We Who Will Die - Stacia Stark - E-Book

We Who Will Die E-Book

Stacia Stark

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Beschreibung

Machtgierige Vampire, mörderische Intrigen – unsterbliche Liebe? Atemberaubende Prüfungen, rachsüchtige Götter, magische Kreaturen und eine verbotene Liebe: der epische Auftakt einer fesselnden Fantasy-Romance-Trilogie in einem düsteren vom antiken Rom inspirierten Setting Das Leben im gefährlichen Dorn Distrikt ist für Arvelle und ihre jüngeren Brüder ein ständiger Überlebenskampf – und der fremde Vampir vor ihrer Haustür weiß genau, womit er sie erpressen kann. Als letzte Rettung für ihren schwer kranken Bruder, geht Arvelle einen magischen Schuldschwur mit einem schier unmöglichen Ziel ein: Sie soll den Imperator töten, einen uralten Vampir, den der Gott Umbros selbst erschaffen hat. Dafür muss sie zunächst die Auslese überleben – einen Arenawettkampf, in dem nur die Schnellsten, Stärksten und Tödlichsten bestehen, um für die imperiale Elitewache ausgewählt zu werden. Dafür muss sie zunächst die Auslese überleben – einen Arenawettkampf, in dem nur die Schnellsten, Stärksten und Tödlichsten bestehen, um für die imperiale Elitewache ausgewählt zu werden. Ein unzerbrechlicher Schwur zwingt Arvelle in einen gnadenlosen Wettkampf, bei dem neben ihrem Leben auch ihr Herz auf dem Spiel steht. Im Trainingslager zieht Arvelle schnell den Zorn des Primus auf sich, dem mächtigen Anführer der Elitewache, während sie sich gleichzeitig dem Sohn des Imperators ausgeliefert fühlt, dem Schlüssel zum Bändigen ihrer Kräfte, auf die der sadistische Herrscher ein Kopfgeld aussetzen würde. Um in der Arena zu bestehen und ihre Mission zu erfüllen, muss Arvelle einer Verschwörung auf den Grund gehen, die das Reich erschüttern und alles verändern wird, was sie über sich selbst zu wissen glaubte – und über die beiden Vampire, die tief mit ihrem Schicksal verwoben sind. Zwischen tödlichen Kämpfen, dunkler Magie, höfischen Intrigen und einer Verpflichtung, die sie das Leben kosten könnte, muss sie entscheiden, wem sie vertrauen kann. Vielleicht sogar dem Mann, der ihr schon einmal das Herz gebrochen hat … »Ich habe dieses Buch verschlungen, als wäre es meine neue TV-Lieblingsserie. Ein absolutes Muss für jeden Romantasy-Fan.« – Emma Noyes, Autorin Tropes/Themen: - Forbidden love - Forced Proximity - Magie - tödliche Prüfungen - Eldest Daughter - Found Family - Morally Grey MMC - Damon Salvatore Energy - Slow Burn - Enemies to lovers - Love triangle

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 774

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Wer dem Tod geweiht ist, hat nichts mehr zu verlieren … oder etwa doch?

 

Als ein fremder Vampir vor Arvelles Tür auftaucht, beginnt ein Machtspiel, das sie nicht gewinnen kann. Um ihren schwerkranken Bruder zu retten, schwört sie, den Imperator zu töten – einen der ersten Vampire, den der Gott Umbros selbst erschaffen hat und dessen Herrschaft auf Blut und Angst beruht.

Doch um ihm nahe zu kommen, muss sie die Auslese überleben und für die imperiale Elitewache ausgewählt werden. Im Trainingslager zieht Arvelle schnell die Aufmerksamkeit des Primus auf sich, des mächtigen Beschützers des Imperators, und den Zorn von Rorrik, dem sadistischen Sohn des Herrschers.

Zwei Vampire mit undurchsichtigen Motiven, die untrennbar mit Arvelles Schicksal verbunden sind und es auf gefährliche Weise beeinflussen. Rorrik ist der Schlüssel zu den Kräften, die in ihr erwachen und für die der Imperator ein Kopfgeld aussetzen würde, sollte er davon erfahren.

Um ihre Mission zu erfüllen, muss Arvelle einer Verschwörung auf den Grund gehen, die alles verändert, was sie über sich selbst zu wissen glaubte. Denn ihr Herz ist genauso in Gefahr wie ihr Leben.

Stacia Stark

Empire of Blood

We Who Will Die

Band 1

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Michelle Gyo

 

 

 

Für alle ältesten Töchter. Ihr werdet gesehen, ihr werdet geliebt und ihr seid genug.

Anmerkung

We Who Will Die, Teil 1 der Empire of Blood Reihe, ist ein spannendes Fantasyabenteuer, das in einer Welt voll von machtgierigen Herrschern, politischen Intrigen, tödlichen Wettkämpfen, mörderischen Vampiren und anderen magischen Wesen spielt. Es zeigt dabei Elemente von Gewalt, derber Sprache, sexuellen Handlungen, emotionalem und physischem Missbrauch, Kindesentführung, Zwangslagen und moralischen Dilemmata, Manipulation und Erpressung, Substanzabhängigkeit, lebensbedrohlichen Situationen, Mord, Machtmissbrauch, Verlust und Trauer. Leserinnen und Leser, die solchen Inhalten gegenüber empfindlich sind, mögen dies bitte zur Kenntnis nehmen.

1

Magnus kreischt wie ein Esel, wenn er lacht.

Er fläzt sich auf seinen Stuhl, als wäre es ein Thron, und bedeutet der Schankfrau mit einer trägen Geste, ihm den Becher erneut zu füllen, während er auf seine Karten starrt. Sie wirft mir einen gequälten Blick zu und kommt mit einer Flasche Wein von der Theke herüber.

Die Schankfrau ist dafür verantwortlich, die beiden Männer zu bedienen.

Ich dafür, einen von ihnen am Leben zu erhalten.

Und so denke ich jede Woche, wenn ich wieder an genau dieser Stelle stehe, nur an das Geld, das ich dabei verdiene. Geld, das ich dringend brauche.

Das Feuer zu meiner Linken verbreitet Wärme und lässt meine Augenlider schwer werden. Ich trete von einem Fuß auf den anderen, auch wenn meine Stiefel am klebrigen Boden festpappen, und zwinge mich, wachsam zu bleiben. Meine Position ist strategisch gewählt. Ich habe fast die gesamte Taverne im Blick und auch die Uhr, die hinter der Theke hängt.

Noch fünfzehn Minuten, dann habe ich genug Geld für einen Abstecher zur Apotheke zusammen. Das halbe Elixier, das ich Evren dagelassen habe, reicht nicht aus, um die Nervosität zu besänftigen, die Tag und Nacht an mir nagt.

Magnus’ Lachen verstummt und ich höre mehr als einen erleichterten Seufzer von den Gästen an den umstehenden Tischen. Gaius, der links von Magnus sitzt, nickt der Bedienung zu, damit sie seinen Becher ebenso auffüllt, dann verdreht er die Augen, als Magnus eine ausholende Geste macht und den Becher mit seiner großen Faust umstößt. Die bronzefarbene Sigille auf der Stirn der Schankfrau leuchtet, der Becher richtet sich wieder auf und der Wein, der in hohem Bogen herausgespritzt ist, macht kehrt und platscht zurück ins Gefäß.

Die Schankfrau sieht so jung aus und ihre Macht muss ihr noch vorkommen wie ein unerwartetes Geschenk, das sie gerade erst auszupacken beginnt.

Gaius mustert seine Karten und zieht die Brauen zusammen. Als er nach seinem Getränk greift, kann ich einen kurzen Blick auf sein Blatt werfen.

Steig aus.

Aber das wird er nicht tun. Ich seufze.

Früher habe ich dieses Spiel geliebt. Mir gefiel es, unterschätzt zu werden und Münzberge von Spielern einzustreichen, die meinen Ruf nicht kannten. Als ich alt genug war, um an den Tischen in den Hinterzimmern der berüchtigtsten Tavernen im Dorn zu sitzen, gewann ich genug, um das magere Einkommen meiner Mutter aufzubessern.

Ein wenig vermisse ich diesen Kitzel immer noch, wie ich den Gegner mit bewusst ausdrucksloser Miene studierte und dabei mein Blatt betrachtete … auch wenn ich weiß, dass es zu viel unnötige Aufmerksamkeit erregte.

Mindestens fünfzig Leute sitzen über Wein, Bier und mittelmäßigem Essen. Die Tische sind dicht besetzt und zwingen Fremde zu widerwilliger Intimität, während sie um Platz ringen. Die Mischung ist typisch für diese Zeit – es ist so spät am Abend, dass sich die Anwesenden nach einem langen Arbeitstag noch erholen wollen oder aber gleich vorhaben, bis zur letzten Runde zu bleiben, statt nach Hause und in die Einsamkeit zurückzukehren.

Yorick, der hinter der Theke steht, begegnet meinem Blick und seine Glatze offenbart, dass er keine Sigille besitzt. Störrischer Bastard. Ganz egal wie oft ich ihm sage, dass er Gaius den Zutritt verwehren sollte, er beharrt darauf, dass er keine zahlende Kundschaft abweist. Es ist schwer für Mundies, sich in dieser Stadt über Wasser zu halten, und Yorick weiß das besser als sonst jemand.

Eines Tages wird seine Sammlung erlesener Weine, auf die er so stolz ist, in Scherben auf dem abgenutzten Holzboden enden – ebenso wie die verspiegelte Wand hinter ihm. Denjenigen, die seit einer Dekade seine Stammgäste sind, wird es den Abend ruinieren und sein Ruf wäre zusammen mit dem Wein dahin.

Ein weiterer Blick auf die Uhr. Zehn Minuten.

Gaius hat immer noch nicht aufgegeben. Magnus hat das bessere Blatt. Er wirft seine Karten mit breitem Grinsen auf den Tisch und Gaius flucht.

Ich verdrehe mir den Hals, um etwas erkennen zu können. Wäre er es klüger angegangen, hätte er gewinnen können.

Gaius’ Schultern straffen sich und er richtet den Blick auf die Tür. All meine Sinne schalten auf höchste Alarmbereitschaft.

Als er mich das erste Mal anheuerte, hatte ich angenommen, meine Anwesenheit wäre dazu da, sowohl seinen Reichtum als auch seine Selbstherrlichkeit zur Schau zu stellen. Bald schon begriff ich, dass er guten Grund hat, um sein Leben zu fürchten. Hätte ich gewusst, wie viele Männer versuchen würden, ihm das Leben zu nehmen, weil er mit ihren Frauen geschlafen oder sie bei ihren Geschäften betrogen hat, hätte ich einen bedeutend höheren Lohn ausgehandelt.

Zumindest hätte ich versucht, einen höheren Lohn auszuhandeln. Was man über die Not und die Fliegen sagt, ist nämlich wahr.

Gaius’ scharfer Blick ist durchdringend und sein drahtiger Körper spannt sich an. Seine Hand gleitet unter den Tisch, sodass ich sie sehen kann, während er den Mann nicht aus den Augen lässt, der auf uns zukommt. Zwei Finger klopfen auf seinen Oberschenkel.

Ich unterdrücke ein Augenrollen.

Auf dieses Signal hat er schon früh in unserer Geschäftsbeziehung bestanden. Offensichtlich wäre es ein unzumutbares Eingeständnis seiner Angst, wenn Gaius in meine Richtung sehen würde.

Ich lasse den Blick durch die Taverne zu dem gut gekleideten Mann, der auf uns zustolziert, schweifen.

»Gaius Panthen«, ruft der Mann und die Gäste weichen ihm aus, lassen ihn durch zu meinem Klienten.

Er ist größer als Gaius und seine breiten Schultern sind muskelbepackt. Ich würde ihn auf Anfang sechzig schätzen, aber er bewegt sich mit der Leichtigkeit eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes. Seine silberne Sigille erstreckt sich über seine Stirn und endet in der Mitte jeder Augenbraue.

An den Tischen um uns herum erhebt sich Gemurmel. Sigillengezeichnete mischen sich in Yoricks Taverne zwar unter die Mundies, aber einen halbgekrönten Silbernen sieht man hier nicht oft.

Ein neu erwachter Bronzener mag kaum Wind entfachen können – gerade genug, um Blätter über den Boden wirbeln zu lassen. Aber wenn diese Macht reift, dann gilt dasselbe für die Kontrolle über diese Macht. Wenn sie das Glück haben, zum Bronzegekrönten zu werden, könnte ebender Windstoß mit einem einzigen Gedanken das Dach von einem Haus fegen.

Silber- und Goldgekrönte sind eine völlig andere Liga. Mit einer Geste aus dem Handgelenk heraus kann ein Silbergekrönter einen Wirbel aus Wind und Regen heraufbeschwören – während ein Goldgekrönter einen Tornado erschaffen kann, der mächtig genug ist, um eine ganze Stadt auszuradieren.

Eine Flutwelle aus Adrenalin bricht über jedes meiner Nervenenden herein. Gaius verzichtet auf jeglichen Versuch, Gleichgültigkeit vorzutäuschen, und sieht mich aus aufgerissenen Augen an. Man sollte meinen, dass jemand mit so vielen Feinden es mittlerweile gelernt hätte, ein Schwert zu benutzen.

Mit großen Schritten durchquere ich die Taverne und Gaius bleibt mir dicht auf den Fersen. »Orson Norcross«, murmelt er.

Orsons Blick huscht hinauf zu meiner Sigille und ich weiß, was er sieht.

Verschwendetes Potenzial.

Sein Blick gleitet verächtlich von mir ab und prallt auf Gaius. »Du.« Er ballt die feisten Fäuste.

»Ahem.« Yorick durchbricht die unerwartete Stille und Orson dreht langsam den Kopf. Yoricks Hand zittert, aber er deutet auf das Schild an der Wand rechts neben sich.

Keine Mächte.

Höhnisch verzieht Orson das Gesicht und macht noch einen Schritt auf uns zu, kommt so nahe heran, dass ich den Wein in seinem Atem rieche. »Ich brauche keine Macht«, blafft er. »Ich möchte spüren, wie deine Knochen unter meinen Fäusten brechen.«

Eine Hand trifft mich in den Rücken und ich taumle vorwärts. Gaius hat mich gestoßen. Der Feigling.

Orson fletscht die Zähne. »Mach Platz.«

»Du weißt, dass ich das nicht tun kann.« Zumindest nicht innerhalb der nächsten paar Minuten. Wäre Orson nur etwas später aufgetaucht, wäre ich schon auf dem Weg zur Apotheke.

Sein Blick gleitet nüchtern über mich hinweg und verweilt auf dem Schwertgriff über meiner Schulter und den Messern, die ich mir um Oberschenkel und Oberarme geschnallt habe.

»Ich weiß, wer du bist, Championesse.«

Ich versteife mich. Niemand sonst in dieser Taverne würde mich so nennen. So dumm sind sie nicht. Aber Orson zieht eine Augenbraue hoch und wartet auf meine Antwort.

»Arvelle ist eine Championesse«, prahlt Gaius hinter meinem Rücken. »Meine Championesse. Und sie bringt dich um, wenn du mich anrührst.«

Ich würde viel lieber Gaius umbringen. Täglich fantasiere ich, wie ich ihm meine Klinge tief in die Kehle ramme. Leider gehen Armut und Verzweiflung Hand in Hand.

Orson mustert mich. Erheiterung flackert über sein Gesicht.

»Verstehe.« Er sieht erneut Gaius an. »Ich kann dich vielleicht nicht jetzt umbringen, aber ich wette, deine kleine Championesse ist nicht jede Minute eines jeden Tages bei dir.« Seine Miene ist ein düsteres Versprechen. »Du hast mir meine Frau genommen und ich werde dich leiden lassen, bevor du stirbst.«

»Nicht heute Nacht«, sage ich.

Er nickt langsam, wendet den Blick kein einziges Mal von Gaius ab, der sich hinter mir noch kleiner macht. »Nein«, stimmt Orson zu. »Nicht heute Nacht.«

Er stolziert aus der Taverne und die Gäste weichen ihm eilig aus.

Es herrscht Schweigen, bis Yoricks Stimme durch die Taverne dröhnt. »Musik!«, fordert er und jemand stimmt eine fröhliche Melodie an, gerade als die Uhr an der Wand auf vier Uhr morgens springt.

Endlich.

Ich greife unter dem Tisch nach meiner Umhängetasche.

»Du kannst nicht gehen.« Gaius packt mich am Arm. »Hast du den Mann nicht gehört? Er wird mich umbringen!«

»Leider ist unsere Zeit für heute um. Sieh zu, dass du bis zum nächsten Mal niemand anderen provozierst, der dich umbringen will.«

Seine Hand packt fester zu. »Wenn du denkst, dass ich dich bezahle …«

Unsere Blicke begegnen sich und ihm weicht die Farbe aus dem Gesicht. Ich weiß, was er in der Ödnis meiner Augen sieht, und es ist nicht schön. Langsam lässt Gaius mich los, schiebt die Hand in seinen Umhang und zieht eine Goldmünze heraus.

Ich pflücke sie ihm von der Handfläche. »Wir sehen uns nächste Woche.« Wenn er bis dahin nicht tot ist.

Mit der Münze in der Hand ziehe ich mir den Umhang um die Schultern und gehe in die kalte Nacht hinaus.

Der Mond hängt voll am Himmel, durchdringt jedoch kaum den dichten Nebelschleier. Dieser Teil der Stadt ist nicht der schlimmste … aber nahe dran. Ursprünglich nannte man Nebelsaum wegen des schweren Dunstschleiers so, der hier an den Straßen haftet und alles in eine feuchte Wolke hüllt. Doch vor Jahrhunderten hatte ein betrunkener Magistrat den Distrikt als Dorn in seinem Fleisch bezeichnet und der Name ist hängen geblieben.

Ich eile über kopfsteingepflasterte Straßen, jede von der Zeit und Tausenden Stiefeln ausgetreten. Das verwirrende Labyrinth aus Gassen und Abkürzungen hatte ich mir schon eingeprägt, bevor ich auch nur alt genug war, meinen eigenen Namen zu kennen. Ich weiß, in welche Bordelle die Sigillengezeichneten sich gern durch dezent gelegene Hintereingänge schleichen. Ich weiß, welche Tavernen auf Vampire mit düsteren Vorlieben spezialisiert sind. Und ich weiß, welche Straßen ich nicht durchqueren könnte, ohne eine aufgeschlitzte Kehle zu riskieren.

Gelächter durchdringt unerwartet und schrill die Nacht. In der Nähe eines zerfallenden Brunnens am Ende der Straße ruft eine Gruppe Jugendlicher einander etwas zu und die leuchtenden Sigillen auf ihren Stirnen tauchen ihre Gesichter in Licht.

Ich biege nach rechts ab, gehe mit ruhigen, gelassenen Schritten, den Kopf hoch erhoben. Zwei Stadtwächter überqueren die Straße, ihre Lederstiefel hämmern bei jedem Schritt laut aufs Pflaster. Das Mondlicht spiegelt sich auf dunklen Helmen, die Insignien der Stadt sind in den Stahl eingelassen.

Die ledernen Brustplatten der Wächter ziert das gleiche Emblem, genau wie die Knäufe ihrer Kurzschwerter. Mitternachtsblaue Umhänge bewirken, dass sie aus jeder Menge deutlich herausstechen, der wallende Helmbusch aus dunklem Pferdehaar, der oben aus ihrer Kopfbedeckung herausragt, ist allerdings mehr als nur ein bisschen albern.

Ich bin nicht so dumm, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Die Wächter laufen nicht durch den Dorn, um uns zu schützen. Sie sind nicht hier, um die jüngsten Morde aufzuklären oder sicherzustellen, dass die Unternehmer ohne Angst vor Erpressung und Überfällen ihren Geschäften nachgehen können. Die meiste Zeit sind sie diejenigen, die sich die Taschen mittels Gewalt und Drohungen füllen.

Ich drücke mich an die Mauer und warte ab.

Innerhalb weniger Augenblicke sind sie weg und ich gehe weiter. Links von mir ertönt ein Scharren und ich sehe in die Gasse. Zwei Männer und eine Frau stehen dicht beisammen, ihre Körper werden größtenteils von den Schatten verborgen. Die Frau stößt ein tiefes Stöhnen aus und ihre Wangen straffen sich, als sie am Finger von einem der Männer saugt. Ihre Adern leuchten schwach unter ihrer Haut wie eine hell unterlegte Landkarte, ihr Strahlen wirkt auf morbide Weise schön.

Glimmer. Der Rausch ist flüchtig, aber beliebt im Dorn. Die Augen der Frau rollen nach oben, ihr Mund steht verzückt offen. Der Mann zieht seinen Finger zurück und lächelt, als sie gegen die Steinmauer sinkt. Sein Blick huscht zu mir und er presst den Finger in das Pulver auf seiner Handfläche. Mit einem Grinsen hebt er den Finger und winkt mich damit heran, wobei der Glimmer leuchtet wie ein Stern.

»Möchtest du probieren, Schönheit?«

Die leere Euphorie, die der Frau ins Gesicht geschrieben steht, ist mir viel zu vertraut und Galle brennt mir in der Kehle. Ich wende mich ab und laufe die Häuserzeile hinab, ignoriere das leise, höhnische Lachen hinter mir.

Wie üblich ist Perrins Apotheke geöffnet. Und wie üblich ist es drinnen trotz der kühlen Luft draußen heiß und feucht. Ich trete ein, öffne meinen Umhang und nicke der älteren Frau zu, die am Tresen steht, die Augenlider schwer vor Erschöpfung.

Als Perrin endlich damit fertig ist, eine Handvoll Schlafbeeren für sie abzuwiegen, wendet sie sich zum Gehen und ich trete an den Tresen.

»Ich brauche ein Lungenelixier«, sage ich.

Er verzieht das Gesicht und zeigt schiefe gelbe Zähne. »Jemand hat heute Morgen die letzten drei gekauft.«

Mein Magen zieht sich zusammen. Dieser Jemand muss wirklich verzweifelt sein, wenn er so viel Elixier auf einmal kauft. Doch ich kann kein Mitgefühl für sein Unglück aufbringen, denn davon habe ich selbst mehr als genug.

»Wann kommt wieder was rein?«

»Die nächste Lieferung trifft erst in drei Tagen ein.«

Ich spüre, wie mir das Blut aus dem Gesicht weicht. Perrin lehnt sich an den Tresen zwischen uns und seufzt; die Falten seines zerklüfteten Gesichts glätten sich.

»Versuchs bei Golinth. Er wird zehn Prozent mehr verlangen, aber er bekommt dreimal die Woche eine Lieferung und wird es dahaben.«

»Danke.«

Nur hat Golinth es eben nicht da.

Und auch nicht die nächste Apotheke fünf Häuserzeilen weiter westlich.

Panik hämmert in mir. Jemand hat genau das Lungenelixier aufgekauft, das mein Bruder braucht.

Und zwar restlos.

Ich hätte es mitbekommen, wenn im Dorn plötzlich eine Lungenkrankheit ausgebrochen wäre. Wer kauft also die ganzen Elixiere? Und warum?

Bis ich auf dem Weg nach Hause bin, kriecht das Morgengrauen im Osten über der Stadt empor und der Dorn erwacht um mich herum langsam zum Leben.

In diesem Distrikt leben Familien in Insulae gepfercht, bis zu fünfzig Menschen sind in den Wohnungen untergebracht – manche von ihnen erstrecken sich bis zu sieben Stockwerke hoch. Eine Erdgeschosswohnung ist Luxus und etwas, das ich nie als selbstverständlich angesehen habe. Dank des Vaters meiner Mutter konnten wir ohne Angst vor Zwangsräumungen aufwachsen.

Der vertraute Umriss unseres Heims taucht unter den verstreut stehenden Gebäuden unserer Straße auf. Zwischen zwei größeren Insulae ragt die Fassade auf, eine Mischung aus verwittertem Stein und Holz und Efeu klammert sich störrisch an die Risse im Stein, als würde die Natur selbst versuchen, das Haus zusammenzuhalten.

Hinter der dunklen Eingangstür aus Holz wartet mein Bruder auf das Elixier, das ich nicht habe.

Furcht macht sich in meinem Magen breit. Bis zu diesem Augenblick war die größte Gefahr für Evs Leben unsere schlechte finanzielle Situation. Die habe ich – gerade so – im Griff, indem ich so viele Aufträge wie möglich annehme. Aber ohne das Elixier …

… ist Evren tot.

Mir schwirrt der Kopf, meine Lunge ist so eng, dass mir fast der Mann entgeht, der an der Wand meines Hauses lehnt. Sein Körper ist halb in den Schatten verborgen. Dem eleganten Überwurf und den polierten Stiefeln nach zu urteilen, ist er nicht aus dem Dorn. Mir stellen sich die Nackenhaare auf.

»Wer sind Sie?«

Er lächelt, Fangzähne blitzen auf.

Vampir.

Ein alter, mächtiger Vampir, der Kälte nach zu urteilen, die von ihm ausströmt.

Evrens Husten zerfetzt die weichende Nacht und ist sogar durch den Fensterladen aus Holz zu hören.

Das Lächeln des Vampirs wird breiter. »Ich heiße Bran und diene dem Imperator.«

Mein Magen zieht sich zusammen. Kräfte von Sigillengezeichneten sind sichtbar und spürbar, Vampire hingegen beherrschen das Unsichtbare. Sie beugen Schatten so, dass sie ihre Bewegungen verschleiern, erschaffen Illusionen, die die Realität verschwimmen lassen, benutzen Telekinese, um ohne Warnung zuzuschlagen … Ihre Mächte reichen von subtiler, stiller Manipulation bis zu der Art überwältigender Kontrolle, die ihre Opfer dazu bringt, alles infrage zu stellen, was sie zu wissen glaubten.

Ich ändere meine Position und stelle mich zwischen den Vampir und die Tür. Bran kann ohne Einladung nicht hinein. Doch er könnte immer noch versuchen, meine Brüder nach draußen zu locken.

»Und was genau willst du, Bran?«

Der Vampir hebt eine blasse Hand und zwei Glasröhrchen mit leuchtend lilafarbener Flüssigkeit kommen zum Vorschein. Jedes Härchen an meinem Körper richtet sich auf.

Lungenelixiere.

Ich kann mich gerade so beherrschen, mich nicht auf ihn zu stürzen. Aber meine Geschwindigkeit ist nichts im Vergleich zu seiner, meine Kraft unbedeutend. Und wenn Bran wirklich dem Imperator dient, ist er sehr wahrscheinlich noch mächtiger, als ich angenommen habe.

Er lächelt und seine Wangen verziehen sich, aber seine Augen sind leer. »Ich habe erkannt, dass ich deine speziellen Fähigkeiten brauche.«

»Ich besitze keine Fähigkeiten. Ich bin Gelegenheitsleibwächterin. Sonst nichts.«

Angesichts meiner ausdruckslosen Stimme zieht er eine Augenbraue hoch. »Und doch hast du vor sechs Jahren auf dem Sand gewonnen.«

Mein Blick verschwimmt kurz und ich kann mich kaum davon abhalten, die Hand auszustrecken und mich an die Tür zu lehnen.

Auf dem Sand zu gewinnen, ist gefährlich. Ich habe es trotzdem getan, weil ich keine Wahl hatte. Damit habe ich allen im Publikum mitgeteilt, dass ich eine ausgebildete Killerin bin. Die Namen der Sieger gehen an die Öffentlichkeit. Und Killer sind in diesem Imperium kostbar.

Dieser Vampir hat uns ausspioniert. Er weiß ganz genau, was wir brauchen, und er hat die Elixiere aufgekauft. Da bin ich mir sicher.

Meine Lippen werden taub. »Du musst gehen.«

Bran kommt einen Schritt näher und mein Kopf wird wieder klar, mein Puls beruhigt sich. Ich kann ihn vielleicht nicht umbringen, aber ich kann ihm wehtun, bevor ich sterbe.

Er erstarrt und hebt langsam die Hände, als wäre ich ein in die Enge getriebenes Tier. »Nimm an der Auslese teil, dann rette ich das Leben deines Bruders.«

Wieder ein Husten im Haus, als würde es das Angebot des Vampirs unterstreichen wollen.

»Bin nicht interessiert.«

»Dein Bruder ist sehr krank. Du hältst ihn gerade so am Leben.«

Meine Hand umschließt den Griff meines Dolchs. Es ist typisch für einen Vampir, genau das aufzuspüren, was ich am dringendsten brauche, und es mir unter dem Vorwand der Mildtätigkeit anzubieten. Das ist nicht das erste Mal, dass jemand versucht, mich mit Bestechung zum Kämpfen zu bewegen. Aber das ist seit Jahren nicht mehr passiert. Und nie zuvor wollte mich jemand dazu bringen, mein Schwert für den Imperator einzusetzen.

Ein Sieg bei der Auslese ist der Einstieg in die Praesidiumswache – die Eliteeinheit, die den Imperator, seine bösartige Familie und das Syndikat der Sigillengezeichneten schützt.

Um bei der Auslese zu siegen, müssen Gladians drei Mal in der Arena des Imperators bei der sogenannten Tria Proeliis antreten. Ich würde die erste nicht überleben. Sechs Jahre lang habe ich nicht mehr gekämpft. Ich bin langsamer und mein Knöchel …

Ich schüttle den Kopf und mustere den Vampir vor mir. Das hier ergibt keinen Sinn. Tausende trainieren Tag und Nacht für eine Chance, zu den einhundert Gladians zu gehören, die jede Saison an der Auslese teilnehmen.

»Sag mir, was du wirklich willst.«

Bran lächelt und verbirgt dabei sorgfältig seine Fänge. Ein netter, nicht bedrohlicher Vampir.

»Du wirst die Auslese bestehen und dann wirst du – wenn die Zeit reif ist – eine sehr wichtige Person töten.«

»Wen?«

Hass glitzert in Brans Augen auf. »Vallius Corvus.«

Ich kann ein Auflachen nicht unterdrücken. Das hier muss ein ganz übler Scherz sein.

»Den Imperator? Den mächtigsten, wohlbehütetsten Mann auf dem Kontinent?«

»Ich helfe dir dabei, die Aufgabe auszuführen.«

»Ach, na dann ist ja gut«, erwidere ich. »Klingt nach einem Plan.«

Er nickt, dann werden seine Augen schmal. »Sarkasmus.«

»Hör zu, ich bin keine Assassine. Du kennst bestimmt viele, die für eine solche Aufgabe sehr viel besser geeignet sind.«

Er lächelt, aber sein Blick ist hart. »Glaub an dich und du kannst fast alles erreichen.«

»An deiner Motivationsrede solltest du noch etwas arbeiten. Du willst, dass ich bei der Auslese siege, mich der Praesidiumswache anschließe und den mächtigsten Mann in diesem Reich töte – im Tausch gegen ein Lungenelixier?«

Er sieht mich stirnrunzelnd an. »Natürlich nicht. Kämpfe für den Imperator, töte ihn, wenn die Zeit reif ist, dann gebe ich dir nicht nur diese Elixiere, sondern schicke deinen Bruder zu den Heilern in Nesonias.«

Bran rollt den Ärmel hoch, streckt den Arm aus und zeigt mir sein Handgelenk. Zwei ineinander verschlungene Dreiecke. Das Zeichen des Imperators.

Meine Fäuste ballen sich, bevor ich mich zurückhalten kann, und ich habe keinen Zweifel daran, dass Bran es bemerkt. Nesonias ist die einzige Chance meines Bruders auf Heilung. Deshalb habe ich bei jeder meiner Entscheidungen das Ziel im Sinn, uns alle in den Norden zu bringen. Brans Zeichen beweist, dass der Vampir mit Leichtigkeit für Evrens Heilung sorgen kann. Es bräuchte bloß einen simplen Befehl.

Ein bitterer Geschmack flutet meinen Mund. Es war eine lange Nacht. Die nächsten paar Tage werden sehr wahrscheinlich noch schlimmer. Und der Vampir, der mich mit dem Leben meines Bruders verhöhnt, ist wie eine Handvoll Salz, die man mir in eine bereits schwärende Wunde reibt. »Ich würde nicht einmal in die Nähe des Imperators kommen. Wenn ich einen Fuß in diese Arena setze, sterbe ich.«

»Das sehe ich anders«, erwidert Bran. »Ich habe dich kämpfen sehen, Championesse.«

»Damals war ich jünger.«

»Trau dir etwas zu.«

Mein Kopf schmerzt. Ich will nichts lieber als hineingehen, nach meinen Brüdern sehen und vor dem Frühstück ein kurzes Nickerchen machen.

»Wenn ich für dich spioniere oder versuche, den Imperator zu töten, werde ich mir wünschen, tot zu sein. Und wenn ich sterbe, was geschieht dann mit meinen Brüdern?«

»Ich sorge dafür, dass der Kranke geheilt wird. Vollständig. Sobald der Imperator tot ist, lasse ich deine Brüder frei und du darfst zu ihnen, wenn du möchtest. Mit ausreichender Bezahlung für deine Zeit in der Arena, um ein neues Leben zu beginnen.«

»Gute Nacht, Bran.«

Die schwarzen Augen ziehen sich zusammen und angesichts der Boshaftigkeit in seinem Blick kriecht mir ein Frösteln das Rückgrat hinauf. Ich kann praktisch spüren, wie seine Jahre mich bedrängen. Dreihundert müssen es mindestens sein.

»So funktionieren Verhandlungen nicht.«

»Das ist keine Verhandlung. Ich habe Nein gesagt.«

»Du bringst deinen Bruder um.«

Ich verberge kaum mein Zusammenzucken. Mir wird am ganzen Körper heiß. »Wir beide wissen, dass ich eine Zielscheibe auf dem Rücken trage, weil ich vor langer Zeit auf dem Sand gewonnen habe. Ich bin alles, was meine Brüder noch haben. Wenn ich sterbe, sind sie sowieso tot. Und jetzt verschwinde.«

Sein Blick landet auf meiner Stirn und ich weiß, dass meine Sigille aufgeleuchtet hat. »Es muss schwer sein«, sagt er nachdenklich. »Diese Leere zu spüren, wo deine Macht sein sollte. Eine Gladian zu werden, würde dabei vermutlich helfen. Es mag dir zwar keine Macht verleihen, aber es wird dir Respekt verschaffen.« Er steckt die Röhrchen weg und lächelt mich an. »Ich lasse dir bis Mitternacht Zeit, darüber nachzudenken.«

»Die brauche ich nicht.«

»Mitternacht«, wiederholt er, als hätte ich gar nichts gesagt. Und mit einer Bewegung, die zu schnell ist, um sie zu erfassen, ist er verschwunden.

2

Es gibt nichts Schlimmeres, als jemanden, den man liebt, sterben zu sehen. Die Hilflosigkeit reißt einen in Stücke. Und der Kummer setzt diese Stücke in Brand. Bis man nichts mehr ist als Asche.

Der Husten meines Bruders durchschneidet die Stille des frühen Morgens. Keuchender, schmerzerfüllter, erschöpfter Husten.

Ich drücke die Tür hinter mir zu und greife nach der Salbe, dem Elixier, den Kristallen. Kurz taumele ich gegen die Wand, richte mich fluchend wieder auf und halte auf seine Tür zu – die aus genau diesem Grund offen steht, wenn er schläft.

Evren sitzt bereits im Bett, als ich zu ihm trete, und sein schmaler Körper bebt, während er um jeden Atemzug kämpft.

»Ich bin da.«

Ich schiebe sein Hemd auseinander, verteile die Salbe auf seiner Brust und seinem Hals, reiche ihm einen Kristall, gebe ihm den letzten Rest des Lungenelixiers und setze leise zu einer Beschwörung an.

Er greift mit elendem Blick nach dem Elixier.

»Wir können … uns das … nicht leisten«, keucht er.

»Pssst. Trink das, Ev.«

Evren schluckt. Ich singe weiter und dränge den Kristall so, etwas mehr zu leuchten. Ringe ihm noch ein klein wenig mehr Heilkraft ab.

Ich reibe ihm den Rücken und sein Husten legt sich langsam, jeder Atemzug ist tiefer als der vorherige.

»Das war ein schlimmer Anfall.«

»Tut mir leid.«

Das ignoriere ich. »Kannst du jetzt ein wenig schlafen?«

Er nickt, seine Augenlider schließen sich bereits langsam. Als er sich in sein Kissen zurücklehnt, ist mir schwindelig vor Erleichterung. Diese Anfälle kommen in kürzeren Abständen als je zuvor. Und wir können es uns nicht leisten, kein weiteres Lungenelixier parat zu haben.

Brans Gesicht füllt meine Gedanken aus, lässt meinen Kopf vor kaum unterdrücktem Zorn pochen.

Ich sehe kurz ins nächste Schlafzimmer und blicke in eulenhafte braune Augen, die mich anstarren. »Es geht ihm gut«, versichere ich Gerith.

Er verzieht den Mund. Mit vierzehn hat er bereits das Alter erreicht, in dem er nicht mehr vor mir weinen würde, aber seine Augen sind dennoch manchmal morgens geschwollen.

»Möchtest du darüber reden?«, frage ich.

Gerith schüttelt den Kopf, doch er schiebt das Bein zur Seite. Ich verberge mein Lächeln, trete in sein Zimmer und setze mich auf seine Bettkante.

Lange, dünne Finger streichen über seine Wolldecke. »Fragst du dich je, wie unser Leben aussehen würde, wenn Onkel deinen Gewinn nicht mitgenommen hätte?«

Jeden verfluchten Tag.

Ich kann den Tisch in unserer Küche nicht ansehen, ohne an den Zettel zu denken, den mein Onkel dort hingelegt hatte. Die Worte »Es tut mir leid« waren genauso leer wie der Platz in meinem Schrank, wo ich das Geld, das wir für ein besseres Leben gebraucht hätten, sorgfältig versteckt hatte.

Nicht mal einen Tag, nachdem ich auf dem Sand gewonnen hatte, war unser Onkel verschwunden. Und unsere Zukunft mit ihm. Ein Heiler für Evren. Ein kleines, aber gemütliches Haus an der Küste von Nesonias. Jeden Tag frischer Fisch und Meeresfrüchte. Gemüse aus dem kleinen Garten, den zu bestellen ich lernen wollte. Eine Ausbildung. Nicht nur für meine Brüder … sondern auch für mich.

»Es hat keinen Zweck zurückzublicken.«

»Ich blicke nicht zurück. Ich schaue voraus.« Er reckt das Kinn vor. »Eines Tages werde ich ihn aufspüren und dann bringe ich ihn um.«

»Das wirst du nicht«, widerspreche ich in gespieltem Ernst. »Weil ich ihn zuerst aufspüre.«

Gerith lächelt, doch es ist zittrig. »Wie konnte er das tun? Ich … verstehe es einfach nicht.«

Natürlich versteht er es nicht. Ich kann es ja nicht einmal selbst verstehen.

»Ger…«

»Du hast dein Leben aufs Spiel gesetzt, um dieses Geld zu bekommen. Wir hatten alles, was wir brauchten.«

»Ich rede nicht gern über diese Zeit«, sage ich.

Er sieht ernst drein. »Ihretwegen. Und seinetwegen.«

Kummer durchbohrt mich wie eine Klaue, raubt mir den Atem. Er redet nicht mehr von unserem Onkel.

Gelegentlich bilde ich mir ein, dass ich zurechtkomme und mein Leben einfach weiterlebe, und dann höre ich ihren Namen. Oder werde an ihn erinnert.

»Ja.«

Gerith mustert mich. »Eines Tages, wenn ich groß bin, kämpfe ich auf dem Sand. Dann bekommen wir genug Geld, um Ev zu heilen. Und dann gehen wir alle weg.«

Mein Lächeln gefriert.

Ich würde eher sterben, als meine Brüder auch nur einen Fuß in die Arena setzen zu lassen. Alles, was ich tue, dient dem Ziel, sie beide weit von Senthara wegzuschaffen und an einen Ort zu bringen, wo das Vergnügen des Imperators nicht mehr als eine ferne Erinnerung ist. Ich bin jedoch nicht so dumm, das auszusprechen. Die Zwillinge sind gewachsen und mit ihnen ihr männlicher Stolz.

»Zeit aufzustehen.«

Er nickt und ich lasse ihn allein, damit er sich ankleiden kann. Ich ziehe mir die Stiefel aus, behalte das Schwert aber auf den Rücken geschnallt, denn ich bin immer noch … beunruhigt von meinem vampirischen Besucher.

Beunruhigt ist ein gutes Wort. Es bedeutet, dass ich mich weiterhin ein wenig unruhig fühle. Ein wenig unbehaglich. Keinen trockenen Mund, keine feuchten Hände habe und mir nicht schwindelig ist vor Angst.

Die Lungenelixiere aus Nesonias halten meinen Bruder am Leben. Was würde Bran noch alles tun, damit ich mitspiele?

Ich schiebe den Gedanken beiseite. Ich bin daran gewöhnt, in der Defensive zu sein. Wie jeden Tag, wenn ich die Art Leute beschütze, die sich Feinde machen, einfach indem sie atmen. Ich bin nicht gerne so passiv, aber es bringt auch nichts, die Hände zu ringen und mich zu sorgen.

Wenn ich heute Morgen nach Mataras aufbreche, kann ich innerhalb von ein paar Tagen zurück sein. Die Apotheke dort wird die Elixiere haben, die wir brauchen. Da bin ich mir sicher. Ich hasse es, Gerith und Evren allein zu lassen, aber ich bezweifle, dass der Vampir auch die Apotheken in den umliegenden Städten leergekauft hat.

Ich tappe in unsere winzige Küche und öffne die Kühlkiste. Der Kristall darin leuchtet matt und der Aether, der unsere mageren Vorräte kühlt, summt nur schwach. Nachdem ich Evrens Lungenelixiere besorgt und die ständig steigenden Steuern des Imperators bezahlt habe, bleibt gerade noch genug, um die Aetherkristalle zu füllen. Gerith braucht dringend ein neues Paar Stiefel, aber das wird warten müssen.

Meine Brust schmerzt. Er würde sich niemals beschweren, aber ich weiß, dass seine Füße beim letzten Regen vollkommen nass geworden sind. Ich habe Evren und Gerith darüber flüstern hören, als sie dachten, ich würde es nicht mitbekommen.

Die Milch ist uns schon vor zwei Tagen ausgegangen, daher bereite ich den Haferbrei mit Wasser zu und würze ihn mit einer Prise Salz statt Zucker oder Honig.

Die Zwillinge grummeln einander in einem ihrer Zimmer an, ihre Stimmen werden von der Tür gedämpft. Sie sind beide eher Morgenmuffel. Bis sie auf ihren Stühlen am Tisch sitzen – Evren blass und ausgezehrt, Gerith beim Anblick des dünnen Breis zusammenzuckend –, fällt schwaches Sonnenlicht durch das Fenster. Das erste Licht des Tages bringt Geriths blondes Haar zum Leuchten, während Evrens Haar so dunkel ist, dass es die Helligkeit zu schlucken scheint. Nur Minuten nacheinander geboren könnten sie nicht unterschiedlicher sein – im Aussehen wie vom Charakter.

Als Gerith den Kopf dreht, streifen blasse Sonnenstrahlen seine goldene Sigille, lassen sie kurz aufleuchten, dann wieder verblassen. Meine Lunge zieht sich zusammen und ich ringe die Angst nieder. Meine Macht mag nicht erwacht sein, aber das heißt nicht, dass es meinen Brüdern ebenso ergehen muss. Sie werden nicht wie ich sein.

Sigillengezeichnete werden mit latenten Mächten geboren und die Farbe unserer Sigillen enthüllt unser Potenzial und wie groß sie im Lauf der Zeit werden. Alle sigillengezeichneten Kinder erlangen eine Handvoll geringerer Fähigkeiten wie grundlegendes Abschirmen, einen Funken mit einer kleinen Geste heraufbeschwören, kleine Mengen Wasser reinigen oder das Wachstum von Pflanzen beschleunigen. Im Alter von elf bis fünfzehn tritt ihre wahre Macht zutage – manchmal sogar zwei, wenn sie außergewöhnlich talentiert oder gesegnet sind. Ein paar wenigen wird von den Göttern, die sie verehren, eine Macht verliehen.

»Arvelle?«

Ich zwinge mich zu einem Lächeln und reiße den Blick von Geriths Sigille los. »Ich muss heute nach Mataras. Denkt dran …«

»Schon klar.« Mit einem Grinsen verdreht er die Augen. »Kommt gleich wieder nach Hause. Redet mit niemandem.«

Es klopft an der Tür. Gerith steht auf, doch er weiß Bescheid und ich schiebe mich an ihm vorbei. Besucher so früh am Morgen bedeuten selten etwas Gutes. Meine rechte Hand tastet nach dem Türgriff, die linke bewegt sich zu meinem Messer, dann öffne ich die Tür.

Ein kleines, dünnes Mädchen starrt zu mir auf. Blonde Locken hängen ihr wirr um das androgyne Gesicht und ich sehe kurz eine bronzefarbene Sigille unter den Strähnen auf ihrer Stirn. Ihre Sigille hat sich etwas ausgeweitet, was heißt, dass sie vermutlich älter ist, als sie aussieht.

Fünfzehn, vielleicht sechzehn.

Ich öffne den Mund und will ihr gerade mitteilen, dass sie das falsche Haus erwischt hat, aber ihr Blick geht an mir vorbei und ihre blauen Augen glänzen.

»Ich heiße Sarai«, verkündet sie. »Ich bin zum Frühstück hier.«

Meine Augenbrauen zucken in die Höhe. »Ach ja, bist du das?«

Ihre Mundwinkel wandern nach unten. »Er hat nicht gefragt?«

Ich stoße einen Seufzer aus und werfe aus schmalen Augen einen Blick über die Schulter. Es ist unmöglich zu sagen, welchen »er« sie meint, da meine beiden Brüder die Lippen zusammengepresst haben und zu Boden blicken.

»Komm rein«, sage ich.

Sie schwebt an mir vorbei, bevor ich meine Meinung ändern kann, und setzt sich neben Gerith, dem sie einen düsteren Blick zuwirft.

Er sieht mich an. »Entschuldige. Ich hatte es vergessen.«

»Schon gut. Freut mich, dich kennenzulernen, Sarai. Ich bin Arvelle.«

Sie strahlt mich an, alle Verlegenheit ist vergessen, bis das Knurren ihres Magens die Stille durchbricht.

Ihre Wangen röten sich und wir alle tun so, als hätten wir kurzzeitig das Gehör verloren. Ich reiche ihr meine Schüssel. »Du hast dir einen guten Morgen für deinen Besuch ausgesucht, Sarai. Ich habe keinen Hunger.«

Sarais Essen verschwindet im Handumdrehen. Ich frage nicht, wo ihre Eltern sind oder wann sie das letzte Mal etwas gegessen hat. Doch ihre dünnen Arme schlingen sich um meinen Bauch, als ich die leeren Schüsseln abräume.

»Danke«, murmelt sie.

Innerhalb weniger Minuten sind sie abmarschbereit. Meine Brüder haben mit sechzehn anderen Kindern zusammen einen Tutor. Der Tutor hat zwar keine Ausbildung, jedoch selbst ein paar Jahre studiert, und einer unserer Nachbarn hat vorgeschlagen, jeden Monat ein paar Münzen für seine Zeit zusammenzulegen.

Das könnte ihre einzige Chance auf irgendeine Ausbildung sein. In ein paar Wochen werden ihre Stunden beim Tutor durch Trainingsstunden für den Sand ersetzt. Solange ich keine Möglichkeit finde, uns aus diesem Imperium zu schaffen, werden sie in wenigen Jahren selbst in die Arena des Imperators einlaufen. Erst wenn sie auf dem Sand überlebt haben, können sie einen Beruf erlernen.

Mein Mund wird trocken. Evren ist so geschwächt, dass er kaum ein Schwert heben kann.

Ich schiebe den Gedanken beiseite und öffne die Tür. »Danke, Velle.« Gerith grinst mich an. »Es tut mir leid, dass ich vergessen habe, dich wegen Sarai zu fragen.«

»Schon gut. Geh und lern was.«

Evren folgt den anderen. Er hat kein Wort gesagt, aber sein Husten hat nachgelassen und ich weiß, dass er jeden Vorschlag, zu Hause zu bleiben und sich auszuruhen, ignorieren würde, also drücke ich ihm einen Kuss auf die Stirn. »Machs gut.«

Er versucht sich an einem schwachen Lächeln, doch sein Blick geht zu Boden. Reue überkommt mich. Das waren die letzten Worte, die ich an dem Tag zu ihm sagte, als die Mine explodierte und alle in der Nähe ums Leben kamen. Evren war weit genug von der Explosion entfernt, um mit dem Leben davonzukommen, aber nicht mit seiner Gesundheit. Seine Lunge ist vernarbt und er ist von dem Wissen wie gelähmt, dass er überhaupt nicht in der Nähe der Mine hätte sein dürfen.

Es war nicht seine Schuld. Er war erst acht Jahre alt und unsere Mutter hatte mir versprochen, dass sie auf die beiden aufpassen würde. Aber nichts, was ich sage oder tue, mildert seine Schuldgefühle.

Ich sehe ihnen hinterher, bis sie einander schubsend und rangelnd im Dorn verschwinden.

Die Kristalle in der Dusche haben keinen Aether mehr, deshalb ist das Wasser kalt. Mit einer Grimasse stehe ich darunter und weigere mich, mir die Haare zu waschen, bis ich neue Kristallfüllungen gekauft habe. Danach ziehe ich eine schmale Lederhose, ein eng anliegendes Hemd und meine Stiefel an. Darüber kommen die Waffen, gefolgt von einem dicken Umhang.

Glücklicherweise hat das Schloss an unserer Tür immer noch genug Aether, um die Wohnung zu sichern. Nicht, dass es bei uns etwas zu klauen gäbe. Ich drehe es um, gehe nach draußen und fange in der kühlen Luft sofort an zu frösteln.

Eines Tages. Eines Tages gehen wir nach Norden. Wo es wärmer und die Luftfeuchtigkeit höher ist. Wo mein Bruder leichter atmen kann und niemand weiß, wer ich bin. Wo sie eine anständige Ausbildung bekommen. Wo ich nicht hinter jeder Ecke Geister sehe. Wo wir neu anfangen können …

In der Zwischenzeit wartet Fallon in der kleinen Übungsarena des Dorns auf mich. Und wenn ich nicht da bin, um abschätzige Bemerkungen über ihre Schwertkünste zu machen, wird sie vielleicht zu selbstsicher, bevor sie auf dem Sand an der Reihe ist.

Ich bin trotz der Sonne im Gesicht dankbar für meinen Umhang. In ein paar Stunden wird die Sonne die größte Kälte weggebrannt haben, die Feuchtigkeit aber wird bleiben, so wie sie immer im Dorn verharrt.

* * *

Mindestens zehn Leute trainieren heute und sie alle ignorieren einander geflissentlich. Nichts erinnert einen so gut daran, dass man am Ende seinen eigenen Nachbarn umbringen könnte, als wenn man jahrelang jeden Morgen nebeneinander trainiert.

Ich weiß nicht, wieso ich jeden verdammten Tag mit Fallon arbeite. Sie hat mir einmal gesagt, dass sie auf dem Sand gewinnen und sich der Praesidiumswache anschließen will. Sie mag das Geschick dazu haben, aber sie ist keine geborene Killerin. Und die Auslese belohnt Unbarmherzigkeit.

Ich seufze. Ich trainiere sie, weil sie sich mit der Begeisterung eines Welpen in die Arena des Imperators stürzen wird, wenn sie sich selbst überlassen bleibt. Und dann wird sie sterben.

Ihre Fußarbeit wird besser, aber sie zögert immer noch, wenn sie gezwungen wird, das Schwert mit der linken Hand zu führen, als würde ihr Körper sie anschreien, dass die Bewegung unnatürlich ist.

»Du machst es schon wieder«, rufe ich.

Sie entdeckt mich und flucht. »Ich bin fast so schnell mit der linken Hand wie mit der rechten.«

»Fast ist nicht gut genug.« Die Worte klingen bitter und ich zwinge mich zu einem tiefen, langen Atemzug. »Zeig mir deine gemischte Form.«

Sie nickt und wirbelt mit flatternden langen roten Haaren herum. Ihr Schwert fegt durch die Luft, dann wechselt sie es flink in die andere Hand und drückt sich den rechten Arm an die Seite, als wäre er nutzlos. Sie sieht mich keuchend an.

»Besser.« Ich nicke.

»Möchtest du kämpfen?«

»Ich muss nach Mataras. Ich bin nur hier, um dich daran zu erinnern, dass du immer noch zu langsam bist.«

Sie funkelt mich an und ihre Knöchel um den Griff ihres Schwerts werden weiß. Doch als ihr Blick hinter mich wandert und ihre Wangen sich rot färben, ist nicht schwer zu erraten, wen sie erblickt.

Carrick.

Er lehnt an der Mauer am Rand der Arena und einen winzigen Augenblick lang sehe ich einen anderen Mann an seiner Stelle, den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, während er mir beim Training zusieht.

Ich blinzle und da steht wieder nur Carrick, dessen silberne Sigille im Sonnenlicht glitzert, als er sich das zerzauste blondbraune Haar aus dem Gesicht streicht.

»Arbeite an der gemischten Form«, murmle ich Fallon zu.

»Ich dachte, ich begleite dich nach Hause«, sagt Carrick, als ich über die Lichtung auf ihn zugehe.

»Ich will nicht nach Hause.«

Er verschränkt die Arme. »Dann bringe ich dich dahin, wo immer du hinwillst.«

»Carrick.«

»Es ist noch eine Leiche aufgetaucht. Das Herz fehlt, genau wie bei den anderen. Es sind auch nicht nur Mundies. In den letzten drei Wochen sind drei Sigillengezeichnete ermordet worden. Zwei von ihnen verschwanden mitten am Tag.«

Ich nage an der Unterlippe. Das macht neun Leichen seit dem ersten Fall vor kaum zwei Monaten. Es überrascht mich nicht, dass Carrick so wachsam ist. Er weiß alles, was im Dorn geschieht.

»Evren und Gerith …«

»Sie sind mit einer Gruppe unterwegs. Alle, die verschwunden sind, waren allein.«

»Gut.« Ich drehe mich um und laufe auf die Straße zu. Er schließt mühelos zu mir auf.

Wer würde den Menschen hier so etwas antun? Das Herausschneiden der Herzen deutet darauf hin, dass die Morde irgendeinem rituellen Zweck dienen, doch es könnte auch bloß die letzte Herabwürdigung eines geistesgestörten Mörders sein.

Carrick stößt mich mit dem Ellbogen an. »Was denkst du?«

Ich erzähle ihm von meinen Gedanken und er wirft mir einen anerkennenden Blick zu. »Ich neige zur ersten Vermutung. Jemandem das Herz zu entnehmen, kostet Zeit. Ist schmutzig. Doch die Wächter weigern sich, dem nachzugehen.«

»Schockierend.« Ich biege nach links ab, marschiere an Perrins Apotheke vorbei und halte auf die Hauptstraße zu. Vor Jahren haben Kas und ich immer Blumen in ihrem Garten gepflückt und sie hier an dieser Straße an die Adligen verkauft, wenn sie zurück nach Lysoria reisten.

»Also«, sagt Carrick und ich wappne mich für seine nächsten Worte. Es ist mittlerweile so vorhersehbar, dass ich sie fast lautlos mitsprechen könnte.

»Triffst du dich mit jemandem?«

»Du weißt, dass ich das nicht tue.«

»Und findest du nicht, dass das schade ist?«

Wir kommen an einer Bäckerei vorbei und der warme, einladende Duft von frisch gebackenem Brot lässt meinen Magen knurren.

Wenig überraschend macht der nagende Hunger meine bereits düstere Laune nicht besser.

Ich sehe Carrick aus schmalen Augen an. Er führt diese Befragung nur immer wieder durch, weil ich die einzige Frau bin, die er kennt und die in seiner Nähe nicht errötet und stottert.

»Nein.«

Ich ignoriere Carricks verletzte Miene und denke über die Route nach Mataras nach. Die Bewohner des Dorns nutzen ein System aus Gefallen und Schulden, um zu bekommen, was sie brauchen. Leofric schuldet mir einen Gefallen und da Harriston Leofric etwas schuldet – und Harriston außerdem regelmäßig nach Mataras reist, um dort mit Leder zu handeln –, hoffe ich, dass Leofric mich in Harristons Wagen mitnimmt.

»Es ist Jahre her, Velle.«

Und so einfach hat Carrick eine Grenze überschritten. Meine Nägel bohren sich in meine Handflächen und ich zwinge meine Fäuste dazu, sich zu öffnen. »Halt.«

Carrick schüttelt den Kopf. »Ich weiß, dass ihr beiden dachtet, ihr wärt vom Schicksal füreinander bestimmt oder so etwas. Eine große Liebesgeschichte. Ich sehe nur, dass er dich verlassen hat, und statt weiter dein Leben zu genießen, bist du erstarrt.«

Seine Worte schneiden und schlitzen, graben Stücke aus mir heraus. Die Stücke, die ich brauche, um zu funktionieren.

Natürlich muss Carrick ausgerechnet heute einen ausgewachsenen Angriff ausführen. Ich beschleunige meine Schritte, weiche gerade so einem Pferd und einem Wagen aus, woraufhin der Besitzer mich verflucht. Wenn ich es nicht zu Harriston schaffe, bevor er aufbricht, habe ich keine Möglichkeit, nach Mataras zu gelangen.

Meine Gedanken wirbeln umher, als Carrick mich rückwärts gegen die nächste Mauer stößt. »Er kommt niemals zurück.«

Ich schubse ihn von mir. »Glaubst du, das weiß ich nicht?«

»Ich glaube, ein Teil von dir hofft immer noch darauf.« Seine Miene ist gequält.

»Dann kennst du mich kein bisschen.« Würde ich Ti je wiedersehen, würde ich all meine Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um ihn nicht umzubringen.

Ich schlage Carricks Hände weg, wirble herum und stolziere die Straße hinab.

»Hast du je daran gedacht, dass ich vielleicht niemanden will? Ich komme gut klar.«

Er stößt ein raues Lachen aus. »Gut? Ich habe dich seit sechs Jahren nicht mehr lachen sehen. Du bist hart und kalt. Du kannst nicht den Rest deines Lebens alle von dir wegstoßen.«

Bebend atme ich aus. Carrick ergreift mein Handgelenk, ein Hai, der Blut riecht. »Das Leben muss nicht so schwer sein. Heirate mich und wir gehen fort. Wir nehmen die Zwillinge mit und lassen uns irgendwo nieder, wo es warm ist.«

Das könnte er in der Tat tun. Sein Vater ist einer der reicheren Bewohner des Dorns, aber Carrick hat sich nie auf das Geld seiner Familie verlassen. Nein, er hat gearbeitet, seit er alt genug war für den Traum, hier herauszukommen.

Er bietet mir alles an, was ich will. Nur dass ich schon zuvor davon geträumt habe, diese Worte zu hören – vor langer Zeit, von einem anderen Mann.

Ich schüttle warnend meinen Arm und Carrick lässt mich mit einem schroffen Fluch los. »Ich warte nicht ewig auf dich, Arvelle. Eines Tages möchte ich eine Familie. Ich möchte sie mit dir, aber wenn du an diesem Ort versauern willst …«

Ich bleibe stehen und schiebe mir eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. »Das reicht.« Meine Stimme klingt schwächer, als ich erwartet hatte. Das Problem mit Carrick ist, dass er mich zu gut kennt. Er weiß, wie sehr ich es hier hasse. Er weiß, dass ich mich immer danach gesehnt habe, die Märkte von Hillian, die Festung von Schattenfels, die Sireneninseln zu sehen.

Aber ich weiß auch ganz genau, wie es laufen würde. Ich würde ihm vertrauen. Schlimmer noch, ich würde ihm auch meine Brüder anvertrauen. Aber ich ertrage kein weiteres gebrochenes Herz. Wenn es zerspringt, zerspringe auch ich.

»Ich muss los.«

Ein Muskel zuckt an seinem Kiefer. »Du machst einen Fehler.«

Vermutlich. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich nur noch Fehler machen. Warum sollte es jetzt anders sein?

»Auf Wiedersehen, Carrick.«

Er runzelt die Stirn, öffnet den Mund.

»Velle!«

Ich wirble herum. Und das träge, übelkeiterregende Gefühl von nahendem Verderben überkommt mich, als ich Gerith erblicke. Sein Gesicht ist so blass, dass es grau wirkt, und über seine Wangen laufen Tränen. Er keucht, beugt sich vor, ist ganz außer Atem vom Rennen.

»Ev, es ist Ev.«

3

Ich sprinte sofort los und bin mir nur am Rande bewusst, dass Carrick und Gerith neben mir herjagen. Schon bald lasse ich sie hinter mir zurück, renne durch die Straßen, weiche Müttern aus, an deren Röcke sich Kinder klammern, Paaren, die Arm in Arm spazieren gehen, und Taschendieben, die sich durch die Menge stehlen.

Oh ihr Götter. Oh ihr Götter, bitte.

Meine Lunge brennt, aber ich hebe die Knie höher, bewege die Arme schneller.

Etwas zerbricht in mir.

Nein. Das hier ist nicht das Ende. So verliere ich meinen Bruder nicht.

Das passiert nicht wirklich.

Ich biege schlitternd um die Ecke und unser Haus kommt endlich in Sicht.

Evren liegt zusammengesunken neben unserer Haustür und ringt keuchend nach Luft. Bran steht ein paar Schritte von ihm entfernt, hat sich einen schweren Umhang über den Kopf gezogen und sieht mit ruhiger Miene zu, wie mein Bruder erstickt.

»Was hast du getan?«, schreie ich und stürze zu Evren.

»Ich habe das Kind nicht angerührt«, entgegnet der Vampir, seine Stimme trieft vor Ärger.

»Evren. Atme.«

Er hat rote Flecke im Gesicht, seine Atemzüge sind kaum mehr als ein flaches Japsen. Er klammert sich an mein Hemd und versucht zu sprechen, bekommt aber nur ein ersticktes Schnaufen zustande.

Wenn ich könnte, würde ich mir meine Lungenflügel herausreißen und sie ihm geben.

Gerith lässt sich neben mir zu Boden fallen, sein Gesicht ist kreidebleich. Hinter ihm flucht Carrick. »Wir müssen ihn zu einem Heiler bringen.«

Seine Worte sind überflüssig. Ich war bei jedem Heiler im Dorn und keiner kann diese Anfälle länger als ein paar Tage lindern. Außerdem haben wir keine Zeit. Dieser Anfall ist schlimmer als jeder, den Evren bisher erlitten hat. Ich ziehe ihn noch fester an mich, als würde er nur durch meine Nähe besser Luft bekommen.

»Würden die helfen?« Bran zieht zwei Lungenelixiere aus der Tasche seines Umhangs.

Carrick erstarrt. Langsam steht er auf. Der Vampir ignoriert ihn. Arroganter Bastard. Ich habe Carrick kämpfen sehen und er würde vielleicht nicht gewinnen, aber er würde Bran zumindest wehtun.

»Du weißt, dass sie helfen würden. Bitte gib sie meinem Bruder.« Ich bin mir nicht zu stolz zu betteln. Nicht, wenn Evrens Augen so weit aufgerissen sind. Nicht, wenn er seinen Zwillingsbruder anstarrt, als würde er ihm stumm Lebewohl sagen. Nicht, wenn Gerith zittert und ihm die Tränen übers Gesicht laufen.

»Das werde ich tun. Sobald du unserer Abmachung zustimmst«, erwidert Bran ruhig.

»Abmachung?«, presst Carrick hervor.

»Ich muss dem Imperator einen Gladian präsentieren.« Bran lässt die winzige Kleinigkeit aus, dass ich seine Spionin wäre und den Imperator umbringen soll. »Deine Entscheidung.«

Carricks Lachen ist bitter, angespannt. »Nein.«

»Velle.« Gerith nimmt die Hand seines Bruders.

Evren packt mein Hemd fester, bis ich ihn ansehe. Er schüttelt heftig den Kopf, keucht aber immer noch zu sehr, um sprechen zu können. Seine Lippen sind blau verfärbt, die Muskeln an seiner Brust und seinem Hals treten hervor.

Mein Bruder stirbt vor meinen Augen.

»Willige in unsere Abmachung ein und dein Bruder wird geheilt«, lockt Bran.

Carrick macht einen Schritt auf ihn zu. »Gib mir die Elixiere.«

Bran zieht eine dunkle Augenbraue hoch. Und dann lässt er eins der Fläschchen fallen.

Ich schreie auf, aber es ist zu spät. Das Fläschchen zerspringt auf dem Boden, Glas zerplatzt, das Elixier ist nur noch eine violette Pfütze auf dem Stein.

Nutzlos.

Vergeudet.

Fort.

»Hoppla.« Als Bran dieses Mal lächelt, enthüllt er die Fangzähne. Ich erkenne die Drohung darin und ziehe eins meiner Messer. Eins meiner Silbermesser.

Sein Blick flammt auf, aber das Lächeln bleibt. Er glaubt, dass ich nur antäusche.

Doch das tue ich nicht.

»Lass das letzte Elixier fallen und ich töte dich.«

»Dein Bruder wird sterben.«

»Genau wie du. Ich glaube, das würde Evren gefallen.«

»Mir auch«, sagt Gerith.

Bran hält das Elixier höher. »Gib mir einfach das Versprechen.«

Evren sinkt in meinen Armen zusammen, verliert seinen Kampf um Luft.

Das ist so viel größer, als ich dachte. Bran braucht mich, um den Imperator zu töten, sonst würde er sich nicht so viel Mühe geben.

Ich war in dem Augenblick verloren, in dem der Vampir beschloss, dass ich nach seiner Pfeife tanzen soll. Und wenn ich dieser Abmachung schon letzte Nacht zugestimmt hätte, wäre mein Bruder jetzt nicht beinahe bewusstlos.

Ich weiß, wann ich mit dem Rücken zur Wand stehe. Und ich werde nicht dabei zusehen, wie mein Bruder stirbt. »Na schön.«

Carrick flucht. »Arvelle.«

Ich beachte ihn gar nicht. »Gib mir zuerst das Elixier«, verlange ich von Bran.

Er händigt es mir aus.

In dem Augenblick, in dem ich es Evren einflöße, weiß ich, dass es nicht ausreicht. Aber seine Atmung wird etwas ruhiger und Geriths blasses Gesicht bekommt wieder ein wenig Farbe, als er seinem Bruder den Arm um die Schultern legt.

»Wenn du gestattest.« Bran beißt in sein Handgelenk, bis Blut an seinem Arm herabtropft. Als er sich herabbeugt und es Evren an den Mund presst, würgt Carrick. Gerith läuft grün an. Ich halte Evren rabiat die Nase zu und zwinge ihn, es zu schlucken.

Das tut er. Vampirblut wird die Krankheit in seiner Lunge nicht heilen. Aber es wird den Schaden heilen, den dieser Anfall in seinem Körper angerichtet hat.

Innerhalb weniger Minuten beruhigt sich Evrens Atmung und er kann sich an unsere Haustür gelehnt aufsetzen.

Gerith steht auf, fletscht die Zähne und stürzt sich mit gezogenem Dolch auf den Vampir.

Einem meiner Dolche. Er muss sich wieder in mein Zimmer geschlichen haben.

Carrick reißt Gerith zurück, pflückt ihm den Dolch aus der Hand und wirft ihn mir zu. Ich fange ihn auf, während Bran sie beide stirnrunzelnd ansieht.

Gerith schlägt erfolglos nach dem Vampir und wehrt sich gegen Carricks Griff. »Eines Tages werde ich dich umbringen.«

Gleichgültig lässt Bran den Blick über ihn wandern, dann wendet er sich mir zu. Trotz des schweren Umhangs muss er mehr Geld für das Sonnenelixier ausgegeben haben, dank dessen er sich zu dieser Tageszeit draußen aufhalten kann, als ich mir auch nur vorstellen kann. Diese Sonnenelixiere machen Vampire den Gerüchten zufolge mit der Zeit wahnsinnig, aber das scheint nicht auf Bran zuzutreffen.

»Wir reisen in zwei Stunden ab.«

»Zwei Stunden?«

»Ich habe genug Zeit verschwendet. Sei bereit. Und Arvelle« – er lächelt – »eine Abmachung ist eine Abmachung. Wenn du versuchst wegzulaufen, bringe ich deine Brüder um.« Bran dreht sich um und verschwindet. Carrick weicht das Blut aus dem Gesicht und er lässt Gerith los.

»Was war das, Velle?«

Ich öffne den Mund, finde aber kein einziges Wort. Ich habe mir mein eigenes Grab geschaufelt.

Am Rande bekomme ich mit, wie Gerith Evren aufhilft. Tränen rinnen Evren über das Gesicht und er starrt mich elend an.

Meine Lippen sind taub, aber ich zwinge mich, die nächsten Worte auszusprechen. »Carrick. Du musst eine Weile bei ihnen bleiben.«

Er macht einen Schritt auf mich zu, hat die Arme bereits ausgestreckt. »Tu das nicht. Vielleicht … vielleicht kannst du ihn fragen.«

Vor nur wenigen Minuten hat er mich noch darauf hingewiesen, dass ich sonst niemanden habe, an den ich mich wenden kann. Mir entfährt ein hohles Lachen. »Selbst wenn ich Ti aufspüren könnte, denkst du wirklich, es würde ihn kümmern?«

Er hat mich am schlimmsten Tag meines Lebens verlassen. Und ein kleiner Teil von mir – ein störrischer, zänkischer Teil, auf den ich nicht besonders stolz bin – würde lieber sterben, als ihn je um etwas zu bitten.

Ich schiebe den Gedanken weg. Mir läuft die Zeit davon.

»Pass auf sie auf, bis ich zurück bin. Bitte.«

Carrick nickt und mit einem letzten Blick auf meine Brüder renne ich los. Meine Füße hämmern auf das Kopfsteinpflaster. Ich darf nicht zerbrechen. Dafür ist keine Zeit. Aber Hitze versengt mir die Augen und meine Kehle schwillt an, bis jeder Atemzug brennt wie Säure.

Zwei Stunden.

Ich renne an Tavernen und Brunnen vorbei. An Perrins Apotheke und dem kleinen Markt, wo ich morgen unsere Aethersteine hätte auffüllen wollen. Ich dränge mich durch Menschenmengen, ignoriere Flüche und Rufe. Ich weiche Hindernissen aus, stürze durch Gassen, bis ich endlich, endlich den Rand vom Dorn erreiche.

Wenn das hier wirklich geschieht – und ein Teil von mir geht weiterhin felsenfest vom Gegenteil aus –, habe ich nur eine Chance.

Leon.

Er lebt immer noch am Wald neben der großen Lichtung, wo seine Tochter und ich früher jahrelang jeden Tag trainiert haben, bevor wir auf dem Sand an der Reihe waren. Damals war seine Hütte reizend, mit einem großen Gemüsegarten neben den Rosen, die Kassia gehätschelt hat. Die Rosen, die wir immer gepflückt und an Adlige verkauft haben.

Jetzt ist der Zaun an einigen Stellen umgefallen und die Rosen …

Ich werde langsamer und versuche, wieder zu Atem zu kommen. Mein Magen dreht sich um und ein saurer, widerlicher Geschmack steigt mir in die Kehle. Früher einmal betrachteten die Zwillinge Leon als ihren Ersatzgroßvater.

Das war, bevor ich versagt habe.

Ich zwinge mich, die Stufen hinaufzugehen, und halte mich nicht mit dem Anklopfen auf. Er würde mir die Tür sowieso nicht öffnen.

Ein paar Wochen, nachdem Kassia gestorben war, stellte ich ihm Essen vor die Tür. Die Tiere fraßen es, denn der Mann drinnen war zu stur, um anzunehmen, was ich ihm anbot. Als ich zurückkam, hatte ich meine Bitterkeit über diese Verschwendung nicht im Zaum halten können.

Ich hatte seine Tür aufgestoßen und Leon angebrüllt, dass das Brot vom Abendessen meiner Brüder stammte und er nicht einmal den Anstand besessen hätte, so zu tun, als hätte er es gegessen.

Er hatte zurückgeblafft, dass ich zu feige wäre, ihm gegenüberzutreten, nachdem seine Tochter meinetwegen ihr Leben verloren hatte.

Diese Anschuldigung entsprach in etwa den Vorwürfen, die ich mir selbst machte, und doch hätte ich lieber Gift genommen, als mir das von ihm anzuhören.

Leon hatte mich angestarrt, die Reue hatte seine Augen verdunkelt, aber er hatte das stumpfe Kinn vorgereckt. Hatte sich geweigert, sich zu entschuldigen. Das war in Ordnung. Wir beide wussten, dass ich keine Entschuldigungen verdiente.

Doch ich hatte weiter Brot und Fleisch in seine Kühlkiste gelegt. Und er hatte alles gegessen. Ich fuhr fort, ihn mindestens einmal pro Woche zu besuchen. Für Kas. Weil sie das Gleiche für mich getan hätte.

Und bei den Göttern, sie wäre über den Zustand dieses Hauses entsetzt gewesen.

Der einst so wunderschöne Garten ist jetzt von Unkräutern überwuchert, die Farbe auf der Holzverkleidung ist verblasst und blättert ab und die blauen Fensterläden, die Kas so liebte, hängen schief.

Dieses Haus war einmal Leons Stolz und Freude, gekauft mit seinem Gewinn vom Sand.

Ich straffe die Schultern und trete ein. Das Häuschen riecht muffig, als hätte Leon seit Monaten kein Fenster geöffnet. Das Feuer brennt niedrig, ein Häufchen Kleinholz ist unordentlich über die Herdstelle verstreut.

Leon tritt ins Zimmer; seine grauen Augen sind vom Schlaf getrübt und ein Abdruck des Kissens prangt auf seiner Wange. Er ist immer noch ein Bär von einem Mann mit breitem, halsstarrigem Kiefer und hoher Stirn. Sowohl sein dunkles Haar als auch sein ungezähmter Bart sind an einigen Stellen von Silber durchzogen und bei dem Anblick verknotet sich mein Magen.

»Ich werde dich nicht mehr besuchen können«, sage ich.

Stille dehnt sich zwischen uns aus, während er mich anstarrt. Schließlich wendet er sich ab.

»Schön. Ich brauch dich hier nicht.«

Ich starre seinen Nacken an. Früher hatte seine Haut jeden Sommer einen hellen Umbraton angenommen, wenn er uns draußen trainierte, aber jetzt ist er blasser, als ich es je gesehen habe. Es ist, als hätte die Trauer ihn irgendwie schrumpfen lassen. Als hätte sie ihm das Mark aus den Knochen gesaugt.

»Ich trete bei der Auslese an.«

Der Stille wachsen Zähne, die an mir nagen. Langsam dreht Leon sich wieder zu mir um. Seine Augen blicken nicht länger verschlafen. Jetzt sind sie aus kaltem grauem Stahl.

Vor zwanzig Jahren machte der Imperator den Sand verpflichtend für Sigillengezeichnete.

Die Siegerinnen und Sieger vom Sand werden eindringlich gebeten, sich der Praesidiumswache anzuschließen. Andere müssen sich einer rigorosen Eignungsprüfung unterziehen, die Sieger und Siegerinnen aber bekommen sofort die Chance, bei der Auslese anzutreten. Doch für mich – und Kas – war die Auslese nie das Ziel. Wir wollten nur auf dem Sand überleben und dann endlich mit dem Rest unseres Lebens anfangen.

Meine Hände beginnen zu zittern und ich stecke sie in die Taschen.

»Du würdest ihr Andenken auf diese Weise beschmutzen?«, will Leon wissen.

Bei den Göttern, er weiß immer, wo er zustoßen muss. Meine Kehle ist so eng, dass ich kaum sprechen kann, und ich zwinge mich zu einem langsamen, tiefen Atemzug. »Ich muss es tun.«

»Du hast in dieser Arena nichts zu suchen.«

»Ich weiß. Doch mir bleibt nichts anderes übrig.«

»Nach jedem Einlauf atmen nicht einmal mehr die Hälfte derer, die antreten. Von diesen Überlebenden stirbt ein weiteres Drittel während der Novizenausbildung für die Wache.«

Über diese Statistik bin ich mir sehr wohl im Klaren. Und dennoch rutscht mir das Herz in die Hose.

»Das weiß ich auch. Doch es ändert gar nichts.«

»Raus aus meinem Haus.«

»Schön. Carrick wird nach dir sehen.«