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Beschreibung

Die ›WBG Weltgeschichte‹ betrachtet – im Gegensatz zu bisherigen weltgeschichtlichen Darstellungen – die gesamte Menschheitsgeschichte erstmals unter dem Aspekt der globalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten und bietet so einen modernen und zeitgemäßen Gesamtüberblick. Wer etwas über die Geschichte der Menschen auf dem Planeten Erde unter Berücksichtigung aller Zeiten und Kulturen erfahren möchte, kommt an diesem Werk, an dem bedeutende deutsche Fachvertreter der Geschichtswissenschaften mitgewirkt haben, nicht vorbei: »Sowohl ein universitärer Leserkreis als auch ein breiteres Publikum finden hier wichtige lesenswerte Darstellungen zu großen welthistorischen Themen des 19. und 20. Jahrhunderts« Historische Zeitschrift

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Seitenzahl: 965

Veröffentlichungsjahr: 2016

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WBG WELTGESCHICHTE

EINE GLOBALE GESCHICHTEVON DEN ANFÄNGEN BIS INS 21. JAHRHUNDERT

 

 

Herausgegeben vonWalter Demel, Johannes Fried, Ernst-Dieter Hehl,Albrecht Jockenhövel, Gustav Adolf Lehmann,Helwig Schmidt-Glintzer und Hans-Ulrich Thamer

In Verbindung mit derAkademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz

WBG WELTGESCHICHTE

EINE GLOBALE GESCHICHTEVON DEN ANFÄNGEN BIS INS 21. JAHRHUNDERT

Band VEntstehung der Moderne1700 bis 1914

Herausgegeben vonWalter DemelundHans-Ulrich Thamer

 

 

 

 

 

Impressum

Redaktion: Britta Henning

Abbildungsnachweis:S. 85, 355, 363, 395 akg-images; S. 191 Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz;S. 201, 391 Bridgeman Art Library; S. 93, 274 Freer Gallery of Art, SmithsonianInstitution, Washington D.C.; S. 45, 55, 79, 129, 159, 163, 169, 180, 215, 229, 242, 248,277, 299, 305, 319, 368, 421, 425, 461 picture-alliance; S. 404 Scala Archives;Karten: Peter Palm, Berlin; S. 18, 19, Grafiken: Wolfgang Zettlmeier, Barbing

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung inund Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Sonderausgabe 2015© 2015, 2., durchgesehene Auflage1. Auflage 2009/2010Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitgliederder WBG ermöglicht.Satz: SatzWeise GmbH, TrierUmschlaggestaltung: Finken & Bumiller, StuttgartUmschlagmotiv:Farbholzschnitt einer japanischen Weltkarte.Um 1800/1850. Foto: picture alliance

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-26749-1

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-74042-0eBook (epub): 978-3-534-74043-7

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zu den Herausgebern

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Einleitung(Walter Demel)

Bevölkerung, Wirtschaft und Technik

Demographische Revolution – Die Geschichte der Weltbevölkerung (Georg Fertig)

Demographie und Geschichte

Veränderungen und große Zusammenhänge

Pfade in die demographische Moderne

Demographie und Weltgeschichte

Die Industrialisierung(Dieter Ziegler)

Begriff und Dimension der Industrialisierung

Die leichtindustrielle Phase der Industrialisierung

Die schwerindustrielle Phase der Industrialisierung

Die Phase der „neuen Industrien“ – Ein Ausblick

Kultureller Wandel

Die europäische Aufklärung(Hans-Jürgen Lüsebrink)

Aufklärung – Periodisierung, Selbstverständnis und Schlüsselbegriffe

Aufklärungsraum Europa – Räume, Netzwerke, Kulturtransfer

Medien und Gattungen der Aufklärung

Elitenkultur und Volksaufklärung

Transkulturelle Dimensionen – Erbe und Universalität der Aufklärung

Wissensrevolution(Uwe Jochum)

Das empirische Feld

Institutionen des Wissens

Die Ordnung des Wissens

Die Distribution des Wissens

Christliche Missionen und religiöse Globalisierung im 19. Jahrhundert(Klaus Koschorke)

Westliche Missionen

Indigene Akteure, regionale Initiativen, transkontinentale Aktivitäten

Religiöse Modernisierung und Globalisierung

Weltdeutungen und Ideologien(Michael Quante, David P. Schweikard)

Hegels Philosophie als Zentrum der Weltdeutung

Zerfall der Hegelschule

Weltanschauungen

Entwicklungen im 20. Jahrhundert – Ein Ausblick

Autonomie der Kunst – Eine europäische Scheinrealität(Lars Eisenlöffel)

Wozu Kunst?

Künstler und Gesellschaft – L’art pour l’art

Veränderungen der politischen Welt

Zwischenstaatliche Verflechtungen und politische Revolutionen(Walter Demel)

Ursachen machtpolitischer Verschiebungen zugunsten Europas/des „Westens“

Die Globalisierung europäischer Leitideen „internationaler“ Beziehungen

Europa im Wandel – Staatensystem und revolutionäre Bewegungen

Die Krise der islamischen Welt

Asiatische und afrikanische Staaten an der Schwelle zur Kolonialisierung

Erste Dekolonisation – Amerikanische Staaten und autonome Kolonien

Die „Öffnung“ Ostasiens und ihre unterschiedlichen Folgen

Die „Weißen“ als „Herrenrasse“ und die Instabilität ihres „Weltsystems“

Die Globalisierung Europas(Horst Gründer)

Kolonialismus und Imperialismus

Vom Handel zur Herrschaft – Europäische Kolonialreiche in Asien

„Edler Wilder“ oder „Kannibale“? – Ozeanien im kolonialen Zeitalter

Der „Wettlauf um Afrika“ – Erforschung und koloniale Aufteilung

Entstehung und Entwicklung des Verfassungsstaates(Anita Prettenthaler-Ziegerhofer)

Was heißt „Verfassung“?

Von den ersten Verfassungen bis 1814

Restauration in Europa – Unabhängigkeit in Lateinamerika (1814–1830)

Europa von der Zwischenrevolution 1830 bis zur Revolution von 1848/1849

Globalisierung der Verfassungsidee (1850–1914)

Ausblick(Hans-Ulrich Thamer)

Literaturverzeichnis

Chronologie

Register

Einleitung

Walter Demel

Eine Epoche der „Revolutionen“

Das „lange 19. Jahrhundert“, um das es in diesem Band gehen soll, reichte grob von ca. 1750/1770 bis 1880/1914. Sein Beginn ist relativ unstrittig, obwohl etwa seine ersten geistesgeschichtlichen Anfänge schon in der beginnenden Aufklärung der 1680er Jahre gesehen werden können. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann nämlich eine Epoche globaler revolutionärer Umbrüche auf vielen Gebieten: Demographie, Wirtschaft, Technik, Kultur, Politik. Natürlich bedeutete auf jedem dieser Gebiete „Revolution“ konkret etwas anderes: Die „Agrarrevolution“ bestand in der sprunghaften Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität durch den Einsatz neuer Pflugformen, Dünger, Fruchtwechselwirtschaft etc.; eine politische Revolution bedeutete regelmäßig einen Wechsel der Staatsform, aber vielfach auch eine Transformation der herrschenden Eliten. Da derartige Revolutionen sich jedoch bis heute fortsetzen beziehungsweise immer noch global ausbreiten, ist die Zäsur von 1880/1914 nicht so leicht zu rechtfertigen. Immerhin mag ein Technikhistoriker an die neuen Basisinnovationen – Auto, Flugzeug, Rundfunk, Kino – denken, die sich nach 1914 durchsetzten, ein Politikhistoriker an den Einschnitt, den die Zeit um 1900 für Amerika darstellte, und an die Ära der europäischen Pentarchie, die mit dem Ersten Weltkrieg endete. Als dessen Ergebnis wurden 1919 weite Teile Europas, Afrikas und Asiens politisch neu geordnet – was von Irland bis China und Korea zu Unruhen führte. In Afrika und Asien setzte die (zweite) Dekolonisation jedoch erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein.

Die Ambivalenz der „Moderne“

Zumindest aber wird man sagen dürfen, dass im „langen 19. Jahrhundert“ die (westliche) Moderne entstand. Für diese Zeit konstatierte Christopher A. Bayly nämlich „das Entstehen globaler Uniformität in Fragen des Staates, der Religion, der politischen Ideologien und im Wirtschaftsleben“ – und sogar von „Körperpraktiken“ und der Zeitmessung! Das schloss eine zunehmende interne, funktionale Komplexität moderner Gesellschaften keineswegs aus, war aber das Ergebnis eines Prozesses des „Nacheiferns“. Denn Modernität heißt eben zunächst einmal, sich – wie Europa beziehungsweise der „Westen“ – für modern zu halten beziehungsweise (wie z.B. die russischen „Westler“) diesen Zustand im eigenen Land anzustreben. Inhaltlich lässt sich Modernität mit Schlagworten wie Individualisierung, Fortschrittsoptimismus, Rationalisierung, Säkularisierung, Verdichtung und Beschleunigung der Kommunikation umreißen. Daraus resultierte – trotz wachsender Nationalisierung – auch eine verstärkte Internationalisierung, vor allem nach 1850: Weltausstellungen, Internationale Frauenkonferenzen, Rotes Kreuz, Sozialistische Internationalen, Olympische Spiele, um nur einige nichtstaatliche Einrichtungen zu nennen. Partizipation und Emanzipation, aber auch Nationalismus, Rassismus und Disziplinierung kennzeichnen ebenfalls die Moderne. Dies macht deutlich, dass Moderne ein widersprüchliches, dialektisches, von Antinomien geprägtes Phänomen ist, gehörte zu ihr doch auch, sozusagen systemimmanent, die Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt, die antimodernistische Kritik, ja der Anarchismus. Von daher kann man den Ersten Weltkrieg als einen Höhepunkt der Krise der Moderne betrachten.

Die Entstehung des „Westens“

„Westen“ ist ein ähnlich unscharfer Begriff. Als dominante Denkfigur existent seit den 1890er Jahren, artikuliert er die „Idee eines übergreifenden transatlantischen Zivilisationsmodells“, eine Selbstverortung der „zivilisierten Welt“ (Jürgen Osterhammel). Er gehört damit zu den stets problematischen, weil regelmäßig nicht rein geographischen, sondern (unterschiedlich aufgeladenen) ideologischen Bezeichnungen. Als Kernregionen des „Westens“ könnte man Großbritannien, Frankreich, zunehmend auch Mitteleuropa und Teile der USA ansehen. Denn globalpolitisch gesehen umfasst der Begriff „Moderne“ neben der europäischen Pentarchie schließlich auch die USA, sozioökonomisch betrachtet die im Laufe des 19. Jahrhunderts industrialisierten Staaten (wozu Russland bzw. die Habsburgermonarchie indes nur bedingt, dafür aber um 1900 bis zu einem gewissen Grad auch schon Japan zu zählen wären). Unter religiös-kultureller Perspektive dagegen wären darunter etwa diejenigen Weltregionen, die durch das lateinische Christentum und die Aufklärung geprägt waren, zu subsumieren, mithin die Länder der Westhälfte Europas samt ihren Siedlungskolonien, aber in nur sehr begrenztem Umfang etwa die Balkanhalbinsel oder das Russische Reich. Dass dieser „Westen“ aber modern – und deshalb bis zu einem gewissen Grad nachahmenswert – sei, glaubten am Ende auch sehr viele Angehörige der Eliten praktisch aller nichtwestlichen Länder der Welt. Dahinter stand ihre Erfahrung, dass Europa und die USA bis 1900 ungemein an politischer und wirtschaftlicher Macht, an Höhe des Lebensstandards, aber auch an kulturellem Einfluss gewonnen hatten – ein Vorsprung, den diese Kreise nun durch eine (partielle!) „Verwestlichung“ ihrer Länder wieder aufholen wollten. Für den Globalhistoriker aber bedeutet dies, dass für den hier behandelten Zeitraum eine eurozentrische Sicht – relativ gesehen – eher am Platz erscheint als in den anderen Bänden der »WBG Weltgeschichte«.

Machtverschiebungen und Bevölkerungsentwicklung

Die angesprochene Verschiebung an Macht und Einfluss zugunsten Europas beziehungsweise des Westens machte sich auch demographisch gesehen – freilich nur in abgeschwächter Form – bemerkbar. Um 1800 besaßen Frankreich (als das bevölkerungsreichste der „lateinischen“ Länder) und das Osmanische Reich (als bedeutendstes islamisches Staatsgebilde) grob je 30 Millionen Einwohner, das russische Imperium kaum viel mehr, die USA nur gut 5 Millionen. China zählte dagegen 300 bis 360 Millionen Bewohner – mehr als anderthalbmal so viel wie ganz Europa! Das 19. Jahrhundert war eine Epoche erheblichen Wachstums – trotz mehrerer weltweiter Pandemien wie der Cholera von 1831. Bis 1910 hatten sich die Bevölkerungsverhältnisse dergestalt verändert, dass Frankreich über rund 40 Millionen Einwohner verfügte – eine Zahl, die das Osmanische Reich schon 1874 erreicht hatte, die sich jedoch in seinem Falle bis 1914 infolge zahlreicher Territorialverluste auf dem Balkan und in Nordafrika mehr als halbierte. Das russische Imperium wies allein in seinem europäischen Teil (inklusive „Kongresspolens“) damals über 130 Millionen Einwohner auf, die USA fast 100, Lateinamerika vielleicht 70, China gut 440 Millionen. Der Anteil Chinas und Indiens an der Weltbevölkerung ging im 19. Jahrhundert damit von 35 beziehungsweise 21 Prozent auf 28 beziehungsweise 17 Prozent zurück, wogegen derjenige Europas von 20 auf 24 Prozent anwuchs, während der afrikanische auf 8 Prozent leicht absank. Bevölkerungsmäßig dominierte Europa also immer noch in keiner Weise, und doch muss man für das Ende dieses Zeitraums geradezu von einer europäischen Weltherrschaft sprechen. War Großbritannien (samt seinen nordamerikanischen Kolonien und Irland) um 1750 ein Staat mit gut 15 Millionen Einwohnern gewesen, lebten um 1920 im British Empire etwa 458 Millionen Menschen (von denen nur gut 20 Millionen von englischen Kolonisten abstammten) – ein Viertel der Weltbevölkerung! Daneben beherrschten unter anderem auch noch Franzosen, Portugiesen, Deutsche, Niederländer und Belgier Millionen von Menschen in aller Welt – mehr noch, sie ließen sie für sich kämpfen: Nordafrikaner starben in den Laufgräben bei Verdun, Inder in Mesopotamien im Krieg gegen die Osmanen.

„Demographische Revolution“

Vor diesem Hintergrund beginnt das erste Kapitel, überschrieben mit „Bevölkerung, Wirtschaft und Technik“, mit einer Betrachtung der „demographischen Revolution“, in der es zunächst einmal um die schlichte Präsenz der Menschen auf den verschiedenen Kontinenten geht. Wenn sich, global betrachtet, das demographische Gewicht Europas vermehrte, so deshalb, weil Europa aus der „malthusianischen Falle“ ausbrach, die bislang ein Bevölkerungswachstum zwar nicht verhindert, aber doch deutlich abgebremst hatte. Verschiedene Gründe für dieses – letztlich nicht völlig geklärte – Phänomen kommen dabei zur Sprache: Innovationen, die Ausweitung der Produktmärkte, relativ hohe Reallöhne und das Vorhandensein wichtiger natürlicher Ressourcen. Andererseits verlor Europa, aber etwa auch Indien oder China, Millionen an Menschen, die auf der Suche nach Arbeit nach Nord- und in Teile Lateinamerikas auswanderten, nach Südafrika oder Australien (zu den Migrationen vgl. auch Band VI, S. 177–221). Die Zwangsmigration von Sklaven nahm dagegen tendenziell eher ab, der Sklavenhandel über den Atlantik kam nach 1850 praktisch zum Erliegen. Europa selbst profitierte jedenfalls nicht von einer nennenswerten Zuwanderung. Sein demographisches Wachstum blieb mithin auf die natürliche Vermehrung beschränkt. Diese war mit einer (tendenziell weltweiten) Zunahme der Lebenserwartung verbunden, wobei freilich einer sinkenden Sterblichkeit ein Rückgang der Geburten gegenüberstand. Der Rückgang der Sterblichkeit ist auf Veränderungen im Krankheitsumfeld, eine verbesserte Ernährung, die Verhinderung von Ansteckungen zurückzuführen – schließlich selbst in den zunächst höchst ungesunden expandierenden Großstädten. Für den Geburtenrückgang aber waren Wandlungen im Familiensystem verantwortlich, verschiedene Formen der Geburtenbeschränkung, ein Anstieg des Heiratsalters. Da Fruchtbarkeit wesentlich auch ein soziales Phänomen darstellt, verwundert es nicht, dass Geburtenabstände im Kulturvergleich variieren. Zunächst für West- und Mitteleuropa, später für weitere Weltregionen, kommt hierbei die Veränderung der Arbeitswelt durch die Industrialisierung ins Spiel, freilich nicht nur als Ursache für das Bevölkerungswachstum sich industrialisierender Staaten, sondern zum Teil auch als deren Ergebnis.

Die Industrialisierung

Technik wurde nunmehr im Westen zunehmend zu einem Produkt angewandter Wissenschaft. Neue technische Erfindungen bildeten zweifellos eine Voraussetzung für eine Industrialisierung – aber nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung. Denn eine entsprechende Nachfrage nach technischen Produkten sowie deren ökonomisch sinnvolle Verwendbarkeit mussten hinzukommen, außerdem – auf der Produzentenseite – nicht nur kulturelle, sondern auch politische beziehungsweise finanzielle Rahmenbedingungen. Dabei stellt sich, wie der einschlägige Beitrag erläutert, der modernen Forschung die von England ausgehende Industrialisierung eher als ein schrittweiser, zunächst sektoral und regional begrenzter Prozess dar, weniger als eine „Industrielle Revolution“ auf nationalstaatlicher Ebene. Für den Beginn der ersten, leichtindustriellen, das heißt vor allem von der Textilproduktion gekennzeichneten Phase der Industrialisierung bedurfte es einer liberalkapitalistischen, nicht mehr feudalistischen Rechts- und Wirtschaftsordnung, einer rationellen, relativ produktiven Landwirtschaft, etablierter kommerzieller Strukturen und ausgebauter Verkehrswege zu Lande und zu Wasser. Die zweite, schwerindustrielle, Phase stand vielfach im Zusammenhang mit der „Verkehrsrevolution“, der Einführung von Dampfschiffen und Eisenbahnen, der Verbilligung der Frachttarife für Massengüter wie Getreide, Kohle und Erze, aber auch mit der Entstehung eines Weltwährungssystems und der Entwicklung neuer Verfahren der Eisen- und Stahlerzeugung. Ihr Ergebnis hing allerdings von der Zugänglichkeit natürlicher Ressourcen ab, desgleichen von der – teils eher privat-, teils mehr staatswirtschaftlichen – Organisation der Unternehmen. Ein kurzer Blick auf die erst um 1890 beginnende dritte Phase der „neuen Industrien“ (Elektrotechnik, Chemie) rundet den Beitrag ab, dessen kommerzielle Aspekte durch die Behandlung von „Globalisierung und Weltwirtschaft“ ab 1850 in Band VI ergänzt werden.

Aspekte des kulturellen Wandels

Trotzdem wird ein aufmerksamer Leser der »WBG Weltgeschichte« nicht nur manche Namen und Fakten, sondern gerade auf dem großen Feld der – im weitesten Sinne – „Sozial- und Kulturgeschichte“ sogar größere Bereiche der Ergebnisse moderner Geschichtsforschung schmerzlich vermissen. Viele Darstellungen existieren zum Beispiel zur Geschichte gesellschaftlicher Eliten (etwa des Adels), welche sich durchaus globalhistorisch gesehen vergleichen lassen, aber auch zur Geschichte der Musik, der Literatur, der Wissenschaften, neuerdings beispielsweise selbst der Ernährungsgewohnheiten, der Kleidung, des Geruchs oder des Geschmacks. Von alldem wird der Leser im Gesamtwerk nicht viel oder gar nichts finden – und das gilt speziell auch für den fünften Band. Auch von der Entwicklung der katholischen Kirche oder des Hinduismus im 19. Jahrhundert ist im vorliegenden Band nur ganz knapp die Rede, von den Diskursen der chinesischen Philosophie oder den Fortschritten der modernen Architektur überhaupt nicht. Aber nie wird das Unternehmen einer „Weltgeschichte“ es allen seinen Lesern ganz recht machen können – selbst der Einzelne wird stets Lücken finden, Sachverhalte, die seiner Ansicht nach in eine „Weltgeschichte“ hineingehören würden, während er auf andere, die dargestellt werden, glaubt verzichten zu können. Wir mussten, besonders angesichts des doch für ein so großes Projekt höchst bescheidenen Umfangs von gut 3000 Seiten, zum Teil paradigmatisch arbeiten, eine Auswahl unter den möglichen Themen treffen und – jeder Autor für sich – nach bestem Wissen und Gewissen Schwerpunkte setzen.

Die europäische Aufklärung

So bildet den Einstieg in das Großkapitel „Kultureller Wandel“ die Behandlung eines Themas, das als die geistige Grundlage sowohl der ökonomisch-technischen als auch der politisch-ideellen Entwicklung des Westens gelten kann: der „europäischen Aufklärung“. Ausgehend von einer Erläuterung der unterschiedlichen Phasen, des Selbstverständnisses und der Schlüsselbegriffe der Aufklärung werden in diesem Beitrag zunächst der „Aufklärungsraum“, dessen durch das transnationale Netzwerk der République des Lettres verbundene Zentren und Peripherien (bis hin zu der „äußersten Peripherie“, dem amerikanischen Doppelkontinent) sowie der Kulturtransfer von den Zentren hin zu diesen Peripherien untersucht. Danach werden die Medien der Verbreitung von Aufklärungsideen vorgestellt – Dialoge, Enzyklopädien, Romane, bürgerliche Dramen, verschiedenste Formen von Periodika – und in diesem Kontext nähere Erläuterungen zu einem Bestseller der Aufklärungsliteratur gegeben, der sich nicht zufällig der Geschichte der außereuropäischen Welt widmet. Obgleich die Aufklärung originär ein Elitenphänomen war, wandten sich viele ihrer Vertreter der „Volksaufklärung“ zu und trieben diesen Prozess voran, indem sie ihren medialen Ausdruck den Kenntnissen und Bedürfnissen einfacherer, zum Teil illiterater Schichten anpassten. Ihr Erfolg zeigt sich im Wirken einzelner Autodidakten – die gleichwohl immer Außenseiter gegenüber den „gebildeten Ständen“ blieben. Abschließend spürt der Verfasser den weltweiten Wirkungen der Aufklärung nach, ihrem universellen Erbe samt ihren Ambivalenzen und Grenzen.

Wissensrevolution

Zweifellos lieferte die Aufklärung den Anstoß zu einer „Wissensrevolution“. Unter diesem Stichwort wird in einem eigenen Beitrag zunächst die Erweiterung des empirischen Feldes in ihren verschiedenen Dimensionen – nach außen (ferne Länder, Kosmos), innen (mittels Biologie oder Statistik) sowie in die Vergangenheit (durch die Geschichtswissenschaft) – untersucht. Das machte mehr und mehr neue, eben wissenschaftliche, das heißt quantifizierende beziehungsweise kritisch reflektierende Methoden erforderlich. Dann wendet sich der Autor den Institutionen, die Wissen generierten, sammelten und weitergaben (wie Akademien, Universitäten, Bibliotheken), den Bedingungen, unter denen der einzelne Forscher arbeitete (Urheberrecht), ferner der systematischen und enzyklopädischen Ordnung des Wissens und dessen Distribution, den Orten, Wegen und Medien, aber auch den Hindernissen der Verbreitung von Wissen und Bildung zu. Am Schluss fragt er nach dem Ergebnis, dem (durchaus ambivalenten) Fortschritt, und wirft die Frage auf, warum es vor dem Ersten Weltkrieg nicht auch außerhalb des Westens zu einer eigenen „Wissensrevolution“ gekommen sei und man sich daher dort vielfach genötigt sah, auf das im Westen produzierte Wissen zurückzugreifen.

Christliche Missionen und religiöse Globalisierung

Der Westen verbreitete aber nicht nur sein neues Wissen, sondern auch seine alten Glaubensüberzeugungen. „Christliche Missionen und religiöse Globalisierung“ prägten daher das 19. Jahrhundert. Erstmals drangen nun auch protestantische Missionare in großer Zahl in „nichtwestliche“ Gebiete vor und gründeten unter anderem Missionsschulen, auf denen ein Großteil der späteren indigenen Eliten Afrikas und Asiens ihre Ausbildung erfuhr. Diese Eliten übernahmen aber nicht einfach „das“ Christentum, sie schufen vielmehr neue Varianten dieser Religion, die freilich – zum Teil sogar transkontinental – vernetzt blieben. Auf die Entstehung eines Weltchristentums reagierten indes andere Religionen mit inneren Reformbewegungen beziehungsweise mit weiterer Expansion und eigenen globalen Bestrebungen.

Weltdeutungen und Ideologien

Dabei griff in Europa selbst der Prozess der Säkularisierung und Individualisierung immer weiter um sich. Das wird an den Weltdeutungen und Ideologien sichtbar, die sich hier herausbildeten. Der einschlägige Beitrag stellt dabei eine Betrachtung von Hegels Werk an den Anfang – als den Ausgangspunkt, von dem aus sich die wichtigsten der philosophischen Strömungen der westlichen Moderne auffächerten. Hegel distanzierte sich von Kants kritischer Philosophie, die ein Wissen über die Dinge an sich ausgeschlossen hatte. Hegels absoluter Idealismus wollte vielmehr dessen System vollenden, dabei Versuche, den generellen Vorrang der Religion vor der Philosophie wiederzugewinnen, zurückweisen, aber doch mit seiner dialektischen Methode die Gegensätze versöhnen. Das Scheitern dieser Synthese führte zum Zerfall der Hegelschule in verschiedene Richtungen. Manche Autoren verschärften Hegels Ansätze einer Religionskritik, andere bauten auf dessen Potential soziopolitischer Kritik auf und forderten Liberalisierungen, ja eine Säkularisation des Staates. Schließlich entwickelten manche die These, dass nicht die Philosophie, sondern die Naturwissenschaften die Führungsrolle bei der Deutung der Welt übernehmen müssten. Damit entstand der Szientismus in seinen beiden Hauptvarianten, dem Positivismus und dem Materialismus, Letzterer zum Beispiel in seiner Sonderform des Marxismus. Andererseits wendeten sich Existenzialismus und Irrationalismus gegen Hegels Betonung der Allgemeinheit der Vernunft. Diese verschiedenen Linien werden nun im Einzelnen verfolgt. Am Ende steht ein Ausblick auf die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts, auf Formen des Pragmatismus und des Relativismus, schließlich auf die Abkehr von der Bewusstseins- und die Hinwendung zur Sprachphilosophie. Alle diese unterschiedlichen Ansätze blieben natürlich nicht auf den westlichen Diskursraum beschränkt. Als Beispiele für ihre weltweite Wirkung seien hier beispielhaft nur die Rezeption des Positivismus durch die liberalen Oligarchien in Lateinamerika oder, ab den 1890er Jahren, jene des Sozialismus/Marxismus durch junge chinesische Intellektuelle genannt.

Autonomie der Kunst

Auch im künstlerischen Bereich machte sich die fortschreitende Säkularisierung bemerkbar. Ursprünglich war Kunst in allen Kulturen vorrangig religiöse Kunst. Das änderte sich nun, wie der Beitrag „Autonomie der Kunst“ zeigt. Er skizziert – ausgehend von den verschiedenen Zwecken, denen Kunstschaffen dienen konnte – am Beispiel der Malerei die Entwicklung des europäischen Kunstverständnisses und der Stellung der Künstler von der Vormoderne bis um 1900. Erst mit der Erfindung des Subjekts wurde die Kunst „modern“ und löste sich großenteils aus dem Wechselzusammenhang mit der Religion. Der Künstler geriet nun in das Dilemma zwischen dem eigenen Anspruch der Verwirklichung seines „Genies“ und der Abhängigkeit von Auftraggebern beziehungsweise dem (zunehmend „nationalisierten“) Kunstmarkt – eine Situation, die indes eine Vielfalt von unterschiedlichen künstlerischen Lösungen ermöglichte: Realismus, Impressionismus, Exotismus usw. Auch der künstlerische Ausdruck zeigte somit letztlich Auffächerungs- und Globalisierungstendenzen.

Veränderungen der politischen Welt

Bieten die Beiträge im Kapitel „Kultureller Wandel“ Perspektiven aus ganz unterschiedlichen Richtungen (Geistes-, Kirchen-, Kunstgeschichte), so sind die Artikel im Kapitel „Veränderungen der politischen Welt“ eher komplementär angelegt. Denn politische Revolutionen – verstanden als gewaltsame, von breiteren Kreisen einer Bevölkerung getragene, zumindest vorübergehend erfolgreiche Bewegungen – konnten schwerpunktmäßig in zwei verschiedene Richtungen wirken. Entweder zielten sie – wie die nordamerikanische Revolution oder die Revolutionen in Spanisch-Amerika – auf staatliche Unabhängigkeit, waren also Teil der sogenannten ersten Dekolonisation. Oder aber sie beinhalteten einen Umsturz der inneren soziopolitischen Ordnung, wie die Revolutionen in Frankreich 1789, in Russland 1905/1906 oder in China 1911/1912. Aber staatliche Unabhängigkeit und innere Ordnung waren natürlich verknüpft: Das Ende des Qing-Reichs ermöglichte Tibet und – als Vasall Russlands – formal auch der Mongolei die Erlangung ihrer Souveränität. Der Erfolg der Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika wäre ohne die durch Napoleon ausgelösten inneren Wirren in Spanien und Portugal kaum zu erklären. Dabei verdrängte aber auch eine „heimische“, kreolische, Elite die Repräsentanten der Kolonialmacht aus den Spitzenpositionen, wie überhaupt der Aufstieg neuer Eliten, zum Beispiel der „Jungtürken“, für den Erfolg mancher revolutionärer Bewegungen grundlegend war. In Europa veranlasste der (zeitweilige) Erfolg einer revolutionären Bewegung andererseits nach 1815 nicht selten reaktionäre auswärtige Mächte zur Intervention. In Asien und Afrika, teilweise auch in Lateinamerika, lieferten innere Unruhen in einem Land den imperialistischen Mächten oft genug einen Vorwand, zum Schutz ihrer Bürger oder ihrer ökonomischen Interessen militärisch einzugreifen, was zu indirekter, im subsaharischen Afrika, in Süd- und Südostasien regelmäßig zu direkter Kolonialherrschaft führte.

Zwischenstaatliche Beziehungen

So widmet sich der Beitrag „Zwischenstaatliche Verflechtungen und politische Revolutionen“ zunächst den Ursachen politischer Machtverschiebungen zugunsten Europas beziehungsweise des „Westens“ und der Verbreitung von deren Ideen hinsichtlich der Gestaltung „internationaler“ Beziehungen. Dann verfolgt er die – vorrangig revolutionsbedingten – Veränderungen innerhalb des europäischen Staatensystems, die durch dessen Einfluss verschärfte Krise der islamischen Welt sowie die Staatsbildungen im subsaharischen Afrika, in Süd- und Südostasien samt ihrem regelmäßig erfolglosen Bemühen, innere Stabilität herzustellen und sich dem zunehmenden imperialistischen Druck zu entziehen. Den meisten Gebieten des amerikanischen Doppelkontinents gelang es zwar frühzeitig, ihre kolonialen Herrschaften abzuschütteln und eigene Staaten zu bilden, doch blieben sie häufig dem Druck des Finanzimperialismus ebenso ausgeliefert wie Ostasien, das dem Einfluss der imperialistischen Mächte „geöffnet“ wurde. Während aber Japan dann infolge einer erstaunlichen Modernisierungsleistung rasch zur Regionalmacht aufstieg und selbst imperialistische Politik betrieb, löste sich das zunächst von Nepal über Burma und Vietnam bis Korea und das östliche Zentralasien reichende Tributsystem des chinesisch-mandschurischen Reiches auf, als dieses selbst eine Semikolonie der Großmächte wurde und schließlich teilweise zerfiel.

Die Globalisierung Europas

Kolonialismus und Imperialismus sind somit ein grundlegendes Kennzeichen des langen 19. Jahrhunderts. Der Beitrag „Die Globalisierung Europas“, der zahlreiche Ausführungen zu den Themen Handel, Migration und Mission mit umfasst, stellt diese Entwicklung als einen schon im 15. Jahrhundert einsetzenden Prozess der zunehmenden Verflechtung der Welt dar. Dieser Vorgang lässt sich nicht einseitig nur als eine auf „Modernisierung“ angelegte „Herausforderung“ durch die Expansion rivalisierender europäischer Mächte (schließlich auch der USA und Japans) deuten, sondern umfasst auch die flexiblen „Antworten“ der betroffenen kolonialen Gesellschaften. Untersucht wird zunächst der Übergang „vom Handel zur Herrschaft“, der Auf- beziehungsweise Ausbau der britischen, niederländischen und französischen Positionen in Süd- und Südostasien, aber auch die territoriale Ausdehnung Russlands auf Nord- und Zentralasien sowie den „Fernen Osten“. Dabei kommen ferner die Formen indirekter Herrschaft, die „Religionsprotektorate“ europäischer Mächte über christliche Untertanen islamischer Herrscher und über Missionare sowie die ökonomische Durchdringung formal weiterhin souveräner Reiche wie China zur Sprache. In eine ihnen weitgehend unbekannte Welt drangen die Europäer im Bereich der Südsee und des inneren Afrika ein, die sie praktisch unter sich aufteilten, wobei die verschiedenen Kolonialmächte der indigenen Bevölkerung in unterschiedlicher Weise, aber meist mit höchst problematischen Folgen, ihre eigenen administrativen, ökonomischen und religiösen Vorstellungen aufzudrängen suchten. Nicht vergessen werden schließlich die Rückwirkungen auf den Westen, welche dieser Prozess auf das westliche Bild „des Asiaten“, „des Südseebewohners“ oder „des Afrikaners“ hatte.

Der „Verfassungsstaat“

Mehr der sich wandelnden inneren Ordnung der „westlichen“ Staaten und der mehr oder minder nach deren Vorbild gestalteten politischen Strukturen – zum Beispiel der neuen lateinamerikanischen Staatsgebilde –, aber auch dem Versuch der soziopolitischen Neuordnung alter Länder und Reiche wendet sich der Beitrag über die Verfassungsentwicklung zu. Ausgehend von der Frage, was „moderne“ Verfassung bedeutet beziehungsweise welche Elemente sie charakterisieren, unterscheidet er verschiedene „Verfassungswellen“. Die ersten modernen Verfassungen von weiterwirkender Bedeutung finden sich in Nordamerika seit 1776 und in Frankreich seit 1789/1791. Mehr oder minder unter französischem Druck wurden Verfassungen ab 1795 in Anlehnung an das (jeweilige) französische Vorbild in den sogenannten Schwesterrepubliken beziehungsweise Satellitenstaaten eingeführt. Dagegen diente die Verfassung der USA samt der in ihr angelegten checks and balances nach 1814 vielen neuen Staaten in Lateinamerika als Vorbild, ohne ihnen freilich ein hohes Maß an innerer Stabilität zu vermitteln. Der Konstitutionalisierungsprozess in Europa empfing seine Anregungen dagegen zunächst von der Charte Ludwigs XVIII., die das monarchische Prinzip in den Mittelpunkt stellte. Eine neue Verfassungswelle wurde in Europa dann durch die Revolution von 1830 ausgelöst – mit der belgischen Verfassung von 1831 als nunmehrigem Schnittmuster. Während der Revolutionsjahre 1848/1849 wurden schließlich fast alle europäischen Staaten konstitutionalisiert, und wenn danach in manchen Ländern Neoabsolutismus beziehungsweise Bonapartismus zum Tragen kamen, wurden sie von der nächsten Verfassungswelle (1866/1878) ebenso hinweggespült wie das zweite mexikanische Kaisertum. Nicht zuletzt erfasste diese Welle auch die neuen südosteuropäischen Staaten, kurzzeitig sogar das Osmanische Reich. Das zeigt, dass die Verfassungsidee mittlerweile eine globale Dimension anzunehmen begann: Auch Japan, Russland und China erhielten – freilich zumindest tendenziell sehr autokratische – Verfassungen. Nicht zuletzt in den USA und im British Empire aber machte die Demokratie Fortschritte: Schwarze erhielten das Wahlrecht, Frauen forderten dasselbe, und den britischen Siedlungskolonien wurde das Recht zur Selbstverwaltung zugesprochen.

Nationalstaatsbildung und kartographische Fragen

Allgemeine Schulpflicht und allgemeine Wehrpflicht, die allerdings – ebenso wie vor 1918 regelmäßig auch das „allgemeine Wahlrecht“ – Frauen nicht berücksichtigte, zeigen, wie es dem modernen Staat zunehmend gelang, die Gesamtheit seiner Untertanen zu erfassen. Diese „Massenmobilisierung“ besaß jedoch auch eine emanzipatorische Seite: Der Verfassungsstaat band erheblich breitere Schichten in die politischen Entscheidungen mit ein, als es etwa ein autokratisches Regime vermochte. Die „Moderne“– wenngleich sie sich noch nicht überall und vollständig durchgesetzt hatte – war geboren und mit ihr eine Vielzahl an Nationalstaaten. Das schlägt sich nun bis heute in der Historiographie nieder, so dass zum Beispiel selbst die von der UNESCO herausgegebene »General History of Africa«/»Histoire générale de l’Afrique« praktisch aus lauter Nationalstaatsgeschichten besteht – auch für all jene Epochen, in denen diese Nationalstaaten noch nicht einmal ansatzweise existierten! Das erschwerte eine transnationele Perspektive. Ein entsprechendes Problem stellt sich – wie generell für die Vormoderne – hinsichtlich der kartographischen Darstellung von Ländern und Reichen. Erst 1914 kann man mehr oder minder überall auf der Erde von eindeutigen „Staatsgrenzen“ sprechen (vgl. S. 291f.). Die abgestuften Vasallitäts- beziehungsweise Tributbeziehungen aber, die zuvor in weiten Teilen der Welt üblich waren, lassen sich kaum adäquat wiedergeben. Insofern sollen die Grenzen auf den Weltkarten der Seiten 288f., 336f. und 400f. großenteils lediglich der ungefähren Lokalisierung von Herrschaftsbereichen dienen. Es ist zu hoffen, dass sie auf diese Weise dem Leser die Orientierung erleichtern und damit sein Gefallen an unserem Werk erhöhen.

Bevölkerung, Wirtschaft und Technik

Das »Eisenwalzwerk« von Adolph von Menzel gilt als die erste größere Industriedarstellung in Deutschland (158 × 254 cm). Als Vorbild dienten Menzel Betriebe im schlesischen Königshütte (Chorzów), nach dem Ruhrgebiet der damals modernsten Industrieregion Deutschlands.

Demographische Revolution – Die Geschichte der Weltbevölkerung

Georg Fertig

Demographie und Geschichte

Es ist kein Zufall, dass die Demographie in einer Weltgeschichte ein eigenes Kapitel einnimmt, und zwar besonders in dem Band, der sich mit der Entstehung der Moderne befasst. Die demographischen Entwicklungen dieser Epoche sind ziemlich gewichtig. Sie sind aber auch im Verhältnis zu anderen Aspekten der Geschichte etwas Eigenes. Demographie ist viel weniger als die Geschichte der Staaten und Gesellschaften, des Wissens und des Glaubens einem verstehenden und interpretierenden Blick zugänglich, auch wenn ihre Auswirkungen auf all diese Bereiche nicht zu ignorieren sind. Was man von der Historischen Demographie nicht erwarten sollte, ist, dass sie auf Grund der sehr persönlichen Daten, die sie verarbeitet (Namen, Geburts-, Heirats- und Todesdaten) und mit Hilfe geheimnisvoller Methoden irgendwie die Menschen in ihrem Kern und in allem, was ihnen wirklich wichtig war, erfasst und so den vielen von der politischen Geschichte nicht zum Sprechen gebrachten Menschen ein eigenes Gesicht und eine Stimme in der Geschichte gibt. In der Demographie geht es zunächst einmal nur um das blanke Präsent-Sein von zählbaren Menschen. Dazu gehören auch die Fragen, wie es zu diesem Präsent-Sein kommt (Kinder werden gezeugt, Zuwanderer kommen ins Land), wie es sein Ende findet (durch Abwanderung und Tod) und was für Konsequenzen das Präsent-Sein von Menschen hat – es kann nämlich ebenso gut das Blühen aufstrebender Landstriche anzeigen, wie es drangvolle Enge verursachen kann.

Untersuchung der Präsenz von Menschen

Präsent-Sein mag ein trockenes und sperriges Thema sein, aber ohne Menschen gibt es keine Geschichte, ohne Geburt und Tod keinen Lebenslauf, ohne Familien keine Wirtschaft. Die eigentümlichen Methoden der Demographie – bei denen es im Kern um mathematische Eigenschaften nicht der Individuen, sondern von Kohorten gleichzeitig geborener Menschen über die Zeit hinweg geht – bieten dabei eine Chance, die Ebenen des Einzelnen und des Kollektivs auf eine spezielle Art zu verbinden. Es geht hier nämlich nicht darum, dass das Einzelschicksal multipliziert mit Hundert oder mit einer Milliarde eben eine sehr große Zahl ergibt. Vielmehr hat das Vorhandensein der Hunderte oder Milliarden in einem bestimmten Raum (oder auch ihre kollektive Lebenserwartung und Fruchtbarkeit) Konsequenzen für die Einzelnen: Wo niedrige Lebenserwartung und niedrige Fruchtbarkeit vorwiegen, haben die meisten Menschen nur wenige Verwandte; wo die Bevölkerung wächst, kann es zum Verfall der Arbeitslöhne kommen; wo der Anteil der arbeitsfähigen Jahrgänge gering ist, muss man darüber nachdenken, wie die Gesellschaft Transferleistungen für die Alten und die Jungen organisiert. Mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ist die Demographie also eng verbunden.

Demographie und Kultur

Da es bei der Demographie nicht nur um das Zustandekommen der Bevölkerungszahl geht, sondern auch um ihre Konsequenzen, hat sie letztlich aber auch ganz erhebliche Implikationen für die Kulturgeschichte – nicht, wie es die ältere Forschung in nur selten gelingender Weise versucht hat, in der Art, dass aus der Zuständigkeit der Historischen Demographen für das Thema Heirat auch eine Expertise für das Thema Liebe und Emotion erwüchse, aus ihrer Zuständigkeit für illegitime Geburten eine Expertise für das Thema der Sexualität oder aus ihrer Zuständigkeit für das Thema Tod eine Expertise für die Frage der Kunst des Sterbens. Zu Liebe und Tod können wir bei Theologen, Soziologen und Literaturwissenschaftlern oft Kompetenteres anstelle solcher „demographischer Psychologie“ lesen. Es ist aber so, dass die Bevölkerung – vom Einzelnen aus betrachtet – immer aus anderen Menschen besteht, die auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmungen werden ganz besonders dort akut, wo jemand kommt oder geht. Demographische Ereignisse und Strukturen stellen also Bruchlinien dar, an denen in historisch unterschiedlicher Weise „demographische Konflikte“ auftreten. Heute sind bei uns Zuwanderung, Altersversorgung, Abtreibung und Sterbehilfe solche aktuellen, heißen Themen. Im Übergang zur Moderne stritt man eher über Familiengründung, Abwanderung und die Verantwortung für Kinder. Historische Demographie hat also auch viel damit zu tun, Wahrnehmungen und Regulierungen an diesen Bruchlinien zu untersuchen. Hierin und nicht in der nur scheinbar aufregenden Geschichte von Sex und Tod liegt ihre kulturhistorische Relevanz.

Veränderungen und große Zusammenhänge

Zwischen 1750 und 1914 wuchs die Weltbevölkerung von 720 auf 1825 Millionen Menschen. Die Weltbevölkerung wurde aber nicht nur zahlreicher, sondern auch europäischer und amerikanischer, während die Anteile des großen Asien und Afrikas zurückgingen. In derselben Zeit kam es in den westlichen Ländern zu zwei fundamentalen demographischen Vorgängen: zum Entkommen aus der „malthusianischen Falle“ und zum demographischen Übergang. Beide haben mit diesem zunehmenden Gewicht des Westens zu tun und blieben nicht auf die westlich-nordatlantische Welt beschränkt.

Ausbruch aus der „malthusianischen Falle“

Mit dem Begriff der „malthusianischen Falle“ wird ein Grundproblem praktisch aller Gesellschaften der Vormoderne bezeichnet: Tendenziell blieb wirtschaftlicher Fortschritt, auch wenn er möglich war, nutzlos, denn dort, wo mehr Produkte – vor allem Lebensmittel – hergestellt wurden, konnten auch mehr Menschen überleben. In der Vormoderne führte Bevölkerungswachstum stets zu einem Verfall der Löhne und Anstieg der Lebensmittelpreise, und hohe Preise hatten Hungerkrisen und erhöhte Sterblichkeit zur Folge. Im linken Teil von Grafik 1 kann man diesen Zusammenhang für England klar sehen: Auf der horizontalen Achse ist der Reallohn seit dem 14. Jahrhundert eingetragen, auf der linken vertikalen die Bevölkerungsgröße. Die einzelnen mit einer durchgezogenen Linie verbundenen Punkte bestehen jeweils aus den für bestimmte Zeitpunkte oder Zeiträume ermittelten gleichzeitigen Werten von Reallohn und Bevölkerungsgröße. In England galt bis ins 17. Jahrhundert: Je größer die Bevölkerung, desto geringer der Reallohn. Danach (rechter Teil der Grafik) begann der Reallohn trotz etwa gleichbleibender Bevölkerung anzusteigen, und ab etwa 1800 kletterten sogar beide – Bevölkerung und Reallöhne – gleichzeitig. Ein ähnliches Umkippen des Fundamentalzusammenhanges von Bevölkerung und Reallohn ist auch in anderen Ländern, etwa in Deutschland, beobachtet worden, nur dass dieser Prozess dort später einsetzt.

Verteilung der Weltbevölkerung um 1750(nach: Dupâquier/Bardet 1998, Nordamerika korrigiert nach Ubelaker 1988).

Verteilung der Weltbevölkerung um 1914(nach: Dupâquier/Bardet 1998 und nach Maddison 2001).

Grafik 1: Reallohn und Bevölkerung in England (Reallöhne von Londoner Bauarbeitern nach Allen 2001 [Gramm Silber pro Tag, dividiert durch in Gramm Silber bemessene Kosten eines Warenkorbs lebensnotwendiger Güter in Straßburg um 1745–1754]; Bevölkerung nach Clark 2007a).

Den als malthusianische positive checks fungierenden Hungerkrisen konnten Bevölkerungen durch den preventive check entgehen, wenn sie gar nicht erst so stark anwuchsen und stattdessen weniger Kinder zur Welt kamen. Das konnte dann zu einem dauerhaft höheren Pro-Kopf-Einkommen führen – jedoch nur in begrenztem Maße, denn bis zum Aussterben konnte man diese Strategie nicht gut treiben. Anders als ein verändertes Heirats- und Geburtenverhalten konnte technologischer Fortschritt das Einkommensniveau jedoch nicht dauerhaft anheben; er führte unweigerlich zu mehr Überlebenden und damit wieder zu demselben Pro-Kopf-Einkommen für eine gewachsene Bevölkerung. Dieser theoretisch und empirisch bis in die Frühe Neuzeit gut belegbare Zusammenhang brach zwischen 1700 und 1800 zunächst in England auf. Männer und Frauen heirateten jünger und blieben seltener ledig, die Bevölkerungszahl nahm zu, aber die Preise stiegen nicht mit an, und die Durchschnittseinkommen wuchsen mit einiger Verzögerung, anstatt zusammenzubrechen. Hierin besteht die demographische Seite dessen, was auch in der neuesten Forschung zur globalen Wirtschaftsgeschichte (etwa bei Robert Allen und Jan Luiten van Zanden) als Industrielle Revolution bezeichnet wird. Sie bedeutete einen fundamentalen Bruch in der Wirtschaftsgeschichte: Aller ökonomischer Fortschritt in den Jahrhunderten zuvor war immer wieder von zusätzlichen Menschen mehr oder weniger aufgezehrt worden, nur die Handelsgewinne und Innovationen seit dem 17. und 18. Jahrhundert nicht. Dafür, von einer bloßen „Industrialisierung“ zu sprechen, gibt es gewiss gute Argumente – die Weltgeschichte kennt viele regionale Industrialisierungen und „Proto-Industrialisierungen“ von epochal eingeschränkter Bedeutung (s. dazu auch das folgende Kapitel). Der grundlegende Bruch im Systemzusammenhang von Wirtschaft und Bevölkerung, der zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert einsetzte, rechtfertigt es aber auch, eben von einer revolutionären Veränderung zu sprechen – nicht, weil damit erstmals Marktwirtschaft entstanden wäre oder weil die europäischen Gesellschaften bis zum 18. Jahrhundert keine Arbeitsmärkte gekannt hätten oder weil sich mit der Industriellen Revolution der Profitgedanke durchgesetzt hätte oder weil das mit ihr einsetzende Wachstum die Wirtschaft plötzlich und rasch nach oben gezogen hätte – das ist alles nicht der Fall. Die Industrielle Revolution besteht darin, dass man für die in Grafik 1 abgebildeten Epochen zwei völlig unterschiedliche Trendlinien zeichnen kann: eine vorindustrielle, die von links oben nach rechts unten führt, und eine industrielle von links unten nach rechts oben.

Gründe für den Umbruch: 1. Innovationen

Es ist umstritten und bis heute nicht wirklich geklärt, weshalb das möglich wurde. Mehrere Aspekte sind wichtig: Zum einen veränderte sich die Art der Innovationen. Vor der Industriellen Revolution waren sie sporadisch, mit ihr entstand der Beruf des Ingenieurs. Ab dem 18. Jahrhundert wurden Erfindungen systematisch betrieben und finanziert, manche (nicht alle) von ihnen lohnten sich auch für die Erfinder selbst, weil das Patentwesen sich etablierte. Innovationen gingen nun auch jeweils in die benötigte Richtung. Die beiden folgenden Abbildungen machen das deutlich. Die linke zeigt einen britischen, die rechte einen chinesischen Töpferofen. Im britischen Ofen entweicht die Hitze nach oben, man unterhält nur ein Feuer, das von einer Person geschürt werden kann. Im chinesischen Ofen, der um ein Vielfaches aufwendiger zu bauen ist, wird die Hitze durch ein System aus mehreren Kammern hangaufwärts geleitet, und es müssen mehrere Feuer unterhalten werden. Die Beobachtung, dass in China energiesparende, in Europa dagegen arbeitssparende Innovationen entwickelt wurden, lässt sich auf die europäische Industrialisierung übertragen. In England, wo Kohle billig und Arbeit teuer war, ersetzte die Dampfmaschine körperliche Arbeit durch Energie; in der deutschen Landwirtschaft, wo Stickstoff knapp und Arbeitskraft reichlich vorhanden war, fing man an, das Rindvieh im Stall zu halten, ihm Futter zu bringen und seinen Dung sorgfältig zu sammeln und zu verteilen – harte, zu großen Teilen von Frauen geleistete körperliche Arbeit. Ökonomische Gesetzmäßigkeiten wie die „malthusianische Falle“ gelten stets ceteris paribus und bedeuten keine eisernen, unüberwindlichen Hindernisse, sondern setzen sich nur mit einer gewissen Zeitverzögerung durch. Die „malthusianische Falle“ war eng genug, so dass es in der Wirtschaft vor dem großen Systemwechsel auf längere Sicht nichts nützte, wenn eine einzelne Innovation die Technologie voranbrachte. Ganz andere Konsequenzen hatte aber der systematische Strom an Innovationen, der ab dem 18. Jahrhundert einsetzte.

Töpferofen in England (nach: Allen 2009).

2. Ausweitung der Produktmärkte

Neben den Innovationen liegt in der geographischen Ausweitung der Produktmärkte ein zweiter Aspekt, der die ab dem 18. Jahrhundert massiv verbesserte Aufnahmefähigkeit der westlichen Volkswirtschaften für zusätzliche Menschen erklären kann. Wenn man nur lokal nachgefragte Güter produziert, wie das etwa das traditionelle Landhandwerk tat, dann wird der Platz für den zweiten, dritten oder vierten Schmied im Dorf sehr rasch eng. Bereits seit dem 16. Jahrhundert bildeten sich aber besonders für Textilien überregionale, bald auch internationale und die Kontinente überspannende Märkte. Schon im 17. Jahrhundert gelang es den Ländern der Nordseeregion, vor allem den Niederlanden und England, eine zentrale Position im Welthandel zu erobern. Dass England (nach kleinen Anfängen um 1700) im späten 18. Jahrhundert dazu überging, Baumwollstoffe nicht nur weiterzuverkaufen, sondern in großen Mengen selbst herzustellen und nach Afrika und auf den europäischen Kontinent zu exportieren, drückte für die Textilproduzenten zwar weltweit die Preise, aber dies nur langsam – die meisten davon lebten in Indien. Im 19. Jahrhundert fielen durch den Eisenbahnbau die Transportkosten auch für Getreide. Entsprechend stark waren die Anreize, die landwirtschaftliche Produktion auch dann zu steigern, wenn dies einen erhöhten Arbeitseinsatz verlangte. Die Ausweitung von Märkten dämpfte und verlangsamte also den Einkommensverfall, den das Bevölkerungswachstum tendenziell mit sich brachte.

Töpferofen in China (nach: Allen 2009).

3. Relativ hohe Reallöhne

Drittens wird zunehmend betont, dass der Entwicklungspfad Englands hin zu arbeitssparenden Innovationen und hoher Arbeitsproduktivität deshalb möglich wurde, weil Arbeit dort schon lange relativ teuer war. Das hat wiederum damit zu tun, dass auch lange vorher die Bevölkerung dort nicht so rasch wuchs, wie es möglich gewesen wäre. Die Pest, aus Asien kommend und dort zum Teil noch heute endemisch, hatte im 14. und 15. Jahrhundert die Bevölkerung in vielen Ländern Europas dezimiert, auch in England und den Niederlanden. Der Rückgang der Bevölkerung ließ die Lebensmittelpreise fallen und die Reallöhne steigen; ihr Wiederanstieg vor allem im 16. Jahrhundert drückte die Reallöhne dann wieder – mit Ausnahme Englands und der Niederlande. Beide standen im Zentrum großer Handelsimperien, ihre Handelsgewinne trieben also die Löhne hoch; in beiden bot das hohe Lohnniveau besonders jungen Frauen Chancen auf dem Arbeitsmarkt, was Anlass bot, die Heirat zu verschieben, so dass die Bevölkerung langsamer wuchs. An dieser Stelle sehen manche das Entstehen der sehr speziellen Selbständigkeitskultur, die in Europa westlich von St. Petersburg und Triest die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen prägte: Man heiratete aus eigenem Entschluss, schob vor dem Familienleben eine Phase des Arbeitens für andere ein, heiratete auch möglichst nicht Hals über Kopf, und wenn man heiratete, war man für den Unterhalt der neugegründeten Familie auch selbst verantwortlich.

4. Natürliche Ressourcen

Einen vierten gewichtigen Beitrag zum raschen und von der Bevölkerung nicht absorbierten Wirtschaftswachstum des 19. Jahrhunderts leisteten die zusätzlichen Inputs aus der Natur, die der westlich-nordatlantischen Wirtschaft in dieser Zeit zugänglich wurden. Das galt zunächst für die „unterirdischen Wälder“ der Kohle in England, Belgien, Nordfrankreich, Preußen – Energiepreise waren in Europa, besonders in England, massiv niedriger als etwa in China, wo konsequenterweise – wie wir anhand der beiden Abbildungen gesehen haben – die Innovationen viel eher energie- und weniger arbeitssparend waren. Zusätzliche Inputs boten aber auch die weiten Landstriche, die vor allem an den nordamerikanischen Rändern der europäischen oder besser europäisch werdenden Welt unter Verdrängung der indianischen Ureinwohner besiedelt wurden. An diesem Punkt ist die Bevölkerungsgeschichte mit der des Wirtschaftswachstums über das Thema Migration verbunden.

Migrationen

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit großer Wanderungsbewegungen besonders aus Europa nach Nordamerika (s. S. 82f.). Ältere Vorstellungen einer „Migrationstransition“ besagen, dass die Bevölkerung in vormodernen Gesellschaften grundsätzlich sesshaft war und dass erst die Modernisierung Europas Massenwanderungen und damit die Nutzung neuer Räume ermöglichte. Unser Bild schon des Mittelalters und erst recht der Frühen Neuzeit hat sich demgegenüber in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt. Europa und die Welt erscheinen in neuerer Sicht voller Bewegung von einem Ort und einem Kontinent zum anderen, und zwar immer schon: Erzählungen über Handwerker, Vaganten, Scholaren, Wikinger und „Zigeuner“, Nomaden, Buren und Zulus, Entdecker, Kreuzfahrer und Sklaven vermitteln den Eindruck, Migration habe immer schon und überall zur conditio humana gehört. Das ist auch richtig so, aber nur mit zwei Einschränkungen: Im 19. Jahrhundert waren die europäischen Migrationsraten tatsächlich deutlich höher als sonst, und ganz grundsätzlich war die europäische Gesellschaft stärker als andere von Arbeitsmärkten geprägt – von Märkten für „freie“ Arbeit, die mit ihrer eigentümlichen Verbindung von individuellem Vertragsschluss und persönlich verpflichtender Rechtsbeziehung eine über Jahrhunderte gewachsene und nicht selbstverständliche juristische Konstruktion darstellen. Ein Großteil der europäischen Überseewanderung kann als eine Ausweitung der europäischen Arbeitsmärkte verstanden werden. Eine alternative Möglichkeit, Land in der „Neuen Welt“ als ökonomischen Input zu nutzen, bestand darin, unfreie Arbeitskräfte dorthin zu bringen. Das betraf sowohl Sklaven aus Afrika als auch Kulis (Vertragsarbeiter, die aus ihren Verträgen zu entkommen keine Chance hatten) aus Asien. Je knapper Arbeitskräfte waren und je weiter das Land, desto eher wurde Zwang eingesetzt. Die halb aus afrikanischen Gesellschaften importierte, halb aus der europäisch-mediterranen Antike übernommene Institution der Sklaverei hatte allerdings im 19. Jahrhundert zwei Probleme, ein demographisches und ein politisches: Demographisch gelang es den Sklavenbesitzern in keiner der neuweltlichen Plantagengesellschaften mit Ausnahme der USA, die versklavte Bevölkerung ohne Sklavenhandel zu reproduzieren. Dieser aber wurde bereits 1807/1808 zumindest von amerikanischer und wichtiger noch von britischer Seite verboten – auch wenn es lange dauerte, bis dieses Verbot etwa in Bezug auf Brasilien, aber auch auf die afrikanischen Sklavenjägergesellschaften durchgesetzt wurde. Politisch hatte die Sklaverei besonders in den USA und im britischen Weltreich das Problem, dass die Sklaven sie nicht wollten und die freien Arbeiter sie fürchteten. Zugleich widersprach die Sklaverei christlichen, besonders protestantischen Werten der Gleichheit. Als Institution brach die westliche Sklaverei im Lauf eines knappen, von der haïtianischen Sklavenrevolution 1791 bis zur verspäteten Emanzipation in Brasilien 1888 reichenden Jahrhunderts zusammen – eine volkswirtschaftlich durchaus leistungsfähige Produktionsweise, zur Seite geräumt nicht von den Kräften des ökonomischen Fortschritts, wie viele Zeitgenossen meinten, sondern von Politik und Religion.

Der „demographische Übergang“

Neben dem Entkommen aus der „malthusianischen Falle“ liegt der zweite Fundamentalvorgang, der im 19. Jahrhundert zunächst in Nordwesteuropa einsetzte, im „demographischen Übergang“: im Absinken der Sterbe- und Geburtenrate, wie es im 20. Jahrhundert als entwicklungspolitisches Vorbild und Modell für die ganze Welt festgeschrieben wurde. Mit dem „demographischen Übergang“ ist zunächst die Beschreibung dieses Vorganges gemeint, der als solcher unstrittig und rasch benannt ist: Dass unsere Kinder die ersten Tage und Monate überleben und dass wir ein Alter von über 80 Jahren erreichen, ist für uns hier und heute ungleich sicherer als für unsere Vorfahren um 1700; und eine solche Zunahme der Lebenserwartung ist ein weltweiter Vorgang. Zugleich bekommen wir im Durchschnitt nicht mehr vier bis sechs Kinder, wie es in Europa im 18. Jahrhundert normal war, sondern ein bis zwei (oder keines). Auch dieser Trend gilt weltweit. Mit dem „demographischen Übergang“ als Modell sind aber auch Annahmen über den typischen Verlauf dieser Vorgänge verbunden, wie sie in Grafik 2 skizziert werden. Anfänglich lagen Geburten- und Sterberaten danach auf ungefähr gleich hohem Niveau, danach fiel erst die Sterbe- und dann zeitverzögert die Geburtenrate. Dies führte zu einem Schub an Bevölkerungswachstum, bis beide Raten sich auf einem niedrigen Niveau wieder einpendelten. Diese Verlaufsvorstellung ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Das gilt schon für den damit vorausgesetzten vortransitionären Normalzustand eines ungefähren Nicht-Wachstums der Bevölkerung. Die „malthusianische Falle“ besagt nämlich nicht, dass die Bevölkerung nicht wachsen kann, sondern nur, dass das Pro-Kopf-Einkommen auch bei technischem Fortschritt tendenziell konstant bleibt, weil die Bevölkerung auf verbesserte Technologien eben mit Wachstum reagiert. In vielen europäischen und außereuropäischen Regionen war bereits das 18., ja schon das 16. Jahrhundert eine Phase wachsender Bevölkerung. Insofern muss man auch nicht annehmen, dass das Bevölkerungswachstum aus einer Verspätung des Fruchtbarkeitsrückgangs gegenüber der Sterblichkeit resultiert. Grafik 3 zeigt die Verläufe der Bruttoreproduktionsrate (also der Töchter pro Frau) und der Lebenserwartungen für Frankreich, England, Costa Rica und ein philippinisches Dorf im langen 19. Jahrhundert. Dass zunächst die Sterberaten und dann erst die Geburten zurückgingen, ist in keiner Weise die Regel – das war so im Fall Schwedens, also des Landes, dessen Daten am längsten bekannt sind, aber in Frankreich waren das parallele Vorgänge, und in England stiegen die Geburten zunächst an. Costa Rica zeigt im 19. Jahrhundert heftige Schwankungen und das philippinische Dorf einen im Licht der Übergangsthese geradezu perversen Verlauf abnehmender Lebenserwartung und zunehmender Fruchtbarkeit. Als Verlaufsmodell mit allgemeiner Gültigkeit ist der „demographische Übergang“ offenbar untauglich.

Grafik 2: Modell der demographischen Transition (nach: Livi-Bacci 1997).

Faktoren sinkender Sterblichkeit

Hinter diesen Problemen steckt die grundsätzlichere Frage, was denn eigentlich die treibende Kraft beim „demographischen Übergang“ ist. Dass im 19. Jahrhundert in Europa (aber z.B. nicht in China) die Sterblichkeit zurückging, ist dabei in allererster Linie eine Folge des Wirtschaftswachstums, das mit einiger Verzögerung zu einer besseren Ernährung der breiten Bevölkerung führte. Die Verzögerung war dabei nicht unerheblich: Es dauerte Jahrzehnte, bis das gestiegene Bruttosozialprodukt an den Reallöhnen, der Lebenserwartung oder der Körpergröße breiter Massen messbar wurde. Medizinischer Fortschritt spielte eine geringere Rolle – obwohl die frühe Einführung der Pockenschutzimpfung von Gewicht war. Krankenhäuser verbreiteten noch lange mehr Krankheiten, als sie Heilung ermöglichten – es war schon ein Fortschritt, wenn die Patienten wenigstens an derjenigen Krankheit starben, mit der sie eingeliefert wurden. Zwar war die Industrialisierung lange Zeit medizinisch gesehen zutiefst ungesund, und erhebliche Lohnaufschläge waren erforderlich, um Menschen überhaupt in die wachsenden Städte zu locken. Auf längere Sicht gelang es den Stadtverwaltungen jedoch, kommunal finanzierte Netze von Frischwasserversorgung und Entwässerung aufzubauen und so die Nachteile des engen Zusammenlebens auszugleichen.

Grafik 3: Bruttoreproduktionsraten und Lebenserwartungen in England, Frankreich, Costa Rica und einem philippinischen Dorf, 1750–1920 (Werte geglättet; e0 und GRR für Frankreich nach Wrigley/Schofield 1981 sowie www.mortality.org und www.gapdata.org; für England nach Wrigley/Schofield 1981; für Großbritannien nach Woods 1995; für Costa Rica nach Pérez-Brignoli 2010; für Nagcarlan eigene Berechnung nach Smith/Ng 1982).

Ursachen des Geburtenrückgangs

Nicht ganz so einfach ist die Frage zu beantworten, weshalb es zum Rückgang der Fruchtbarkeit kam – eine Frage, mit der heute auch die nach einer sinnvollen Strategie der Entwicklungspolitik angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums verbunden ist. Man kann grundsätzlich auf zwei Weisen darüber denken. In ihrer ursprünglichen, um 1945 angesichts der politischen Entdeckung der „Dritten Welt“ entwickelten Form besagte die Theorie der demographischen Transition, dass der Fruchtbarkeitsrückgang eine geradezu automatisch eintretende Folge von Wirtschaftswachstum und Abbau der Kindersterblichkeit ist. Als Politikempfehlung ergibt sich daraus, dass man eine Bevölkerungspolitik eigent lich nicht braucht: „Entwicklung ist die beste Verhütung.“ Eine andere Sicht besagt, dass der Geburtenrückgang eigentlich ein kultureller Vorgang ist, der auf der weltweiten Durchsetzung unseres heutigen Modelles von Paar- und Familienbeziehungen beruht, in dem Sexualität und Fortpflanzung voneinander gelöst und Familiengrößen grundsätzlich planbar sind. Danach bestünde Entwicklungspolitik zu einem guten Teil darin, dieses westliche kulturelle Modell weltweit zu verbreiten.

Pfade in die demographische Moderne

Demographische und Industrielle Revolution

Die eben entfalteten Problemstellungen beziehen sich auf zwei zwischen dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert in Europa einsetzende und den Westen auch zunächst von anderen Teilen der Welt unterscheidende Vorgänge, die dann erst im 20. Jahrhundert auf unvollkommene Weise global wurden. Wie kam es dazu? Wie sind diese beiden fundamentalen Brüche zu erklären? Zeitlich liegt der Ausbruch aus der „malthusianischen Falle“ vor dem demographischen Übergang; wie es zur Industrialisierung kam, wird im folgenden Beitrag diskutiert. Manche möglichen Anteile an den Voraussetzungen dessen, was man „Industrielle Revolution“ nennen kann, haben dabei selbst etwas zwar nicht mit dem demographischen Übergang, wohl aber mit dem demographischen Verhalten zu tun. So bezieht sich eine denkbare Voraussetzung der Industrialisierung auf das Bevölkerungswachstum: Wenn die Bevölkerung allzu rasch gewachsen wäre, wäre der Anreiz zu arbeitssparenden Erfindungen geringer gewesen. Ein anderer denkbarer Zusammenhang betrifft die räumliche Mobilität. Manche Autoren sehen das Revolutionäre an der Industriellen Revolution in der Herausbildung freier Arbeitsmärkte. Das passt zu der Vorstellung einer „Mobilitätstransition“, wonach die vorindustrielle Gesellschaft von Sesshaftigkeit, die industrielle Moderne dagegen von hohen Migrationsraten geprägt gewesen sei. Die Frage, welche möglichen Pfade in die oben allgemein skizzierte Richtung führten, soll im Folgenden vor allem im Vergleich westlicher mit asiatischen Gesellschaften untersucht werden.

Gemäßigte Niveaus von Fruchtbarkeit

Geburt und Tod finden in der Familie, nicht im Betrieb statt – auch wenn die klare Trennung zwischen Familien und Unternehmen selbst eine Entwicklung der Moderne ist. Wenn wir den demographischen Übergang verstehen wollen, dann müssen wir also die Familiensysteme genauer betrachten. Das gilt mit Sicherheit für die Geburten, die hier zunächst thematisiert werden sollen, vielleicht aber auch für das Sterben. Eine sehr einfache Vorstellung von dem demographischen Übergang könnte darin bestehen, dass man für die Vergangenheit Geburtenzahlen in der Höhe vermutet, die dem menschlichen (d.h. dem weiblichen) Körper möglich ist. Das würde zu Bruttoreproduktionsraten (GRR) von annähernd sechs führen (also sechs Töchter bzw. zwölf Kinder pro Frau), wie sie bei Frankokanadiern im 17. Jahrhundert und bei einer täuferischen Religionsgruppe, den Hutterern, im 20. Jahrhundert beobachtet worden sind. Solche Raten kommen aber in Ländern der sogenannten Dritten Welt im 20. und auch, soweit wir Daten haben, im 19. Jahrhundert eben gerade nicht vor. In Costa Rica und in einem philippinischen Dorf, für das Daten seit dem frühen 19. Jahrhundert vorliegen (Grafik 3), liegt die GRR zwischen 1800 und 1920 höchstens bei vier, meistens auf demselben Niveau von etwa zwei bis drei. Diese Zahl war auch in europäischen Ländern um 1700 oder 1800 normal, und zwar zum einen, weil viele Frauen (noch) unverheiratet waren, und zum anderen, weil Frauen und Männer innerhalb der Ehe eben nicht so viele Kinder zeugten, wie es körperlich möglich ist. Ähnliches gilt für China, das sich das europäische Bevölkerungsdenken seit Malthus als Gegenbild zum zurückhaltenden Europa vorgestellt hat – als eine Gesellschaft, in der alle sehr früh heirateten und so viele Menschen geboren wurden, dass jeder technische Fortschritt in Mehrbevölkerung aufging. So war das historische China aber eben nicht: Zwar heirateten (fast) alle, aber überwiegend in arrangierten Ehen, die weniger als die europäischen, die ja seit dem Mittelalter auf dem Konsens der Brautleute beruhten, mit einer intensiven sexuellen Beziehung verbunden waren. In der staatsgestützten patriarchalischen Gesellschaft Chinas fanden Paare nicht aus eigener Entscheidung zusammen, sie beschlossen nicht selbst, wann sie Kinder wollten, ja sie konnten nicht einmal selbst entscheiden, ob ihre Kinder überleben sollten – konsequenterweise lag die eheliche Fruchtbarkeit im vortransitionären China unter dem europäischen Niveau. Somit ist die Vorstellung von einer „natürlichen Fruchtbarkeit“, die dann im Zuge eines Modernisierungsprozesses durch „Geburtenbeschränkung“ abgelöst wird, irreführend.

Fruchtbarkeit als sozialer Faktor

Fruchtbarkeit ist nicht natürlich, sondern sozial. Sie hängt davon ab, welche Beziehungen Menschen eingehen und wie sie diese gestalten. Oft stellt man sich die traditionelle Gesellschaft (und damit dann gleich alle nichtwestlichen Gesellschaften) irrtümlich als das genaue Gegenteil unserer Gegenwart vor. Weil in der Begründung unserer Paarbeziehungen Emotionalität und freie Wahl eine große Rolle spielen, meint man, Ehen im Europa des 18. Jahrhunderts und solche in der Dritten Welt seien generell arrangiert und materiell begründet gewesen – oder sie seien es sogar noch. Weil bei uns die Nutzung der gängigen pharmazeutischen Technik zur Vermeidung von Schwangerschaften ein wichtiger Aspekt des Erwachsen- und Selbstverantwortlich-Werdens besonders von Mädchen ist, meint man, in traditionellen Gesellschaften habe Schwangerschaft nicht einmal im Bereich dessen gelegen, worüber Paare oder Frauen selbst entschieden hätten. Die naheliegende Tendenz, sich die Vormoderne und die außereuropäische Welt als Negativ unserer Gegenwart vorzustellen, verwischt aber die großen Unterschiede zwischen den Kulturen.

Wege der Geburtenbeschränkung: 1. Stopping

Das vortransitionäre Niveau der Fruchtbarkeit – auf halbem Wege zwischen dem biologisch Möglichen und dem in der Moderne normal Werdenden liegend – kann auf drei Wege der Geburtenbeschränkung zurückgeführt werden: Stopping, Spacing und Starting. Stopping entspricht der modernen Familienplanung, bei der man so viele Kinder bekommt, wie man möchte, und dann aufhört. In vormodernen Gesellschaften ist das einerseits technisch schwierig, denn sichere Methoden (Kondome, Pille, natürliche Familienplanung) sind noch nicht entwickelt, und die gängigen Methoden (Stillen und Coitus interruptus) funktionieren nicht immer. Andererseits ist es auch wegen der hohen Kindersterblichkeit fraglich, ob ein Stopping beim Erreichen der „Zielkinderzahl“ überhaupt sinnvoll ist. Wann Stopping einsetzte, war lange ein wichtiges Thema der bevölkerungsgeschichtlichen Forschung. Es gibt durchaus schon für die Zeit um 1700 Belege für Familien aus städtischen Oberschichten der Schweiz, die ein gewisses Interesse daran hatten, ihre Söhne zum Beispiel im Rat der Stadt zu platzieren, dies aber nur für eine begrenzte Zahl erreichen konnten. Vielleicht spielt auch der Calvinismus als eine religiöse Ausrichtung eine Rolle, die die Eigenverantwortlichkeit des Individuums sehr stark betont. In der Masse der europäischen Regionen kam es allerdings erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Fruchtbarkeitsrückgang, der auf Stopping zurückgeführt werden kann. Auch wenn dieser Vorgang aufwendig (im „Princeton-Projekt“) anhand von Daten zu relativ großen geographischen Einheiten untersucht worden ist, sind die Ergebnisse nicht eindeutig. Manche Autoren argumentieren, dass harte, messbare ökonomische Auslöser nicht aufzufinden seien, und dass es sich daher um einen „ideationalen“ Vorgang handeln müsse, also um die irreversible Verbreitung der für die europäische Mentalität zu diesem Zeitpunkt neuen Idee, dass man auch aufhören kann, Kinder zu bekommen. Sie folgern daraus, dass es für heutige Drittweltländer sehr wichtig ist, dass dort bevölkerungspolitische Programme durchgeführt werden, die auf die Kosten der Regulierung zielen, die also eine Mentalität fördern, die Fruchtbarkeit als gestaltbar sieht und zugleich die Methoden der modernen Medizin verbreitet. Andere Autoren haben anhand von feiner differenzierten Daten (in Preußen: Landkreise statt Regierungsbezirke) festgestellt, dass mit der Berufstätigkeit von Frauen, der Präsenz von Lehrern und dem Einkommensniveau sehr wohl ökonomische Größen nachweisbar sind, die einen Einfluss auf den europäischen Fruchtbarkeitsrückgang hatten. In dieser Sicht folgt die Geburtenzahl grundsätzlich den Bedürfnissen der Eltern, die sich im Zuge des Entwicklungsprozesses eben wandeln: Wenn Frauen arbeiten und auch Mädchen lesen und schreiben können, verzichten sie pro Kind auf mehr Einkommen als vorher, so dass sich die ökonomischen Anreize verschieben. Ein Propagieren von Familienplanung ist danach entweder überflüssig oder den Bedürfnissen der Eltern entgegengesetzt.

2. Spacing

Der zweite Weg der Geburtenbeschränkung ist das Spacing. In der älteren Forschung wird es kaum als Variante von Geburtenbeschränkung gesehen, es zählt nur das Aufhören. Abstände zwischen den Geburten können sich im Durchschnitt vor allem dadurch ergeben, dass unsichere Verhütungsmethoden, vor allem Stillen und Coitus interruptus, eingesetzt werden. Dass Letzterer bei Arbeiterfamilien in Berlin oder London um 1900 weit verbreitet war, wissen wir aus Interviewstudien. Ärzte empfahlen ihn nicht: Das medizinische Konzept von Verhütung drehte sich schon damals um einen den männlichen Höhepunkt einschließenden Geschlechtsakt, den es mit auf den weiblichen Körper zielenden, Vorbereitung und Planung erfordernden Methoden (z.B. Pessar) fertilitätsmäßig zu entschärfen galt. Die Interviewstudien zeigen, dass Sexualität in eher traditionellen, vorbürgerlichen Milieus nicht zwingend solchen bürgerlich-medizinischen Vorstellungen entsprechen musste; andererseits hinterlässt die innereheliche Alltagssexualität in den Quellen so wenig Spuren, dass sich über ihre praktischen Aspekte kaum Sicheres sagen lässt.

Geburtenabstände im Kulturvergleich

Im Kulturvergleich werden die Unterschiede deutlicher: Die für das China des 18. und 19. Jahrhunderts typische niedrige innereheliche Fruchtbarkeit kontrastiert mit einem Westeuropa, in dem im Großen und Ganzen nicht nur die Ehe eine Vorbedingung für sexuelle Aktivität war, sondern umgekehrt auch durchaus die sexuelle Aktivität ein zentraler Teil des ehelichen Lebens. Westeuropa mag, wenn man die geistlichen und weltlichen Moralpredigten des 19. Jahrhunderts liest, von einer „viktorianischen“ und sexualitätsfeindlichen Kultur geprägt erscheinen. Das liegt aber vor allem daran, wie eifersüchtig in dieser Kultur der Zugang zur Ehe bewacht wurde, und wie viel Anstoß man am Verhalten derer nahm, die hier Umwege gingen. In der Ehe selbst sah das anders aus. Im Ost-West-Vergleich fällt auf, dass zu einem aktiven, erfolgreichen Leben in Westeuropa nicht nur Haus und Hof (oder Gewerbe und Beruf) und eben die Ehe gehörten, sondern auch, dass in der Ehe Kinder kamen, solange das eben biologisch möglich war. Wie viele das waren, konnten verheiratete Männer und Frauen in Westeuropa selbst entscheiden; niemand redete ihnen in ihren sexuellen Alltag hinein. Das war in China anders: Konfuzianische Lehren empfahlen sexuelle Zurückhaltung, weil zu häufiger Verlust des Samens auf Männer schwächend wirke. Vor allem aber war es gar nicht vom Paar selbst zu entscheiden, ob es ein Kind zeugte. Das war eine Frage, die von der (mehrere Paare umfassenden) Familie entschieden wurde, und die Familie bestimmte in China und Japan auch, welche dennoch gezeugten und womöglich überzähligen Neugeborenen man tötete. Kindstötung war in Europa dagegen tabuisiert; statt des japanischen mabiki („Setzlinge ausdünnen“) und des chinesischen ni ying („Kind ertränken“) war der Begriff des „Findelkindes“ allgemein bekannt. Hospitäler, vor allem im katholischen Europa, nahmen um die Mitte des 19. Jahrhunderts über 100.000 ausgesetzte Kinder auf, der größere Teil davon stammte von verheirateten Paaren.

Stillgewohnheiten

Es ging an dieser Stelle zunächst um Coitus interruptus und innereheliche Abstinenz als Wege zu größeren Geburtenabständen, darüber hinaus um den Umweg der Kindstötung oder -aussetzung. Eine weitere wichtige Spacing-Methode ist das Stillen. Da regelmäßiges Stillen den Eisprung unterdrückt, kann man es durchaus als Verhütungsmethode betrachten, auch wenn Mediziner vor ihrer Anwendung warnen und bevölkerungspolitisch motivierte Familienplanungsprogramme sie selten propagiert haben. Stillen ist andererseits ein Mittel, das nicht nur diesem Zweck dient, sondern in erster Linie eben der Ernährung des Kindes. Es scheint auch nicht situativ je nach Kinderwunsch, sondern landschaftlich unterschiedlich (z.B. in Norddeutschland lange, in Süddeutschland kurz) praktiziert worden zu sein. Extrem hohe Kinderzahlen auf der Schwäbischen Alb hängen mit dem dort üblichen Nichtstillen zusammen – stattdessen wurde Milch-Getreide-Brei gefüttert, der sparsamer- und verheerenderweise oft mehrere Tage stehen gelassen wurde. Die resultierende hohe Säuglingssterblichkeit wurde durch mehr Geburten kompensiert, bis Stillkampagnen im 20. Jahrhundert auch auf der Alb zu einer veränderten Praxis führten. Wieweit das Verhalten der nichtstillenden Schwäbinnen und der stillenden Norddeutschen als bewusste oder auf der Ebene des allgemein Üblichen halbautomatisch ablaufende Strategie zu interpretieren ist, ist offen.

3. Starting: Ledigbleiben

Neben Geburtenbeschränkung und Geburtenabständen besteht der dritte wichtige Weg zu einer niedrigen Reproduktionsziffer im Starting