Wegsteine - Susanne Irmer - E-Book

Wegsteine E-Book

Susanne Irmer

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Beschreibung

Sammlung von Kurzgeschichten, die ganz unterschiedliche Themen betreffen. Die Spanne reicht von satirisch bis tragisch und makaber. Wie der Titel vermuten läßt, wird hin und wieder eine biblische Geschichte aufgegriffen um sie unter dem ganz persönlichen Blickwinkel der Autorin zu betrachten.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Wegsteine

Wenn Kain und Abel Schwestern gewesen wärenLazarus hat sich wieder hingelegtJosephines SpiegelDie schimmlige Blüte der LangeweileLuzifer hat keine Lust mehrDer Baum und der SoldatDer elektronische SchutzengelDie lange dunkle StraßeDie fünfundzwanzigste StundeImpressum

Wenn Kain und Abel Schwestern gewesen wären

Das Leben hielt für Adam offenbar nur Enttäuschungen bereit. Nicht genug, daß er hochkant aus dem Paradies geflogen war, jetzt war der Erstgeborene auch noch eine Erstgeborene! Aber was half es mit dem Schicksal zu hadern? Also schickten sie sich drein und nannten sie Karin, umsorgten und liebten sie, als sei sie nicht nur ein Mädchen. Adam war eben nicht klar, daß das Leben ein Aas war und so freute er sich schon auf seinen Erstgeborenen, als Eva verkündete sie sei erneut in guter Hoffnung. Aber auch dieser Erstgeborene weigerte sich einer zu sein. Ein weiteres Mädchen erblickte das Licht der Welt und stürzte ihren Vater damit in erhebliche Verzweiflung. Was aber half es auch da mit dem Schicksal zu hadern? Also fügten sie sich auch darein und nannten sie Anabel, umsorgten und liebten sie, als sei sie nicht nur noch ein Mädchen.

Obwohl diese zwei Fehlschläge Adam eigentlich bei seinen Fortpflanzungsversuchen hätten anspornen müssen, geschah in dieser Richtung in den nächsten Jahren nichts. Karin und Anabel wuchsen heran. Sie spielten zusammen, wenn das auch immer dazu führte, daß eine die Siegerin sein mußte. Egal um was es ging, die eine wollte die andere immer übertrumpfen. Wer hatte die schönsten Steine gesammelt, wer hatte die besten Strümpfe gestrickt, wer hatte die schönste Frisur, die längsten Wimpern, den besten Hintern und den größten Busen. Bei allen Wettkämpfen hörte Karin jedoch immer die gleichen Worte: Du bist die Ältere, also laß deine Schwester mal gewinnen! Du bist die Ältere, du solltest auf deine kleine Schwester aufpassen! Du bist die Ältere, du hättest wissen müssen, daß man dies oder jenes nicht macht!

Es war der reinste Fluch die Ältere zu sein, fand Karin. Für ihr Empfinden durfte Anabel alles und sie selbst nichts. Das sorgte im Laufe der Jahre für immer mehr Unmut, der sich hinter dem Damm ihrer Liebenswürdigkeit, die von ihr wie selbstverständlich erwartet wurde, aufstaute. Da sie dauernd gerügt wurde, wenn sie einmal zu Anabel böse war oder sie zurechtwies oder sie einfach mal vom Hacken schütteln wollte, erfand Karin das Schöntun. Gegen ihre Schwester und ihre Eltern sprach sie nur lobende und aufmunternde Worte, die vor Nettigkeit troffen, hinter ihrem Rücken jedoch ließ sie kaum ein gutes Haar an ihnen. Das verschaffte ihr ein wenig Erleichterung.

Im Laufe der Zeit ergab es sich, daß Karin zumeist die Felder bestellte und Anabel sich um die Schafe kümmerte. Die Opferungen führte stets Adam durch. Doch eines Tages verkündete er, daß es wohl an der Zeit war, das Karin und Anabel dies selbst tun könnten, waren sie doch nun so etwas wie erwachsen und jede hatte ja ihre Aufgaben, die sie auch gut erfüllte.

So machten sich die beiden Schwestern daran für das nächste Opferfest die absolut schönsten Opfergaben, die man je gesehen hatte, heranzuziehen. Karins Feldfrüchte wurden dank sorgfältiger Düngung und Bewässerung so prächtig und groß wie nie zuvor und Anabels Lämmer wurden durch bestes Futter und täglichem waschen und kämmen die schönsten und fluffigsten Lämmer aller Zeiten.

Als der Tag der Opferung anstand, zogen sie ihre besten Kleider an und wählten die schönsten der schönsten Früchte und die schönsten der schönsten Lämmer und brachten sie ihrem Gott zum Opfer dar.

Gott nahm die Gaben huldvoll an und dankte Karin für die herrlichen Feldfrüchte, Anabel aber dankte und lobte er für die fluffigsten Lämmer, die ihm je geopfert worden waren, und segnete sie dafür.

Damit hatte er, in Karins Augen, ein Urteil gefällt und es war nicht zu ihren Gunsten ausgefallen. Anabel hatte gewonnen und das machte Karin zornig. Davon ließ sie sich allerdings nichts anmerken. Sie tat als freue sie sich über Anabels Segnung und lobte ihr Geschick beim Aufziehen der Lämmer. Anabel spürte wohl ihre Enttäuschung und versuchte sie zu trösten. Karin gab sich fröhlich und das beruhigte Anabel.

Am Abend hielten sie ein Festessen und dann gingen sie zu Bett. Am nächsten Tag war Karin früh auf den Beinen und arbeitet auf ihren Feldern. Anabels Schafe blieben am Morgen unversorgt im Stall. Während Adam sich um die Tiere kümmerte, ging Eva besorgt zu Anabels Kammer um nach ihr zu sehen. Zu ihrem Entsetzen fand sie sie tot in ihrem Bett liegen. Sie rief Adam herbei und sie wehklagten über den jähen Tod ihrer jüngsten Tochter.

Gott hörte das Jammern und ging hinaus zu Karin aufs Feld. Dort fragte er sie wo ihre jüngere Schwester Anabel sein. Und sie antwortete ihm, daß sie nicht die Hüterin ihrer Schwester sei und es daher nicht wisse. Das war natürlich gelogen. Sie hatte auf dem Felde eine giftige Frucht gebrochen und ihrer Schwester heimlich unter das Essen gemischt. Jetzt, am hellen Tage, tat es ihr leid, aber es war zu spät es zu ändern.

Gott erkannte ihre Schuld und verfluchte sie und verbannte sie aus dem Lande.

Habt ihr wirklich geglaubt die Geschichte würde vielleicht anders ausgehen? Leider muß ich sagen, daß Frauen nicht automatisch die besseren Menschen sind, sie sind nur auf andere Weise mies. Tja.....

Lazarus hat sich wieder hingelegt

Das Licht war grell und blendete ihn. Blinzelnd stand er vor der Höhle herum, in der er vier Tage eigentlich recht bequem herumgelegen hatte. Zwar war er auf Stein gebettet gewesen, doch das spielte kaum eine Rolle, weil er davon nichts gespürt hatte. Er war dort gelegen, ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne Schmerzen, ohne irgend etwas tun zu müssen, ohne überhaupt irgend etwas zu sein. Vollkommen losgelöst und zum ersten Mal im Leben wirklich frei.

Dann, ganz plötzlich, hatte ihn ein Ruf getroffen, dem er hatte folgen müssen, ob er wollte oder nicht. Und nun stand er hier, verwirrt, nur mit einem Leinentuch um sich gerafft, während seine Schwestern, seine Freunde und eine Menge Leute, die er nie zuvor gesehen hatte, um ihn herum schwirrten und völlig aus dem Häuschen waren. Sie begrüßten ihn, lachten, weinten, berührten ihn zaghaft, als prüften sie, ob er real war. Das war er, soweit er sagen konnte.

„Du warst tot und nun bist du auferstanden“, drangen die Worte seiner Schwester endlich zu ihm durch. Sie hatte es wohl schon mehrfach gesagt aber erst jetzt verstand er die Worte wirklich.

„Tot“, dachte er sich. Nur langsam erinnerte er sich wieder. Er war krank geworden. Lange hatte er sich mit dieser Krankheit herumquälen müssen, elend war er gewesen und voller Schmerzen. Und dann, eines Morgens, hatte er sich plötzlich federleicht gefühlt, alle Schmerzen und alle Schwere und Kraftlosigkeit waren von ihm abgefallen. Das war wohl der Morgen seines Todes gewesen. Und was war jetzt? Was bedeutete dies alles? Wenn er tot war, befand er sich jetzt vor dem jüngsten Gericht? Zweifelnd sah er sich um. Das hatte er sich tatsächlich anders vorgestellt. So konnte unmöglich der Himmel aussehen, zumindest wäre es eine große Enttäuschung. Wo war Gott und sein Thron? Wo die Engel?

Oder war er verdammt und in der Hölle und die sah genau so aus wie sein altes Leben? Na, das wollte er doch nicht hoffen! Zudem sollten beim Jüngsten Gericht wohl doch Urteile gesprochen werden und daran konnte er sich nun gar nicht erinnern. Sprach seine Auferstehung nicht zudem dafür, daß er zu den Gerechten gehörte? Was, zum Teufel, ging hier vor? Er war wirklich verwirrt.

„Was?“, fragte er auf gut Glück in die Worte seiner Schwester hinein.

„Er hat dich wieder zum Leben erweckt“, erklärte sie mit Ehrfurcht und Freude in der Stimme.

„Was?“, wiederholte er mit gerunzelter Stirn. „Wiedererweckt? Wer? Wozu?“

Seine Schwester sah ihn genau so verwirrt an wie er sie. Schließlich schien es ihr zu dämmern, daß er keinen Schimmer hatte was vor sich ging. Im Brustton der reinen Vernunft erklärte sie daher: „Jesus hat dich ins Leben zurückgeholt, Lazarus. Du bist an deiner Krankheit gestorben und lagst vier Tage im Grab.“

Lazarus sah sich erneut um und entdeckte seine zweite Schwester, Maria, mit Jesus in einem Pulk von Leuten, die auf Jesus einredeten. „Ach, und warum hat er das gemacht?“

„Warum?“, echote seine Schwester Martha erstaunt. „Weil er dich gern hat und wir alle so traurig waren über deinen Tod. Freust du dich denn nicht?“ Dazu sagte Lazarus nichts. Tatsächlich war er sich darüber gar nicht so sicher. Jesus kam mit Maria zu ihm und enthob ihn so Martha doch noch eine Antwort geben zu müssen. Sie begrüßten sich. Lazarus wußte nicht recht, was er dann sagen sollte. Wie begegnete man jemandem, der einen aus dem Tode erweckt hatte? Seine Schwestern hingegen hatten da offenbar keine Scheu. Sie dankten Jesus überschwänglich und priesen ihn als Sohn Gottes. Jesus nahm die Dankbarkeit bescheiden hin und pries statt dessen Gott, der ihm erlaubt hatte dieses Wunder zu wirken. Ihre Einladung in ihr Haus lehnte er freundlich ab mit dem Hinweis er müsse fort um sein Schicksal zu erfüllen, was immer das bedeuten mochte. Er segnete alle, dann wanderte er davon. Viele Leute folgten ihm eine Weile, der Rest verlor sich nach Hause.

Auch Lazarus und seine Schwestern gingen nach Hause. Dort wusch er sich zunächst und zog sich an, während seine Schwestern das Essen bereiteten. Lazarus war sehr hungrig und griff ordentlich zu, während die Familie noch immer aufgeregt durcheinanderredete und ihn mit Fragen löcherte. Seine Wortkargheit verdroß sie. Da hatte man schon einmal jemanden, der vom Tode zurückgekehrt war und der brachte die Zähne nicht auseinander. Dabei lag es gar nicht daran, daß Lazarus ihnen nicht gern etwas erzählt hätte, aber es gab eben schlicht und ergreifend nichts zu berichten und damit hatte es sich. Man war eben tot und wartete auf das Ende der Welt. Im Grunde war es recht gut eingerichtet, daß man von dieser Warterei nichts mitbekam, denn das Ende der Welt konnte doch recht lange auf sich warten lassen. Diese Ewigkeiten bewußt zu erleben und dabei nur herumzuliegen, wäre auch eine wahre Hölle.

Da ihm die Familie mit ihrem Gequassel gehörig auf die Nerven ging, zog er sich bald nach dem Essen auf sein Lager zurück.

In der Stille seiner kleinen Kammer, unbedrängt von aller Welt, kam er ein wenig zu sich. Er legte sich auf sein Bett und starrte etwas ins Leere, ohne große Gedanken zu wälzen. Erst nach einer Weile dachte er über den Tag nach. Für jemanden, der von den Toten zurückgekehrt war, fühlte er sich ausgesprochen gewöhnlich. Er war eben nur ein einfacher Mann. Und weil er das war, begann er automatisch über den morgigen Tag nachzudenken. Es galt die übliche Feld- und Stallarbeit zu erledigen, die ganzen Alltäglichkeiten, Probleme und Sorgen, die das Überleben seiner Familie sicherten. Die Verantwortung, die er trug und die er eine Weile abgestreift hatte, legte sich plötzlich wie ein fühlbares Gewicht auf seine Schultern. In letzter Zeit war es besonders schwer gewesen. Der Acker war karg geworden durch die anhaltende Trockenheit und die Ziegen fanden kaum ihr Auskommen. Die schwere Arbeit hatte ihm im Laufe der Zeit auch immer mehr zugesetzt. Es fiel ihm alles nicht mehr so leicht wie in den Tagen seiner Jugend. Über solchen Gedanken schlief er letztlich ein.

Wie üblich, wachte er sehr früh auf, weil sein Rücken schmerzte. Schwerfällig stand er auf und brauchte eine ganze Weile bis er in die Gänge kam. Er nahm ein einfaches Frühstück aus Hirsebrei zu sich und ging hinaus zu seinen täglichen Arbeiten.

So kehrte der Alltag ein, es war mühsam und entbehrungsreich und immer öfter dachte Lazarus an die Zeit als er tot gewesen war. Und je länger er über die Sache nachdachte, um so ungerechter erschien ihm das Ganze. Er war ein gottesfürchtiger, anständiger Mann und hatte ein solches Leben geführt, hatte man da nicht zumindest einen anständigen Tod verdient? Und nicht dieses unselige Hin und Her? Letztlich war es doch so, daß das Leben auf dieser Welt eine Strafe Gottes war und kein Segen, wenn man den Schriften Glauben schenkte, was Lazarus tat. Womit hatte er also eine doppelte Strafe verdient, indem man ihn in dieses Leben zurückholte – ungebeten? Was hatte sich Jesus dabei nur gedacht? Und nun war er nicht einmal greifbar um sein Tun zu erklären. Also begann Lazarus mit Gott zu reden. Von morgens bis abends bat er Gott um Aufklärung. Wie üblich blieb dieses Gespräch ziemlich einseitig.

Und dann, eines Morgens, wachte er auf und wußte so wollte er nicht weitermachen. Er zog sich nicht an, sondern suchte sein ehemaliges Leichentuch heraus, schlang es sich um den Körper und stapfte zu der Höhle in der er vor Tagen zur letzten Ruhe gebettet worden war. Dort in der Felsnische legte er sich hin, schloß die Augen und schwieg. Der Stein unter ihm war zwar hart aber angenehm kühl. Leider blieb er nicht lange ungestört. Seine Schwester Martha stand alsbald im Höhleneingang und verdunkelte das sanfte Licht, das die Höhle erfüllte.

„Was machst du denn hier? Kannst du mir das vielleicht mal verraten? Die Ziegen warten aufs Melken!“

Lazarus seufzte. „Na, wenn schon! Ich bin tot!“

Martha runzelte die Stirn. „Was redest du denn da? Bist du verrückt? Du lebst, Jesus hat dich erweckt, also komm!“

„Genau das ist der springende Punkt“, erklärte Lazarus und hielt Martha damit zurück, die sich bereits zum Gehen gewandt hatte. „Ich habe ihn nicht darum gebeten, also soll er herkommen und die Sache richtigstellen!“

„Was?“, fragte Martha verdattert. „Du willst lieber tot sein? Was redest du nur! Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Doch.“ Er konnte nicht verhindern, daß es irgendwie trotzig klang. „Ich gebe zu, hättest du mich vordem gefragt, ob ich lieber leben wollte statt tot zu sein, hätte ich wohl das Leben gewählt. Jetzt weiß ich aber wie herrlich es ist tot zu sein und deshalb finde ich, habe ich ein Recht darauf.“

„Lazarus, du versündigst dich!“

„Nein!“, und wieder klang es trotzig. „Ich will nur, daß die göttliche Ordnung aufrechterhalten wird. Ich bin ganz regulär gestorben und damit hat es sich. Da kann doch nicht einfach irgendein Wundermann vorbeikommen und alles auf den Kopf stellen! Wo kämen wir da hin?“

„Aber er ist der Heiland!“, wandte Martha ein. „Er kann alles, wie man sieht. Du versündigst dich, wenn du das nicht.....freudig empfängst.“

„Gerade als Heiland sollte er etwas mehr Respekt vor der göttlichen Ordnung haben und nicht einfach Leute ins Leben zurückholen, die das gar nicht wollen.“

„Wir haben dich sehr vermißt und uns zuliebe hat er es getan, wie kannst du also sagen du seist lieber tot?“ Seine Schwester war den Tränen nahe.

„Ja aber genau das ist es ja! Leute werden geboren, sterben und werden vermißt, das ist der Lauf der Welt! Ihr hättet euch damit abfinden sollen. Ihr seid es, die sich versündigt haben. Na, und Jesus kann doch nicht einfach Leute erwecken, nur weil er sie kennt, wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?“

„Du spinnst doch total!“, entgegnete Martha nun aufgebracht und wollte davonlaufen. Doch seine zweite Schwester Maria war ebenfalls eingetroffen.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte sie verwirrt.

„Lazarus hat sich wieder hingelegt und möchte lieber tot sein!“, umriß Martha die Situation.

„Echt? Hm. Und nun willst du hier rumliegen bis du verdurstet bist, oder was?“ Maria hatte schon immer Sinn für das Praktische gehabt. Ihre Frage brachte Lazarus Entschluß ein wenig ins Wanken, denn so weit hatte er noch gar nicht gedacht.

„Nein, ich will, daß ihr Jesus herholt und er es rückgängig macht.“

Maria schüttelte den Kopf. „Das wird aber nicht passieren. Erstens ist er schon viel zu weit fort und zweitens kannst du dich bestimmt an die 10 Gebote erinnern, oder?“

„Ja, schon, und?“

Jetzt lächelte Maria triumphierend. „Da heißt es: Du sollst nicht töten. Er kann dich also nicht wieder zu Tode bringen.“ Für einen Moment verschlug es Lazarus glatt die Sprache.

„Aber es ist völlig falsch, daß er mich erweckt hat!“, beharrte er dann.

„Das ist deine Meinung“, winkte Maria ab. „Als Heiland kann er jedenfalls nicht gegen die 10 Gebote verstoßen, das sollte selbst dir einleuchten. Hingegen gibt es kein Gebot, das lautet: Du sollst nicht wieder auferstehen lassen, oder? Na, also! Finde dich also damit ab und komm nach Hause!“

„Nein, das tue ich aber nicht! Es sollte ein Gebot geben, das lautet: Du sollst nicht wiederauferstehen lassen. Zumindest für Heiländer – oder wie immer die Mehrzahl von Heiland auch lauten mag!“, brummte Lazarus, er fühlte sich stark in der Defensive.

„Es gibt keine Mehrzahl von Heiland, denn es kann nur einen geben, Lazarus“, tadelte Maria.

„Ach, laßt mich doch in Ruhe, wenn ihr mir nicht weiterhelfen wollt!“

„Na, wenn du meinst“, entgegnete Maria. „Komm, Martha, wenn er hungrig wird, kommt er schon aus seinem Loch gekrochen.“ Sie faßte Martha, die zögerte, am Arm und zog sie mit sich. Bald waren ihre Schritte verklungen.

Lazarus starrte an die Decke und ärgerte sich über Maria. Vor allem ärgerte ihn, daß sie irgendwie Recht hatte. Jesus war tatsächlich schon viel zu weit fort um ihn noch zurückzuholen. Damit wies sein Plan sich hier hinzulegen eine gewisse Schwäche auf. Es sei denn er wollte tatsächlich warten bis ihn Durst und Hunger in die Knie zwangen. Und versündigte er sich damit nicht irgendwie? Er schob den Gedanken unwillig beiseite. Maria sollte einfach nicht Recht behalten, also blieb er liegen. Der Tag verstrich zäh, obwohl er zwischenzeitlich immer etwas eindöste. Letztlich erwies sich der Stein als unbequemes Lager für einen Lebenden. Zudem barg das am Leben sein weitere Unannehmlichkeiten, denn natürlich bekam er Durst und Hunger und zwischenzeitlich den Drang sich zu erleichtern. Vor allem letzteres ließ sich nicht wirklich ignorieren. Trotzdem ließ es vor allem sein Stolz nicht zu einfach wieder nach Hause zu gehen.

Die Nacht zog herauf und er nutzte sie um einen kleinen Spaziergang zu machen. Die Luft war angenehm lau, der Himmel klar und sternenübersät. Alles wirkte sehr friedlich. Lazarus wanderte herum, trank aus dem Fluß, aß ein paar Beeren, achtete aber streng darauf niemandem zu begegnen. Dann kehrte er in sein Grab zurück und legte sich wieder hin. So ging es einige Tage. Ungestörte Tage, denn seine Schwestern dachten gar nicht daran nach ihm zu sehen und auch sonst niemand.

Eines Nachts, Lazarus hatte sich vor seinem Grab niedergelassen und betrachtete die Sterne, löste sich plötzlich eine dunkle Gestalt aus den Schatten. Lazarus schreckte auf, doch seltsamerweise schien ihm keine Bedrohung von der Gestalt auszugehen, obwohl sie für ihn nur ein dunkler Schemen blieb, selbst als sie sich nun zu ihm setzte. Es war einfach als hätte sich sein eigener Schatten zu ihm gesetzt. So saßen sie eine ganze Weile.

„Bist du ein Geist?“, obsiegte letztlich Lazarus Neugier. „Oder ein Dämon aus der Wüste oder nur ein Hirngespinst von mir?“

„Ja“, antwortete der Schatten bereitwillig.

„Ja?“, wiederholte Lazarus verwirrt. „Was denn davon?“

„Alles“, erklang es gelassen.

„Alles“, echote Lazarus. „Wie kannst du gleichzeitig ein Hirngespinst, ein Dämon und ein Geist sein?“ Er erntete ein unbestimmtes Schulterzucken zur Antwort. „Dann bist du vielleicht auch gleichzeitig ein Stein, ein Sonnenstrahl oder ein Stern?“

„Ja.“

„Luft, Wasser, Himmel und Erde? Der Teufel und die himmlischen Heerscharen?“, trieb Lazarus die Sache weiter.

„Genau“, erklang es amüsiert aus der Dunkelheit. „Bevor du mit Regenwurm und Laus weitermachst und alles aufzählst, was dir in den Sinn kommt: Ja, all das bin ich. Alles, wie ich bereits sagte.“

„Du bist alles“, stellte Lazarus noch einmal fest, überflüssigerweise. „Also bist du auch nichts?“

Der Schatten lachte. „Sehr scharfsinnig. Ja, auch das. Alles eben.“

„Dann bist du also Gott.“

„Wahrscheinlich ist das das einfachste für dich. Ja, ich bin Gott.“

„Nun gut“, gab sich Lazarus zufrieden. Eigentlich glaubte er es nicht, denn das Erscheinen Gottes hatte er sich beeindruckender vorgestellt. Wahrscheinlich war der Schatten doch nur ein Hirngespinst, vielleicht hervorgerufen durch seinen Hunger. Und warum bist du hier? Hast du meine Gebete also erhört?“

„Nicht deine. Deine Schwestern haben für dich gebetet.“

„Ich frage mich warum meine Schwestern immer erhört werden!“, beklagte sich Lazarus. „Sie wehklagen über meinen Tod und sofort läßt Jesus mich auferstehen. Sie beklagen sich bei dir, daß ich hier liegen will und schon bist du hier. Warum werden denn immer nur die Gebete meiner Schwestern erhört, bitte schön?“

„Tja, könnte daran liegen, daß ihre Bitten ein wenig selbstloser sind als deine. Nebenbei gesagt, sie haben sich nicht über dich beklagt. Sie haben gebeten, daß es dir trotz allem gut gehen möge und ich dich behüten soll.“ Diese Eröffnung beschämte Lazarus ein wenig, weshalb er darauf schweigsam blieb. „Plötzlich so still, wo du mir doch andauernd in den Ohren gelegen hast?“, stellte Gott fest. „Ich bin jetzt hier, also, was willst du von mir?“

Lazarus faßte sich. „Nun gut. Warum wurde ich zweimal bestraft indem ich vom Tode ins Leben zurückgeholt wurde? Warum durfte ich nicht tot bleiben und auf die Wiederauferstehung am Ende aller Zeiten warten?“

„Weil das nicht passieren würde, solange Jesus sein Schicksal nicht erfüllt hat. Er ist der Retter der Welt. Es gehört zu seiner Bestimmung Wunder zu wirken. Willst du kein Wunder des Retters der Welt sein? Er wird alle Schuld von der Menschheit nehmen und sie retten. Willst du nicht Teil dieser Heilsgeschichte sein? Ist dafür ein wenig länger zu leben nicht ein sehr geringer Preis?“

„Oh“, brachte Lazarus kleinlaut heraus. Er hatte ja keine Ahnung gehabt, daß Jesus wirklich derartig bedeutungsvoll war.

„Wenn du es willst, kann ich all das ungeschehen machen“, drang Gottes Stimme in seine Gedanken.

„Nein. Das mag wohl wirklich ein geringer Preis sein für die Rettung der Welt“, gestand er ein. „Jetzt tut mir mein Verhalten wirklich leid.“