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Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit beginnt ein buntes Treiben, das natürlich von Sprache begleitet ist: sonderbare grammatische Phänomene in Liedversen, prächtige Wörter und deren geheimnisvolle Bedeutung, floskelhafte Wünsche, Weihnachtsgeschichten, -gedichte und -ansprachen u.v.m. Die Autor*innen dieses Buches widmen sich solchen festlichen Untersuchungsgegenständen und stellen etymologische Überlegungen an, teilen lexikographische Beobachtungen, hinterfragen tradierte und neue Wunschpraktiken oder spüren Erzählmustern nach. So ist eine Weihnachtslinguistik entstanden, die keine neue sprachwissenschaftliche Schnittstellendisziplin sein will, sondern vielmehr Glanzpapier, das das inspirierende Spektrum der (hier gewählten) Zugänge und Beschreibungsebenen umhüllt und als das deklariert, was es ist – ein exklusives Geschenk.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Konstanze Marx
Weihnachtslinguistik
Festliche Texte über Sprache
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
Umschlagabbildung: examphotos (Stock-ID: 214511161), Stilesta (Stock-ID: 760164895), Comeback_01 (Stock-ID: 1185852974) © istock 2020
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen www.narr.de • [email protected]
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ISBN 978-3-8233-8452-6 (Print)
ISBN 978-3-8233-0266-7 (ePub)
Daher zunächst ein Vorwort
Es ist Hochsommer, das Thermometer zeigt 36 Grad und es wirkt noch heißer. Hier im Haus sind die Fenster hoch, die Türen weit, aus meinem Lautsprecher tönen weihnachtliche Klänge. Schon spüre ich die unausgesprochenen Fragezeichen in den Gesichtern meiner Nachbarn. Hoffentlich schieben sie mein wunderliches Verhalten wohlwollend auf die Hitze, argwöhnen allenfalls eine exaltierte Form der Kältetherapie. Ja, zweifelt nur an mir, denke ich, aber horcht auch, wie lieblich es schallt und wagt vielleicht auch einmal einen Blick in die Sozialen Medien, denn der alljährliche Entrüstungswettstreit über die frühzeitig mit Lebkuchen gefüllten Supermarktregale hat längst begonnen.
Das, aber vor allem die wunderbare Aufgabe, in diesem Buch Texte zusammenzuführen, die sich aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive mit dem Weihnachtsfest auseinandersetzen, machen mir den gedanklichen Sprung in den Advent und damit zu Ihrem Rezeptionszeitpunkt leicht. Für Sie wiederum sind es ja gerade nicht die zitierten Weihnachtslieder, die unpassend erscheinen, sondern eher die meteorologische Momentaufnahme aus einem heißen Sommer.
Also, Weihnachten steht vor der Tür und allein dieser Phraseologismus ist eine genauere linguistische Inspektion wert, nimmt doch hier eine Festivität, ein Feiertag eine Agensrolle ein, die gemeinhin akzeptiert ist, was die hochfrequente Verwendung in der Alltagssprache, in Schlager- und Kinderbuchtiteln und auch Witzen offenbart; eine Agensrolle aber, die aufgrund ihrer diffusen ontologischen Ereignisqualität semantisch gar nicht so leicht mit einem statischen Verb vereinbar und mit Blick auf dessen realweltliche Dimension unmöglich auf einer Fußmatte platzierbar scheint. Die Bedeutung muss also mental übertragen, das Vor-der-Tür-Stehen metaphorisch verstanden werden, etwas, das nicht trivial ist, schon gar nicht für diejenigen, die Sprache erst erwerben. Und rein pragmatisch? Bleiben wir zunächst bei der eben erwähnten Adressat*innengruppe. Welche Schlüsse ziehen wohl Kinder aus dieser Äußerung? Vermutlich das lang ersehnte Ende einer utopischen Wartezeit, vielleicht imaginieren sie eine konkrete Person, deren Klopfen an der Tür die zum Greifen nahe Bescherung verlautbart? An Kinder gerichtet scheint der Handlungswert dieses Sprechakts mit der verheißungsvollen Ankündigung eines kurzfristig eintretenden Ereignisses, mit einem Versprechen gar, dass das mehr oder weniger geduldige Ausharren nun ein Ende habe, beschrieben. Was aber kann diese Äußerung bei Erwachsenen bewirken? Weihnachten steht vor der Tür? Eine schnelle Recherche auf Twitter im August (!) zeigt Tendenzen dafür auf, dass der Äußerungszeitpunkt offensichtlich merklich vorverlagert wird, dabei Warnendes, zur Eile Mahnendes mitschwingt. Es baut sich Druck auf ganz im Gegensatz zu dem, was Weihnachten rein lexikalisch transportiert (Fest anlässlich der Geburt Christi) und womit es durchaus auch assoziiert wird: Freude. Freude vs. Stress und Not, alle Punkte der stetig wachsenden To-Do-Liste rechtzeitig vor den perfekt zu inszenierenden Festtagen abhaken zu können und jedes prototypische Element der Vorweihnachtszeit gut zu terminieren: Adventskalender installieren, Wohnung festlich dekorieren, ganze Straßen illuminieren, Weihnachtskarten illustrieren, Wunschzettel formulieren und gründlich studieren, in Geschenke investieren und die Päckchen hübsch verschnüren, Plätzchen backen, schokolieren und natürlich noch verzieren, zwischendrin auch jubilieren, mit entfernten Verwandten telefonieren, Krippenspieltext memorieren, Festtagsmenüplanung zelebrieren und die Ingredienzien akquirieren, Weihnachtsfeier organisieren und darüber informieren, Weihnachtstanne selegieren und das Aufstellen delegieren. Die Liste ist lang, aber im christlichen Kulturkreis erstaunlich gleichartig konstituiert. All das schwingt mit mit dem Satz Weihnachten steht vor der Tür. Soll es ruhig noch ein wenig da draußen verweilen vor der Tür, mag sich manche*r ob des oben genannten Pensums denken, soll es doch noch ein wenig warten, dieses Weihnachten, gerade das vermag vielleicht Ruhe zu verschaffen?
Das gesamte Treiben ist begleitet von Sprache – kleine Texte hinter den Kalendertürchen, feste Floskeln, individuelle Wünsche in der Post oder über Messenger verschickt, Liedverse, verbalisierte Sinneseindrücke in Koch- und Backrezepten, Verhandlungen über Baum, Backwerk und Braten, die Weihnachtsgeschichte und Weihnachtsgeschichten, Liebeserklärungen in Weihnachtsfilmen, sprachlose Enttäuschung am Gabentisch oder Streit im trauten Kreis der Familie – und bietet unzählige Anknüpfungspunkte für sprachwissenschaftliche Zugänge: Wunschzettel als Textsorte etwa, Praktiken des Wünschens, feste Phrasen, Semantik der Sinne, Erzählmuster, grammatische Phänomene in tradierten Liedtexten, interaktive Bedeutungskonstruktion in hochemotionalen Situationen, Konflikt- und Schlichtungsgespräche, ja sogar Weihnachtsdiskurse, etymologische Fragestellungen, Sozio- und Dialekte, Framefiller – auch Nina Janich greift diese Anschlussmöglichkeiten in einem Gedicht auf, das den Auftakt der festlichen Texte über Sprache bildet.
Klassischerweise ist es auch ein Gedicht, das die Bescherung einläutet, und so folgen die Texte in diesem Buch dem Protokoll des Heiligen Abends, an dem Gedichte aufgesagt, Wünsche ausgesprochen (Kapitel „Von Wünschen und vom Wünschen“), Geschenke übergeben und ausgepackt werden, was Freude aber auch Enttäuschung nach sich ziehen kann (Kapitel „Wortwörtliche Bescherung“), Lieder gesungen (Kapitel „Singen und Klingen in stiller Nacht“), Geschichten und Witze erzählt (Kapitel „Musterhafter Erzählzauber“) und am Ende der Fernseher eingeschaltet oder das Smartphone aus der Hosentasche gezogen (Kapitel „Flimmern im Lichterglanz“), vielleicht schon ein Jahresresümee gezogen wird.
So verfestigt die oben skizzierte Schablone ist, die sich durchaus auf die gesamte Adventszeit ausdehnen lässt, so notwendig ist es auch, damit verbundene Routinen zu hinterfragen, wofür Ingo H. Warnke sensibilisiert. Die Angemessenheit von Weihnachtswünschen kann nicht einfach voraussetzen, wer soziale Diversität anerkennt. Und so wird im Beitrag für ein Innehalten plädiert, ein Nachfragen vielleicht und sei es nur beiläufig – eines, das sich ausrichtet am Gegenüber und sich nicht in kulturell eindimensionalen Formeln verliert. Auf diese Weise entsteht ein Resonanzraum, in dem auch die spezifische Adressierung des vorliegenden Buches bewusstwerden und die Lektüre aller folgenden Texte begleiten darf. Die Konstruktion von Bedeutung ist komplex und eben nicht nur von zugrundeliegenden Textinhalten geleitet. Besonders deutlich wird das natürlich, wenn in der Interaktion gänzlich auf Versprachlichung verzichtet wird, wie Michael Beißwenger und Steffen Pappert in ihrem weihnachtlichen auf Bildzeichen reduzierten WhatsApp-Dialog sehr anschaulich vorführen. Zum großen Amüsement werden die jeweiligen Interpretationen der am Chat Partizipierenden zum Mitlesen zur Schau gestellt – mit dem wunderbaren Effekt, dass Abweichungen die Missverständnispotenziale von Emojis und deren akkumulativer (aber auch exklusiver) Verwendung transparent machen. Am Ende erschließt sich jeder der beiden die guten Weihnachtswünsche des anderen, ein Thema, das auch Matthias Meiler und Alexandros Apostolidis aufgreifen. Sie nehmen die interkulturellen Unterschiede bei Praktiken des Wünschens im deutsch-griechischen Vergleich in den Blick. Silvia Bonacchi kontrastiert Weihnachtswünsche deutsch-italienisch. Beide Texte zeigen auf, dass Wünsche einerseits der Gestaltung, ja Festigung von sozialen Beziehungen dienen, dass solche Rituale aber gleichzeitig auch den Blick freigeben auf Verbindungen innerhalb kultureller Gemeinschaften und sich darüber hinaus loslösen können von ihrem ursprünglichen Zweck und diesen dennoch ein ganz klein wenig mittransportieren. Dafür, so ist bei Thomas Spranz-Fogasy zu lesen, wird durchaus einige Anstrengung in Kauf genommen (er dürfte genau jetzt, da das Editorial dieses Buches entsteht, bereits über den Weihnachtsbrief für dieses Jahr nachdenken). Die Möglichkeit theoretisch allen im Laufe eines Lebens liebgewonnenen Menschen technikunterstützt von Angesicht zu Angesicht ein frohes Fest zu wünschen, gibt es ja noch nicht allzu lang und sie konnte sich als Routine sicher auch aus ganz praktischen Gründen nicht in unserem vorweihnachtlichen Alltag etablieren. Weihnachtsbriefe hingegen haben den entscheidenden Vorteil, dass mit Zeit und Liebe zum Detail die persönlichen Höhepunkte des Jahres zusammengetragen und dem Gegenüber zum Lesen zu einem selbstgewählten Zeitpunkt angeboten werden können. Ganz im Gegensatz dazu widmet sich Simon Meier-Vieracker Texten, die zu einem festgelegten Zeitpunkt und damit in der Illusion der Gemeinschaftlichkeit gehört und gesehen werden sollen, den bundespräsidialen Weihnachtsansprachen. Seine Keywordanalysen legen offen, dass und wie sich das jeweilige gesellschaftlich-politische Klima in die Reden eingeschrieben hat, die dadurch zu einem mentalitätsgeschichtlichen Stimmungsbarometer taugen. Es ist die hier zum Einsatz kommende korpuslinguistische Methode und die Konzentration auf Schlüsselwörter, die eine Brücke zum nächsten Kapitel bildet, das mit sprichwörtlichen Wortgeschenken aufwartet.
So gewährt Sascha Wolfer Einblick in weihnachtlich-überraschende lexikographische Entdeckungen. Zugriffsstatistiken von Onlinewörterbüchern enthüllen nämlich einen Effekt der sozialen Relevanz, der u.a. anhand der Begriffe Nikolaus und Weihnachten eindrucksvoll nachgewiesen werden kann. Weniger eindeutig, geradezu paradoxal ist die daran anschließende Kontemplation von Wolf-Andreas Liebert, in der er sich der Semantik von Weihnachten über semasiologische und onomasiologische Perspektiven hin zu einer Sphäre zwischen fiktional und faktual nähert, um die Verbindung zwischen gehasstem Leben und Erlösung durch den Hass in einem ewigen Kreislauf zu ergründen. Durch dieses partielle Priming gelingt hoffentlich eine einigermaßen behutsame Vorbereitung auf die Wucht, mit der die von Joachim Scharloth zusammengetragenen Beispiele aus dem rechten Schimpfwortrepertoire auf Sie wirken werden. Die weihnachtlichen Vokabeln in krudesten Wortkompositionen erhalten den Eindruck der Paradoxie noch eine Weile lebendig, die weihnachtliche Stimmung allerdings vergeht. Es handelt sich hier um einen schonungslosen Text, in dem – das wird sehr deutlich – menschenverachtende Gebrauchsweisen distanzierend zitiert werden, um das analysierte sprachliche Material und den damit drastisch zu Tage tretenden Rassismus seiner Benutzer*innen eineindeutig sichtbar zu machen. So wird auch das Dilemma der Invektivitätsforschung zwischen Entlarvung und Benennung rassistischer Stereotype einerseits und ihrer Reproduktion andererseits bei der Lektüre mitunter physisch spürbar. Diesem Text folgt eine gedankliche Reise nach Kanada. Grit Liebscher lädt zu einem virtuellen Besuch auf den Christkindl Market in Kitchener, Ontario – ein verbal schillerndes Ereignis und ein Ort, an dem Gemeinschaftssinn, Authentizitätsanspruch, tradierte Stereotype und lebendige Erinnerungskultur koexistieren und gleichsam die Entstehung von etwas Neuem dokumentieren, das die originären Spuren noch verrät. Vergleichbare Prozesse – nur auf lexikalischer Ebene – werden von Henrike Helmer und Silke Reineke beschrieben. Sie suchen in Aufnahmen gesprochener Alltagssprache nach Jesus! und finden Ergebnisse von Interjektionalisierungsprozessen in emotiv-expressiven, aber vor allem auch responsiv-empathischen Verwendungen; den Geist der Weihnacht quasi reduziert auf o(h)je. Der Herausforderung, den Geist der Weihnacht trotz kindlich-bohrenden Hinterfragens mühsam aufrecht erhaltener Weihnachtsmythen zu bewahren, versucht sich Gerd Antos unter Zuhilfenahme grundständiger linguistischer Zugänge zu stellen. Er hebt also ab auf metasprachliche Reflexionen über Namen, lässt den Weihnachtsmann (dis)kursieren und referenzsemantisch dekonstruieren und letztlich Relevanz- und Wahrheitsmaximen miteinander konkurrieren. Aber nicht nur die Existenz des Weihnachtsmannes, wie er auch immer heißen, wie man ihn auch immer nennen möge, zählt zu den großen Mysterien in der Weihnachtszeit, es ist auch der sprichwörtlich merk-würdige Wortschatz, ein Erinnerungsschatz, an dem uns Gabriele Diewald teilhaben lässt. Es geht um Verhörer und dadurch ausgelöste logische Assoziationen, die die stufenweise sprichwörtliche Arbeit bei der Bedeutungserschließung in Spracherwerbsprozessen nachvollziehbar machen. Es handelt sich hierbei um ein so aktives Bewusstmachen, das es noch viele Jahre später erzählt werden kann und anknüpft an Erfahrungen, auf die vermutlich jede*r von uns zurückgreifen kann. (Ich beispielsweise habe als Kind Bienenstich aus offensichtlichen Gründen nicht angerührt, nicht einmal zu Weihnachten.) Am Ende langt der Text bei einem Ross an, das einer Wurzel ent- und direkt ins nächste Kapitel hineinspringt.
Weihnachtslieder, so stellt Alexander Lasch fest, sind seltene linguistische Analyseobjekte, muss sich aber zumindest bei der Lektüre des vorliegenden Buches eines Besseren belehren lassen. Während er nachzeichnet, wie mit ostdeutschen Liedern das gemeinsame Weihnachts-Fühlen und Wollen einer Gemeinschaft auf der Basis sorgfältigst ausgewählter, mit der Ideenlehre konformer Motive gesteuert werden sollte, seziert Wolfgang Imo die eigentümliche Syntax von bekannten Liedversen. Im Feldermodell schiebt er versuchsweise Phrasen hin und her, wobei es beim stark ausgelasteten Vorfeld ordentlich hakt. Nun wird abgewogen: Sollte eine Ausnahme in den derlei ohnehin schon reichen Regelkatalog aufgenommen werden oder zu Gunsten dichterischer Freiheit entschieden? Gerade der letztgenannte Aspekt wird bei Übersetzungen relevant, wie Birte Arendt und Ulrike Stern an zwei niederdeutschen Versionen eines bekannten Weihnachtsliedes verdeutlichen. Sie fragen nach der gelungeren Übertragung und ziehen hierbei die Messung des Dialektalitätsgrads anhand phonetischer, morphologischer, lexikalischer und syntaktisch/phraseologischer Parameter zurate. Ruth M. Mell setzt mit ihrem Beitrag noch einmal an der lexikalischen Ebene an und nimmt Zeitbezeichnungen und Deiktika in Weihnachtsliedern unter die linguistische Lupe und findet Licht, das auf den Tag in Abgrenzung der dunklen Nacht verweist, die wiederum attributiv als besonders hervorgehoben wird, als Szenerie, die das Hellwerden und damit das Angst-Nehmende schon mitträgt. So kann der Heilige Abend, so kann die Heilige Nacht umgedeutet werden, sie beherbergt nicht Angst, sondern das Warten auf etwas Schönes.
Dieses Warten, das sich auf den gesamten Advent erstreckt, wird – und damit beginnt das nächste Kapitel – aktiv gestaltet. Susanne Tienken vergleicht diese Zeit mit einer Bühne, die gemeinschaftlich bespielt werden will, nach individuellen Regeln, die selbst Traditionen werden können, durchaus, aber bespielt muss sie werden. Ein wichtiges Ritual in diesem Schauspiel ist das gemeinsame Lesen von Weihnachtsgeschichten, in denen sich nicht nur das aktuelle Setting des eigenen gemütlichen Vorlesens repliziert, sondern auch weitere wichtige Versatzstücke für die Kreation eines perfekten Weihnachtsskripts zur Verfügung gestellt werden. Dass Kinder diese Bausteine internalisiert haben, wird im Beitrag von Juliane Stude deutlich. Literarische und filmische Darstellungsweisen finden ebenso Eingang in kindliche Weihnachtserzählungen wie Alltagserfahrungen, etwa die musterhafte Chronologie des Festtages, die Vorfreude und das Warten auf Weihnachten sowie das Überbringen der Geschenke. Der Spielraum, der weihnachtlich spezifisch zwischen Realität und Fiktionalität entsteht, wird dabei kreativ für Überraschendes genutzt. Es handelt sich hierbei um eine Komponente, die Stefan Hauser zufolge konstitutiv für Humor, aber eben auch für Weihnachten ist: Die Spannung kann nur gehalten werden, wenn in ihr die Sicherheit, dass etwas Unerwartetes eintritt, schon angelegt ist. Sein Beitrag hält folglich eine Reihe von Weihnachtswitzen bereit, deren komisches Potenzial sachlich sprachwissenschaftlich analysiert wird und dabei dennoch nicht verlorengeht.
Ebensowenig wie im Beitrag von Axel Schmidt, der das nächste Kapitel einleitend unterschiedliche Fernsehformate auf ihre weihnachtliche Passfähigkeit untersucht, dabei natürlich Loriots Hoppenstedts nicht unerwähnt lässt, aber insbesondere im Reality-TV ein mediales Perpetuum mobile entdeckt, das sich Ereignisse, über die es dann berichtet, selbst erschafft und gleichzeitig Identifikations- (Ja, so feiern wir auch Weihnachten) und Abgrenzungsangebote (Hilfe, was hängt denn bei denen am Baum?) für das Publikum macht. Mit Eva Wyss kehren wir gedanklich noch einmal zurück zum Weihnachtswunschkapitel. Sie hebt in ihrem Text den Medienwechsel als besonders relevant hervor und vermutet im Versenden multimodaler Adventsbotschaften eine Adjustierung bisheriger Grußrituale. Einen geradezu strategischen Einsatz von Social-Media-Kommunikation weist Daniel Pfurtscheller anhand von Instagram-Postings der fünf führenden österreichischen Politiker*innen nach. Weihnachten wird hier aktiv als kommunikative Ressource genutzt, wobei sehr genau selektiert wird, welche Aktivitäten auf die Vorderbühne geholt – also auch gezeigt – werden und welche nicht, etwa die Abläufe am Heiligen Abend, die in einem privaten Raum stattfinden und dort auch verbleiben dürfen. Manche würden sagen, dass es auch im folgenden Beitrag politisch bleibt, Carolin Müller-Spitzer aber wirbt für eine unaufgeregte Analyse teils widersprüchlicher Forschungsergebnisse zu androzentrisch geprägter Sprache einerseits und für offene, kreative Lösungen andererseits. Ausgangspunkt für ihre Ausführungen ist der oben schon erwähnte Sketch, in dem Opa Hoppenstedt die Frage einer Verkäuferin nach dem Geschlecht seines Enkelkindes unbeantwortet lässt und sich – der Unwichtigkeit dieser Information für die Auswahl eines Geschenks bewusst – seiner Zeit weit voraus präsentiert. Katrin Lehnen hat den dieses Buch abschließenden Text geschrieben. Es ist ein kleiner Jahresrückblick, der von Zeit handelt, die ihr davonläuft, und der ganz nebenbei Einblick gibt in linguistische Methoden, den Anspruch an Forschungsfragen, die Generierung von Hypothesen, die Schwierigkeiten und Rückschläge bei der Datenerhebung und der alles andere als Enttäuschung hinterlässt.
So steht nun nicht nur Weihnachten vor der Tür, sondern Ihnen die Lektüre eines Buches bevor, das keine neue Schnittstellendisziplin begründen will, vielmehr ist es Glanzpapier, das das inspirierende Spektrum der (hier gewählten) sprachwissenschaftlichen Zugänge und Beschreibungsebenen (Phonetik, Syntax, Semantik, Pragmatik, Angewandte Linguistik, Diskurslinguistik, Genderlinguistik, Erzählerwerbsforschung, Internetlinguistik, Kognitive Linguistik, Kontaktlinguistik, Kontrastive Linguistik, Korpuslinguistik, Kulturlinguistik, Lexikographie, Medienlinguistik, Namensforschung, Phraseologie, Politolinguistik, Religionslinguistik, Soziolinguistik, Varietätenlinguistik) umhüllt und als das deklariert, was es ist – ein exklusives Geschenk.
Dafür, dass sie sich auf diese Bescherung eingelassen haben, möchte ich allen Beiträger*innen von Herzen danken. Die Kuratierung dieses Buches war nicht zuletzt deshalb eine so große Freude, weil die zwischenzeitliche Abstimmung zu skurrilen, höchst witzigen, aber auch sehr berührenden – eben kostbaren – Momenten und Para-Interaktionen geführt hat. Danken möchte ich auch dem Narr-Verlag für die Aufgeschlossenheit gegenüber dieser Idee, die Verwirklichung noch im selben Jahr und für das Entgegenkommen bei allen gestalterischen Fragen, hierbei ganz besonders natürlich meinem hochgeschätzten Lektor, Tillmann Bub, und dem äußerst geduldigen Ansprechpartner in der Produktion, Arkin Keskin.
Möge das Buch Ihnen soviel Freude beim Lesen bereiten, wie mir im Entstehungsprozess. Möge es zudem von praktischem Nutzen für alle Linguist*innen sein, nämlich als ideales Weihnachtsgeschenk für die lieben Kolleg*innen, aber auch als ganz konkrete Antwort auf die (häufig an Weihnachten im Verwandtenkreis gestellte) Frage, was man eigentlich immer noch an der Uni treibe? Möge es also auch fachfremden Leser*innen einen Eindruck von der Linguistik vermitteln und Einsicht, warum man von diesem facettenreichen, gesellschaftlich so relevanten Fach nicht mehr loskommt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Lesegenuss so fein wie Weihnachtsgebäck, so erhellend wie eine sternenklare Winternacht und so aufregend wie die Wartezeit auf den Heiligen Abend, ich wünsche Ihnen ein Frohes Fest.
Konstanze Marx (weihnachtlich gestimmt im August 2020 und nun vier Monate in ungeduldiger Vorfreude)
✲ ✲ ✲
Gefragt ist, was die Wissenschaft
von Sprache für ein Wissen schafft,
wenn für ein Buch sie soll beachten
das heil‘ge Wort der Weihenachten.
Nun geht das ja etymologisch,
vielleicht auch epistemologisch,
ganz spannend auch nur graphologisch,
doch weniger schlicht nur katholisch.
Hört man nur zu und ignoriert,
wie Weihnacht meist geschrieben wird,
dann könnte man ja fast sich denken,
dass Weinliebhaber sich was schenken:
Den Wein [zu] achten als ‘ne Regel,
die stets erhöht Promillepegel?!
Doch auch wenn Wein im Christentum
mit Weihnachten hat was zu tun,
weil ohne Wein kein Abendmahl,
was wied‘rum nötig jedesmal,
wenn man die Messe richtig feiert,
so ist das eher rumgeeiert
und linguistisch nicht sehr klug.
Die Editorin uns ja frug,
was wir als Forscher sagen wollen
und was die Leute wissen sollen.
Drum lasst mich mal kurz überlegen,
was wichtig ist an Forscherwegen:
In welchem Licht wir könn’n betrachten
das Phänomen und Wort Weihnachten?
Ist es zum Beispiel int’ressant,
wie Sprache hier Grammatik fand:
dass hier ein Dativ ist zu finden,
den Mensch an den Termin zu binden?
Gemeint ist ze den wîhen nachten,
die‘s Abendland so christlich machten.
Oder soll’n sprechen wir vom Frame
Der letztlich Grund für Weihnachts fame,
durch das, was gleich wird evoziert,
von defaults, die man provoziert:
Was sind hier wicht’ge filler-Werte
die man – sie fehlten! – stark entbehrte?
Geschenke, Lichter und ein Baum,
vom leise rieselnd Schnee ein Traum,
dann Plätzchen, Glocken und auch Engel,
im Stroh ein kleiner blonder Bengel;
doch Zeit auch, Ruhe, Innehalten,
ein Sich-Entzieh’n Konsums Gewalten.
Dies leitet über zu den Fragen,
die uns stets auf der Zunge lagen,
wenn wir Diskurse uns anschauen:
Kann man denn Weihnacht noch vertrauen?
Ist’s noch ein echt Familienfest,
vielleicht doch nur Geschenkzwang-Pest?
Wie nutzen Politik und Staat
den tief’ren Sinn, wenn Weihnacht naht,
um Solidarität zu schüren,
die Menschen weg vom Hass zu führen,
an Hunger, Armut zu erinnern,
und wie medial im Fernsehflimmern,
die Religionen zu versöhnen –
die ohne Jesus nicht zu höhnen?
Vielleicht geht’s aber auch ganz schick
mal um ‘nen ganz ganz and’ren Blick:
Vielleicht wär‘ auch mal zu erwägen,
die Frag‘ soziolektal zu prägen,
wie wir an Weihnachten so sprechen
beim Schenken, Schmücken, Brote brechen,
und ob beim großen Fest der Liebe
Familiensprache Blüten triebe?
Was beispielsweis‘ aus Kirchenliedern
im Weihnachtssprech sich tut erwidern,
ob‘s sowas gibt wie Weihnachtsstil
voll Lichterglanz und Worten viel,
ob Werbung uns längst hat im Griff:
Was hat geladen denn das Schiff?
Die Tür macht auf, das Tor macht weit:
Der Linguistik Fragen breit
konnt‘ ich so nur ganz kurz skizzieren,
will mich drin weiter nicht verlieren.
Ich glaub, ich kehr zurück zum Wein,
der darf an Weihnachten auch sein,
und statt mich weiterhin zu fragen,
was ich zu Weihnachten könnt sagen,
wünsch ich euch nun mit aller Macht
‘ne heilige und stille Nacht.
✲ ✲ ✲
„Instinkt ist Sympathie“, heißt es in Henri Bergsons epochalem Werk Schöpferische Evolution, das 1907 unter dem Titel L’évolution créatrice in Paris erscheint: „Instinkt ist Sympathie. Könnte diese Sympathie ihren Gegenstandsbereich erweitern und sich auch über sich selbst zurückbeugen, so würde sie uns den Schlüssel zu den Lebensvorgängen bieten – gerade so wie die voll entwickelte und geradegerichtete Intelligenz uns Zutritt zur Materie gewährt.“ (Bergson 1907/2013: 203) Versuchen wir uns also instinktiv und das heißt mit Sympathie einer beiläufigen Frage zum Weihnachtsfest zu widmen, ohne dabei sogleich den üblichen intellektuellen Apparat der Linguistik zu bemühen oder Fragen zur derzeit viel erörterten Cancel Culture zu behandeln. Um Sprache soll es gehen, um eine Abschiedsformel beim vorweihnachtlichen Präsenzshopping, von dem wir allerdings seit Corona nicht mehr recht wissen, ob wir schon über etwas Vergangenes sprechen. Aber die Erinnerung wird noch wach genug sein: Der Erwerb eines Geschenks im analogen Handlungsablauf der vorweihnachtlichen Wochen und Tage und der Abschluss der Handlung durch eine Routineformel: ‚Frohe Weihnachten‘.
Viel könnte man dazu sagen, insbesondere auf die Pragmatik von Grußformeln im Allgemeinen eingehen, mit Coulmas (1981: 81–82) die Situationsabhängigkeit von Routineformeln noch einmal erörtern und sich fragen, inwiefern ‚Frohe Weihnachten‘ wie ‚Fröhliche Weihnachten‘ (Coulmas 1981: 99) funktioniert und Beispiel für Konventionalität formelhafter Rede ist. Auch könnte man Fragen der Politeness diskutieren und wahrscheinlich ließen sich dabei einige kluge Beobachtungen anstellen.
Ich möchte ‚Frohe Weihnachten‘ allerdings allein in einer spezifischen Kontextualisierung betrachten, die ich aufgeklärte Unsicherheit nenne, und die sich für jeden einstellen kann, der in multikulturellen bzw. diversen Kontexten seine wahrscheinlich vorhandenen monokulturellen, identitätsverbürgten Gewissheiten in Frage stellt. ‚Frohe Weihnachten‘ mag ja dort eine freundliche Geste sein, wo Weihnachten gefeiert wird, aber wo können wir unter Fremden davon schon fest ausgehen, in einer pluralen Gesellschaft, deren Bevölkerung unterschiedlichste Werte teilt und auch in ihren religiösen Überzeugungen, wo es solche gibt, divers ist. Manche*r mag reflexartig am ‚Frohe Weihnachten‘ festhalten wollen, doch man verhält sich dann wie jemand, der mit seinem analogen Schlüssel ein digitales Passwort einzugeben versucht. Zugang zum Anderen erreicht man auf diesem Weg nicht verlässlich. Man lernt sich vielleicht in irgendeiner Eigenschaft kennen, allerdings in Praktiken, die Homogenitätserwartungen vor die Akzeptanz möglicher Unterschiede setzt.
Selbstverständlich können Routineformeln, wie alle sprachlichen Zeichen in neuen Kontexten, ihre Bedeutungen und Funktionen ändern, sie erhalten andere Werte in neuen Zusammenhängen. Eine retrospektive Affirmation von ‚Frohe Weihnachten‘ im Sinne eines dumpfen Reflexes – das hat man hier schon immer so gesagt – wäre angesichts dessen töricht. Zumal es dieses ‚schon immer‘ wohl auch nie gegeben hat.
Und so geht es beim Froheweihnachtensagen um mehr als eine (un)angemessene Formel, es geht um Fragen der Positionierung in einer breiten Debatte um die Anerkennung sozialer Diversität (vgl. dazu Spitzmüller/ Flubacher/Bendl 2017). Mindestens in den großstädtischen liberalen Milieus hat es sich herumgesprochen, dass nicht alle Menschen Ende Dezember Weihnachten feiern – was dann auch bedeutet, dass ein solches Weihnachtsbuch wie das vorliegende eine recht spezifische Adressierung hat. Eine Routineformel wie ‚Frohe Weihnachten‘ wird dabei schnell von einer überkommenen, mehr oder weniger herzlich gemeinten Wunschformel zum Positionierungsinstrument bzw. besitzt indexikalische Bedeutung als Emblem sozialer Werte (vgl. Agha 2003).
Angesichts dessen gilt es beim Froheweihnachtensagen oder dem Verzicht darauf, von einer Freiheit Gebrauch zu machen, auch anders sprechen zu können – wohlgemerkt: nicht zu müssen. Nicht in Positionierungsnotwendigkeiten der Zeitläufte zu tappen und Mauern um mühsam gezüchtete Ausdrucksweisen zu errichten oder an die Mauern der Anderen unsere bestätigenden oder infragestellenden Taggs und Hashtags zu heften, sondern die Möglichkeit zu ergreifen, so zu reden, dass wir einander immer wieder neu oder überhaupt einmal zuhören können und uns anerkennen in unseren Unterschieden. Und hier komme ich auf Bergson zurück. Die verbale Freiheit, die ich meine und die routiniertes Verhalten als fragwürdig erscheinen lässt, ist in meiner Lesart das linguistische Pendant zu Bergsons Rede vom Lebensschwung (élan vital): „Der Lebensschwung, von dem wir sprechen, besteht aufs ganze gesehen in einem Schöpfungsverlangen“ (Bergson 1907/2013: 285). Nicht die Regeln abgrenzbarer Richtigkeiten eines wie immer gearteten Sprechens weist uns den Weg zueinander, sondern das schöpferische Potential einer immer wieder neuen Suche nach der je angemessenen Ausdruckweise, das, was wir sprachliche Kreation nennen können und was immer kontingent bleibt. Daran müsste im Übrigen auch gedacht werden, sollte es bald überhaupt nur noch Onlineshopping geben. Andernfalls werden nämlich Algorithmen längst identifiziert haben, in welchen Kleingarten sie ihr Geschenk via Drohne abzuwerfen haben und welche identitätsbezogene Grußkarte daran zu heften ist, frei von Instinkt und jenseits der Sympathie, aber sicher passend.
Kurz, es geht um die Frage, sollen wir nun Fremden beim Shopping ‚Frohe Weihnachten‘ wünschen oder nicht. Zunächst sollten wir dieser Frage ihre deontische Dringlichkeit nehmen, denn niemand soll oder muss hier irgendetwas tun. Es sollte uns nicht um politische Korrektheit gehen, sondern um die Möglichkeit eines Nachdenkens über ein grundsätzliches ethisches Anliegen, die Adressierung der Rede an die Anderen. Einander mit Sympathie zu begegnen, könnte uns immerhin kreativer machen, als eine hier und da vielleicht gar nicht so passende Routineformel zu setzen.
Dies gilt umso mehr, wenn ‚Frohe Weihnachten‘ etwa vs. ‚Frohe Festtage‘ etc. mehr ist als eine Routineformel, sondern Mittel der einschließenden oder ausschließenden sozialen Registrierung (Spitzmüller 2013). Die Frage, welche Firmengrußkarte nun angemessen ist oder was man noch sagen darf/soll/kann usw. finde ich dabei sehr viel weniger interessant als die Frage, wie es uns gelingt, den Anderen zu begegnen. Und das tut not. Routineformeln haben in homogenen Gesellschaften die Funktion der Stabilisierung von Wertgemeinschaften. Ändern sich diese durch Säkularisierung, religiösen Pluralismus und Orientierungsdifferenzierungen, werden sie nicht nur zu fossilierten Ausdrucksweisen, die nur noch milieuspezifisch unhinterfragt bleiben können und eine allgemeine Bedeutung schließlich nur noch als Träger der Patina vergangener Tage besitzen, sie führen auch zu unnötigen Zuspitzungen des Aneinandervorbeiredens.
Ich plädiere dafür, wo immer man es möchte, ‚Frohe Weihnachten‘ zu wünschen, aber sich zugleich öfter zu fragen, ob man das überhaupt möchte und was man damit bezweckt. Und ob der gute Wunsch, wenn es um diesen geht, hier und da nicht anders und noch viel passender auszudrücken wäre. Instinktiv die alternative Rede bedenken, denn Instinkt ist Sympathie. Ich denke hier an das Konzept der Konvivialität von engl. conviviality. Im Englischen bedeutet es soviel wie Geselligkeit und auch Fröhlichkeit, die nicht zuletzt im ‚Frohe Weihnachten‘ mitgegeben sind. Ich verstehe Konvivialität mit Paul Gilroy (2005: xv) als eine Haltung radikaler Offenheit, die geschlossenen Identitätskonzepten eine Absage erteilt und uns auf die unvorhersehbaren Mechanismen der Identifikation hinweist, „the always unpredictable mechanisms of identification“. Nicht die Identität als jemand mit seinen Routineformeln führt uns zu den Anderen, sondern kreative und sympathiegetragene Identifikationen, die von uns selbst und unseren Gewissheiten hinwegführen. Insofern hilft hier Sprachkritik nicht weiter, sondern die Frage, wie das, was wir sagen, für Andere klingt. Ich spreche auch von Cantabilität und verstehe darunter den Klang unserer Rede „als Folge einer intendierten Strukturierung von Material (…), mit der Absicht, eine an den Hörer bzw. Leser gewandte Angemessenheit und verändernde Kraft der Sprache zu suchen, die sich atomistischer Rezeption entzieht“ (Warnke 2020: 147–48).
Cantabilität ist insofern das Potential eines Textes, ein Gegenüber jenseits atomistischer Keywordsuche zu erreichen und zu ändern, eine Wirkung zu entfalten, die über Informationsvermittlung hinausreicht. Cantabilität ermöglicht damit die Grenzerfahrung einer „Ent-Subjektivierung“ im Sinne Michel Foucaults (…); eines von uns selbst fortgehenden, reichen Klangs (…). (Warnke 2020: 148)
Unser Wunsch an die Anderen beim Shoppen vor Weihnachten ist eine Gelegenheit, es auch einmal klingen zu lassen, unsere vermeintliche Identität in Konvivialität hinter uns zu lassen, uns kreativ und sympathisch mit Anderen, etwas oder einer Situation zu identifizieren und Cantabilität zu üben.
Linguistisch gewendet wäre statt eines routinierten Wunsches der einfachste Weg dorthin, auch einmal eine für den Augenblick passende Frage zu stellen, und sei sie noch so beiläufig. Feste sind ein guter Ort und eine gute Zeit, dies auszuprobieren, den einen oder anderen intuitiv geeigneten Ergänzungsfragesatz zu formulieren, wo es einem auf der Zunge liegen könnte, ‚Frohe Weihnachten‘ zu sagen. Wohlgemerkt, es geht ums Shoppen, im trauten weihnachtsgeübten Familienkreis am Heiligen Abend mag das alles noch ganz anders sein, wenngleich auch hier die eine oder andere Frage die Konvivialität fördern kann, wie immer diese dann auch aussieht. So bleiben wir, um Bergson ein letztes Mal zu erwähnen, im Lebensschwung. Die aufgeklärte Unsicherheit im Verlust routinierten Sprachverhaltens ist am besten transformiert in konviviales Handeln, wenn wir mehr fragen. In einer Linguistik des Zuhörens (Warnke 2020b) könnte man sich dafür stark interessieren. Wenn Weihnachten wieder einmal näher rückt, wird es Zeit, Fragen zu stellen; das Anerkennen unserer Unterschiede gehört dann dazu.
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Agha, Asif. 2003. The Social Life of Cultural Value. Language & Communication, 23(3–4), 231–273.
Bergson, Henri. 1907/2013. Schöpferische Evolution. Neu aus dem Französischen übersetzt von Margarethe Drewsen. Mit einer Einleitung von Rémi Brague. Hamburg: Meiner.
Coulmas, Florian. 1981. Routine im Gespräch. Zur pragmatischen Fundierung der Idiomatik
