Weg, einfach weg - Ralf J. Schwarz - E-Book

Weg, einfach weg E-Book

Ralf J. Schwarz

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Beschreibung

Wem von uns geht es nicht manchmal so? Am liebsten würde man alles hinschmeißen und weglaufen. Andreas van Geerden geht es ebenso. Er ist reich, erfolgreich, hat ein riesiges Haus, aber er ist trotzdem nicht glücklich. Deshalb beschließt er, in der tiefsten Nacht, wie ein Dieb auf der Flucht, wegzugehen. Sorgfältig hat er alles geplant, jedoch fehlt ihm jemand, der ihm einen kleinen Dienst erweist. Er bittet seinen Freund Hartmut darum. Dieser willigt ein. Um eine falsche Spur zu legen, versenkt er van Geerdens Wagen. Dabei wird der von einer Radarkontrolle fotografiert und gerät so unter Verdacht. Während Andreas van Geerden auf der Suche nach seiner Freiheit ist, kämpft nun sein Freund darum, nicht von den Gesetzesmühlen zermahlen zu werden.

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Seitenzahl: 460

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ralf J. Schwarz

Weg, einfach weg

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Impressum neobooks

Kapitel 1

»Ist hier noch frei?« Erschrocken sah der Angesprochene von seinem Bier hoch. Seine Augen wirkten glasig. »Ja klar«, nuschelte er geistesabwesend. Deutlich schlug dem Fragenden eine Fahne Bierdunst entgegen. Beide Männer sahen sich eine Weile abschätzend an. »Giering.FrankGiering.« DerBetrunkenestreckte seinem Gegenüber seine Hand hin. Widerwillig nahm der Ankömmling die Hand und schüttelte sie. »Freut mich«, antwortete der Erste ohne seinen Namen zu nennen. Unwillig kam der Barkeeper auf sie zu. Er war ein ungepflegter Typ, unrasiert und mit langen, zu einem Zopf gebundenen Haaren. Er sah aus, als sei er vor einigen Minuten erst aus seinem Bett gekrabbelt. Er nickte die beiden Männer fragend an.

Der Neue sah ihm einige Sekunden in die Augen. »Was ist? Können Sie nicht sprechen?« Der Barkeeper rümpfte die Nase: »Doch, natürlich.« »Dann machen Sie es auch. Fragen sie mich, was ich trinken will.« Für einen Augenblick schwang die Aggressivität in den Worten des Mannes mit. Der Kerl hinter dem Tresen erschrak, als sich die Finger des Sprechers um das Bierglas des Betrunkenen schlossen. Er sah in an. Der Mann wirkte zu allem entschlossen.

»Gut, Gut! Also, was möchten Sie trinken?« Mit einem Klacken stellte er das Glas zurück: »Sehen Sie. So ist das doch besser.« Er sah Giering abschätzig an, dann wanderte sein Blick zum Barkeeper: »Einen Tee bitte. Einen schwarzen Tee, Assam oder sonst was. Und bringen sie ihn an den Tisch dort drüben.«

Giering saß wie angewurzelt auf seinem Stuhl. Aus den Augenwinkeln betrachtete Giering den Hinzugekommenen, der jetzt von seinem Barhocker rutschte und zu dem kleinen Tisch ging. Er sah ihm nach. Für einen Moment wunderte er sich über sein kämpferisches Auftreten. Die Augen des Neuen waren trüb und von undefinierbarer Farbe. Sie standen im krassen Gegensatz zu seinem sonstigen Erscheinungsbild. An diesem Menschen war alles geordnet. Seine Kleidung war in einwandfreiem Zustand. Seine schulterlangen, grauen Haare waren zurückgekämmt. Ein Scheitel, millimetergenau gezogen, teilte die Frisur. Sein Gesicht wirkte gepflegt. Auch sein Drei-Tage-Bart war kurz und sauber ausrasiert. Einzig die deutlich erkennbaren Falten brachten eine Art Unordnung in das Bild. Die tiefen Graben im Gesicht ließen auf eine sorgenvolle Geschichte schließen. Frank Giering stand auf und ging zu ihm. Ohne zu fragen ließ er sich auf einen der Sessel fallen. Schweigend sah ihn der Grauhaarige an. Es dauerte lange, bis Giering schließlich einen verbalen Vorstoß wagte: »Auch ein Gestrandeter?« Der Graue nickte zustimmend. »So geht es mir immer«, lallte Giering weiter, »Kaum bin ich irgendwo, streiken die Fluglotsen. Ich kann Ihnen sagen, mir passiert das permanent!« Der Graue antwortete nicht. Wieder nickte er nur. »Und dabei ist das meine letzte Geschäftsreise. Sind sie auch beruflich unterwegs?« »Nein, privat«, antwortete der Gefragte kurz. Mit schlurfenden Schritten kam der Barkeeper hinter seinem Tresen hervor und stellte eine dampfende Tasse auf den Tisch. »Bitte sehr, Herr Generaldirektor«, spottete er und verschwand wieder. Der Graue tauchte den Teebeutel, der neben der Tasse lag, ins Wasser.

»Wissen Sie, wenn ich zuhause bin, werde ich in Rente gehen«, hob Giering erneut an, »Endlich! Vorausgesetzt, ich komme irgendwann noch mal nach Hause.« Er lachte trocken. »Momentan sieht es zwar nicht danach aus, aber zur Not schwimme ich auch heim. Dann bin ich endlich frei. Sie glauben nicht, wie ich mich darauf freue.« Giering sah verlebt aus. Seine fettigen Haare bildeten mit seinem ungebügelten Hemd ein Gesamtbild, das nicht nach erfülltem Leben aussah. Er war dünn und wirkte ausgemergelt. Dicke, graue Bartstoppeln standen wie kleine Bleistifte von seiner Gesichtshaut ab. Der Graue sah auf Gierings dünne, zigarettenrauchgelben Finger, die sich wie Spinnenbeine um das Bierglas schlangen. Langsam und gluckernd verschwand die strohgelbe Flüssigkeit zwischen den ebenso gelben Zähnen. »Dann sind Sie frei? Denken Sie das?« Mit einem deutlich ironischen Unterton kamen die Worte über die Lippen des Grauhaarigen, »Träumen Sie weiter!«

Frank Giering nervös auf seinem Sessel hin und her. »He, wie meinen Sie das? Wieso soll ich weiter träumen?«, lallte er plötzlich. »Wollen Sie etwa sagen, dass ich dummes Zeug rede?« Sein Ton klang jetzt deutlich gereizt. Der Grauhaarige schüttelte verneinend den Kopf: »Sie missverstehen mich. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, was ich von Freiheit halte.« »Aber wenn ich im Ruhestand bin, dann kann ich doch alles tun. Einfach das was ich will. Das ist doch Freiheit, oder nicht?« »Wenn das Ihre Definition von Freiheit ist, dann wird es das auch sein. Aber bitte. Ich möchte jetzt in Ruhe meinen Tee trinken.« Der Graue spürte die Streitlust, die in den Worten des Betrunkenen mitschwang. Seine trüben Augen blitzten. »Na dann mal raus damit. Sie Klugscheißer. Was ist für sie Freiheit?« Der Grauhaarige schwieg und schüttelte den Kopf. Er ärgerte sich. Eigentlich wollte er nur etwas trinken. Und nun beleidigte ihn dieser besoffene Affe. Er hatte gut Lust, ihm eine reinzuhauen. Aber dafür war er sich zu schade. »Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich genau weiß, wie sich Freiheit anfühlt. Ich habe gespürt, wie es ist, frei zu sein. Und ich weiß wie es ist, in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein. Ich kann Ihnen versichern, ich habe alle Facetten dieses Zustands kennengelernt. Und ich wünschte mir, es nicht zu kennen. Ich würde alles tun, um es nicht wissen zu müssen.« Erstaunt sah in Giering an. »Das ist doch Blödsinn«, fauchte er betrunken. »Frei ist frei.« »Denken Sie? Wenn es Sie interessiert«, unterbrach ihn der Graue entnervt, »werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen.« »Na los! Erzählen Sie. Öffnen Sie mir die Augen«, witzelte der Betrunkene. Der Grauhaarige lehnte sich zurück. Er dachte einen Moment nach. Giering winkte dem Barkeeper und bestellte noch ein Bier. »Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen. Gut alles fing mit einem Anruf an. Ein Mann saß in seinem Büro. Und noch heute bete ich zu Gott, dass er damals den Hörer einfach hätte liegen lassen sollen.«

Kapitel 2

Die Gegensprechanlage summte und riss ihn aus seinen Gedanken. Gerade noch hatte er sich mit einer schwierigen Erbrechtsproblematik beschäftigt. Dazu brauchte er seine Ruhe. Und nun störte Cavalli, dieser Nervtöter, seine Kontemplation. »Was ist, Cavalli? Ich hab doch gesagt, dass ich nicht gestört werden möchte. Was gibt's denn so dringendes?« »Tut mit leid«, rauschte die Stimme des Sekretärs aus dem kleinen Lautsprecher, Herr van Geerden hat schon dreimal angerufen. Es scheint dringend zu sein. Er bittet Sie, zurückzurufen.« Hartmut Kesselring legte seinen Füllfederhalter auf den massigen Eichenholzschreibtisch. »Sofort«, hörte er die Stimme erneut. »Okay, ich rufe ihn an. Bei ihm ist es etwas anderes.« Das Rauschen verstummte. Kesselring sah aus dem Fenster. Draußen zeigten sich die sommergrünen Blätter in ihrer schönsten Pracht. Alles blühte. Und er saß hier im Büro. Den ganzen Tag, teilweise bis spät in den Abend hinein. Ein wahres Opfer. Dabei blieben seine Freunde, seine Frau, selbst sein ganzes Leben auf der Strecke.

Hartmut wählte die Nummer die er im Schlaf auswendig konnte. Es läutete, einmal, zweimal. Dann wurde der Hörer abgenommen. »Van Geerden«, hörte er die Männerstimme. »Hallo Andreas. Ich sollte Dich anrufen. Was hast Du auf dem Herzen?« »Hallo Hartmut. Wie geht es Dir?« »He, Du rufst mich nicht an um mich zu fragen, wie es mir geht. Ich stecke bis zum Hals in einem Fall und komme nicht weiter. Und ich brauche jede Minute um mich vorzubereiten. Also, was gibt es wirklich?« »Stimmt, deshalb rufe ich nicht an. War nur so ne Art Small talk. Ich muss heute noch mit Dir reden. Es ist wichtig. Hast Du heute Abend Zeit für mich?« »Eigentlich wollte ich mir mal wieder einen netten Abend mit Karen machen. Was gibt es so wichtiges? Kann das nicht bis Morgen warten?« »Nein, kann es nicht! Es ist wichtig. Außerdem bist Du mein bester Freund.« Hartmut atmete tief durch. »Gut. Wenn Du mit der Freundschaftsmasche kommst, ist es sicher wichtig. Wann und wo?« »Schaffst Du es bis zwanzig Uhr? Dann könnten wir uns im Steakhaus in Wiesbaden treffen. Passt Dir das?« »Hab ich eine Wahl? Sicherlich nicht. Also um Acht in Wiesbaden. Jetzt muss ich mir nur noch was für Karen überlegen. Irgendeine Ausrede.« »Danke, Mann. Das werde ich Dir nie vergessen.« Mit einem Klicken endete die Verbindung.

Kapitel 3

Einige Minuten vor acht steuerte Hartmut seinen Porsche auf den Parkplatz vor dem Restaurant. Er hatte sich geärgert. Kaum war er in Frankfurt auf die Autobahn gefahren, stand er auch schon im Stau. »Eigentlich müsste ich mich langsam daran gewöhnen«, murmelte er. Aber er war trotzdem pünktlich. Er blieb noch kurz im Wagen sitzen. War es wirklich nur der Ärger, in einen Stau geraten zu sein? Ihm war heute alles auf den Magen geschlagen. Und jetzt hatte auch noch Karen, seine Frau, rumgemault. Er hatte ihr den Abend versprochen. Aber jetzt war es egal. Er war hier. Als er das Lokal betrat, sah er Andreas van Geerden schon an einem der hinteren Tische sitzen. Er winkte. Hartmut ging zu ihm, gab ihm die Hand und setzte sich. »Hallo Andreas. Was gibt’s denn so dringendes?« »Hallo Hartmut. Danke, dass Du Dir die Zeit für mich nimmst. Was willst Du trinken?« »Ein Bier.« Andreas winkte dem Kellner und gab seine Bestellung auf. »Also?«, erneuerte Hartmut seine Frage. »Wir werden uns heute zu letzten Mal sehen. Ich werde morgen verschwinden.« Stille trat ein. Hartmut kratzte sich nachdenklich am Kinn. Er musterte sein Gegenüber. »Du machst jetzt einen Scherz mit mir! Was heißt verschwinden? Urlaub?« Andreas schüttelte den Kopf. »Nein. Verschwinden heißt so viel wie weg. Weg von hier. Fort von Frankfurt. Einfach verschwinden.« Ungläubig lächelte Hartmut. »Und was sagt Deine Frau dazu?« »Das ist genau der Grund für meinen Anruf. Ute soll es nicht erfahren. Jedenfalls nicht vorher.« »Sag mal, tickst Du noch richtig. Du willst verschwinden und Ute vorher nichts sagen? Was ist in Dich gefahren? Hast Du Dich mal untersuchen lassen. Auf Deinen Geisteszustand, meine ich. Du bist doch durchgeknallt! Wie kommst Du denn auf so einen Unsinn?« »Was mich dazu treibt?«, fragte Andreas wie zur Bestätigung, »Ich kann einfach nicht mehr. Ich hab den ganzen Mist hier satt. Ich brauche meine Freiheit. Verstehst Du? Ich will einfach frei sein.« »Freiheit, mein Lieber, ist ein Hirngespinst! Es gibt keine Freiheit. Du wirst niemals frei sein!« Hartmut Kesselring nippte an seinem Glas. Einerseits konnte er das Streben seines Freundes verstehen. Aber andererseits konnte er nur den Kopf schütteln. »Wir beide«, fuhr er nach einer schöpferischen Pause fort, »wir sind uns doch einig, dass wir fast alles haben, was man sich mit einem normalen Gehalt kaufen kann. Wir sind, und da gibst Du mir sicher auch recht, die Bessergestellten im Leben. Wir beide haben alles. Du hast eine Menge Geld. Du kannst Dich als finanziell unabhängig bezeichnen. Und Deine Familie hat ein riesiges Haus. Dafür müsste ein Normalverdiener bestimmt vier Leben arbeiten. Ist das nicht Freiheit genug. Machen zu können, was Du willst? Warum willst Du dann um Himmels Willen noch mehr Freiheit. Und dann noch eins, Freiheit und Geld vertragen sich nicht. Um die gute finanzielle Situation zu erhalten, musst Du Dich ordentlich verbiegen und dann ist es ohnehin aus mit der Freiheit. Das ist nun mal der Preis, den wir dafür zahlen müssen.« Aus dem Dunkel des Raums trat ein Kellner an den Tisch. Behutsam stellte er zwei Gläser Bier auf den Tisch und verschwand. Die beiden Männer sahen ihm nach als wollten sie sich versichern, dass er auch wirklich außer Hörweite war. Andreas van Geerden nickte und schwieg. Er nippte an seinem Glas, nutzte die Gelegenheit um nichts sagen zu müssen. Er redete sowieso nicht gerne. Das spiegelte sich immer in den Gesprächen der beiden Freunde wider. Hartmut war da ganz anders. Er, der Jurist, war ein Redner vor Gott dem Herrn. Aber nun war die Stille das allumfassende und bestimmende Element im Raum. Die beiden Männer sahen sich an und keiner wagte es, die Stille zu unterbrechen. Schließlich brach Andreas den Bann des Schweigens: »Vielleicht drücke ich mich unverständlich aus«, versuchte er zu erklären, »Einerseits verstehe ich es ja selbst nicht und zweifele immer wieder an meinem Plan. Aber genau das ist es was mich beschäftigt. All die vielen Jahre seit unserem Studium, all die Augenblicke, die ich darauf verschwendet habe um meinem sogenannten Reichtum nachzurennen, ein Wohlstand der mich glücklich machen sollte und doch nur das Gegenteil davon bewirkte, scheinen mir heute wie ein Trugbild. Nie hat mich mein wachsendes Vermögen befriedigt, manchmal, und das muss ich zugeben, die Jagd auf den Reichtum schon, das schnell gewonnene Geld, dieser kurze Moment nach einem guten Geschäft, haben mich kurze Zeit zufrieden gestellt. Auch die Dinge die ich mir angeschafft habe, erwiesen sich als leicht verfliegende Glücksmomente und mit allem sitze ich nun hier und bin verzweifelt. Und was kann ich schon mit all dem Reichtum machen? Kann ich mir damit meine Freiheit kaufen? Ach Scheiße«, fluchte er plötzlich, »ich will einfach weg hier. Und Du sollst mir dabei helfen.« »Du spinnst doch!«, unterbrach ihn Hartmut, »Das ist meine ernst gemeinte Ansicht über Dich und Deinen momentanen Geisteszustand. Überdenke alles noch einmal und denke vor allem an Ute. Deine Frau hat ein Recht auf die Wahrheit. Da bist Du ihr schuldig. Steig eine Weile aus der Firma aus, schaffe Dir einen Freiraum oder flieg an den Arsch der Welt. Aber vergiss diesen Schwachsinn mit der Freiheit. Solche Hirngespinste stehen einem der reichsten Männer Frankfurt's nicht zu Gesicht. Wenn das jemand erfährt, hält er Dich für vollends durchgeknallt.« »Ach Hartmut, Du redest solch einen Quatsch. Geh hier durch den Raum und frage die Männer hier. Wenn einer dabei ist, der nicht schon mal so wie ich gedacht hat, nicht schon einen Plan im Kopf hatte, seine Freiheit wieder zu erlangen, bekommst Du von mir ein Bier. Jedem Menschen gehen solche Gedanken im Kopf herum, egal ob arm oder reich, ob Frau oder Mann. Das spielt dabei keine Rolle. Jeder Mann wäre gerne wieder so frei wie er früher war. Da gibt es keinen Unterschied. Der einzige Unterschied ist, manche trauen sich diesen Schritt zu gehen, andere machen sich vor Angst in die Hose. Und jetzt sag Du mir nicht, dass Du nicht auch schon solche Ideen hattest.« Wieder entstand eine Pause die sich schier unendlich dahinzog. Schließlich war es Hartmut der mit einem Räuspern den nächsten Satz begann und damit die Stille zerriss. »Dann mal raus mit Deinem Plan. Erzähl mir mal von Deinen verrückten Gedanken. Wie willst Du aus der Nummer rauskommen und endlich frei zu sein? Anscheinend bist Du Dir ja ziemlich sicher und hast Deine Entscheidung schon getroffen.« Andreas van Geerden nickte nur kurz und Hartmut konnte erkennen, dass sein Gegenüber versuchte, die geeigneten Worte zu finden. »Der Plan ist ganz einfach und unkompliziert. Ich verschwinde von hier und gut ist es.« Hartmut Kesselring sah seinen Freund unverständig an. »Und wo komme ich ins Spiel? Du hast gesagt, du brauchst meine Hilfe. Was ist mein Part?« Lange saßen die beiden Männer zusammen und rauchten, tranken und besprachen das Vorhaben. Da der Anteil Hartmuts nach einer halben Flasche Wein einfach als Freundschaftsdienst abgetan werden konnte, fiel ihm die Entscheidung zur Mithilfe leicht. Schwerer wog Andreas Forderung, auch seiner Frau Ute keine Silbe zu sagen. Es war fast Mitternacht als die beiden Männer mit einem leichten Gleichgewichtsproblem das Restaurant verließen, sich zum letzten Mal in den Arm nahmen und sich schließlich verabschiedeten. Ein Abschied, der für immer sein sollte.

Kapitel 4

Als der Wecker seinen zweifelhaften Dienst antrat, hatte Hartmut das Empfinden, sein Kopf würde gleich zerspringen. Blitzschnell noch im Halbschlaf und trotz der enormen Schmerzen traf seine Hand den Knopf des Weckers. Stille trat ein. Er lauschte in die Dunkelheit. Leise hörte er das Atmen seiner Frau. Karen schlief tief und fest. Sein Blick fiel auf die Kontur ihres Gesichts, das im spärlichen Licht des Zimmers erkennen konnte. Er rollte sich zur Seite und starrte auf das Display der Uhr, deren Leuchtziffern den Raum in ein erotisches, rotes Licht tauchten. Vier Uhr. Eine unwirtliche, zerstörerische Zeit, die dem Normalschläfer Angst und Schrecken einjagen konnte, einem Langschläfer wie Hartmut aber seelische Qualen bereitete. Er hatte gerade drei Stunden geschlafen und spürte noch die Wirkung des Alkohols den sie bis in die späten Stunden getrunken hatten. »So viel zur Freundschaft. Ich muss Dich sehr mögen, Andreas van Geerden, sonst würde ich jetzt nicht so einen Unsinn mitmachen«, murmelte er leise und schwang seine Beine über die Kante des Betts. Nun fielen ihm auch wieder Einzelheiten des dubiosen Vorhabens ein, die seine Mitarbeit nötig machten. Minuten später rauschte das Wasser mit mächtigem Druck durch die gemahlenen Kaffeebohnen und bald betörten der Geruch die Sinne Hartmuts. Ungeduscht trat Hartmut um siebzehn nach vier vor die Tür seiner Wohnung, stieg in seinen Porsche und fuhr nach Frankfurt-Sachsenhausen. Leichter Regen machte die Sicht durch die verschmierten Scheiben schwer. Alles schien wie eine späte Rache der getöteten Fliegen, die ihm jetzt, und das im buchstäblichen Sinn, vor Augen führten, dass er seine Scheibe öfter reinigen sollte. Seine trunkenen, alkoholgeschädigten Augen wollten sich partout nicht an die Reflexe, die die Lampen der Straßenbeleuchtung in den Regentropfen zauberten, gewöhnen. Er hatte das Gefühl, Schlangenlinien zu fahren. Dieses Empfinden schob er aber auf seine Angst vor der Polizei die bei einer Kontrolle seinen Cognacdunst sicher einen Meter gegen den Wind riechen würden. Aber trotz aller Schwierigkeiten erreichte er sein Ziel. Er parkte den Wagen etwas abseits und ging die wenigen hundert Meter bis zu seinem Einsatzort zu gehen. Der leichte Nieselregen durchnässte sein Haar und er spürte die ersten Tropfen über seinen Nacken rinnen. Er trug trotz des Wetters keine wasserdichte Jacke. Schon bei seiner morgendlichen Vorbereitung war ihm aufgefallen, dass er überhaupt keine richtige Regenjacke besaß. In seinem Leben brauchte er auch kein solches Kleidungsstück. Für die kurzen Strecken, die er zu Fuß ging, diese Distanzen beschränkten sich unter normalen Umständen nur auf den Weg von seinem Auto in irgendein Gebäude, brauchte er keine wasserdichte Kleidung. Da tat es auch ein ordentlicher Schirm. Auf keinen Fall wollte er sich auffällig kleiden. Schwarz schien ihm sehr passend und deshalb hatte er instinktiv zu einer schwarzen Jeans, einer Art Kleidungsstück das er eigentlich hasste, und einem dunklen, kurzärmeligen Hemd gegriffen. Eine schwarz-blau gemusterte Strickweste vervollständigte sein Outfit. In seinen Gedanken tauchten Bildfetzen aus billigen, tausendmal gesehenen Agententhrillern auf und mit jeder neuen Erinnerung wurden seine Schritte immer geschmeidiger. Gespenstig still war es um diese Zeit auf den Straßen einer Stadt von der man sagte, dass sie niemals schlief. Niemand kreuzte seinen Weg. Vielleicht lag es an der ungewöhnlichen Kühle, die in diesem August herrschte. Lang anhaltende Regenfälle hatten die Temperaturen sinken lassen, selbst die vorangegangenen Monate hatte das Wetterphänomen ‚El Niño‘ buchstäblich ins Wasser fallen lassen. Weniger als zwanzig Minuten hatte seine morgendliche Unternehmung gedauert als er Andreas von Geerdens Wagen vor sich stehen sah. Hartmut sah sich um, konnte aber noch immer keine Menschenseele auf der Straße erkennen. Lediglich von ferne rauschte der Verkehr der kilometerweit entfernten Autobahn und zerstörte die friedliche Stille. Er drückte auf den Knopf des Wagenschlüssels, den ihm Andreas am Vorabend zugesteckt hatte und mit einem Klicken entriegelte sich die Tür. Er warf seinen Pilotenkoffer auf den Rücksitz und legte seine Weste darüber. Ersatzkleidung hatte er in seinem Koffer dabei, denn so wollte er auf keinen Fall während einer Zugfahrt aussehen. Dieser Teil seiner Hilfe war für ihn sowieso mit der schlimmste. Ein erfolgreicher Anwalt wie er, würde mit dem gewöhnlichen Mob ein Zugabteil teilen müssen. Eine Vorstellung, die ihm Magenschmerzen bereitete. Sicherlich war er ein wenig abgehoben, aber er kannte die Menschen, hatte schon tausendmal Kontakt mit ihnen. Und er wusste, dass es eine dicke Schicht Abschaum in dieser Klasse gab. Diese einfachen Menschen machten ihm Angst. Deshalb versuchte er ihnen so wenige Reibungspunkte wie möglich zu bieten. Schon alleine die körperliche Nähe in den Zugabteilen machte ihm Angst. Natürlich hätte er einen Platz in der ersten Klasse reservieren können, aber Andreas und er hatten beschlossen, so wenige Spuren wie möglich zu hinterlassen. Also musste er sich mit dem gewöhnlichen Volk, den nach Alkohol riechenden Menschen, den pöbelnden Jugendlichen, im gleichen Zug die Zeit vertreiben. Aber wenigstens im Punkt Alkohol konnte er heute mit ihnen mithalten. Ein letzter Blick durch die menschenleeren Gassen und er stieg in den Wagen. Innerhalb weniger Sekunden rauschte er die Straße durch den noblen Vorstadtteil entlang. Ein letzter prüfender Blick zur Tür seines Freundes trieb ihm einen Schauer über den Rücken. Hatte Andreas im Schatten des Eingangs gestanden oder war es die sich langsam lösende Anspannung, die ihn schaudern ließ? So eine blöde Idee. Nie hätte er sich auf ein solches Unterfangen einlassen sollen. Kurz vor einer Autobahnauffahrt der A5 hielt er an und begann ins Navigationssystem des Mercedes den Zielort seiner Fahrt einzugeben. Sekunden später wusste er dass er in etwa 4 Stunden sein Ziel erreichen würde, nach 420 Kilometern Fahrt würde er erschöpft aus dem Wagen torkeln und nochmal so lange mit dem Zug zurück nach Frankfurt fahren. Er öffnete das Handschuhfach und sah, dass das Smartphone seines Freundes dort lag. Ein kurzer Druck auf den Bildschirm bestätigte, dass das Gerät eingeschaltet war. Es sollte schließlich, nach dem Verschwinden van Geerdens, der suchenden Polizei die Fahrtroute anhand den Sendemasten in den es sich eingeloggt hatte, preisgeben. Und alles wäre erledigt. Und Andreas endgültig verschwunden. Traurigkeit drückte sein Herz während er bei erstaunlich freier Fahrt die edle Karosse über die nächtlichen Straßen fliegen ließ. Gedankenversunken verrann die Zeit und schneller als er gedacht hatte, waren erste Schilder mit der Aufschrift »Grimma« zu sehen. Während die Menschen dort um ihre Habseligkeiten gegen das Hochwasser kämpften, sollte dies der Befreiungsschlag für seinen Freund sein. Grundsätzlich eine überlegte, trotzdem aber eine dumme Idee, um jemand oder etwas verschwinden zu lassen. Schon von weitem konnte Hartmut die Wassermassen erkennen, die das Flüsschen Mulde nun zu einem reisenden, alles verschlingenden Strom anschwellen hatten lassen. Dort sollte er Andreas Wagen in den Fluten versenken und mit ihm sollte Andreas von Geerden von der Bildfläche verschwinden. Schon im Vorfeld hatte Andreas alles vorbereitet, sein Terminkalender hatte einen Eintrag im angegebenen Gebiet. Konsequent geplant bis ins kleinste Detail, waren van Geerdens Worte gewesen. Monate hatte er damit verbracht immer wieder kleine Geldbeträge abzuheben, denn nach seinem ‚Tod‘ würden auch die Kontobewegungen untersucht werden.

Und nach seinem Verschwinden sollte es Ute an nichts fehlen. Sie war die Alleinerbin eines Untoten und wäre finanziell mehr als abgesichert. Alleine seine Lebensversicherung belief sich auf eine halbe Million Euro. Außerdem hatte sie das Haus und ein Ferienhaus in Spanien. Also würde sie den Verlust verschmerzen können. Selbst an seine Unterlagen und seinen Laptop, die ja schließlich mit dem Wagen untergehen mussten, hatte er gedacht. Alles wasserdicht, so makaber das auch klang. Selbst den Ort an dem der Wagen untergehen sollte, hatte er festgelegt. Diesen Platz steuerte Hartmut nun an. Schon von weitem konnte er die Einsatzmannschaften erkennen, die ausgerechnet dort versuchten, eine Brücke vom Schwemmgut zu befreien. Er beobachtete die Menschen, den Bagger, der mit einem riesigen Greifer ausgerüstet war und so versuchte das Treibgut vor den wenigen freien Durchgängen der Brücke zu entfernen. Ein Kampf zwischen David und Goliath, wobei eindeutig der Fluss die besseren Karten hatte. Gewaltige Flächen waren von den unglaublichen Wassermassen bedeckt. Er konnte sich nicht erklären, wo so viel Wasser herkam. Masten der Überlandleitungen, Bäume, Zaunpfähle und Schilder ragten wie Mahnmale aus den Fluten und zeugten von der Unwichtigkeit der Menschen und der Allmacht der Natur. »So ein Mist« schimpfte Hartmut. Genau von dieser Brücke sollte der Wagen abkommen und in die reisende Mulde stürzen. Aber diese Möglichkeit war nun weg. Als ob das nicht schon dumm genug gelaufen wäre, tauchten auch noch zwei Einsatzfahrzeuge der örtlichen Feuerwehr auf, die mit lautstarkem Sireneneinsatz die Straße von dem Mercedes mit der fremden Nummer befreien wollten. Hartmut wendete den Wagen in einem Feldweg und ließ die Helfer vorbei, achtete dabei aber peinlichst darauf, sein Gesicht abzuwenden um nicht erkannt zu werden. Wie Nadelstiche spürte er die neugierigen Blicke der Sachsen auf seiner Haut. Kaum waren die beiden Fahrzeuge in der Ferne verschwunden, entspannte sich Hartmut wieder. »Na, das ist ja gerade noch mal gut gegangen!« Krampfhaft überlegte er, wie er den Plan doch noch zu einem guten Ende bringen konnte. Er schloss seine müden Augen und dachte nach. Müdigkeit versuchte ihn zu übermannen. Wie gerne hätte er auch nur einige Minuten den Schlaf über sich kommen lassen. Aber dann würde der sorgfältig ausgearbeitete Zeitplan durcheinander kommen. Ein Klopfen gegen die Seitenscheibe riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Spaziergänger mit einem über und über mit Lehm beschmierten Hund stand neben dem Wagen. Hartmut drückte den Knopf des Fensterhebers und öffnete die Scheibe. »Na, hier können Sie aber nicht stehen bleiben. Das ist verboten. Hier darf man nicht parken«, sagte der etwa fünfzigjährige Mann in tiefstem sächsisch. Hartmut hatte Mühe ihn zu verstehen. »Oh, danke«, antwortete er, »aber ich habe mich verfahren. Aber gut dass sie mir das gesagt haben!« Er schloss wieder das Fenster und grummelte nur das Wort: »Blödmann!« vor sich hin.

Er startete den Motor und fuhr langsam rückwärts. Der Sachse blieb neben seinem klebrigen Hund stehen und sah ihm nach. Immer wieder drehten die Räder der Limousine durch, rutschten auf dem lehmverschmierten Asphalt des Feldwirtschaftsweges wie auf Glatteis hin und her. Angestrengt erreichte er die Straße die nach Naunhof führte und war froh, den Wagen wieder rollen lassen zu können. Nach zwanzig Minuten fand er schließlich eine geeignete Stelle. Verwundert sah er den Gegenständen nach die der Fluss mitgerissen hatte. Bäume, von denen noch die grüne Krone aus dem Wasser herausschaute, Holz und Möbel aus den überschwemmten Gebieten, ja selbst ein Wohnwagen hatten die Wassermassen mitgerissen. Langsam wurde es Zeit den Plan in die Tat umzusetzen und hier war nun der geeignete Platz dafür. Hier war das Ufer flach genug. Auch die Landstraße die hier in einiger Entfernung vorbeiführte, lag noch teilweise im überfluteten Gebiet. Und was mit am wichtigsten war, hier gab es weit und breit keine Menschen. Er hielt und atmete erst mal tief durch. Wieder kamen Gedanken an Andreas, Ute und an seine Operation in ihm auf. Operation, ja das hörte sich gut an. Sorgfältig wischte er alle Fingerabdrücke vom Lenkrad und nahm seine Sachen aus dem Wagen. Jetzt nur keine Spuren hinterlassen. Er stellte den Tempomat auf eine geringe Geschwindigkeit ein und stieg aus dem langsam fahrenden Wagen aus. Noch während das Fahrzeug langsam rollte, öffnete er die hintere Tür, griff nach seiner Jacke und dem Pilotenkoffer und schlug mit dem linken Bein die Tür wieder zu. Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, folgte der Mercedes dem matschigen Feldweg. Nach etwa fünfzig Metern verließ er gemächlich seine Spur, geriet immer mehr auf das abschüssige Ufer und schließlich rutschte das Auto ins Wasser. Nie hätte Hartmut gedacht, dass das riesige Fahrzeug so schnell von den Wassermassen mitgerissen werden könnte und nach nur wenigen Sekunden war die ganze Fuhre in der Mulde verschwunden. Hartmut atmete erleichtert auf. Die Erleichterung dauerte aber nur wenige Augenblicke an, wich schlagartig aufkommender Panik als das Fahrzeugdach wie Phönix aus der Asche nun wieder aus den Wellen auftauchte.»Scheiße, ich hab vergessen die Fenster aufzumachen!« dachte er noch, während er dem schwimmenden Auto nachsah. Vor allem, wie konnte bei einem Unglücksfall der Fahrer aus dem Wageninnern heraus geschwemmt werden? Ein fataler Fehler im sonst so perfekten Plan. Ohne zu zögern griff sich Hartmut einen der umherliegenden Feldsteine und spurtete dem davon schwimmenden Wagen nach. Atemlos gelang es ihm auf die gleiche Höhe zu kommen, aber immer wenn er zum Werfen stehen bleiben musste, legte der Wagen scheinbar schlagartig an Fahrt zu und verschwand aus der Wurfdistanz. Resigniert blieb Hartmut stehen und blickt dem Wagen nach. Aus lauter Frust über seine fehlende Sportlichkeit schleuderte er den mehr als faustgroßen Stein in Richtung Auto und erstarrte. Unter mächtigem Geklirre zersprang die Rückscheibe in tausende, blinkende Stückchen und gab sekundenlang die Sicht ins Wageninnere frei. Danach verschwand der Wagen im Wasser.

Kapitel 5

Scheinbar endlos klingelte das Telefon. In einer schier unendlichen Dauerschleife summte es die gleiche Tonkombination, einen Ohrwurm aus den Siebzigern, der sich unauslöschlich in die Windungen der Gehirne einbrannte. May reagierte nicht auf den Anruf, hatte sich in seinem modernen Bürostuhl zurückgelehnt und war bereit, seinen Tag ruhig enden zu lassen. Ein Anruf um diese Zeit bedeutete nichts Gutes. Und vor allem, wer hatte den Anrufer eigentlich zu seinem Anschluss durchgestellt. Er beschloss, nicht weiter zu reagieren und nach geraumer Zeit verstummte das Telefon endlich. Toll, ausgestanden! Nun stand einem ruhigen Feierabend nichts mehr im Weg. Heute wollte er die sich in den letzten Monaten so rar gemachte Sonne genießen und seinen Gedanken nachhängen. Easy Living eben! Noch war er in seinen Gedanken verstrickt, eingefangen wie ein Insekt, das dem Netz der Spinne so viel verlockendes entnehmen konnte und dann nicht mehr weg kam, als seine Bürotür abrupt aufgerissen wurde. Schwer atmend stand Reinhard Meierling, sein engster Mitarbeiter hier in Frankfurt, die gute Seele des Hauses und gleichzeitig Mädchen für alles in der Tür, den Mund schon zu sprechen geöffnet. Volker May ahnte, dass seine Freizeitträume gerade eine deutliche Neigung zum Platzen zeigten. »Ei Volker, warum gehsche dann net ans Telefon? Unn hol eemol die Fies vum Disch. Das geheert sich net uff eme Polizeirevier.« Reinhard sprach im tiefsten hessischen Akzent, wenn er nicht gerade sein Telefon benutzte. »Do hatt jemand aus Sachse angerufe, ich glaab mol aus Sachse, Grimma leihd doch in Sachse, oddaa? Do is die Nummer, Du sollcht gleich noch zerickrufe. Un jetzt awwa hurtisch!« Sekunden später war May wieder alleine in seinem Büro. »Ich hab es gewusst. Immer kommt noch irgendetwas kurz vor Feierabend. Andererseits, was will Grimma schon wollen, die sind weit weg. Sicherlich eine Anfrage auf dem kleinen Dienstweg. Die kann ich nach dem Anruf auch bis morgen verschieben« murmelte er vor sich hin. Ein kurzer Blick auf den handgeschriebenen Zettel und schon wählte er die Nummer des Grimmaer Polizeireviers. Noch hatten die Klingelzeichen nicht richtig das Ohr des Frankfurter Hauptkommissars erreicht, als schon die Stimme eines Mannes ertönte: »Polizei Grimma, Ulrich Andrä am Apparat«. Volker musste lächeln. Zwischen den Worten Andräs schwang ganz deutlich sein sächsisch geprägter Akzent mit. Und Sächsisch empfand May wohl als unerotischste Sprache der gesamten Menschheitsgeschichte. Wie die Sachsen sich so fortpflanzen konnten war ihm ein Rätsel. »Hauptkommissar May, Polizei Frankfurt-Mitte, Sie haben um meinen Rückruf gebeten! Wie kann ich ihnen helfen?« »Hallo Herr May, Polizeiobermeister Andrä, wie bereits erwähnt. Es geht um einen Bürger Ihrer Stadt, wir haben seinen Wagen im Wasser der Mulde entdeckt und geborgen. Anscheinend ist er vom Wasser mitgerissen worden. Und in eben dieser Mulde haben wir einen Mercedes-Kombi mit einer Frankfurter Nummer gefunden. Ist alles recht demoliert und kaputt, aber nach unserer Halterabfrage haben wir nun die Befürchtung, das ein Unglück geschehen ist.« »Entschuldigen Sie, Herr Kollege«, diese Anrede benutzte May immer wenn er sich den Namen seines Telefonpartners nicht merken konnte oder einfach nicht merken wollte, »vielleicht wurde der Wagen einfach nur geklaut. Liegt Grimma nicht auf der Polenroute, der bevorzugten Strecke um gestohlene Autos über die Grenze nach Polen zu schaffen? Da liegt doch solch ein Verdacht nahe, oder?” »Die zum Auto gehörende Person haben wir nicht gefunden”, sprach Andrä weiter ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen. »Könnten Sie mal die Gegebenheiten vor Ort checken? Sie wissen schon, so bei den Haltern nachfragen ob alles in Ordnung ist, ob der Wagen gestohlen ist oder, oder.« Andrä gab May die genauen Daten des Halters und des Wagens. »Ja sicher, werde ich morgen früh gleich machen, so lange wird es ja wohl warten können. Ich rufe Sie dann morgen gleich zurück!« »Au, morgen hab ich frei, da müssten Sie mit einem Kollegen sprechen. Aber der weiß dann nicht so genau Bescheid und so weiter. Sie kennen ja sicher die Probleme. Wenn es heute noch möglich wäre, könnten wir den Fund abschließen. Oder macht Ihr schon so früh Schluss bei Euch? Und denken Sie auch an die Familie falls ein Unglück geschehen ist. Die sollten doch…« »Ok, ich werde es klären. Aber wenn alles so weit in Ordnung scheint, rufe ich erst morgen zurück. Und nun schönen Feierabend!« Ohne eine Antwort abzuwarten hatte Volker May aufgelegt. Nun riefen die auch schon aus Sachsen an und verplanten seine so hart verdienten freien Stunden. Aber wenn er auf dem Heimweg bei der angegebenen Adresse vorbeifuhr, sollte sich alles schnellstens aufgeklärt haben. Was dachten sich diese Sachsen nur. Ein Mercedes-Kombi mit Frankfurter Nummer kurz vor der polnischen Grenze im Wasser eines Flusses. Da mussten selbst die Sachsen Lunte riechen. Als Volker im Stadtteil Sachsenhausen vor dem Haus des Ehepaars van Geerden parkte, machte sich ein Erstaunen in ihm breit. Er stand vor einem riesigen Anwesen mit einem Haus, das verloren in der Mitte einer parkähnlichen Grünfläche stand, geschützt von einer riesigen, sichtverdeckenden Hecke, in deren Mitte ein schmiedeeisernes Tor den Zugang verwehrte. Eine Reihe uralter Eichen stand wie eine Armee grüner Bewacher vor dem Anwesen und bildete so einen fast undurchdringbaren Sichtschutz. Lediglich der Blick durch das Tor offenbarte die andere, eine Welt scheinbar ohne finanzielle Sorgen und Nöte, die dahinter lag. Mit spitzen Fingern drückte Volker May den Klingelknopf und hatte dabei das Gefühl, in eine fremde Welt eindringen zu wollen. Nach kurzer Zeit erklang eine weibliche Stimme aus der Türsprechanlage, begleitet von einem summenden Geräusch das von der schwenkbaren Kamera stammen musste, die in einem der Bäume installiert war. »Ja bitte?” fragte die Frauenstimme die Volker aufgrund ihres Klanges einer etwa vierzigjährigen Frau zuordnete. »Guten Tag, mein Name ist Volker May, Kriminalhauptkommissar Frankfurt Mitte. Kann ich bitte Frau van Geerden sprechen. Es ist wichtig!” Stille trat ein. Nach einer schier endlos anmutenden Wartezeit, in der May an seinen Feierabend dachte, wurde der Türsummer gedrückt und gab die ebenfalls schmiedeeiserne, mit Ornamenten und eisernen Blumen verzierte Eingangstür frei. »Die sind aber auch gut auf die Füße gefallen, da fehlt ja wirklich nichts” dachte May als er mit weiten Schritten über den mit roten Platten ausgelegten Weg zum Haus ging. Noch bevor er oben angekommen war, wurde die Tür geöffnet und eine Frau erschien im Eingang. Schwarz und wellig fielen ihr die Haare weit über die Schultern, rahmten das schöne Gesicht ein, verdeckten aber auch die ersten Falten die sich um die Augen gebildet hatten. »Guten Tag, Volker May von der Polizei Mitte. Sind Sie Frau van Geerden?” Volker reichte ihr seine Hand. Zögernd erwiderte sie nach einer kurzen Weile seine Begrüßung. »Ja, ich bin Ute van Geerden. Darf ich nach dem Grund Ihres Besuchs fragen? Ist etwas passiert?” Nervös, so als erwarte sie eine schlechte Nachricht, sah sie den Fremden an. »Frau van Geerden, ist Ihr Mann zu Hause? Ich müsste ihn kurz sprechen.” »Nein, er ist leider nicht da. Er ist auf einem Termin und kommt erst in zwei Tagen zurück. Hat er etwas angestellt oder warum suchen Sie ihn? Oh, ich bin unhöflich, kommen Sie doch bitte herein.” May folgte der schlanken, eleganten Erscheinung die ihm den Weg zeigend, vor ihm herging. Die Wohnung war spartanisch eingerichtet, zeugte aber von überaus gutem Geschmack und vor allem von dem Wohlstand der Besitzer. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?” fragte Ute van Geerden leise und fuhr nach Mays Kopfschütteln weiter fort: »Um was geht es denn bitte?” »Frau van Geerden, wissen Sie, wo sich Ihr Mann zurzeit aufhält? Oder ist es möglich, dass Sie Ihn anrufen? Wir haben sein Auto gefunden und wir gehen momentan davon aus, dass es gestohlen wurde. Also kein Grund zur Aufregung.” Entsetzt starrte Ute van Geerden den Hauptkommissar an. Apathisch stand Sie auf und verließ den Raum. Kurze Zeit später kam sie mit einem, in blaues Leder gebunden Terminkalender zurück. Bedächtig schlug sie das aktuelle Datum auf und las laut vor: »Termin 18.08. um 9.30 Uhr, Michael Hellriegel, Trebsen/Mulde. Und die Telefonnummer steht hier natürlich auch. Er ist gestern Morgen auch pünktlich weggefahren. Ich hab die noch die Tür gehört als er sie geschlossen hat. Aber warten Sie, ich werde meinen Mann anrufen.” Sie griff nach dem Handy das auf dem Tisch lag und wählte mit schnellen Fingerbewegungen eine Nummer. Nach kurzer Zeit sprang die Mailbox van Geerdens an. »Bitte Schatz, melde Dich mal. Ich glaube Dein Auto wurde gestohlen. Ruf mal zurück!” »Frau van Geerden, hat sich Ihr Mann gemeldet seit er weggefahren ist? Und wann wollte er zurück sein?” »Nein, er meldet sich eigentlich nie wenn er unterwegs ist, wissen Sie, er ist selbständig und hat eine Menge um die Ohren.” »Mit was verdient Ihr Mann denn sein Geld? Wenn die Frage zu indiskret ist, brauchen Sie natürlich nicht zu antworten.” »Mein Mann hat Pharmazie studiert und dann eines der größten Pharmaunternehmen der Region aufgebaut. Er produziert und erforscht vor allem Mittel die man aus Pflanzen gewinnen kann, hat sich auf diese Nische spezialisiert und ist damit sehr erfolgreich. Er versucht das verlorene Wissen unserer Vorfahren wiederzubeleben und deren Kenntnisse über Heilpflanzen zurückzugewinnen.” »Frau van Geerden, bitte lassen Sie mir eine kurze Nachricht zukommen wenn sich Ihr Mann bei Ihnen meldet.« Volker hielt ihr seine Karte hin, zog sie aber im Moment als sie danach griff zurück. »Ich werde Ihnen meine Privatnummer aufschreiben. Sie können mich so jederzeit telefonisch erreichen!« Volker ließ sich die Telefonnummer des Terminpartners van Geerdens geben, verabschiedete sich und ging zurück zu seinem Auto. Nach einem kurzen Anruf in Grimma, in dem er die Telefonnummer und die Fakten weitergab, fuhr er erfreut in seinen wohlverdienten Feierabend.

Kapitel 6

Leise stand Andreas auf, hörte das gleichmäßige Atmen seiner Frau, die leisen Geräusche der gespenstisch anmutenden Stadt, die durchs geöffnete Fenster drangen. Leise hörte er die Regentropfen auf den Blättern der Bäume aufkommen. Nie hatte er verstehen können, wie eine Metropole wie Frankfurt, wenn er auch nur in einem Vorort wohnte, seine Geräuschkulisse so drastisch ändern konnte. Während tagsüber das Leben in Form von Autolärm, Menschenstimmen und anderen, vielfältigen und in gewissem Maße, sonoren Klängen sich so präsent aufdrängte, schien sich nachts eine andere, unheimliche Welt aufzutun. Noch nie hatte er die Dunkelheit der Stadt, die Finsternis der verwinkelten Straßen, gemocht. Die scheinbar so sichere Welt in der er lebte, hatte in der Nacht viele Fallstricke und Gruben. Möglicherweise war es aber auch eine Art Angst die ihn gefangen hielt, wenn er gezwungen war, durch Frankfurts dunkle Gassen zu gehen. Einen dieser nächtlichen Horrortrips hatte er in der vergangenen Nacht erlebt. Auf dem Weg vom Steakhouse zurück zu seiner Wohnung hatten die Geister der Finsternis ihre dunklen Finger nach ihm ausgestreckt.

Er spürte die kalten Fliesen unter seinen nackten Füßen als er leise aus ihrem Schlafzimmer schlich und verschwand hinter der gleich angrenzenden Toilettentür. Er hatte den Atem angehalten, versucht kein Geräusch zu verursachen, Ute nicht zu wecken. Heute würde er seinen so lange geschmiedeten Plan in die Tat umsetzen. Am Vorabend hatte er diese Entscheidung bei Hartmut verlauten lassen. Nun, da es langsam Realität werden sollte, war er sich nicht mehr so wirklich sicher. Aber es war ja auch nicht so einfach. Das Unternehmen das er geplant hatte, glich einem Sprung ins eiskalte Wasser. Und das noch mit verbunden Augen. So viele unbekannte Faktoren konnten das Gelingen des Vorhabens noch gefährden. Er war sich seinen Gefühlen nicht mehr so sicher. Fühlen konnte er nur die Angst die langsam in ihm aufbrauste. Und er wusste, dass ein Gespräch mit Ute seine Unsicherheit bestätigen und den so lange gehegten Wunsch zum Kippen bringen könnte.

Langsam und bedächtig, um keine Geräusche zu verursachen, setzte sich Andreas auf den Rand der Badewanne. Gedanken zogen wie Wolken durch seinen Kopf, teils helle, die ihm sagten »He Mann, heute ist Dein Tag, verschwinde endlich und werde glücklich!« Die dunklen jedoch rieten zur Vorsicht, mahnten ihn, die Entscheidung sei noch nicht endgültig, noch wäre nichts passiert und sein altes Leben noch zu retten. Ein beherzter Schritt vor die Tür und er könne Hartmut noch aufhalten. Nichts wäre geschehen, niemand würde etwas ahnen. Feige nannten die hellen Wolken diese Hirngespinste, taten sie als Unsinn ab und siegten schließlich. Um seine möglicherweise doch erwachten Frau zu beruhigen, zog er die Klospülung und öffnete erneut die Badezimmertür. Kein Ton war zu vernehmen. Leise, auf nackten Füßen schlich er sich in sein Arbeitszimmer im Untergeschoss des Hauses. Ein erster Blick auf die Uhr befahl ihm, nun sein Vorhaben, seinen nun schon monatelang vorbereiteten Plan schnellstmöglich umzusetzen. In nur wenigen Minuten würde sein Freund den Wagen wegfahren. Im den zeitlichen Vorgaben durfte es keine Abweichungen geben. Dafür hatte er sich zu viel Mühe gegeben und aus seiner Sicht alles vorbereitet. Leise ging er in die Toilette die an sein Büro angrenzte und wusch sich die Haare. Anschließend trug er die Haartönung die er besorgt hatte, auf sein von Natur rotblondes Haar auf. Zwanzig Minuten sollten reichen versprach die Gebrauchsanleitung auf der Packung. Zurück im Arbeitszimmer zog er den Schrank in dem er seine Akten die er gelegentlich mit nach Hause nahm, aufzubewahren pflegte, auf und nahm seine speziell für diesen Zweck besorgte Kleidung heraus. Einfache, dunkelblaue Jeans, ein dunkelgrünes T-Shirt mit einem Aufdruck einer Universität, und natürlich dunkelbraune, handgenähte und für ihn persönlich gefertigten Lederschuhe. Diese Schuhe sollten der einzige Komfort sein, den er sich in seinem neuen Leben leisten, ein Luxus auf den er nie verzichten wollte. Lange hatten die Vorbereitungen gedauert, hatte er Bücher gelesen, Anleitungen von den verschiedensten Geheimdienstmitarbeiter, wie man in der Masse der Menschen untertaucht und seinem Gegenüber wenig Möglichkeiten gab, an denen sich jemand erinnern konnte. Und am wenigsten auffällig war schließlich ein mittelblonder, schlicht gekleideter Mann mit etwas Bauchansatz. Natürlich waren auch verschiedene Verhaltensmuster nötig um nicht aufzufallen. Den Kopf leicht nach vorne gebeugt erzeugte einen unauffälligeren Gang, grundsätzlich keinen Augenkontakt mit jemand aufnehmen und vermeiden von direkten Gesprächen waren nur einige der Dinge, die er sich in mühevoller Kleinarbeit vor seinem Spiegel erarbeitet hatte. Und eben den Fat-Suit den er sich im Trubel des Karnevalsgeschäftes gekauft hatte. Mithilfe dieses rucksackähnlichen, am Oberkörper getragenen und mit Watte ausgestopften Teiles, welches natürlich vor dem Bauch getragen wurde, wollte er den Bauchansatz an seinem sonst gut trainierten Körper erscheinen lassen. Es war nur ein kleiner Bauchansatz der aber reichen sollte, auch von der Frauenwelt nicht als sonderlich attraktiv empfunden und somit auch nicht gedanklich abgespeichert zu werden. Nachdem er sich angezogen und die Haare von der Tönung befreit hatte, blickte er erstaunt in den Spiegel. Im flüchtigen Hinsehen hätte er sich nicht erkannt. Lediglich seine hellblauen Augen störten noch das Gesamtbild. Aber er wäre nicht so ein brillanter Kopf, so jedenfalls war sein Selbstbild, wenn er nicht auch daran gedacht hätte. Einfache, graue Kontaktlinsen ohne Sehfehlerkorrektur gaben ihm endlich das perfekte Aussehen. Er warf seinen Schlafanzug in die Wäschetonne im Bad und nahm seinen Rucksack und seinen Aktenkoffer. Auch den gepackten Koffer, den er für seine fingierte Reise brauchte, nahm er mit. Noch einmal drehte er sich um, stand in der Tür des Arbeitszimmers und betrachtete den Raum. Würde es so aussehen wenn jemand auf eine Geschäftsreise ging? Nie hatte er sich damit beschäftigt und aufgepasst wie ein verlassenes Büro auszusehen hatte. Aber es erschien gut so. Und nun meldeten sich auch die Stimmen in seinem Kopf wieder. Sprachen von Hierbleiben, von sicherem Leben, Reichtum und alle dem. Gespräche die verstummten als er vor die Eingangstür des Hauses trat und schließlich den rot gepflasterten Weg zur Tür nach draußen ging. Ute hatte er gesagt, dass er so früh weg müsse und deshalb den Wagen vor dem Grundstück parken werde um sie nicht zu wecken. Zwar hatte sie diese Maßnahme als nicht nötig bezeichnet, denn sie wisse ja warum er wegfahre, hatte aber dann doch geschwiegen und ihm seinen Willen gelassen. Die frische, morgendliche Luft erfrischte Andreas als er noch eine Weile im Schatten der Bäume stehen blieb und die Straße beobachtete. Noch stand sein Wagen auf seinem Platz. Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte 3:55 Uhr. Noch während er über die Konsequenzen seiner nun folgenden Handlungen nachdachte, hörte er in den sonst menschenleeren Straßen Schritte auf sich zukommen. Und schließlich erkannte er seinen Freund. Sah wie er sich unsicher dem Mercedes näherte und zu zögern schien. Trauer fasste nach seinem Herz. Einen lebenslangen Freund wie Hartmut einfach so zurückzulassen war für ihn das schwerste überhaupt. Schwerer als der Verlust allen Wohlstandes und selbst seiner Frau. Eines Menschen den er, wenn er nun darüber nachdachte, eigentlich nie richtig geliebt hatte. Sicherlich, mit ihrer präsenten Weiblichkeit übte sie nach wie vor eine starke, sexuelle Anziehung auf ihn aus, aber war es nicht nur dieser Aspekt, gepaart mit einer Art Gewöhnung die sie schon so lange zusammenbleiben ließ? Solche Momente des Zweifels machten immer wieder sein Leben schwer, ließen ihm keine Ruhe für die angenehmen Dinge des Lebens. Was sollte all sein angehäufter Reichtum, die Werte die er geschaffen hatte, wenn er zweifelte. Oft glitten seine Gedanken zurück in seine Jugend- und Studententage, eine Zeit in der die Armut und der Geldmangel seine ständigen Dämonen waren. Niemand unterstützte ihn damals, stand doch seine Berufung insgeheim schon fest. Er, dessen Vater sich schon so früh aus dem Staub gemacht hatte. Nie sprach jemand davon und er wusste auch offiziell nichts von dem Mann der nur in seinen Träumen je eine Rolle gespielt hatte. Verschwunden war er noch vor seiner Geburt und hatte seine Mutter einfach sitzen lassen. Kein feiner Zug von ihm, sicherlich, aber er wird seine Gründe gehabt haben. Erst als er schon mit seinem Studium fertig war und beruflich Fuß gefasst hatte, erfuhr er über sieben Ecken, dass sein Vater der Fremdenlegion beigetreten war und in Algerien verwundet wurde. Danach blieb er verschwunden. Seine Mutter brachte schließlich den gemeinsamen Sohn Andreas zur Welt und stellte sich auch als nicht besser heraus. Noch kein Jahr alt schob sie ihn zur Großmutter ab. Sie wollte sich einen besseren Mann angeln und dabei störte der Kleine entscheidend. Die Nachkriegszeit stellte den vorangegangenen Krieg in Bezug auf Gefühlskälte noch deutlich in den Schatten. Da zählte ein kleines Menschenleben nicht so viel wie das eigene Wohlergehen. Und da Männer Mangelware waren, musste seine Mutter mit anderen Frauen konkurrieren können. Da war Klein-Andreas eben im Weg. Aber anfangs hatte sie ihn noch alle zwei oder drei Wochen besucht und nach ihm geschaut. Davon wusste er aber nur noch aus Erzählungen seiner Großeltern. Selbst gesehen hatte er seine Mutter wohl nie. Die Jahre bei seiner Oma waren aber sehr glückliche Jahre gewesen. Stets hatten die beiden Alten versucht, ihrem Enkel jeden Wunsch zu erfüllen und meistens gelang es ihnen auch. Und immer versuchte er ihre Wünsche zu respektieren und strebte danach, alles was von ihm erwartet wurde auch zu leisten. Aber mit der Pubertät kamen auch die Probleme, jedoch nicht in aufkeimender Rebellion, wie bei den meisten seiner Altersgenossen, er konnte sich einfach nicht mit den Vorgaben seiner Erzieher abfinden. Er sollte eine Lehre als Schlosser machen. So jedenfalls stellte sich Opa seinen weiteren Lebensweg vor. War es aus der finanziellen Not heraus oder einfach nur weil sein Großvater in ihm einen Ersatz für einen eigenen Sohn, der in seine Fußstapfen treten sollte, sah, konnte er nie mit Sicherheit sagen. Sein Vorhaben ein Gymnasium zu besuchen, veränderte sofort die gegenseitigen Beziehungen. Aber er schaffte das Abitur und auch sein Studium trotz der versiegenden finanziellen Mittel. Und er war glücklich. Damals lernte er Hartmut kennen und fand in ihm einen treuen und vielleicht lebenslangen Freund. Ein Freund auf den er heute Nacht bauen konnte. Jäh rissen seine Gedanken als sein Wagen gestartet wurde. Zögernd und langsam setzte sich der Mercedes in Bewegung und rollte an ihm vorbei. Andreas jagte ein Schauer über den Rücken und nun wusste er, dass es kein Zurück mehr gab.

Kapitel 7

Nun durfte er keine Zeit verlieren und musste an seinem Plan festhalten. Er rannte mit seinen Gepäckstücken unter dem Arm durch die nächtlichen Straßen der Stadt. Die regenfeuchten Straßen spiegelten die Lichter der Straßenlaternen wider. Bei jedem Schritt, immer wenn einer seiner Schuhe auf den Boden auftraf, erzeugte das Zusammentreffen ein leises Patschen. Der leichte Nieselregen legte sich auf seine Kleidung, benetzte sein Gesicht, wusch mit jedem Tropfen die Zweifel die immer noch in seinem Kopf tobten, weg. Langsam ging die Dunkelheit in einen nebulösen Zustand zwischen Nacht und Tag über und machte ihn so sichtbar für Blicke die er vermeiden wollte. Nach nur wenigen Minuten war er an der vorbereiteten Stelle am Main angelangt. In den letzten Tagen vor seiner Flucht in die Freiheit hatte er hier große Steine zusammengetragen und unter einem der Weidensträucher deponiert. Nun öffnete er den Koffer, verstaute die Aktentasche und einige der Steine im Innenraum und verschloss den Reißverschluss wieder. Noch einmal überprüfte er die Löcher, die er in der harten Kofferseiten gebohrt hatte auf ihre Durchlässigkeit. Vor dem Spiegel hatte er immer wieder versucht den Koffer wie ein Hammerwerfer um seine Körperachse rotieren zu lassen. Das schwere Gewicht des Gegenstandes machte dieses Unterfangen jetzt zur Tortur. Mühevoll drehte er sich um die eigene Achse, immer schwerer atmend, und als er genügend Schwung aufgebaut hatte, ließ er den Hartschalenkoffer los. Mit einem weithin hörbaren Platschen tauchte er in etwa fünf Metern Entfernung ins Wasser des Mains. Deutlich weiter hatte er ihn werfen wollen, aber er hatte seine Grenzen erreicht. Sekunden später war der Behälter verschwunden. Schnell ging er die Straße entlang in Richtung des Frankfurter Hauptbahnhofes der nur zwei Kilometer entfernt war. Je näher er dem Ziel kam, je mehr füllten sich die Straßen mit Menschen, Fußgänger und Autos strebten dem Bahnhof zu, schienen alle die Stadt verlassen zu wollen. Mit dem zunehmenden Menschenaufkommen stieg auch seine Angst entdeckt zu werden. Er war eine Persönlichkeit die schön öfter in den städtischen Medien aufgetaucht war und mit seinen pflanzlichen Heilmitteln Aufsehen erregt hatte. Aber niemand schien ihn zu beachten. Mit jedem vorbeigehenden Mann, mit jeder in Gedanken versunkenen Frau die an ihm vorüber ging, festigte sich die Zuversicht in seinen Plan, schien ein positiver Ausgang immer bessere Aussichten zu gewinnen. Aber wohin wollte er überhaupt? Spontan wollte er entscheiden, so jedenfalls das Ziel des Vorhabens. Kein berechenbares Ziel sollte es sein, deshalb wollte er erst vor Ort entscheiden. Und nun stand er vor der Anzeigetafel der abfahrenden Züge und konnte sich nicht entscheiden. Ratlos rasten seine Gedanken durch den Kopf und suchten eine Lösung. Er drehte sich um und beobachtete eine Gruppe japanischer Touristen, schwer bepackt mit Rucksäcken und Kameras, die die Eingangshalle schnatternd wie eine Horde Gänse betraten. »Die sechs machen Lärm für zehn« murmelte ein vorübergehender Reisender in Andreas Richtung und verschwand kopfschüttelnd. »Sechs, sechs ist die Lösung!« fuhr es durch van Geerden. »Ich werde mich umdrehen und die sechste Anzeige von oben ist mein weiteres Ziel.« Plötzlich war alles ganz einfach. Der Blick auf die Anzeigetafel zeigte als sechsten Eintrag die Stadt Bregenz. Also ging seine Reise in den Süden, so viel stand schon mal fest. Eigentlich eine adäquate Lösung. Sein Auto würde in einigen Stunden im Osten Deutschlands in den Fluten verschwinden, er in einigen Stunden im Süden. Und so saß er mit gelöstem Ticket einige Minuten später im Regionalzug nach Ulm um dann weiter nach Bregenz zu fahren. Schon nach wenigen Minuten hatte er einen Sitzplatz gefunden. Aufregung machte sich nun langsam in ihm breit. Hatte er mit seiner Verkleidung einen Joker oder eine Niete gezogen? Alles an ihm war nun Mittelmaß, nichts stach, jedenfalls nach seiner Auffassung, mehr ins Auge und ließ die Blicke hängenbleiben. Er betrachtete übe den Rand der Zeitung die er sich noch besorgt hatte, die mitreisenden Fahrgäste. Ein ewiger Strom von kommenden und gehenden, von ein- und aussteigenden Menschen, alle in Gedanken versunken scheinend, flutete an ihm vorbei wie Wasser das den Main herunterlief. Alles umflutend und doch teilnahmslos. Traurig schauende Menschen, von denen kaum einer das Leuchten der Fröhlichkeit in den Augen hatte. Wohin war diese Gesellschaft auf dem Weg? War es die richtige Richtung die unsere Republik eingeschlagen hatte? Bei seiner letzten Zugfahrt waren ihm die Menschen wesentlich lockerer vorgekommen. Vielleicht aber lag es ja auch an der Erinnerung die alles schöner machte und die negativen Ereignisse und Eindrücke auszulöschen versuchte. Eine nützliche, aber auch eine unehrliche Eigenschaft unseres Gehirns, das damit die guten alten Zeiten erschuf. Möglicherweise waren die guten Jahrzehnte durch die wir gegangen waren, gar nicht so gut wie sie uns heute erschienen. Vielleicht waren sie nur ein schräges Zerrbild unseres Denkorgans, das damit einen Zustand der permanenten Unzufriedenheit in den Köpfen der alternden Bevölkerung erschuf. Und genau so sahen die Vorübereilenden aus. Unzufrieden. Durch die politischen Umstände in einer finanzgeilen, egoistischen Umwelt gefangen, die zunehmend nach der ‚Hire & fire‘-Methode zu leben begann und ihre menschlichen und sozialen Ideale vergaß. Waren wir damit auf dem richtigen Weg oder drohte damit der Kollaps unseres Sozialsystems? War nach dem Ausbluten der arbeitenden Bevölkerung nicht auch die Oberschicht dran? Fragen wie diese, drängend und bohrend, zerstörend und alle Zuversicht raubend, hatten ihn in diesen Zug getrieben. War es dieser Wohlstand den es anzustreben galt oder gab es wichtiger Dinge in der Welt die es wert waren, ihre Spur aufzunehmen und ihr zu folgen. Oft hatte er sich gefragt, warum die Menschen in aller Welt mit einem Lachen im Gesicht dem Tag begegneten und anscheinend glücklich waren. Das Ergebnis unseres auf Wohlstand und Reichtum ausgerichteten Lebens sah er hier. Menschen mit hängenden Mundwinkeln, die nie zufrieden zu stellen waren. Solche und ähnliche Gedanken bestimmten seit langer Zeit sein Lebensgefühl, ein immer schlechter und unzufrieden werdender Zustand der Gedanken, die ihn zunehmend marterten. Und sie lenkten ihn von den Dingen ab, die normalerweise seinen Tagesablauf ausmachten. In seiner grauen Gedankenwelt gefangen, vergaß er oft die Zeit, grübelte über sein Leben nach und seine Zukunft. Und niemand konnte ihn verstehen. Kaum offenbarte er sich jemanden, schon sprach sein Gegenüber von Midlife-Crisis, von Pause machen und kürzer treten. Niemand verstand, dass er einfach nur frei sein wollte. Schon flogen Stuttgart und Ulm an den Fenstern der Bahn vorbei. Mit jedem Kilometer den er sich von seinem Wohnort entfernte, entspannte er sich zusehends, ging die Angst vor zufälligem entdeckt werden immer mehr verloren. Um elf Uhr vormittags rollte die Bahn schließlich in Bregenz ein. Nur sechs Stunden hatte die Reise gedauert, sechs Stunden in Richtung Freiheit.