Wellentraum - Virginia Kantra - E-Book

Wellentraum E-Book

Virginia Kantra

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Beschreibung

Margred ist eine Selkie, eine Gestaltwandlerin, deren Zuhause das Meer ist. Doch die Sehnsucht nach einem menschlichen Liebhaber treibt sie eines Nachts an Land, wo sie dem Polizisten Caleb begegnet. Was als flüchtige Affäre beginnt, wird bald viel mehr, denn Margred verliebt sich. Aber wie kann sie einen Menschen lieben, wenn sie dafür ihre wahre Natur verleugnen muss? „Man kann dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen.” Paranormal Romance Reviews

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Virginia Kantra

Wellentraum

Wellentraum

Aus dem Amerikanischen von Barbara Imgrund

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Mein Vater hielt auf [...]1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. KapitelDank

Mein Vater hielt auf dem Leuchtturm von Eddystone Wacht

Er schlief mit einer Meerjungfrau in einer sternklaren Nacht

Dieser Verbindung entsprangen drei …

ALTES SHANTY

 

Ich bin ein Mensch an Land;

ich bin ein Selkie im Meer.

BALLADE VON DEN ORKNEYS

 

»Ich werde also sterben«, sagte die kleine Seejungfrau, »und als Schaum auf dem Meer treiben, nicht die Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rote Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts thun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?«

HANS CHRISTIAN ANDERSEN

[home]

1

Wenn sie nicht bald Sex hatte, würde sie noch verrückt werden.

Getrieben von einem Flüstern im Wind, einem Pochen in ihrem Blut, tauchte sie durch das tiefblaue Wasser, das sie wie eine warme Strömung trug. Der lavendelfarbene Himmel war von rosa Tupfen und verwaschenen indigoblauen Wolken durchzogen. Am Strand züngelte Feuer von den Felsen und erglühte in der Hitze der ersterbenden Sonne.

Ihr Gefährte war tot. So lange schon, dass der nagende Schmerz, das frische, grelle Aufwallen von Wut und Kummer abgeebbt und geheilt war und nur eine Narbe auf ihrem Herzen hinterlassen hatte. Sie vermisste ihn kaum noch. Sie erlaubte es sich nicht, ihn zu vermissen.

Aber ihr fehlte der Sex.

Ihr Verlangen quälte sie, höhlte sie von innen her aus. Seit kurzem hatte sie das Gefühl, als würde sie allmählich zu einer bloßen Haut, einer Hülle ausgeschabt, leblos und leer. Sie wollte berührt werden. Sie sehnte sich danach, wieder erfüllt zu sein, jemanden in sich zu spüren, tief in ihr, hart und drängend.

Die Erinnerung daran ließ ihr Blut schneller fließen.

Sie ritt auf den Wellen ans Ufer, angezogen von der Wärme der Flammen und der Hitze der jungen Körper, die sich dort versammelt hatten. Gesunde junge Körper von Männern und Frauen.

Zumeist aber von Männern.

 

Irgendein verfluchter Idiot hatte auf der Landspitze ein Feuer entzündet. Polizeichef Caleb Hunter entdeckte den Lichtschein von der Straße aus.

Die Mainer empfingen die meisten Besucher an ihrer Küste mit offenen Armen. Aber Bruce Whittaker hatte unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass die Toleranz der Inselbewohner nicht so weit reichte, dass sie Lagerfeuer am Strand duldeten.

Caleb hatte keine ausgesprochene Abneigung gegen Strandfeuer, solange diejenigen, die sie entfachten, die ausgewiesenen Picknickstellen benutzten oder sich eine Genehmigung besorgten. An der Landspitze war es nicht unwahrscheinlich, dass der Wind Funken zu den Bäumen trug. Die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, zumeist Fischer, ließen sich nicht gern aus dem Bett holen, um die Fahrlässigkeit von Dritten auszubügeln.

Caleb lenkte seinen Dienstjeep hinter die Fahrzeuge, die am Randstreifen abgestellt waren: einen aufgemotzten Wrangler, einen verboten schnellen Firebird und ein neueres Lexus-Modell. Alle mit New Yorker Nummernschildern. Noch zwei Wochen bis Memorial Day, und schon drängte Volk von auswärts auf die Insel. Es war Caleb egal. Der jährliche Besucherstrom im Sommer finanzierte sein Gehalt. Außerdem war World’s End im Vergleich zu Mosul oder Sadr City oder auch Portland weiter unten an der Küste ein verschlafenes Nest. Selbst in der Hochsaison.

Caleb hätte zur Polizei von Portland zurückkehren können. Herrgott, nach seinem gesundheitlich bedingten Abschied von der Nationalgarde hätte er überallhin gehen können. Seit dem 11. September, der Einberufung von Reservisten und den Auflagen des Heimatschutzministeriums waren die Polizeibehörden der meisten Großstädte unterbesetzt und überfordert. Da war ein hochdekorierter Kriegsveteran höchst willkommen – selbst einer, dessen linkes Bein von genug Schrauben und Platten zusammengehalten wurde, um jedes Mal beim Betreten der Wache den Metalldetektor außer Gefecht zu setzen.

Als Caleb gehört hatte, dass sich der alte Roy Miller in den Ruhestand verabschieden würde, hatte er sich um den Job des Polizeichefs von World’s End beworben und in seinem Krankenhausbett mühevoll an seinem Lebenslauf gefeilt. Er wollte keine Verhaftungen oder Schlagzeilen mehr. Er wollte einfach nur den Frieden bewahren, seinen persönlichen Frieden finden und auf Streife gehen, ohne dass auf ihn geschossen wurde. Wieder den Wind auf seinem Gesicht spüren und das Salz in der Luft riechen.

Und eine Straße entlangfahren, ohne dass die Welt um ihn herum explodierte.

Er schob das steife Knie um das Lenkrad herum und stieg aus dem Jeep. Die Scheinwerfer ließ er eingeschaltet. Sich ohne Rückendeckung nach Einbruch der Dunkelheit in abgelegenes Gelände zu begeben, rief ein vertrautes Prickeln zwischen den Schulterblättern hervor. Schweiß floss seine Wirbelsäule hinab.

Lass es gut sein. Du bist auf World’s End. Hier passiert nie etwas.

Was so ungefähr alles war, womit er derzeit fertig wurde.

Nichts.

Er durchquerte das Wäldchen, dankbar, dass dieser Strandabschnitt nicht aus glitschigem Fels bestand, und trat lautlos hinaus auf den Sand.

 

Sie glitt windabwärts hinter einer Felsnase an Land, die wie ein Menhir von Orkney vom Strand emporragte.

Wasser plätscherte an Sand und Steine. Die Abendbrise streichelte ihre feuchte Haut und erweckte jeden Nerv zu bebendem Leben. Ihre Sinne nahmen, zum Zerreißen gespannt, die Schwaden von Rauch auf, das Poltern von männlichem Lachen, das der Wind herantrug. Ihre Brustwarzen wurden hart.

Sie erschauerte.

Nicht vor Kälte. Vor Erwartung.

Sie kämmte ihr Haar mit den Fingern und ließ es auf die nackten Schultern fallen. Das Wichtigste zuerst. Sie brauchte etwas zum Anziehen.

Selbst in diesem Körper hielt sie ihr Blut warm. Aber sie wusste von früheren Begegnungen, dass man mit ihrer Nacktheit nicht … rechnen würde. Sie wollte keine Fragen aufwerfen oder Zeit und Energie auf Erklärungen verschwenden.

Sie war nicht an Land gekommen, um zu reden.

Verlangen wuchs wie ein Kind in ihr und machte ihre Brüste und Lenden schwer.

Sie setzte ihren Weg auf zarten, ungeschützten Füßen um den Fels herum fort. Lag da nicht, wie Seegras oberhalb der Gezeitenlinie verknäult, eine Decke? Sie schüttelte den Sand ab – nein, es war ein Handtuch – und schlang es sich um die Hüften. Sie freute sich an seinem kräftigen Orange. Ein paar Schritte weiter, im Schatten außerhalb des Feuerscheins, entdeckte sie ein graues Fleece-Oberteil mit langen Ärmeln und einer Art Kapuze. Trist. Sehr trist. Aber es würde ihr helfen, sich zu verhüllen. Sie zog sich den Pullover über den Kopf, wühlte sich durch die Ärmel und lächelte schicksalsergeben, als die Bündchen über ihre Hände strichen.

Das ungewohnte Reiben des Stoffs erhitzte und erregte sie. Mit raschem, heißem Pulsschlag glitt sie durch das Halbdunkel. Noch immer im Schatten, ließ sie den geweiteten Blick über die Gruppe von sechs – sieben, acht – Gestalten schweifen, die im Lichtkreis des Feuers hingestreckt lagen oder standen. Zwei Frauen. Sechs Männer. Sie fasste sie gierig ins Auge.

Sie waren sehr jung.

Sexuell voll entwickelt, vielleicht, aber ihre Gesichter waren weich und formlos und ihre Augen ohne Tiefe. Die Mädchen waren schrill. Die Jungen laut. Grob und unsicher schubsten und stießen sie einander und machten mit weit ausholenden, unkoordinierten Gesten ihre Ansprüche geltend.

Enttäuschung breitete sich in ihr aus.

»Hey! Pass doch auf!«

Etwas ergoss sich auf den Sand. Ihre empfindliche Nase nahm den Geruch von Alkohol wahr.

Nicht nur jung, sondern auch noch betrunken. Vielleicht erklärte das ihre Tolpatschigkeit.

Sie seufzte. Sie machte keine Jagd auf Betrunkene. Oder auf Kinder.

Licht bohrte sich in ihre Pupillen, zwei weiße Strahlen und blinkendes Blaulicht von der Anhöhe über dem Strand. Einen Moment lang blinzelte sie verwirrt.

Ein Mädchen kreischte.

Ein Junge stöhnte.

»Weg hier«, rief jemand.

Sand spritzte auf, als die Menschen davonflitzten wie Fische vor einem Hai. Sie rannten in die Falle zwischen Fels und Wasser, das Licht in ihrem Gesicht und die See in ihrem Rücken. Sie folgte ihren panischen Blicken, die zu den Bäumen wanderten.

Vor den weißen Scheinwerferkegeln und den dunklen, schmalen Baumstämmen hob sich die Silhouette einer großen, breiten Gestalt ab.

Das Blut rauschte wie der Ozean in ihren Ohren. Ihr Herz hämmerte. Selbst wenn man die Verfälschung durch das Licht berücksichtigte, sah er imposant aus. Stark. Männlich. Seine albern wirkende einengende Kleidung betonte nur noch die Breite und Kraft von Brust und Schultern, die stämmigen Muskeln seiner Beine und Arme.

Er bewegte sich ungelenk zum Strand hinab. Sein Gesicht lag im Schatten. Als er sich dem Feuer näherte, huschte dessen roter Schein gierig über seine breite, hohe Stirn und die schmale Nase. Sein Mund war hart und lächelte nicht.

Ihr Blick weitete sich, um ihn ganz in sich aufzunehmen. Ihr Pulsschlag schnellte erneut nach oben. Sie spürte das Zittern bis hinab in ihre Fußsohlen und Fingerspitzen.

Das war ein Mann.

 

Kindsköpfe.

Caleb schüttelte den Kopf und holte seinen Strafzettelblock heraus.

Als er noch in der Highschool war, hatte man das Bier in den Sand geschüttet und vielleicht noch eine Standpauke von seinen Eltern bekommen, wenn man am Strand beim Trinken erwischt worden war. Nicht, dass es seinen alten Herrn je gekümmert hätte, was Caleb tat. Nachdem sich Calebs Mutter mit ihrem älteren Sohn aus dem Staub gemacht hatte, war Bart Hunter alles außer seinem Boot, seiner Flasche und den Gezeiten egal gewesen.

Aber die Zeiten – und die Vorschriften – hatten sich geändert.

Caleb konfiszierte die Kühlbox, die randvoll mit Bier war.

»Sie können sie nicht mitnehmen«, widersprach einer der Halbstarken. »Ich bin einundzwanzig. Sie gehört mir.«

Caleb hob eine Augenbraue. »Sie haben sie gefunden?«

»Ich habe sie gekauft.«

Was bedeutete, dass man ihm die Weitergabe von Alkohol an Minderjährige zur Last legen konnte.

Caleb nickte. »Und Sie sind …?«

Der Junge schob den Unterkiefer vor. »Robert Stowe.«

»Kann ich mal Ihren Führerschein sehen, Mr. Stowe?«

Er ließ sie das Feuer löschen, während er ihre Personalien aufnahm: sieben Verwarnungen und – im Falle des einundzwanzigjährigen Robert Stowe – eine Vorladung vor das Bezirksgericht.

Er gab ihnen zusammen mit den Verwarnungen ihre Führerscheine zurück. »Ihr Jungs bringt jetzt die Mädchen zu Fuß nach Hause. Morgen früh will ich eure Autos immer noch hier stehen sehen.«

»Es ist zu weit zum Laufen«, klagte eine hübsche, trotzige Brünette. »Und es ist dunkel.«

Caleb sah von dem letzten, hauchzarten Pink am Himmel zu dem Mädchen. Jessica Dalton stand in ihrem Führerschein, achtzehn Jahre alt. Ihr Daddy war ein Darmchirurg aus Boston, dessen Haus direkt am Wasser stand, nur etwa eineinhalb Kilometer die Straße hinunter.

»Ich rufe gern eure Eltern an, damit sie euch abholen kommen«, bot er an, ohne eine Miene zu verziehen.

»Scheiß drauf«, verkündete der neunzehn Jahre alte Besitzer des Jeeps. »Ich fahre.«

»Wenn ich erst mal anfange, euch auf Alkohol am Steuer zu testen, wird es eine lange Nacht«, erwiderte Caleb gleichmütig. »Besonders, wenn ich dein Fahrzeug beschlagnahme.«

»Das können Sie nicht machen«, protestierte Stowe.

Caleb sah ihn mit festem Blick an.

»Komm schon, Robbie.« Das andere Mädchen zog ihn am Arm. »Wir können zu mir gehen.«

Caleb sah zu, wie sie sich in Gang setzten und über den Sand davonstolperten.

»Ich kann meinen Pulli nicht finden.«

»Na und? Der ist doch total hässlich.«

»Du bist auch hässlich.«

»Jetzt komm schon.«

Ihre Stimmen verhallten in der Dämmerung. Caleb wartete darauf, dass sie den Weg zu ihren Autos einschlugen, aber etwas – vielleicht seine Drohung, ihre Eltern zu benachrichtigen, seine glänzende neue Polizeimarke oder sein Röntgenblick – hatte sie wohl davon überzeugt, ihre Fahrzeuge über Nacht stehen zu lassen.

Er wischte sich mit der Hand über die Stirn, um bestürzt festzustellen, dass beide schweißnass waren.

Das war okay.

Er war okay.

Ihm ging es ganz hervorragend, verdammt noch mal.

Er stand da, das Geräusch der Brandung in den Ohren, und atmete die würzige Salzluft ein, bis seine Haut abgekühlt und sein Herzschlag langsamer geworden war. Als er das Zucken zwischen den Schulterblättern nicht mehr spürte, hievte er die Kühlbox hoch und schleppte sie zum Jeep. Sein Knie kippte zunächst weg, stellte sich dann aber auf sein Gewicht auf dem weichen Sand ein. Er hatte den 2,5-Kilometer-Lauf absolviert, den der Staat Maine vorschrieb, um seine Diensttauglichkeit zu beweisen. Aber das war in flachem Gelände gewesen, nicht auf unebenem Boden im Dunkeln, auf dem er um festen Stand ringen musste.

Er verstaute das Beweisstück im Heck, schlug die Ladeklappe zu und sah zum Strand zurück.

Die Gestalt einer Frau leuchtete am Wasser auf, ins Zwielicht und ein Handtuch gehüllt. Die See leckte an ihren nackten, weißen Füßen. Ihr langes, dunkles Haar wehte in der Brise. Ihr Gesicht war bleich und so vollkommen wie der Mond.

Eine Sekunde versetzte ihm der Anblick einen Stoß in die Brust und raubte ihm die Sprache. Den Atem. Sehnsucht rauschte durch seine Seele wie der Wind über das Wasser und wühlte ihn bis ins tiefste Innere auf. Seine Hände ballten sich an seinen Seiten zu Fäusten.

Das war nicht okay. Er unterdrückte die wilden Phantasien. Sie war noch ein Kind. Ein Mädchen. Ein minderjähriges Mädchen in einem viel zu großen Pullover mit einem – sein Blick fiel erneut nach unten, nur ganz kurz – wirklich ansehnlichen Vorbau.

Und er war Polizist. Es wurde Zeit, auch wie ein Polizist zu denken. Das rätselhafte Mädchen hatte nicht zu der Gruppe am Feuer gehört. Wo also hatte sie sich versteckt gehalten?

Caleb stapfte durch die Bäume zurück. Das Mädchen stand mit den nackten Füßen im Sand da und verfolgte, wie er näher kam. Wenigstens würde er ihr nicht nachjagen müssen.

Er blieb einige Meter von ihr entfernt stehen. »Ihre Freunde sind weg. Sie haben sie verpasst.«

Sie neigte den Kopf und beobachtete ihn aus großen, dunklen, weit auseinanderstehenden Augen. »Das sind nicht meine Freunde.«

»Wahrscheinlich nicht«, pflichtete er ihr bei. »Schließlich sind sie ohne Sie gegangen.«

Sie lächelte. Ihre Lippen waren weich und voll, ihre Zähne weiß und leicht zugespitzt. »Ich meinte, dass ich sie nicht kenne. Sie sind sehr … jung, nicht wahr?«

Er richtete den Blick auf ihr Gesicht und versuchte erneut, ihr Alter zu schätzen. Ihre Haut war so zart wie die eines Babys, glatt und gut gepflegt. Kein Make-up. Keine sichtbaren Piercings oder Tattoos. Nicht einmal Sonnenbräune.

»Wie alt sind Sie?«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Älter, als ich aussehe.«

Er widerstand dem Drang zurückzulächeln. Sie konnte durchaus über dem für den Konsum von Alkohol gesetzlich vorgeschriebenen Mindestalter liegen – also doch nicht minderjährig. In diesen Augen lauerte ein vollkommen erwachsenes Bewusstsein, und ihr Lächeln wirkte wissend. Aber er war lange genug auf den Straßen von Portland unterwegs gewesen, um die Schwierigkeiten zu kennen, auf die sich ein Bulle einließ, wenn er einer hübschen Frau eine Chance gab. »Kann ich bitte Ihren Führerschein sehen?«

Sie blinzelte langsam. »Meinen …«

»Ausweis«, blaffte er. »Haben Sie ihn dabei?«

»Ach so. Nein. Mir war nicht klar, dass ich ihn brauchen würde.«

Er betrachtete ihr feuchtes Haar, das Handtuch, das sie um die Hüften trug. Wenn sie zum Strand gekommen war, um zu schwimmen … Okay, niemand ging im Mai schwimmen, außer Dummköpfen und Touristen. Aber selbst wenn sie nur einen Spaziergang machte, konnte ihre Geschichte stimmen. »Wohnen Sie in der Nähe?«

Ihr dunkler Blick wanderte über seinen Körper. Sie nickte. »Ja, ich denke, das werde ich … tue ich«, korrigierte sie sich.

Er schwitzte wieder, und diesmal kam es nicht von der nervlichen Anspannung. Seine Gefühle waren lange Zeit auf Eis gelegen, aber das träge Brennen des Verlangens erkannte er noch immer.

»Adresse?«, fragte er barsch.

»Ich kann mich nicht erinnern.« Sie lächelte schon wieder betörend und sah ihm direkt in die Augen. »Ich bin eben erst angekommen.«

Er weigerte sich, sich betören zu lassen. Aber die Anziehung, die er spürte, tief unten in seinem Bauch, konnte er nicht leugnen. »Name?«

»Margred.«

Mar-gred. Das klang fremd. Es gefiel ihm irgendwie.

Er hob die Augenbrauen. »Nur Margred?«

»Margaret, glaube ich, würde man hier sagen.«

»Nachname?«

Sie kam einen Schritt näher, wobei alles unter ihrem Pullover in Schwingung geriet. Hallo, ihr Brüste. »Brauchen Sie einen?«

Er konnte nicht mehr denken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er jemals so abgelenkt und erregt gewesen war, seit er in der siebten Klasse in Englisch hinter Susanna Colburn gesessen und die meiste Zeit des Unterrichts über einen Ständer gehabt hatte. Etwas in ihrer Stimme … ihren Augen … Es war sonderbar.

»Für den Fall, dass ich zu Ihnen Verbindung aufnehmen muss«, sagte er.

»Das wäre schön.«

Er starrte auf ihren Mund. Ihren breiten, feuchten, volllippigen Mund. »Was?«

»Wenn Sie Verbindung zu mir aufnehmen müssten. Ich will, dass Sie Verbindung zu mir aufnehmen.«

Er fuhr zurück. »Was?«

Sie sah überrascht aus. »Ist es nicht das, was Sie wollen?«

Doch.

»Nein.«

Verdammt.

Caleb war frustriert, zutiefst enttäuscht von sich selbst und ihr. Er wusste, dass ein Haufen Frauen es auf Polizisten abgesehen hatte – Bullenluder. Einige dachten wohl, dass sie sich mit Sex aus Schwierigkeiten oder von einem Strafzettel freikaufen konnten. Andere wiederum standen einfach auf Uniformen oder Handschellen.

Er hatte sie für keine von ihnen gehalten.

»Oh.« Ihr Blick ruhte gedankenverloren auf ihm.

Seine Bauchmuskeln zogen sich zusammen.

Und dann lächelte sie. »Sie lügen«, sagte sie.

Ja, das tat er.

Er zuckte mit den Schultern. »Nur weil ich« – geil, heiß, hart – »interessiert bin, heißt das nicht, dass ich mich auch danach verhalten muss.«

Sie legte den Kopf schief. »Warum nicht?«

Er stieß heftig den Atem aus. Es war ein Laut zwischen Lachen und Stöhnen. »Zunächst mal, weil ich Polizist bin.«

»Haben Polizisten keinen Sex?«

Er konnte nicht glauben, dass sie dieses Gespräch führten. »Nicht im Dienst.«

Was meistens zutraf. Jedenfalls bei ihm. Er war horizontal nicht mehr tätig gewesen seit … Gott, seit er zum letzten Mal im Urlaub zu Hause gewesen war, vor über achtzehn Monaten. Seine kurze Ehe hatte seinen ersten Einsatz nicht überlebt, und seither war niemand mehr interessiert genug gewesen, um auf seine Rückkehr zu warten.

»Wann sind Sie nicht im Dienst?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Was – Sie wollen ein Date?«

Selbst Sarkasmus brachte dieses Mädchen nicht aus der Ruhe. »Ich würde Sie wiedersehen wollen, ja. Ich bin auch … interessiert.«

Sie wollte ihn.

Nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte.

Er räusperte sich. »Ich bin nie außer Dienst. Bis zum Memorial Day bin ich der einzige Polizist auf der Insel.«

»Ich lebe nicht hier auf der Insel. Ich bin nur« – wieder eine Pause, als wäre Englisch eine Fremdsprache für sie – »auf der Durchreise«, beendete sie den Satz lächelnd.

Als wäre es völlig in Ordnung, wenn er eine Touristin flachlegte.

Na ja, war es nicht auch so?

Der Gedanke tauchte plötzlich ungebeten in seinem Kopf auf. Er wollte sie ja nicht verhaften. Er verdächtigte sie keines anderen Vergehens als des Wunsches, mit ihm zu schlafen, und er war nicht so scheinheilig, ihr das zur Last zu legen.

Aber er verstand diese Anziehungskraft nicht, die sie angeblich spürte. Die er spürte.

Und Caleb traute nichts über den Weg, was er nicht verstand.

»Wo wohnen Sie?«, fragte er. »Ich bringe Sie nach Hause.«

»Versuchen Sie, mich loszuwerden?«

»Ich versuche, für Ihre Sicherheit zu sorgen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Und sehr unnötig.«

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und verlagerte sein Gewicht auf die Fersen. »Wollen Sie mich jetzt loswerden?«

Sie lächelte, wobei ihre Zähne im Mondlicht weiß aufblitzten. »Nein.«

»Also was dann?«

Sie wandte sich zum Gehen. Ihre Füße hinterließen kleine, reflektierende Pfützen im Sand. »Also werde ich Sie wiedersehen.«

Es widerstrebte ihm sonderbarerweise, sie gehen zu lassen. »Wo?«

»Hier. Am Strand. Ich gehe abends am Strand spazieren.« Sie sah über die Schulter zu ihm zurück. »Kommen Sie mich doch mal besuchen … wenn Sie nicht im Dienst sind.«

[home]

2

Das Tuten der Sechzehn-Uhr-Fähre durchdrang die klare Luft wie eine Sirene und bohrte ein Loch in die Stille von Calebs Büro.

Mit fester Hand stellte er die Kaffeetasse auf der Schreibunterlage vor sich ab.

Schon nach sechs Wochen verkrampfte er sich bei dem anschwellenden Heulton nicht mehr, um auf die unausweichliche zweite Explosion zu warten, die Zivilisten und Retter gleichermaßen mit sich riss. Er war mit diesem Pfeifen aufgewachsen, hatte die Fähre auf dem Heimweg von der Schule genommen. Und wenigstens ein Teil von ihm akzeptierte, dass er nun wieder zu Hause war. Allmählich drangen die vertrauten Geräusche und Rhythmen der Insel wieder in sein Bewusstsein und riefen beruhigende Echos in seinem Blut hervor. Der Schrei der Möwen, das An- und Abschwellen der Gezeiten und das allmorgendliche Tuckern der Hummerboote trösteten ihn wie das Schaukeln einer Mutter.

Ein Fortschritt, dachte er trocken. Vielleicht würde er in zwei Monaten imstande sein, die Straße entlangzugehen, ohne dass sich Nacken und Kiefer verspannten und ohne dass er die Eingänge und Dächer nach Heckenschützen absuchte. Vielleicht würde er auch wieder anfangen, die Nächte durchzuschlafen.

Das Bild Margreds – Margarets – flackerte in ihm auf: ihr wallendes, dunkles Haar, ihre runden Brüste unter dem weiten Pullover. »Kommen Sie mich doch mal besuchen … wenn Sie nicht im Dienst sind.«

Okay, keine gute Idee. Nach dem Chaos, in das er seine Ehe gestürzt hatte, hütete sich Caleb davor, noch eine Beziehung aus lauter Einsamkeit und Bequemlichkeit einzugehen.

Aber wenigstens hatte er sich in den paar Minuten am Strand gestern Abend wieder lebendig gefühlt.

Es klopfte an seiner Tür. Edith Paine, die Stadtsekretärin, streckte ihren glatten grauen Bob in Calebs Büro. Edith hatte dem Rathaus schon vorgestanden, bevor das derzeitige Gebäude erbaut worden war. Sie schrieb für die Stadt Rechnungen und stellte Genehmigungen aus, sie führte den Terminkalender der Bürgermeisterin und nahm tagsüber auch eingehende Notrufe an. Caleb ging immer mit dem Gefühl an ihrem Schreibtisch im Vorzimmer vorbei, dass er seine Schuhe abtreten sollte.

Sie schnaubte. »Bruce Whittaker möchte Sie sprechen.«

Edith hatte Whittakers Beschwerde vom gestrigen Abend nicht entgegengenommen, denn nach den Bürozeiten wurden eingehende Anrufe für die Polizei auf Calebs Handy umgeleitet. Es gefiel ihr wohl nicht, dass sie nicht im Bilde war.

Oder vielleicht, dachte Caleb, mochte sie Whittaker einfach nicht.

»Danke. Sagen Sie ihm, dass er reinkommen kann.«

»Sie werden ihn hinauslassen müssen«, erwiderte sie. »Ich gehe um vier.«

»Klar. Sie können doch Oprah nicht verpassen«, witzelte Caleb.

Edith rümpfte die Nase. »Ich muss um halb fünf zum Kickboxen ins Gemeindehaus.« Sie wandte den Kopf und sagte über die Schulter: »Sie können jetzt hinein. Er hat nichts zu tun.«

Nichts, das nicht warten konnte. Caleb warf den Katalog für Hightech-Spezialeinsatzzubehör auf den Schreibtisch und blickte auf.

Weiß, männlich, einen Meter achtzig groß, drahtige Statur. Bruce Whittaker trug sein braunes Haar kurz und die Hemdärmel hochgekrempelt. Caleb schätzte sein Alter auf Mitte vierzig und sein Einkommen beträchtlich höher.

»Mr. Whittaker, was kann ich für Sie tun?«

»Sie können etwas gegen diese Störenfriede an meinem Strand tun.«

Die Landspitze war öffentlicher Grund und Boden, aber die Frage war keinen Streit wert.

Caleb hob die Augenbrauen. »Sie sind wieder da?«

»Sie sind heute früh zurückgekommen, um ihre Autos zu holen.«

»Was ist denn das Problem?«

»Sie hätten sie verhaften sollen.«

Caleb streckte die Hände auf der Schreibtischunterlage aus. »Ich habe ihre Personalien aufgenommen. Und Stowe wird vor Gericht erscheinen müssen.«

»Ich will, dass er ins Gefängnis kommt«, sagte Whittaker.

Caleb wies mit dem Kopf auf die Tür aus Glas und Stahl, die das Büro des Polizeichefs von den beiden kleinen Hafträumen trennte. »Wir haben weder den Platz noch das Personal, um hier Sheriff zu spielen. Wenn ich jemanden einsperre, verbringe ich mit ihm die Nacht im Gefängnis. Es macht mir nichts aus, auf einer Pritsche zu schlafen, wenn jemand wirklich ein Verbrechen begangen hat. Aber ich verzichte nicht auf mein Bett, nur weil irgendein Halbstarker Bier für seine Kumpel gekauft hat.«

»Sie haben das Gesetz übertreten«, beharrte Whittaker. »Meine Strandrechte reichen bis zur Niedrigwasserlinie.«

Korinthenkacker, dachte Caleb.

»Innerhalb Ihres Grund und Bodens, ja«, gab er zurück. »Diese Jugendlichen haben sich aber auf öffentlichem Land befunden.«

»Trotzdem haben sie das Gesetz verletzt.«

»Ja, das haben sie«, pflichtete Caleb ihm bei. »Aber ich schätze, sie werden es nie wieder tun, jetzt, da sie wissen, dass Sie sie im Visier haben. Ich kann ja die nächsten paar Nächte nachsehen, ob sie wieder dort aufkreuzen.«

Oder ob sie wieder auftaucht. Die Frau. Margred.

Caleb schüttelte den Kopf. Er hatte bereits versucht, sie ausfindig zu machen. Edith hatte noch nie von ihr gehört. Bei Island Realty gab es keine Einträge zu einer dunkelhaarigen jungen Frau namens Margaret, Nachname unbekannt, niemand erinnerte sich an sie. Als Chef der örtlichen Polizei hatte er Besseres zu tun, als einer Traumfrau vom Strand nachzujagen. Aber die fehlenden Informationen über sie erregten seine professionelle Neugier.

Unter anderem.

»Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie jemanden sehen«, meinte Whittaker. »Wenn Sie sie wieder dabei erwischen, dass sie Feuer machen, knöpfe ich sie mir vor.«

»Sie werden erlauben, dass ich sie mir vorknöpfe«, widersprach Caleb. »Ich werde Touristen oder Halbstarke nicht zum Freiwild erklären.«

»Ein Feuer, das außer Kontrolle gerät, könnte das ganze Ökosystem der Insel vernichten.«

Als Sohn eines Hummerfischers wusste Caleb, wie anfällig die Inselumwelt war … und wie fragil ihr Gleichgewicht. Das Überleben der Inselbewohner – der echten Inselbewohner – hing sowohl vom Meer als auch vom Tourismus ab. Etwas, das ein Zugezogener wie Whittaker nie begreifen würde.

Er begleitete ihn nach draußen und begann seinen Abendrundgang durch die Stadt.

Die abfallende Silhouette von verwitterten grauen Läden und Wohnhäusern trennte das harte, helle Blau des Himmels von dem tieferen, wilderen Blau der See. Ein halbes Dutzend Highschool-Kids – die Jungs in Stiefeln und Flanellhemden, die Mädchen in Flipflops und bauchfreien Jeans – verließ die Fähre und zerstreute sich an Land. Möwen kreisten über den Booten im Hafen und schrien ihnen hinterher. Alles wirkte klar, heiter und sehr weit entfernt, als würde man verkehrt herum durch ein Fernglas blicken.

Oder ein Zielfernrohr.

Caleb holte tief Luft und schlenderte hügelabwärts, an der Sea-View-Pension und Wiley’s Market vorbei. Das Barlow-Haus hatte man nun in eine Kunstgalerie verwandelt, und das alte Thompson-Cottage war zum Fremdenverkehrszentrum herausgeputzt worden. Aber die schmalen Straßen und kleinen Gärten hatten sich in den letzten fünfzehn Jahren nicht verändert. In den letzten fünfzig Jahren.

Das war es, was er brauchte, sagte er sich. Das Gefühl von Gemeinschaft, Stabilität. Hier konnte er die Puzzleteile eines normalen Lebens zusammensuchen, um wieder ganz zu werden.

Aber heute fand er die behaglichen, spießigen Häuser und den stillen Hafen genauso hübsch und geistlos wie die Postkarten in den Andenkenläden. Unzufriedenheit lastete schwer und tödlich auf seiner Brust wie Dynamit, das gleich explodieren würde. Einen Augenblick lang konnte er nicht atmen.

Er zwang sich, weiter den unebenen Bürgersteig entlangzugehen, während sein Blick zwischen den Gebäuden hin und her huschte. Als würden jeden Moment Rebellen hinter dem Lighthouse Gift Shop hervorbrechen und das Feuer eröffnen.

Caleb ging weiter. Positive Bewältigungsstrategien hatte ihm der Seelenklempner geraten. Training. Arbeit. Positives Denken.

Sex.

Was ihn wieder zu der Frau vom Strand brachte, ihren großen, dunklen Augen, ihrem breiten, üppigen Mund. Ihren Brüsten.

Intime Beziehungen fördern die Entspannung und geben Ihnen praktischen und emotionalen Rückhalt, hatte der Militärarzt gesagt.

Okay, Ausschau nach einer ausländischen Touristin zu halten, die auf Uniformen stand, war wahrscheinlich nicht das, was der Seelenklempner gemeint hatte, aber man musste ja schließlich irgendwo anfangen. Wenigstens hatte sich Caleb bei seiner Begegnung mit ihr nicht an Mosul erinnert. Zum Henker, er hatte sich kaum an seinen eigenen Namen erinnert. Und es hatte einen Sekundenbruchteil gegeben, beim Blick in diese unergründlichen Augen, da hatte er … mehr als Verlangen gespürt.

Eine Verbindung.

Die hell erleuchteten Fenster und die rote Markise von Antonias Ristorante (»Pizza! Backwaren! Sandwiches!«, verkündete das Schild) grüßten freundlich auf den Gehsteig. Die Glocke läutete, als Caleb die Tür aufdrückte.

Regina Barone stand in einer weiten, weißen Schürze und mit verwirrtem Stirnrunzeln hinter dem Tresen. Ihr Haar war aus dem schmalen Gesicht zurückgestrichen.

Als die Glocke ertönte, sah sie auf, und ihre Stirn glättete sich. »Hi, Cal.«

Er lächelte. »Reggie.«

Sie kannten sich schon seit ewigen Zeiten. Er erinnerte sich an sie als spindeldürres, herbes, ehrgeiziges Mädchen, das unbedingt die Insel und das strenge Regiment ihrer Mutter hinter sich lassen wollte. Ihm war zu Ohren gekommen, dass sie es in einem In-Restaurant in New York oder Boston zum Souschef gebracht hatte. Jetzt hatte sie eine Tätowierung auf dem Handgelenk und trug ein kleines goldenes Kruzifix am Hals.

Aber nun war sie wieder zurück auf World’s End und arbeitete im Familienbetrieb. Nun waren sie beide wieder zurück.

Warum wollte er keinen Sex mit ihr?

Reginas achtjähriger Sohn Nick saß in einer der roten Vinylboxen und kritzelte etwas.

»Was machen die Hausaufgaben?«, fragte Caleb.

Nick zuckte mit den Schultern. Er war ein hübscher Bursche, der von seiner Mutter die schmale Statur und die ausdrucksvollen italienischen Augen geerbt hatte.

»Bruchrechnen«, erklärte Regina. »Er hasst es.«

Nick schob das Kinn vor. »Ich verstehe bloß nicht, wozu ich das brauche, das ist alles. Nicht, wenn ich Nonna im Restaurant helfen soll.«

Regina presste die Lippen zusammen.

»Du musst Bruchrechnen können«, erwiderte Caleb. »Wie sonst sollst du eine Pizza halb mit Pilzen, halb mit Peperoni belegen können?«

Regina warf ihm einen dankbaren Blick zu. »Das stimmt«, sagte sie zu Nick. »Wenn du in der Küche arbeitest, brauchst du das Bruchrechnen. Eine halbe Tasse. Drei Viertel eines Teelöffels.«

»Kann schon sein«, gab Nick zurück. Er beugte sich wieder über seine Hausaufgaben.

Regina lächelte Caleb an. »Was kann ich für dich tun?«

Er hörte eine Einladung aus ihren Worten heraus, vorsichtig, aber doch unverkennbar. Sie war eine gute Frau, hatte einen tollen Jungen und schleppte gerade genug mit sich herum, dass es seine eigene Last aufgewogen hätte. Er versuchte, etwas zu spüren, einen Funken, Anziehungskraft, und fühlte … Betäubung.

»Was gibt es heute?«, fragte er.

»Außer Pizza?« Schulterzuckend wischte sich Regina die Hände an der Schürze ab und nickte zur Kühlvitrine hinüber. »Hummerrollen, Muschelsuppe, Zitronenhühnchen, Krabben-Tortellini-Salat.«

»Klingt gut«, entgegnete Caleb. »Weiß deine Mutter, dass du jetzt die Leute vom Jachthafen belieferst?«

Reginas Blick wurde kühl. »Wir haben darüber gesprochen. Was möchtest du denn?«

Da ist was im Busch, dachte Caleb. Aber solange die Barones nicht mit Küchenmessern nacheinander warfen, ging ihn das nichts an. »Wie wäre es mit zwei Hummerrollen und … äh … einem großen Salat.«

»Kommt sofort.«

»Bin fast fertig«, verkündete Nick.

Caleb sah zu seiner Nische. »Schön für dich.«

»Darf ich nachher deine Pistole sehen?«

»Dominick Barone …«

»Ist schon okay, Reggie. Ich kann dir meine Pistole nicht zeigen«, sagte Caleb zu Nick. »Ein Polizist darf seine Waffe nicht in der Öffentlichkeit ziehen, es sei denn, er will sie gebrauchen. Aber du darfst dir die Handschellen anschauen.«

Nicks Augen weiteten sich. »Wirklich? Cool.«

Caleb zeigte ihm, wie die Handschellen funktionierten, und beobachtete amüsiert, wie sich der Junge an einem Tischbein ankettete.

»Cool«, echote Regina. Sie stellte die Papiertüte zum Mitnehmen auf den Tisch. »Was zu trinken?«

»Zu trinken?«, wiederholte Caleb vorsichtig.

Ihr Mund zuckte. »Ja. Was trinkst du dazu?«

Er trank kaum. Egal, wie schlecht er schlief, egal, wie viel es zu vergessen galt, er würde die Fehler seines Vaters nicht machen. Aber diesmal war die Geste wichtiger als das Prinzip.

»Hast du einen Wein, der dazu passt?«, fragte er.

»Einen Pinot Grigio im mittleren Preissegment vielleicht?«

»Hört sich gut an. Danke.«

Regina tütete den Wein ein und stülpte zwei Plastikbecher über den Flaschenhals.

Caleb bemerkte, dass Nick Mühe hatte, den Schlüssel in das Handschellenschloss zu stecken, und grinste. »Lass mich das machen«, sagte er und schloss auf.

Nick rieb sich die dünnen Handgelenke. »Kann ich sie morgen zur Schule mitnehmen?«

»Ich sollte sie lieber behalten. Vielleicht brauche ich sie ja.«

»Hast du noch ein heißes Date?«, neckte Regina.

Er räusperte sich. »Es ist noch zu früh, etwas dazu zu sagen.«

»Aha. Sei vorsichtig, Chief. Du warst lange genug weg, um wieder interessant zu sein. Nick ist nicht der Einzige auf der Insel, der es gar nicht erwarten kann, mal deine Kanone zu testen.«

Er spürte, wie er rot wurde. Er suchte nach seiner Brieftasche. »Ja, na ja, was immer du gehört hast, Edith hat sich noch nicht an mich rangemacht.«

Regina lachte und bonierte seine Bestellung. Er bedankte sich, zahlte und ging.

Die Spätnachmittagssonne setzte die Boote im Hafen in Brand und ließ sie rot, gelb und weiß aufleuchten.

Hatte er sie belogen? Oder belog er nur sich selbst?

 

Picknickdecke, Kühlbox, Korkenzieher, Kondom.

Wie ein übereifriger Pfadfinder war Caleb auf alles vorbereitet. Sein Blick schweifte über den leeren Strand und die ruhige, funkelnde See. Das Einzige, was fehlte, war das Mädchen.

»Ich gehe abends am Strand spazieren«, hatte sie gesagt.

Vielleicht war er zu früh. Die Sonne würde erst in einer Stunde untergehen.

Vielleicht kam sie nicht. Mit ihrer geschnurrten Einladung gestern Abend hatte sie sich vielleicht nur über ihn lustig machen wollen.

Vielleicht sollte er heimgehen.

»Ich will, dass Sie Verbindung zu mir aufnehmen.«

Er sah nach links, wo der Strand Richtung Fisherman’s Wharf anstieg, und nach rechts, wo er in ein Durcheinander aus Felsen und Schlamm mündete. Etwas körperliche Ertüchtigung würde ihm nicht schaden.

Er hob die Kühlbox hoch und wandte sich nach rechts.

Auf der anderen Seite der Landspitze wurden die Felsen größer, was ihm das Gehen erschwerte. Bäume säumten den Strand und zwangen ihn, den Weg am Wasser zu wählen. Die Kühlbox schlug gegen seinen Körper und brachte ihn aus dem Tritt. Seine Schritte wurden ruckartig. Sein linkes Knie schmerzte.

Von all seinen schwachköpfigen, dumpfbackigen Einfällen war das …

Und dann sah er sie. Margred. Ihre langen, nackten Beine sahen unter einem flatternden, sarongartigen Rock hervor, die runden Brüste drückten gegen die winzigen Dreiecke eines Bikinitops, und ihre wilde, strähnige Mähne wehte im Wind, als wäre sie eine Göttin, die dem Meer entstiegen war. Sein Herzschlag setzte beinahe aus, es verschlug ihm den Atem. Ihr Anblick verwandelte ihn von einem misstrauischen Inselpolizisten zu einem schwitzenden Teenager, der ein Bademodenmodel in seiner ersten Sports Illustrated anglotzte.

Er wartete, bis genug Blut in sein Gehirn zurückgekehrt war, dass er wieder Worte formulieren konnte. »Sie sind da.«

Ihre vollen Lippen kräuselten sich. »Ich habe auf Sie gewartet.«

»Ihnen muss kalt sein.« Ihr Aufzug – volle Brüste, straffe Schenkel, bleicher Teint, mein Gott – war passender für einen Segeltörn durch die Bahamas als für die Küste von Maine. Caleb zog seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. Dabei versuchte er, sie nicht zu berühren. »Hier.«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte sie. »Mir ist nie kalt.«

Er sah auf ihr Dekolleté und die blasse Wölbung ihres Bauchs, und ihm schoss das Blut in den Kopf, dass ihm schwindelig wurde. Er wich vor ihr zurück, bevor er vergessen konnte, dass er ein ehrwürdiger Vertreter des Gesetzes war und wie ein notgeiler 20-jähriger Soldat nach einem neunmonatigen Einsatz über sie herfiel.

»Wir könnten unter die Bäume gehen«, schlug er vor. »Dort wäre es weniger windig.« Und privater.

Sie sah die Landzunge entlang und dann zurück in sein Gesicht. »In Ordnung.«

Er folgte ihr in den kühlen, dunklen Schatten der Bäume. Verwitterte Picknicktische standen auf dem unebenen Waldboden.

Caleb blickte von der Jacke, die um ihre Schultern hing, zu der Feuerstelle mit dem Grillrost. »Ich könnte Feuer machen.«

Ja, denn das würde ihm helfen, sich wieder abzukühlen.

Sie lehnte sich an einen der Tische, und dabei fiel der Sarong, den sie trug, auseinander und enthüllte die lange, schöne Linie ihrer Schenkel. Ihre Augen flackerten. »Wenn Sie wollen. Was kann ich tun, während Sie Ihr Feuer machen?«

Ein echter Sharon-Stone-Augenblick, dachte er, während sein Blut pochte und seine Zähne mahlten. Der perfekte Fick, und dann stirbt man.

Auf diese Art konnte er sein Leben nicht wieder zusammensetzen. Er wollte mehr als einen One-Night-Stand. Ein schönes Essen, Wein, Gespräche … alles, was eben zu einem normalen Date gehörte. Einem normalen Leben.

Und erst dann Sex.

Um ihr zu gefallen, um sie zu reizen und sich selbst auf die Probe zu stellen, legte er seine Hände auf den Picknicktisch. Nun saß sie zwischen seinen Armen in der Falle. Sie war so nah. Warm und nah. Zum Henker, sie war heiß, und auch ihm wurde sekündlich heißer. Er beugte sich vor, von ihrer Nähe und Wärme, von diesen riesigen, dunklen, hungrigen Augen wie magisch angezogen, und er hörte es in seinen Ohren rauschen wie von der Brandung des Meeres.

Er war dabei, zu ertrinken.

Er zog sich zurück. »Du könntest die Kühlbox auspacken.« Margred wich ruckartig zurück und suchte seinen Blick. »Was?«

Caleb drehte sich um und ging vor der Feuerstelle in die Hocke. Dabei ignorierte er das Zwicken in seinem zusammengenagelten Bein. »Ich habe etwas zum Essen mitgebracht. In der Kühlbox. Du könntest alles auspacken, während ich Feuer mache.«

 

Margred starrte auf seinen langen, starken Rücken. Frustriert. Amüsiert. Erbost. Sex war noch nie solch ein Problem gewesen. Menschenmänner waren allzeit bereit. Jeder andere Mann hätte sie auf dem Tisch flachgelegt und es ihr besorgt.

»Du musst mich nicht füttern«, sagte sie.

Feuer schlug an den Rost. Caleb stand auf und drehte sich zu ihr um. Ein Lachen umspielte seinen Mund. »Dir wird nie kalt. Hast du auch nie Hunger?«

Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Nicht nach Essen.«

Er lachte. Er hatte ein schönes Lachen, tief und ironisch, aber seine Augen blieben davon unberührt und traurig. »Ich dachte, Frauen mögen es, wenn man sie umwirbt.«

Sie wusste nicht, was Frauen – Menschenfrauen – mochten. »Es ist nicht nötig«, wiederholte sie.

»Vielleicht nicht für dich. Ich dachte, wir könnten uns etwas besser kennenlernen.«

Es war ihm ernst.

»Warum?«, fragte sie.

Er hielt ihrem Blick stand. Seine Augen waren grün, von der Farbe der See an einem wolkenverhangenen Tag. »Weil du eine sehr attraktive Frau bist.«

Sein Kompliment traf sie unvorbereitet, und ihr Ärger schmolz dahin. Sie konnte sich doch sicher dafür revanchieren?

Sie stieß den Atem aus. »Was willst du wissen?«

Ein Mundwinkel verzog sich nach oben. »Wir könnten ja damit anfangen, ein paar Eckdaten auszutauschen. Familienstand, Gesundheitsstatus, Herkunftsland. Ich kenne nicht mal deinen Namen.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich Margred heiße. Margaret.«

»Wie nennt man dich? Meg? Maggie? Peggy?«

»Nicht Peggy.« Sie legte den Kopf auf die Seite. »Mir gefällt Maggie.«

»Maggie«, wiederholte er leise.

Seine tiefe Stimme ließ sie erschauern. Sie spürte ein Ziehen unterhalb ihres Brustbeins.

Oh, das würde nicht funktionieren, dachte sie bestürzt. Dazu war sie nicht hergekommen.

»Bist du verheiratet, Maggie?«, fragte er mit seiner warmen, hypnotisierenden Stimme.

Er meinte, ob sie einen Gefährten hatte. Sie schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben. »Das war früher. Er ist tot.«

»Das tut mir leid.«

Sein Mitgefühl glitt ihr unter die Haut wie ein Messer. »Es ist schon lange her.« Über vierzig Jahre. Lange genug, um die Hoffnung aufzugeben, dass ihr ermordeter Gefährte jemals wiedergeboren und zu ihr zurückkommen würde. Wohlüberlegt überschlug sie die Beine und ließ ein sinnliches Lächeln aufblitzen. »Was heute passiert, ist mir wichtiger.«

Der Mann beobachtete sie aus seinen ernsten grünen Augen. »Und was passiert heute?«

»Das«, sagte sie und streckte die Hand nach ihm aus.

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3

Ihre Augen waren riesig und dunkel, tief genug, um ihn zu ertränken, weit genug, um ihn mit Haut und Haar zu verschlucken. Sie schlang die Arme um Calebs Hals, zog ihn zwischen ihre glatten, nackten Schenkel und küsste ihn.

Ihr Mund war schmeichelnd heiß, feucht und hungrig. Sie schmeckte wie einer dieser Mädchencocktails mit Schirmchen, süß, mit einer herben Note, die direkt zu Kopfe stieg.

Er war sofort scharf. Unglaublich scharf.

Caleb schloss die Augen und sog sie ein, den Duft ihres Haars, den salzigen Geschmack ihrer Haut und die heiße, wilde Süße ihres Mundes. Ihre Brüste – sie hatte erstaunliche Brüste – drückten sich an ihn. Ihre Hände glitten von seinem Nacken herab und seine Brust hinunter. Sie begann, seinen Gürtel zu öffnen.

Er sog geräuschvoll den Atem ein. Es war verflucht unglaublich. Wie ein abgefahrener Traum.

Nur waren Calebs Träume seit Mosul nicht mehr so gut gewesen.

Nichts hatte sich jemals so gut angefühlt.

Mit einem kleinen Laut der Befriedigung umschloss sie ihn mit der Hand und zeichnete seine Form durch die Jeans nach, so dass er fast seine Zunge verschluckt hätte. Er war wie weggetreten. Oder er würde es bald sein, wenn er nicht etwas dagegen unternahm.

Ihre Hand ging auf Erkundungsreise, setzte ihn in Brand und drohte, sein umsichtiges Vorhaben in Rauch aufgehen zu lassen.

Er grub die Finger in ihr Haar und bog ihren Kopf zurück, um ihr Gesicht sehen zu können. Sie begegnete herausfordernd seinem Blick, die weit aufgerissenen Augen dunkel vor Wissen und Verlangen, während ein winziges Lächeln diesen schlüpfrigen roten Mund verzog.

Warum sollte er etwas unterbinden wollen, das der phantastischste Sex seines Lebens werden konnte?

Sie war keine Rebellin, kein Opfer, keine Prostituierte aus der Dritten Welt und auch nicht seine Ex-Frau. Sie war wie niemand, den er jemals gekannt hatte. Er konnte mit ihr tun, was immer er wollte.

Das Blut raste durch seinen Körper, dröhnte in seinen Ohren. Und aus irgendeinem Grund wollte sie … ihn.

Er stützte ihren Hinterkopf mit seiner Hand und eroberte ihren Mund mit seinem. Heiß. Ihr Kuss war süß und heiß, ihre Haut warm und feucht vor Verlangen. Ihre Hände ließen von ihm ab und wanderten hinter ihren Rücken. Er rang seine Enttäuschung nieder. Aber dann fielen die winzigen Dreiecke des Bikinis in ihren Schoß und gaben ihre Brüste seinen Blicken frei. Seinen Berührungen. Er bedeckte sie mit den Handflächen, prüfte ihre Form, ihr Gewicht, ihre atemberaubende Weichheit.

Sie zerrte an seiner Gürtelschnalle, nestelte kurz an seinem Reißverschluss. Er schob ihre Hände beiseite, um zu helfen, während er noch immer zwischen ihren Beinen stand und sie auf dem Picknicktisch lag.

Seine eigenen Hände zitterten. Ein bisschen übereifrig, du Held. Würde sie es bemerken? Oder war sie zu abgelenkt, zu elektrisiert von der blauroten Narbe an seinem Schenkel, um seine Reaktion zu bemerken?

Sie sagte nichts zu seiner Narbe. Sie schob die Jeans und seine Unterhose herunter, legte seine tanzende Erektion frei und massierte seinen nackten Hintern. Als wollte sie das hier. Wollte ihn, mit Narbe und allem Drum und Dran.

Unglaublich.

Er hatte noch genug Hirn übrig, um in seiner zu Boden rutschenden Hosentasche nach der Brieftasche zu wühlen.

Margred runzelte die Stirn, als er das Kondom zutage förderte. »Das brauchen wir nicht.«

Er sah hinab auf seine dunkle Erektion, die sich gegen die beschattete Wölbung ihres Bauchs drängte, und bemühte sich um einen beiläufigen Ton. »Sieht aber so aus, als würde sich das bald ändern.«

»Ich meinte: Ich habe keine Krankheiten«, erklärte sie.

»Ich auch nicht«, entgegnete er. Die Army prüfte und testete einfach alles. Und seit seinem Abschied hatte es keine Frau mehr gegeben.

Mit einem Finger strich sie über das krause Haar in seiner Leiste und weiter über die ganze Länge seines Schwanzes bis hin zu der stumpfen, empfindlichen Spitze. Eine andere Anspannung packte ihn. »Ja, du wirkst … gesund.«

Abgesehen von der zerklüfteten blauroten Narbe, die seinen Schenkel hinablief, und den Nägeln und Platten, die ihn zusammenhielten, ging es ihm auch gut.

Der Anblick ihres schlanken, zärtlichen Fingers raubte ihm fast die Worte. »Trotzdem könntest du schwanger werden.«

»Nein«, widersprach sie, bückte sich und ersetzte ihre Hand durch ihren Mund.

Ein Ruck ging durch seinen Körper, als wäre er vom Blitz getroffen worden. Ihr Haar floss über seinen Schenkel und streifte seinen Bauch, als sie ihn tief in sich aufnahm. Der heiße, nasse Sog legte seinen Verstand lahm. Hitze wallte in seinem Hinterkopf auf, in seinen Eiern. Er verlor sich. Er verlor die Kontrolle.

Er drückte sie auf den Picknicktisch zurück und umfasste ihre Knie. Er musste bei ihr sein. In ihr. Näher. Jetzt.

»Warte«, keuchte sie.

Er erstarrte.

Sie schlüpfte aus seiner Jacke und stieg aus dem Bikinihöschen. Er starrte sie an. Sie hatte keine Bräunungsstreifen. Überhaupt keine Bräune. Nur glatte Muskeln und volle Kurven, kleine, rosafarbene Nippel und einen dichten, dunklen Busch im Kontrast zu ihrer cremefarbenen Haut.

Sie legte sich zurück und lächelte ihn an. »Jetzt.«

Ja.

Alle Schranken fielen. Seine Kontrolle bröckelte. Er spreizte ihre Beine weit. Sie war bereit. Feucht.

Gut.

Er wollte, dass es ihr gefiel. Dass es eine bleibende Erinnerung wurde.

Aber da griff sie schon nach ihm mit ihrer süßen, weiblichen Hitze und ihren kleinen, festen Händen, und ihre Hüften hoben sich, um ihn aufzunehmen, ihn ganz und gar aufzunehmen, und der Drang, der ihn vorwärtstrieb, schwoll an und brach sich Bahn. Sie bewegte sich mit ihm und unter ihm, stöhnte und schrie leise auf, und ihre Brüste wippten, während er in sie stieß. Ihre Schenkel schlossen sich enger um seine Taille. Ihre bloßen Fersen ritten auf seinem Hintern. Er umklammerte sie wie ein Ertrinkender, sein Kopf tanzte hin und her, seine Brust wogte. Beide waren schweißüberströmt. Er erschauerte, bebte, löste sich auf. Er spürte, wie sie den Gipfel erklomm, spürte, wie sie sich ihm entgegenwölbte, ihn umfloss, und als sie sich von ihm löste, ließ auch er los, gab auf, gab ihr alles.

Er senkte den Kopf. Sein Geist war leer, ebenso wie sein Körper. Friedlich.

Das Geräusch der Brandung trommelte in seinen Ohren wie das Echo seines Herzschlags. Eine Meeresbrise fuhr durch die Bäume und fächelte seinen bloßen Hintern. Seine Hose hing ihm zerknittert um die Knie.

Er hob den Kopf.

Sie lag still da. Ihr geschmeidiger, bleicher Körper war auf dem verwitterten Holz hingestreckt wie ein exotisches Picknick. Während sie ihn beobachtete, glühten ihre Augen im Feuerschein.

Er wollte ihr etwas geben. Ihr etwas sagen. Ihr danken. Doch er wusste nicht, wie. Er kannte sie nicht.

»Caleb«, sagte er.

Ihre dunklen Augenbrauen hoben sich. »Was?«

»Das ist mein Name«, erklärte er. »Caleb.«

 

Margred brauchte seinen Namen nicht zu erfahren. Sie wollte nichts über ihn wissen. Sie suchte sich Menschenmänner aus, um mit ihnen zu schlafen, weil sie nur kurz lebten und ihre Aufmerksamkeitsspannen noch kürzer waren.

Aber der hier …

Er betrachtete sie mit seinen traurigen, ruhigen Augen. Sein harter, vernarbter Körper war noch immer mit ihrem verbunden, und etwas in ihr wurde weich und öffnete sich wie eine Seeanemone in der Gezeitenströmung.

Er hatte es ihr gut besorgt. Ihre Muskeln fühlten sich locker und entspannt an, das Prickeln in ihrem Blut war besänftigt. Im Gegenzug konnte sie wenigstens so tun, als würde sie sich für ihn interessieren.

»Caleb«, wiederholte sie, als würde sie seinen Namen ausprobieren, ihn auf der Zunge zergehen lassen, wie sie sich seinen Besitzer hatte auf der Zunge zergehen lassen.

Er lächelte flüchtig. »Caleb Michael Hunter.«

Michael, die Geißel der Dämonen. Und Hunter – ein Jäger … Unbehagen ergriff sie. Sie ignorierte es.

»Das sind kämpferische Namen«, bemerkte sie höflich.

»Kann schon sein.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich war in der Nationalgarde.«

»Du warst Soldat?« Das würde die Narben erklären, dachte sie. Und den verwundeten, misstrauischen Ausdruck in seinen Augen.

»Im Irak.«

Sie nickte, als würde sie verstehen. »Willst du darüber reden?«

Sein Mund wurde schmal. »Nein.«

»Gut.« Sie wand sich unter ihm. »Ich auch nicht.«

Ein Lachen hellte sein Gesicht auf und vertrieb die Schatten aus seinen Augen. »Wir müssen uns für die nächsten zwanzig Minuten eine Beschäftigung suchen, Maggie. Du hast mich fertiggemacht.«

Das hatte sie nicht.

Sie hätte es gekonnt. Sie konnte dafür sorgen, dass er auf sie einging, ihn zwingen, ihr zu dienen, wie eine Muschelschale leer für sie zu werden. Aber sein Humor gefiel ihr, genau wie seine ironische Selbstzerfleischung.

Sie ließ ihn los, streckte sich und setzte sich auf. »Du hast etwas zu essen mitgebracht, hast du gesagt?«

Er stand unbewegt da, noch immer die Hosen um die Knie, während sie sich das Haar mit den Fingern kämmte. Der Feuerschein glitt über seinen starken, männlichen Körper: die breite, behaarte Brust, den flachen, definierten Bauch und die schweren Genitalien. Ziemlich reizvoll, wirklich.

»Sandwiches«, antwortete er. »Und eine Flasche Wein.«

»Na dann.« Sie lächelte ihn an.

Er lachte und schüttelte den Kopf, während er sich die Hose wieder über die Hüften zog. »Ich dachte, du hast keinen Hunger.«

»Vielleicht hast du ja meinen Appetit angeregt.«

Auf mehr als Essen.

Sie suchte nicht die Gesellschaft von ihresgleichen. Sie und ihr Gefährte hatten getrennt voneinander gelebt. Die meisten Selkies waren Einzelgänger wie der Seehund, dem sie ähnelten. Selbst an Land, in menschlicher Gestalt, trafen sie sich selten, es sei denn zu Paarungszwecken. Als ihre Zahl zu schwinden begann und ihre ozeanischen Reviere größer wurden, gingen sie sich außerhalb von Sanctuary, wo der Sohn des Königs Hof hielt, meist aus dem Weg.

Aber dieser Sterbliche – »Mein Name ist Caleb«, hatte er gesagt – zog sie wie ein Feuer am Strand an. Sie fühlte sich von der tiefen grünen See in seinen Augen hypnotisiert, durch die Klangfarbe seiner Stimme verführt zu bleiben.