Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Reinhard Deichgräber war Theologischer Lehrer und Hausvater am Missionsseminar in Hermannsburg / Kreis Celle. Mehr als dreißig Jahre hat er Seminaristen wissenschaftlich-theologisch und menschlich-seelsorgerlich begleitet und geprägt. Auch als Leiter einer Laien-Mitarbeiterschule gab er vielen jungen Menschen Impulse und Inspiration für ihre eigenständige, bewusste Lebensgestaltung als Christen. Deichgräber gehört zu den Pionieren, die für die Evangelische Kirche Betrachtung und Meditation als religiösen Erfahrungsraum und als Zugang zur biblischen Botschaft wiedergewonnen haben. Zusammen mit den Geschwistern seiner Bruderschaft, der Koinonia, hat er diese geistlichen Übungen auf vielen Einkehrzeiten weitergegeben. Darüber hinaus ist er auch als Autor mit zahlreichen Büchern über geistliches Leben und Religiosität im Alltag einem großen und ökumenischen Leserkreis bekannt geworden. Geistige Weite und Aufgeschlossenheit für die Fragen und Nöte unserer Zeit verbinden sich bei ihm mit einer profunden Kenntnis der Schätze christlicher Tradition, die bis heute Gültigkeit und Wert haben. Weggefährten, Freunde und Schüler ehren Reinhard Deichgräber mit ihren Beiträgen zu dieser Festschrift, indem sie Artikel und Arbeiten zu unterschiedlichsten Themen beitragen: von der biblischen Heiterkeit bis zur philosophischen Liebe, von Fragen der Kosmologie bis zur Apologie des Glaubens in der modernen Welt, von Häusern der Stille bis zu einer Spiritualität des Hauses, vom geistlichen Wandern und Singen bis zum Herzensgebet im Pietismus, u.a.m. Der Themenbogen ist weit gespannt und zeigt den geistigen Horizont, der sich Reinhard Deichgräber erschlossen hat. Gut, daran teilzuhaben. Gut, davon angeregt und inspiriert zu werden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hansgünter Ludewig:
Zum Geleit
Arndt Ruprecht:
Reinhard Deichgräber als Autor
Brigitte Theophila Schur:
Die Geburt wahrer Schönheit in der Seele
Andreas Dieckmann:
Glaube in der modernen Welt
Klaus Schulz:
Sara lachte - und Abraham auch!
Bernhard Piest:
Eine Prozession und der Stolz des Tischlers
Christian Demandt:
Heimat als Klangerlebnis
Olav Hanssen:
Leben heisst Singen
Jobst Reller:
Kontinuität und Wandel in den Lebensordnungen am Missionsseminar
Dieter E. Meyer:
Imaginative biblische Meditation
Christoffer H. Grundmann:
Theologie treiben nebst Frühsport, Wandern und dergleichen
Falk R. Knüppel:
Warum ich beim Fahrradfahren einen Helm trage
Raimund Petow:
Weißt Du, wieviel Sternlein stehen ...?
Wolfgang Lenk:
Häuser der Stille
Wolfgang Kubik:
Spiritualität des Hauses
Hans-Georg Kelterborn:
Taufeltern-Begleitung
Gerhard Habenicht:
Wenn Engel achtzig werden...
Christoph von Knobelsdorff:
Gott ist mein Heil
Peter Wilkens:
Misthaufen und Loggia
Hansgünter Ludewig:
Das Herzensgebet im Pietismus
Autorenverzeichnis
Bildnachweise
aus Psalm 139
Lieber Reinhard, diese Zeilen sind wie für Dich verfasst.
Würden wir sie wörtlich nehmen, läge auch in der himmlischen Welt ein stattliches Buch für Dich bereit. Es gehört zu unseren Geburtstagserinnerungen mit Dir, dass wir gemeinsam das Lied von Matthias Claudius, „Ich danke Gott und freue mich“ gesungen haben. Immer wieder hast Du uns Anteil nehmen lassen an den unerschöpflichen Vorräten Deines Gedächtnisses. Für Verse voller Kunst und originelle Aussprüche hältst Du noch immer eine besonders schöne Schublade in Dir bereit.
Liebevoll hat man Dich in Hermannsburg als „Rabbi“ bezeichnet, weil Du tatsächlich wie ein Schriftgelehrter und Hausvater aus Deinem Schatz Neues und Altes hervorzuholen wusstest. Reichlich hast Du davon ausgeteilt, über Ozeane hinweg ist diese Saat aufgegangen, aber Deine innere Weite hat auch Menschen mit anderen Wegen erreicht und in einer Mitarbeiterschule zusammengeführt.
Es war ein Glück für Dich und eine Quelle immer neuer Inspiration, dass der Messias wandernd durch seine Zeit gezogen ist. Auch Du bist noch immer gerne draußen und nimmst wahr, was sich an kleinen Herrlichkeiten stets neu vor Dir auftut. Deine bezaubernden Fotos spiegeln es und Deine zahlreichen Patenkinder freuen sich darüber, wie bereitwillig Du das Leben mit ihnen teilst. Deine Bücher haben Deinen Namen sehr bekannt gemacht, weil sie direkt aus eigener Lebenserfahrung erwachsen sind und konkrete Impulse nicht scheuen.
Der Kreis der hier zusammengebundenen Autoren spiegelt aber auch die Weite Deines Denkens und Wirkens, denn Du hast nicht nur über Hymnen geschrieben, sondern auch in ihnen gelebt, wie es diese Zeilen aus dem Kolosserbrief 1, 15f. vorgeben:
Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes,
der Erstgeborene vor aller Schöpfung.
Es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.
Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.
In herzlicher Verbundenheit mit allen Autoren zu Deinem 80. Geburtstag Dein Hansgünter
Dreiundvierzig Jahre reger Verbindung zwischen Reinhard Deichgräber als Autor und dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht habe ich dokumentiert gefunden: elf Bücher allein aus seiner Feder, dazu drei gemeinsam mit gleichgesinnten Autoren, jedes von ihnen zu seiner Zeit „dran“, in sich eigenständig, aus eigener Erfahrung schöpfend auf die angesprochenen Leser eingestellt und nirgendwo weitschweifig - also keine Vielschreiberei, die sich ständig wiederholt und gern auch bespiegelt. Alles in einem gepflegten, unaufdringlichen und dadurch gewinnenden Stil und immer bei der Sache, weil Reinhard Deichgräber als geschulter Exeget und innerlich empfänglicher Hörer und Leser auf das Wort zu merken weiß und es gewissenhaft weitergibt. Nicht zu vergessen sind auch seine Artikel im Taschenlexikon zu Religion und Theologie, seine vielen Beiträge zu den Meditativen Zugängen zu Gottesdienst und Predigt und seine hymnologischen Beiträge seit nunmehr vierzig Jahren, seine uneigennützige Beratung, sein Eingehen auf Anregungen in unserem immer vertrauensvollen Dialog und seine unschätzbare Starthilfe für die Meditativen Zugänge, vor allem durch die Nennung und Gewinnung des damals noch wenig bekannten Anselm Grün, und die Erschließung großen ökumenischen Reichtums. Schön, dass er auch durch Bücher in katholischen Verlagen hat wirken können und gerade durch Beiträge, in denen bestimmte Qualitäten singulär sind, etwa das Kapitel über das nicht erhörte Gebet oder seine Wertschätzung der uns geschenkten Zeit oder die Erschließung von Liedern, mit denen wir leben können. Gerade dort ist es in etlichen Fällen zu Neuauflagen gekommen, die sein Wirken besonders bestätigt haben. Der Originalität und geistlichen Qualität seiner anderen Titel tut das keinen Abbruch. Wenn man mich fragte, welche ich in den letzten Jahren am liebsten verschenkt habe, müsste ich Zuflucht und die Biotope der Seele nennen. Im Evangelischen Kloster Riechenberg bei Goslar und im Kloster Bursfelde an der Weser gehören alle seine Bücher zum Kernangebot.
Nun möchte ich die Stationen unserer Zusammenarbeit noch einmal im Rückblick durchgehen:
Reinhard Deichgräbers breite spirituelle Bildung muss es mir früh angetan haben, so dass ich ihn bereits 1963 gebeten habe, die Zitate für den Pfarrerkalender aus der Breite der evangelischen Überlieferung zusammenzustellen.
Dass der Göttinger Neutestamentler Joachim Jeremias ihn zusammen mit dem Altphilologen Friedrich Rehkopf für die Bearbeitung von Blass-Debrunners Grammatik des neutestamentlichen Griechisch vorgeschlagen hatte, ehrt ihn wissenschaftlich und didaktisch. Reinhard Deichgräber wird Gründe gehabt haben, diese besondere Aufgabe Rehkopf allein zu überlassen.
1966 beginnen die technischen Arbeiten an der Veröffentlichung seiner 1967 erschienenen Dissertation Gotteshymnus und Christushymnus in der frühen Christenheit in den Studien zur Umwelt des Neuen Testaments. In dieser Reihe hat sein Band die größte Verbreitung erzielt. Sie brachte ihm wohl auch den Auftrag ein, im Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch die Einleitung zu den Interpretationen der Loblieder zu schreiben, der bis heute seine viel beachteten weiteren hymnologischen Arbeiten gefolgt sind.
Im selben Jahr hat Reinhard Deichgräber mich mit Olav Hanssens und seinem Manuskript einer Einführung in die Meditation überrascht und zunächst nur Ratschläge für einen Privatdruck des Koinonia-Kreises erbeten. Ich habe aber veranlasst, eine reguläre Veröffentlichung in unserem Verlag in höherer Auflage folgen zu lassen, die 1968 unter dem originellen Titel Leben heißt Sehen erschienen ist und bis 1975 vier Auflagen, das heißt schließlich eine Verbreitung von etwa 8000 Exemplaren erzielt hat. Das unruhige Fragen der Achtundsechziger Studenten hat offenbar viel dazu beigetragen, weil hier eine erste Antwort unerwarteter, aber offenbar überzeugender Art gegeben wurde.
Es folgten Reinhard Deichgräbers Artikel von „Armut“ bis „Vertrauen“ im Taschenlexikon Religion und Theologie. Beim ersten Stichwort hat Deichgräber eine Auseinandersetzung mit dem Herausgeber wegen seiner Aufnahme des Aspekts „Geistliche Armut“ aus der Bergpredigt tapfer durchgestanden.
Als ich mich in jener Zeit der Modernisierung unserer Religionsbücher widmete, hätte ich von Reinhard Deichgräber gern auf Grund seiner inzwischen in Hermannsburg in seinen Kursen für junge Mitarbeiter gesammelten Erfahrungen ein Heft „Lebenskunde“ zu Fragen der Ethik und des Lebensstils gehabt. Das war offenbar übereilt; zwanzig Jahre später war es bei ihm ausgereift. Da gab es schließlich genug Briefe an seine Patenkinder zu diesen Fragen, aus denen in unserer Reihe TRANSPARENT der einladende Titel Ich freue mich, dass es mich gibt. Vom Umgang des Menschen mit sich selbst wurde, zugleich auch ein modernerer Nachfolger von Ernst zur Niedens ausgelaufenem Bestseller Sprechstunden mit deinem Ich.
Zurück zur Hochschultheologie und ihrem Beitrag zur Zukunft der Kirche und ihrer Pfarrer und Missionare. Als ich im Herbst 1971 im Heim des Universitätsbundes in Reinhausen die dem Verlag nahestehenden Neutestamentler unserer Generation unter Eduard Lohses Moderation zum gemeinsamen Nachdenken über diese Fragen versammelt hatte, hat Reinhard Deichgräber mit seinen Hermannsburger Erfahrungen einer ganzheitlichen theologischen Ausbildung im Kontext gemeinsamen Lebens viel zum Ertrag des Kolloquiums beigetragen. Die Referate meiner damaligen „Hoffnungsträger“ Ferdinand Hahn und Peter Stuhlmacher hat Eduard Lohse danach in der Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft gebracht.
1975 hat Reinhard Deichgräber die Reihe seiner eigenen spirituellen Bücher mit Gott ist genug. Liedmeditationen nach Gerhard Tersteegen eröffnet, und wir haben gemeinsam unseren Mut zusammengenommen, diesem von der Universitätstheologie verachteten evangelischen Mystiker auf dem Buchmarkt nach und nach Freunde zu gewinnen. Es hat lange gedauert, aber die Sache und ihre Qualität sprach sich doch langsam herum, seit ein Schweizer reformierter Rezensent schrieb: „Wenn doch alles, was sich Spiritualität nennt, solche Qualität hätte!“ Zweiundzwanzig Jahre später, zu Tersteegens dreihundertstem Geburtstag und nachdem Deichgräber durch weitere Bücher bekannter geworden war, fand die zweite Auflage rasche Resonanz, ist aber auch noch nicht ausverkauft und weiterhin ein „Geheimtip“.
In jener Zeit sprachen wir beide darüber, dass ein methodisches Anleitungsbuch zur Meditation wünschenswert sei. Auch dies musste reifen. Ein erster Anlauf dazu ist Reinhard Deichgräber 1989 im Rahmen des Bandes Meditation und Gottesdienst gelungen, nach dessen Ausverkauf wir 1999 einen eigenen TRANSPARENT-Band unter dem Titel Mit den Ohren des Herzens hören herausgebracht haben, der zu den wichtigsten Textarten der Bibel spezifische meditative Zugänge bietet, darin methodisch meines Wissens singulär.
1982 kam Reinhard Deichgräber mit seiner Anleitung „Die Bibel lehrt beten“, der er nach Rilke den schönen Haupttitel Wachsende Ringe gab, weil mit dem Beten der ganze Mensch reift. Das Buch hat vier Auflagen erlebt.
Damals hat Reinhard Deichgräber auch Meditationen zur Predigt verfasst und vervielfältigt an Freunde versandt. Anfangs wollte ich abwarten, bis schließlich ein Jahrgang beieinander wäre, und dann einen Band daraus machen. Aber aus Dieter Ruprechts eher zufälliger Frage nach einem neuen theologischen Fortsetzungswerk und Beratungen mit unserem neuen Lektor Wolfgang Schulz ergab sich dann der viel kühnere Plan der Meditativen Zugänge zu Gottesdienst und Predigt für alle sechs Predigtreihen und - nach dessen großem Erfolg - auch noch zusätzlicher Reihen, in denen auch mehr Texte der katholischen Leseordnung bearbeitet wurden. An der Auswahl der Herausgeber, der ökumenischen Konzeption (für Laien verständlich!) und der Verwirklichung hat Reinhard Deichgräber entscheidend mitgewirkt, beginnend mit dem bahnbrechenden Einführungsband Meditation und Gottesdienst (1989).
Der Verlag Herder wurde auf Reinhard Deichgräber aufmerksam und brachte seine Serie zum Thema Von der Zeit, die mir gehört als Taschenbuch in zwei Auflagen heraus. Mir war es durchaus lieb, sah ich doch früher oder später den Titel auf uns zukommen. 1990 war es so weit, und 1997 konnten wir bereits die fünfte Auflage drucken. Zuvor hatten 1993 Dr. Wolfgang Schulz und sein psychologischer Lektorenkollege die Reihe TRANSPARENT konzipiert. Sie startete erfolgreich mit Reinhard Deichgräbers Band Trost der Nacht. Gedanken zu Schlaf und Schlafosigkeit (drei Auflagen), dem bis zum Ende der Reihe wenige Jahre nach Dr. Schulz’ tragisch frühem Tod (1998) noch weitere Bände Ich freue mich, dass es mich gibt 1995, Mit den Ohren des Herzens hören 1999, Tage der Einkehr mit biblischen Texten 2000, Zuflucht 2002 und (für Kleppers 100. Geburtstag) Der Tag ist nicht mehr fern. Liedmeditationen zu Jochen Klepper 2003 (drei weitere Auflagen folgten), dazu zählen noch seine drei wissenschaftlichen Klepper-Interpretationen im Handbuch zum Evangelischen Gesangbuch von 2003.
Entwickelt aus früheren Beiträgen zum Einführungsband der Meditativen Zugänge und durch einen historischen Beitrag erweitert, hat Reinhard Deichgräber mit Anselm Grün zum Berliner ökumenischen Kirchentag 2003 noch das Bändchen Freude an der Eucharistie“auf meine Bitte herausgebracht, dem aber vermutlich wegen der stockenden ökumenischen Fortschritte leider die verdiente Resonanz versagt blieb.
Umso größere Freude haben mir 2005 die Biotope der Seele. Heilende Kräfte der Landschaft gemacht, meines Erachtens ein Urlaubsbuch ersten Ranges.
Und im Jahr 2006 haben wir mit Reinhard Deichgräbers Nichts nimmt mir meinen Mut. Paul Gerhardt als Meister christlicher Lebenskunst einen Bestseller für das Gedenkjahr 2007 herausgebracht.
In diese Losung des Meisters möchte ich auch meinen herzlichen Dank für so fruchtbares freundschaftliches Zusammenwirken - auch in der Vereinigung Evangelischen Buchhändler und Verleger seit 1966 - und meine Wünsche für Reinhard Deichgräbers weiteres Leben und Wirken fassen.
Ein kleiner handschriftlicher Nachtrag:
Lieber Reinhard,
... besonders durch Deine Rundbriefbeiträge und das Lesen in Deinem Wüstenväterbuch bleibst Du mir auch in meinem jetzt hohen Alter verbunden und wichtig durch die ruhig zugewandte Art Deines Umgangs und Deiner klugen Beiträge zum Bildungsauftrag des Protestantismus.
Dein Arndt
Lieber Reinhard! Manchmal ist es ja eine seltsame Fügung, wie Kinder zu ihren Namen kommen. Und gelegentlich hören sie nicht nur auf einen, sondern gleich auf zwei Namen, die ihnen mitgegeben wurden. So ist es auch mit unserer Bruderschaft. Am Anfang stand GETHSEMANE. Unter diesem Namen fand sich der kleine Kreis von Brüdern zusammen, die sich 1963 um Olav Hanssen am Hermannsburger Missionsseminar zusammengeschlossen hatten, um ein verbindliches geistliches Leben auf der Grundlage biblischer Betrachtung zu führen. Als nun wenige Jahre nach Gründung der Gethsemanebruderschaft die Studentenarbeit an den Universitäten stärker ins Blickfeld der Brüder geriet, kam die Frage auf, ob in den Hochburgen der Wissenschaft der Name GETHSEMANE einladend und selbsterschließend genug sei. Wie es dabei zur Umbenennung in KOINONIA kam, hast Du, Reinhard, berichtet:
„In der Osterzeit 1966 waren Olav Hanssen und Reinhard Deichgräber als Referenten zu einer Tagung der (Äußeren) Missionsarbeit der SMD [Studentenmission in Deutschland] eingeladen. Am Ende dieser Tagung kamen wir beide zu dem Schluss, dass wir als Gethsemanebruderschaft eine eigene Hochschularbeit anfangen sollten. Uns beiden war klar: Wenn wir dann zu unseren Veranstaltungen hochschulöffentlich einladen, taugt der Name ‚Gethsemanekreis‘ oder ‚Gethsemanebruderschaft‘ nicht. Was dann? Da sagte einer von uns beiden: ‚Koinonia‘, das würde passen. Und der andere sagte: Das wollte ich auch gerade sagen.“
Zurückgekehrt nach Hermannsburg suchtet Ihr die Zustimmung der Brüder, die Ihr auch sogleich bekamt. Nun hatte das Kind also einen neuen Namen.
Natürlich fiel dieser Name nicht aus heiterem Himmel. Wie schon GETHSEMANE hatte auch die Selbstbezeichnung KOINONIA (Gemeinschaft) eine Vorgeschichte. So wie Olav Hanssen Ende der 50er Jahre seine damalige Lebenskrise in der Gethsemanegeschichte aus Matthäus 26 ausgedrückt und geistlich überwunden erlebte, so fand er Anfang der 60er Jahre bei einer mehr oder weniger zufälligen Literaturrecherche im Symposion1 Platons den entscheidenden hermeneutischen Schlüssel zur Überwindung der ihn bedrängenden Spaltung zwischen wissenschaftlicher (theologischer) Arbeit und (bibelorientierter) Frömmigkeit. Als Leiter des Missionsseminars war er im Unterricht und bei den Andachten frei, die Botschaft der Gethsemanegeschichte auszudeuten und den Brüdern nahezubringen. Anders verhielt es sich mit seiner Hinwendung zu Platon. Hier legte er sich in der Öffentlichkeit größere Zurückhaltung auf, musste er doch befürchten, dass im frommen Hinterland der Hermannsburger Mission der so ganz andere geistige Horizont der griechischen Philosophie und Mythologie nur schwer vermittelbar wäre. Aber er suchte das Gespräch darüber mit einzelnen Freunden und Brüdern, bei denen er eine größere Offenheit voraussetzte und eine Geistesverwandtschaft empfand. Zu ihnen gehörtest auch Du, Reinhard, als Du 1965 als Lehrer für das Neue Testament von der Universität Heidelberg an das Missionsseminar wechseltest. So lag die platonische Philosophie zwischen Euch gleichsam in der Luft, als es 1966 zu dem folgenreichen Gedankenaustausch am Rand der SMD-Tagung kam. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass Du Dich nicht erinnern kannst, wer von Euch beiden den Namen KOINONIA als Erster ins Gespräch eingebracht hat. So ist dieses Wort, dieser logos der Bruderschaft, in der Tat eine „gemeinsame Geburt“ ganz im platonischen Sinn gewesen, die Ihr dann in den folgenden Jahren auch „gemeinsam (koinē) ernährt“ und erzogen habt. (Smp. 209c)
Der Begriff ‚koinōnia‘ erhielt für Euch seinen besonderen Reiz gerade dadurch, dass er Theologie und Philosophie verbindet, das habt Ihr später immer wieder betont. Eine herausragende biblische Referenzstelle findet sich in der Abendmahlsüberlieferung des Apostels Paulus: „Der gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft (griechisch: koinōnia) des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft (koinōnia) des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.“ (1. Kor 10,16-17) Genauso wichtig war aber auch der bereits kurz angeklungene Abschnitt aus Platons Symposion, in dem es um die Frage geht, wie ein guter Mensch sein und womit er sich beschäftigen solle; und wie man einen jungen Menschen darin unterweist (paideuein), ein guter Mensch zu werden, so dass die in seiner Seele angelegten Begabungen zum Guten und zur Tüchtigkeit (aretē) sich entfalten können und dauerhafte Früchte tragen. Solche Menschen finden nach Auffassung Platons zu einer engeren Gemeinschaft (koinōnia) und stärkeren Freundschaft (philia), als es bei familiären Bindungen gegeben ist. Das bedeutungsschwere Wort koinōnia ermöglichte es Euch also, Euer Selbstverständnis als Christen und als wissenschaftlich reflektierte Pädagogen auszudrücken und zugleich die enge und lebenslange bruderschaftliche Gemeinschaft, in die Ihr Euch einzeichnetet, damit in einen originären Zusammenhang zu bringen.
Ich selbst gehöre nun der zweiten Generation unserer Bruderschaft an und will nicht darüber spekulieren, was Euch damals bei dem Wort koinōnia im Einzelnen noch durch den Sinn ging. Auch ist eine vertiefte biblische Betrachtung eher Sache der Theologen unter uns. Wie aber Platon von koinōnia spricht, ist gleichfalls spannend genug, um dem nachzugehen. Mein Studium Platons ist zwar von vielen Gesprächen in unserer Bruderschaft inspiriert, doch kann und will ich im Folgenden nur versuchen, meine eigenen Gedanken dazu aufzuzeigen und zur Betrachtung einzuladen.2
Obwohl Platon an etlichen Stellen seines Werkes und auf unterschiedliche Weise von koinōnia spricht, möchte ich mich wegen der Bedeutung, die das Symposion für das geistige Profil unserer Bruderschaft bekam, auf diesen Dialog beschränken. In ihm lässt er in einer raffinierten Abfolge von Reden verschiedene, im antiken Griechenland gängige Vorstellungen über die Liebe vortragen. Dabei legt er sie herausragenden Intellektuellen seiner Zeit in den Mund, die zugleich wie in einem Schauspiel durch ihr Verhalten und ihre Interaktion einen lebendigen Kommentar zu den Auffassungen abgeben, die dort vorgetragen werden. Nachdem bereits fünf Reden über die Liebe gehalten wurden, eine immer schöner, geistreicher und erhebender als die andere, ist schließlich Sokrates an der Reihe. Doch er weigert sich, den Reigen einfach weiterzuführen, weil, so lautet seine Kritik, sich die Vorredner nicht im Geringsten darum geschert hätten, ob das, was sie vortrugen, auch der Wirklichkeit und Wahrheit entspricht. Vielmehr wollten sie die Hörer beeindrucken und im Wettstreit der Reden über die Liebe den Sieg davontragen, indem sie ihr möglichst großartige Dinge andichteten. Er, Sokrates, sei hingegen nur bereit, in einfachen, schlichten Worten seine Gespräche mit einer weisen Frau, der Priesterin Diotima aus Mantinea, wiederzugeben, die ihn über das Wesen der Liebe aufgeklärt und in das diesem Streben zugrundeliegende Mysterium eingeweiht habe. (Smp. 198d-199b, 201d) Durch diesen dramaturgischen Kunstgriff erreicht es Platon zum einen zu zeigen, was seine Zeitgenossen über die Liebe alles so denken, nicht zuletzt, um ihr eigenes Verhalten zu begründen. Und zum anderen hebt er die von Sokrates sodann vorgetragenen Einsichten über den Stellenwert beliebiger Meinungen hinaus und gibt ihnen religiöse Dignität. Erkenntnistheoretisch gesprochen geht es hier um „wahre Meinung“, die das Richtige trifft, ohne sich mit logisch rationalen Mitteln zwingend beweisen zu lassen. (Smp. 202a) Es sind Einsichten, die der Mensch nicht von sich aus gewinnen kann, sondern die ihm unter günstigen Umständen zuteilwerden können in einem langen Prozess der Reifung, der von vielen helfenden, deutenden und inspirierenden Gesprächen begleitet wird.
Relief einer Priesterin aus Matinea, Nationalmuseum, Athen
Wollte man nun fragen, was die grundlegende Einsicht Diotimas ist, auf der ihre weiteren Ausführungen aufbauen, so läge man wohl richtig mit der Aussage, dass die Liebe (griechisch: erōs) in all ihren Erscheinungsformen immer eine Liebe zum Schönen ist (erōs tou kalou) und das Schöne erstrebt. Denn Hässliches stößt ab, und man kann es nicht lieben. Nun klingt im griechischen Wort „schön“ (kalos) immer auch „gut“ mit an, so sehr, dass im heutigen Griechisch kalos ganz in der Bedeutung von „gut“ aufgegangen ist. Zu Platons Zeit aber fallen das ästhetisch Schöne und das sittlich Gute, Edle sowie das in einem praktischen Sinn Nützliche, das „zu etwas gut“ ist und taugt, in dem einen Wort kalos zusammen. Die Liebe zum Schönen ist also immer auch eine Liebe zum Guten und Nützlichen. (Smp. 201a-e) Eine weitere Ergänzung führt Diotima noch ein: Denn der Liebende erstrebt das Schöne und Gute nicht etwa deswegen, weil er es schon besitzt oder er gar selbst schön sei, sondern weil er es notvoll entbehrt. Er möchte seiner teilhaftig werden, und zwar immer und für alle Zeit. Erst dann wäre er wirklich glücklich und am Ziel seiner Wünsche. Ein seltsames und scheinbar aussichtsloses Begehren ist diese Liebe. Denn wie kann in einer sich stets verändernden Welt einschließlich unserer unbeständigen menschlichen Existenz Dauer und Unablässigkeit erreicht werden? Aber umgekehrt: Kann die Liebe darauf verzichten? Die überraschende Antwort Diotimas lautet: Nur durch die Zeugung ist es den sterblichen Wesen möglich, soweit sie können, ewig und unsterblich zu sein, indem sie nämlich ein neues, jüngeres Wesen der gleichen Art hinterlassen, wie sie selber sind. Aus diesem Grund hat es die Liebe immer mit einem Akt der Zeugung und Fruchtbarkeit zu tun. So lassen sich die bisherigen Überlegungen dahingehend zusammenfassen, dass die Liebe zum Schönen und Guten durch die Zeugung zugleich auch auf ewige Dauer und Unsterblichkeit zielt. Das ist eine universale Aussage, die für alle Menschen gilt, zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Ja mehr noch, Diotima geht so weit, dies für jegliches Lebewesen (zōon) zu postulieren. Denn das Leben strebt nach Unsterblichkeit. (Smp. 207a-208b)
Doch was haben diese sicherlich anregenden und nachdenkenswerten Aussagen mit unserer Ausgangsfrage nach der koinōnia zu tun? Wieso zeichnet sich eine Bruderschaft durch ihre Namensgebung in einen solchen Kontext ein? Weil die Menschen diesem universalen Streben auf unterschiedliche Art und Weise nachgehen:
Allen Lebewesen und allen Menschen ist der schöpferische Akt der Zeugung im Schönen gemeinsam, aber viele Menschen erleben ihn vornehmlich im körperlich-sinnlichen Bereich, indem sie Kinder zeugen. Den Kindern gehört ihre ganze Liebe, Aufmerksamkeit und Hingabe. Ihnen geben sie das Leben weiter. Und in deren Erinnerung hoffen sie einst auch selbst weiterzuleben. Durch diesen Akt erhält sich das leibliche Leben. Er ist in sich gut. Andere Menschen jedoch tragen mehr noch als den leiblichen Zeugungsdrang eine Zeugungskraft der Seele in sich. Sie werden von der Frage nach dem guten, richtigen Leben regelrecht umgetrieben. Das Schöne, das sie erstreben und dem sie hinterherjagen, sind Einsicht (phronēsis), Besonnenheit (sōphrōsynē), Gerechtigkeit (dikaiōsynē), also die guten Begabungen (aretai) einer Seele, die darauf drängt, schöpferisch tätig zu sein. Aber dieses Schöne realisiert sich ebenso wenig wie das sinnlich Schöne in abstrakten Gedanken. Auch diese Menschen brauchen ein Gegenüber, an dem sich die Liebeskraft ihrer Seele entzünden kann, an dem sie erkennen, was sie eigentlich suchen. Trifft nun ein solcher Mensch auf jemanden, in dessen Seele er diese Art des Schönen angelegt findet und der dafür besonders empfänglich ist, beginnen die Quellen der Inspiration zu fließen. Wo vorher Ratlosigkeit war, tut sich jetzt ein Weg auf (euporei). Im gemeinsamen Gespräch entwickeln sie viele Vorstellungen (logoi) über das gute Leben, über das Menschsein, wie man es gestalten und was man tun solle. So befruchten sie sich, und es zeigt sich, dass man auch in der Seele schwanger sein kann, nämlich mit Vorstellungen über das gute Leben, und schließlich auch Kinder gebiert, nämlich allerlei Werke und Taten der Tugend, die ihre Schöpfer überdauern, (gennēsantes pantoian aretēn). Gleich ob solche Menschen zusammen sind oder räumlich getrennt, sie bleiben einander verbunden, weil sie stets damit beschäftigt sind, sich die Vision des guten Lebens, die sie gemeinsam entworfen haben, zu vergegenwärtigen und dadurch zu entwickeln, zu befestigen und zu verwirklichen. Von ihnen sagt Diotima, dass sie eine weit engere Gemeinschaft (koinōnia) und festere Freundschaft (philia) haben, als es bei leiblichen Kindern möglich ist, weil sie miteinander schönere und unsterblichere Kinder bekommen. Wer sind diese Menschen und um was für „Kinder“ handelt es sich? Es sind diejenigen, sagt sie, die eine Gesellschaft geistig und kulturell prägen, die Dichter und Erfinder und solche, deren schöpferische Kraft darauf geht, den Staat zum Guten zu gestalten. (Smp. 208e-209e) Denn das Schöne, das sie lieben, ist auch das Gute und dem Gemeinwesen Nützliche.
An dieser Stelle zeichnet sich die KOINONIA durch ihre Namensgebung ein. Sie bezeugt damit, dass es ihr um das Schöne, Gute und Nützliche geht, das in der Seele gesucht und geboren wird. Es sollte aber nicht übersehen werden, dass die koinōnia bei Platon zunächst nicht auf eine Gruppe zielt, sondern die Einheit zweier Menschen in ihrer inneren Veranlagung und ihrem Streben reflektiert. Ganz in Analogie zur Einheit von Mann und Frau in der Ehe werden dabei schöpferische Kräfte freigesetzt, die darauf drängen, fruchtbar zu sein. Sie manifestieren sich in guten Werken und einer entsprechenden Lebensgestaltung. Man kann darum zu Recht fragen, ob dieses Verständnis der Liebe überhaupt auf eine Gruppe von Menschen übertragen werden kann und für Bruderschaft relevant ist. In der Tat ist das nicht so einfach. Denn von Gruppenprozessen ist hier nicht die Rede, sondern von persönlichen Begegnungen und inneren Entwicklungen, die ihrem je eigenen Zeitmuster folgen. Vor dem Hintergrund des Symposions würde sich die koinōnia einer Gruppe darum als Geflecht von Freundschaften darstellen, die einerseits durch ihre gemeinsame Liebe zum Guten und Schönen zusammengehalten werden, aber andererseits auch stark individuell geprägt sind. In unserer Bruderschaft haben wir das im Kreuzkreis symbolisiert, wo alle Punkte auf dem Kreisumfang zwar an unterschiedlicher Stelle stehen, aber miteinander über den Mittelpunkt verbunden sind.
Für eine Gemeinschaft hat das nun zur Folge, dass die konkreten Lebensgestaltungen in der Bruderschaft Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten aufweisen, aber keineswegs einheitlich sind oder sein können. Denn die „Zeugung im Schönen“ bringt in der Seele geistige „Kinder“ hervor, die zwar als Geschwister oder Halbgeschwister miteinander verwandt sind (adelphon esti, Smp. 210b; xuggennes estin, Smp. 210c), aber eben auch verschieden und vielfältig, wie bei leiblichen Geschwistern. Die Einheit der koinōnia liegt deswegen immer im „Ziel der Liebe“, im Guten und Schönen, im Mittelpunkt des Kreises, und nicht in den vielen „Kindern der Liebe“, das heißt in den jeweiligen Lebensgestaltungen, die aus den Freundschaften erwachsen. Denn je nach beteiligten Personen unterscheiden sie sich und entwickeln sich auch im Laufe der Zeit. Diese Spannung zwischen der allen gemeinsamen Mitte und den individuellen Konkretionen wird leicht unterschätzt. Das ging wohl auch uns so. Es ist die notwendige und auch fruchtbare Spannung zwischen dem Einen und dem Vielen. Damit ist allerdings auch Konfliktpotential verbunden, wenn das gemeinsame Ziel aus den Augen verloren wird und die unterschiedlichen Beziehungen und Lebenskonkretionen in den Vordergrund drängen. Auch Platon war das bewusst. Er problematisiert das nicht ausdrücklich, das ist hier nicht sein Thema. Aber es findet seinen Niederschlag im folgenden Abschnitt über den Aufstieg zur Idee des Schönen, der eine zunehmende Befreiung von der Fixierung auf bestimmte, notwendig begrenzte Konkretionen ist. Und es zeigt sich in der Dramaturgie des Symposions. Insbesondere das halb scherzhafte, halb ernste Gerangel darum, wer aus der Dreierbeziehung Sokrates - Dichterstar Agathon - Politstar Alkibiades beim Trinkgelage nebeneinander liegen darf, ist eine anschauliche Metapher dafür, wie trotz aller Freundschaft auch Konkurrenz, Eifersüchteleien und Geltungsdrang das Miteinander bestimmen. (Smp. 213b-e und 222c-223a) Die koinōnia als Gemeinschaftserlebnis vieler ist also kein leichtes Ding, das haben auch wir in der KOINONIA erleben müssen. Und doch ist sie eine große und lohnende Vision. Denn in ihr drückt sich die Sehnsucht aus, gemeinsam etwas Gutes zu schaffen und zu hinterlassen, das über das eigene vergängliche Leben hinaus Gültigkeit hat.
Darum bringen Menschen, die mit allen Kräften ihrer Seele dem Schönen und Guten nachjagen, große Errungenschaften und Werke hervor und hinterlassen sie der Menschheit, so dass sie Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauern, damals wie heute. Das steht im Hintergrund, wenn Diotima sagt, dass sie „unsterblichere Kinder miteinander haben“ (athanatōterōn paidōn kekoinōnēkotes, Smp. 209c) als die leiblichen. Aber das ist ein Paradox. Eine Steigerungsform von „unsterblich“ gibt es nicht. Nun darf man annehmen, dass Platon der Diotima diesen Ausdruck nicht unbedacht in den Mund legt. Bereits die leibliche Zeugung ist, wie wir hörten, Ausdruck eines Strebens nach Unsterblichkeit, aber deswegen bleiben leibliche Kinder doch sterblich. Und große Menschheitstaten sind nur von längerer Dauer als ein einzelnes Menschenleben, aber weder unsterblich noch unsterblicher, sondern zeitgebunden und irgendwann doch dem Vergehen und Vergessen anheimgegeben. Warum diese Redeweise? Es soll damit angedeutet werden, dass in diesem Streben der Seele bereits etwas Göttliches am Wirken ist. Denn der Ausdruck „die Unsterblichen“ ist in der griechischen Mythologie ein Synonym für die Götter, während „die Sterblichen“ die Menschen bezeichnet. Der Grieche hört bei dem Hinweis auf „die Unsterblichen“ also bereits den religiösen Ton heraus. Die höhere Wertschätzung der Schönheit und Tugend der Seele, nämlich Besonnenheit, Gerechtigkeit und Einsicht, gegenüber der körperlichen Schönheit, die den Sinnen zugänglich ist, ist darum bereits eine Form der Einweihung, vergleichbar den Kleinen Weihen (myēsis) in den Eleusinischen Mysterien.3 Die Abwendung von der äußeren Wahrnehmung und die Hinwendung nach innen zum Leben der Seele bedeutet eine erste Initiation und Reinigung von der Sinnenwelt in Vorbereitung auf die Schau des göttlich Schönen selbst, das nur dem „Auge des Geistes“ (Smp. 219a) sichtbar ist. So überrascht es nicht mehr, wenn Diotima als Priesterin über die Liebe zur Schönheit der Seele in der Mysterienterminologie spricht. Denn die Liebe zum Schönen findet ihr letztes und vollkommenes Ziel (telea) nicht in der Weitergabe des körperlich-sinnlichen Lebens und auch nicht in Werken des kulturellen und sozio-politischen Lebens, die doch immer noch der Welt des Werdens und damit der Veränderung und Vergänglichkeit angehören. Sondern wie bei den Großen Weihen schenkt erst die Epoptie (epoptika), die Schau des unveränderlich und göttlich Schönen, die Erfüllung der Liebe, wenn der Myste, der in die religiösen Geheimnisse eingeweiht werden will, in einem mehrstufigen Aufstieg alle Wahrnehmungen, gegenständlichen Vorstellungen und Bilder hinter sich gelassen hat. (Smp. 209e-210a)
Diesem Aufstieg zum göttlich Schönen (Smp. 210a-212a) hat immer das besondere Interesse in der KOINONIA gegolten. Doch Diotima sagt eindringlich, dass es recht unsicher sei, ob der Aufstieg auch gelingt. Und die Dramaturgie des Symposions macht nicht gerade zuversichtlich, wenn man sich die einzelnen Teilnehmer und ihre Reden daraufhin anschaut, obwohl sie zur Elite Athens gehören. Dass am Schluss des Symposions mit Ausnahme von Sokrates einer nach dem anderen in Schlaf sinkt, ist eine sprechende Metapher. (Smp. 223b-d) Es fehlt ihnen die Ausdauer der geistigen Wachheit. Es bedarf also neben besonderer Anlagen auch eines unablässigen Bemühens sowie eines rechten Seelenführers (hēgoumenos) und schließlich noch der Unverfügbarkeit einer göttlichen Selbstoffenbarung. Das ist nüchtern betrachtet nicht gerade mutmachend. Wer darf und soll sich dann noch angesprochen fühlen? Man wird wohl sagen müssen: Der es nicht lassen kann. Jedenfalls wird an dieser Stelle kein Personenkreis ausdrücklich genannt. Er erschließt sich aber aus dem Dialogzusammenhang: Im Mythos, den Diotima zuvor über die Zeugung und Geburt des Eros erzählt hatte, wird Eros als Philosoph beschrieben. Denn weil die Weisheit (sophia) zum Schönsten zählt, muss der Eros, da er die personifizierte „Liebe zum Schönen“ ist, notwendig auch der Weisheit hinterherjagen und sie lieben (philo-sophos). (Smp. 204b) Und weiter wird in der Schilderung des Aufstiegsweges vom Mysten gesagt, dass er angesichts der Fülle des Schönen in allen Lebens- und Seinsbereichen von einem unablässigen, überquellenden Weisheitsstreben (en philosophia aphthonō, Smp. 210d) erfüllt ist. Gemeint und berufen ist also der, der bei aller Liebe zum Schönen doch nirgends Genüge findet und schicksalhaft von Schönheit zu Schönheit weiterwandern muss in seiner Sehnsucht nach dem vollkommen und unveränderlich Schönen.
Wer sich nun erwartungsvoll der Beschreibung des weiteren Aufstiegsweges zuwendet, der in der Schau des göttlich Schönen gipfelt, wundert sich. Als ob wir es nicht begriffen hätten, fängt Platon noch einmal ganz unten an, bei der Liebe zum schönen Körper und fährt dann fort mit der Liebe zur schönen Seele. (Smp. 210 a-c) Das kommt einem aus den vorigen Wegabschnitten schon alles bekannt vor, und man neigt deswegen leicht dazu, diesen Abschnitt als überflüssige Wiederholung zu überspringen. Und doch ist etwas grundsätzlich anders als bisher, nur wird es zu leicht übersehen. Denn Platon beschreibt hier einen stetigen Bewusstseinswandel. Es geht um das Hineinwachsen in ein völlig neues Sehen, bei dem die Erfahrungsgegenstände zwar die gleichen bleiben, nämlich der schöne Körper oder die schöne Seele eines anderen Menschen. Aber die Wahrnehmung ändert sich Schritt für Schritt. Das Wesentliche ist nicht mehr die Zeugung und Geburt von „Kindern“, seien es nun leibliche Kinder oder Kinder der Seele wie die Visionen vom guten Leben und die Werke, in denen sich diese Visionen konkretisieren. Vielmehr geht es um den entscheidenden Schritt von den einzelnen Konkretionen, den jeweiligen „Kindern“ und Werken, zu ihrem gemeinsamen Ursprung, der auch zugleich das Ziel des Aufstiegs ist. Dazu gehört unverzichtbar ein Prozess der Relativierung, bei dem das konkrete Einzelne, dem vorher alle Liebe und Hingabe gehörte, im Vergleich mit anderem in seiner Begrenztheit erkannt wird. Dabei entsteht ein wachsendes Bewusstsein der allem Schönen (kalon) zugrundeliegenden Schönheit (kallos), wodurch die Seele selbst verändert wird zum Schönen und Guten (kalon). Fixierungen werden gelöst und die Freiheit, das Schöne überall und in allem zu sehen, wird gewonnen. Dieser Aufstieg entspricht den Großen Mysterien, deren Ziel die Epoptie ist, die Schau des göttlich Schönen. Wer den Weg nicht mitgeht, bleibt in der Enge seiner individuellen Vorstellungen vom Schönen und Guten gefangen. Streit und Rechthaberei sind die Folge, wenn Schönes mit Schönem konkurriert. Wir kennen das nur zu gut. Beginnen wir also – scheinbar – noch einmal von vorn. Geduld ist not.
Der Weg beginnt wie gehabt bei der Körperwelt. Sie ist der erste Erfahrungsraum von Schönheit, der sich einem Menschen im jugendlichen Alter (neon onta) eröffnet. Die Sinne sind das Wahrnehmungsorgan, durch das er körperliche Schönheit überhaupt erfahren kann. Doch während in der Liebe zwischen Mann und Frau leibliche Kinder die Früchte der Begegnung sind, geht es Platon bereits auf dieser ersten Stufe, bei der Begeisterung für körperliche Schönheit, um einen innerseelischen Akt, nämlich die Erzeugung schöner und guter Vorstellungen und Reden (entautha gennan logous kalous, Smp. 210a). Worüber? Über das, was als schön empfunden und erlebt wird, um ein Bewusstsein für Schönheit. Dabei entspricht es der natürlichen Entwicklung eines Jugendlichen, dass er zunächst von einer konkreten Person, von ihrer äußeren Erscheinung und Gestalt fasziniert ist. Das meint Platon hier mit der Liebe zum „schönen Leib“ (kalon sōma). Nicht selten wird diese Person für den Jugendlichen zum Idol und er ahmt sie nach. Diese Liebe zum körperlich Schönen ist letztlich Ausdruck der Suche des Jugendlichen nach seiner eigenen Identität, nach seinem eigenen Schönsein-Wollen. Oft aber dauert es nicht lange, bis die Begeisterung für eine Person nachlässt und an deren Stelle eine andere tritt. Denn im Vergleich mit anderen zeigt sich die Begrenztheit und Relativität eines schönen Äußeren meist recht schnell. Wenn das nicht zu einer immer wiederkehrenden Abfolge von Begeisterung und Abwendung führen soll, ist es notwendig, dass der Jugendliche erkennt, dass alles körperlich Schöne, so verschieden es im Einzelnen auch ist, eine Gemeinsamkeit hat. Es ist, wie Diotima sagt, miteinander verschwistert (adelphon esti), weil es sich aus der gleichen Quelle speist, dem der Idee nach Schönen (to ep’eidei kalon). Die Aufgabe des Seelenführers besteht nun darin, darauf hinzuwirken, dass sich ein Sinn für ästhetische Schönheit entwickelt, die zwar an jedem einzelnen schönen Körper sichtbar wird und doch mit keinem identisch ist und darin aufgeht. Denn das Problem der Fixierung auf ein Einzelschönes besteht darin, dass etwas Relatives verabsolutiert wird, als ob die ästhetische Schönheit in einer Person konzentriert sein könnte. Diese Enge muss überwunden werden. Das ist ein Prozess der Befreiung und Reinigung, durch den in die bisherige horizontale, vergleichende Sichtweise eine vertikale, aufsteigende Bewegung hineinkommt. Vom einzelnen schönen Körper (to kalon sōma) geht die Blickrichtung nunmehr zu der sich an allen Körpern zeigenden Schönheit (to epi pasi tois sōmasi kallos). Dadurch wird der Übergang zur nächsten Erfahrungsstufe von Schönheit vorbereitet. Im Unterschied zum schönen Körper (kalon) hat die körperliche Schönheit (kallos) jedoch kein selbständiges Sein. Sie tritt an den Körpern lediglich in Erscheinung als die Hinsicht, in der sie schön sind, nämlich als sinnlich wahrnehmbare Harmonie. (Smp. 210a-b)
Auf die Wahrnehmung der äußeren, körperlichen Schönheit durch die Sinne folgt eine Wendung nach innen zur Schönheit der Seele, die sich im sittlichen Leben zeigt und der körperlichen Schönheit überlegen ist. Auch davon war bereits die Rede. Wie schon bei den Kleinen Weihen handelt es sich um Vorstellungen und Reden, die in einer für das sittlich Schöne und Gute empfänglichen Seele gezeugt werden, damit der Jugendliche sich in seinen Werten und Normen in guter Weise entwickelt (tiktein logous toioutous … hoitines poiēsousi beltious tous neous). Doch im Unterschied zu den Kleinen Weihen findet jetzt der gleiche Relativierungs- und Loslösungsprozess statt, den wir eben gerade im Bereich des Sinnlich-Körperlichen beobachtet haben. Auch auf der zweiten Stufe des Aufstiegs zum göttlich Schönen, im Ethischen und Innerseelischen, gilt es wieder, den Weg vom Einzelschönen (to kalon) zur allen gemeinsamen Schönheit (to kallos) zu finden. Dazu muss einem bewusst werden, dass die Werke und Taten wie auch Sitten und Normen, die im sozio-kulturellen Leben der Menschen und Völker sich jeweils bewährt haben und gut sind (to en tois epitēdeumasi kai tois nomois kalon), sich im einzelnen zwar oft sehr unterscheiden, aber dennoch gleichen Ursprungs und deswegen miteinander verwandt sind (pan auto hautō xuggenes estin). Ihre Verwandtschaft rührt aus der Schönheit und Gutheit, die allen Seelen gemeinsam ist (to en tais psychais kallos), die von der Frage nach dem guten Leben umgetrieben werden und Gutes hervorbringen und wirken wollen. (Smp. 210b-c)
Auf das ästhetisch Schöne sowie das ethisch Schöne und Gute folgt im Aufstieg zum göttlich Schönen noch die dritte Stufe des epistemisch Schönen und Wahren. Hier geht es um wissenschaftliche Erkenntnis. Auch dabei muss wieder der Schritt vom Einzelschönen zur Schönheit gefunden werden, die sich in allen Erkenntnissen zeigt (epistēmōn kallos, Smp. 210c). Denn auch für die Wissenschaften gilt, dass die einzelnen Erkenntnisse nur begrenzten Wahrheitsgehalt haben. Selbst wenn Platon dabei ausschließlich an exakte, das heißt an mathematische Wissenschaften denkt wie die euklidische Geometrie, Astronomie oder Harmonielehre, deren Aussagen und Gesetzmäßigkeiten über die Zeiten hinweg Gültigkeit behalten, so sind sie doch nur abbildhafte Beschreibungen der Wirklichkeit, die ihre Stimmigkeit und Konsistenz lediglich auf Grundlage bestimmter Axiome haben. Die Schönheit wissenschaftlicher Erkenntnis ist ihre Wahrheitsfähigkeit. Aber es gibt nicht die eine wahre Erkenntnis.
