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Beschreibung

Menschen mit Behinderungen werden zunehmend zu einem Thema der Geschichtswissenschaft. Impulse gehen dabei von den Disability Studies aus, die einen neuen Zugang zum Phänomen der Behinderung suchen, indem sie Behinderung als "soziokulturelle Konstruktion" auffassen. Dieser vielversprechende Ansatz ist in Studien zu geschlossenen Einrichtungen bisher kaum aufgegriffen worden. Dabei sind solche Heime soziale Räume, in denen sich die Zuschreibungs-, Deutungs- und Benennungsprozesse bei der soziokulturellen Konstruktion von Behinderung extrem verdichten. Der Band versammelt Beiträge zur Theorie und Methodik der Disability History, zur Geschichte einzelner Heime und zu professionellen Diskursen in Heil- und Sonderpädagogik und Theologie.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Menschen mit Behinderungen werden zunehmend zu einem Thema der Geschichtswissenschaft. Impulse gehen dabei von den Disability Studies aus, die einen neuen Zugang zum Phänomen der Behinderung suchen, indem sie Behinderung als 'soziokulturelle Konstruktion' auffassen. Dieser vielversprechende Ansatz ist in Studien zu geschlossenen Einrichtungen bisher kaum aufgegriffen worden. Dabei sind solche Heime soziale Räume, in denen sich die Zuschreibungs-, Deutungs- und Benennungsprozesse bei der soziokulturellen Konstruktion von Behinderung extrem verdichten. Der Band versammelt Beiträge zur Theorie und Methodik der Disability History, zur Geschichte einzelner Heime und zu professionellen Diskursen in Heil- und Sonderpädagogik und Theologie.

Dr. Hans-Walter Schmuhl ist apl. Prof. an der Universität Bielefeld und stellvertretender Leiter des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel. Dr. Ulrike Winkler ist selbstständige Politikwissenschaftlerin in Berlin.

Behinderung – Theologie – Kirche

Beiträge zu diakonisch-caritativen Disability Studies

Herausgegeben von

Johannes Eurich

Andreas Lob-Hüdepohl

Band 6

Hans-Walter Schmuhl Ulrike Winkler (Hrsg.)

Welt in der Welt

Heime für Menschen mit geistiger Behinderung in der Perspektive der Disability History

Verlag W. Kohlhammer

Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN: 978-3-17-022962-4

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-026429-8

epub:

978-3-17-027164-7

mobi:

978-3-17-027165-4

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Dank

Hans-Walter Schmuhl Einführung

THEORIEN UND METHODEN

Elsbeth Bösl Was ist und wozu brauchen wir die Dis/ability History?

Petra Fuchs Krankenakten als Quelle im Kontext der Dis/ability History

Christian Mürner Schock oder Vorbild. Repräsentationen von Behinderung in Bild und Text

Uta George Die eigene Geschichte formulieren. Menschen mit Lernschwierigkeiten als Akteure der Erinnerungskultur

„HEIMWELTEN“

Frank Konersmann Historische Studien zur Heterogenität von Behinderung. Beobachtungen und Reflektionen zur Diagnostik in der Heil- und Pflegeanstalt Eben-Ezer in Lemgo (1859–1954)

Wilfried Rudloff Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung in der bundesdeutschen Behindertenpolitik (1945–1990)

Hans-Walter Schmuhl Lebensbedingungen und Lebenslagen von Menschen mit geistiger Behinderung in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel seit 1945. Theoretische Vorüberlegungen und empirische Streiflichter

Ulrike Winkler „Der ist Blöde und Dumm“1 – Erlebnis, Erfahrung und das „soziale Wissen“ von Menschen mit geistiger Behinderung

PROFESSIONELLE DISKURSE

Dagmar Hänsel Kontroversen um die Geschichte der Hilfsschul- und Sonderpädagogik in Deutschland

Heinrich Greving Heilpädagogik in der Postmoderne – Verwandlungen eines pädagogischen Berufes

Thomas Zippert Der theologische Blick auf geistige Behinderung

Dierk Starnitzke Eingliederungshilfe für Menschen mit so genannter geistiger Behinderung. Selbstkritische Betrachtung einer Diakonischen Stiftung aus Sicht des Dis/ability-Ansatzes

Michael Conty Grußwort des Bundesverbandes evangelische Behindertenhilfe

Abkürzungsverzeichnis

Personenregister

Autorinnen und Autoren

Bildnachweis

Vorwort und Dank

Als wir das Symposium zum Thema „Heime für Menschen mit geistiger Behinderung in der Perspektive der Dis/ability History“ planten, war uns bewusst, dass es sich um ein Experiment mit offenem Ausgang handeln würde. Wäre es möglich, so unser wichtigstes Anliegen, den akademischen und teilweise auf hohem Abstraktionsniveau geführten Diskurs der Dis/ability History mit den besonderen methodischen und inhaltlichen Herausforderungen mikrohistorischer Studien zu geschlossenen Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung in eine fruchtbare Wechselbeziehung zu bringen? Oder würden die „Heimwelten“ mit dem „akademischen Überbau“ kollidieren und beide einander sprachlos gegenüberstehen?

Bereits die langen, angeregten und engagierten Diskussionen, die sich während und am Rande unseres Symposiums ergaben, das am 4. und 5. Juli 2012 in Bad Oeynhausen stattfand, zeigten uns, dass es richtig war, den Versuch dieses speziellen interdisziplinären Austausches zu wagen. Erneut bestätigt wurden wir bei der Zusammenstellung der Tagungsbeiträge, die wir in dem nun vorliegenden Sammelband dokumentieren.

Unser erster und sehr herzlicher Dank gilt darum den Referentinnen und Referenten, die ihre Forschungsergebnisse konzentriert und empathisch vortrugen und uns ihre zum Teil stark erweiterten und überarbeiteten Aufsätze für die Drucklegung zeitnah zur Verfügung stellten.

Ein ebenfalls sehr herzlicher Dank gebührt der Diakonischen Stiftung Wittekindshof und hier insbesondere ihrem Vorstandssprecher, Herrn Prof. Dr. Dierk Starnitzke, der unser Konzept kenntnisreich mit uns diskutierte und eigene Ideen beisteuerte. In diesen Dank schließen wir die Pressesprecherin des Wittekindshofes, Frau Anke Marholdt, und den Archivar des Wittekindshofes, Herrn Michael Spehr M.A., gerne mit ein. In vielfältiger Weise haben sie uns bei der Vorbereitung, der Durchführung und der Nachbereitung des Symposiums unterstützt. Das farbenfrohe und zu zahlreichen Assoziationen einladende Bild auf den Werbematerialien für die Tagung verdanken wir Herrn Uwe Jauch, einem langjährigen Bewohner des Wittekindshofes. Danken möchten wir auch dem Bundesverband Evangelische Behindertenhilfe (BeB) und seinem Vorsitzenden, Herrn Michael Conty, den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, Bielefeld, sowie der Evangelischen Stiftung Eben-Ezer, Lemgo, die als Mitveranstalter fungierten.

Der Diakonischen Stiftung Wittekindshof sei nochmals herzlich dafür gedankt, dass sie durch ihre Unterstützung die Drucklegung dieses Tagungsbandes ermöglicht hat. Den Herausgebern der Reihe „Behinderung – Theologie – Kirche“, Herrn Prof. Dr. Johannes Eurich, Diakoniewissenschaftliches Institut der Theologischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, und Herrn Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin, gilt unser Dank dafür, dass sie den Band in ihre Reihe aufgenommen haben. Dem W. Kohlhammer Verlag, insbesondere dem zuständigen Lektor, Herrn Florian Specker, danken wir für die gute Betreuung.

Ein großer und zugleich lieber Dank für allerlei Zuspruch und Unterstützung gilt unseren Partnern, Dr. Regina Geitner und Rolf Winkler.

Bielefeld und Berlin, im April 2013

Hans-Walter Schmuhl/Ulrike Winkler

Einführung

Hans-Walter Schmuhl

Geschichtswissenschaft und Behinderung

Menschen mit Behinderungen sind in den letzten drei Jahrzehnten auch in Deutschland zunehmend als Thema der Geschichtswissenschaft entdeckt worden.1 Dabei waren die Zugänge sehr unterschiedlich, geriet das Phänomen der Behinderung, gerieten Menschen mit Behinderungen doch in das Blickfeld verschiedener Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft mit je eigenen Fragestellungen, Begrifflichkeiten, Theorien und Methoden. Um das unübersichtliche Forschungsfeld zu ordnen, kann man zu analytischen Zwecken mehrere Komplexe voneinander abgrenzen: Da gibt es, erstens, Arbeiten aus dem Bereich der Bildungs- und Medizingeschichte. Sie behandeln diejenigen Teildisziplinen der Pädagogik und Medizin, die sich ihrem eigenen Anspruch nach mit Menschen mit Behinderungen befassen – also Heilpädagogik, Sonderpädagogik, Orthopädie und Psychiatrie –, deren Wissensproduktion, Theoriebildung, Professionalisierung und Akademisierung und deren Unterrichts- bzw. Behandlungspraxis.2 Daneben ist, zweitens, eine Reihe von Arbeiten entstanden, die sich, von einem sozialgeschichtlichen Ansatz ausgehend, mit der Entfaltung des Sozialstaates in Deutschland im späten 19. und 20. Jahrhundert auseinandersetzen und in diesem Zusammenhang auch die Entstehung und Entwicklung des Sektors „Behindertenhilfe und Rehabilitation“ untersuchen.3 Davon abzuheben sind, drittens, institutionengeschichtliche Arbeiten zu einzelnen Pflege-, Heil- und Heilerziehungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen, die versuchen, die empirische Forschung auf der Mikroebene mit den großen Linien der Sozial- und Wissenschaftsgeschichte auf der Makroebene zu verknüpfen.4 Viertens befasst sich auch die zeitgeschichtliche Forschung zum Nationalsozialismus und seiner tief gestaffelten Vorgeschichte mit der Kategorie Behinderung – insofern, als sie Eugenik und Rassenhygiene, Zwangssterilisation und „Euthanasie“ in den Blick nimmt.5 Nicht unerwähnt bleiben sollen, fünftens, Studien aus dem Bereich der Alten Geschichte und insbesondere der Mediävistik, die den Umgang vormoderner Gesellschaften mit „verkörperten Andersheiten“ zum Gegenstand haben.6 Weiter sei, sechstens, die Historische Biographik genannt, etwa Arbeiten zu prominenten Persönlichkeiten und der Bedeutung einer Behinderung in ihrem Leben – ich nenne die Studien zu Helen Keller (1880–1968) oder Franklin D. Roosevelt (1882–1945).7 In diesen Zusammenhang könnte man auch neuere Ansätze stellen, aus Krankenakten Biographien von Patientinnen und Patienten und insbesondere von „Euthanasie“-Opfern zu rekonstruieren.8 Familienbiographische Studien aus den USA, die auch Licht auf die Frühgeschichte von Elternorganisationen werfen,9 haben den Blick zudem auf die Selbsthilfeorganisationen von Menschen mit Behinderungen gelenkt, und auch hierzulande sind, siebtens, in den letzten Jahren – als Teil der Geschichte sozialer Bewegungen im 20. Jahrhundert – Arbeiten zur „Behindertenbewegung“ entstanden.10 Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Forschung Menschen mit Behinderungen längst nicht mehr so einseitig wie früher als passive Objekte der Medizin, der Pädagogik, des Staates, der Gesellschaft betrachtet, sondern zunehmend auch als eigensinnige und eigenwillige historische Akteure, die der fürsorglichen Belagerung von Staat und Gesellschaft durchaus auch widerständiges Verhalten entgegensetzten, ihre eigene Politik machten, ihre Interessen vertraten und dabei manchmal – etwa unter den Bedingungen des Nationalsozialismus – auch gegeneinander agierten.11 Die kräftigsten Impulse für die neuere Forschung sind, achtens, von der neueren Kulturgeschichte ausgegangen, die danach fragt, wie das Bild des behinderten Menschen geformt wird. Hier geht es um Repräsentationen, Codierungen, Performanzen, Inszenierungen, Diskurse, Ikonologien – kurz: um die kulturelle Konstruktion von Behinderung.12 In diesem Zusammenhang sind etwa Studien zur Darstellung von Menschen mit Behinderungen in der Bildenden Kunst, der Literatur oder den Medien zu nennen,13 Studien über Freak-Shows, Monstrositäten und die Entstehung der Teratologie14 oder neue Arbeiten zum Contergan-Komplex.15 Davon unterscheiden würde ich, neuntens, neuere Beiträge zur Begriffsgeschichte der Behinderung, die nach sprachpolitischen Strategien und Praktiken fragt, die der Benennung von „verkörperten Andersheiten“ zugrunde liegen.16 Und schließlich sei, zehntens, auf die Impulse aus der neuen Körpergeschichte hingewiesen, etwa auf Arbeiten über Kriegsversehrte des Ersten Weltkriegs, die seit einiger Zeit Konjunktur haben.17

Geschichte der Behinderung, Disability History, Dis/ability History

Dieses breite Spektrum von Studien, die sich rund um das epistemische Objekt der „Behinderung“ gruppieren, stellt sich, was die Definition dieses Objektes angeht, als durchaus heterogen dar. Konventionelle Arbeiten – etwa aus dem Bereich der Medizin-, der Sozial- oder der Institutionengeschichte – fassen Behinderung zumeist, dem klassischen medizinischen Modell folgend, als etwas Naturgegebenes, Vorfindliches, Unhinterfragbares auf, etwas, das im Körper des behinderten Menschen zu verorten ist, und dieses Etwas ist negativ konnotiert: als eine Schädigung, ein Defekt, ein Defizit. Die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte etwa stellt Behinderung als eine Abweichung des Körpers von der Norm dar, die zur Beeinträchtigung der Lebenschancen führt und mit Hilfe der Wissenschaften korrigiert oder doch kompensiert werden kann und soll. In der überkommenen Sozialgeschichte wird Behinderung als ein individueller Mangel und Makel aufgefasst, dem das System sozialer Staatlichkeit durch medizinische, soziale und berufliche Rehabilitation wortwörtlich „zu Leibe rückt“. Ähnlich fassen manche ältere Arbeiten aus der Institutionengeschichte Behinderung als eine irgendwie naturwüchsige Not auf, derer sich etwa katholische oder protestantisch-erweckliche Milieus in tätiger Nächstenliebe annahmen.

Ausgehend von einem soziologischen Modell der Behinderung, als dessen Begründer der englische Sozialwissenschaftler Michael Oliver gelten kann,18 haben die Disability Studies seit den 1980er Jahren einen neuen Ansatz entwickelt, der zwischen der Ebene der Beeinträchtigung (impairment) im Sinne individueller körperlicher, geistiger oder psychischer Besonderheiten und der Ebene der Behinderung (disability) im Sinne der daraus entstehenden gesellschaftlichen Benachteiligung unterscheidet. Konkret: Eine Lähmung der Beine, die die Benutzung eines Rollstuhls erforderlich macht, wird zur Behinderung erst durch Bordsteine, Treppen und Trittstufen in Bussen und Bahnen. Eine kognitive Einschränkung, die das Lesen Lernen unmöglich macht, wird zur Behinderung dadurch, dass die Hilfen zur Orientierung im öffentlichen Raum – Wegweiser, Hinweisschilder, Fahrpläne – die Beherrschung eben dieser Kulturtechnik voraussetzen. Indem historische Arbeiten diesen Ansatz aufgegriffen haben, hat die „Geschichte der Behinderung“ den Schritt zur „Disability History“ vollzogen.

In den letzten Jahren kann man nun unter dem Einfluss der Kulturwissenschaften eine Fortentwicklung der „Disability History“ zur „Dis/ability History“ (Anne Waldschmidt) beobachten.19 In Abgrenzung zum medizinischen Modell des Behindert-Seins als individuelles körperliches Defizit, aber auch in Weiterentwicklung des soziologischen Modells des Behindert-Werdens als Ausdruck sozioökonomischer Strukturen und Prozesse in der kapitalistischen Industriegesellschaft fasst die kulturalistisch angelegte Dis/ability History Behinderung als „soziokulturelle Konstruktion“ auf. Demnach werden aus „verkörperten Andersheiten“ (embodied difference) in komplexen Zuschreibungs-, Deutungs- und Benennungsprozessen Begriffe von „Behinderung“ abgeleitet. Dieser Ansatz hat gegenüber streng materialistischen Interpretationsmodellen den großen Vorteil, dass er die diskursive Ebene der Begrifflichkeiten und Sprachregelungen, der Topoi und Narrative, der Argumentationsmuster, der emotionalen Ressourcen und des moralischen Kapitals und damit die Schnittstelle zwischen sozioökonomischen Strukturen und Prozessen, Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik in den Blick nimmt. Damit kommt die Dis/ability History der Lösung des methodologischen Grundproblems der Sozialgeschichte – wie nämlich aus anonymen sozialen Strukturen und Prozessen Einstellungen, Empfindungen, Denkmuster, Redeweisen und letztendlich Handlungen entstehen – ein gutes Stück näher.

Zudem leuchtet die Dis/ability History einen blinden Fleck der Sozialgeschichte aus, indem sie dem Begriffspaar Behinderung/Nichtbehinderung bei der Analyse sozialer Ungleichheit einen ebenso hohen Stellenwert einräumt wie den Kategorien Klasse, Geschlecht, Alter, Ethnizität oder Religionszugehörigkeit. Es geht also nicht um eine weitere „Sektorgeschichte“, sondern um eine „Gesellschaftsgeschichte“, die aus einer neuen Perspektive geschrieben wird. Anspruch der Dis/ability History ist es, so Anne Waldschmidt, „nicht nur eine Geschichte der Behinderung, sondern mit Behinderung die allgemeine Geschichte neu zu schreiben“.20

Daraus ergibt sich ein weiterer Vorzug der Dis/ability History: Sie denkt „Behinderung“ immer zusammen mit „Normalität“. So wie „Behinderung“ in Abgrenzung von der Norm kulturell konstruiert wird, so wird gleichzeitig auch die soziokulturelle Norm durch den Blick auf „verkörperte Andersheiten“ definiert. Der Dis/abilty History geht es gerade „um die Verschränkungen und Verknüpfungen, das Wechselspiel von ‚normal’ und ‚behindert’, kurz, um das Transversale und Intersektionale“.21

Dis/ability History und „Heimwelten“

Ein vielversprechender Ansatz also, der indessen in mikrohistorischen Studien zu geschlossenen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen bisher kaum aufgegriffen worden ist. Diese Studien entstehen zumeist im Rahmen von Forschungsprojekten, die abseits der Universitäten und der öffentlichen Forschungsförderung von den Trägern der betreffenden Einrichtungen in Auftrag gegeben und finanziert werden. Hier liegt ein handfestes Forschungsinteresse zugrunde: Entweder geht es darum, die besondere Signatur einer Einrichtung – etwa der aus der freien christlichen Liebestätigkeit entstandenen Anstalten der Diakonie und Caritas – herauszuarbeiten, nicht zuletzt im Hinblick auf eine aktuelle Standortbestimmung, Leitbildprozesse und Zukunftsentwürfe; oder aber solche Arbeiten konzentrieren sich – aus gegebenem Anlass, angestoßen durch öffentliche Kritik – auf die Heimstrukturen und die daraus entstehende Gewalt. In den Arbeiten dieser zweiten Kategorie wird, sofern sie sich nicht auf die Klärung des Umfangs und der Formen der Gewaltanwendung, die Identifizierung der Täterinnen und Täter und die Beschreibung und Bewertung des Umgangs des Trägers mit Gewalt beschränken, häufig das Konzept der „totalen Institution“ nach Erving Goffman (1922–1982) herangezogen – eine Verknüpfung mit den Impulsen aus der Dis/ability History findet bislang nur ansatzweise statt. In dem Maße, wie die mikrohistorische Forschung ihren Blick weitet und nicht mehr nur nach Gewaltphänomenen fragt, sondern die Gesamtheit der Lebensbedingungen und Lebensverhältnisse in Heimen für Menschen mit Behinderungen in den Blick nimmt – eine Entwicklung, die zwangsläufig kommen wird –, braucht sie einen weiteren theoretischen Rahmen. Sie täte deshalb gut daran, sich dem akademischen Diskurs der Dis/ability History zu öffnen.

Aber auch die Dis/ability History täte gut daran, die „Heimwelten“, in denen bis heute ein großer Teil der Menschen mit Behinderungen lebt, in den Blick zu nehmen. Es fällt auf, dass die geschlossenen Einrichtungen der Behindertenhilfe aus der Perspektive der Dis/ability History eine black box bilden – gerade im Hinblick auf Menschen mit geistiger Behinderung. Hier wird eine empfindliche Forschungslücke sichtbar. Heime sind soziale Räume, in denen sich die Zuschreibungs-, Deutungs- und Benennungsprozesse bei der soziokulturellen Konstruktion von Behinderung extrem verdichten. Diese These sei in fünf Punkten konkretisiert:

Ein erster Prozess der Zuschreibung, Deutung und Benennung findet – im Sinne des klassischen

labeling approach

– vor der Heimeinweisung statt. Ein konkretes Beispiel: Ob ein Kind, das durch normabweichendes, störendes, gar aggressives Verhalten auffiel, als „schwererziehbar“ einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe, als „psychisch krank“ der Kinder- und Jugendpsychiatrie, als „psychopathisch“ oder „moralisch schwachsinnig“ einer Heilerziehungseinrichtung für geistig oder – falls noch körperliche Beeinträchtigungen hinzukamen – für körperlich behinderte Menschen zugewiesen wurde, war das Ergebnis eines komplexen Aushandlungsprozesses mit durchaus offenem Ausgang – und unabsehbaren Folgen für die Betroffenen.

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In den Heimen für Menschen mit Behinderungen erfuhren professionelle Diskurse um Behinderung ihre Konkretion. Psychiater, Orthopäden, Heilpädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter usw. stellten im Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Heime Typologien auf, um verschiedene Formen und Grade von Behinderung zu umschreiben. Psychiater etwa sortierten die Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen für Menschen mit geistiger Behinderung in Gruppen wie „Vollidioten“ und „Halbidioten“, „Blödsinnige“, „Schwachsinnige“ und „Schwachbegabte“, „Idioten“, „Imbezille“ und „Debile“ usw. Sie entwarfen Beschreibungen und Bilder dieser Gruppen, schätzten auf dieser Grundlage die Fördermöglichkeiten und -bedarfe ab, legten dementsprechend Behandlungsziele fest, verteilten Ressourcen und entschieden so über die Lebenschancen der solcherart Etikettierten.

Die Träger der Heime – in Deutschland waren und sind dies im Bereich der Hilfen für behinderte, erst recht für geistig behinderte Menschen häufig konfessionelle Träger – entwickelten sowohl nach innen (über die Hausordnungen, Dienstanweisungen, Aus- und Fortbildungskurse) als auch nach außen (in der Spendenwerbung und der öffentlichen Selbstdarstellung) ihr eigenes Bild von behinderten Menschen. Einrichtungen der Inneren Mission und Diakonie etwa propagierten über Jahrzehnte hinweg – in offener Abgrenzung gegen das medizinische Modell geistiger Behinderung als „Krankheit“ – das Bild des geistig behinderten Menschen als eines „immerwährenden Kindes“,

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das es zu schützen, zu betreuen, sittlich zu erziehen und geistlich zu heben galt. Dies war ein sehr geschichtsmächtiges Bild, das sich – bis hin zur „Aktion Sorgenkind“

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– im gesellschaftlichen Diskurs festsetzte.

Das in den Heimen herrschende Regime – irgendwo zwischen Krankenhaus, Kaserne und Kloster angesiedelt – prägte die darin untergebrachten Menschen: Massenunterbringung, das Einfügen in starre Betriebsabläufe, die Unterordnung unter eine rigide Hausordnung, das Fehlen jeder Privat- und Intimsphäre, der Verlust der Individualität, der Entzug von äußeren Reizen, Eindrücken, Anregungen und Herausforderungen, der Mangel an liebevoller Zuwendung, das Grundgefühl der Angst und Unsicherheit, das Vorenthalten elementarer Kulturtechniken – das alles zusammengenommen führte zu „erlernter Hilflosigkeit“.

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Das Heim formte die darin lebenden Menschen nach dem Bild, das die einweisenden Behörden, die Träger der Heime, die darin arbeitenden Professionen mitgebracht hatten. Und die Lebens- und Überlebensstrategien der Heiminsassen – Rebellion, Kolonisierung, Konversion – trugen ihrerseits dazu bei, dieses Bild zu verfestigen.

Heime wurden als Gegenbild zur „Welt draußen“ verstanden – das Bild des Heims prägt die Vorstellung der Gesellschaft von behinderten Menschen. Mehr noch: Das Heim als Chiffre („Bethel“, „Gütersloh“, „Volmerdingsen“ usw.) hegt als dunkle Drohung den Bereich des „Normalen“ ein. Diese Chiffre steht für den „bürgerlichen Tod“

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– sie droht den Entzug der Freiheiten, Rechte und der Würde des bürgerlichen Individuums an.

Zu den Beiträgen

Die Beiträge des vorliegenden Bandes gliedern sich in drei thematische Blöcke. Im ersten Block wird der theoretische und methodische Rahmen aufgespannt. Elsbeth Bösl stellt das Konzept der Disability History und seine Erweiterung zur Dis/ability History noch einmal eingehend vor, arbeitet die Vorzüge dieses Ansatzes heraus und präsentiert Vorüberlegungen zu einer Dis/ability History der Institutionen. An einem konkreten Beispiel – der Diskussion über den 1963 der Öffentlichkeit unterbreiteten Vorschlag, eine „kleine Stadt“ für „Contergan-Kinder“ zu errichten – zeigt sie, wie eine solche Dis/ability History der Institutionen aussehen könnte: Der Vorschlag verschwand schon bald wieder aus der Diskussion, die Kritik an einem „Contergan-Ghetto“ setzte sich durch. Darin spiegelte sich eine sich wandelnde Vorstellung von „Behinderung“ und ein sich veränderndes Verständnis von „Behindertenpolitik“, die nicht mehr einseitig auf Institutionalisierung setzte. Petra Fuchs befasst sich mit Krankenakten als einer zentralen Quellengattung der Dis/ability History. Am Beispiel des Ineinandergreifens von Intelligenzforschung, Heilpädagogik und Psychiatrie zeichnet sie nach, wie „geistige Behinderung“ und „Bildungsunfähigkeit“ in Krankenakten konstruiert werden und wie diese soziokulturellen Konstrukte in der Zwischenkriegszeit zur Grundlage räumlicher Segregation, eugenischer Auslese und schließlich der Selektion im Rahmen der NS-„Euthanasie“ wurden. Abschließend stellt sie exemplarisch dar, wie „Euthanasie“-Patientenakten durch qualitativ-biographische Analyse zum Sprechen gebracht werden können: Selbst knappe und formelhafte Einträge in einer Krankenakte können – methodisch sorgfältig aufbereitet – zum Teil einer Erzählung werden und dazu beitragen, den hier stereotyp beschriebenen Menschen „ein einzigartiges, wiedererkennbares Leben“ zurückzugeben. Christian Mürner richtet das Augenmerk auf Bildquellen von der Frühen Neuzeit bis zur unmittelbaren Gegenwart. Bilder bzw. Bild-Text-Kombinationen sind wichtige Medien, um Vorstellungen von Behinderung zu konstituieren, zu visualisieren und zu inszenieren. Die emotionale Konnotation der solcherart geschaffenen Bilder von Behinderung reicht vom „Schock“ bis zum „Vorbild“, bleibt mitunter auch ambivalent und diffus. Auch zeigt der Beitrag am Beispiel von Darstellungen aus einem Gebetbuch aus dem 16. Jahrhundert, wie uneindeutig (und vom Zeithorizont abhängig) die Interpretation solcher Bildquellen sein kann. Uta George schildert aus ihrer langjährigen Erfahrung in der „Euthanasie“-Gedenkstätte Hadamar, wie Menschen mit Lernschwierigkeiten in jüngerer Zeit als Zielgruppe historisch-politischer Bildung entdeckt worden sind und sich zu eigenständigen „Akteuren der Erinnerungskultur“ entwickeln. Ihre Sichtweise ist von einem hohen Maß an Empathie für die Opfer der NS-„Euthanasie“ und großer Sensibilität für die Bezüge zur aktuellen „Lebensrechtdebatte“ geprägt.

Im zweiten thematischen Block geht es konkret um die „Heimwelten“, in denen die Mehrzahl der Menschen mit geistiger Behinderung über Jahrzehnte hinweg lebte. Frank Konersmann hat die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Eben-Ezer im Lemgo/Lippe erforscht. In seinem Beitrag analysiert er die „Frageraster, Wahrnehmungsmuster und Diagnosen“ verschiedener (medizinischer) Fragenkataloge aus den Jahren 1859–1869, 1894–1912 und 1942–1954. Im zeitlichen Längsschnitt wird eine medizinisch-eugenische Blickverengung sichtbar, die jede Erfahrung der „Heterogenität von Behinderung“ beeinträchtigte. „Biologische Faktoren“ wurden einseitig hervorgehoben, soziale, kulturelle und diskursive Faktoren in den Hintergrund gerückt. Wilfried Rudloff zieht die großen Linien der Entwicklung von der „Institutionalisierung“ zur „Deinstitutionalisierung“ in der bundesdeutschen Behindertenpolitik aus. Wesentliche Impulse zur Reform wurden in den „langen 1960er Jahren“ – vom Ausgang der 1950er Jahre bis 1973 – gesetzt, als die überkommenen „Heimwelten“ erst in die Kritik, dann in die Krise gerieten. In den 1970er/80er Jahren setzte sich der Wandel von der „Großanstalt“ zu alternativen Wohnformen – etwa dezentralen Wohngruppen und Betreutem Einzelwohnen – beschleunigt fort, wobei die Selbsthilfegruppen von Menschen mit Behinderung jetzt als eigenständige Akteure auf den Plan traten. Der Umbruch in der Behindertenpolitik, so wird abschließend deutlich, ist keineswegs abgeschlossen. Hans-Walter Schmuhl versucht, zentrale Interpretamente des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930–2002) – „soziales Feld“, „Kapital“, „Habitus“ – auf die „Heimwelten“ zu übertragen, um ein begriffliches Instrumentarium zu entwickeln, das helfen kann, die Umbrüche im Inneren des sozialen Subsystems „Heim“ in den 1960er/70er Jahren zu erklären und insbesondere auch die Bewohnerinnen und Bewohner als historische Subjekte genauer in den Blick zu nehmen. An einem konkreten Beispiel aus den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel wird aufgezeigt, wie man diesen theoretischen Ansatz in der Empirie anwenden kann. Ulrike Winkler untersucht am Beispiel der Lebenserinnerungen eines Bewohners des Wittekindshofes, wie in einem solchen autobiographischen Text aus „Erlebnissen“ mit Hilfe von „sozialem Wissen“ „Erfahrung“ produziert wird. Interessant ist die Frage, woher Georg B., der fast sein ganzes Leben lang im Wittekindshof lebte, sein „soziales Wissen“, also die „Deutungs- und Sinnmuster“, die ihm in „Fragen des Lebens und des Sterbens Orientierung bieten sollen“, bezog. Es zeigt sich, dass Herr B. – nicht zuletzt, indem er sich Lesen und Schreiben beibrachte – Zugriff auf soziale Wissensbestände bekam, die es ihm erlaubten, die Ordnung der „Heimwelt“ kritisch zu reflektieren.

Im dritten thematischen Block geht es um professionelle Diskurse. Dagmar Hänsel formuliert vehemente Kritik am herrschenden Diskurs in der Sonderpädagogik über die Rolle der Hilfsschule im nationalsozialistischen Deutschland. Die Masse der Hilfsschullehrerinnen und -lehrer, so die gängige Lesart, habe die rassenhygienische Doktrin des NS-Staates nicht aufgegriffen, sich ihr vielmehr bei oberflächlicher Anpassung in der Unterrichtspraxis verweigert – die Rassenhygiene sei gleichsam von außen her der Sonderpädagogik aufgezwungen worden. Demgegenüber wird hier am Beispiel der Publikation „Erbe und Schicksal“ (1942) belegt, wie die aktive Rolle eines führenden Hilfsschullehrers bei der rassenhygienischen Überformung des eigenen Fachs heruntergespielt wird. Heinrich Greving wendet sich in seinem Beitrag der Zukunft zu und fragt nach den Perspektiven der Heilpädagogik in der „Postmoderne“, die als Wandel des Verhältnisses von „Optionen“ („Wahlmöglichkeiten“) und „Ligaturen“ („Verpflichtungen, Abhängigkeiten und Bindungen“) beschrieben wird. Vor dem Hintergrund zunehmender Kontingenz, Unübersichtlichkeit, Unsicherheit und auch sozialer Ungleichheit stellen sich der Heilpädagogik neue Herausforderungen – zunehmend sichtbar werden etwa die Ambivalenzen des Inklusionsprinzips, ein Trend zur Ökonomisierung und unterschwellige paternalistische Tendenzen der Heilpädagogik –, denen mit einem mehrdimensionalen Modell heilpädagogischer Professionalität begegnet werden soll. Thomas Zippert richtet einen theologischen Blick auf geistige Behinderung und stellt dabei fest, dass die in der theologischen Anthropologie aus der „Gottebenbildlichkeit“ abgeleitete Gleichheit aller Menschen sogleich wieder unterlaufen wird durch verschiedene Formen von Ungleichheit (Stände, Schichten und Klassen; Milieus; Lebenslagen; Schädigungen und Beeinträchtigungen) – was dem Slogan „Es ist normal, verschieden zu sein“ einen zynischen Beiklang gibt. Dem werden systematisch-theologische, praktisch-theologische und schließlich sozialethische Überlegungen entgegengesetzt. Als konkretes Ziel wird die (ausgewogene) Teilhabe von Menschen mit Behinderung nicht nur am System von Religion und Kultur, sondern auch am politischen, ökonomischen, Bildungs- und Familiensystem sowie an Öffentlichkeit und Freizeit formuliert. Dierk Starnitzke reflektiert den derzeitigen Umbruch in den Einrichtungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Er plädiert für die selbstkritische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, um den anstehenden Wandel bewusst gestalten zu können, insbesondere für die „kritische Betrachtung der prägenden Metaphern“, wobei auch er auf die Sprache der Bibel verweist, die Ressourcen in sich birgt, um eine individuelle Sicht auf Menschen mit Behinderung zu eröffnen und prägende Metaphern von Behinderung zu dekonstruieren. Ein Grußwort des Bundesverbandes evangelischer Behindertenhilfe von Michael Conty beschließt den Band.

Redaktionelle Hinweise

Die Namen von Personen sind zur leichteren Orientierung bei der ersten Nennung kursiv gesetzt. Nach Möglichkeit sind Vor- und Nachnamen sowie Geburts- und Sterbejahr angegeben – die Datensätze sind jedoch in manchen Fällen unvollständig. Die verfügbaren Angaben sind im Personenregister am Ende des Buches noch einmal aufgeführt. Die Nachnamen von Bewohnerinnen und Bewohnern von Heimen für Menschen mit geistiger Behinderung werden in der Regel nicht ausgeschrieben. In einem Fall – „Georg B.“ im Beitrag von Ulrike Winkler – wurde ein Pseudonym verwendet. Nachnamen von Mitarbeitenden werden – von Personen in Leitungsfunktionen (Ärzten, Pastoren, Mitarbeitende von Teilanstaltsleitungen u. ä.) abgesehen – ebenfalls nur mit der Initiale angegeben.

Rechtschreibung und Zeichensetzung in den Quellenzitaten wurden – soweit nicht anders angegeben – behutsam den heute geltenden Regeln angepasst.

1 Einen guten Überblick bieten der Forschungsbericht von Elsbeth Bösl, Dis/ability History: Grundlagen und Forschungsstand, in: H-Soz-u-Kult 07.07.2009, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2009-07-001, sowie der Sammelband von Elsbeth Bösl/Anne Klein/Anne Waldschmidt (Hg.), Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung (Disability Studies. Körper – Macht – Differenz 6), Bielefeld 2010.

2 Vgl. z. B. Andreas Möckel, Geschichte der Heilpädagogik, Stuttgart 1988; Sieglind Ellger-Rüttgardt, Geschichte der Sonderpädagogik. Eine Einführung, München 2008; Dagmar Hänsel, Die NS-Zeit als Gewinn für Hilfsschullehrer, Bad Heilbrunn 2006; dies., Karl Tornow als Wegbereiter der sonderpädagogischen Profession. Die Grundlegung des Bestehenden in der NS-Zeit, Bad Heilbrunn 2008; Elmar Tenorth, Bildsamkeit und Behinderung – Anspruch, Wirksamkeit und Selbstdestruktion einer Idee, in: Lutz Raphael/Elmar Tenorth (Hg.), Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte, München 2006, 496–520; Werner Brill, Pädagogik der Abgrenzung. Die Implementierung der Rassenhygiene im Nationalsozialismus durch die Sonderpädagogik, Bad Heilbrunn 2012; Klaus-Dieter Thomann, Das behinderte Kind. „Krüppelfürsorge“ und Orthopädie in Deutschland 1886–1920, Stuttgart 1995.

3 Wolfgang Jantzen, Sozialgeschichte des Behindertenbetreuungswesens, München 1982; Walter Fandrey, Krüppel, Idioten, Irre. Zur Sozialgeschichte behinderter Menschen in Deutschland, Stuttgart 1990; Wilfried Rudloff, Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung/Bundesarchiv (Hg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, 3: 1949–1957, Bundesrepublik Deutschland. Bewältigung der Kriegsfolgen, Rückkehr zur sozialpolitischen Normalität, Baden-Baden 2005, 516–557; ders., dass., in: ebd. 4: 1957–1966. Bundesrepublik Deutschland. Sozialpolitik im Zeichen des erreichten Wohlstandes, Baden-Baden 2007, 463–502; ders., dass., in: ebd., 5: 1966–1974: Bundesrepublik Deutschland. Eine Zeit vielfältigen Aufbruchs, Baden-Baden 2006, 557–591; ders./Ferdinand Schliehe, dass., in: ebd. 6: 1974–1982: Bundesrepublik Deutschland. Neue Herausforderungen, wachsende Unsicherheiten, Baden-Baden 2008, 584–604; Marcel Boldorf, dass., in: ebd. 8: 1949–1961: Deutsche Demokratische Republik. Im Zeichen des Aufbaus des Sozialismus, Baden-Baden 2004, 453–474; ders., dass., in: ebd. 9: Deutsche Demokratische Republik. Politische Stabilisierung und wirtschaftliche Mobilisierung, Baden-Baden 2006, 450–469; Elsbeth Bösl, Politiken der Normalisierung. Zur Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland (Disability Studies. Körper – Macht – Differenz 4), Bielefeld 2009.

4 Philipp Osten, Die Modellanstalt. Über den Aufbau einer „modernen Krüppelfürsorge“ 1905 bis 1933, Frankfurt a. Main 2004; Hans-Walter Schmuhl/Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe. Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967 (Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel 18), Bielefeld ²2013; dies., „Als wären wir zur Strafe hier“. Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung – der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren (Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel 19), Bielefeld ³2012; dies., Auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Die Diakonissenanstalt Neuendettelsau unter den Rektoren Hermann Bezzel (1891–1909) und Wilhelm Eichhorn (1909–1918), Neuendettelsau 2009; dies., „Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört“. Der Wittekindshof. Eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung, 1887–2012 (Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel 21), Bielefeld 2012; Ulrike Winkler, „Es war eine enge Welt“ Menschen mit Behinderungen, Heimkinder und Mitarbeitende in der Stiftung kreuznacher diakonie, 1947–1975 (Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel 22), Bielefeld 2012; Frank Konersmann, Für ein Leben in Vielfalt. Historische Einblicke und Einsichten in 150 Jahre Stiftung Eben-Ezer (1862–2012), Bielefeld 2012; Bernhard Frings, Heimerziehung im Essener Franz Sales Haus 1945–1970. Strukturen und Alltag in der „Schwachsinnigen-Fürsorge“, Münster 2012.

5 Forschungsüberblick bis 2011: Robert Jütte/Wolfgang U. Eckart/Hans-Walter Schmuhl/Winfried Süß, Medizin und Nationalsozialismus. Bilanz und Perspektiven der Forschung, Göttingen 2011. Aktuell: Götz Aly, Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte, Frankfurt a. Main 2013.

6 Robert Garland, The Eye of the Beholder. Deformity and Disability in the Graeco-Roman World, Ithaca 1995; Cordula Nolte (Hg.), Homo debilis. Behinderte – Kranke – Versehrte in der Gesellschaft des Mittelalters, Korb 2009.

7 Kim Nielsen, The Radical Lives of Helen Keller, New York 2004; Hugh Gallagher, FDR’s Splendid Deception, Arlington 1994.

8 Petra Fuchs/Maike Rotzoll/Ulrich Müller/Paul Richter/Gerrit Hohendorf, „Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“. Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“, Göttingen 2007; Uta George, Kollektive Erinnerung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Das kulturelle Gedächtnis des nationalsozialistischen Behinderten- und Krankenmordes in Hadamar. Eine erinnerungssoziologische Studie, Bad Heilbrunn 2008.

9 Penny Richards, „Beside her sat her Idiot Child“: Families and Developmental Disability in Mid-Nineteenth-Century America, in: Steven Noll/James W. Trent (Hg.), Mental Retardation in America: A Historical Reader, New York 2004, 65–86; Katherine Castles, “Nice, Average Americans”. Postwar Parents’ Groups and the Defense of the Normal Family, in: ebd., 351–370; Janice Brockley, Rearing the Child who Never Grew: Ideologies of Parenting and Intellectual Disability in American History, in: ebd., 130–164; Hannah Joyner, From Pity to Pride, Washington 2004.

10 Petra Fuchs, „Körperbehinderte“ zwischen Selbstaufgabe und Emanzipation: Selbsthilfe – Integration – Aussonderung, Weinheim 2001; Christian Mürner/Udo Sierck, Krüppelzeitung. Brisanz der Behindertenbewegung, Neu-Ulm 2009; dies., Behinderung. Chronik eines Jahrhunderts, Weinheim/Basel 2012, bes. 94–105.

11 Malin Büttner, „Nicht minderwertig, sondern mindersinnig …“. Der Bann G für Gehörgeschädigte in der Hitler-Jugend, Frankfurt a. Main 2005.

12 Carol Poore, Disability in Twentieth-Century German Culture, Ann Arbor 2007.

13 Christian Mürner/Volker Schönwiese (Hg.), Das Bildnis eines behinderten Mannes. Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Ausstellungskatalog und Wörterbuch, Neu-Ulm 2006; Christian Mürner, Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen. Sensationslust und Selbstbestimmung, Weinheim 2003; ders., Erfundene Behinderungen. Bibliothek behinderter Figuren, Neu-Ulm 2010.

14 Rosemarie Garland Thomson (Hg.), Feakery. Cultural Spectacles of the Extraordinary Body, New York 1996; Rachel Adams, Sideshow U.S.A. Freaks and the American Cultural Imagination, Chicago 2001; Urs Zürcher, Monster oder Laune der Natur. Medizin und die Lehre von den Missbildungen, 1780–1914, Frankfurt a. Main 2004; Michael Hagner, Monstrositäten haben eine Geschichte, in: ders. (Hg.), Der falsche Körper. Beiträge zu einer Geschichte der Monstrositäten, Göttingen 1995; Anja Tervooren, Freak-Shows und Körperinszenierungen. Kulturelle Konstruktionen von Behinderung, in: Behindertenpädagogik 41. 2002, 173–184.

15 Walburga Freitag, Contergan. Eine genealogische Studie des Zusammenhangs wissenschaftlicher Diskurse und biographischer Erfahrungen, Münster 2005. Demnächst auch dazu: Anne Günther, Ärzte als mediale Akteure im Contergan-Fall, in: Studien des Aachener Kompetenzzentrums für Wissenschaftsgeschichte.

16 Klaus-Dieter Thomann, Der ‚Krüppel‘: Entstehen und Verschwinden eines Kampfbegriffs, in: Medizinhistorisches Journal 27. 1992, 221–271; Hans-Walter Schmuhl, Exklusion und Inklusion durch Sprache – Zur Geschichte des Begriffs Behinderung, Berlin 2010.

17 Maren Möhring, Kriegsversehrte Körper. Zur Bedeutung der Sichtbarkeit von Behinderung, in: Anne Waldschmidt/Werner Schneider (Hg.), Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Erkundungen zu einem neuen Forschungsfeld, Bielefeld 2007, 175–197; Eva Horn, Der Krüppel. Maßnahmen und Medien zur Wiederherstellung des versehrten Leibes in der Weimarer Republik, in: Dietmar Schmidt (Hg.), KörperTopoi. Sagbarkeit – Sichtbarkeit – Wissen, Weimar 2002, 109–136; Sabine Kienitz, „Als Helden gefeiert – als Krüppel vergessen“. Kriegsinvaliden im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik, in: Dietrich v. Beyrau (Hg.), Der Krieg in religiösen und nationalen Deutungen der Neuzeit, Tübingen 2001, 217–237.

18 Michael Oliver, The Politics of Disablement. A Sociological Approach, London/New York 1990; ders., Understanding Disability. From Theory to Practise, London/New York 1996.

19 Paul K. Longmore/Lauri Umansky (Hg.), The New Disability History: American Perspektives, New York 2001.

20 Anne Waldschmidt, Warum und wozu brauchen die Disabilty Studies die Disability History? Programmatische Überlegungen, in: Bösl/Klein/Waldschmidt (Hg.), Disability History, 13–27: 23.

21 Ebd., 20. Vgl. auch den Beitrag von Elsbeth Bösl in diesem Band.

22 Dazu jetzt eindrücklich: Frings, Heimerziehung, 55–74.

23 Dazu demnächst auch: Hans-Walter Schmuhl, Aus „Kindern“ werden „Klienten“. Der veränderte Blick der Diakonie auf Menschen mit (geistiger) Behinderung seit den 1960er Jahren, in: Traugott Jähnichen u. a. (Hg.), Neue soziale Bewegungen als Herausforderung sozialkirchlichen Handelns – zur Neuformatierung der Zivilgesellschaft seit dem Ende der 1960er Jahre.

24 Dazu: Gabriele Lingelbach, Konstruktionen von „Behinderung“ in der Öffentlichkeitsarbeit und Spendenwerbung der Aktion Sorgenkind seit 1964, in: Bösl/Klein/Waldschmidt (Hg.), Disability History, 127–150.

25 Martin E.P. Seligmann, Erlernte Hilflosigkeit, München/Weinheim31986.

26 Erving Goffman, Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen (1961), Frankfurt a. Main 1973, 25 f.

Was ist und wozu brauchen wir die Dis/ability History?

Elsbeth Bösl

„Like gender, like race, disability must become a standard analytical tool in the historian’s tool chest. That is the goal of the new disability history: to join the social-constructionist insights and interdisciplinarity of cultural studies with solid empirical research as we analyze disability’s past.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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