Weg in ein anderes Leben - Stephano Giovedi - E-Book

Weg in ein anderes Leben E-Book

Stephano Giovedi

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Beschreibung

Die Beziehung kaputt. Im Job nur Streß. Midlife Crisis? So findet sich der Protagonist in diesem Buch eines Tages auf einem Schulhof wieder. Ob er es schafft, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen sein Leben neu zu sortieren? Verirrt er sich im Labyrinth des Lebens immer weiter nach unten? Oder schafft er den Absprung? Teilweise in sehr deutlichen, klaren Worten, die es aber auch ermöglichen, die Gefühle und Motive der Hauptfigur besser zu verstehen, beschreibt der Autor eine Phase im Leben, in der sich vielleicht mehr wiedererkennen, als man gemeinhin denkt. Wie man bereits im Buchtitel sehen kann, ist er dabei, doppeldeutig, ironisch und sarkastisch. Es ist aber nie ganz klar, ob dieser autobiographische Roman den Ursprung in seinem eigenen Erleben oder nur in seinem Kopf hatte.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Zu diesem Buch

Die Beziehung kaputt.

Im Job nur Streß.

Midlife Crisis?

So findet sich der Protagonist in diesem Buch eines Tages auf einem Schulhof wieder.

Ob er es schafft, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen sein Leben neu zu sortieren?

Verirrt er sich im Labyrinth des Lebens immer weiter nach unten?

Oder schafft er den Absprung?

Teilweise in sehr deutlichen, klaren Worten, die es aber auch ermöglichen, die Gefühle und Motive der Hauptfigur besser zu verstehen, beschreibt der Autor eine Phase im Leben, in der sich vielleicht mehr wiedererkennen, als man gemeinhin denkt.

Wie man bereits im Buchtitel sehen kann, ist er dabei, doppeldeutig, ironisch und sarkastisch.

Es ist aber nie ganz klar, ob dieser autobiographische Roman den Ursprung in seinem eigenen Erleben oder nur in seinem Kopf hatte.

Inhalt

Am Abgrund

Wie alles begann

Das neue Jahr

Netty

Die Reha

Start in ein neues Leben?

I‘m back again!

Auf großer Fahrt

Tiefpunkte

Am Abgrund

Wie alles begann

Es ist Donnerstag. Es ist bereits verdammt kalt und ich bin fast alleine auf diesem Schulhof.

Meine Beziehung ist im Arsch. Im Job drehen alle frei. Jeden Tag anderer Zoff.

„Und was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ frage ich mich, ohne zu ahnen, daß dies der erste Schritt in ein neues Leben sein wird.

Keiner der paar Anwesenden, die Lehrerin meiner großen Tochter, die Mutter ihrer Freundin – Manu – oder der Schulhausmeister haben etwas bemerkt.

Aber bei mir hat es gerade Klick gemacht.

Es ist bereits dunkel an diesem 1.Dezember.

Die Temperatur liegt schon eins, zwei Grade unter Null und wir bauen gerade, als letzte, den Stand unserer Klasse beim Schulweihnachtsmarkt ab. Das es mich im Moment fröstelt, liegt aber nicht nur daran….

Manu und ich hatten geschuftet wie die Blöden, um alles vorzubereiten. Aber es blieb doch viel übrig. Wir standen auch noch am Stand und sind nun entsprechend frustriert.

Na klar, ein weiterer von unzähligen Nackenschlägen die man im Laufe des Lebens halt bekommt.

Aber es waren in der letzten Zeit einfach zu viele. Ich hab‘ die Schnauze gestrichen voll!

Zu der schlechten Stimmung heute kommt die frische Trennung. Die Trennung in einer Beziehung, die schon lange keiner mehr ist.

Dann noch Stress im Job und seit Wochen starke Schmerzen im Arm, die seit ein paar Tagen auch die Schulter lähmen.

Ich habe keinen Bock mehr und merke, ich brauche dringend eine Auszeit.

Es ist Anfang Dezember und ich weiß, Arm und Schulter bringen mindestens drei Wochen Ruhe über Krankenschein. Dann kommt der Weihnachtsurlaub. Also knapp fünf Wochen frei. Dass sollte reichen um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Mit diesem Gedanken fahre ich am nächsten Tag zur Firma.

Ganz unauffällig räume ich meinen Arbeitsplatz auf. Ich schließe die offenen Vorgänge, um meinem Kollegen der ab Montag für mich einspringen muß, einen sauberen Start zu ermöglichen.

Mittags treffen wir uns zum Brunch. Ein kleines, allmonatliches Ritual mit ein paar Kollegen, bei dem jeder selbstgemachte Spezialitäten zum Mittag mitbringt. Perfekt, so werde ich die Reste vom Weihnachts – markt los und kann mich, zumindest innerlich, von den liebgewonnen Kollegen, die an dieser Runde teilnehmen, verabschieden.

Dann kommt auch schon das Wochenende.

Mehr oder weniger schlimm. Wie viele in der letzten Zeit.

Meine Ex wohnt noch bei mir. Das ist nicht unbedingt einfach. Aber auch nicht schlimm, meine ich zumindest.

Im Bett läuft schon seit Monaten nichts mehr. Meine Hand ist mir schon lange mehr zugetan als sie. Auch schon vor der Trennung.

Das liegt aber nach ihrer Meinung eh daran, daß ich so ein alter geiler Sack bin. Das hält keine Frau aus.

So kann Mann sich irren. Ich dachte ja immer, Frauen gefällt das, wenn Mann sie begehrt. Naja und hässlich ist sie nicht.

Schönes langes Haar, geile Brüste, die meinem Geschmack nach, sehr gut mit ihrem knackigen Hintern harmonieren. Da bekommt Mann halt Lust, wenn Mann sie sieht. Leider ist sie mittlerweile deutlich spröder als es ihr Äußeres vermuten lässt und ich sie in der Anfangszeit kennenlernte.

Egal, es ist eh vorbei!

Als ich mit ihr über meinen bevorstehenden Arztbesuch spreche, empfiehlt sie mir ihre Psychiaterin.

Psychiater??? – ich habe doch keinen an der Waffel!!! Das denke ich zumindest am Anfang.

Montag.

Meine Hausärztin ändert diese, meine Einschätzung, schlagartig. Ihrer Meinung nach, sind die Schmerzen in Arm und Schulter nur ein Symptom für meine Probleme und mein Ausgebrannt sein.

Toll. Mit einer Überweisung zum Psychiater verlasse ich die Praxis.

Ansonsten bin ich zwei Wochen aus dem Verkehr gezogen. Ich soll zum Orthopäden gehen, nur zur Sicherheit und mich schonen.

Leichter gesagt als getan. Schon alleine die Termine für die Fachärzte zu bekommen, ist ein Akt. Orthopäde in 2 Wochen, Psychiater in 6! Wochen.

Da will ich doch schon wieder arbeiten! Egal, ich muss ja nicht hingehen. Doch schon bald merke ich, wo das eigentliche Problem liegt.

In unserem Schlafzimmer. Genauer gesagt, in unserem ehemaligen Schlafzimmer.

OK. Wir haben uns gemocht und geliebt.

Aber nach gut 15 Jahren ist die Luft total raus. Sie ist mittlerweile kalt wie ein Stein.

Wenn ich sie dazu bewegen konnte, mit mir zu schlafen, hatte ich das Gefühl, eine Puppe zu benutzen. Meine Hand ist zärtlicher zu mir. Von Hingabe oder Gefühl keine Spur. Sie hat stillgehalten. Immer wieder fällt mir ein Satz aus einem „DDR – Polizeiruf ein. „Ich bin doch nicht Dein Samenklo!“ Gesagt hat sie es nie. Aber ich will nicht wissen, wie oft sie es dachte.

Im Sommer ließ sie nach Ihrer Reha dann die Bombe platzen.

Sie liebt Frauen. Mit mir, also mit Männern, geht es nicht mehr.

Das ist ein harter Schlag für mich. Damit muss Mann erstmal klarkommen.

Auch damals machte der Arm Probleme.

Als ich deshalb meine Hausärztin aufsuchte, sagte sie mir bereits damals, daß ich eine Auszeit bräuchte.

Ich lehnte ab! Ich stürzte mich erneut in die Arbeit. Aber geholfen hat es anscheinend nicht. Im aktuellen Projekt gibt es seit einiger Zeit nur noch Probleme. Ich hatte keine Erfolge mehr. Das war zu viel.

Und noch wohnt sie bei mir. Scheiße.

Nun so kurz vor Weihnachten, wo ich selbst den ganzen Tag zu Hause bin, merke ich langsam, wie sehr mich das belastet. Und wie sehr es mich bereits belastet hat.

Ständig gibt es Gezicke wegen Kleinigkeiten. Ich schlafe in einem Kinderzimmer (was glücklicherweise noch nicht für meine jüngere Tochter Nicole, oder Nicci wie wir sagen, eingerichtet war).

Auf einer Matratze, die eigentlich nur noch zum Toben für die Kinder da ist, verbringe ich die Nächte. Meine Klamotten liegen aber im Schlafzimmer das sie benutzt. Nach 15 Jahren möchte sie aber nicht mehr, daß ich sie nackt sehe. Das erschwert es natürlich wahnsinnig, mit ihr umzugehen.

Anfassen war ja vorher schon schwierig, aber nun, darf ich ihr quasi nicht mehr über den Weg laufen. Ein absolutes Drama.

Komplizierte Scheiße!

Wenn der neue Krankenschein in die Firma gebracht werden muss, genieße ich es, die Stunde dorthin zu fahren. Trotz der Schmerzen. Weg von ihr. Jeder Arzttermin ist eine Wohltat.

Scheiße, so kann das doch nicht weiter gehen. Ich suche nach einer Lösung. Ich komme aber nicht vorwärts.

Klar. Raus mit ihr. Ist doch ganz einfach.

Wie viele haben das vor mir schon gemacht.

Aber die Kinder?

Tja, Scheiße, die Kinder. Oder ist es mein schlechtes Gewissen? Egal.

Die ältere Tochter, Helene oder Leni, ist gerade in die Schule gekommen, da wurde mir die Trennung eröffnet. Einen Monat früher und man hätte die Schule noch ändern können.

Und nun?

Jetzt, sechs Monate später, zeichnet sich immer mehr ab, dass sie wegen eines Umzugs ihr nächstes Schuljahr in einer anderen Schule beginnen darf. Muß.

Scheiße.

Das bereitet mir wirklich Sorgen. Sie darf bald ausbaden, daß ihre Eltern unfähig sind, eine Beziehung zu führen.

So kann man es sehen.

Es gibt in meinem Umfeld aber auch Leute die das anders sehen. Sie meinen, daß es für die Kinder besser ist, wenn der Kleinkrieg endlich aufhört. Das ständige Hin und Her, daß sich im Laufe der Jahre eingeschlichen hat. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Stimmt das? Ich weiß es nicht, aber es widerstrebt mir, es an den Kindern auszuprobieren. Aber habe ich eine andere Wahl?

Dies und Ähnliches sind meine Gedanken wenn ich in dieser Zeit zu Hause sitze und Zeit zum Nachdenken habe. Wenn ich bei Whiskey und Pfeife abends über den Sinn des Lebens, dieses Lebens, sinniere.

Kein Wunder, daß mir da zum Heulen zumute ist.

Ich will wieder arbeiten! Na wenigstens hier bessert sich anscheinend etwas. Die Motivation kehrt anscheinend zurück.

Wenn man erstmal sieht, wie mies es zu Hause läuft, freut man sich auf den Job.

Was ist das denn für eine beschissene Therapie? Aber es passt zu den Einsparungen im Gesundheitswesen.

In der letzten Woche vor Weihnachten ruft mein Abteilungsleiter an. Es gibt Probleme in meinem alten Projekt. Das ist mir nix Neues. Ob ich etwas wüsste und ihm etwas über die Hintergründe sagen könnte. Nein, kann ich nicht. Ich bin schon zu lange raus.

Ok. Er wünscht mir gute Besserung und legt auf. Für ihn ist es damit erledigt.

Für mich nicht.

Jetzt, wieder alleine, holen mich sofort die letzten Wochen des Projektes wieder ein.

Früher war mein Job die Quelle meiner Kraft, um die privaten Probleme zu vergessen. Ständig unterwegs, vergaß ich den Ärger daheim und einmal am Wochenende, hat auch sie mich dann ertragen, selbst wenn ich auf ihr lag.

Mit den Kollegen verband mich fast ein freundschaftliches Gefühl. Wenn man so viel zusammen und unterwegs ist, lernt man sich sehr gut kennen und auch schätzen.

Aber jetzt häufte sich auch im Job der Ärger. Die Arbeit mit den Zweigstellen ist manchmal sehr kompliziert. Und die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Ohne jegliche Erfolgserlebnisse stellte ich mir die Frage, was mache ich hier eigentlich?

Wofür reiße ich mir täglich den Arsch auf?

Kurze Zeit nach dem Telefonat merke ich, im neuen Jahr wieder arbeiten? Das geht gar nicht.

Und nun?

Das neue Jahr

Weihnachten und Silvester sind vorbei. Das Leben beginnt sich wieder einzupendeln.

Kinder wegbringen oder holen. Danach zum Arzt, zur Krankenkasse oder zur Physiotherapie fahren. Hoffentlich, ansonsten ist zu Hause Trübsal blasen angesagt.

Also Blasen lassen ist schon lange nicht mehr drin. Das war das letzte Mal, als sie noch ein zweites Kind haben wollte.

Scheiße, wie alt ist Nicci jetzt, das kann doch nicht war sein!

Eine richtige Abwechslung bringt erst der Besuch bei der Psychiaterin.

Ich erzähle einen Kurzabriß meiner derzeitigen Probleme und erwähne den Namen meiner Ex (sie ist ja ihre Patientin).

Die Ärztin unterbricht mich, um mir zu sagen, daß ich auf eine Reha gehen sollte.

Während ich, erstaunt, wie schnell dies geht, da sitze, erläutert sie mir die Einzelheiten.

Dann bemerkt sie mein Erstaunen und sagt mir, daß ihr die privaten Probleme sehr wohl geläufig sind und mein Zusammenbruch eine Frage der Zeit war.

Aha.

Innerhalb kürzester Zeit habe ich den Reha–Antrag in der Hand. Zusammen mit einem Krankenschein über etliche Wochen. Wie leicht das ging!

So, aber nun geht die Rennerei richtig los.

Papiere über Papiere. Fast jeden Tag muss ich woanders hin. Ich fahre täglich fast mehr Kilometer als früher in die Firma.

Anfang Februar.

Es ist soweit. Ich gebe den Antrag bei der Ärztin ab. Sie macht ihn fertig.

Keine Woche später kommt die Bestätigung. Weitere drei Tage später ist bereits die Einweisung da. In drei Wochen bin ich weg. Sechs Wochen! Da wird einem fast Angst. Und es gibt Fragen über Fragen.

Was brauche ich da alles?

Sportzeug. Wozu? Seit der Schule habe ich keinen Sport mehr gemacht.

Welche Freizeitmöglichkeiten habe ich?

Wie kann ich sie nutzen?

Wie schlage ich die Zeit tot, ich will mich doch nicht mit den Verrückten dort befassen. Ich habe doch keine Macke! Und auch ganz praktische Fragen. Was ist mit Whiskey und Pfeife. Meine, wieder stärker gewordenen, Begleiter an manchem trüben Tag.

Wäsche waschen??? Das hat bisher meine Mutter oder, später, Hermine (meine Ex) gemacht! Muss ich das jetzt lernen???

Mann könnte ja auch so viele Klamotten mitnehmen, daß man nicht waschen muß.

(Schlau!) Aber für sechs Wochen? Mit Option auf acht Wochen???

Na klar, wenn man genau drüber nachdenkt, spätestens wenn meine Ex auszieht, muss ich mir da was einfallen lassen.

Und wieder Papier, Papier, Papier und deutscher Bürokratenirrsinn. Formular A ist unbedingt nötig um die Reha anzutreten.

Man bekommt es aber erst am letzten Tag vor Antritt der Reha, wenn man vorher Formular B eingereicht hat, welches der Arzt maximal 2 Tage vor Rehaantritt ausfüllen darf, welches aber ein Wochenende ist.

Ääähhh???

Und was wird mit den Kindern. Beginnt jetzt der Abschied? Sie wissen mittlerweile Bescheid über die Trennung. Glauben sie mir, daß ich wiederkomme?

Ich verspreche, jeden Tag einen Brief zu schreiben, damit sie wissen was ich mache.

Helene, die Ältere soll versuchen, die Briefe Nicole, der Jüngeren, vorzulesen.

Das übt gleich ein bisschen. Vielleicht sogar besser als die Texte aus der Fibel.

Eine Woche vor Antritt der Reha muß ich nochmal in die Firma. Ich wurde vorgestern einbestellt. Was das wohl wieder wird?

Na egal. Ich muß eh noch zur Krankenkasse und einkaufen, da fahre ich früh halt noch schnell auf einen Kaffee zur Firma.

Der Termin ist gegen neun Uhr. Ich finde mich um sechs erstmal bei Otto & friends ein.

Otto ist ein Studienkollege von mir, der zwar in einem anderen Bereich arbeitet, aber mit dem ich immer noch intensiven, mittlerweile freundschaftlichen Kontakt habe. Zwar treffen wir uns hier eher privat, manchmal dienstlich, aber ich habe in seinem Büro mittlerweile einen Netzwerkanschluß und ein Eckchen für meinen Laptop bekommen. Somit kann ich bei ihm Kaffee trinken und trotzdem arbeiten. Das ist sehr angenehm.

Und die friends sind seine Kollegen, die hier um ihn herumsitzen. Teilweise aus der Werkstatt, teilweise von der Hardwareabteilung. Alle samt super Leute.

Auch hier ist der Kontakt eher auf privater Ebene. Deswegen ist der Kaffee früh ein geiles Ritual. Na und nicht zu vergessen, unsere ehemalige Sekretärin Paula. Eine ganz Süße. Auch sie arbeitet inzwischen in einem anderen Bereich, ist uns aber immer noch eng verbunden und nicht nur als Frau,

auch als Mensch eine Wucht.

Gegen neun Uhr schlendere ich zum Chef ins andere Gebäude. Ich treffe ihn im Flur.

Er sagt, daß er kommt gleich, ich soll schon mal in seinem Büro warten.

Gesagt, getun getan. Dort lacht mich ein fetter, riesengroßer Blumenstrauß an. Der würde sogar mir gefallen. Für wen der wohl ist.

Mein Chef betritt den Raum, tritt auf mich zu und reicht mir die Hand. Bevor ich Guten Morgen sagen kann – hatten wir das nicht gerade schon auf dem Flur? – wünscht er mir quasi alles Gute zum Geburtstag, der morgen ist. Da bin ich baff!

Die meisten – auch er – kennen das Datum meines Geburtstages nicht einmal.

Ich feiere ihn zwar mit den Kollegen, aber da wir viel unterwegs sind, immer zu anderen Terminen. Wie es halt gerade passt.

Er fügt hinzu, daß er weiß, daß es erst morgen soweit ist und er deshalb nicht so richtig gratuliert. Aber die Blumen – ja der fette Blumenstrauß! – könnte ich ja schon mal mitnehmen. Auch als Zeichen der Kollegen, daß sie sich Sorgen machen und mir gute Besserung und eine tolle Reha wünschen.

Scheiße – ich habe fast Tränen in den Augen!

Ich freue mich riesig. Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht damit. Leider bin ich gar nicht darauf vorbereitet. Und da die meisten mal wieder nicht da sind, ziehe ich nach einem Kaffee und einem lockeren Gespräch mit meinem Chef einfach so von dannen. Aber was mache ich mit den Blumen? Ich bin nicht vor vier am Nachmittag zu Hause, bis dahin sind sie breit. Dafür sind sie aber viel zu schön.

Scheiße.

Da fällt mir Paula ein. Sie hatte vor 2 Wochen Geburtstag und ich war damals, weil krank, nicht da. Gesehen habe ich sie heute noch nicht, aber ich weiß, daß sie da ist.

Als ich das Büro betrete, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie freut sich riesig, als ich ihr nachträglich den fetten Blumenstrauß zum Geburtstag überreiche.

Kurze Zeit später sitze ich mit einem Käffchen in ihrem Büro und wir quatschen lange und richtig intensiv über sie und mich und die Reha. Das tut richtig gut.

Sie bittet mich, sie unbedingt auf dem Laufenden zu halten. Ein Wunsch, dem ich gerne nachkomme. Neben den lockeren Gesprächen mit Otto & friends, war diese Runde mit Paula wunderschön und hat mir sehr geholfen, mir den Tag angenehm zu gestalten. Ein paar Minuten, von denen ich wieder zehren kann, wenn ich heute Abend alleine in meiner Ecke sitze und nur noch der Single Malt und die Pfeife für mich da sind..

Netty

Die Reha

Ankunft

Wenige Tage später.

Der letzte Tag bricht an. Ein Montag. Die Anreise ist eigentlich erst morgen. Aber ich soll um zehn Uhr da sein. Bis Bad Esen sind es gut 500km. Diese Entfernung ist mir morgens zu viel Fahrt.

Also verbringe ich eine Nacht vor Ort.

Außerhalb der Klinik. Ich kenne von meinen Dienstreisen ein Hotel in der Stadt.

Es ist schon schwer, zu wissen, daß man gleich lange weg ist. Selbst nach so langer Zeit fällt es mir schwer mich ohne Emotionen daran zu erinnern.

Ich bringe Leni, also Helene, zur Schule.

Mit Tränen in den Augen lasse ich sie bei ihren Freundinnen zurück. Wir ahnen wohl beide, daß dieser Tag viel verändern wird.

Dann bringe ich Nicci in die Kita. Hier, wie auch in der Schule die Lehrerin, verabschieden sich die Erzieherinnen herzlichst von mir. Auch wieder mit kleinen Geschenken. Nicci nimmt es anscheinend lockerer als Helene, daß Papa gleich weg ist. Sie ist halt eher ein Mamakind.

Ich hätte aber nicht gedacht, daß es mich so mitnimmt.

Scheiße, ich heule schon wieder.

Glücklicherweise erst im Auto. Muss ja keiner sehen!

Nun aber schnell. Noch schnell ein paar Sachen zu Hause geholt. Ein erwartet kühler Abschied von Hermine. Die Krönung ist aber die Aufforderung, ich soll mich dort ruhig umgucken, nach anderen Frauen!

Hallo? Geht’s noch?

Fahre ich zum Sechs – Wochen – Power – Speed – Dating, oder soll ich mein Leben wieder auf die Reihe kriegen?

Manchmal weiß man echt nicht mehr, was man sagen soll!

Bevor ich aber richtig auf die Piste gehe, habe ich aber nochmal einen Physiotermin.

Und das ist verdammt gut. Unter Jana’s zarten, gefühl – und kraftvollen Händen bekomme ich den nötigen Abstand, um mit freiem Kopf fahren zu können. Wir quatschen nochmal richtig intensiv. Auch sie macht mir Mut.

Und dann geht’s los.

I'm on the road, baby.

Reha, ich komme und mit jedem gefahrenen Kilometer geht es mir besser.

Raus aus diesem alten Muff.

Hundertmal und mehr bin ich diese Strecke schon gefahren. Zu unseren Kunden, zu unseren Zweigstellen oder mit Kollegen während der Projektarbeit.

Aber heute ist es anders. Ich bestimme ganz alleine, wie diese Fahrt läuft. Ich fahre für mich. Das ist geil.

Nach einigen Stunden taucht Hannover auf.

Es ist um die Mittagszeit. Ich steuere eine Fastfood Kette an. Kaum auf dem Parkplatz, nehme ich das Telefon. Ich rufe Kollegen an, daß ich da bin.

Andy und Rollo, Kollegen der Zweigstelle vor Ort, die über die Jahre zu Freunden wurden. Zu sehr guten Freunden. Die sich sofort interessierten, als sie von den aktuellen Entwicklungen hörten. Wir haben uns hier verabredet. Auf ein gemeinsames Mittag und einen Plausch. Ich freue mich.

Mit einem Buch bewaffnet, entere ich das Lokal und erwarte sie. Es dauert nicht lange und sie stehen in der Tür.

Was für eine Freude. Bestimmt ein halbes Jahr haben wir uns nicht mehr gesehen. Wir holen unser Essen und sind, nach wenigen Worten, wieder zusammen. So, wie vor vielen Jahren, als wir im gleichen Projekt arbeiteten und zwangsläufig viel Zeit miteinander verbrachten. Erst nur dienstlich, später auch privat. Diese Zeit lebt nun wieder auf. Aber auch die letzten Wochen bei mir leben wieder auf. Sie wollen wissen, wie es zur Trennung kam.

Warum ich im Job die Pause brauche.

Und sie machen mir Mut. Bestärken mich in meinen Entscheidungen. Sie geben mir Kraft weiter zu gehen, auf diesem Weg und Neues anzufangen.

Wir rauchen, quatschen und lassen es uns gut gehen, soweit das in einem Burger – Laden geht.

Sie wollten nur eine Pause machen. Es wird ein Nachmittag. Ein Nachmittag, der mich sehr gestärkt hat.

Danke Jungs.

Viele Stunden später fahre ich weiter gen Westen. Der Sonne entgegen. Ein Zeichen?

Quatsch, was soll da schon passieren!

Zum Abend bin ich da.

Das Hotel wartet auf mich so, wie ich es das letzte Mal verlassen habe. Ich checke ein und bringe mein Gepäck ins Zimmer. Es ist schon dunkel und es regnet. Schade dass die Jungs nicht auf Tour waren. Wir hätten bestimmt noch einen geilen Abend gehabt.

So bin ich alleine. Ich habe keine Lust jetzt allein durch die Stadt zu ziehen. Ich gehe also an die Bar. Und ich habe Glück. Es gibt auch kleine Happen zu essen. Und es läuft Fußball. Somit sind nur wenige hier, sondern alle vor dem Fernseher, wo auch immer der steht. Ich habe meine Ruhe.

Ich kann, vermutlich für Wochen, in Ruhe mein letztes Bier trinken.

Dazu lese ich "Fachliteratur". Sie kam heute früh noch per Eilpost, „Woher kommt der BurnOut“. Hätte ich gar nicht gedacht, daß das so spannend ist.

Etliche Pfeifen, Whiskey und Biere später wanke ich aufs Zimmer. Hoffentlich fällt das morgen nicht auf!

Die erste Woche

Dienstag, sechs Uhr dreißig. Pünktlich stehe ich vor dem Büfett im Hotel. Ich frühstücke nun mal gerne. Und vermutlich wird es für lange sechs Wochen das letzte vernünftige Frühstück sein. Man hört ja eine Menge...!

Ich genieße es wie eine Henkersmahlzeit.

Das Essen und der ruhige Beginn des Tages waren mit die Gründe für den Zwischenstopp hier. Wäre ich heute zu Hause losgefahren, wäre ich jetzt bereits seit Stunden auf der Autobahn. So speise ich in aller Ruhe und fahre erst kurz vor zehn los. Es sind ja nur wenige hundert Meter.

Als ich in der Klinik ankomme, hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Mehrere Hochhäuser, zwei, geschätzte zehn Etagen, ein weiteres ungefähr sieben Stockwerke hoch, stellen wohl die Bettenhäuser dar.

Zumindest von außen „wunderbarer“ 70er Jahre Charme.

Scheiße, sieht das nach Massenabfertigung aus. Aber egal. Nun bin ich hier. Und schließlich brauche ich die Auszeit. Das habe ich mittlerweile begriffen.

Die Dame an der Rezeption staunt nicht schlecht, als ich zwei Minuten nach zehn vor ihr stehe.

Hinter mir stehen gerade noch Patienten, die abreisen und auf ihr Taxi zum Bahnhof warten.

Aber schlecht ist die frühe Ankunft wohl nicht. Es dauert nur wenige Minuten und eine Schwester holt mich schon ab. Zu meinem Erstaunen bringt sie mich aber nur in einen Gemeinschaftsraum, der nicht in dem großen Haupthaus mit Rezeption liegt, sondern in einem Flachbau, den ich für die Verwaltung hielt. Er ist dem kleineren Hochhaus vorgelagert. Hier soll ich warten.

Nach ein paar Minuten erscheint die Stationsschwester. Sie führt mich tatsächlich in den Verwaltungstrakt.

In der ersten Etage gibt es allerdings auch noch Zimmer. Dort ist bereits ein Zimmer

frei und fertig. Das wird meins.

Ich gucke nicht schlecht.