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Beschreibung

Die ›WBG Weltgeschichte‹ betrachtet – im Gegensatz zu bisherigen weltgeschichtlichen Darstellungen – die gesamte Menschheitsgeschichte erstmals unter dem Aspekt der globalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten und bietet so einen modernen und zeitgemäßen Gesamtüberblick. Wer etwas über die Geschichte der Menschen auf dem Planeten Erde unter Berücksichtigung aller Zeiten und Kulturen erfahren möchte, kommt an diesem Werk, an dem bedeutende deutsche Fachvertreter der Geschichtswissenschaften mitgewirkt haben, nicht vorbei: »Sowohl ein universitärer Leserkreis als auch ein breiteres Publikum finden hier wichtige lesenswerte Darstellungen zu großen welthistorischen Themen des 19. und 20. Jahrhunderts« Historische Zeitschrift

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Seitenzahl: 1004

Veröffentlichungsjahr: 2016

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WBG WELTGESCHICHTE

EINE GLOBALE GESCHICHTEVON DEN ANFÄNGEN BIS INS 21. JAHRHUNDERT

 

 

Herausgegeben vonWalter Demel, Johannes Fried, Ernst-Dieter Hehl,Albrecht Jockenhövel, Gustav Adolf Lehmann,Helwig Schmidt-Glintzer und Hans-Ulrich Thamer

In Verbindung mit derAkademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz

WBG WELTGESCHICHTE

EINE GLOBALE GESCHICHTEVON DEN ANFÄNGEN BIS INS 21. JAHRHUNDERT

Band IVEntdeckungen und neue Ordnungen1200 bis 1800

Herausgegeben vonWalter Demel

 

 

 

 

 

Impressum

Redaktion: Britta Henning

Abbildungsnachweis:S. 313 akg-images; S. 9, 282 Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz;S. 107, 283, 288, 289, 299, 305 picture-alliance; Karten: Peter Palm, Berlin.

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung inund Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Sonderausgabe 2015© 2015, 2., durchgesehene Auflage1. Auflage 2009/2010Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitgliederder WBG ermöglicht.Satz: SatzWeise GmbH, TrierUmschlaggestaltung: Finken & Bumiller, StuttgartUmschlagmotiv: Ptolemäisches Weltbild.Stich aus dem »Atlas Coelestis seu Harmonia Macrocosmica«des Andreas Cellarius von 1660.Foto: ullstein bild

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-26749-1

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-74040-6eBook (epub): 978-3-534-74041-3

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Herausgeber

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Einleitung – (Walter Demel)

Demographie, Technik und Wirtschaft

Bevölkerung und Landnutzung(Norbert Ortmayr)

Die Weltbevölkerung

Die Landnutzung

Technischer Wandel(Marcus Popplow, Reinhold Reith)

Erfindungen und Techniktransfer

Architektur und Infrastruktur

Schießpulver und Feuerwaffen

Gewerbe und Handwerk

Ökologische Folgen technischer Entwicklungen

Technischer Wandel und technisches Wissen

Fernhandel und Entdeckungen(Folker Reichert)

Handel als Triebfeder und Ziel

Neue Welten

Umgekehrte Entdeckungsreisen?

Weltbild und Wissen

Herrschaft und politische Ideen

„Weltpolitik“(Walter Demel)

Der Ausgangspunkt – Die Welt im 13. Jahrhundert

Stabilisierung nach der welthistorischen Zäsur (1200/1350 bis 1500)

Frühmoderne Globalisierung und politische Ordnungen (1500 bis 1750)

Reichs- und Staatsbildungen(Walter Demel)

Die Begriffe „Reich“, „Land“ und „Staat“

Die Entwicklung von Staatlichkeit in Ländern und Reichen

Weltdeutungen und politische Ideen(Ulrich Weiß)

Christliches Weltbild und Politikverständnis im Mittelalter

„Moderne“ Verschiebungen

Ein Blick auf den islamischen und den chinesischen Kulturkreis

Kultur, Religion und Sozialisation

Renaissancen und kulturelle Entwicklungen(Gerrit Walther)

„Ein schönes Wort“

Die Renaissance in Europa

Die Renaissance im Weltkontext

Reformation und Konfessionalisierung in Europa(Ute Lotz-Heumann)

Religion und Politik in der europäischen Frühen Neuzeit

Spätmittelalter – Reform an Haupt und Gliedern?

Theologie der Reformatoren und der katholischen Reform

Die Reformation in ihrem Ursprungsland

Deutschland im konfessionellen Zeitalter

Reformation und konfessionelles Zeitalter jenseits der deutschen Länder

Religiöse Begegnungen und christliche Mission(Johannes Meier)

Rückkehr nach Afrika

Ausbreitung in Amerika

Begegnung mit Asien

Die Träger der christlichen Mission

Erziehung, Bildung und Wissenschaft(Stefan Ehrenpreis)

Allgemeine Erörterungen

Die europäischen Erziehungsideen und Bildungsinstitutionen

Die islamische Welt – Manuskripte und Medresen

Indien – Schauplatz konkurrierender Religionen

China – Tradition und Wandel

Japan – Weltwissen und Handwerke

Subsaharisches Afrika – Alterskohorten und Erziehungsrituale

Professionalisierung und Sozialstruktur(Andreas Gestrich)

Arbeit und Beruf im Kontext religiöser Deutung von sozialer Ordnung

Professionalisierung des Militärs

Beamte und Juristen – Staatliche Verwaltung und Professionalisierung

Handel, Luxus, Militär und die Professionalisierung im Handwerk

Zwischen Handwerk und akademischer Profession – Die Ärzte

Ausblick(Walter Demel)

Literaturverzeichnis

Chronologie

Register

Einleitung

Walter Demel

Entdeckungen

Entdeckungen charakterisieren den in diesem Band behandelten, freilich von „fließenden“ Grenzen umrahmten Zeitraum in einem besonderen Maße. Dem deutschen Wort – wie vielen seiner Entsprechungen in anderen europäischen Sprachen – liegt die Vorstellung zugrunde, dass eine Sache zunächst nicht sichtbar, weil „bedeckt“, gewesen sei und dann durch den Vorgang der „Entdeckung“ mit einem Mal erkennbar vor Augen liege. Eine solche Erkenntnis, so die Idee, gehe normalerweise nicht mehr verloren.

Tatsächlich wissen die weitaus meisten Menschen der heutigen Welt, dass es einen Kontinent Amerika gibt, und auch wenn Kolumbus glaubte, in Ostasien gelandet zu sein, bildeten seine Fahrten doch die für diese Erkenntnis wesentliche Grundlage. Zwar waren auch die Wikinger, schon um das Jahr 1000, zum Beispiel auf Neufundland gelandet. Das blieb jedoch vergleichsweise folgenlos. Das Entscheidende ist also nicht, dass irgendein Seefahrer auf ein „neues“ Land stößt, sondern dass dieses Ereignis zumindest mittelfristig das Leben vieler Menschen verändert: durch die Wandlung ihres „Weltbildes“, aber noch mehr durch den Transfer von Krankheiten, Naturprodukten oder Kulturgütern aller Art. Gerade das 15./16. Jahrhundert führte, nach vorherigen Rückschlägen, zu einer Verdichtung und dauerhaften Verstetigung der Kontakte zwischen weit entfernten Weltgegenden und Kulturen. Das ermöglichte eine Ausweitung der gegenseitigen Kenntnisse, die nun über das hinausgingen, was frühere Reisende wie Ibn Battuta oder Marco Polo vermittelt hatten.

Neue Ordnungen

Außer durch die Ausweitung geographischer Kenntnisse und den interkulturellen Austausch veränderte sich das „Weltbild“ durch neue wissenschaftliche Entdeckungen und Entwicklungen. Erfolgte eine grundlegende Neuordnung des Wissens im Westen erst im Zuge einer späteren „Wissensrevolution“ (s. Band V), so entstanden doch schon in der hier betrachteten Epoche im politisch-gesellschaftlichen Bereich in vielen Weltgegenden neue Ordnungen und Strukturen. In Europa bildete sich ein Ständewesen aus, und an die Stelle des Universalismus von Kaisertum und Papsttum trat mehr und mehr ein System souveräner Staaten. Miteinander konkurrierend, begann ein Teil von ihnen Kolonien in aller Welt zu gründen und vernichtete dabei indigene Kulturen, vornehmlich in Amerika. Dagegen schottete eine zentrale Herrschaft Japan ab 1640 weitgehend von der Außenwelt ab, nachdem sie zuvor die inneren Kämpfe der kriegerischen Samurai beendet hatte. Im Reich der Mitte blieben nach der Mongolenherrschaft konfuzianische Literatenbeamte die staatstragende Elite. Aber an die Spitze der Gesellschaft traten ab 1644 ein Kaiserhaus und ein Adel mandschurischer Herkunft. In ähnlicher Weise herrschten seit 1206 diverse muslimische Dynastien und Eliten zentralasiatischer beziehungsweise persischer Herkunft und kultureller Prägung über große Teile Indiens sowie eine mehrheitlich hinduistische Bevölkerung – eine für das Mogulreich im 18. Jahrhundert zunehmend instabile Konstellation. In weiten Gebieten der nördlichen Hemisphäre förderte eine unter anderem klimabedingte Krise im 17. und frühen 18. Jahrhundert – zumindest vorübergehend – eine gewisse soziale Dynamik und stürzte weitere Reiche in wachsende Schwierigkeiten, die im Falle der Safawiden und der spanischen Habsburger ebenfalls zu einer Aufteilung ihrer Imperien führten. Erhalten blieben dagegen politische Gebilde, in denen die weltliche Herrschaft durch wiederbelebte oder neue Legitimationsformen schließlich erneut gefestigt werden konnte.

Bevölkerung und Landbau

Demographie, Technik und Wirtschaft, die Gesamtheit der Menschen in ihrer ungleichmäßigen Verteilung über die Welt und die Erfüllung ihrer Lebensbedürfnisse durch Landwirtschaft, Gewerbe und Handel, bilden den ersten Themenkreis der folgenden Betrachtungen. Zunächst werden Bevölkerung und Landbau ins Auge gefasst. Der globale Bevölkerungsanstieg zwischen 1200 und 1800 wie auch die unterschiedliche Dichte der Weltbevölkerung, welche sich in China, Indien und der Westhälfte Europas konzentrierte, resultierten nämlich wesentlich aus einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in diesen Weltregionen, welche sich der Erschließung von Neuland, der Intensivierung der Bodennutzung und der Einführung neuer Nutzpflanzen verdankte.

Technischer Wandel

Im landwirtschaftlichen wie im gewerblichen Bereich spielte der technische Wandel eine wichtige Rolle. Ausgehend vom einem weitgefassten Technikbegriff werden die Bedeutung des Techniktransfers und die Unterschiedlichkeit der Nutzung neuer Erfindungen etwa am Beispiel des Buchdrucks aufgezeigt – ein Medium, durch das Wissen, Ideen, aber auch politische und religiöse Propaganda viel schneller als früher verbreitet werden konnten. Ferner werden die Entwicklungen in den Bereichen Architektur (inklusive Brücken- und Festungsbau), Kanalbau (zu Bewässerungs- wie auch Transportzwecken), Landwegebau und Schifffahrt vorgestellt, ebenso die Verbesserungen der Transportmittel und Orientierungshilfen, die für den Land- beziehungsweise Seeverkehr gebraucht wurden. Nicht minder bedeutsam waren Veränderungen der Waffentechnik, die machtpolitisch enorme Wirkungen entfalteten. So waren die Reiche der Inkas und Azteken, die nicht einmal Eisen kannten, schnell dem Untergang geweiht – trotz ihrer Fertigkeiten auf dem Gebiet der Architektur oder der Zeitmessung. Neben Waffen stellten Handwerker aber zum Beispiel auch Luxusgüter, nicht selten Imitate von Überseeprodukten, her. Gerade in der Porzellan-, Uhren- oder Textilproduktion etablierten sich Manufakturen und Verlagsbeziehungen, die teilweise schon mit komplexen Maschinen arbeiteten. Dieser Trend lässt sich im Bergbau ebenfalls beobachten, der – unter anderem auf Grund seines hohen Holzverbrauchs – auch Beispiele für die teilweise bedenklichen ökologischen Folgen technischer Entwicklungen liefert. Nur auf wenigen der angesprochenen Gebiete besaß Europa vor 1800 gegenüber anderen Kulturen einen klaren Vorsprung! Doch begannen Europäer zu experimentieren und zu quantifizieren, und deshalb erschlossen sich in erster Linie ihnen durch nautische Geräte und Kartenprojektionen, Fernrohre und Mikroskope neue Welten.

Fernhandel und Entdeckungen

Fernhandel und Entdeckungen wurden durch technische Neuerungen zwar erleichtert, motiviert wurden sie jedoch primär von ökonomischen Interessen. Gerade die Reduktion der kommerziellen Fernbeziehungen innerhalb Eurasiens auf dem Landweg im 14. Jahrhundert führte zu vermehrten Aktivitäten im Seehandel, von privater arabisch-indischer, vorübergehend auch von staatlich-chinesischer Seite, vor allem aber letztlich zu den Entdeckungsfahrten von Vasco da Gama und Kolumbus mit der langfristigen Folge eines europäisch dominierten weltweiten Überseehandels. Dessen Hauptträger waren ab ca. 1600 nicht mehr die Kronen Portugals beziehungsweise Spaniens, sondern die Überseekompanien der Niederlande, Englands und anderer konkurrierender Länder. Die Untersuchung zeigt, dass sich durch die Intensivierung der inter- und innerkontinentalen Menschen-, Waren- und Informationsströme bereits das Entstehen einer „Weltwirtschaft“ abzeichnete. Dabei veränderte der – ungleichgewichtige – Austausch von Krankheitserregern wie auch von Nahrungs- und Genussmitteln den Alltag nicht nur der Eliten in vielen Teilen des Globus.

Von den für sie vorerst unattraktiv erscheinenden „neuen Welten“ erkundeten die Europäer primär nur deren Küsten, gründeten dort zu Handelszwecken einige Stützpunkte und suchten ansonsten nach Meeresstraßen, um zu den reichen Gegenden der außereuropäischen Welt zu gelangen. Einige davon – wie Mexiko, Peru oder die Molukken/„Gewürzinseln“ – wurden dann schnell erobert. Andere wie die Binnenreiche Indiens oder die ostasiatischen Staaten erwiesen sich dagegen als wehrhaft oder gar feindlich, so dass Kenntnisse über diese Räume nur schwer – und dementsprechend rudimentär und oft widersprüchlich – zu erhalten waren. Immerhin resultierte aus diesen vielfältigen interkulturellen Begegnungen nicht nur, aber besonders in Europa ein durch Texte, Karten und Bilder verbreiteter, anhaltender Wissenszuwachs. Ein Teil dieser neuen Informationen gelangte in breite Kreise, denn auf viele wirkte und wirkt Exotik faszinierend – egal, ob es dabei um fremde Menschen oder seltene beziehungsweise „kuriose“ Gegenstände aus anderen Weltregionen geht.

„Weltpolitik“

Im Gegensatz zu den ephemeren chinesischen Übersee-Expeditionen wirkte sich die (west-)europäische Expansion auch in den Bereichen von Herrschaft und politischen Ideen aus, denen der zweite Teil des Buches gewidmet ist. Denn durch sie begann die zwischen Ländern und Reichen betriebene Außen- und Machtpolitik immer mehr den Charakter einer „Weltpolitik“ im eigentlichen Wortsinn anzunehmen. Nach den Zerstörungen der mongolischen Invasionen entstanden ab ca. 1300 im kontinentalen Eurasien zwei neue, expandierende Reiche: das Moskauer sowie das Osmanische Reich. In der Tradition des Eroberers Timur gründeten die Moguln seit 1526 ein Imperium, das Teile Zentralasiens mit Indien verband. Während sich die Interessen Chinas nach 1368 fast ausschließlich auf Ostasien konzentrierten, weiteten diverse europäische Staaten ihre Macht auf außereuropäische Teile der Welt aus. Afrika, wo südlich der Sahara mehrere, allerdings meist nicht sehr langlebige Reiche entstanden, war davon wenig betroffen. Dafür unterwarf Spanien die noch relativ jungen Reiche der Azteken und Inkas – mit katastrophalen demographischen Folgen für die indigene Bevölkerung. In Mexiko oder Peru entstanden dennoch eher „Beherrschungskolonien“ als regelrechte Siedlungskolonien, wie sie sich etwa in „Neu-England“ – unter Verdrängung der „Ureinwohner“ – herausbildeten. Ökonomisch gesehen beschränkten sich die Europäer in Amerika weitgehend auf die Ausbeutung von Bodenschätzen oder von Plantagen mit Hilfe importierter Sklaven. Im indopazifischen Raum legten sie eher Handelsstützpunkte an, denn hier stieß ihre Expansion eben an die Grenzen der ihnen machtmäßig meist zumindest ebenbürtigen asiatischen Länder und Reiche.

Reichs- und Staatsbildungen

Was die Binnenstruktur insbesondere der Großreiche betrifft, so werden Faktoren in den Blick genommen, welche die Entwicklung von (frühmoderner) Staatlichkeit bestimmten: die Regelung der Thronfolge als ein Grundproblem aller Monarchien, staatsbegründende historische beziehungsweise religiöse Ideologien, Neuerungen im Militärwesen, die zum Aufstieg, aber auch zum Niedergang von Reichen führen konnten, der Aufbau bürokratischer Systeme sowie der Ausbau und die Struktur der diplomatischen beziehungsweise kommerziellen Beziehungen. Aus diesen Faktoren erklären sich die Schwächen zentralasiatischer Steppenreiche, des locker strukturierten Mogulreichs oder Persiens ebenso wie der Zugewinn der europäischen Staaten inklusive Russlands an Macht, Stabilität und Konsistenz. Neue Funktionseliten – Militärs und Zivilbeamte – stiegen sozial auf und übten in allen Kulturen direkt oder indirekt Herrschaft aus. Trotz ihres Spezifikums eines Ständewesens im Sinne einer institutionalisierten politischen Mitsprache erreichten die europäischen Staaten jedoch hinsichtlich des Ausbaus von „innerer“ Staatlichkeit erst im 18. Jahrhundert ein Niveau, welches das Osmanische Reich und vor allem China schon viel früher erlangt hatten.

Weltdeutungen und politische Ideen

Sich wandelnde Weltdeutungen und politische Ideen bildeten dazu den geistesgeschichtlichen Hintergrund. Als Ausgangspunkt im „lateinischen“ Europa wird zunächst das normativ-theologische Politikverständnis des Mittelalters erläutert. Nach zahlreichen Streitigkeiten über das Verhältnis von geistlichem und weltlichem Bereich kam es letztlich zu einer „Terrainaufteilung“, welche den weltlichen Herrschern immerhin eine religiöse Legitimation durch das „Gottesgnadentum“ und mehr oder minder ausgedehnte landeskirchenherrliche Rechte garantierte. Gleichzeitig säkularisierte sich seit der Renaissance das philosophische Denken immer mehr, der Mensch als Individuum wurde ins Zentrum der Betrachtungen gestellt, der Begriff der „Staatsräson“ zur Leitlinie der Politik erklärt. Aber neben diesen realistischen Ansatz trat ein utopischer: der Entwurf eines idealen Staates und einer idealen Gesellschaft. So setzte auf zwei parallelen Wegen eine revolutionäre Veränderung des Denkens ein: Die Moderne wurde erdacht. Ihre grundlegende Denkfigur bildete der Vertrag, den autonome Subjekte schließen. Doch die politischen Konsequenzen, die verschiedene Staatstheoretiker daraus zogen, konnten zum Absolutismus, zum Liberalismus, aber auch zum demokratischen Totalismus führen. Verglichen mit dieser dynamischen Entwicklung des europäischen Staatsdenkens entwickelte sich die politische Philosophie in der islamischen Welt und in China eher kontinuierlich. Im Islam trat im Diskurs um die Frage des Verhältnisses von weltlicher und geistlicher Gewalt die orthodoxe Theologie, die mit dem religiösen Recht verbunden war, in den Vordergrund. Eine prinzipielle Trennung von weltlicher und geistlicher Sphäre setzte sich nicht durch. Obwohl Diskussionen über die Eigenschaften des „Idealherrschers“ oft zur Rechtfertigung von Maßnahmen der tatsächlichen Machthaber dienten, nahmen immer mehr Theologen teilweise im sunnitischen, mehr noch im schiitischen Islam für sich in Anspruch, Vorgaben für die Politik liefern zu können. In China schrieben sich die neokonfuzianischen Literatenbeamten ein ähnliches Anrecht zu. Doch neben deren moralisch-normativen Prinzipien lief in China, ähnlich wie in Europa, eine Denktradition parallel, in deren Mittelpunkt die praktische Staatsklugheit stand.

Renaissancen und kulturelle Entwicklungen

Die Ausführungen dieses Beitrags weisen bereits eine große Nähe zum dritten Hauptteil der Darstellung auf, der Kultur, Religion und Sozialisation thematisiert. Anläufe zur bewussten Wiederbelebung einer als ideal empfundenen kulturellen Vergangenheit hat es in verschiedenen Kulturen zu verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte gegeben. Unter diesen „Renaissancen“ lag der europäischen Spielart der Gedanke der Neugestaltung der Kultur nach den Prinzipien der antiken Wissenschaften und Künste zugrunde. Die Renaissance entstand vor allem in der Welt der Städte Italiens, die durch Konkurrenz geprägt war. Hier galt es sich mit verschiedenen Mitteln zu behaupten, unter anderem indem man im Diskurs durch Klassikerzitate brillierte und die Hilfe des Himmels durch großzügige Stiftungen möglichst realistisch gestalteter Kunstwerke erlangte. Generell wandten sich die Humanisten den „Quellen“ zu. In wachsender Erkenntnis einer historischen Tiefendimension und antiker „Idealmaße“ entwickelten sie ein Bewusstsein für die Würde des individuellen Menschen wie auch einer größeren Herkunftsgemeinschaft, der „Nation“. Durch Reisende strahlte diese Renaissancekultur in andere europäische Länder aus, gerade in Form mancher ihrer künstlerischen Leistungen oder deren antiker Vorbilder aber sogar bis ins Osmanische Reich und nach Persien. Denn gerade die muslimischen Herrscher Asiens konkurrierten ebenfalls untereinander nicht nur auf politischem, sondern auch auf kulturellem Gebiet, durch Prachtbauten und Kunstsammlungen. Auch sie ließen sich durch Geschichtsschreibung, Dichtung und Malerei „verewigen“, ähnlich wie chinesische Kaiser, die sich als Mäzene des (Neo-)Konfuzianismus, der Wissenschaften und Künste betätigten. Doch unterschieden sich die asiatischen Renaissancen in manchen Zügen von der europäischen, versuchten vielleicht sogar, wie die europäischen Reformationen, eher eine religiös geprägte Tradition zu „reinigen“ als selbstbewusst eine neue, tendenziell säkulare Kultur aufzubauen.

Reformation und Konfessionalisierung

Schon bis 1200 hatten sich alle Weltreligionen in verschiedene Richtungen aufgespalten, und dieser Prozess setzte sich danach fort: Im Islam wurden mystische (Sufi-)Orden (Sūfī) gegründet, doch im Iran etablierte sich schließlich eine zwölferschiitische Orthodoxie, die eine Art Klerus (Mudschtahidūn) zu bilden und Sufis zu verfolgen begann. In Europa dagegen mündete, nachdem um 1450 Unionsbemühungen zwischen römischer und orthodoxer Kirche gescheitert, Konziliarismus und diverse häretische Bewegungen unterdrückt worden waren, die Debatte um die Kirchenreform – ungewollt – in die neuerliche „Glaubensspaltung“ der Reformation und Konfessionalisierung. Unter den komplexen politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen des Reiches zerbrach die Einheit von Glauben und römischer Kirche. Mittelfristig gingen daraus unterschiedliche Theologien, Kirchentümer und teilweise auch Lebensformen hervor: der tridentinische, auf das Papsttum ausgerichtete Katholizismus, das in der Regel auf Landesebene organisierte Luthertum sowie der Calvinismus, dessen Anhänger, europaweit gesehen, eine gefährdete Minderheit darstellten und daher oft politisch und ökonomisch neue Wege suchten. Langfristig förderte die Existenz verschiedener Konfessionen eine Individualisierung, die zu einer vertieften Religiosität, zu bewusster Toleranz oder zu einer säkularisierten Einstellung führen konnte. Sie zeitigte aber auch machtpolitisch unterschiedliche Folgen. Zumindest im 16./17. Jahrhundert veranlassten religiöse Gegensätze nicht nur Zwangskonversionen, Pogrome oder Vertreibungen, sondern bildeten in ihrer Verquickung mit Konflikten zwischen monarchischen und ständischen Kräften auch die wichtigste Ursache militärischer Auseinandersetzungen zwischen und in europäischen Ländern und Reichen. Je nachdem, zu wessen Gunsten die Konfessionsfrage entschieden wurde, mochte es zu einer (mit Ausnahme Polens) meist absolutistischen frühmodernen Staats- und Nationsbildung kommen, konnten neue, selbständige politische Gebilde (Schweiz, Niederlande) entstehen oder aber ein letztlich multikonfessionelles, konstitutionell regiertes Reich, wie im Falle Großbritanniens.

Religiöse Begegnungen und christliche Mission

In Übersee gingen religiöse Begegnungen und christliche Mission vielfach Hand in Hand. Bis zum 13. Jahrhundert hatten sich die großen kulturprägenden Religionen, wenngleich nicht als einzige, in verschiedenen Weltgegenden dominant etabliert. Neue Religionen entstanden nur noch ausnahmsweise. Die hochmittelalterliche christliche Mission, die sich ebenso friedlicher wie (in Form der Kreuzzüge) gewaltsamer Mittel bediente, scheiterte – außer in Europa selbst – allerdings weitgehend. Eher expandierte noch der Islam, wie neben der muslimischen Eroberung des Byzantinischen Reiches vor allem dessen Ausbreitung im subsaharischen Afrika, in Süd- und Südostasien belegt. Auch diese erfolgte indes nur zum Teil auf militärischem, vielmehr zum Großteil auf friedlichem Wege, durch die Vermittlung reisender Sufimeister oder Kaufleute. Ebenso folgenreich war ab ca. 1500 die katholische Mission auf dem amerikanischen Doppelkontinent – ein Erfolg freilich, der durch die Conquista und das Massensterben der Indios teilweise erleichtert wurde, weil diese die einheimischen Religionen schwächten. Trotzdem mussten Missionare den „Kampf um die Herzen“ der indigenen Bevölkerung (und auch der importierten schwarzen Sklaven, wobei sich partiell Synkretismen ausformten) erst für sich entscheiden, bevor man diese in die neu geschaffenen Diözesanstrukturen einbeziehen konnte. Von den meist protestantischen englischen Kolonien in Nordamerika gingen zunächst wenige missionarische Bestrebungen aus, eher noch, im 18. Jahrhundert, von Pietisten in der Karibik. Auch in Asien beherrschte nach 1500 das katholische Engagement das Feld. Ein dauerhaftes Ergebnis erzielte die katholische Mission – auch infolge interner Differenzen politischer und missionsstrategischer Art – in Asien aber letztlich doch nur regional, zumeist dort, wo Europäer Herrschaft ausübten, also etwa auf den Philippinen. Außerdem geriet sie nach 1750, insbesondere infolge der Aufhebung des Jesuitenordens, in eine Krise.

Erziehung, Bildung und Wissenschaft

Seit langem machten sich religiöse Orden in verschiedenen Kulturen um die Sozialisation und die Weitergabe von Wissen verdient. Überall wurde Wissen natürlich auch durch die Familien, Gemeinden, im subsaharischen Afrika auch durch Generationeneinheiten und Geheimbünde in mündlicher Form vermittelt. An Erziehung, Bildung und Wissenschaft waren überregional aber in den von Schriftkulturen geprägten Weltgegenden verschiedene weltliche Instanzen ebenfalls beteiligt, etwa Berufsgenossenschaften oder von der Obrigkeit fundierte, sich jedoch teilweise selbst verwaltende Bildungsinstitutionen. Speziell hinsichtlich der (regional sehr unterschiedlich ausgeprägten) Lese- und Schreibfähigkeit, generell bezüglich ihrer Bildungsmöglichkeiten blieben Frauen und Mädchen indes benachteiligt. Doch prägten, wie der einschlägige Beitrag zeigt, Religion, Herkunft oder Staatsinteresse das Bildungswesen in den verschiedenen Kulturen in unterschiedlicher Weise. Im christlich-lateinischen Europa differenzierte sich die kirchlich-religiöse Prägung von Bildung und Ausbildung nach 1500 konfessionell aus und schwächte sich unter stärker staatlichen Vorzeichen schließlich ab. In den orthodoxen Klosterschulen blieb sie bis ins 18. Jahrhundert ebenso fast konkurrenzlos erhalten wie in der islamischen Welt, wo frühzeitig Elementar- und Gelehrtenschulen gestiftet worden waren. Anders als der hinduistische Bereich, wo Bildungsmöglichkeiten in aller Regel durch die herkunftsmäßige Zugehörigkeit zu einer Kaste bestimmt blieben, zeigte sich China mit seinem konfuzianischen Prüfungswesen deutlich „meritokratischer“ strukturiert, auch wenn hier Bildung und Wissenschaft nur so weit gefördert wurden, wie sie dem Staatsinteresse dienten. Ähnlich wie Europa kannte China private und öffentliche Schulen, die langfristig immer mehr Kinder unterrichteten, sowie im 17./18. Jahrhundert pädagogische Debatten, die teilweise den Kanon des Unterrichtsstoffes erweiterten. Das chinesische Vorbild wirkte auch auf das japanische Bildungswesen, in dem im 17. Jahrhundert die Vermittlung kriegerischer Tugenden gegenüber der Verbreitung ziviler Kenntnisse an konfuzianischen wie an buddhistischen Schulen in den Hintergrund trat. Doch da das konfuzianische Prüfungswesen nie rezipiert wurde und das Land sich schließlich isolierte, verhärteten sich die sozialen Grenzen.

Professionalisierung und Sozialstruktur

Wirkt somit die japanische Gesellschaft im 18. Jahrhundert bei aller inneren Dynamik äußerlich „versteinert“, so zeichneten sich damals in der Westhälfte Europas immer deutlicher soziale Verschiebungen ab, die mit der zunehmend effizienten Organisation und Hochschätzung von Arbeit zusammenhingen. Professionalisierung und Sozialstruktur standen weltweit in einem gewissen Interdependenzverhältnis. Nach einer Untersuchung, inwieweit die große Religionen überhaupt die Ausbildung eines Arbeitsethos – selbst in Bezug auf Handarbeit – beziehungsweise eines Profitdenkens förderten oder hemmten, werden Professionalisierungsprozesse in vier Bereichen näher analysiert: Militär, Jurisprudenz, Handwerk und Medizin. Während Chinas Offiziere auch ausbildungsmäßig Beamte waren, genossen Mamluken (aus Sklaven rekrutierte Elitekrieger), japanische oder europäische Ritter zwar ebenfalls eine spezielle Schulung, aber ihre Versorgung basierte auf feudalen Grundlagen. Stärker auf das Gemeinwohl ausgerichtet war das Berufsethos der Verwaltungs- und Gerichtsbeamten. Teilweise durchliefen sie eine spezielle, gehobene Ausbildung, studierten im lateinischen Europa wie im islamischen Raum hauptsächlich die geistlichen und weltlichen Rechte, während sie in China vor allem Kenntnisse der konfuzianischen Sozialphilosophie, aber durchaus auch gewisser administrativer Vorgänge nachweisen mussten. Im Handwerk lassen sich weltweit Zusammenschlüsse von Gewerbetreibenden nachweisen. Doch deren Formen unterschieden sich vor allem je nachdem, ob sie mit Verwandtschafts- oder Kastengruppen in Zusammenhang standen und inwieweit sie sich autonom organisierten oder von Seiten der Obrigkeit bestimmt wurden. Ärzte jedenfalls standen, besonders in China und Europa, zwischen Handwerk und akademischer Profession.

Ein Hinweis zur Schreibweise fremdsprachlicher, zum Beispiel indischer Namen: Üblich ist vielfach eine an der englischen Aussprache orientierte Transkription, zum Beispiel bei „Rajputen“. Um eine möglichst adäquate Aussprache zu vermitteln, wurde jedoch bei der Erstnennung die dem Deutschen entsprechende Schreibweise – in diesem Fall „Rādschputen“ – in Klammern gesetzt, sofern sie nicht (wie bei „Pandschab“ statt „Punjab“) ohnehin schon Eingang in den Duden gefunden hatte. Hinsichtlich diakritischer Zeichen (wie ā etc. für lange Vokale) suchte der Herausgeber einen Mittelweg zwischen einer wissenschaftlich korrekten und einer für den Nichtfachmann verständlichen und gut lesbaren Form zu gehen. Eine Hilfe für den Leser bieten ferner fünf Weltkarten (für die Jahre 1279, 1492, 1600, 1715 und 1783) auf den Seiten 114f., 132f., 194f., 356f. sowie 442f. Sie sollen der Orientierung in einem langen Zeitraum mit sich stark verändernden Grenzen der Länder und Reiche dienen und dazu beitragen zu illustrieren, wie Entdeckungen und neue Ordnungen die Grundlagen der Moderne legten.

Demographie, Technik und Wirtschaft

Mediterranes Rundschiff aus der Zeit des Kolumbus. Zeitgenössischer Holzschnitt.

Bevölkerung und Landnutzung

Norbert Ortmayr

Dreifaches Wachstum

Die Welt um 1800 unterschied sich in Vielem von der Welt um 1200: Die Bevölkerung war zahlreicher, die Städte waren größer und die Staaten kontrollierten mehr Land. Um 1200 lebten vermutlich um die 400 Millionen Menschen auf der Welt, 600 Jahre später waren es fast eine Milliarde. Um 1200 gab es drei Großstädte mit über 200.000 Einwohnern, um 1800 waren es schon 17. Auch die Staaten und Imperien waren größer und stabiler geworden; und sie hatten unzählige staatenlose politische Organisationsformen, wie Gruppen, Stämme und Häuptlingsreiche, an die Ränder der besiedelten Welt abgedrängt.

Es war ein dreifaches Wachstum, das die 600 Jahre unseres Untersuchungszeitraumes wie ein roter Faden durchzieht. Möglich wurde dieses Wachstum von Bevölkerung, Städten und Staaten, weil die Agrarökonomien der Welt insgesamt leistungsfähiger geworden waren. Nur dadurch gelang es, die wachsende Bevölkerung zu ernähren, die neuen und größeren Städte zu versorgen sowie die Beamten und Soldaten der gewachsenen Staatsapparate zu unterhalten. Letztendlich ruhte auch der beschleunigte technologische Wandel im Untersuchungszeitraum auf dieser vergrößerten landwirtschaftlichen Basis.

Rund um die Welt wurde neues Ackerland gewonnen oder vorhandenes Ackerland intensiver genutzt. Neue Ländereien wurden dem Meer abgerungen, Sümpfe trockengelegt, Wälder gerodet und Grasländer in Viehweiden und Getreidefelder verwandelt. Der „kolumbische Austausch“ nach 1492 brachte die Haustiere der Alten Welt in die beiden Amerikas und ließ in den Prärien und Pampas der Neuen Welt riesige Viehherden mit Millionen von Rindern, Pferden und Schafen entstehen. Im Gegenzug gelangten die kalorienreichen indianischen Kulturpflanzen der Neuen Welt – wie Mais, Kartoffel, Süßkartoffel und Maniok – auf die Äcker der Bauern in Afrika, Asien und Europa und steigerten dort die Leistungskraft der einheimischen Landwirtschaft erheblich (s.S. 101f.).

Die Weltbevölkerung

Forschungsstand

Vorangeschickt sei eine kurze Bemerkung zum Forschungsstand: Neuere Syntheseversuche zur Geschichte der Weltbevölkerung zwischen 1200 und 1800 gibt es nicht. Die letzten Versuche stammen aus den 1960/1970er Jahren. Seither wurde enorm viel an historisch-demographischer Detailforschung zu einzelnen Ländern und Weltregionen unternommen. Eine globale Synthese dieser regionalen Forschungen steht aber noch aus. 2001 wurde zwar in Florenz eine Konferenz zur Geschichte der Weltbevölkerung im vergangenen Jahrtausend abgehalten. Der im Anschluss daran geplante »Atlas of World Population in the Second Millennium« ist aber bisher noch nicht erschienen. Wir sind deshalb weiterhin auf die Studien aus den 1960er und 1970er Jahren angewiesen. Eine dieser Studien stammt von dem französischen Demographen Jean-Noël Biraben. Nach seiner Schätzung nahm die Weltbevölkerung zwischen 1200 und 1800 von 400 Millionen auf 954 Millionen zu, das heißt, sie vergrößerte sich im Untersuchungszeitraum um mehr als das Doppelte.

Demographische Einbrüche

Das Wachstum verlief zunächst langsam und stetig, im 18. Jahrhundert dann aber deutlich beschleunigt. Nur einmal, im 14. Jahrhundert, schrumpfte die Weltbevölkerung als Ganzes. Hinter diesen Globaldaten verbergen sich nun aber beträchtliche regionale Unterschiede sowie völlig unterschiedliche demographische Entwicklungspfade. So war in China das Wachstum mehrere Male massiv eingebrochen – zunächst im 13. Jahrhundert im Zuge der Eroberung Nordchinas durch die Mongolen, ein weiteres Mal im 14. Jahrhundert im Zuge des Machtwechsels von der Yuan- auf die Ming-Dynastie sowie nochmals im 17. Jahrhundert während der Eroberung Chinas durch die Mandschu. Europa erlebte seinen massivsten demographischen Einbruch im Zusammenhang mit der Pestepidemie von 1347 bis 1351. Noch weit in den Schatten gestellt werden diese genannten demographischen Einbrüche von dem, was in den beiden Amerikas nach 1492 geschah. Innerhalb von nur einem Jahrhundert dürften hier 75 bis 90 Prozent der indianischen Bevölkerung ausgestorben sein. In einigen Regionen, wie zum Beispiel auf den Karibischen Inseln, wurde die autochthone Bevölkerung praktisch völlig ausgelöscht. Sicher ist, dass es sich dabei um eine der größten demographischen Tragödien der Weltgeschichte handelte. Relativ gesichert sind heute auch die Ursachen dieser Tragödie: Die Hauptursache waren die neuen Krankheiten, die aus der Alten Welt eingeschleppt wurden, wie Pocken, Masern, Typhus, Grippe oder Beulenpest. Die indianische Bevölkerung hatte gegen diese Krankheiten keine Immunstoffe und war ihnen schutzlos ausgeliefert. Das Auftreten von Seuchen war in der Weltgeschichte an und für sich nichts Neues. Das Besondere an den Seuchen in der Neuen Welt des 16. Jahrhunderts war das simultane Auftreten von mehreren Erregern gleichzeitig. Es führte zum demographischen Kollaps einer ganzen Weltregion.

Unsicher ist nach wie vor das präzise quantitative Ausmaß der Katastrophe, weil wir auf Grund fehlender Quellen die genaue Größe der indianischen Bevölkerung zur Kontaktzeit 1492 nicht kennen. Ältere Schätzungen variieren hier enorm, und zwar von weniger als 10 Millionen bis über 100 Millionen. Neuere Forschungen gehen von einer Kontaktbevölkerung im Jahre 1492 in der Größenordnung von um die 50 Millionen Menschen aus. Ein Jahrhundert später waren davon noch ca. 10 Millionen übrig geblieben. Der demographische Kollaps der indianischen Bevölkerung bremste zweifellos das Wachstum der Weltbevölkerung massiv. Trotzdem ging der globale Aufwärtstrend weiter, im 17. Jahrhundert zunächst noch langsam, im 18. Jahrhundert dann beschleunigt. Nach der Schätzung von Biraben wuchs die Weltbevölkerung zwischen 1700 und 1800 von 680 Millionen auf 954 Millionen an.

Die Weltbevölkerung 1200 bis 1800. Die Schätzung von Jean-Noël Biraben (1979).

Verteilung der Weltbevölkerung

Die Weltbe völkerung war im Untersuchungszeitraum extrem ungleich verteilt. Einerseits gab es die drei „Dichte-Zentren“ China, Indien und Europa, die zwischen 60 und 70 Prozent der Weltbevölkerung umfassten, obwohl sie zusammengenommen nur weniger als 10 Prozent der Landfläche der Erde ausmachten. Andererseits existierten die in ihrer Gesamtheit noch vergleichsweise dünn besiedelten Regionen in Australien, Ozeanien und den beiden Amerikas. Sie stellten weniger als 10 Prozent der Weltbevölkerung, besaßen aber ein enormes demographisches Entwicklungspotential, das zum Großteil erst im 19. und 20. Jahrhundert ausgeschöpft wurde. Die Gruppe mit mittlerer Bevölkerung umfasste zwischen einem Viertel und knapp einem Drittel der Weltbevölkerung.

Wie ist diese extrem ungleiche geographische Verteilung der Weltbevölkerung nun zu erklären? Wie kann verstehbar gemacht werden, dass allein China, Indien und Europa zwischen 60 und 70 Prozent der Weltbevölkerung beheimateten, obwohl sie weniger als 10 Prozent der Erdoberfläche umfassten? Wie immer ist auch hier keine einfache Antwort möglich: Viele Faktoren spielten eine Rolle. Die Geographie, der Naturraum, das Klima sind hier an erster Stelle zu nennen; und damit zusammenhängend natürlich das System der Landnutzung. Alle drei Dichte-Zentren wiesen Landnutzungssysteme mit relativ hoher Intensität auf. China (inkl. Japan) besaß von allen drei Regionen das intensivste Landnutzungssystem, Europa das am wenigsten intensive, Indien nahm eine Zwischenposition ein. In China war es insbesondere das System des Nassreisanbaus, das eine enorm hohe Landnutzungsintensität zuließ. Es hatte sich im Laufe des 1. Jahrtausends n. Chr. in Südchina ausgebreitet und besaß sein Zentrum im Deltagebiet des Jangtse. Von allen Agrarsystemen der Welt besaß es die höchste Landnutzungsintensität. Es ernährte die meisten Menschen pro Hektar Ackerland, machte andererseits aber wegen seiner hohen Arbeitsintensität auch die höchste Zahl an landwirtschaftlichen Arbeitskräften notwenig. So konnten um 1620 im Jangtse-Delta pro Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzfläche 689 Personen ernährt werden. In Japan waren es um 1600 581 Personen, um 1800 dann bereits 1010 Personen. Im Vergleich dazu konnten in Europa um 18. und frühen 19. Jahrhundert pro Quadratkilometer Nutzfläche nur zwischen ca. 100 und ca. 200 Personen ernährt werden. Indien nahm mit 269 bis 358 Personen pro einem Quadratkilometer (1600–1900) wieder eine Zwischenposition ein.

Nassreisanbau

Verstehbar wird diese hohe Nutzungsintensität im Nassreisanbau Südchinas und Japans, wenn man sich folgende Besonderheiten der Kulturpflanze Reis sowie des Systems des Nassreisanbaus vor Augen hält: Reis zählt zu den Hochertragspflanzen. Jede Reispflanze kann mehrere Rispen tragen. Jede Rispe kann wiederum zwischen 400 und 500 Reiskörner produzieren. Das Verhältnis von Aussaat zur Ernte lag so immer in der Größenordnung von eins zu hundert. Das Wasser ist der wichtigste Faktor beim Anbau. Es liefert gewöhnlich alle für das Wachstum nötigen Nährstoffe, da sich im Wasserbeet Blaualgen sammeln, die sich mit Stickstoff anreichern und so die Fruchtbarkeit im Reisfeld sichern. Tierischer Dünger zur Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit ist so vom Prinzip her nicht nötig. Großvieh spielt als Düngerlieferant in den Nassreissystemen keine beziehungsweise nur eine untergeordnete Rolle; und Großvieh ist auch als Zugvieh nicht oder nur in geringem Ausmaß notwendig, da die von einer Bauernfamilie bewirtschaftete Fläche auf Grund der hohen Landnutzungsintensität relativ klein ist. Das System des Nassreisanbaus besitzt eine Reihe von Intensivierungsmöglichkeiten. Dazu zählt die Technik des Verpflanzens, der Einsatz schneller reifender Reissorten, die mehrere Ernten pro Jahr ermöglichen, die Effizienzsteigerung im System der Wasserkontrolle sowie der Einsatz von menschlichen Fäkalien und Ölkuchen als zusätzliche Dünger.

System der gemischten Landwirtschaft

Die Kontrastfolie zum Nassreisanbau bildet das nordwesteuropäische System der gemischten Landwirtschaft. Roggen, Gerste, Weizen und Hafer sind Kulturpflanzen mit relativ niedrigen Erträgen. Die Ähren dieser Getreidepflanzen tragen verhältnismäßig wenige Körner, gewöhnlich nur einige Dutzend, und jede Pflanze hat meistens auch nur eine Ähre. Das Verhältnis von Aussaat zur Ernte lag deshalb in Nordwesteuropa im Mittelalter im Bereich zwischen drei und vier, in der Frühen Neuzeit zwischen vier und zehn. Die Vegetationsperiode ist in Nordwesteuropa relativ kurz und erlaubt deshalb keine Mehrfachernten. Großvieh spielte eine zentrale Rolle in diesem Agrarsystem, und zwar einerseits als Zugvieh und andererseits als Hauptlieferant von Dünger. Tierischer Dünger war bis zur verstärkten Einführung Stickstoff bindender Leguminosen (Hülsenfrüchtler) im 18. Jahrhundert essentiell zur Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit, genau wie die zeitliche Unterbrechung des Anbaus durch den Einsatz der Brache.

Agrarsystem in Indien

Eine Mittelposition zwischen dem hoch intensiven Landnutzungssystem Chinas und dem weniger intensiven nordwesteuropäischen Agrarsystem nahm Indien ein. Nassreisanbau hat in Indien zwar eine lange Tradition, wurde aber bis weit ins 20. Jahrhundert hinein viel weniger intensiv betrieben als in Südchina oder Japan. Reis wurde hier ausgesät und nicht verpflanzt. Künstliche Bewässerung war selten. Noch im Jahr 1901 wurden nur 2 Prozent der indischen Reisfläche künstlich bewässert, in China waren es hingegen um 1400 bereits ca. 30 Prozent der Ackerfläche. Indien hat weiterhin riesige Regionen mit sehr geringen Regenfällen. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung lebt in tropischen Trockenzonen mit weniger als 770 mm an jährlichen Niederschlägen. Dort, wo ausreichend Regen fällt, ist dieser konzentriert auf die wenigen Monate mit Monsunregen. Der Monsun ist außerdem in hohem Maße variabel. Nicht selten bleibt er auch ganz aus. Hungersnöte auf Grund des Ausbleibens des Monsunregens sind ein fester Bestandteil der historischen Erfahrung Indiens. Die indischen Bauern behalfen sich deshalb in den trockenen Regionen mit dem Anbau von ertragsärmeren, dafür aber dürreresistenten Getreidesorten wie Sorghum und Hirse.

Landnutzung außerhalb der drei Dichte-Zentren

Die Landnutzungssysteme außerhalb der drei genannten Dichte-Zentren wiesen ein hohes Maß an Vielfalt auf. Insgesamt waren es aber relativ extensive Formen der Landnutzung. Dazu zählte die Nomadenwirtschaft im Trockengürtel der Alten Welt (Zentralasien, große Teile von Westasien und Nordafrika) genauso wie die verschiedenen Formen von Brandrodung und Wanderfeldbau in Südostasien, Subsahara-Afrika und den beiden Amerikas. Nicht vergessen darf man in diesem Zusammenhang auch die unzähligen Jäger-Sammler-Kulturen. Um 1200 waren noch ganze Weltregionen von ihnen geprägt. Im Untersuchungszeitraum wurde ihr Lebensraum zwar immer kleiner; weltweit drängten aggressive landwirtschaftliche Frontiergesellschaften die Jäger-Sammler-Kulturen in immer peripherere Rückzugsregionen zurück. Trotzdem gab es auch um 1800 noch beträchtliche Lebensräume für diese Kulturen und zwar im äußersten Nordosten Asiens, in Rückzugsregionen Südostasiens, in Teilen von Subsahara-Afrika sowie im äußersten Norden und äußersten Süden des amerikanischen Doppelkontinents.

Die Landnutzung

Steigerung der Agrarproduktion

Der Ausgangspunkt unserer Überlegung war das dreifache Wachstum von Bevölkerung, Städten und Staaten, das zwischen 1200 und 1800 zu beobachten ist. Dieses Wachstum war unter anderem deshalb möglich geworden, weil gleichzeitig die weltweite Agrarproduktion beträchtlich gesteigert werden konnte. Aggregierte Daten zum globalen landwirtschaftlichen Output, wie sie seit dem späten 19. Jahrhundert zur Verfügung stehen, existieren für unseren Untersuchungszeitraum nicht. Sehr wohl stehen aber Schätzungen für einzelne Länder zur Verfügung. China dürfte hier wiederum das umfassendste Quellenmaterial besitzen. Auf Grund dieses Materials schätzte der Wirtschaftshistoriker Angus Maddison, dass sich Chinas Getreideproduktion zwischen 1400 und 1820 von 20,5 Millionen auf 108,5 Millionen Tonnen erhöhte. Für England hat Edward Anthony Wrigley kürzlich eine Schätzung der Getreideproduktion und des Viehstandes zwischen 1300 und 1800 vorgelegt. Nach dieser Schätzung steigerte sich Englands Netto-Getreideproduktion zwischen 1300 und 1800 von 1,2 auf 3,5 Millionen Tonnen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Pferde von ca. 510.000 auf etwa 1,2 Millionen zu, die Zahl der Rinder stieg von ca. 1,4 Millionen auf ca. 3,5 Millionen Stück.

Wie konnte es nun zu dieser Steigerung der Agrarproduktion unter den im Untersuchungszeitraum herrschenden vorindustriellen Bedingungen kommen? Der britische Agrargeograph David Grigg hat drei Wege identifiziert, die in vorindustriellen Gesellschaften eine Steigerung der Agrarproduktion möglich machten. Dies waren die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzfläche (Neulanderschließung und Kolonisation), die intensivere Bearbeitung der vorhandenen Nutzfläche sowie die Einführung neuer, ertragreicherer Nutzpflanzen. Im Untersuchungszeitraum haben alle drei Wege eine wichtige Rolle gespielt.

Neulanderschließung und Kolonisation

Die Ausdehnung der Agrarflächen war in vorindustriellen Gesellschaften der naheliegendste Weg der Steigerung der Agrarproduktion. Neulanderschließung und Kolonisation haben deshalb auch in allen uns bekannten Bauerngesellschaften eine lange Tradition. Neu an diesen Prozessen im Untersuchungszeitraum waren die Schnelligkeit der Kolonisierung, die Größe der erschlossenen Räume und die Zahl der in die Frontierräume einwandernden Menschen. Im Folgenden werden drei große Siedlungsexpansionen skizziert, die europäisch-atlantische Expansion, die Kolonisationsprozesse in China sowie die Erschließung des heutigen Bangladesch durch islamische Siedler aus Nordindien.

Kolonisation im europäischatlantischen Raum

Kolonisationsprozesse im europäisch-atlantischen Raum: Im hochmittelalterlichen Europa war die deutsche Ostsiedlung wahrscheinlich der dramatischste Kolonisationsprozess. Er brachte deutschsprachige Bauern in die slawisch besiedelten Räume östlich von Elbe und Saale. Die deutsche Ostsiedlung erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte, sie erlebte ihren Höhepunkt aber zwischen ca. 1150 und ca. 1350. Im Laufe des 12. Jahrhunderts wurden Holstein, Mecklenburg und Brandenburg kolonisiert, im 13. Jahrhundert drangen deutsche Siedler nach Pommern, Schlesien und Nordmähren vor. Als letzte Region wurde Preußen besiedelt. Dieses Land wurde zwar schon seit dem frühen 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden beherrscht, die Ansiedlung deutscher Bauern begann aber erst im späten 13. Jahrhundert, nachdem Aufstände der einheimischen slawischen Bevölkerung niedergeworfen worden waren.

Die genaue Zahl der Kolonisten, die aus den altdeutschen Siedlungsgebieten ins östliche Mitteleuropa migrierten, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von rund 200.000 Migranten im 12. Jahrhundert und nochmals von etwa der gleichen Zahl im 13. Jahrhundert aus. Insgesamt wurde zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert der deutschsprachige Siedlungs- und Sprachraum um mehr als ein Drittel erweitert.

Neulandgewinnung

Die deutsche Ostsiedlung war nicht der einzige Kolonisierungsvorgang im Hochmittelalter. Sie war vielmehr nur ein Teil eines viel umfassenderen Landerschließungsprozesses, der fast alle Länder Europas erfasste und überall zur Erweiterung der vorhandenen Agrarflächen führte. Nicht immer wurde bisher unkultiviertes Land kolonisiert. Im hochmittelalterlichen Spanien bestand ein Teil der Kolonisierung aus der Wiederbesiedlung von Räumen, die vorher im Zuge der Reconquista entvölkert worden waren; und nicht immer vollzog sich die Expansion auch nach außen, in kulturell fremde Frontierräume. Oft war es schlicht Binnenkolonisation, die zur Ausdehnung der Agrarfläche führte. Bereits bestehende Siedlungen und landwirtschaftliche Nutzflächen wurden durch die Rodung umliegender Wälder, durch die Trockenlegung von Sümpfen und Mooren oder durch den Bau von Deichen und Dämmen erweitert, um dem Meer Land abzuringen. In England wurden besonders im 13. und 14. Jahrhundert ausgedehnte Moorlandschaften in Cornwall und Devon urbar gemacht. Die Stadtkommunen Oberitaliens, vor allem jene in der Lombardei, in Venetien und in der Emilia-Romagna, regulierten in der zweiten Hälfte des 12. und im 13. Jahrhundert die Flüsse und legten die Sümpfe trocken. Ein weiterer Schauplatz der Neulandgewinnung befand sich in den Niederlanden: Hier hatte man bereits im 10. Jahrhundert mit dem Bau von Deichen begonnen, zunächst in Flandern und Zeeland, nach 1200 auch in Holland. Ortsnamen auf -dijk und -dam erinnern bis heute an den Entstehungskontext zahlreicher Siedlungen.

Demographische Katastrophe

Mitte des 14. Jahrhunderts fand das Wachstum der Agrarflächen dann aber ein abruptes Ende; es hatte sich bereits seit Anfang des Jahrhunderts deutlich verlangsamt. Missernten, Viehseuchen und Hungersnöte waren die Ursache. 1347 erreichte schließlich die erste Pestwelle Europa. Weitere Pestwellen – wie jene von 1360/1361 und 1380/1383 – folgten. Sie stürzten Europa in eine demographische Katastrophe. Etwa ein Drittel der Bevölkerung fiel der verheerenden Seuche zum Opfer. Ganze Siedlungen wurden aufgegeben, die Agrarflächen schrumpften und Ackerland wurde in Viehweiden verwandelt.

Erholung der Bevölkerung

Mitte des 15. Jahrhunderts begann sich die Bevölkerung wieder langsam zu erholen, die Agrarflächen fingen wieder an zu wachsen. Erneut war es ein Wachstum nach innen und nach außen. Das Wachstum nach außen, in kulturell fremde Frontierräume, führte nun weit über Europa hinaus. Es wurde zunächst von Spanien und Portugal getragen; nach 1600 folgten Briten, Franzosen und Holländer. Das Vorspiel ereignete sich auf Madeira, den Azoren und den Kanarischen Inseln. 1402 begann die Eroberung der Kanaren, in den 1420er Jahren landeten die ersten portugiesischen Siedler auf Madeira, ca. zwei Jahrzehnte später auf den Azoren. 1492 erreichte Kolumbus schließlich die Karibischen Inseln, einige Jahre später auch das amerikanische Festland (s. Beitrag „Fernhandel und Entdeckungen“). Nach der Unterwerfung der indigenen Bevölkerung in der Neuen Welt standen den Europäern dort riesige Landreserven zur Verfügung. Einerseits gab es eine Fülle von unkultiviertem Land, andererseits wurden durch den demographischen Kollaps der indianischen Bevölkerung enorme Mengen an bereits kultivierten Agrarflächen frei.

Ranch-Ökonomie

Diese Landflächen wurden von den Europäern nun Schritt für Schritt in Kultur genommen. Dazu bediente man sich einer Vielfalt von Agrarsystemen. Diese wiesen ganz unterschiedliche Intensitätsgrade in der Landnutzung auf. Einerseits wurden traditionelle Agrarsysteme aus der Alten in die Neue Welt transferiert – etwa das System der gemischten Landwirtschaft, das aus Europa nach Neu-England und in die mittelatlantischen Kolonien transferiert wurde. Andererseits entstanden auch neue Agrarsysteme in den amerikanischen Kolonien, wie die Plantagenwirtschaft und die Ranch-Ökonomie. Das System der Ranch-Ökonomie – im Deutschen etwas umständlich als extensive stationäre Weidewirtschaft bezeichnet – wurde zum prägenden Agrarsystem der amerikanischen Grasländer. Dieses Agrarsystem hatte im südlichen Spanien des 12. und 13. Jahrhunderts seinen Ursprung. Zur vollen Entfaltung gelangte es aber erst in der Neuen Welt seit dem 16. Jahrhundert. Das Besondere dieses Agrarsystems in der Neuen Welt war dessen großbetriebliche Struktur, die extensive Art der Landnutzung in Form der Rinderund Schafweidewirtschaft sowie die Orientierung der Produktion an Märkten, und zwar sowohl an regionalen wie auch an internationalen Märkten. Für diese Märkte wurden Fleisch, Wolle, Häute und Talg produziert. Die großen Weidewirtschaften der Neuen Welt entstanden in Mexiko, in den Llanos von Venezuela, im Sertão von Nordostbrasilien sowie in der Pampa von Argentinien und Uruguay.

Plantagenwirtschaft

Neben diesen extensiv genutzten Agrarzonen entstanden ab der Mitte des 16. Jahrhunderts auch intensiv betriebene Ackerbauregionen, die zunächst Zucker, später auch Tabak, Reis, Kaffee, Kakao, Baumwolle und Indigo für den europäischen Markt erzeugten. Dazu schufen die europäischen Kolonisten ein völlig neues Agrarsystem: die Plantagenwirtschaft. Auch dieses Agrarsystem hatte seine Wurzeln in der Alten Welt, und zwar in den Zuckerrohr-Anbaugebieten des mediterranen Europas sowie von Madeira und den Kanaren. Auch dieses Agrarsystem gelangte erst in der Neuen Welt zu seiner vollen Entfaltung. Hier sollte es eine ganze Weltregion prägen, und zwar den Nordosten Brasiliens, die Küstenregion des nördlichen Südamerika, die gesamte karibische Inselwelt sowie den Südosten der heutigen USA. Dieser Raum wurde seit dem frühen 16. Jahrhundert in mehreren Etappen zu einer riesigen Plantagenexportregion umgebaut. Das bedeutete großbetriebliche Produktionsstrukturen, Erzeugung tropischer Agrargüter für den Export nach Europa und arbeitsintensive Nutzung des Ackerlandes mit Hunderttausenden von Zwangsarbeitern, die auf Sklavenmärkten in West- und Zentralafrika gekauft wurden. Insgesamt wurden nach den Berechnungen von Herbert Klein mehr als sieben Millionen Afrikaner bis 1800 in die Neue Welt gebracht. Die Zahl der europäischen Einwanderer in die Neue Welt zwischen 1492 und 1800 dürfte etwa zwischen ein und zwei Millionen Menschen betragen haben.

Die Kolonisation der Agrarflächen, die sich die Europäer nach 1492 in den beiden Amerikas aneigneten, geschah bis Ende des 18. Jahrhunderts also nur mehr zu einem kleinen Teil durch europäische Siedler. Ein großer Teil der Arbeit von Urbarmachung und weiterer Nutzung wurde von Afrikanern und der überlebenden indianischen Bevölkerung sowie den sich formierenden Mestizen- und Mulatto-Populationen geleistet. In der Frühen Neuzeit wurde auf den amerikanischen Agrarflächen ein Produktionssystem aufgebaut, das alle Kontinente der Welt einschloss: Das Kapital kam aus Europa, ein Teil der Arbeitskräfte aus Afrika und ein Teil der angebauten Feldfrüchte aus Asien (Zuckerrohr, Reis etc.).

Export

Ein beträchtlicher Teil der in der Neuen Welt erzeugten Agrarprodukte ging wieder nach Europa. Um 1770, am Vorabend der Amerikanischen Revolution, wurden in der Neuen Welt jedes Jahr ca. 200.000 Tonnen Zucker, ca. 60.000 Tonnen Kaffee, ca. 40.000 Tonnen Tabak, ca. 35.000 Tonnen Reis, weitere je ca. 35.000 Tonnen Weizen und Mais, ca. 8000 Tonnen Kakao, ca. 9000 Tonnen Baumwolle sowie hunderttausende Tierhäute für den Export erzeugt. Nicht alles davon wurde nach Europa exportiert. Ein Teil der Getreideexporte blieb in der Neuen Welt. Reis und Mais wurden vom nordamerikanischen Festland in die karibischen Plantagenkolonien exportiert, um dort die Sklaven zu ernähren, die wiederum Zucker und Kaffee für Europa erzeugten. Der Großteil der übrigen genannten Produkte ging aber nach Europa und ließ dort nicht nur neue Genussmittelkulturen entstehen, sondern leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Kalorienversorgung der im 18. Jahrhundert rasch wachsenden europäischen Bevölkerung.

Expansion nach Osten

Europa expandierte in der Frühen Neuzeit nicht nur nach Westen. Auch im Osten wurde weiter kolonisiert und neues Agrarland gewonnen. Diese Kolonisationsbewegung wurde vor allem von Russland getragen. 1480 wurde der Ural überschritten, rund ein Jahrhundert später begann die Eroberung Sibiriens. Gleichzeitig expandierte Russland nach Süden und Südosten. 1552 und 1554/1556 wurden die Khanate von Kasan und Astrachan an der Wolga erobert und für russische Siedler geöffnet. Im 17. und 18. Jahrhundert kamen mehr als zwei Millionen Siedler in die Waldsteppen und Steppen von Südrussland und der Ukraine. Im selben Zeitraum zogen auch ca. 400.000 Siedler nach Sibirien.

Binnenkolonisation

Neues Agrarland wurde in der Frühen Neuzeit auch durch Binnenkolonisation gewonnen. Wie in der hochmittelalterlichen Expansionsperiode wurden auch nun wieder Wälder gerodet, Sümpfe trockengelegt und Heiden urbar gemacht. In vielen Regionen Europas wurde Marschland kolonisiert. Allein in den Niederlanden wurden zwischen 1540 und 1815 189.396 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche durch Eindeichungen und Trockenlegungen neu hinzugewonnen. Holländische Wasserbauingenieure und Handwerker waren damals als Experten der Entwässerung in ganz Europa gefragt. Sie finden sich bei der Urbarmachung im Raum entlang der Elbe genauso wie in Brandenburg, England, Frankreich und Italien. In Deutschland wurden im 18. Jahrhundert auch das Donaumoor in Bayern, einige Hochmoore in Hannover und Oldenburg sowie Feuchtgebiete an Oder und Warthe trockengelegt. Am Oderbruch bei Frankfurt konnten zwischen 1747 und 1753 56.000 Hektar neue landwirtschaftliche Nutzfläche dazugewonnen werden, in den Warthebrüchen waren es bis 1786 ca. 30.000 Hektar. In vielen Teilen Deutschlands fanden weiterhin auch Waldrodungen statt, obwohl umfangreiche landesweite Verbote die Waldbestände schützen sollten. Insgesamt schätzt man, dass in Deutschland zwischen 1500 und 1800 die landwirtschaftliche Nutzfläche um ca. 60 Prozent zunahm.

Kolonisationsprozesse in Ost- und Südasien

Kolonisationsprozesse in Asien: Die Expansion Europas nach Westen und nach Osten war ein dramatischer Kolonisationsprozess. Nicht weniger dramatisch waren auch die ungefähr zur selben Zeit ablaufenden Kolonisationsprozesse in Ost- und Südasien. Auch hier wurden Millionen von Hektar an neuen Agrarflächen kultiviert, auch hier machten sich Millionen von Kolonisten auf den Weg, und auch hier wurde nicht selten die indigene Bevölkerung marginalisiert beziehungsweise kulturell assimiliert.

Ca. 10 Millionen Chinesen migrierten im 17. und 18. Jahrhundert in die Region am oberen Jangtse – im Wesentlichen in die westchinesische Provinz Sichuan (Szechuan). Sie kultivierten dort Land, das im Zuge des Dynastiewechsels in den 1640er Jahren verwüstet worden war, beziehungsweise erschlossen neues Ackerland.

Räume der Kolonisationsdramen

Ein beliebter Frontierraum für Chinesen war auch der Südwesten Chinas, also die Provinz Yunnan sowie kleinere Regionen in den angrenzenden Provinzen. Mindestens drei bis vier Millionen Han-Chinesen wanderten dort zwischen dem 13. und frühen 19. Jahrhundert ein. In der ersten Phase während des 13. bis 16. Jahrhunderts wurden ca. eine Million Soldaten und Agrarkolonisten von der chinesischen Regierung dorthin geschickt. Sie wurden mit Saatgut, Zugtieren und landwirtschaftlichem Werkzeug ausgestattet und auf Bauernhöfen angesiedelt. In der zweiten Periode zwischen ca. 1700 und ca. 1850 waren es hauptsächlich freie Migranten, die in den Südwesten kamen, dort Land erschlossen oder in den Bergwerken und Textilzentren Arbeit fanden. Diese Masseneinwanderung führte zu einem völligen Umbau im ethnosozialen Profil der Region. Um 1250 hatten wahrscheinlich drei Millionen Menschen im Südwesten gelebt. Darunter befanden sich damals noch ganz wenige Han-Chinesen. Der Großteil der Bevölkerung gehörte zu einer von etwa 30 verschiedenen ethnischen Gruppen. Bis 1600 erhöhte sich die Bevölkerung auf ca. fünf Millionen, ca. ein Drittel davon waren nun aber bereits Han-Chinesen. Um 1850 war der Südwesten dann in hohem Maße sinisiert. Circa zwei Drittel der 20 Millionen Menschen galten nun als Han-Chinesen.

Ähnliche Kolonisationsdramen ließen sich über Zentralchina, über die Bergregionen im Süden des Jangtse, über Taiwan sowie über die Mandschurei erzählen. Auch diese Regionen wurden zu Schauplätzen der Erschließung neuer Agrarflächen, der Einwanderung chinesischer Kolonisten und des Transfers intensiver Agrartechniken aus Nord- und Südchina. Im gesamten chinesischen Raum konnte auf diese Art die Ackerfläche von 225.500 Quadratkilometer im Jahr 1400 auf 634.200 Quadratkilometer in den 1760er Jahren sowie weiter auf 816.000 Quadratkilometer 1873 erhöht werden.

Das heutige Bangladesch als Frontierraum

Als weiterer Frontierraum in Asien wäre Ostbengalen, das heutige Bangladesch, zu nennen. Bangladesch zählt heute zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt. Es ist ein dominant islamisches Land und mehrheitlich von indo-europäischsprechenden Bengalen bewohnt. Bis um 1600 war dies völlig anders. Damals war Ostbengalen dünn besiedelt, größtenteils von tropischem Urwald bedeckt, und die Region als Ganzes war weder islamisiert noch hinduisiert. Ein großer Teil der Bevölkerung verehrte Naturgottheiten, betrieb Wanderfeldbau oder lebte in isolierten Gemeinschaften von Fischern. Die Region war unterentwickelt und von der Mogulherrschaft nur schwach kontrolliert. Die Beamten der Mogulherrscher betrachteten die Region deshalb auch als unzivilisierte Wildnis, die gezähmt werden musste – und dies geschah dann auch. 1602 verlegten die Moguln eines ihrer militärischen Hauptquartiere von Rajmahal in Westbengalen nach Dhaka, der heutigen Hauptstadt von Bangladesch. In den folgenden zwei Jahrzehnten wurde Ostbengalen voll in den Herrschaftsbereich der Moguln integriert. Die neu etablierte Mogulherrschaft schuf die nötige politische Stabilität für eine erfolgreiche bäuerliche Kolonisation. Bengalischsprechende Reisbauern begannen von Westen und Norden immer weiter nach Ostbengalen vorzudringen. Angeführt wurden sie von muslimischen Sufi-Meistern. Diese religiösen Anführer erhielten zunächst Landrechte in den Frontierregionen von den Beamten der Moguln oder von Hindu-Kaufleuten zugesprochen. Dann benutzten sie ihr religiöses Charisma und ihre organisatorischen Fähigkeiten, um die Neusiedler zu mobilisieren. Die neuen Ansiedlungen wurden um kleine ländliche Moscheen herum angelegt. Fast fünf Jahrzehnte lang wurde Urwald gerodet, wurden Bewässerungssysteme angelegt und mit intensivem Nassreisanbau begonnen. Das Land um die Moscheen wurde von Steuern befreit. Mitte des 17. Jahrhunderts war Ostbengalen von einer unterentwickelten Dschungelregion zu einer hochentwickelten Agrarregion geworden, die jedes Jahr enorme Überschüsse an Reis und ghee (indisches Butterschmalz) erzeugte, die in andere indische Regionen exportiert wurden. Diese Überschusslandwirtschaft bildete dann auch eine Grundlage für den Aufbau einer exportorientierten Baumwoll- und Seidenproduktion.

Intensivierung der Landnutzung

Die Ausdehnung landwirtschaftlichen Kulturlandes war ein möglicher Weg der Steigerung der Agrarproduktion. Ein anderer Weg bestand in der intensiveren Nutzung der bereits vorhandenen Agrarflächen. Dies konnte wiederum auf mehrfache Art und Weise geschehen. Eine Möglichkeit war die Reduzierung der Brache, eine weitere Möglichkeit war der Übergang zu Mehrfachernten und verbesserter Düngung, ein dritter Weg bestand in der Einführung von neuen, ertragreicheren Kulturpflanzen.

Brachsysteme

Die meisten traditionellen Agrarsysteme kannten die Brache, also das Unterbrechen des Anbaus für eine bestimmte Zeit. Dadurch wurde einerseits die Fruchtbarkeit des Bodens wiederhergestellt, andererseits konnte Unkraut entfernt und Pflanzenkrankheiten konnten besser kontrolliert werden. Die Dauer der Brachezeit variierte je nach Agrarsystem. In manchen außereuropäischen Systemen des Wanderfeldbaus konnte die Brachezeit bis zu 30 Jahre dauern. Dies erlaubte die völlige Regeneration der Walddecke und machte erneute Rodung am Ende der Brache nötig. Nahm die Bevölkerungsdichte in einer Region zu, so wurde es notwendig, die Brachezeit zu reduzieren. Im mittelalterlichen Europa wurde zwischen der Hälfte und einem Drittel des Ackerlandes jeweils ein Jahr brach liegen gelassen. Seit dem 8. Jahrhundert breitete sich vom Kernraum des Karolingerreiches das System der Dreifeldwirtschaft langsam aus. Im 13. Jahrhundert hatte es sich in einem Großteil von Mittel-, West- und Nordeuropa durchgesetzt. Nur in Teilen Osteuropas sowie in Russland blieben weiterhin Systeme der Zweifelderwirtschaft prägend. Der Übergang zur Dreifelderwirtschaft bedeutete bereits einen wesentlichen Intensivierungsschub im System der Landnutzung. Der nächste Intensivierungsschub erfolgte, als man anfing, die Bracheflächen im System der Dreifelderwirtschaft Stück für Stück zu reduzieren und schließlich ganz aufzugeben. Dieser Prozess begann in Teilen von Flandern bereits im 13. und 14. Jahrhundert. Von dort breitete er sich in den übrigen Niederlanden aus. Im 17. Jahrhundert erreichte er schließlich Teile von England. Im frühen 19. Jahrhundert war der Bracheanteil am gesamten Ackerland in England auf ca. 10 Prozent abgesunken. Im Gebiet der heutigen Republik Österreich betrug er um 1830 noch ca. 15 Prozent, in Frankreich um 1850 noch ca. 20 Prozent.

Klee und Futterrüben

Möglich wurde die Reduzierung der Brache unter anderem durch die Einführung neuer Futterpflanzen wie Klee oder Futterrüben. Klee besitzt die Fähigkeit, den Boden mit Stickstoff anzureichern. Dies allein verringerte die Notwendigkeit der Brache. Außerdem ist Klee ein wertvolles Viehfutter – sein Anbau erlaubte die Vergrößerung der Viehbestände. Dies erhöhte wiederum den Anfall an tierischem Dünger, der dann zur Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit eingesetzt werden konnte. Auch die Einführung der Futterrüben leistete einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der Brache. Zum einen beschatten die Blätter dieser Pflanze den Boden und verdrängen damit die Dauerunkräuter, zum anderen wird gleichzeitig der Boden dem Regen weniger stark ausgesetzt. Dies führt wiederum dazu, dass weniger Stickstoff ausgewaschen wird. Natürlich bedeutet der Anbau von Futterrüben auf den früheren Brachfeldern eine Vermehrung der Viehbestände und damit eine Erhöhung der Düngermenge.

Der beschleunigte Rückgang der Brache seit der Mitte des 17. Jahrhunderts war ein Teil eines umfassenden Umbauprozesses in den europäischen Agrarökonomien, der in der Literatur als Agrarrevolution bezeichnet wird. Diese Agrarrevolution brachte nicht nur die Reduktion der Brache und den Aufstieg neuer Feldfrüchte, sondern auch neue Fruchtfolgen, eine enorme Ausweitung des Viehbestandes sowie insgesamt einen massiven Anstieg der gesamten Agrarproduktion. Dieser vollzog sich im Kontext einer enormen Nachfragesteigerung nach Agrarprodukten, die wiederum durch Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und beginnende Industrialisierung ausgelöst wurde.

Mehrfachernten von Reis

In den Nassreisanbauregionen von Südchina gab es um 1200 keine Brache mehr. Sie war auch nicht notwendig – die Bodenfruchtbarkeit ging im System des Nassreisanbaus durch kontinuierlichen Anbau nicht verloren. Die Ansammlung von Blaualgen in den bewässerten Feldern sorgte dafür, dass den Feldern ständig wieder neuer Stickstoff zugeführt wurde. Intensivierung war natürlich auch in diesem Agrarsystem möglich. Diese konnte auf mehrfache Weise erreicht werden: durch den Wechsel von jährlichen Ernten zu Doppel- und Dreifachernten, durch vermehrte Düngung, durch sorgfältigere Auswahl des Saatgutes sowie durch verbesserte Methoden der Wasserbewirtschaftung. Mehrfachernten von Reis waren in Südchina seit dem frühen 11. Jahrhundert möglich geworden. Damals hatte ein Kaiser aus der Nördlichen Song-Dynastie eine neue Reissorte aus Vietnam, den sogenannten Champa-Reis, in Südchina einführen lassen. Dieser Reis reifte in nur ca. 100 Tagen, nachdem er vom Reisbeet ins Feld verpflanzt wurde. Damit wurden nun erstmals zwei Reisernten pro Jahr möglich. Die älteren Reissorten hatten deutlich längere Reifezeiten gehabt und deshalb auch nur einmaliges Ernten pro Jahr erlaubt. Gleichzeitig mit dem neuen Champa-Reis ließ die chinesische Regierung auch Agrarpamphlete zirkulieren, welche den Bauern den richtigen Umgang mit der neuen Reissorte erklärten. Die Bauern begannen nun auch in Eigenregie selber frühreifende Reissorten zu züchten. Aus diesen Bemühungen waren bis ins 12. Jahrhundert neue Sorten entstanden, die in nur ca. 60 Tagen nach der Verpflanzung reiften.

Bewässerte Reisfelder in einem chinesischen Agrartraktat »Xhoushi tongkao«, 1742.

Die Ausbreitung dieser neuen Reissorten war ein langfristiger Prozess. Am Ende der Südlichen Song-Dynastie (1270) wurden die frühreifenden Reissorten hauptsächlich in den Provinzen am Unterlauf des Jangtse sowie in den Küstenregionen von Fujian angebaut. Während der Zeit der Yuan- sowie der Ming-Dynastie breitete sich die neue Technik in den weniger entwickelten Regionen von Anhui und in den Ebenen des Gelben Flusses aus. Im 17. und 18. Jahrhundert setzte sich die Innovation dann schließlich auch in Zentralchina, in Sichuan sowie in den Frontierräumen von Süd- und Südwestchina durch.

Das Jangtse-Delta

Das Jangtse-Delta, die Region Jiangnan, zählt zu den fruchtbarsten Agrarregionen in ganz Ostasien. Die Region umfasst ca. 43.000 Quadratkilometer und ist damit etwa halb so groß wie Österreich. Um 1620 lebten ca. 20 Millionen Menschen in der Region, ca. 29.000 Quadratkilometer an Ackerfläche standen ihnen zur Verfügung. Die vorhandenen Landreserven waren damit größtenteils aufgebraucht. Neues Ackerland konnte in den folgenden zwei Jahrhunderten nicht mehr dazu gewonnen werden. 95 Prozent der Ackerfläche wurde mit Nassreis bepflanzt. Auf 100 Hektar Ackerland kamen um 1620 also schon 689 Personen. Diese Region wies damit bereits eine sehr intensive Bodennutzung auf. Trotzdem konnte auch in den folgenden zwei Jahrhunderten die Landnutzungsintensität weiter gesteigert und damit eine wichtige Grundlage für das Anwachsen der Bevölkerung auf ca. 36 Millionen um 1850 gelegt werden.

Fäkalien und Sojakuchen als Dünger

Mehrere Innovationen waren dafür verantwortlich: Zum einen breitete sich das System der Mehrfachernten weiter aus, zum anderen wurde intensiver gedüngt. Zwei Formen von Dünger sind hier besonders erwähnenswert: menschliche Fäkalien aus den Städten der Region sowie importierter Sojakuchen aus der Mandschurei. Der Einsatz menschlicher Fäkalien als Dünger ist in der Region bereits für die Zeit der Song-Kaiser belegt. Eine weitere Verbreitung fand diese Düngerform aber erst im 17. und 18. Jahrhundert. Damals entwickelte sich in der Region ein hoch kommerzialisierter Handel mit menschlichen Fäkalien. Eigene Gruppen von Kaufleuten kontrollierten diesen Handel. Das Einsammeln der Fäkalien wurde zu einem wichtigen Tätigkeitsbereich der städtischen Arbeiterschaft. Das Urbanisierungsmuster im Jangtse-Delta förderte die Entwicklung dieser Düngerform. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert wuchs im Jangtse-Delta vor allem die Zahl der Städte, weniger ihre Größe. Dadurch blieben die Transportwege für den Fäkalienhandel begrenzt. Trotzdem waren auf Grund der Transportkosten die Fäkalien für die Bauern in Stadtnähe natürlich billiger. In einem zeitgenössischen Agrarhandbuch heißt es deshalb auch, dass die Äcker in Stadtnähe auf Grund der geringeren Transportkosten für menschlichen Dünger ertragreicher waren.

Eine weitere wichtige Düngerform im Jangtse-Delta war Sojakuchen, der aus der Mandschurei importiert wurde. Sojakuchen entsteht als Überrest, wenn aus den Sojabohnen das Öl ausgepresst wird. Dieser Sojakuchen ist reich an Eiweiß und kann deshalb als wertvolles Tierfutter verwendet werden. Außerdem enthält er viel mehr Stickstoff als tierischer Dünger. Er entfaltet seine Wirkung im Acker auch viel schneller als normaler Dünger. Seit dem frühen 17. Jahrhundert wurde Sojakuchen auf den Reisfeldern des Jangtse-Deltas verwendet. Umstritten sind nach wie vor das genaue Ausmaß seiner Verwendung und die Höhe der aus der Mandschurei importierten Mengen. Umstritten ist deshalb auch, ob es gerechtfertig ist, im Falle des Jangtse-Deltas von einer Düngerrevolution zu sprechen. Fest steht aber, dass im 17. und 18. Jahrhundert ausgepresste Ölkuchen, sowohl aus Sojabohne, als auch aus Raps oder Sesam, eine weite Verbreitung auf den Reisfeldern in Jiangnan fanden.

Zwischenfazit

Fassen wir kurz zusammen: Zwischen 1200 und 1800 wurden in vielen Weltregionen die Agrarflächen enorm ausgeweitet sowie existierende Agrarflächen intensiver genutzt. In Ost- und Südasien betraf diese Ausweitung vor allem Ackerland, in der Neuen Welt entstanden neben dem neuen Ackerland auch riesige Weideflächen. Die Expansion der Agrarflächen und die intensivere Nutzung bestehender Flächen waren keine linearen Prozesse. Neben Phasen der Expansion und Intensivierung gab es auch Phasen der Stagnation, der Rückentwicklung und der Extensivierung. In solchen Phasen der Rückentwicklung wurde Acker- in Weideland verwandelt oder Siedlungen wurden völlig aufgegeben. In Europa geschah dies während der Wüstungsprozesse des Spätmittelalters. Im Mittleren Osten wurden im Zuge der mongolischen Eroberungen Bauernäcker in Nomadenland umgewandelt. In der Literatur wird dieser Prozess als Beduinisierung bezeichnet. Er spielte vor allem im Iran und im Irak eine größere Rolle. Auch in vielen Regionen Nordchinas wurde während des 12. und 13. Jahrhunderts Bauernland in Nomadenland umgewandelt oder überhaupt aufgelassen. In der Neuen Welt waren die Prozesse der Rückbildung von Agrarflächen beziehungsweise des Übergangs von intensiven zu extensiven Landnutzungssystemen im Zuge der spanisch-portugiesischen Conquista wahrscheinlich am umfassendsten. Insgesamt kennzeichnet den Zeitraum von 1200 bis 1800 aber eine enorme Expansion der Agrarflächen sowie ein langfristiger Trend zu intensiverer Nutzung von bestehendem Kulturland.

Einführung neuer, ertragreicherer Nahrungspflanzen

Eine besondere Form der Intensivierung der Landnutzung stellt die Einführung neuer, ertragreicherer Nahrungspflanzen dar. Nahrungspflanzen unterscheiden sich sehr in Bezug auf die Kalorienerträge, die ihr Anbau pro Hektar Ackerfläche liefert. Getreide und Knollenpflanzen sind Stärkepflanzen. Sie stellen die beiden wichtigsten Typen der Nahrungspflanzen dar. Generell gilt, dass die aus der Neuen Welt stammenden Getreide und Knollenpflanzen (Mais, Kartoffel, Maniok, Süßkartoffel) höhere Kalorienerträge liefern als die Stärkepflanzen der Alten Welt. Es gibt dazu nur eine Ausnahme: den aus Asien stammenden Reis. Dieser liefert vergleichbar hohe Kalorienerträge wie die amerikanischen Stärkepflanzen. Nach 1492 wurden die Stärkepflanzen der Neuen Welt in einem riesigen Transferprozess in die Alte Welt transferiert. Dieser führte in der Alten Welt zu einer massiven Ausweitung des Nahrungsmittelspielraumes, der wiederum dann vor allem im 18. Jahrhundert in vielen Regionen der Alten Welt zu einer der wichtigsten Grundlagen für ein nachhaltiges Bevölkerungswachstum wurde. Besonders deutlich sichtbar ist dieser Zusammenhang im frühneuzeitlichen Europa und in China.

Mais

In Europa wurden Kartoffel und Mais die beiden wichtigsten Kulturpflanzenimporte aus der Neuen Welt. Der Mais breitete sich zunächst südlich der Alpen und Pyrenäen aus, die Kartoffel nördlich davon. Als erster setzte sich Mais im Ackerbau einzelner europäischer Regionen durch. Aus der Zeit um 1520 stammen die ersten Zeugnisse seines Anbaus auf der Iberischen Halbinsel. Mais wurde damals am Guadalquivir, im Alentejo sowie um Coimbra geerntet. Von Spanien und Portugal gelangte der Mais dann nach Italien, zunächst nach Venetien, schließlich in die Lombardei. Ab 1670 nahm in diesem Raum die Maisproduktion stark zu, im 18. Jahrhundert überflügelte sie bereits die Weizenproduktion. In Süditalien blieb der Maisanbau unbedeutend. Wie auf der Iberischen Halbinsel formierten sich auch in Italien die Hauptanbaugebiete im Norden. Auch Südwestfrankreich und der Balkan wurden zu frühen maiserzeugenden Regionen Europas. Für das (heute zu Kroatien gehörige) Gebiet Požega gibt es erste Belege diesbezüglich aus dem Jahr 1611, für Bosnien aus der Zeit um 1660, für Serbien und das Banat um 1692. Im österreichischen Teil Serbiens wurden 1718 bereits 30,9 Prozent der Saatfläche mit Mais bebaut.

Kartoffel

Nördlich von Alpen und Pyrenäen sollte die Kartoffel zu einem der wichtigsten Kulturpflanzenimporte aus Amerika werden. Ihr Aufstieg begann allerdings später als jener des Mais. Irland ist das klassische Beispiel für ein frühes Anbauzentrum. Leider gibt es wenige verlässliche Quellen über die genaue Chronologie der Ausbreitung der Kartoffelkultur. Auf Grund der unvollständigen Quellenlage ist auch umstritten, wann genau die Kartoffel zum Hauptnahrungsmittel für die Iren wurde: Die Meinungen variieren hier zwischen der Zeit um 1680, 1730, 1740 bis 1780 sowie nach 1780. Klar ist aber, dass 1845 in Irland ca. eine Million Hektar Ackerland mit Kartoffeln bebaut wurden, das waren ca. 31 bis 38 Prozent der gesamten Saatfläche. Zur selben Zeit war die Kartoffel für 40 Prozent der Bevölkerung das alleinige Nahrungsmittel, für den Rest ein bedeutender Nahrungsmittelanteil.

Frühe Anbauzentren