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"Welt, bleib wach" - Ein Buch der Bücher: Und mehr als 100 gute Gründe, warum Lesen heute Sinn - und immer neu Lust auf mehr macht. Warum es uns tiefer zu uns selber und auch näher zu den Erfahrungen und Sichtweisen anderer führt. Und warum es nicht nur Klarheit und Wissen, Kenntnisse und Einsichten vermittelt, sondern auch Stoff zum Staunen, Träumen und Wundern gibt. Überraschende Einblicke in packenden Lesebiographien von bekannten Autorinnen und Autoren aus allen Bereichen unserer Gesellschaft. Sie erzählen, was es ihnen selber gebracht hat, sich auf die Erfahrung, die Geschichten und Einsichten anderer einzulassen. Mit Beiträgen u.a. von Sebastian Fitzek, Martin Schulz, Julia Becker, Rüdiger Safranski, Anselm Grün, Philipp Lahm, Joachim Bauer, Claudia Roth, Stefan Aust, Miriam Meckel, Michael Winterhoff, Jürgen Osterhammel, Nina Ruge, Guildo Horn, Manfred Spitzer, Brigitte Mohn und vielen anderen.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Welt, bleib wach
Redaktion: Rudolf Walter
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Satz: post scriptum, Vogtsburg-Burkheim
E-Book-Konvertierung: Newgen Publishing Europe
ISBN (EPUB) 978-3-451-82004-5
ISBN 978-3-451-38550-6
Warum und wozu Lesen gut ist – Vorwort
Von Michael Busch
Der Weiße Wal der Literatur
Von Stefan Aust
Was das Internet nicht kann
Von Joachim Bauer
Am Anfang war die Zeitung
Von Julia Becker
Lebenshilfe gegen geistige Verdunkelung
Von Norbert Blüm
Schummelei in Waldbreitbach
Von Franz-Josef Brüggemeier
Außer Lesen nichts gewesen?
Von Matthias Deutschmann
Der nüchterne Blick der Wissenschaft
Von Lars P. Feld
Sorge dich nicht, lese!
Von Sebastian Fitzek
Emotionale Wucht – ein neuer Zugang zur Wirklichkeit
Von Ute Frevert
Vorstoßen in andere Räume und Zeiten
Von Peter Frey
Eine Welt ohne Bücher? Unvorstellbar!
Von Sigmar Gabriel
Fensteröffnungen und neue Horizonte
Von Ralph Ghadban
Vom Reichtum der eigenen Seele
Von Anselm Grün
Die Zukunft gehört dem Dialog
Von Armin Grunwald
Weil Nützlichkeit nicht alles ist
Von Gregor Gysi
Wir haben die Wahl!
Von Walter Homolka
Jeder liest so, wie er ist. Und so lese ich
Von Guildo Horn
Der Hund und der Knochen – Facetten der Leselust
Von Hans Joas
Abendländische Weisheiten
Von Ahmad Milad Karimi
»Im Lichte und in der Leichtigkeit sehen wir uns wieder«
Von Christoph Keese
Meine lebenslange Abenteuerreise
Von Walter Kohl
Ein Buch, das auf mich kam
Von Gerd Krumeich
Die Welt hinter den Buchstaben
Von Philipp Lahm
Die Zeichen erkennen. Aufstehen!
Von Mojib Latif
Handeln in der VUKA-Welt
Von Klaus M. Leisinger
Espresso für den Geist?
Von Felicitas von Lovenberg
So bleibt Leben spannend
Von Manfred Lütz
Weltweh und Weltlust. Was will man mehr?
Von Joachim Lux
Vom Zauber der Zeit
Von Stephanie Mair-Huydts
Goldfische im Livestream
Von Miriam Meckel
Lesen gefährdet die Dummheit
Von Jürgen Meffert
Zurück zum Wesentlichen
Von Brigitte Mohn
Deine Geschichte, meine Geschichte
Von Jordi Nadal
Aufmerksamkeitsökonomie: von Largo bis Prestissimo
Von Jürgen Osterhammel
Das Ententeich-Problem
Von Bernhard Pörksen
Blättern oder wischen?
Von Sandra Richter
Lesen wir dagegen an!
Von Claudia Roth
Meine weiße Nacht mit Dostojewskij
Von Patrick Roth
Die Seele liebt Bücher
Von Nina Ruge
»Ihr denkt immer, eure Welt wäre die wahre …«
Von Rüdiger Safranski
Erste Berührungen
Von SAID
Entdeckungen auf dem Weg zu uns selbst
Von Eberhard Schockenhoff
Alle meine Freunde im Regal
Von Friedrich Schorlemmer
Vielfalt schützen, Veränderung gestalten
Von Martin Schulz
Das Tempo wird schneller. Aber wer gewinnt?
Von Thomas Schulz
Wie eine Schwäche zur Stärke wurde
Von Manfred Spitzer
Vorlesen macht fürs Leben fit
Von Michael Winterhoff
Die Mitwirkenden
Ansteckungsgefahr
Wie wunderbar, im Buch zu lesen
Was einst in Dichters Kopf gewesen
Und nun in meinen rüber will
Ich bin gespannt und halte still
Da, jetzt, jetzt ist es angekommen
Oder war es schon vorher da?
Dem Dichter bleibt es unbenommen
Kunst steckt uns an wie Cholera
JOCHEN JUNG
Von Michael Busch
»Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen« (Jorge Bucay). Eigentlich ist das schon eine Antwort auf die Frage: »Warum ist Lesen gut?«, die mich seit Längerem umtreibt und mich – anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Thalia – zu der Branchenkampagne »Welt, bleib wach« angestiftet hat.
Eine Fähigkeit, die wir nicht verlernen dürfen
Kultur ist lebenswichtig, und zu einem guten Leben gehören Bücher, gehören Geschichten. Daran erinnert auch dieses Jubiläum: Die Erfahrung eines verheerenden Krieges, der erste große Kulturbruch des Jahrhunderts, saß noch tief in den Menschen, als 1919 in Hamburg, im Eckgebäude des Thalia-Theaters, eine Buchhandlung gegründet wurde. Nicht nur große Schauspieler wie Fritz Kortner, Elisabeth Bergner oder Alexander Moissi, auch viele kulturbegeisterte Hamburger gehörten zu den Stammkunden. Thalia, die Muse der Dichtung und Unterhaltung, ist bis heute in die DNA von Thalia eingeschrieben.
Eine andere Erinnerung gehört untrennbar dazu: Kultur ist immer auch gefährdet. Die Barbarei der Bücherverbrennung – in Hamburg am 15. Mai 1933 und am 30. Mai am Lübeckertordamm, nur zwei Kilometer Luftlinie vom Thalia-Theater und der Buchhandlung entfernt – bleibt in unserem Langzeitgedächtnis. Die Büchervernichter haben ihr Ziel nicht erreicht. Die inkriminierten Bücher haben die Diktatur überlebt.
Wer liest, bleibt wach – und kann wachsam auch auf die aktuellen Herausforderungen unserer komplexen, turbulenten und risikobehafteten Gesellschaft reagieren. Darin liegt auch der ideelle Sinn von Buchhandlungen: Sie stiften Gemeinschaft, indem sie im Zentrum unserer Städte bis heute kulturell wache, engagierte und interessierte Menschen zusammenbringen. Hier liegt – ausgewählt und als breites Angebot – der Stoff an Wissen und Inspiration bereit, der diese Welt weiterbringen und menschlich halten kann: »Synapsen der Gesellschaft« hat der Verleger Metzler Buchhandlungen einmal genannt; Helmut Schmidt sprach von »geistigen Tankstellen« einer Nation: Bücher als Teil unserer hochvernetzten Kultur und Bildung und vertieftes Lesen sind in Zeiten der Digitalisierung notwendiger denn je. Aber man muss – auch mit den Möglichkeiten von heute – etwas tun, damit wir das Bücherlesen nicht verlernen.
Wir ermüden unseren Geist mit hoch dosierten Nichtigkeiten.
Denn diese Fähigkeit ist mittlerweile stark gefährdet. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Folgen aber offensichtlich: Jeder Vierte hierzulande liest nicht mehr. Ungeduldige, schnelle Impulse zerren an unserer Aufmerksamkeit, die in immer kürzere Intervalle »zerhäckselt« wird. Irgendwo zwischen Serien-Marathon und dem Springen von Screen zu Screen haben die Menschen verlernt, tiefer in einen Inhalt einzutauchen, geduldig auch an längeren Texten zu bleiben, die Faszination und Kraft von Geschichten für sich zu entdecken und in neue Fantasien umzusetzen, aber auch kritisch zu bleiben gegenüber jeglicher Indoktrination. Wir ermüden unseren Geist, wenn wir ihn immer schneller mit hoch dosierten Nichtigkeiten füllen.
Aber es gibt nun einmal mehr Gefühle als Emojis. Die Welt hat mehr Geheimnisse, als Siri kennt. Fantasie – und damit Zukunftsfähigkeit – lernt man nicht alleine bei Youtube. Und der soziale Kitt unserer Gesellschaft wird nicht automatisch durch den schnellen Druck auf »Like«-Buttons hergestellt.
Vertieftes Lesen dagegen fördert Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen, Erinnerung, Wahrnehmungsfähigkeit, Konzentration, Imagination, Geduld, Unterscheidungsvermögen – all das, was wir heute dringend brauchen. Es ist nicht nur eine Schule der Selbsterkenntnis, es fördert auch die demokratische Kultur und die Toleranz, wenn man die Meinungen und Argumente anderer wahrnimmt, sich relevante Informationen aneignet, sich in den fremden Blick versetzt, sich in Gedanken austauscht.
»Erkenne dich selbst«: Lesen in Zeiten des Internet
Zweifellos hat das Internet – hinter das wir nicht zurückkönnen – auch die Welt der Medien und unser Leseverhalten revolutioniert. Zwischen 150 und 190 Mal am Tag schauen Jugendliche am Tag auf ihr Handy. Junge Menschen schalten nach einer amerikanischen Studie bis zu 27 Mal pro Stunde zwischen verschiedenen Medien hin und her. Und im Durchschnitt konsumieren Amerikaner täglich 34 Gigabyte an Informationen. Die Leseforscherin und Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf nennt in einer Studie diese Zahlen, die nicht nur für Amerika einen Trend zeigen. Ist die Schlacht geschlagen? Haben Bücher und somit Geschichten ausgedient?
Ich glaube es nicht. Ich glaube fest daran, dass geistige Nahrung Menschen und Gesellschaft nicht nur ein bisschen besser macht, sondern auch zukunftstauglicher: diskurs-kompetenter und resistenter gegen die Feinde der Demokratie und der offenen Gesellschaft (deren Vorzüge uns heute selbstverständlich erscheinen oder sogar oft gar nicht mehr bewusst sind) und zugleich sozial kommunikativer und emotional intelligenter.
Als der Historiker Yuval Noah Harari, dessen zeitdiagnostische Geschichtsbücher zu Weltbestsellern wurden, im September 2018 eine 15-Minuten-Begegnung mit Angela Merkel hatte, fragte ihn die Kanzlerin, was seiner Einschätzung nach heute die größten Herausforderungen für die Menschheit seien. Er resümierte kurz und nüchtern: ein Nuklearkrieg, der Klimawandel und disruptive Technologien …
Ein Szenario, das nicht nur Bücherfreunde um den Schlaf bringen kann.
Aber auf die Frage von Journalisten, wie man damit umgehen könne, erzählte Harari von seiner persönlichen Lösung: Er meditiert täglich zwei Stunden. Sein Rat: »Fang bei dir an. Erkenne dich selbst!«
Nicht jeder wird zwei Stunden am Tag meditieren wollen oder können. Aber eine gute Möglichkeit des Innehaltens, der Klärung, der Stärkung des Selbst, der wachen Aufmerksamkeit und des Verstehens ist sicher auch das Lesen.
Vorbilder, die begeistern
»Welt, bleib wach« will Menschen wieder neu für Geschichten und das Potenzial des Bücherlesens begeistern. Wie das geht? Ich meine: Am besten durch überzeugende Vorbilder. Der Verlag Herder hat diese Idee dankenswerterweise aufgegriffen. Für dieses Buch haben wir daher Frauen und Männer aus allen Bereichen der Gesellschaft eingeladen, Autoren mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und ganz unterschiedlichen Positionen, denen Bücher geholfen haben, klarer zu sehen, worauf es ankommt. Allen, die mitgeschrieben haben, bin ich sehr dankbar. Sie sind gleichsam prominente Paten für die Idee der Leseförderung: Indem sie erzählen, was es ihnen selber gebracht hat, geben sie überzeugende Antworten auf die Frage, warum Lesen elementar ist – und bleibt. Auch in Zeiten des Internet.
»Schlage die Trommel und fürchte dich nicht!«
Es genüge nicht, die Welt zu interpretieren, es komme darauf an, sie zu verändern, hat Karl Marx gesagt. Kann Lesen das? Oder heißt es am Ende: »Außer Lesen nichts gewesen?« Solche Resignation teile ich nicht. Handeln und Verändern setzt Wissen, Verstehen und Fantasie voraus. Deshalb »trommeln« wir für das Lesen. Ich bin Düsseldorfer und halte es mit dem Düsseldorfer Heinrich Heine:
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.
Lesen ist gut für den Kopf und macht Mut. Es kann das Verhältnis des Einzelnen zur Welt, ja die Welt selbst verändern. Das Schönste aber ist: Es vermittelt auch Lebensenergie. Ja, Lesen ist Leben. Wunderbar hat das Martin Walser das ausgedrückt. Auf die Frage, warum er liest, antwortet er: »… einfach aus einem Bedürfnis, für das ich keine Gründe mehr anzugeben weiß, keine Gründe auf jeden Fall, die von anderer Art wären als die, die uns veranlassen zu atmen oder zu essen, trotzdem macht mir das Lesen, dieses Herumgraben in mir selbst, oft mehr Vergnügen als das Atmen, ja es macht mir zuweilen sogar das Atmen wieder vergnüglicher.«
Lesen ist Leben. Deswegen brauchen wir sie weiter: die Geschichten für Kinder und die Geschichten für Erwachsene. Solange wir uns Geschichten erzählen, ist die Welt nicht verloren. Und auch das wissen wir schließlich aus einer Erzählung, aus 1001 Nacht.
Von Stefan Aust
Jeder durstet nach Geschichten. Und so begann es bei mir, das Lesen.
Manche Bücher liest man, und wann man sie durchhat, ist man durch mit ihnen. Andere bleiben hängen, als kollektive Erinnerung übertragen auf das Individuum. Jeder Mensch durstet nach Geschichten, deswegen wird das Lesen auch so bald nicht aussterben – ob die Buchstaben nun am Bildschirm erscheinen oder auf Papier gedruckt sind. Deswegen haben wir auch keine Krise des Lesens: Es gibt noch immer so viele Geschichten, und die Welt wird nicht langweiliger. Im Gegenteil, sie verändert sich rasend schnell, und deswegen brauchen wir Orientierung – und finden sie in Zeitungen, in Büchern, digital und analog. Manchmal wollen wir aber auch nur unterhalten werden, und so begann es auch bei mir, das Lesen: Meine Kindheit habe ich mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn von Mark Twain verbracht, dann folgten die Abenteuerromane von Jack London – und später ein weiterer Abenteuerroman, zugleich ein Sachbuch und ein historisches und philosophisches Werk, auf das ich – leicht verspätet – erst stieß, als ich selbst für ein Buch recherchierte.
In den Zellen der RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof war – neben reichlich politischen Traktaten – der Roman Moby-Dick von Herman Melville gefunden worden. Schon in Briefen, die sich die Gefangenen geschrieben hatten, tauchte immer wieder der Weiße Wal auf. Einmal hatte Gudrun Ensslin sogar die Decknamen der Gruppenmitglieder aus Moby-Dick übernommen. Ich las das Buch – und seitdem immer wieder.
Herman Melvilles Epos Moby-Dick oder Der Wal
Moby-Dick oder Der Wal hieß Herman Melvilles Epos über die Jagd auf den Leviathan, den Weißen Wal, den weißen Geist der Tiefe, ein lebendes Symbol für den Kampf des Menschen gegen die Natur, die Nutzbarmachung der Natur, die Ausbeutung der Welt durch den Menschen – und für die Rache der Natur.
Es waren Eroberer, die damals, Anfang des 19. Jahrhunderts, von der amerikanischen Atlantik-Insel Nantucket aus in See stachen, um den Wal zu jagen, der die Weltmeere bevölkerte und keine Feinde hatte außer den Menschen. Sie waren streng und gottesfürchtig, die Freibeuter, die das Blut des Leviathans vergossen, um sein Öl zu Geld zu machen. Puritanische Wikinger.
Bei Jesaja in der Bibel ist der Leviathan die Verkörperung des Bösen. Der Drache, den Gott der Herr mit seinem Schwert zerteilen oder im Meer erwürgen wird. Es ist der ewige Kampf gegen den Urfeind. Bei Herman Melville ist es der Kapitän des Walfangschiffes Pequod, der diesen fanatischen Kampf führt:
»Plötzlich stand Kapitän Ahab auf seinem Achterdeck. Wie eine bronzene Galionsfigur ragte er empor, kerzengerade und unerschütterlich. Seine hohe Gestalt ruhte auf einem barbarischen, weißen Bein, das aus dem Kieferknochen eines Pottwals geschnitten war. Er spürte weder den Wind noch roch er die salzige Luft. Er stand nur da und starrte auf die Kimm.«
Herman Melville beschreibt, wie Ahab seinen wahnsinnigen Kampfgeist auf die Besatzung überträgt, und der Erzähler bekennt: »Ich, Ismael, war einer in dieser Mannschaft, mein Racheschrei war mit den anderen aufgestiegen, um des Grauens in meiner Seele willen. Mit gierigem Ohr vernahm ich die Geschichte von dem Ungeheuer, dem ich und alle anderen Rache und Verderben gelobt.«
Das könnte von einem fanatischen Kommunisten stammen, einem Nazi, einem Terroristen oder einem Dschihadisten. Bei Melville heißt es: »Wahnwitzig erhob er den verhassten weißen Wal zum Sinnbild des Bösen, und verstümmelt, wie er war, stand er dagegen auf und forderte es heraus zum Kampf.«
Das Walfangschiff ist bei Melville, dem Zeitgenossen von Karl Marx, ein Abbild des Kapitalismus: die Mannschaft im Auftrag der Schiffseigner unterwegs, angetrieben von der Knute des Kapitäns am Werkzeug und an den Maschinen, auf der Jagd nach den Rohstoffen der Erde.
Der biblische Befehl »Macht Euch die Erde untertan« wird auf den Mikrokosmos eines Walfangschiffes heruntergebrochen. Mit allen Begleiterscheinungen. Kein Wunder, dass Moby Dick als Blaupause für alle Übel der Welt diente.
Doch manchmal schlug die Natur zurück. Eines der Vorbilder für Melvilles Geschichte vom Weißen Wal, der am Ende den fanatischen Kapitän Ahab, sein Schiff und seine Mannschaft zerstört, war das Schicksal des Walfängers »Essex« aus Nantucket. Die Reise ist im Detail belegt. Melville nahm sie als Vorbild für seinen Roman.
Am 12. August 1819 hatte die »Essex« den Hafen von Nantucket verlassen. Im Dezember segelte sie um Kap Hoorn und erreichte zehn Monate später die Galapagos-Inseln, im Laderaum bereits 900 Barrel Pottwal-Öl. Bis dahin eine erfolgreiche Reise. Doch dann, am 16. November 1820, etwa auf der Mitte zwischen Südamerika und den Marquesa-Inseln, geschah plötzlich etwas, das in der Geschichte des Walfangs noch nie passiert war.
Getroffen von Harpunen hatten Wale sich gewehrt, hatten mit ihrer gewaltigen Schwanzflosse die Jäger und deren Boote zerschmettert oder sie, durch Harpune und Seil an den fliehenden Wal gekettet, unter Wasser gezogen. Einen anscheinend kalkulierten Angriff auf das Mutterschiff der Walfangflotte hatte es noch niemals gegeben – außer beim Exodus in der Bibel: »In deiner erhabenen Größe wirfst du die Gegner zu Boden. Du schnaubst vor Zorn, da türmt sich Wasser, da standen Wogen als Wall, Fluten erstarrten im Herzen der See.«
Es ist eine universelle Geschichte, das deutet Herman Melville schon im Vortext seines Buches an, in dem er die Jagd auf den Wal mystifiziert. Er zitiert den englischen Philosophen Thomas Hobbes, der den Krieg »aller gegen alle« durch einen aufgeklärt-absolutistischen Staat ersetzen wollte, den er nach dem biblischen Meerungeheuer »Leviathan« nannte: »Künstlich erschaffen ist jener gewaltige Leviathan, den man Gemeinwesen oder Staat nennt und der nichts anderes ist als ein künstlicher Mensch.«
Das staatliche Ungeheuer als Zielscheibe: ein Roman als Standardlektüre der RAF-Spitze
Und dieses staatliche Ungeheuer wurde immer wieder zur Zielscheibe moderner, hasserfüllter politischer Waljäger – etwa der RAF (Rote Armee Fraktion). Tatsächlich gehörte Herman Melvilles Roman zur gemeinschaftlichen Standardlektüre der in Stammheim gefangenen RAF-Spitze: Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Sie alle hatten das Buch gelesen wie eine philosophische Blaupause für ihren Feldzug gegen den Kapitalismus, den Imperialismus, das Bundeskriminalamt, die Bundesanwaltschaft. Bei Melville heißt es dazu passend: »Eine solche Mannschaft schien von einem höllischen Verhängnis gewählt und gestählt, um Ahab bei seiner wahnsinnigen Rache beizustehen.«
Es war die Pastorentochter Gudrun Ensslin, die die Decknamen für die Gruppenmitglieder aus Moby-Dick entnahm. Andreas Baader erhielt den Namen Ahab, und sie zitiert in einem Brief an Ulrike Meinhof aus Moby-Dick: »Und sollte von Geburt an oder durch besondere Umstände hervorgerufen tief auf dem Grunde seiner Natur etwas Krankhaftes sein eigensinnig grillenhaftes Wesen treiben, so tut das seinem dramatischen Charakter nicht den geringsten Eintrag.« Im Buch heißt es weiter: »Alle tragische Größe beruht auf einem Bruch in der gesunden Natur, des kannst du gewiss sein.«
Jan-Carl Raspe, technisch versierter Bastler der Gruppe, erhielt den Decknamen Zimmermann. Über diesen heißt es in Moby-Dick: »Er glich den nicht selbst denkenden, aber höchst sinnreich erdachten und vielseitig verwendbaren Werkzeugen, die wie ein gewöhnliches Taschenmesser aussehen … Wollten seine Vorgesetzten den Zimmermann als Schraubenzieher benutzen, so brauchten sie nur diesen Teil seiner Person aufzuklappen, und die Schraube saß fest.«
Der Steuermann auf dem Walfänger »Pequod« hieß Starbuck. Nach ihm benannte Gudrun Ensslin das Gruppenmitglied Holger Meins, einen treuen Weggefährten im Untergrund – aber offenbar voll von verdeckten Zweifeln am Sinn des Untergrundkampfes –, wie Melville hundert Jahre zuvor geschrieben hatte: »Starbucks Leib und Starbucks unterjochter Wille gehörten Ahab, solange Ahab die magnetische Kraft seines Geistes auf Starbucks Hirn ausstrahlen ließ; allein ihm war bewusst, dass der Steuermann trotz allem den Kriegszug seines Kapitäns in tiefster Seele verabscheute.«
Und doch ging Starbuck alias Holger Meins für den Feldzug seines Kapitäns in den Tod. Kurz bevor er sich im Hungerstreik zu Tode gefastet hatte, schrieb ihm Gudrun Ensslin: »Du bestimmst, wann du stirbst. Freiheit oder Tod.« Holger Meins wählte den Tod.
Gudrun Ensslin selbst gab sich einen eher bescheidenen Namen aus der Mannschaftsliste des Walfangschiffes. Sie war der Smutje, der Küchenboy. Zur Erklärung schrieb sie an Ulrike Meinhof: »Smutje (wenn Du noch weißt: der Koch hält Pfannen spiegelblank und predigt gegen die Haie).« Und: »An Bord ist der Koch ja eine Art Offizier.«
So war es auf der Pequod, und so war es auch bei der RAF.
»Das Drama ist zu Ende«, so beginnt der Epilog von Moby-Dick. Der Erzähler Ismael, der sich an einen Sarg geklammert hat, wird als Einziger gerettet. Und wie das Walfangschiff »Pequod« unterging, so ging auch der Walfang unter.
Warum Moby Dick keine Chance mehr hatte
Doch es waren nicht die Walfänger aus Nantucket, die den Meeressäuger beinahe ausrotteten. Es war der industriell betriebene Walfang des 20. Jahrhunderts, der die Pottwale und Blauwale, die Grauwale und Buckelwale, die seit Jahrmillionen die Ozeane bevölkerten, systematisch vernichteten. Da hatte Moby Dick keine Chance mehr.
Das Buch Moby-Dick setzt ihm ein Denkmal, aber nicht nur ihm. Es ist vor allem eine Parabel für die Eroberung der Welt durch den Menschen – und dafür, dass die Natur auch zurückschlagen kann. Bald 170 Jahre alt – und doch ein Protokoll der Gegenwart.
Von Joachim Bauer
Bücher zu lesen hatte in meinem Leben vor allem drei Bedeutungen – in dieser Reihenfolge: Trost, das Versprechen eines Minimums an Welt-Konstanz und Selbst-Vergewisserung. Die über zwei Jahrzehnte Erfahrung, die ich inzwischen mit den volatilen und nervös-unruhigen Räumen des Internets machen konnte, haben mir Erfahrungen dieser Art nicht geben können. Doch der Reihe nach.
Trost – auch in der Erfahrung geteilten Leids
Trost war mir das Lesen nicht nur in den Jahren der Kindheit, sondern auch in der Adoleszenz. Als es in den letzten Jahren des Gymnasiums für mich darum ging, einen verlässlichen Begriff der eigenen Existenz und einen Zugriff auf die mich umgebende Welt zu finden, verbrachte ich nach den vormittäglichen Schulstunden, die ich in einem Stuttgarter Gymnasium erlebte, oft noch mehrere Stunden im Lesebereich einer großen, mit philosophischen und psychologischen Büchern hervorragend ausgestatteten Buchhandlung im Stadtzentrum. Wolfgang Borchert, André Gide, Albert Camus, Jean-Paul Sartre und einige psychoanalytische Autorinnen (einen besonders tiefen Eindruck hinterließ damals bei mir Beluah Parker) boten mir damals nicht weniger Trost, als es die Kinderbücher der frühen Jahre getan hatten, obwohl beide, sowohl die Kindheits- als auch die spätere Literatur, die Welt durchaus nicht schönfärbten. Leid als geteiltes Schicksal erkennen zu können, auch das ist Trost.
Vor allem in Zeiten der Verzweiflung: Bücher können den Glauben an die Welt erhalten
Dass uns das Lesen von Büchern Welt-Konstanz vermittelt, ist ein vielleicht noch nicht genügend gesehener Aspekt des Bücher-Lesens. Ich benütze den Begriff Welt-Konstanz in Anlehnung an eine wichtige, aus der Entwicklungspsychologie stammende Beobachtung: Eine persönliche Überzeugung von »Objekt-Konstanz« zu gewinnen ist einer der zentralen Entwicklungsprozesse, die das Kind im ersten Lebensjahr durchläuft. Im Verlauf dieses Prozesses lernt das Kind (darauf zu vertrauen), dass Menschen und Dinge auch dann noch vorhanden sind, wenn sie mit den eigenen fünf Sinnen vorübergehend nicht wahrgenommen werden können. Ich glaube, dass sich eine ähnliche Aufgabe auch jenseits der Kindheitsjahre stellt. Wir – die wir derzeit noch in Frieden und Wohlstand leben – sehen das Problem vielleicht nicht scharf genug: Wer gibt Menschen, die ihre Welt durch Krieg, Bürgerkrieg, Gefangenschaft oder Folter untergehen sehen, ein Gefühl, dass wir in einer konstanten Welt leben, die uns trägt? (Gläubige der drei monotheistischen Religionen würden sagen: »…, dass wir in einer Welt leben, die Gott nicht fallen lässt«.) Ich glaube, dass Bücher uns vor allem dann, wenn die Lage zum Verzweifeln ist, den Glauben an die Welt erhalten können. Ich denke dabei beispielsweise an Dietrich Bonhoeffers Zeit der Gefangenschaft oder an das, was die Bürgerkriegs-Geflüchteten aus Syrien erleben mussten.
Es erscheint mir tragisch, dass wir, die wir (noch) im Frieden leben, die Rolle des Buchlesens für den Glauben an eine Welt-Konstanz (noch) nicht erkennen und (noch) nicht spüren.
Ohne Wissen keine Vergewisserung und keine Selbst-Vergewisserung
Über das Bücherlesen zu sprechen und den Wissenserwerb nicht zu erwähnen wäre eine schlimme Unterlassung und die Vernachlässigung einer – im Vergleich zu den beiden bereits genannten Bedeutungen – mindestens ebenso wichtigen Funktion des Buches. Ohne Wissen kann es, worauf uns die Sprache selbst schon einen Hinweis gibt, keine Vergewisserung geben. Die für mich wichtigste Vergewisserung war (und ist es bis heute geblieben): das Wissen, wer wir Menschen sind und wer ich somit auch selbst bin. Für die Selbst-Vergewisserung waren mir nicht nur geisteswissenschaftliche Bücher eine Grundlage. Gleichzeitig mit der philosophischen und psychologischen Literatur, die ich als Adoleszenter zu lesen begann, beschäftigte ich mich auch mit biologischen Werken. Als ich in die Hochschule eintrat und in Freiburg erste Vorlesungen besuchte, hatte ich bereits die Grundlagen der molekularen Genetik internalisiert (die in meiner Gymnasialzeit noch taufrisch, weil gerade erst entdeckt waren). Die Suche nach Vergewisserung darüber, was und wer wir Menschen seien, hat mich bis zum heutigen Tag geprägt. Zu den großen glücklichen Erfahrungen meines eigenen Lebens zählt, dass ich miterleben – und ein Stück weit sogar daran mitarbeiten – durfte, wie sich Geisteswissenschaften und Biologie inzwischen auf dem Felde der modernen sozialen Neurowissenschaften begegnen.
Warum auch in Zeiten digitaler Medien nichts über die Lektüre von Büchern geht
Zurück zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen: Können uns die digitalen Medien das, was uns das Buch bieten kann, ersetzen? Ich glaube: Nein. Die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation sind ohne Frage ein Quantensprung, der uns vieles vorher Undenkbare ermöglicht hat. Schnell erfahren zu können, wer wo auf der Welt welche wissenschaftlichen Beobachtungen oder Entdeckungen gemacht hat; einen Kollegen in den USA um den Text einer Veröffentlichung bitten zu können und diesen innerhalb weniger Stunden zugesandt zu bekommen – all das ist ein geradezu unschätzbarer Gewinn. Doch neben diesen Lichtpunkten gibt es auch sehr viel Schatten. Eines ist das Internet mit Sicherheit nicht: Es ist eben keine Quelle für Trost, Welt-Konstanz und Vergewisserung.
Das Internet hat sich – leider – zu einer Quelle von Propaganda, Manipulation, Launenhaftigkeit und von anonym verbreitetem Hass entwickelt. Es wurde zu einer Welt, in der jene die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen (und dementsprechend auch den Ton angeben), die sich am aggressivsten aufführen. Den oberflächlichen und oft auch falschen Darstellungen im Internet – selbst bei Plattformen wie Wikipedia, welches von einigen inzwischen für fachliche Grabenkämpfe, teilweise sogar für Diffamierungen missbraucht wird – sollte man mit Wachheit und kritischem Vorbehalt, jedenfalls nie in naiver Gläubigkeit begegnen. Auch Bücher mögen inhaltlich danebenliegen, auch Bücher können irren, ihre Autoren machen sich jedoch erkennbar, und die Zeit, die wir uns nehmen müssen, um ein Buch zu lesen, lässt uns damit immer auch die Zeit zum kritischen Nachdenken. Nichts geht über die Lektüre von Büchern. Interessiert Sie, was ich in den letzten Wochen gelesen habe? Jaron Laniers Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst und die Briefe eines Sehenden sowie einige Gedichte von Arthur Rimbaud. Lasst uns nicht aufhören, Bücher zu lesen!
Du öffnest ein Buch, das Buch öffnet dich.
CHINESISCHES SPRICHWORT
Von Julia Becker
Umgeben von »Zeitungsmenschen«
Lesen ist lebenswichtig. Das mag pathetisch klingen. Aber schon sehr früh habe ich gespürt: Lesen ist die Voraussetzung für eine differenzierte Betrachtung der Welt, es hilft mir dabei, einen Platz in der Welt zu finden, ja, es ist die Basis für Kommunikation, für das Miteinander in der Gesellschaft. Dabei war es zunächst gar nicht so sehr das Buch, das mir die Bedeutung des Lesens zeigte, sondern die Zeitung. Als Enkelin von Jakob Funke, dem Mitgründer der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), und als Tochter der Verlegerin Petra Grotkamp war ich schon immer von Zeitungen und »Zeitungsmenschen« umgeben. Wer mitreden will, muss Zeitung lesen – das erlebte in meiner Familie ganz unmittelbar, von frühester Kindheit an: Was ist los in meiner näheren Umgebung, und was steckt dahinter? Was passiert in der weiten Welt, und warum passiert es? Aber auch: Was können wir am Wochenende unternehmen? Und: Wo finde ich das Kleid, das ich immer schon haben wollte? Auf solche und noch viel mehr Fragen liefert die regionale Tagezeitung auch in der Welt des digitalen Overflows noch immer verlässliche Antworten. Zeitungslektüre, ob in der gedruckten Ausgabe oder digital auf dem iPad, hilft mir, die Welt zu verstehen, mich in ihr zurechtzufinden und sicher zu bewegen und, ja, an ihr zu partizipieren, d. h. auch dabei, einen Beitrag zu ihrer Gestaltung zu leisten.
Vorlesen weckte die Begeisterung: Wer liest, bleibt neugierig.
Dass auch Bücher meine ständigen Begleiter und die Protagonisten von Geschichten meine Freunde wurden und dass sich für mich mit jedem Aufschlagen eines Buchdeckels neue Welten öffneten, habe ich vor allem meiner Großmutter zu verdanken. Sie las mir vor, sooft es ging. Ich bin davon überzeugt, dass hier die Wurzel liegt für meine spätere Begeisterung für Literatur und damit letztlich auch für Neugier und den Wunsch, die Welt zu verstehen. Allen Großeltern und Eltern kann ich nur raten, ihren Enkeln und Kindern vorzulesen. Sie legen damit einen Samen der Begeisterung für das geschriebene Wort, der später aufgehen und viele wunderbare Früchte tragen wird: Wer liest, ist und bleibt neugierig, denn er möchte immer mehr wissen.
Meine Großmutter jedenfalls nahm mich, indem sie vorlas, mit auf Reisen in neue, fremde Wirklichkeiten und eröffnete so unterschiedliche Perspektiven auf die Welt. Dabei erfuhr ich alles grundlegend Wichtige darüber, was das Leben auf unserem Planeten ausmacht: dass Menschen sehr unterschiedlich denken, fühlen und leben; dass meine sehr behütete Welt in Essen-Bredeney nur ein klitzekleiner Ausschnitt unzähliger anderer Möglichkeiten ist; dass Autoritäten nicht einfach so zu akzeptieren, sondern – idealerweise mit der subversiven Kraft des kleinen Nick – immer zu hinterfragen sind; und dass existenzielle Fragen um Freundschaft, Liebe und Tod alle Menschen überall in der Welt bewegen, gleich welcher Hautfarbe, Religion oder sozialen Herkunft sie sind.
Große Leidenschaften wurden in mir früh durch Bücher geweckt. Anne Sewells Roman, der aus der Perspektive des Hengstes Black Beauty den Abstieg vom behüteten Fohlen über ein geliebtes Reit- und Kutschpferd bis hin zum Droschken- und Mietpferd in London erzählt, hat meine Liebe zu Pferden wenn nicht entflammt, so doch gefördert. Aber eben nicht nur. Ich habe auch eine ganze Menge gelernt über den Respekt gegenüber Tier und Natur. Und ich habe viel verstanden von der Grausamkeit der ungünstigen Lebensumstände vieler Menschen und davon, was solche Umstände mit uns machen können.
Geschichten, die helfen, das eigene Leben zu reflektieren
Eine große Rolle in meiner Lese-Welt spielten die Bücher von Astrid Lindgren. Sie haben mich, wie viele Kinder meiner Generation, besonders bewegt. Es waren aber nicht so sehr die lustigen Geschichten aus Bullerbü und Lönneberga, die mich beschäftigten. Nicht mehr losgelassen – bis heute – haben mich Die Brüder Löwenherz: die Geschichte von dem neunjährigen Karl, der weiß, dass er bald sterben wird (auch wenn es ihm keiner sagen möchte), und seinem etwas älteren Bruder Jonathan, der versucht, seinem geliebten kleinen »Krümel« die Angst vor dem Tod zu nehmen. Wenn er ihm vom Land Nangijala erzählt, in das man nach dem Tod kommt, steckt darin alles, was man über die Bedeutung von Liebe und Freundschaft, über den Sinn des Lebens und die Bedeutung des Todes wissen muss.
Ich bin ganz sicher, dass ich schwierige Situationen in meinem Leben und manche Schicksalsschläge in meiner Familie und meinem Freundeskreis nur verstehen und annehmen konnte, weil sich diese Geschichte so tief in meine Seele eingeprägt hat: wie zuerst Jonathan seinen Bruder auf den Rücken nimmt, um ihn aus einem brennenden Haus zu tragen, und wie später Karl seinerseits Jonathan auf dem Rücken trägt, um ihn zu retten. »Ich sehe das Licht«, ruft Karl am Ende des Buchs und gibt uns damit eine Zuversicht, die das Wissen um den Tod überhaupt erst erträglich macht.
Wie gute Freunde sind Bücher für mich da, wenn man sie braucht. Es gibt Romane, die mich in ihrer berückenden Schönheit einfach nur glücklich machen und mir eine, wie ich finde, völlig legitime Flucht aus dem Alltag ermöglichen. Das Werk von Charlotte Link, von der Literaturkritik zu Unrecht allzu häufig ins triviale Fach geschoben, gehört dazu: Die großartige Beschreibung eines Frauenschicksals in der Trilogie Sturmzeit entführt in eine andere Welt und ist doch gleichzeitig sehr lehrreich. Es gibt andere prägende Geschichten, die von John Strelecky etwa, der mich in sein »Café am Rande der Welt« entführte. Was ein sinnvolles und erfülltes Leben ist, darüber denkt nicht nur der Protagonist nach. Die Erzählung bringt mich selber dazu, über mein eigenes Leben zu reflektieren.
Neues Wissen, um die Gegenwart und die Zukunft zu verstehen
Und es gibt viele Sachbücher, aus denen ich immer wieder Neues erfahre, das mir hilft, die Gegenwart zu verstehen. Eine kurze Geschichte der Menschheit zum Beispiel. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari beschreibt da anschaulich unsere erst 70.000 Jahre dauernde Geschichte, von den Anfängen bis zu unserem Aufstieg zur unantastbar mächtigsten Spezies des Planeten. Es ist natürlich eine success story: Von der Ausbildung der Lernfähigkeit, des Gedächtnisses und der kommunikativen Kompetenz über die landwirtschaftliche Revolution bis hin zur wissenschaftlichen Revolution, die vor 500 Jahren begann und deren Dynamik in den vergangenen 200 Jahren stetig gewachsen ist, hat sich der Mensch zum unumstrittenen »Beherrscher der Erde« entwickelt. Aber trotz aller erheblichen Steigerung des materiellen Wohlstands und der medizinische Fortschritte: Ist der Mensch auch glücklicher geworden? Und wie entwickelt sich die Menschheit weiter? Harari schildert eindringlich die teilweise katastrophalen Folgen des menschlichen Aufstiegs für die Umwelt und warnt vor Auswüchsen einer Gentechnik, die uns gottgleich zu machen verspricht, von deren problematischen Konsequenzen wir aber keine Vorstellung haben können.
Hararis Buch, das Erkenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenfasst, hilft die Gegenwart und die Zukunft zu verstehen. Er schreibt so, dass man von der Wucht seiner großen Fragen nie erschlagen wird, aber neugierig bleibt und mehr wissen will: Was sind denn nun die neuesten Entwicklungen im Umweltschutz? Was tut sich in der Gentechnologie? Was wird eigentlich getan, um das soziale Ungleichgewicht auszugleichen? Oder wie geht der demokratische Westen mit den um sich greifenden populistischen Bewegungen um?
Auf solche Fragen, die auch unser Handeln inspirieren, gibt vor allem ein Medium verlässliche und aktuelle Antworten: die Zeitung. Wer sich auf dem Laufenden halten möchte, sich als mündiger Bürger seines Landes versteht und einen Beitrag zu einem besseren Leben leisten möchte, der kommt an einer freien, unabhängigen, überparteilichen Presse nicht vorbei. Sie liefert die Informationen, die es braucht, um die Welt zu verstehen und sich in ihr zu orientieren. Für diese freie Presse lohnt es sich zu kämpfen.
Zeitung und Buch ergänzen sich. Beide tragen dazu bei, dass die Welt wach bleibt – auch und gerade in Zeiten, in denen die sozialen Medien der Verachtung und dem Hass freien Lauf lassen, Populisten und Demagogen die Wahrheit verstellen und sich viele Menschen allzu einfachen und bequemen Lösungen ausliefern. Insofern stimmt es tatsächlich: Lesen ist lebenswichtig.
Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.
GROUCHO MARX
Von Norbert Blüm
»Sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist«, kann man in Abwandlung einer alten Volksweisheit behaupten.
Lesen heißt: Leben mit anderen Menschen teilen.
Ich jedenfalls lese gern! Mein Leben ist kurz, wie das aller Menschen: Vita brevis. Deshalb kann ich nicht alle Lebensmöglichkeiten ausprobieren, die es gibt, und kann auch nicht alles erkunden, was andere schon erkundet haben.
Also leihe ich mir Lebenserfahrung aus der Literatur und versuche die Weisheiten, die andere sich ausgedacht haben, nachzulesen. Romane, Dramen, Gedichte durchstoßen die Grenzen meiner Erfahrungen und eröffnen mir neue Welten. Das Leben mit anderen Menschen zu teilen ist der Sinn von Empathie und Nachdenklichkeit. Das Mitfühlen und Mitverstehen schafft Zugang zur Gemeinschaftlichkeit aller Menschen. Lesen ist Sozialhilfe.
Sprache – das eigentliche Material der Erkenntnis
Das Material des Lesens ist die Sprache. Die Sprache ist das eigentliche Instrument der Erkenntnis. Was ich nicht in Worte fassen kann, kann ich nicht wissen. »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt« (Wittgenstein).
Meine schönsten Filme erlebe ich in meinem Kopf-Kino. Dort besuche ich, was das Lesen mir an »Material« geliefert hat. Ich muss mit dieser Zulieferung die Bilder, welche die Welt bedeuten, erst selbst herstellen und entdecke dabei Welten, die ich nie gesehen, und Ereignisse, die ich nie erfahren habe.
Doch die Sprache eröffnet nicht nur das Tor zur Welt durch Erkenntnis, sondern sie mobilisiert auch Fantasien und lässt so Ahnungen, Träume und Utopien wachsen. So ist Lesen in seinen außergewöhnlichen Augenblicken immer auch eine Expedition ins Abenteuer – und Archäologie, eine Expedition in unbekannte Felder, Länder und Schicksale. Lesen ist wie Ausgraben.
Unsere größte Begabung, die uns erst zum »homo sapiens« macht, ist unsere Sprachfähigkeit; mit ihr schlagen wir Brücken ins Niemandsland. »Im Anfang war das Wort« (Johannesevangelium), nicht »die Tat« (Faust). Die erste Wirklichkeit ist Geist; die Tat ist nur Vollzug.
Ein lautloser Krieg: Unsere Sprache ist in Gefahr, eingeebnet zu werden.
Doch unser bestes Stück, die Sprache, ist in Gefahr, eingeebnet zu werden. Der lautlose Krieg ist eröffnet. Die digitalisierte Welt reduziert unseren Weltzugang auf die Alternative zwischen 0 und 1 bzw. »low« oder »high«. Digital ist ein binäres Erkenntnisschema. Jedenfalls ist die digitale Technik ein Ausschlussverfahren, dem die Zwischentöne fehlen. Die Schnelligkeit der digitalen Ergebnisse täuscht eine umfassende Treffsicherheit vor; dabei fallen im Nanotakt der digitalen Ermittlungsgeschwindigkeit viele Alternativen zwischen »Null« und »Eins« durch den Rost.
Die wichtigsten Ereignisse des Lebens sind nicht digitalisierbar: »Liebe«, von der man sagt, sie sei das größte für Menschen erfahrbare Glück, lässt sich nicht digital ermitteln. Die Online-Heiratsvermittlung ist eher eine Perversion der Liebe.
Schon die Behauptung: »Karl liebt Anna doppelt so viel wie Elisabeth« wäre eine Verwechslung von Liebe mit Mathematik.
Sprache liefert mehr als Information, und Lesen ist mehr als Wissensbeschaffung.
Die schönsten Gedichte lassen sich selbst beim besten Willen nicht digitalisieren. Gedichte sind eher »Gesamtkunstwerke« und in vollendeter Form sogar Metaphysik.
Goethes Gedicht:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
ist keine Wettermeldung, verbunden mit einem Waldzustandsbericht, der zudem durch eine Todesprognose ergänzt ist. Das Gedicht lässt eher eine kosmische Geborgenheit der Menschen erahnen.
Digitalisierung verkürzt die Sprache. SMS und Twitter sind Sprachsparprogramme. Am Ende ist Sprache nur noch eine Variation von Rülpsern. Mit der Total-Digitalisierung des menschlichen Zusammenlebens schwinden die Zwischentöne aus der menschlichen Gesellschaft. Es entsteht eine uniformierte Spezies Mensch. Die Symptome der Verkümmerung lassen sich an jeder Straßenecke feststellen.
Wo ich gehe und stehe, sehe ich Menschen mit versteinertem Blick auf das »Ding« in ihrer Hand blicken, das sie mit flinken Fingern behämmern. Überall und jederzeit sind Smartphone & Co. Auf dem Bürgersteig begegnen mir Smartphones auf zwei Beinen, die mich umzurennen drohen, im Wirtshaus eine stumme Smartphone-Gesellschaft. Jeder ist mit seinem zweiten Ich beschäftigt.
Kürzlich fuhr ich im Zug von Baden-Baden nach Bonn: rechts von mir im Abteil ein Smartphone-Bearbeiter, links ebenso, dazu gegenüber, nebeneinander auf die Sitze gereiht, ein stummes Trio, voll beschäftigt mit ihrem digitalen Spielzeug. Keiner von allen, da bin ich sicher, war mit etwas Ernsthaften beschäftigt. Das »Ding« und das Ich befanden sich in einer Art von autistischem Nirwana. Das Spiel tarnte sich als Lernprozess, war aber ein Training der Sinnlosigkeit.
Wäre meine Mutter an die Abteiltür getreten und hätte sie geöffnet, dann hätte sie wahrscheinlich kopfschüttelnd gefragt: »Norbert, bist du im Irrenhaus gelandet?«
Die Digitalisierung erreicht alle Lebensbereiche. Ihr Imperialismus endet im digitalen Totalitarismus. »Gehet hin und digitalisiert alle Völker«, ist die Botschaft des Neuesten Testaments. Das Smartphone ist die Hostie einer neuen Religion. Facebook ist der kollektive Beichtstuhl, SMS die Kanzel. Online-Selbstvergessenheit ist die neue Transzendenz, immer abgelenkt, um nicht bei sich zu sein, der ewige Dauerzustand. Der neue Himmel ist eine maximale digitale Präsenz bei minimalem individuellem Selbstbewusstsein.
Das Lesen ist dagegen eine permanente Suche nach dem Sinn des Lebens. Dazu bedürfen wir der Sprache als des Instruments unserer solidarischen Fahndung nach dem, was uns Menschen verbindet. Lesen ist Lebenshilfe.
Übrigens: Wer sagt uns, dass die Evolution immer aufwärts gehen muss? Vielleicht dämmert uns ein Abstieg in die Verblödung?
Bücher, die mir wichtig sind
Lesen ist jedenfalls ein Gegenmittel gegen geistige und moralische Verdunkelung. Wenn ich Bücher, die mir im Moment die wichtigsten sind, zusammenstellen müsste, stände in Griffweite immer das Buch der Bücher: die Bibel, das Alte und das Neue Testament. Ein Buch kondensierter Weisheiten von Generationen, das auch alle literarischen Gattungen vorgeformt hat: Mythen, Märchen, Legenden, Kriminalgeschichten, aber auch Lyrisches. Es enthält alles. Erzählungen von Abgründen unseres Daseins und vom Leben, wie es sein könnte, großartige Gotteserzählungen ebenso wie höchst sinnliche Liebesgeschichten. Nichts Menschliches ist diesem Buch fremd.
Dann, noch ein Klassiker: Die Bekenntnisse des Augustinus, die die moderne, zerrissene, gottsuchende Seele vorweggenommen haben. Ein großes Buch der Innenschau.
Ein anderer Großer, der auch die Gestaltung der äußeren Welt in den Blick nimmt, ist Kant. Sein Buch Zum ewigen Frieden ist der erste Versuch, eine globale Weltordnung unter sittliche Normen zu stellen, und inspiriert mich gerade heute als der Versuch, den Nationalismus zu überwinden.
Auch schon ein Klassiker, aber etwas näher an unserer Zeit: Arnold Gehlen, Der Mensch. Ein Universalbuch der Anthropologie: bleibend richtige Einsichten über die Natur des Menschen – und ein Buch, das in seiner nüchternen Bestandsaufnahme Philosophie mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet.
Und ganz aktuell: Yuval Noah Harari, Homo deus zeigt, dass es nicht menschendienlich ist, alles zu machen, was wir können. Julian Nida-Rümelins und Nathalie Weidenfelds Buch Digitaler Humanismus fordert eine ethische Kritik der sog. künstlichen Intelligenz. Der von Jakob Augstein herausgegebene Sammelband Reclaim Autonomy. Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung weist auf die Gefahren einer technisch möglichen Totalüberwachung hin und räumt mit dem naiven Glauben auf, mit der Digitalisierung sei die universale Befreiung des Menschen gekommen.
Die Kernfrage ist und bleibt: Was ist das rechte Maß und die menschenverträgliche Richtung der Digitalisierung? Zur Klärung helfen mir immer wieder Bücher. Etwa Der Sinn des Denkens des jungen Bonner Philosophen Markus Gabriel, der zeigt: Unser Gehirn ist mehr als eine Masse von Wissen, und die Digitalisierung hat keinen Zugang zu den wesentlichen Fragen des Menschen, sie eröffnet keine Transzendenz. Wir müssen uns also darüber verständigen: Was ist der Mensch? Was ist Schönheit, Sinn, Freiheit? Dass der Mensch, wie der Existenzialismus glaubte, in die grenzenlose Freiheit entlassen und Schöpfer seiner selbst sei – das ist der große Irrtum, die große Überheblichkeit. Ethische Selbstbesinnung ist kein Luxus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit.
Und immer wieder kehre ich bei meinen Büchern zu Gedichten zurück. Am liebsten zu Goethe, zur zarten Schönheit seiner Lyrik. Über allen Gipfeln ist Ruh: Es gibt kein größeres Gedicht als dieses.
Um das Gute zu lesen, ist eine Bedingung, dass man das Schlechte nicht lese.
ARTHUR SCHOPENHAUER
Von Franz-Josef Brüggemeier
Eine Idylle mit einem Haken – und zwei folgenreiche Lektionen
