Wegbereiterinnen der modernen Schweiz -  - E-Book

Wegbereiterinnen der modernen Schweiz E-Book

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Beschreibung

In unserem Blick zurück in die Geschichte spielen nicht nur in der Schweiz, sondern rund um den Globus Männer die Hauptrolle. Von Frauen ist selten die Rede, hauptsächlich, weil ihre Rolle in patriarchalischen Gesellschaften nicht öffentlich sichtbar wurde, zum Teil, weil die Geschichtsschreibung sich wenig für sie interessierte. Dabei gab es auch in der Schweiz Frauen, welche die Gesellschaft aktiv mitgestalteten: mutig, unabhängig, selbstverantwortlich, unternehmerisch. Sie alle waren Pionierinnen ihrer Zeit. Und jede von ihnen hat Spuren in der Schweiz von heute hinterlassen – ob als Journalistin, Wissenschaftlerin, Unternehmerin, Künstlerin, Frauenrechtlerin oder einfach als starke Persönlichkeit. Mit Beiträgen von Sibylle Egloff, Simone Hofer, Simon Hurst, Verena Parzer Epp, Lukas Rühli, Marco Salvi, Patrik Schellenbauer, Barbara Stolba, Susanne Stortz, Claudia Wirz

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Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Wegbereiterinnender modernen Schweiz

Frauen, die die Freiheit lebten

Verena Parzer Epp und Claudia Wirz (Hrsg.)

Mit Beiträgen von Sibylle Egloff, Simone Hofer,Simon Hurst, Verena Parzer Epp, Lukas Rühli, Marco Salvi,Patrik Schellenbauer, Barbara Stolba, Susanne Stortzund Claudia Wirz sowie einem Vorwort von Gerhard Schwarz

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Verlag © 2014 Avenir Suisse und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2014 (ISBN 978-3-03823-928-4).

Herausgeber Verena Parzer Epp und Claudia Wirz

Lektorat Regula Walser www.regulawalser.ch

Korrektorat n c ag, www.ncag.ch

Datenkonvertierung CPI – books GmbH, Leck

Zitierweise Parzer Epp Verena, Wirz Claudia: Wegbereiterinnen der modernen Schweiz. (Zürich: Avenir Suisse und Verlag Neue Zürcher Zeitung)

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben – auch bei nur auszugsweiser Verwertung – vorbehalten. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

ISBN E-Book 978-3-03823-938-3

Gleiche Rechte, unterschiedliche Resultate – Ein Vorwort

Dies ist ein Avenir-Suisse-Buch besonderer Art. Es geht auf einen ausserordentlichen Erfolg auf der Website von Avenir Suisse zurück. Diese wurde selten einmal so intensiv und so regelmässig besucht wie im Dezember 2013. Grund war der «Adventskalender», der jedes Jahr einem anderen Thema gewidmet ist. Diesmal präsentierte er 24 Porträts von Schweizerinnen, die zu Wegbereiterinnen der Moderne wurden, vor allem für die Frauen, aber keineswegs nur für sie, denn durch die Stärkung der Rechte der Frauen wurde die Schweiz auch für die Männer moderner – und lebenswerter.

Ob die Popularität des Adventskalenders am Thema lag, ob an der Tatsache, dass es ein für Avenir Suisse eher ungewöhnliches Projekt war oder aber daran, dass die Auswahl der Frauen zum Teil eher überraschte, lässt sich schwer sagen. Der Schwerpunkt der Porträts lag jedenfalls nicht bei den «usual suspects», bei den Frauen, die sich auf der politischen Ebene für die Rechte der Frauen, etwa das Frauenstimmrecht, eingesetzt und dadurch einige Bekanntheit erlangt haben, obwohl auch sie in der Auswahl nicht fehlen. Aber wenn Frauen heute ein selbstbewusstes, gleichberechtigtes Leben führen können, ist das nicht zuletzt all jenen Frauen zu verdanken, die das, was heute (fast) selbstverständlich ist, erstmals vorgelebt haben. All die Frauen, die als Unternehmerinnen und Forscherinnen, Juristinnen und Künstlerinnen, Politikerinnen und Sportlerinnen, Journalistinnen und Macherinnen in vermeintliche Männerdomänen einbrachen, brauchten unternehmerischen Elan, Frustrationstoleranz und viel Mut. Das hatten sie – und haben damit enorm viel bewegt.

Mit der bewusst etwas anderen Zusammenstellung von Pionierinnen der Moderne, die oft aus einem bürgerlichen Milieu stammten, sollte aber auch zum Ausdruck gebracht werden, dass der Wunsch nach rechtlicher und politischer Gleichstellung und Selbstbestimmung der Frauen kein genuin sozialistisches Anliegen ist, auch wenn man gelegentlich den Eindruck erhält, es sei von der Linken gepachtet worden. Vielmehr darf man daran erinnern, dass der wohl wichtigste Klassiker der modernen Frauenrechtsbewegung, «A Vindication of the Rights of Woman» von Mary Wollstonecraft, den sie 1792 als Antwort auf die ihrer Ansicht nach zu sehr auf die Männer ausgerichtete Erklärung der Menschenrechte der Französischen Revolution publizierte, ganz in der individualistischen Naturrechtslehre der Aufklärung wurzelt. Es gibt also seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine Frauenrechtsbewegung, die sich im Einklang mit liberalen Vorstellungen von Gesellschaft und Wirtschaft befindet. Dieser liberale Feminismus lässt sich durch das Anliegen gleicher Rechte nicht zu einem Streben nach gleichen Resultaten verleiten, das dann fast unweigerlich auf den Irrweg der «positiven Diskriminierung», der Frauenquoten und der Umverteilung führt. Liberale werden Frauen niemals auf ein bestimmtes Rollenmodell fixieren, sondern auch in diesem Bereich auf Vielfalt setzen, die zu vielen Unterschieden führt, also trotz – oder vielleicht eher: wegen – gleicher Rechte zu unterschiedlichen Resultaten.

Der Erfolg der Frauen-Porträts im Internet fiel auch dem Verlagsleiter von NZZ Libro, Hans-Peter Thür, auf. Er bat daher die beiden Projektleiterinnen, Verena Parzer Epp, Verantwortliche für die Online-Kommunikation von Avenir Suisse, und NZZ-Journalistin Claudia Wirz, aus dem «Adventskalender» doch ein Buch zu machen. Das haben sie mit grosser Begeisterung getan. Sie haben dabei nicht nur die der Hektik des Mediums Internet geschuldeten kleineren Unstimmigkeiten ausgemerzt, sondern vor allem die Chance genutzt, dass sie für das Buch nicht auf genau 24 Porträts limitiert waren. Das ermöglichte es ihnen, die Auswahl durch mehrere Porträts zumal aus der Romandie zu ergänzen.

Entstanden ist ein schön gestaltetes, informatives Buch, das viel Lesevergnügen bereitet. Es enthält daneben aber eine wichtige Botschaft: John Stuart Mills Binsenwahrheit «Die Menschen gewinnen mehr dadurch, dass sie einander gestatten, so zu leben, wie es ihnen richtig erscheint, als wenn sie jeden zwingen, nach dem Belieben der übrigen zu leben» (On Liberty), ist gerade auch mit Blick auf die Frauenrechtsbewegung mit aller Deutlichkeit in Erinnerung zu rufen. Die Porträts zeigen nämlich, dass Frauen unterschiedlichster politischer Orientierung und mit sehr vielfältigen Lebensentwürfen zur Entstehung der Moderne beigetragen haben. Das bringt auch die kleine Fotoserie über Frauen in der Schweiz des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck, die eine Brücke zur Gegenwart und Zukunft schlägt und das Buch abschliesst. Sie zeigt zum einen, wie vielfältig die Betätigungsfelder sind, die den Frauen von heute fast selbstverständlich offenstehen, aber sie macht zum andern auch deutlich, dass sich die Chancen den Menschen heute wie damals nicht aufdrängen, sondern dass sie erkannt und ergriffen werden müssen.

Gerhard Schwarz

Direktor von Avenir Suisse

Einleitung

Von der Pflicht, sich die Freiheit zu nehmen und etwas daraus zu machen

Dies ist ein Buch über Macherinnen. Über Frauen, die sich die Freiheit genommen haben, trotz Widerständen und Widrigkeiten ihren eigenen Weg zu gehen. Mit ihrem Einsatz hat jede von ihnen Spuren hinterlassen und in der Gesellschaft Veränderungen durchgesetzt, die bis heute nachwirken. Die Frauen von heute verdanken diesen Pionierinnen die in unserem Kulturkreis mittlerweile als selbstverständlich wahrgenommene Gleichberechtigung, in der Politik, im Beruf, in der Bildung, in der Kunst und zum Teil auch in den Kirchen. In der modernen Schweiz mit ihrer direkten Demokratie kommt diesen Entschlossenen eine ganz besondere Rolle zu. Der eidgenössische Weg zum Frauenstimmrecht war ein längerer als im Ausland, wo dieses von oben eingeführt wurde. Es spricht für die Exponentinnen dieser «grössten unblutigen Freiheitsbewegung», um Marthe Gosteli, die Gründerin des Archivs für die Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, zu zitieren, dass sie ihre Anliegen mit aller Geduld, die ihnen von den Männern abverlangt worden war, letztlich mit klugen Argumenten durchgesetzt haben.

Die in diesem Band vorgestellten Frauen, die eine Zeitspanne von fast 750 Jahren abdecken, haben alle an der Geschichte der Schweiz in irgendeiner Weise mitgeschrieben. Trotzdem werden sie oft vergessen. Denn die Geschichtsschreibung neigt dazu, bestehende Wahrnehmungen fortzuschreiben. Folglich kann es nicht verwundern, dass sich die Geschichtsschreibung in einer Welt, in der über Jahrhunderte hauptsächlich Männer sichtbar waren und auch weitgehend dominierten, kaum für Frauen interessierte. Dementsprechend ist in den Schulbüchern vor allem von den grossen Taten der Männer die Rede. Wie sollte es anders sein in einer Gesellschaftsordnung, in der Frauen als weniger wichtig galten und öffentlich kaum sichtbar waren! Die moderne Geschlechterforschung hat dieses Manko bisher nicht hinreichend behoben; ihr Hauptinteresse gilt nämlich nicht der Geschichte und schon gar nicht jener von «bürgerlichen» Pionierinnen, die ihr Streben nach Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Gestaltungsmöglichkeiten über den engeren Kreis der Familie hinaus aus liberalen Überzeugungen und Überlegungen ableiteten.

Dieser Band zeigt: Frauen sind oft sehr viel mehr gewesen als stille Statistinnen in der Männergeschichte. Marie Dentière etwa hat an der Seite von Calvin die Genfer Reformation massgeblich mitgeprägt. Ihr frühfeministisches Ideal einer Gleichberechtigung der Frauen in der Religion sollte sich zu ihrer Lebzeit zwar nicht erfüllen, ist aber heute, Jahrhunderte später, in ihrer Kirche eine Selbstverständlichkeit. Elisabeth Feller und Verena Conzett profilierten sich als verantwortungsvolle Unternehmerinnen und standen – als Folge persönlicher Schicksalsschläge – erfolgreich «ihren Mann». Marion van Laer-Uhlmann rettete als Rotkreuz-Fahrerin im Zweiten Weltkrieg Kriegsversehrte. Marie Heim-Vögtlin bahnte den Schweizerinnen den Weg zum Medizinstudium. Er sollte ebenso steinig wie erfolgreich werden. Meta von Salis schrieb als eine der ersten Schweizerinnen mit spitzer Feder gegen die rechtliche Diskriminierung der Frauen an – und musste dafür erhebliche persönliche Nachteile in Kauf nehmen. Gertrud Lutz’ Verdienste um die Rettung Tausender ungarischer Juden verblassen angesichts des Nimbus ihres Gatten Carl; sie wird von der Geschichtsschreibung – von wenigen Ausnahmen abgesehen – konsequent ignoriert. Gilberte de Gourgenay wiederum verkörperte zur Zeit der Geistigen Landesverteidigung und darüber hinaus wie kaum eine zweite Schweizer Persönlichkeit die «Willensnation».

Weil es ohne Geschichte keine Zukunft gibt, sind historische Vorgänge und Vorbilder für die Gegenwart wichtig. Allzu leicht geht heute ob all der Entfaltungsmöglichkeiten in der postmodernen, «gerechten» Gesellschaft das Bewusstsein dafür verloren, dass Gleichberechtigung die längste Zeit alles andere als selbstverständlich gewesen ist. Schmerzlich musste Emilie Kempin-Spyri zusehen, wie sie alles verlor, weil sie ihren Traum, Anwältin zu sein, verwirklichen wollte. Während die Frauen ihrer Zeit dafür kämpfen mussten, einen «männlichen» Beruf ergreifen zu dürfen, stellt sich die Situation heute genau umgekehrt dar. Wegen des Fachkräftemangels einerseits und dem weit verbreiteten Anliegen der Frauenförderung anderseits werden allenthalben Anstrengungen unternommen, Frauen für vermeintliche Männerberufe zu gewinnen und ihnen den Weg in Spitzenpositionen zu erleichtern. Der Staat, der einst die Frauen behinderte, versteht sich heute als ihr Förderer. Aber nicht nur Politik und Verwaltung haben sich Frauenförderung auf die Fahnen geschrieben, sondern ebenso Universitäten, Unternehmen oder Verbände – bis hin zur Fixierung verbindlicher Frauenquoten in Geschäftsleitungen oder Verwaltungsräten.

Mit solchen Zwangsmassnahmen hat der Feminismus sein Wesen von Grund auf verändert. Er ist mittlerweile «verstaatlicht» bzw. vom Establishment vereinnahmt worden. Seine Ursprünge aber sind ganz anderer Natur. Er ist ein Kind der Freiheit, geboren während der Französischen Revolution als klassische Emanzipationsbewegung, also als Bewegung der Basis gegen die bevormundende Obrigkeit. Olympe de Gouges war die Erste, die den Begriff Feminismus verwendete und aus der Deklaration der Menschenrechte die Gleichberechtigung der Frauen ableitete. Die Aufklärung, dieses «Jahrhundert der Vernunft», war dafür noch nicht reif und schickte die Mutter dieser Idee – nicht nur, aber auch deswegen – unter die Guillotine.

Der Feminismus heutiger Prägung läuft mit seinem ideologischen und planwirtschaftlichen Duktus Gefahr, zur manipulierenden Gender-Bürokratie zu mutieren, die mit Freiheit nicht sehr viel am Hut hat. Es geht nicht mehr darum, dass alle, Frauen ebenso wie Männer, nach ihrer Fasson glücklich werden sollen. Es geht heute um politische Korrektheit, und es geht vor allem um die Propagierung eines erwünschten «modernen» Lebensstils. Staatlich propagierter Feminismus ist nicht wertfrei, und er erzeugt einen mächtigen Konformitätsdruck. Auf diese Weise schafft er neue Arten der Diskriminierung und der Bevormundung.

Gerade deshalb ist der Blick zurück zu den freiheitlichen Ursprüngen der Frauenemanzipation so wichtig. Die Protagonistinnen dieses Bandes sind eine Inspiration für einen liberalen Feminismus des 21. Jahrhunderts: Er lässt den freiheitlichen Feminismus nicht in wohlfahrtsstaatlichen Interventionismus kippen, er schafft geschlechtsspezifische Privilegien jeglicher Prägung ab und lässt sie nicht – etwa in Gestalt von Frauenquoten – mit umgekehrten Vorzeichen wieder auferstehen, und er akzeptiert keine gesetzlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau, auch nicht in Bezug auf Rentenalter oder Dienstpflicht.

Über Jahrhunderte wurden viele Menschen davon abgehalten, ihren Weg zu gehen – einzig aus dem Grund, dass sie einer bestimmten sozialen Gruppe angehörten. Würden Frauenquoten jetzt Realität, müssten konsequenterweise auch Behindertenquoten und Quoten für Sprachgruppen oder Religionsgemeinschaften eingeführt werden. Eine «politisch korrekte» Welt ist eine sehr komplizierte Welt, aber keineswegs eine besonders gerechte und schon gar nicht eine dynamische, fortschrittliche Welt. Viel mehr Potenzial eröffnet sich einer Gesellschaft, wenn alle ihre Chance bekommen.