 bis 10.000 Jahren vor heute in einigen ökologisch günstigen Zentren mit der Sesshaftwerdung des Menschen die wirtschaftliche Trennung zwischen nichtsesshaften Jägern, Fischern und Sammlern einerseits und sesshaften Ackerbauern sowie Viehzüchtern andererseits. Die produzierende Wirtschaftsweise löste die aneignende ab. Dabei wurden die Wildbeuter zunehmend aus ihrem angestammten Lebensraum an die Ränder der Oikumene zurückgedrängt. Es ist ein bis heute noch dauernder Prozess. Es ist jedoch ausdrücklich davor zu warnen, mit diesen Ethnien eine tief in der Vergangenheit verwurzelte Lebensweise oder Geisteshaltung zu verbinden. Es ist gerade ein wichtiges Ergebnis archäologischer, ethnologischer und historischer Forschung, nachgewiesen zu haben, dass es auf unserem Globus keine Region gegeben hat, die nicht direkt oder indirekt mit anderen in Kontakt gestanden hat. Dieser konnte natürlich irgendwann einmal unterbrochen werden; so kam es zu regionalen Eigenentwicklungen und mitunter dauerhaften Isolationen. Wir wissen heute, dass gerade der scheinbar „primitive“, das heißt zugleich altsteinzeitlich wirkende Entwicklungsstand der vielfach im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur „Kultur der Kulturlosen“ (Karl Weule) gerechneten Aborigines in Australien, der Wedda auf Sri Lanka, der Pygmäen im zentralafrikanischen Regenwald oder der Patagonier im eisigen Feuerland einen somatischen und kulturellen Anpassungsprozess an ihre natürliche Umwelt darstellt.

In den einzelnen Beiträgen des vorliegenden Bandes wird überdeutlich, dass der Mensch die meiste Zeit seiner Existenz global agierte. Auf Dauer besiedelte Landschaften entstanden nur dort, wo es hervorragende ökologische Voraussetzungen gab. Klima, Boden, Vegetation und das Angebot an Flora und Fauna wirkten aber in nur wenigen Landschaften als günstige Faktoren zur Domestikation von Tieren und zur Kultivierung von bestimmten Pflanzen zusammen.

Etappen zum neuen Bild der Vorgeschichte

Wenn im Folgenden der Begriff Vorgeschichte (auch Urgeschichte im Sinne Johann Gottfried Herders oder Prähistorische Archäologie) verwendet wird, so im Sinne von Hermann Müller-Karpe als „vorderer Abschnitt“ der Menschheitsgeschichte und nicht als geschichtsloser Abschnitt vor einer durch Schriftquellen belegten Geschichte. Nachdem die europäische Welt in der Zeit der Entdeckungen, die in einem von ihr dominierten weltumspannenden Kolonialismus gipfelte, in vielen Teilen der bisher unbekannten Welt scheinbar unberührten Völkern mit unterschiedlichem kulturellem Habitus begegnete, begann die neuzeitliche Suche nach den Ursprüngen der Menschheit, besonders nach der Menschwerdung. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein galten aber noch die der antiken und der jüdisch-christlichen Chronologie verhafteten Vorstellungen von einem geringen Alter des Menschengeschlechtes. Dieses schätzte man bis zum 18. Jahrhundert auf nur ca. 4000 v. Chr. Erst im Jahrzehnt zwischen 1850 und 1860 gab es auf mehreren Gebieten einen revolutionären Umbruch, der zum radikalen Umdenken zwang.

Frühe archäologische Funde

Im Winter 1853/1854 sank der Seespiegel im Schweizer Mittelland und gab die Reste auf einstmals dauerhafte Siedlungen frei, die als aus Holz errichtete „Pfahlbauten“ bekannt wurden. Da sie aus vielen Teilen der Welt überliefert sind und zum Beispiel in Südostasien noch heute angelegt beziehungsweise bewohnt werden, galten sie als eine uralte globale Wohnform. Aus dem Feuchtboden wurden vor allem steinzeitliche und bronzezeitliche Funde geborgen, wie Keramik, Stein- und Metallgegenstände, aber auch Reste von organischen Materialien, wie Textilien, Holz und Knochen. Von überragender Bedeutung für die prähistorische Kultur- und Wirtschaftsgeschichte waren jedoch die Belege für frühe Haustiere und Kulturpflanzen im steinzeitlichen Milieu, das Sir John Lubbock (1834–1913) im Jahre 1865 als „neolithisch“ bezeichnete und somit gegen die seit dem Jahre 1832 im nordfranzösischen Sommetal bei Amiens durch den Zollinspektor Jacques Boucher de Crèvecoer de Perthes (1788–1868) gefundenen geschlagenen Steingeräte, darunter die Faustkeile, technologisch und zeitlich abgrenzte, die er „paläolithisch“ nannte. Ihr hohes, „antediluviales“ Alter wurde erst um 1860 anerkannt. Die Entdeckung der „Pfahlbauten“ (heute Feuchtbodensiedlungen) war zugleich die Geburtsstunde der heute blühenden Archäozoologie und Archäobotanik als integrale Bestandteile einer modernen Archäologie im Kontext der historischen Ökosystemforschung.

Von nachhaltiger Wirkung, wenngleich noch über Jahrzehnte umstritten, war die Bergung von urtümlich wirkenden Menschenknochen im Jahre 1856 im Neandertal bei Düsseldorf durch Johann Carl Fuhlrott (1803–1877), die der hinzugezogene Bonner Anthropologe Hermann Schaaffhausen (1816–1893) zugleich als eine frühe Menschenform bestimmte. Der über den möglicherweise fossilen Charakter der Skelettteile entbrannte Streit geriet zugleich in das Fahrwasser der durch Charles Robert Darwin (1809–1882) im Jahre 1859 mit seinem epochalen Werk »On the Origins of Species by Means of Natural Selections or the Preservation of Favoured Races in the Struggle of Life« begründeten Evolutionslehre als neuem revolutionärem Paradigma, das die Vorstellung von einer übernatürlichen Schöpferkraft ablöste, wenngleich sie bis heute – und heute wieder verstärkt – als fundamentalistisch-religiös geprägter Neokreationismus oder als intelligent design weiterlebt beziehungsweise offenbar wieder Auftrieb erhält. Wenn Darwins Abstammungstheorie von Pflanzen und Tieren richtig war, musste auch das Lebewesen Mensch den gleichen Gesetzen unterliegen. Das bis zu Darwin weitgehend gültige, von Georges Cuvier (1769–1832) formulierte Dogma, dass es keine fossilen Menschen gegeben habe, war nicht weiter haltbar, denn ab den 1860er Jahren mehrten sich zu viele eindeutig aus eiszeitlichen Befunden stammende Menschenreste in ihrem gesicherten archäologischen Kontext, so dass das hohe Alter der Menschheit wissenschaftlich nicht mehr ernsthaft zu bestreiten war.

Den vorläufigen Schlussstein bildete die Entdeckung der altsteinzeitlichen Kunst, als man zwischen den Jahren 1860 und 1870 mehrfach auf fossilen Knochen Einritzungen eines in Europa mit der Eiszeit ausgestorbenen Tieres identifizierte und als im Jahr 1879 die achtjährige Tochter Maria des Don Marcelino Sanz de Sautuola die prächtigen naturalistischen Wandmalereien in der Höhle von Altamira (Provinz Santander, Spanien) entdeckte. Sie wurden erst im Jahre 1902 für echt gehalten!

Fossile Funde früher Menschen

Rückzugsgefechte der Gegner der Evolutions- und Deszendenztheorie zogen sich zwar noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hin, aber die weiteren Erfolge der Prähistorischen Archäologie in der Erforschung der frühesten Menschheitsgeschichte, darunter zunehmend weitere Funde früher fossiler Menschenarten, wie vom Homo ergaster/Homo erectus, vom Homo neanderthalensis und vom eiszeitlichen Homo sapiens bewiesen das hohe Alter der Menschheit, das man damals allerdings nur auf ca. 600.000 bis 500.000 Jahre schätzen konnte. Dies war der bis etwa 1960 gültige Forschungsstand. Die Tür in die weitere Tiefe der Menschheit wurde dann auf dem afrikanischen Kontinent, in Südafrika und Ostafrika, aufgestoßen, als man mit den Australopithecinen, die ab ca. 4 Millionen Jahren belegt sind, erste ständig aufrecht gehende menschenartige Lebewesen – berühmt wurde Lucy, eine Vertreterin von Australopithecus afarensis mit einem Alter von ca. 3,8 bis 2,9 Millionen Jahre – und in Ostafrika mit Homo rudolfensis und Homo habilis trotz anhaltender Diskussionen eindeutig den bis dahin bekannten Menschenformen vorangehende Arten auffinden konnte, denen sogar urtümliche Werkzeuge, die aus Geröllen zurechtgeschlagene pebble tools zugewiesen werden konnten. Aus der Gegend von Makaamiltalu in Hadar (Äthiopien) liegt mit 2,3 Millionen Jahren derzeit das älteste gemeinsame Vorkommen von einem Menschenfund und einfachen Geröllgeräten vor, die dem Technokomplex des Oldowan zugerechnet werden (die Referenzschicht aus dem ostafrikanischen Rift Valley, die Schlucht von Olduvai, wurde auf ca. 1,7 Millionen Jahre datiert). Mittlerweile konnten durch den Fund eines menschlichen Unterkiefers vom Malawi-See (von einem ca. 2,5 bis 1,9 Millionen Jahre alten Homo rudolfensis) sowie durch die ältesten von Menschen (vom Homo habilis?) intentional hergestellten Werkzeuge von Gona (Awash-Becken, Äthiopien) der Beginn der Menschwerdung auf ca. 2,6 bis 2,3 Millionen Jahre bestimmt werden. So konnte innerhalb nur eines halben Jahrhunderts das Alter des Menschen um fast zwei Millionen Jahre zurückverlegt werden! Ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht abzusehen, denn gerade im ausgehenden Tertiär und beginnenden Quartär gibt es noch riesige Fundlücken in der Überlieferung von fossilen Knochen, deren Füllung in der Lage wäre, die Herauslösung des Menschen aus der Gattung der hominidae, oder populärer gesagt, die Ablösung vom Menschenaffen zeitlich festzulegen. Sie muss nach unterschiedlichen Vorstellungen vor etwa acht Millionen Jahren eingesetzt haben.

Archäologie – Begrenzte Potentiale einer jungen Wissenschaft

Da die aus Platzgründen notwendigerweise kurzgefassten Ausführungen zur frühen Menschheit neben der paläoanthropologischen Forschung weitgehend auf Ergebnissen der archäologischen Forschung basieren, ist es gerechtfertigt, an dieser Stelle einige Worte voranzuschicken, um das limitierte Potential dieser noch jungen Wissenschaft zu kennzeichnen. Die Archäologie ist mittlerweile selbst zu einer globalen Wissenschaft geworden, denn überall auf der Welt arbeitet sie mit derselben Methodik, was die Grabungstechnik, die Befund- und Fundbergung und die Datierungsmethoden betrifft. Nur hinsichtlich der Interpretation des an sich „stummen“ Stoffes gibt es Unterschiede im methodischen Ansatz, die durch den jeweils individuellen Hintergrund jedes einzelnen Wissenschaftlers bedingt sind. Man darf nicht verschweigen, dass gerade auch die Archäologie nicht dagegen gefeit war und es weiter ist, von unterschiedlichsten geistigen und politischen Strömungen in Anspruch genommen zu werden, worunter der Nationalismus noch eine harmlosere Ausprägung ist, oder dass in manchen Gegenden der Welt aus religiösen Gründen Archäologie noch ein Schattendasein führt. Vielen entkolonisierten Völkern und Staaten dient die Archäologie als ein identitätsstiftendes Medium, um an ihre einst glorreiche Vergangenheit vor der europäischen Fremdbestimmung anzuknüpfen. Erinnert sei an den königlichen Monumentalbau von Simbabwe im Süden Afrikas, der als mutmaßlicher Hauptort des Monomotapa-Reiches den Namen für die ehemalige britische Kolonie Südrhodesien gab, oder an den modernen westafrikanischen Staat Mali, dessen Namen von einem vergangenen ruhmreichen Königreich am Nigerbogen übernommen wurde.

Archäologische Überlieferung

Bis zum Aufkommen schriftlicher Zeugnisse ab ca. 4000 v. Chr. ist die Archäologie ausschließlich auf Denkmäler und Bodenfunde angewiesen. Ihre Überlieferung ist zudem abhängig von den jeweiligen Erhaltungsbedingungen, die sehr unterschiedlich sind. In weiten Gebieten sind nur dauerhafte Materialien, wie Stein, gebrannter Ton oder Metalle – zumeist auch nur fragmentarisch – übrig geblieben. Nur unter günstigen natürlichen Bedingungen, wie bei Dauerfrost, bei Feuchtigkeit (Moor, Wasser), bei extremer Trockenheit oder bei gezielter Mumifizierung konnten sich organische Materialien, wie vor allem Weichteile von Lebewesen, Textilien, Holz, Knochen, Horn, Pflanzenreste usw., erhalten. Die Archäologie kann somit immer nur einen geringen Teil eines ehemals vollständigen Kulturapparates erfassen. Hinzu kommt, dass die Befunde und Funde, nachdem sie oft nur als Abfall mehr oder weniger intentional in den Boden gekommen sind, einem weiteren permanenten Zerfalls- und Störungsprozess unterliegen. Nur bei den seit der Zeit des Neandertalers überlieferten Gräbern kann man sicherer sein, eine ungestörte Befundsituation vor sich zu haben. Andererseits sind aber gerade bei den Monumentalanlagen, wie zum Beispiel den Großsteingräbern, die bis heute zugänglich geblieben sind, die Befunde zumeist gestört.

Die bis vor wenigen Jahren noch übliche Trennung zwischen der vorgeschichtlichen, das heißt prähistorischen Archäologie und den vor allem auf Schriftquellen aufbauenden Archäologien späterer Epochen ist heute weitgehend aufgehoben, denn gerade auch für viele Bereiche der alten Hochkulturen liegen nur ansatzweise genügend Schriftquellen vor, so dass das historische und kulturelle Gesamtbild nur durch eine umfassende archäologische Methodik ergänzt werden kann. Erinnert sei an die hochkulturelle Indus-Kultur, die zwar eine Schrift besaß, welche aber bis heute allen Entzifferungsversuchen trotzt. Zu den Innovationen einer modernen Archäologie als eine historische Teildisziplin gehört die Einbeziehung naturwissenschaftlicher Methoden, nicht nur zur Datierung, sondern besonders auch zur Erhellung der einstigen Umwelt (Klimaforschung, Bodenkunde, Archäobotanik, Archäozoologie, Archäometrie, Archäometallurgie usw.) und der Physis des Menschen (Anthropologie). Hinzu tritt in jüngster Zeit eine Vernetzung mit der Genforschung, die immer neue Stammbäume der menschlichen Verwandtschaft vorlegt, und der Paläolinguistik.

Archäologie und die Entdeckung der Zeit

Datierungsmethoden

Welche Methoden gibt es aber, um diese langen Zeitspannen der Menschheitsgeschichte verlässlich zu datieren? Auch auf diesem Feld verdankt die Geschichtsschreibung einer interdisziplinär vernetzten Archäologie den Vorstoß in die Tiefen der Zeit, ist doch nur sie in der Lage, die historische Chronologie, die nur bis um die Zeit um 3000 v. Chr. zurückreicht, weit in die Urzeit zu verlängern. Mittlerweile gibt es eine ganze Palette von archäometrischen Methoden der Zeitmessung, von denen hier nur die wichtigsten genannt werden. Bis heute steht im Mittelpunkt der archäologischen Disziplinen die stratigraphische Methode, die wie die ihr hierin verwandte Geologie davon ausgeht, dass die unteren Schichten älter sind als die darüber liegenden. Besonders erfolgreich ist diese Methode bei der zeitlichen Gliederung von Höhlenstationen oder bei der Abfolge von Tellsiedlungen. Stehen solche Schichten nicht zur Verfügung, kommt ergänzend die typologische Methode zum Einsatz, deren Entwicklungsreihen von Formen und Typen sehr stark vom Evolutionismus Darwins geprägt wurden. Absolutchronologische Ansätze wurden zunächst aus noch ungenauen Schätzungen zur Dauer der verschiedenen Eiszeiten (Diluviums), jahrgenaue Angaben dann aus der Auszählung von Warven (Bändertone) und Jahresringen (Dendrochronologie) gewonnen. Mit letzterer Methode kann archäologischer Fundstoff auf das Kalenderjahr genau bis etwa 14.000 Jahre vor heute datiert werden. Diese Methode verschränkt sich mit verschiedenen kernphysikalischen (radiometrischen) Methoden, bei denen der Zerfall der Radioaktivität einzelner Isotope, also ihre Halbwertszeit, gemessen wird. Bahnbrechend war die von Willard F. Libby in den Jahren 1948 bis 1950 entwickelte C14-Methode (Radiokarbonmethode), die bis etwa 40.000 bis 50.000 Jahre zurückreicht – also bis zum Ende der europäischen Neandertaler und bis zu den ersten modernen Menschen in Europa. Angaben zu den davor liegenden Zeiten werden durch die Kalium-Argon-Datierung gewonnen, die vor allem bei der Datierung von Vulkangesteinen eingesetzt wird. Fast alle frühen Hominiden-Funde Afrikas wurden mit dieser Methode datiert, wobei auch hier – wie bei der C14-Methode – mit Schwankungen zu rechnen ist. Hinzu kommt die Uran-Thorium-Datierung, die für das Element Thorium 230 bis etwa 350.000 Jahre, für das Element Palladium 231 mehrere Millionen Jahre zurückreicht. Die Elektrospin-Resonanz-Datierung beruht auf der Messung des Zerfalls von Elektronen und wird vor allem bei der Datierung von fossilem Zahnschmelz von Menschen und Tieren in einem Bereich bis ca. 3 Millionen Jahre eingesetzt. Hilfreich ist weiter die Thermolumineszenz-Datierung, die auf einer Ausstrahlung von Licht als freigesetzter Energie beruht, die in Form von gespeicherten Elektronen in Kristallgittern von archäologischen Funden, wie Keramik oder erhitzten Steingeräten, enthalten sind. Durch die Bohrkerne aus der Tiefsee im arktischen Eis konnten mittlerweile über hundert größere Klimaschwankungen während des gesamten Quartärs festgestellt werden, die mit Hilfe des Schwankungsverhältnisses von Sauerstoffisotopen eine zeitgenaue Abfolge gewährleisten. Je älter die Zeitangaben sind, desto größer kann aber auch die Schwankungsbreite der jeweiligen Datierung sein. Dies ist eine Quelle oft kontroverser Diskussionen über Ort und Zeit, besonders zum ältesten Vorkommen des Menschen. Hinzu treten unterschiedliche methodische Auffassungen in der Taxonomie der Paläoanthropologie, die sich zumeist auf nur einzelne fossile Knochen stützen muss.

Histonsche Chronologien

Wesentlich festeren Boden betreten wir mit den historischen Chronologien, wenngleich es auch hier Untiefen in der jahrgenauen Datierung historischer Ereignisse gibt. Die Chronologie des Alten Orients basiert zunächst auf dem assyrischen Eponymenkanon mit Bezug auf die Sonnenfinsternis von 763 v. Chr., von der sich mit Hilfe von Königslisten die Regierungsdaten der Herrscher berechnen lassen. An sie lässt sich die jüngere babylonische Chronologie anschließen, während die ältere durch astronomische Daten fixiert werden kann. Es bleibt kontrovers, ob man sich einer „langen“, „mittleren“ oder „kurzen“ Chronologie anschließt. Ähnlich liegen die Verhältnisse im Alten Ägypten, wo durch astronomische Beobachtungen, Königslisten und zeitgenössische Schriftquellen einigermaßen verlässliche Jahreszahlen zu ermitteln sind. Über Importfunde aus diesen Hochkulturen kann die minoisch-mykenische Chronologie der Ägäis synchronisiert werden, was wiederum von Bedeutung für die Chronologie der Bronzezeit des angrenzenden schriftlosen Europa ist, denn deren absolute Chronologie hängt neben der C14-Datierung und der Dendrochronologie an Importfunden und typologischen Vergleichen an den historischen Kalendern.

Zur archäologischen Periodisierung und Terminologie

Periodisierung

Bereits im Altertum machte man sich Gedanken über eine sinnvolle Gliederung der Geschichte der Menschheit. Zu den frühen vorwissenschaftlichen Versuchen zählt die Abfolge von den vier Weltaltern, die nach den in ihnen vorherrschenden Metallen benannt wurden (Goldenes, Silbernes, Ehernes, Eisernes Weltalter), die zugleich mit ethisch-moralischen Verhaltensmustern von Göttern und Menschen verbunden wurden. Sie sind zumeist von einer pessimistischen Kulturauffassung geprägt. Hesiod und Ovid sollen als ihre bekanntesten Vertreter genannt werden. Nach der im 16. Jahrhundert begründeten Abfolge von Altertum, Mittelalter und Neuzeit wurde um 1836 die Vorgeschichte in eine Stein-, Bronze- und Eisenzeit eingeteilt. Dieses „Dreiperiodensystem“ ist für weite Teile der Alten Welt bis heute konventionell gültig, wenngleich jedem Forscher klar ist, das diese Epochen keine zeitlich abgeschlossenen Einheiten und Grenzen darstellen. Mittlerweile gibt es auf der Grundlage einer verfeinerten relativen und absoluten Chronologie eine Vielzahl von globalen und regionalen Periodisierungssystemen. Sie spiegeln oft einen dreistufigen Zyklus von Aufstieg, Blüte und Niedergang von Kulturen wider.

Eine interdisziplinär vernetzte Archäologie versucht den von ihr zutage geförderten Fundstoff in Zeit und Raum zu gliedern, um die jeweilige geographische und zeitliche Dimension von archäologischen Kulturen zu bestimmen. Man versteht konventionell darunter eine Summe von raumzeitlich gebundenen, typischen materiellen (wie ähnlicher Fundstoff) und immateriellen (wie ähnliche Grabsitten) Merkmalen, die die Identität von Personengruppen ausmachen können. Eine Gleichsetzung von archäologischer Kultur mit Ethnie, Stamm und Volk sowie Rasse und Sprache ist heute jedoch methodisch nicht vertretbar. Bei der Erforschung vergangener Kulturen kommt in jüngster Zeit der Molekularbiologie, insbesondere der Genforschung, eine besondere Bedeutung zu, die teilweise spektakuläre Ergebnisse zur Mobilität und Verwandtschaft von Menschen liefert, die teilweise in einem Gegensatz zu Auffassungen der prähistorischen Archäologie stehen.

Ein wichtiger Kontrast zu durch Schriftquellen erhellten Kulturen besteht darin, dass in den vorgeschichtlichen Zeiten keine handelnden Personen bekannt sind, ja kaum dynamisch-historische Vorgänge, wie zum Beispiel politische Aktionen, belegt werden können. Auch für die Zerstörung von Siedlungen kommen durchaus Unglücksfälle, wie Feuersbrünste, in Frage. Insofern kann die prähistorische Archäologie eher zu langfristig ablaufenden Prozessen (im Sinne einer klassischen longue durée) Antworten geben, also mehr zu einer kulturanthropologisch ausgerichteten Strukturgeschichte als zu einer Ereignisgeschichte. Gerade auch die schriftlosen Zeiten sind mittlerweile integrale Abschnitte einer Geschichte des Menschen, auch wenn es sich um scheinbar statische Abschnitte handelt, wie die Zeit der paläolithischen Jäger und Sammler, die etwa 98 % unserer eigenen Geschichte umfasst. Die prähistorische Archäologie kann nur von ihrem jeweiligen Forschungsstand, der sich stetig durch neue Grabungen verändert, und nur in einer vorsichtigen, durch die Quellenlage stets eingeschränkten Weise versuchen, sich einer schon lange versunkenen Welt anzunähern. Die Archäologie kann daher bestenfalls die Frage „Wie könnte es gewesen sein?“ beantworten, und nicht feststellen: „So war es!“.

Terminolgie

Die Terminologie der mittlerweile unzähligen archäologischen Kulturen und Zeitstufen ist für Außenstehende sehr verwirrend, denn es liegt ihnen keine systematische Ordnung zu Grunde. Sie werden sehr häufig nach Fundorten benannt – vor allem im Paläolithikum nach französischen Ortsnamen –, an denen sie zuerst oder repräsentativ festgestellt wurden, nach Regionen und Landschaften, nach keramischen Leitformen, nach Verzierungsmustern und Ornamenttechniken der Keramik, nach Grabformen und Bestattungssitten oder nach Siedlungsformen.

Dem ersten Band liegt zunächst die Periodisierung der Vorgeschichte zugrunde. Sie beginnt mit der Altsteinzeit (Paläolithikum), die nochmals in einen älteren, mittleren und jüngeren Abschnitt gegliedert wird. Es war die Zeit der eiszeitlichen Jäger und Sammler, repräsentiert durch die sich einander ablösenden frühen Menschenformen. Nur der Homo sapiens bleibt als moderner Mensch übrig. In der Nacheiszeit verzweigte sich die Geschichte in zwei Bahnen, nämlich in die Weiterführung der aneignenden Wirtschaftsweise im Mesolithikum (Wildbeutertum) und in den Beginn der produzierenden Wirtschaftsweise (Landwirtschaft). Letztere verläuft über ein frühes Stadium (Neolithikum) in die Welt der frühen Metalle – in die Kupferzeit. In ihr entwickelten sich in einigen Teilen der Alten Welt schriftführende Hochkulturen: der Vordere Orient, Ägypten, das östliche Mittelmeergebiet, die Arabische Halbinsel, das Indus-Gebiet und China. Die davon nicht berührten prähistorischen Gruppen gehören in die schriftlose Bronze- und frühe Eisenzeit. Parallel damit geht eine immer größer werdende Sprachdifferenzierung einher. Die untere Zeitgrenze des ersten Bandes – um 1200 v. Chr. – kann trotz aller Schwierigkeiten in dieser sinnvollen Periodisierung eingehalten werden – nur die Entwicklung Afrikas und Amerikas sowie die Kontinuität des arktischen Wildbeutertums vor und nach dieser Zeitgrenze bilden hier eine im Sinne des Gesamtkonzeptes vertretbare Ausnahme.

Im vorliegenden Band werden die Jahre zumeist konventionell nach der christlichen Zeitrechnung angegeben: vor Christus oder nach Christus. Durch C14-Datierung gewonnene Zeitangaben werden mit „vor heute“ (= 1950) gekennzeichnet.

Frühe Menschheitsgeschichte

Weibliches Idol aus Kashkashuk, Syrien. 6./5. Jt. v. Chr.

Die Entwicklung des Menschen bis zum Ende des Altpaläolithikums

Gerhard Bosinski

Die Entstehung des Menschen

Menschenaffen (hominidae)

Der Mensch entstand aus der Familie der Menschenaffen (hominidae). Unsere nächsten lebenden Verwandten sind die Schimpansen (Pan troglodytes) und die Bonobos (Pan paniscus), mit denen unser Genom zu etwa 95 % übereinstimmt. Der gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse lebte vor 10 bis 6 Millionen Jahren in Afrika. Die Schimpansen haben sich in der seither vergangenen Zeit auch weiterentwickelt, so dass wir im Aussehen und Verhalten der heutigen Formen nicht das Bild unseres gemeinsamen Vorfahren sehen können. Die hominidae erlebten am Ende des Miozäns und im Pliozän eine große Entfaltung. Zwar kennen wir aus der Zeit vor 10 bis 2 Millionen Jahren etwa zwanzig Fossilien, doch es gelingt bisher nicht, den zum Menschen führenden Weg genauer nachzuzeichnen.

Auftreten der Australopithecinen

Wichtig ist das Auftreten der Australopithecinen vor etwa 6 Millionen Jahren. Es waren aufrecht gehende hominidae, die wir heute nicht nur aus den klassischen Fundgebieten in Ost- und Südafrika, sondern auch aus dem Tschad kennen. Die Herausbildung des aufrechten Gangs erfolgte allmählich und möglicherweise auch in einer bewaldeten Landschaft. Parallel dazu wurde das Gesicht flacher, mit einer weniger vorspringenden Mund-Nasen-Region, und das Gehirnvolumen größer. Es gab verschiedene Formen der Australopithecinen. Jeder neue Fund wird nach seinem Platz auf oder neben der Linie zum Menschen diskutiert. Meist handelt es sich um einzelne oder wenige Knochen, die oft nicht unmittelbar miteinander verglichen werden können, da sie von verschiedenen Körperteilen stammen. Das einzige weitgehend vollständige und deshalb so wichtige Skelett stammt aus dem Hadargebiet in Äthiopien und hat ein Alter von 3,9 bis 3,2 Millionen Jahren. Die Knochen gehörten zu einer etwa 25-jährigen Frau mit einer Körpergröße von nur 105 cm. Der Fund wurde als Lucy (nach einem Beatles-Song) berühmt. Die Lage des Hinterhauptloches, die Form des Beckens und die Morphologie des Oberschenkelknochens belegen, dass dieser Australopithecus afarensis aufrecht ging, jedoch wie andere Australopithecinen aus dem älteren Pliozän häufig kletterte. In die Zeit des A. afarensis gehören auch die Fußspuren von Laetoli (Tansania), die sich hier zusammen mit den Fährten von Tieren in vulkanischer Asche vom Ausbruch des Sadiman-Vulkans vor 3,6 Millionen Jahren erhalten haben. Diese Spuren stammen von zwei völlig aufrecht gehenden Individuen. Lucy gehörte zu einer grazilen Form der Australopithecinen, die in vielen Merkmalen dem in Südafrika definierten A. africanus entspricht. Es sind vor allem diese Formen, die zu der zum Menschen führenden Linie gehören. Dabei ist eine Änderung von Klima und Umwelt von Bedeutung, die vor 3 Millionen Jahren in Ost- und Südafrika zu größerer Trockenheit und zur Ausbreitung der Savanne führte. In dieser tropischen Graslandschaft, in der es nur vereinzelte Bäume (Akazien) und nur am Ufer der Flüsse und Seen eine dichtere Vegetation gab, lag die Heimat des Menschen. Die Savanne war sehr wildreich; die heutige Serengeti ist ein Abglanz der damaligen Verhältnisse. Doch die Vegetation in diesem Trockenklima bestand vor allem aus Steppengräsern. Die Australopithecinen mussten sich an diese Umweltverhältnisse anpassen. Es entstand eine robuste Australopithecinenform mit einem mächtigen Kauapparat, dessen Muskulatur auf dem Schädel manchmal zu einem Knochenkamm als Ansatzfläche der Muskeln führte. Diese in Ostafrika (A. robustus) und in der Kapprovinz (paranthropus) verbreiteten Formen waren Vegetarier und lebten von der Steppenvegetation. Diese Anpassung war recht erfolgreich und ermöglichte das Überleben der robusten Australopithecinen für 1,5 Millionen Jahre (2,5 bis 1 Million Jahre), noch weit in die Zeit hinein, in der es schon frühe Menschen gab.

Anpassung an die Umweltverhältnisse

Zum Menschen führte jedoch eine andere Anpassung an die veränderten Umweltverhältnisse. Es ist die Herstellung von Steinartefakten, die seit etwa 2,5 Millionen Jahren belegt ist. Vor allem handelt es sich um scharfkantige Abschläge, die mit Schlagsteinen vom Rohstück abgetrennt wurden. Je nach Spaltbarkeit des Gesteins erfolgte dies aus der freien Hand (unipolar) oder, vor allem beim schwer spaltbaren Quarz, auf einem Steinamboss, der den Schlagimpuls reflektierte (bipolar). Diese Abschläge waren Messer, mit denen Fleischstücke aus Tierkörpern herausgetrennt werden konnten. So wurde das Fleisch der Großtiere zu einem wichtigen Teil der Nahrung. Dieser Zeitpunkt ist entscheidend und unserer Auffassung nach der Beginn der menschlichen Geschichte.

Herausbildung des Homo habilis

Der Besitz von Steinartefakten führte zur Herausbildung des Homo habilis, des ersten Menschen. Die Australopithecinen und den Homo habilis kennen wir bisher nur aus Afrika. Zwar gab es in dieser Zeit auch in Eurasien südlich der Hochgebirge eine offene Graslandschaft. Diese Steppen entsprachen aber nicht den afrikanischen Akazien-Savannen und gehörten nach den bisherigen Funden nicht zum Verbreitungsgebiet der Australopithecinen und der ersten Menschen. Insofern sollte man die afrikanischen Savannen und die eurasischen Steppen südlich der Alpen, des Kaukasus und des Himalaja nicht als eine Vegetationszone zusammenfassen. Es spricht zur Zeit nichts dafür, dass ein solches großes Savannahstan von Australopithecinen bewohnt war und zur Heimat des Menschen gehörte.

Die ältesten Steinartefakte vor mehr als 2 Millionen Jahren

In der ersten Epoche unserer Geschichte vor 2,5 bis 1,5 Millionen Jahren bestanden die Steinartefakte vor allem aus scharfkantigen Abschlägen, die als Messer dienten, und den bei deren Herstellung entstandenen Kernen sowie Geröllgeräten mit einer ein- oder beidflächig behauenen Kante, die für gröbere Arbeiten benutzt wurden. Diese Funde werden nach der vor allem von dem Ehepaar Louis und Mary Leakey erforschten Olduvai-Schlucht in Tansania als Oldowan (auch Olduwan oder Oldowayen) bezeichnet.

Abschläge aus vulkanischem Gestein

Die ältesten Steinartefakte kennen wir aus dem Tal des Gona-Flusses im Awash-Becken in Äthiopien. In diesem hügeligen Badland gibt es mehrere Fundplätze, die durch die Erosion des Flusses und seiner Nebenflüsse angeschnitten werden. Hier sind vor allem die Plätze EG (East Gona) 10 und 12 wichtig. Die Fundschichten liegen zwischen vulkanischen Tuffen. Der Tuff oberhalb der Funde (AST-2,75) hat ein Alter von 2,517 Millionen Jahren, die Steinartefakte darunter sind noch etwas älter. Am Fundplatz EG 10 ergab die Projektion der Funde im Profil zwei 40 cm voneinander getrennte Fundschichten; der Platz wurde wiederholt aufgesucht. Die Artefakte wurden aus vulkanischen Gesteinen, die als Flussgerölle in unmittelbarer Nähe vorkommen, hergestellt. Dabei wurden die besser zur Bearbeitung geeigneten feinkörnigen Trachyte (48 %) und Rhyolite (27 %) deutlich bevorzugt. Die Form der Gerölle wurde so ausgesucht, dass sie möglichst eine geeignete Schlagfläche besaßen. Dann wurden mit einem Schlagstein in der freien Hand kleine bis mittelgroße Abschläge mit Längen von 10 bis 128 mm abgeschlagen. Die meisten Abschläge haben einen mit Geröllrinde bedeckten Schlagflächenrest, wurden also unmittelbar von den Geröllen abgetrennt. Dies erfolgte in Serien, so dass die Oberflächen der Abschläge (Dorsalflächen) oft keine Geröllrinde, sondern die Negative vorangegangener Abschläge tragen. Die Kerne, das heißt die Gerölle mit Abschlagnegativen, wurden meist nur auf einer Fläche abgebaut. Es gibt jedoch auch einige beidflächige Kerne, bei denen die Abschlagnegative der einen Fläche als Schlagfläche für das Abtrennen von Abschlägen auf der gegenüberliegenden Fläche dienten. Die Kerne haben drei bis 23 Abschlagnegative und lassen auch erkennen, dass Serien von Abschlägen gewonnen wurden. Diese ältesten Artefakte zeigen bereits eine gute Kenntnis der Spalteigenschaften und der Bearbeitungstechnik kieselsäurehaltiger Gesteine (Silices). Ziel der Steinbearbeitung waren die Abschläge, deren scharfe Kanten ohne weitere Überarbeitung (Retuschierung) zum Schneiden benutzt wurden und manchmal dabei entstandene Gebrauchsspuren (Aussplitterungen) tragen.

Verwendung von Steinwerkzeugen

In EG 10 und EG 12 waren keine Knochen erhalten. Dagegen gibt es von den neuerdings untersuchten Fundplätzen von Ouanda Gona (OGS 6, OGS 7) Steinartefakte und Knochen. Auf den Knochen von OGS 6 befinden sich eindeutige Schnitt- und Zerlegungsspuren. Zusammen mit den in die gleiche Zeit gehörenden Funden von der Bouri-Halbinsel (Äthiopien) zeigen diese Knochen, dass die ältesten Steinartefakte tatsächlich zum Zerteilen der Tierkörper dienten. Ungeklärt ist, wer die Hersteller dieser Steinartefakte waren. Aus der Zeit vor 2,7 Millionen Jahren gibt es aus dem Awash-Becken den zur grazilen Linie der Australopithecinen gehörenden A. garhi und vom Turkana-See (Kenia) die robuste Form A. aethiopicus. Die ältesten Belege des Homo habilis stammen dagegen erst aus der Zeit vor etwa 2,3 Millionen Jahren (Fundplatz AL 666 in der Hadarformation, Äthiopien) und die meisten Homo-habilis-Funde, so die Fossilien aus der Olduvai-Schlucht und dem Fundgebiet von Koobi Fora am Turkana-See, haben ein Alter von 1,9 bis 1,5 Millionen Jahren. Wahrscheinlich haben sich die Merkmale des Homo habilis erst im Laufe der Zeit und entscheidend beeinflusst durch die Verwendung von Steinwerkzeugen und die damit verbundene Lebensweise und Fleischnahrung herausgebildet, während die Hersteller der Artefakte von Gona körperlich noch zu den Australopithecinen gehörten.

Gona. Fundplätze EG 10 (1-4) und EG 12 (5). 1-3: Abschläge, 4–5 Geröllgeräte (nach S. Semaw)

Fleisch als Nahrung des Homo habilis

Der Homo habilis hatte ein flacheres Gesicht und ein größeres Schädelvolumen (550 bis 680 cm3) als die Australopithecinen. Die Körpergröße betrug 1,20 bis 1,50 m, das Gewicht 30 bis 40 kg. Im Gegensatz zum in der gleichen Zeit und im gleichen Gebiet vegetarisch lebenden Australopithecus robustus war der Homo habilis nach seinen Zähnen ein Omnivore. Zu seiner Nahrung gehörte Fleisch, das er nur mit den Steinartefakten aus den Tierkörpern heraustrennen konnte. Es scheint, als seien diese Steinartefakte und die durch sie mögliche Lebensweise der Ausgangspunkt für die Herausbildung des Homo habilis. Knochenfunde des Homo habilis gibt es aus Ostafrika, besonders aus der Olduvai-Schlucht (OH 7, 8, 13, 24) und von Koobi Fora (KNM ER 1805, 1813), und aus den Höhlenfüllungen in Südafrika (Sterkfontein, Swartkrans). Wahrscheinlich bewohnte der Homo habilis auch andere Teile Afrikas. Gesicherte Vorkommen aus Eurasien sind dagegen nicht bekannt.

Bearbeitungstechnik

Der Fundplatz Lokalalei 2C (Kenia) illustriert die Steinbearbeitung in der Zeit vor 2,3 Millionen Jahren. Die Bearbeitungstechnik ist ähnlich wie in Gona. Auch hier wurden geeignete Gerölle aus feinkörnigen vulkanischen Gesteinen (vor allem Phonolit, seltener Basalt, Trachyt und Rhyolit) in der unmittelbaren Umgebung gesammelt und in der gleichen Weise wie in Gona mit Schlagsteinen in der freien Hand zerlegt. Als Schlagsteine dienten Gerölle aus einem zäheren, grobkörnigerem Trachyt. Eine Besonderheit dieses Fundplatzes ist, dass sich viele Artefakte wieder zusammenpassen ließen, manchmal bis zu dem fast vollständigen Geröll. Durch diese Zusammenpassungen kann die beschriebene Zerlegungstechnik hier besonders gut erkannt werden. Ähnliche Artefakte stammen vom Fundplatz AL 666 im Hadargebiet, der ebenfalls etwa 2,3 Millionen Jahre alt ist und an dem der Homo habilis auch durch ein Schädelfragment belegt ist. Am auch in diese Zeit gehörenden Fundplatz Lokalalei 1 wurde dagegen eine weniger geeignete Lava als Rohmaterial benutzt und die Bearbeitungstechnik ist schlechter. Bei vielen Kernen gelang es nicht, regelmäßige Abschläge zu gewinnen. 80 % der Abschläge enden in „Etagenbrüchen“. Es wurde vorgeschlagen, solche Funde als Nachukui-Fazies zu bezeichnen

Bipolare Technik

An den Fundplätzen am Omo nördlich des Turkana-Sees wurden vor allem kleine Quarzgerölle als Rohmaterial verwendet. Dieser schwer und oft unregelmäßig spaltende Quarz wurde zur Bearbeitung häufig auf einen Steinamboss gestellt, durch den der Schlagimpuls reflektiert wird. Diese bipolare Technik, die das beste Verfahren für die Zerlegung von Quarz ist, ergab kleinere Abschläge, deren Bearbeitungsmerkmale oft schwer zu erkennen sind. Die Kanten dieser Quarzabschläge sind jedoch sehr scharf und widerstandsfähig und waren für die Verwendung als Messer bestens geeignet. Diese durch das Rohmaterial Quarz geprägten Funde wurden als Shungura-Fazies oder Omo Industrial Complex bezeichnet. Sowohl die Nachukui-Fazies als auch die Shungura-Fazies unterscheiden sich vom Oldowan, wie es zum Beispiel in Gona und Lokalalei 2C vorliegt, durch das verwendete Gestein, das eine andere Bearbeitungstechnik erforderte. Zur Ordnung der Funde ist eine solche Gruppierung sicher nützlich. Eine kulturelle Bedeutung, die eventuell auf unterschiedliche Verfertiger schließen ließe, hat sie sicher nicht. Ziel der Bearbeitung waren an all diesen Plätzen scharfkantige Abschläge, und es ist höchstens darauf hinzuweisen, dass die Hersteller dieser Artefakte schon vor mehr als 2 Millionen Jahren in der Lage waren, die Bearbeitungstechnik dem jeweils verfügbaren Gestein anzupassen.

Early Oldowan

Für diese ältesten Funde aus der Zeit vor mehr als 2 Millionen Jahren wird häufig eine gesonderte Bezeichnung verwendet, um sie vom späteren Oldowan zu unterscheiden. Oft ist dies als Early Oldowan rein zeitlich gemeint. Das von Henry de Lumley vorgeschlagene Preoldowayen ist dagegen durch das Fehlen retuschierter Formen sowie von Sphäroiden, wie sie im späteren Oldowan auftreten, gekennzeichnet. Steinartefakte mit einem Alter von mehr als 2 Millionen Jahren kennen wir bisher nur aus Ostafrika. Allerdings ist die Fundsituation durch die von den Flüssen angeschnittenen vulkanischen Ablagerungen hier auch besonders günstig. Die von einem 2,4 Millionen Jahren alten Basalt überdeckten Artefakte von Yiron (Palästina) oder die in einer tiefen Erosionsrinne in Riwat (Pakistan) gefundenen Artefakte können dieses Bild bisher nicht ändern.

Die Zeit vor 2 bis 1,5 Millionen Jahren

Im zweiten Teil des Oldowan wird das Typenspektrum der Steinartefakte etwas umfangreicher. Die Kerne für die Gewinnung von Abschlägen haben jetzt oft eine mit einem oder mehreren Schlägen angelegte Schlagfläche. Entsprechend sind die Schlagflächenreste der nach wie vor dominierenden kleinen bis mittelgroßen Abschläge nicht mit Geröllrinde bedeckt, sondern werden durch das Negativ oder die Negative der Schlagfläche gebildet. Die Kanten der Abschläge tragen jetzt nicht nur Gebrauchsspuren, sondern sind manchmal auch überarbeitet. Allerdings fehlen standardisierte Formen und man hat mehr den Eindruck, dass die retuschierten Schaber und Kratzer sowie die Stichel zufällig entstanden. Außer den weit vorherrschenden Abschlägen gibt es Geröllgeräte mit ein- oder beidflächig behauener Arbeitskante, die für gröbere Arbeiten, zum Beispiel das Trennen von Gelenkverbindungen oder das Zerschlagen von Knochen benutzt wurden.

Steinkugeln – die ältesten Waffen

Wichtig sind die nun auftretenden Sphäroide. Es sind Steinkugeln, die rundum behauen und zugeformt sind. Solche Kugeln kennen wir von den ostafrikanischen Fundstellen, zum Beispiel aus Bed I von Olduvai, aber auch aus Nordafrika. Besonders häufig sind sie am Fundplatz Ain Hanech (Algerien), der nach der Fauna und den paläomagnetischen Untersuchungen in die Zeit vor etwa 1,7 Millionen Jahren gehört. Es scheint, als handele es sich bei diesen rund gearbeiteten Steinkugeln um Wurfgeschosse, die wohl mit der freien Hand geschleudert wurden. Es wären die ältesten überlieferten Waffen. Die absichtliche Zuformung der Sphäroide lässt vermuten, dass die sicher auch verwendeten hölzernen Stöcke und Knüppel ebenfalls bearbeitet und vielleicht schon als Lanzen zugerichtet waren. Die Wurfkugeln könnten zum Erlegen kleinerer Tiere gedient haben. Effektiver wären sie jedoch bei der Auseinandersetzung zwischen Menschengruppen. Dies führt zu der Frage, ob der Homo habilis bereits aktiv jagte. In Bed I der Olduvai-Schlucht (Fundplatz FLK N) wurde das fast vollständige Skelett eines jungen Elefanten (Elephas recki) gefunden. Zwischen den Knochen lagen Abschläge und ein „Protofaustkeil“, mit denen der Elefant zerlegt wurde. Ähnlich ist die Situation am Fundplatz HAS von Koobi Fora. Hier wurden Knochen eines Flusspferdes (Hippopotamus) und Steinartefakte, vor allem (97%) Abschläge, gefunden. Bei dem in Barogali in Dschibuti gefundenen Elefantenskelett lagen mehr als 500 Steinartefakte. Zu den in Nadung’a IV am Westufer des Turkana-Sees gefundenen Elefantenresten gehören zahlreiche Steinartefakte, außer Abschlägen auch Kerne. Hier hat man die für das Abtrennen von Fleischstücken benötigten Abschläge an Ort und Stelle hergestellt. Sonst ist die Fundsituation ähnlich wie am Fundplatz FLK N.

Megaherbivoren

Dmanisi

Vor 1,6 Millionen Jahren erscheint in Afrika mit dem Homo ergaster eine neue Menschenform, die sich wahrscheinlich aus dem Homo habilis entwickelt hat. Der wichtigste Fund stammt von Nariokotomé westlich des Turkana-Sees. Das hier gefundene fast vollständige Skelett lag unmittelbar auf dem Okote-Tuff, der Ablagerung eines Vulkanausbruchs vor etwa 1,6 Millionen Jahren. Die Knochen stammen von einem 12 bis 13 Jahre alten Jungen, der bereits eine Körpergröße von 1,68 m hatte. Als Erwachsener hätte er 1,85 m erreicht. Wenn dies kein Sonderfall ist, war der Homo ergaster deutlich größer als der Homo habilis. Auch das Schädelvolumen dieses Turkana-Boys ist mit 880 cm3 größer als beim Homo habilis, und er hätte als Erwachsener etwa 910 cm3 erreicht. Bei diesem Skelett wurden keine Steinartefakte gefunden. Andere Fundplätze dieser Zeit lieferten jedoch Steinartefakte des Oldowan. In dieser Zeit erfolgte auch eine deutliche Vergrößerung des Verbreitungsgebietes. Nordafrika (Ain Hanech in Algerien) und der Süden Eurasiens wurden besiedelt. Hier ist Dmanisi in Georgien der wichtigste Fundplatz. Dmanisi liegt am Zusammenfluss von Mašavera und Pinezaouri in einem durch den Vulkanismus geprägten Gebiet. Vor ca. 1,8 Millionen Jahren floss ein Lavastrom von der Džavacheti-Kette aus durch das Mašavera-Tal und blockierte den Lauf des Pinezaouri, so dass sich hier ein See aufstaute, dessen Wasser dann über die Lava abfloss. An diesem Abfluss lag der Fundplatz. Die Fauna beinhaltet unter anderem den Südelefanten (Mammuthus meriodinalis), das etruskische Nashorn (Dicerorhinus etruscus etruscus), zebraartige Pferde (Equus stenonis, Equus altidens), mehrere Hirscharten, Gazellen, als afrikanische Elemente auch Giraffen (Paleotragus sp.) und einen Riesen-Strauß (Struthio dmanisensis). Diese Tiergesellschaft lässt eine offene Graslandschaft des warm-gemäßigten Klimas rekonstruieren.

Bearbeitung mit Schlagsteinen