Welt und Mensch - Hildegard von Bingen - E-Book

Welt und Mensch E-Book

Hildegard Von Bingen

4,9

Beschreibung

Acht Jahre lang schrieb Hildegard von Bingen an diesem monumentalen Buch von der Welt, das jetzt nach achthundert Jahren erstmals aus der ältesten Handschrift, dem Genter Kodex "De operatione Dei", übersetzt und erläutert wird. Zum ersten Male herausgegeben werden dabei auch alle zehn Kosmostafeln aus dem etwas jüngeren Kodex zu Lucca, die in ihrer Schönheit und Eindringlichkeit eine ausgezeichnete Illustration zu den Texten darstellen. Dieses Buch der zehn Visionen "Vom Wirken Gottes" zeigt Ursprung, Aufbau und Schicksal des Universums, es beschreibt die Struktur des Kosmos, die Gliederung des Menschenleibes und das Schicksal des Menschengeschlechtes. Es ist im Grunde immer der Mensch in seiner sittlichen Entscheidung, dem alle Kreatur dient, der das Interesse der Engel findet, um dessentwillen Gott selber auf die Welt kam und im Fleische Mensch geworden ist.

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HILDEGARD VON BINGEN / WELT UND MENSCH

HILDEGARD VON BINGEN

WELT UND MENSCH

DAS BUCH »DE OPERATIONE DEI«

AUS DEM GENTER KODEXÜBERSETZT UND ERLÄUTERT VON

HEINRICH SCHIPPERGES

OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG

© 1965 OTTO MÜLLER VERLAG, SALZBURGAlle Rechte vorbehalten. Printed in Austria

eISBN: 978-3-7013-5347-7

Bilder: Miniaturen des Codex Latinus 1942 in der Biblioteca Governativa di Lucca.Farbdias: „Scala“, Istituto Fotografico Editoriale, Firenze.Schutzumschlag- und Einbandgestaltung von Karl Weiser.Druck und Bindung: Wiener Verlag, Himberg bei Wien

INHALT

VORWORT

EINFÜHRUNG

Hildegards Kosmosschrift im Gesamtplan der Visionen

Abfassung und Schicksal der Kosmosschrift

Zur Entstehung der Visionen

Der Umriß der Kosmosvisionen

DIE ZEHN VISIONEN VOM WIRKEN GOTTES IN WELT UND MENSCH

Vorspruch

ERSTER TEIL: DIE WELT DES MENSCHEN

1. Schau: Vom Ursprung des Lebens

2. Schau: Vom Bau der Welt

3. Schau: Von der Natur des Menschen

4. Schau: Von der Gliederung des Leibes

ZWEITER TEIL: DAS REICH DES JENSEITS

5. Schau: Die Stätten der Läuterung

DRITTER TEIL: DIE GESCHICHTE DES HEILES

6. Schau: Vom Sinn der Geschichte

7. Schau: Vorbereitung auf Christus

8. Schau: Vom Wirken der Liebe

9. Schau: Vollendung des Kosmos

10. Schau: Das Ende der Zeiten

ERLÄUTERUNGEN ZUM WELTBILD HILDEGARDS

1. Das theologische Leitbild

2. Die Struktur des Weltbildes

3. Das Wesensbild des Menschen

Zur geistesgeschichtlichen Einordnung der Schrift

ANHANG

Schematische Darstellungen

Anmerkungen zum Text

Literaturhinweise

Personenregister

Register lateinischer Ausdrücke

Sachregister

DIE BILDER

1   DIE SEHERIN MIT IHREN MITARBEITERN

2   DER URLEBENDIGE

3   DER URLEBENDIGE (Ausschnitt aus 2)

4   DER KOSMOSMENSCH

5   DIE WELTKRÄFTE

6   DER LEBENSKREIS

7   DIE JENSEITSRÄUME

8   DIE JENSEITSRÄUME (Ausschnitt aus 7)

9   DIE STADT GOTTES

10   DAS TOR ZUM HEIL

11   DER BRUNNEN DES LEBENS

12   DER BRUNNEN DES LEBENS (Ausschnitt aus 11)

13   DIE VOLLENDUNG DER WELT

14   DIE „ALLMACHT“ (Ausschnitt aus 13)

15   DIE ENDZEITALTER

16   DIE „LIEBE“ (Ausschnitt aus 15)

VORWORT

Nach jahrhundertelangem Schweigen ist die Stimme Hildegards von Bingen, der Seherin vom Rupertsberg, wieder laut und in ihrem Fragen vernehmlich geworden. Mit zunehmendem Ernst haben sich in den letzten Jahrzehnten Philosophen und Naturwissenschaftler, Historiker und Theologen, Ärzte und Künstler mit diesem unvergleichlichen Weltbild und dieser einzigartigen Menschenkunde des hohen Mittelalters auseinandergesetzt.

Über diese rein fachwissenschaftliche Anerkennung hinaus konnten die deutschen Übersetzungen einer Hildegard-Gesamtausgabe die theologischen und naturkundlichen Schriften der heiligen Hildegard auch weiteren Kreisen zugänglich machen. Neben der HEILKUNDE (Causae et curae) und der NATURKUNDE (Physica) hat vor allem ihre GLAUBENSKUNDE (Scivias) Beachtung gefunden. An diese Übersetzung reiht sich nunmehr ihre WELTENKUNDE (Liber divinorum operum) an, Hildegards Kosmosschrift, die als ihr monumentalstes und reifstes Werk gilt.

Gleichwohl bedarf die Übersetzung einer solchen mittelalterlichen Kosmologie und Anthropologie, die hier erstmalig nach den ältesten Quellen vorgelegt werden kann, einer Begründung. Die Welt des 20. Jahrhunderts ist nicht mehr die Welt des 12. Jahrhunderts. Die Erschütterung des hohen Mittelalters vor den Visionen dieser „prophetissa teutonica“ ist nicht ohne weiteres übertragbar auf unsere vielschichtige und widerspruchsvolle Gesellschaft. Zu einer solchen Übertragung bedarf es einer behutsamen Vermittlung, einer wirklichen Über-Setzung, damit wir nicht – nach dem treffenden Bild des Hildegard-Biographen Wibert von Gembloux – dem Esel gleichen, der Wein trägt, ohne davon zu kosten.

Es darf dem Leser nicht verschwiegen werden, daß ihm keine leichte Kost vorgesetzt wird. Das bildhafte Denken des frühmittelalterlichen Symbolismus ist bereits in der späteren Scholastik von einem rationellen Denken zugedeckt und im Zuge einer zunehmenden Säkularisierung und Aufklärung vollends verschüttet worden. Hinzu kommt die einfache und unscheinbare Sprache Hildegards, die in krassem Gegensatz zum hohen Anspruch der Visionen steht, ein Tatbestand, an dem die Humanisten jeder Epoche Ärgernis genommen haben. Hildegards Stil sei so schlecht – schreibt Langius (1716) –, daß es schon an Blasphemie grenze, diese Sprache dem Heiligen Geiste zuzuschreiben.

Nun hat Hildegard nicht wie Cicero, sondern in der Sprache ihrer Zeit gesprochen, aus dem Glaubensgut und der Wissenschaft ihrer Zeit. Wir müssen an die Geduld des modernen Lesers appellieren. Gerade dieser Leser von heute aber sollte die ganze Landschaft des Kosmos und des Körpers erfahren und sich nicht mit einer Blütenlese begnügen. Auch er sollte das monumentale Bauwerk selber entdecken, das unter viel Schutt und Putz herausgelöst werden muß, ehe es aus seinem Lichtkern heraus zu erstrahlen beginnt. Hierzu sollen unsere Erläuterungen für das Werk Hildegards einige Leitlinien geben, während auf eine endgültige Ausdeutung dieses Welt- und Menschenbildes noch verzichtet wurde.

Nicht allein die Übersetzung, sondern auch die Bearbeitung des Textes bedarf einer persönlichen Stellungnahme, diesmal aus der Sicht der Seherin Hildegard heraus. Hat Hildegard doch in ihrem Nachwort mit prophetischer Selbstbewußtheit gefordert, daß niemand sich erkühnen dürfe, aus dieser Schrift – die so sehr als Ganzes gedacht war und als Prophetie charakterisiert wurde – irgend etwas wegzunehmen oder hinzuzufügen. Gestattet sei lediglich die „excribatio literarum et dictionum“: daß man einzelne Worte und Sätze aussiebe. Dies allerdings erschien uns bei der stellenweise ermüdenden Weitschweifigkeit des Stils und bei den uferlosen Wiederholungen im Gedankengang gerade dieser Spätschrift notwendig und gerechtfertigt.

Im übrigen haben wir uns um eine wortgetreue Übersetzung bemüht. Um einer klaren Gliederung willen wurden die drei Teile und ihre zehn Einzelvisionen mit einem erklärenden Titel versehen. Die Überschriften zu den Kapiteln wurden gestrafft und versuchen zu deuten und überzuleiten. Einer solchen Überleitung und Zusammenfassung dienen auch die Legenden zu den Bildtafeln, die hier erstmalig im ganzen gezeigt werden können. Hinweise zu weiterer Interpretation bringen die Literaturangaben.

Besonderen Dank schuldet der Verfasser den Chorfrauen der Benediktinerinnen-Abtei St. Hildegard zu Eibingen, insbesondere Frau Adelgundis Führkötter für ihre selbstlose Mitarbeit bei den Übersetzungen. Herzlich gedankt sei auch Professor Fritz Reusch für seine Anregungen bei der Anlage der Übertragung und für sein sorgfältiges Sachregister. Dem Verlag zu danken sind die Mühen um die Beschaffung des Textes aus dem Genter Kodex und um die Reproduktion der Bildtafeln aus dem Kodex zu Lucca.

EINFÜHRUNG

HILDEGARDS KOSMOSSCHRIFT IMGESAMTPLAN DER VISIONEN

Wie man die theologischen Summen der Hochscholastik neben die gotischen Kathedralen gestellt hat, so könnte man Hildegards Kosmosschrift mit einer romanischen Basilika vergleichen: ein monumentales Bauwerk mit festgefügten Quadern und durchsichtigen Konturen nach einem klaren Plan. Die Kreuzesform durchbricht nach ihren vier Enden das tragende Kreisrund und öffnet einem weiten, lichten Raum den erhabenen Gegenstand dieses Weltbildes. Es ist immer die ganze Welt, die unter den Zeichen von Kreis und Kreuz in den folgenden Bildern erscheint, und in diese Welt hineingeboren erscheint der Mensch.

Mit der Natur der ganzen Welt und im Schicksal seiner Heilsgeschichte steht der Mensch auf, um sich vor aller Welt als verantwortlich zu erweisen und so seinen Schöpfer zu verherrlichen. Thema dieser Schrift ist diese Schöpfungsordnung Gottes, die „operatio Dei“, die als Welt den Menschen meint und seinen Weg zum Heile begleitet. Insofern stehen auch die vorliegenden Visionen in der Gesamtschau der heiligen Hildegard. Hatte die Seherin in ihrer ersten Schau, die sie im Jahre 1141 erlebte, die Offenbarung des christlichen Glaubens und das innere Leben der Kirche verkündet, worauf der Titel Wisse die Wege hinweist, so schilderte sie im Buch der Lebensverdienste (1157–1163) den inneren Kampf des gläubigen Menschen und darin seine weltweite Verantwortlichkeit. Die Wege des Menschen aber mit seiner sittlichen Entscheidung führen unmittelbar in die Thematik der letzten großen Vision: in den Liber divinorum operum (1163–1173).

Dieses Buch von der Welt und vom Menschen ist auch insofern mit einem Bauwerk zu vergleichen, als sich darin die verschiedenen Bauphasen noch erkennen lassen: als Baukern die erschütternde Vision von der Menschwerdung des Wortes Gottes, die Hildegard nach dem Prolog des Johannes-Evangeliums ausdeutet. Daß das Wort im Anfang war und dieses Wort Fleisch geworden ist, das wird im Herzstück dieser Weltenschau auf die einzelnen Glieder unseres Organismus ausgelegt, in denen der Logos Mensch geworden ist. Eng damit verbunden sind die beiden anderen großen Räume dieser Weltensicht: das göttliche Sechstagewerk nach der Genesis und die letzten Dinge nach der Geheimen Offenbarung. Das Wort Gottes verbindet das Weltwerk aufs innigste mit der Heilsgeschichte. Es sind deswegen auch die beiden Herzworte als Leitlinien aufzufassen, die sich durch die gesamte Schrift ziehhen: verbum und opus. Gottes Wort ist am Werk in der Welt. Der Aufbau dieser Welt – unsere Natur um uns und in uns – greift auf geheimnisvolle Weise in den Ablauf dieser Welt ein, in unsere Geschichte. Beide Bereiche erlebt der Mensch in seiner Existenz als seine Wirklichkeit, und für beide ist er verantwortlich.

ABFASSUNG UND SCHICKSAL DER KOSMOSSCHRIFT

Unserer Übersetzung liegt eine der ehrwürdigsten Handschriften der Genter Universitätsbibliothek, der Kodex 241, zugrunde. Sorgfältige Untersuchungen datieren die Entstehung auf die Jahre 1170–1173 (Schrader-Führkötter [1956]). Offensichtlich ist das Manuskript in der Schreibstube auf dem Rupertsberg – noch unter den Augen Hildegards – angefertigt worden und damit wohl die älteste und wertvollste Hildegard-Handschrift. Es handelt sich um einen Kodex in Kleinfolio aus Pergament, 255 × 160 mm groß, auf 396 Blätter geschrieben. Die Handschrift zeigt, daß zwei Kopisten am Werk gewesen sind, die sich durch nur unwesentliche stilistische Varianten unterscheiden. Zahlreiche Korrekturen und Erläuterungen im Text oder am Rande weisen darauf hin, daß es sich um ein erstes Konzept oder Diktat Hildegards – wenn auch nicht sicher um ein Autograph – handelt.

Die Handschrift kam in das Kloster St. Eucharius (heute St. Matthias) in Trier, dessen Besitzvermerk sie noch trägt, und auf Umwegen in die Genter Bibliothek. Ebenfalls aus der Rupertsberger Schreibstube dürfte eine Abschrift stammen, die auf f. 202v–308v dem Wiesbadener Riesenkodex eingefügt ist. Auch dieser Text ist an kritischen Stellen zu Rate gezogen worden.

Aus dem 13. Jahrhundert stammen zwei weitere Manuskripte. Als Kodex 683 bewahrt die Bibliothèque Municipale zu Troyes eine Fassung des Liber divinorum operum, die aus Clairvaux stammt. Die kostbaren Bildtafeln haben wir einer letzten Handschrift entnommen, dem Kodex 1942 der Biblioteca Governativa in Lucca, deren Provenienz aus der Rupertsberger Schreibstube nur vermutet werden kann.

Hildegards Kosmosschrift, die in der Genter Fassung den Titel De operatione dei trägt, während die späteren Manuskripte sie als Liber divinorum operum führen, ist ein eigenartiges Schicksal zuteil geworden. Es muß uns überraschen, daß dieses Weltbild schon wenige Jahrzehnte nach Hildegards Tod zu keiner historischen Wirksamkeit mehr kommen konnte. Bereits das Zeitalter eines Thomas von Aquin mit seinem am neuen Aristoteles geschärften Intellekt konnte der Bildungswelt einer Hildegard keinen Geschmack mehr abgewinnen. Hinzu kommt der verhängnisvolle Tatbestand, daß bereits im 13. Jahrhundert ein Prior aus dem Kloster Eberbach namens Gebeno aus der kosmischen Prophetin Hildegard eine religiös-politische Wahrsagerin gemacht hatte, indem er aus den Endzeitvisionen ein verkürztes und verzerrtes Speculum futurorum temporum zusammenstellte.

Der historisch wenig kritische Abt Trithemius von Sponheim führt Hildegard von Bingen in seinem Catalogus virorum illustrium und erwähnt in seinem Werk De scriptoribus ecclesiasticis auch die Kosmosschrift der Seherin vom Rupertsberg, unterstreicht aber ebenfalls nur die politischen und religiösen Vorhersagen einer großen nahenden Spaltung der Kirche und einer voranschreitenden Säkularisierung der Christenheit bei Zerfall des Römischen Imperiums. Als eine Kronzeugin dieser Tendenzen konnte dann Hildegard ganz im Sinne der Reformation ausgelegt werden, so bei Andreas Osiander, einem Prediger zu Nürnberg und Freunde Martin Luthers.

Als Ganzes ist die Kosmosschrift zum erstenmal wieder dem gelehrten Erzbischof von Lucca, Johannes Dominicus Mansi (1692–1769), zu Gesicht gekommen. Mansi spricht mit großer Bewunderung von diesem Riesenwerk und meint, bei richtigem Lesen und der rechten Vertiefung in dieses Buch müsse letztlich jede Mühsal und jede noch so schwere Last von einem Menschen weggenommen werden: so groß und erhebend sei der Ertrag dieser süßen Frucht. In den Miscellanea des Stephanus Baluzius hat Mansi den Text seines Kodex zu Lucca herausgegeben (Lucca 1761), eine erste Edition, deren sich auch Migne in seiner Patrologia Latina (tom. 197, 739–1038) bedient hat. Auch diese Ausgabe haben wir ausführlich herangezogen; fehlerhafte Aufschlüsselungen und Varianten sind in den Anmerkungen des Anhangs aufgeführt worden, wobei auf die Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern verzichtet wurde.

Auch den Übersetzungen dieser Kosmosschrift ist ein nicht weniger eigenartiges Geschick zuteil geworden. Neben einer einführenden Blütenlese bringt Schmelzeis (1879) zusammenhängende Texte vor allem aus der 10. Schau, den „Schilderungen der zukünftigen Zeiten“ (S. 402–419). Eine genauere Inhaltsangabe mit allerdings einer nur äußerlichen Charakteristik gibt May (1911, S. 321–333), während sich Bühler in seiner Auswahl wiederum mit einer nicht immer kritisch getroffenen Anthologie begnügt (1922, S. 254–300). In einen weitgespannten Rahmen und mit beachtenswerten Quellenstudien hat Liebeschütz in seiner Habilitationsschrift „Das allegorische Weltbild der heiligen Hildegard von Bingen“ (1930) gestellt; wir werden im einzelnen darauf zurückkommen müssen.

Eine geschlossene Einführung in „Sinn und Aufbau des Liber divinorum operum“ hat in vorbildlicher Kürze und mit bewundernswerter Einfühlungsgabe Adelgundis Führkötter (1953) gegeben. Der Abschluß der 4. Vision, die sogenannten Monatsbilder, sowie die Interpretation des Johannes-Prologs sind von Schipperges in einem Auswahlbändchen „Gott ist am Werk“ (1958) übersetzt worden. Eine tiefgehende Würdigung gibt in ihrer Hildegard-Biographie schließlich Monika zu Eltz (1963, S. 167–174). Sie nennt die Kosmosschrift das reifste Werk der Seherin, in dem „Scivias“ und der „Liber vitae meritorum“ zu ihrer letzten Tiefe gewachsen seien. In dieser letzten Vision weite sich „das Mysterium der Liebe bis zu den Grenzen des Weltalls und bis ans Ende der Zeit“.

ZUR ENTSTEHUNG DER VISIONEN

Ein so gründlicher Kenner der mittelalterlichen Bildwelt wie Alois Dempf (1929) hat das Weltbild der „prophetissa teutonica“ noch über das Weltendrama Dantes gestellt. Das tiefere mythische Bild der Zeit in ihrer furchtbaren und erhabenen Größe und herben Wahrhaftigkeit habe uns Hildegard von Bingen gegeben: hier – mehr noch als bei Dante – sei „in persönlicher Eigenart auf einmal das Ganze gesagt“.

Dieses Ganze auf einmal in persönlicher Eigenart zu geben war Hildegard nur möglich, weil sie in ihrer Weltschau die Inkarnation als das Fundament aller Schöpfung und auch als „causa exemplaris“ für alle Weltstruktur und alle menschliche Organisation aufgenommen hat. Zu dem erschütternden Erlebnis dieser zentralen Vision hat Hildegard sich an mehreren Stellen geäußert, vor allem in ihren Prologen und in Briefstellen, wo sie auch zum Visionsmodus eine Erklärung abgegeben hat.

Auf dieses Erlebnis wird ausführlich in der Vita Hildegardis (II, 35) eingegangen. In dieser zeitgenössischen Hildegard-Biographie ist vom Menschen als dem Werk Gottes in aller Welt die Rede; Hildegard beruft sich dabei auf das Johannes-Evangelium und führt aus: „Die erwähnte Schau lehrte mich die Worte und den Inhalt dieses Evangeliums, das vom Anfang des Werkes Gottes handelt, und gab mir das Verständnis hierzu. Und ich sah, daß diese Auslegung der Beginn einer anderen Schrift sein müßte, die noch nicht offenbar geworden war. In ihr sollten viele Fragen der geheimnisvollen Schöpfungsordnung Gottes untersucht werden.“ Hildegard berichtet nicht ohne Erregung, wie sie von dieser Schau besonders auch körperlich mitgenommen worden sei: „Mein Innerstes ward vor diesem Gesicht erschüttert, und die Empfindungen meines Körpers erloschen, da mein Erkennen in eine andere Weise – als ob ich mich selber nicht mehr kennte – umgewandelt ward. Und wie sanfte Regentropfen träufelte es aus Gottes Inspiration in mein Bewußtsein, so wie der Heilige Geist den Evangelisten Johannes betaut hat, als er aus Jesu Brust die gewaltig-tiefe Offenbarung sog: daß im Anfang das Wort war.“

Eine pathographische Untersuchung über die Visionsweise der heiligen Hildegard liegt nicht vor; eine solche Studie müßte vom wissenschaftlichen Standpunkt aus die zahlreichen Erklärungsversuche zum Visionsstil der Seherin vom Rupertsberg kritisch zusammenfassen, dann aber auch aus der Phänomenologie her die Stimmen der Zeitgenossen, die autobiographischen Zeugnisse wie auch analoge Visionsweisen ordnen und zu interpretieren versuchen. Ohne auf diese noch unzureichende Situation in der Hildegard-Forschung einzugehen, muß doch auf den prophetischen Habitus der Visionärin und Mystikerin aufmerksam gemacht werden. Hierbei wären vor allem die „Mystikerin“ und die „Seherin“ zu charakterisieren und von der „Prophetin“ Hildegard zu unterscheiden, die in erster Linie in vorliegender Schrift gesprochen hat.

Was die Mystikerin angeht, so darf Hildegards Mystik nicht verwechselt werden mit Gestalten aus der „Christlichen Mystik“ von Görres, nicht mit einer spanischen Mystik, nicht mit den spätmittelalterlichen Formen der „Devotio moderna“, ja nicht einmal mit der zeitgenössischen Mystik etwa einer Elisabeth von Schönau oder den Formen späterer Brautmystik. Der Begriff der Mystik ist bei Hildegard weitaus strenger zu fassen. Ihr mystisches Erleben beruht einzig und allein auf der persönlichen Erfahrung einer Begegnung mit Gott, und zwar nicht mit Gott als subjektivem Gesprächspartner der Seele, sondern jenem Gott, der die ganze Welt und den ganzen Menschen geschaffen hat. Folgerichtig vollzieht Hildegard in ihrer Kosmosschrift die Hereinnahme der gesamten Welt in die innere Begegnung mit dem fleischgewordenen Gottessohn. Im Grunde begegnet die Mystikerin Hildegard immer nur Christus als dem Worte Gottes, dem Logos des Kosmos. Diese Erfahrung äußert sich direkt und unvermittelt in ihrem Schrifttum, weshalb Hildegard sich auch ausdrücklich von asketisch unterbauten Stufen eines Einweihungspfades oder einer ekstatischen Seelenverfassung distanziert.

Wie Hildegard aus ihrer mystischen Begegnung mit dem Schöpferwort die Einheit der geschaffenen Welt erlebt, so kommt sie aus dem gleichen Erlebnis heraus auch als Visionärin zu einer Gesamtschau der Welt. Insofern darf die Vision Hildegards durchaus mit normalpsychologischen Maßstäben gemessen werden. Zu allen Zeiten und in jedem Kulturkreis hat es diese „Schau“ der Wirklichkeit gegeben, bei dem griechischen „mantis“ ebenso wie bei einem arabischen „kahin“, von den Erfahrungen der östlichen Mystik ganz zu schweigen. Selbst der Begriff der Inspiration, den noch Friedrich Nietzsche im „Ecce Homo“ gegeben hat, bietet überraschende Ähnlichkeiten mit dem Visionsmodus Hildegards. Ebenso erlauben die Untersuchungen von E. R. Jaensch und Karl Jaspers ein einfühlendes Verständnis für die Bekenntnisse und Erlebnisse Hildegards, wie auch auf die „Visionen“ bei C. G. Jung (1963) hingewiesen werden darf.

Hildegards Visionen sind ihrem Inhalte nach als „Privatoffenbarungen“ schon von Papst Eugen III. (1147/48) anerkannt worden. Sie stehen als echte Vision in Übereinstimmung mit der Offenbarung: daß Gott die Welt als gut erschaffen hat, daß der Mensch der Versuchung erlag und die Welt in Verwirrung brachte, daß Gott Mensch wurde, um die Welt zu erlösen. Mit dieser Offenbarung vermittelt Hildegard die Verkündigung Gottes, der sich über die Welt und in der Geschichte als ein Gott der Gerechtigkeit und der Güte erweist. Aus diesem Visionsduktus heraus ist auch das letzte Motiv der vorliegenden Schrift zu verstehen. Hildegard will den Reichtum der natürlichen Welt in einen Zusammenhang mit dem Gnadenleben bringen; sie will damit nicht nur ihrer Zeit einen Spiegel Vorhalten, sondern jeden einzelnen Menschen ansprechen und in seiner jeweiligen Situation vor eine Entscheidung stellen. Damit aber unterzieht sich die Seherin dem eigentlichen Amt des Propheten, der weniger vorauszusagen als vielmehr zu künden hat, der mit seiner Kundgabe den Menschen vor die Alternative stellt und darin eine verantwortliche Entscheidung fordert. In der Tat ist Hildegard, die Prophetin, die eigentliche Trägerin und Autorin der Kosmosschrift. Wir greifen damit auf einen alten Ehrentitel zurück, insofern bereits ihre Zeitgenossen die „prophetissa teutonica“ verehrt haben und sie mit der alttestamentarischen Gestalt der Prophetin Debora vergleichen konnten. Hier haben wir ein drittes Mal zu unterscheiden und diesen prophetischen Habitus näher zu differenzieren.

Die eigentliche Bedeutung des Begriffes „propheta“ ist umstritten. Der hebräische Wortsinn meint am ehesten „einen, der gemacht wird“. Auch im Griechischen ist der Prophet „einer, der für einen anderen spricht“, für Gott nämlich, wodurch er zum religiösen Künder wird. Das besagt der Begriff auch im arabischen Kulturkreis, wo der Inspirierte in erster Linie als ein Mann der Eingebung gesehen wird, als Träger einer Botschaft, die größer als der Bote ist. Der Prophet gehorcht einem Impuls Gottes, wenn er in der Herausstellung kritischer Situationen die Gegenwart auf ein Kommendes hin auslegt.

In diesem Sinne dürfen wir Hildegard eine Prophetin nennen. Nicht zu Unrecht ist sie mit den großen Mahnern und Kündern des Alten Bundes verglichen worden, besonders mit Jeremias, dessen Empfindsamkeit und Schüchternheit so augenfällig dem heimlichen Zittern Hildegards vor ihrem Auftrag gleichen. Bei beiden siegt über die Natur des einfachen Menschen das Charisma der prophetischen Tat. Auch die Prophetin Hildegard greift in die konkrete Krisis ihrer Gegenwart ein und hat insofern Anteil an der Zukunft. Indem sie zum Gewissen redet, stellt sie den Menschen ständig und inständig vor die Entscheidung. Dieser Alternative dient der ganze Reichtum an Weltbildern und die ganze Fülle menschlicher Bildungswelt. Und sie darf im Bewußtsein ihrer Berufung zum Gewissen sprechen, weil sie Gedanken Gottes mitzuteilen hat und nicht allein ein profanes Bildungswissen.

Die Prophetin Hildegard, die gerade in ihrer Kosmologie und Anthropologie vor der Mystikerin und Visionärin Hildegard herausgehoben werden soll, erklärt indes nicht nur den visionären Stil dieser Weltenkunde, sie vermittelt auch die mystische Vertiefung in ein solches umfassendes Weltbild. Denn hier haben wir es wahrhaftig mit der gesamten Wirklichkeit zu tun. Bei aller Vielfalt an theologischen, philosophischen, astronomischen, physikalischen Aspekten, zumal an medizinischen oder psychologischen Einzelelementen, finden wir dennoch keine mittelalterliche Seelenlehre und keine scholastische Physik, keinen Beitrag zur Physiologie und keine Naturphilosophie, nicht einmal ein dogmatisches System, obwohl gerade die Prophetin Hildegard sich in durchgehender Übereinstimmung mit der Ontologie altchristlicher Überlieferung befindet.

Ebensowenig kommen wir an diese Weltenschau mit modernen wissenschaftlichen Methoden heran: Existentialismus und Tiefenpsychologie lassen uns genauso im Stich wie ein moderner Symbolismus. Selbst die philosophische Methodik des hohen Mittelalters würde uns eher den Zugang zu dieser Welt versperren; man braucht nur ein paar Seiten aus Thomas von Aquin gegen einen Passus dieser Visionen zu halten, um die durchgreifende Verschiedenheit in Geist und Stimmung beider Weltansichten zu spüren.

Am besten sollten wir nicht nach historischen oder philosophischen Kriterien suchen, sondern dem Text selber Raum geben und Hildegard so hören, wie sie sich – deutlich genug – in jeder der folgenden zehn Visionen vernehmbar gemacht hat. Diese Einstellung allein verbürgt einen legitimen Eingang in die Welt der heiligen Hildegard.

DER UMRISS DER KOSMOSVISIONEN

Der Mensch ist als Geschöpf Gottes selber Schöpfer einer Welt. Sein schöpferisches Wirken lebt aus Christus, der in der Fülle der Zeit Mensch ward, um Mensch und Welt zum Vollbild der Schöpfung zu gestalten. Dieses „opus" im engeren Sinne ist das Weltwerk, darin eingeschlossen aber – als Sinn dieser ganzen „operatio“ – der Mensch. Das ist mit einem Wort der Inhalt der zehn großen Kosmosvisionen Hildegards:

„Ex operatione Dei homo opus operatum Dei est operans in operatione humana secundum similitudinem Dei.“

Gegenstand dieser Schaubilder ist die Einheit der Schöpfungsordnung, die die Welt der Engel und die Welt der Natur einschließt, eine Welt in Pflanze, Tier und Mensch, eine einzige Welt im Sinnesleben wie im Seelenleben und im Gnadenleben. Natur und Gnade, Körper und Geist, Leib und Seele, Welt und Kirche – alles steht in einem Einklang und verherrlicht einmütig den Schöpfer.

Im ERSTEN TEIL tritt uns die Welt des Menschen vor Augen. Die Seherin sucht in der ersten Vision nach dem Ursprung des Lebens und findet ihn in der Liebe, die alle Welt ins Leben gerufen hat. Während die zweite Schau im einzelnen die Strukturierung dieses göttlichen Weltwerkes beschreibt, befaßt sich die dritte Schau mit der Natur des Menschen, seiner physiologischen Organisation, die dann in der großen vierten Vision mit jedem einzelnen Körperglied durchgesprochen wird. Jeder Teil steht in einem konkreten Bezug zum Ganzen und unterliegt einer sittlichen Verantwortung.

Mitten in diesem vielgliedrigen Weltenbau steht der Mensch. In konzentrischen Kreisen ordnen sich die kosmischen Sphären auf die Zentralgestalt des Menschen zu, die sich weit in das Weltenrad ausspannt. Das Rad selber wird von den Händen des dreifaltigen Gottes gehalten. Gott hat diese Welt mit den Winden verstärkt, mit den Sternen erleuchtet, mit der Erde als dem Herzen des Firmaments gefestigt, weil Gott selber aus der Materie der Erde das Gewand für Seine Menschwerdung nehmen wollte. Mit allen Weltstoffen hat Gott den Menschen durchströmt; mit dem Geist der Vernunft hat Er ihn begabt, auf daß die ganze Welt dem Menschen zur Verfügung stehe und er mit ihr schöpferisch wirken könne. Die Erde ist ein Sinnbild für alles planende und tätige Leben des Menschen.

Im ZWEITEN TEIL, der fünften Vision, wird diese weltweite sittliche Verantwortlichkeit bis in die jenseits der Erde gelegenen Stätten der Prüfung und Läuterung verfolgt. Auch dieser Bereich ist wie die Erde in verschiedene Zonen aufgeteilt, die als Orte der Erprobung oder Verwerfung gelten. Im Osten brennt über dieser Jenseitstopographie die rote Kugel des göttlichen Strafeifers, der die Gerechtigkeit Gottes darstellt. Kreis und Kreuz bilden die Urform auch für diese Welt.

Die letzten fünf Visionsbilder, die den DRITTEN TEIL ausmachen, befassen sich mit dem Ablauf der Heilsgeschichte. Gott gründet das Heil des Menschen auf die Möglichkeit seiner geschichtlichen Entscheidung. In geordneten Phasen wird die Menschheit über die Patriarchen und Propheten auf die Erscheinung des Logos vorbereitet. Mit Christus vollendet sich der Kosmos bis zum Tag der großen Offenbarung. Die Prophetin bezieht sich in ihrer Beschreibung des öfteren auf die Endzeitalter des Buches Scivias, wo am Ende der Zeiten den verdüsterten Elementen dieser Welt ihre schwarze Haut abgezogen wird, so daß sie aufleuchten in klarster Heiterkeit.

Soweit in Umrissen die Struktur dieses Weltbildes, wobei die Welt als Schöpfung Gottes selbstverständlich nur als Bruchstück, als unzulängliches Bild erscheinen kann. Gleichwohl liegt in der eindringlichen Geschlossenheit jedes dieser Schaubilder ein Hinweis auf das Ganze, ein wirklicher Hinweis auf das Universum und auf den Sinn dieser Ganzheit. Mit der Welt sind alle Naturerscheinungen gemeint, aber auch das ganze Phänomen der Kultur; in beiden erfährt Hildegard Numinosum und Faszinosum des göttlichen Waltens in der Welt, der „operatio Dei“. Als numinos erlebt sie alle Dinge in der natürlichen Schöpfung: Feuer und Wasser, Wolken und Ströme, die Sterne und Winde und Stürme, den Mond und die Nacht, einen Quell und eine Wiese, wie auch die unheimlichen Gegenden einer unbewohnbaren Erde. Faszinierend ist alle Kultur auf dieser Erde: das Beackern und Einernten der Felder, das Bauen eines Hauses und das Formen eines Gefäßes, das Tun des Schmiedes und das Schaffen des Künstlers, das Geraten des irdischen Tuns und alle Bedrohung durch das Mißraten, die Schrecken der Schuld und der Sumpf der Sünde – und Tag für Tag und Stunde um Stunde die unausbleibliche Entscheidung des Menschen bei all seinem Tun.

1. DIE SEHERIN MIT IHREN MITARBEITERN (Ausschnitt aus 2)(Siehe Text Seite 21 unten)

Wie durch ein kleines Fenster ergießt sich aus dem Schaubild der ersten Vision der Feuerstrom der Inspiration auf den Geist der Seherin. Die Miniatur zeigt Hildegard in ihrem Wirkungskreis mit ihren beiden Mitarbeitern, dem Mönch Volmar und der Schwester Richardis, auf die sich Hildegard in ihrem Vorspruch vertrauensvoll beruft.

Beide Bereiche werden als Einheit erlebt. Nicht als wollte Hildegard das Wirken und Sagen und Verwirken und Versagen des Menschen dämonisieren, als wollte sie Stern und Stein und Pflanze und Tier beseelen: vielmehr dient alles und jedes nur der Urerfahrung der einen einzigen Wirklichkeit. Aus einer solchen durchgeistigten Sinnenhaftigkeit heraus erklärt sich der durchgehende Gleichklang zwischen dem Welterleben und unserer körperlichen Verfassung.

Die Welt als Mensch – dies ist das Thema der Kosmosschrift. Weder eine autonome Natur noch eine absolute Übernatur sind hier anzunehmen: hat doch der Mensch im Wesen seiner Existenz an beiden, Natur und Übernatur, innigsten Anteil. Und so ist es denn auch der Mensch, um den das ganze Gespräch mit Gott und der Welt geführt wird. Dieses anthropologische Anliegen durchzieht alle Aussagen über Gott und die Engel, über die Naturgesetze und die Sinnlichkeit, alle Geschichte und alle Zeitkritik, die Struktur der weltlichen und kirchlichen Gesellschaft wie die Gemeinsamkeit in der Ehe, die Krankheiten und den Tod und das Geheimnis des Bösen in dieser Welt. Mit dieser anthropologischen Betrachtungsweise hält Hildegard eine gesunde Mitte des Weltverständnisses; sie vermeidet das Auswachsen in biologistische Utopien ebenso wie spiritualistische Exzesse; sie kennt so wenig eine christliche Gnostik wie die idealistischen Verzerrungen der abendländischen Christenheit. Die Welt – das ist bei Hildegard von Bingen immer der Mensch! Insofern ist es wirklich die Welt des Menschen, die Hildegard von Bingen nunmehr in ihren Visionen „Vom Wirken Gottes“ zeigen will.

DIE ZEHN VISIONEN VOM WIRKEN GOTTES IN WELT UND MENSCH

VORSPRUCH

Und es geschah im sechsten Jahre, nachdem ich mich bereits fünf Jahre lang mit wunderbaren und wahren Visionen abgemüht hatte. In diesen Visionen hatte eine wahre Schau des unvergänglichen Lichtes mir, einem völlig ungebildeten Menschen, die Mannigfaltigkeit der verschiedenen Lebensweisen [im „Liber vitae meritorum“] gezeigt.

Es war zu Beginn des ersten Jahres der vorliegenden Visionen, als sich dieses ereignete; und ich stand in meinem fünfundsechzigsten Lebensjahr. Da hatte ich eine Schau, so tief geheimnisvoll und überwältigend, daß ich davon am ganzen Leibe erbebte und bei meiner körperlichen Gebrechlichkeit zu erkranken begann. Sieben Jahre lang schrieb ich an dieser Vision und konnte kaum damit fertig werden.

Es war im Jahre 1163 der Menschwerdung des Herrn, als die Unterdrückung des römischen Stuhls sich noch nicht gelegt hatte, unter Friedrich dem römischen Kaiser. Da erscholl eine Stimme vom Himmel und sprach zu mir:

„Armes Wesen, du Tochter vielfacher Mühsal, die du von so zahlreichen und schweren körperlichen Leiden gleichsam durchgekocht bist: Dich hat trotz allem die Tiefe der Geheimnisse Gottes durchströmt! Übermittle du zum Nutzen der Menschen mit festhaltender Schrift, was du mit inneren Augen siehst und mit den inneren Ohren deiner Seele vernimmst. Die Menschen sollen dadurch ihren Schöpfer erkennen lernen und sich nicht länger weigern, Ihn in Ehrfurcht würdig anzubeten. Deshalb schreibe dies auf, nicht wie dein Herz es möchte, sondern wie Mein Zeugnis es will, der Ich ohne Anfang und Ende des Lebens bin. Diese Schau ist nicht von dir erfunden, noch von einem anderen Menschen je ersonnen, sondern Ich habe das alles vor Beginn der Welt festgesetzt. Und wie ich vor der Erschaffung des Menschen diesen schon im voraus kannte, so sah ich auch all das voraus, was ihm nottut.“

Ich armes und gebrechliches Wesen begann also mit zitternder Hand zu schreiben, ungeachtet ich von zahlreichen Krankheiten erschüttert war. Ich vertraute dabei auf das Zeugnis jenes Mannes [Volmar], den ich, wie schon in meinen früheren Visionen erwähnt, insgeheim gesucht und auch gefunden hatte, und auf jenes Mädchen [Richardis], das ich bereits in den früheren Visionen genannt habe. Während ich mich nun zum Schreiben anschickte, blickte ich abermals auf zu dem wahren und lebendigen Licht, was ich denn schreiben solle. Denn alles das, was ich schon in meinen ersten Visionen geschrieben hatte und später noch zu wissen bekam, das sah ich unter himmlischen Mysterien, aber ganz wachen Leibes und bei Sinnen. Ich schaute es mit dem inneren Auge meines Geistes, und ich vernahm es mit inneren Ohren. Niemals war ich dabei in einem schlafähnlichen Zustand, nie in einer geistigen Entrücktheit, wie ich schon bei meinen früheren Schauungen betont habe. Auch trug ich nichts vor, was ich zum Zeugnis der Wahrheit einer menschlichen Empfindungswelt entnommen hätte, vielmehr lediglich das, was ich aus den himmlischen Geheimnissen empfing.

Und wieder hörte ich die Stimme, wie sie vom Himmel aus mich belehrte. Und sie sprach: „Schreib also auf, was Ich dir sage!“

I.DIE WELT DES MENSCHEN

DIE ERSTE SCHAUVOM URSPRUNG DES LEBENS

1 Und ich schaute im Geheimnisse Gottes inmitten der südlichen Lüfte ein wunderschönes Bild. Es hatte die Gestalt eines Menschen. Sein Antlitz war von solcher Schönheit und Klarheit, daß ich leichter in die Sonne hätte blicken können als in dieses Gesicht. Ein weiter Reif aus Gold umgab ringsum sein Haupt. In diesem Reif erschien oberhalb des Hauptes ein zweites Gesicht, wie das eines älteren Mannes. Dessen Kinn und Bart rührten an den Scheitel des ersten Kopfes. Vom Hals der Gestalt ging beiderseits ein Flügel aus. Die Flügel erhoben sich über den erwähnten Reif und vereinigten sich oben. Am obersten Teil der Krümmung des rechten Flügels erschien der Kopf eines Adlers. Dessen Augen waren wie Feuer, und es erstrahlte in ihnen wie in einem Spiegel der Engel Glanz. Auf dem obersten Teil der Krümmung des linken Flügels war ein Menschenhaupt, das leuchtete wie der Sterne Funkeln. Beide Gesichter waren nach dem Osten gewandt. Von den Schultern dieser Gestalt ging ein Flügel bis zu den Knien. Sie war gewandet in ein Kleid, das der Sonne gleich erglänzte. In ihren Händen trug sie ein Lamm, das leuchtete wie ein lichtklarer Tag. Mit ihren Füßen zertrat die Gestalt ein Ungetüm von entsetzlichem Aussehen, giftig und schwarz, und eine Schlange. Diese hatte sich in das rechte Ohr des Ungetüms verbissen. Ihr Leib schlang sich quer um den Kopf des Ungetüms; ihr Schwanz reichte auf der linken Seite bis an die Füße.

Die Gestalt sprach also:

2 Ich, die höchste und feurige Kraft, habe jedweden Funken von Leben entzündet, und nichts Tödliches sprühe ich aus. Ich entscheide über alle Wirklichkeit. Mit meinen höheren Flügeln umfliege ich den Erdkreis: mit Weisheit habe ich das All recht geordnet. Ich, das feurige Leben göttlicher Wesenheit, zünde hin über die Schönheiten der Fluren, ich leuchte in den Gewässern und brenne in Sonne, Mond und Sternen. Mit jedem Lufthauch, wie mit unsichtbarem Leben, das alles erhält, erwecke ich alles zum Leben. Die Luft lebt im Grünen und Blühen. Die Wasser fließen, als ob sie lebten. Die Sonne lebt in ihrem Licht, und der Mond wird nach seinem Schwinden wieder vom Licht der Sonne entzündet, damit er gleichsam von neuem auflebe. Auch die Sterne geben aus ihrem Licht, wie wenn sie lebten, klaren Schein. Die Säulen, die das ganze Erdenrund tragen, habe ich aufgerichtet und ebenso die Windkräfte, die wiederum untergeordnete Flügel haben, sozusagen schwächere Winde, die durch ihre sanfte Kraft jenen mächtigen widerstehen, damit sie nicht gefährlich ausbrechen. So deckt auch der Körper die Seele und hält sie zusammen, damit sie sich nicht verhauche. Denn wie der Seele Hauch den Leib stärkt und festigt, damit er nicht dahinschwindet, so beleben auch die kräftigeren Winde die ihnen untergebenen Winde, damit sie ihren Dienst entsprechend versehen.

Und so ruhe ich in aller Wirklichkeit verborgen als feurige Kraft. Alles brennt so durch mich, wie der Atem den Menschen unablässig bewegt, gleich der windbewegten Flamme im Feuer. Dies alles lebt in seiner Wesenheit, und kein Tod ist darin. Denn ich bin das Leben. Ich bin auch die Vernunft, die den Hauch des tönenden Wortes in sich trägt, durch das die ganze Schöpfung gemacht ist. Allem hauchte ich Leben ein, so daß nichts davon in seiner Art sterblich ist. Denn ich bin das Leben.

Ich bin das ganz heile Leben (vita integra): nicht aus Steinen geschlagen, nicht aus Zweigen erblüht, nicht wurzelnd in eines Mannes Zeugungskraft. Vielmehr hat alles Leben seine Wurzel in mir. Die Vernunft ist die Wurzel, das tönende Wort erblühet aus ihr.

Da Gott Vernunft ist, wie könnte es geschehen, daß Er nicht am Werke sei, Er, der doch jedes Seiner Werke aufblühen läßt durch den Menschen.1 Er schuf ihn ja nach Seinem Bild und Seiner Ähnlichkeit und zeichnete jedes Seiner Geschöpfe nach festem Maß in diesen Menschen. Von Ewigkeit lag es im Ratschlüsse Gottes, daß Er Sein Werk – den Menschen – schaffen wollte. Und da Er dieses Werk vollendete, übergab Er dem Menschen die ganze Schöpfung, damit er mit ihr wirken könne, und zwar in genau der gleichen Weise, wie auch Gott Sein Werk – den Menschen – gebildet hatte.

Und so diene ich helfend. Denn alles Leben erglüht aus mir. Das ewig sich gleichbleibende Leben bin ich, ohne Ursprung und ohne Ende. Eben dies Leben ist Gott, stetig sich regend und ständig am Werk, und doch zeigt sich dies eine Leben in dreifacher Kraft. Denn die Ewigkeit wird „der Vater“ genannt, das Wort „der Sohn“, der Hauch, der beide verbindet, „der Heilige Geist“. Und so hat es Gott auch im Menschen gezeichnet; in ihm sind der Körper, die Seele und die Vernunft. Daß ich über die Schönheit der irdischen Gefilde flamme, das bedeutet: Die Erde ist der Stoff, aus dem Gott den Menschen gebildet, und daß ich leuchte in den Gewässern, das deutet hin auf die Seele, die den ganzen Leib durchdringt, so wie das Wasser die ganze Erde durchströmt. Daß ich brenne in Sonne und Mond, weist hin auf die Vernunft; sind doch die Sterne unzählbare Worte der Vernunft. Und daß ich mit dem Lufthauch wie mit unsichtbarem Leben, das alles hält, das All lebensvoll erwecke, das sinnbildet: Durch Luft und Wind wird das, was im Wachstum reift, belebt und erhalten, und es weicht in nichts von dem ab, was in ihm ist.

Der Mensch als Gottes Bild inmitten der Schöpfung

3 Und wiederum hörte ich die Stimme vom Himmel, die zu mir sprach: Gott, der alles geschaffen, bildete den Menschen nach Seinem Bilde und Seiner Ähnlichkeit und zeichnete in ihm sowohl die höheren als auch die niederen Geschöpfe. Er hat ihn so sehr geliebt, daß Er ihn für den Platz bestimmte, aus dem der gefallene Engel geschleudert ward, und ihm alle Herrlichkeit und Ehre zuordnete, die jener mit seiner Seligkeit verloren hatte. Dies zeigt das Gesicht, das du schaust.

Denn was du im Geheimnisse Gottes inmitten der südlichen Lüfte als wunderschöne Gestalt erblickst, gleich wie ein Mensch gebildet, sinnbildet die Liebe des himmlischen Vaters. Die Liebe ist es: in der Kraft der unvergänglichen Gottheit, von auserlesener Schönheit, wunderbar in ihren geheimnistiefen Gaben! Sie erscheint in Gestalt eines Menschen, weil der Sohn Gottes, als Er sich mit dem Fleische bekleidete, den verlorenen Menschen im Dienst der Liebe erlöste. Daher ist das Angesicht von solcher Schönheit und Klarheit, daß du leichter in die Sonne als in dieses Antlitz schauen könntest. Denn der Liebe Übermaß strahlt und funkelt in solch erhabenem Blitzesglanz ihrer Gaben, daß es jegliche Einsicht menschlichen Verstehens, mit dem man doch sonst in der Seele die verschiedensten Dinge erkennen kann, so weit übertrifft, daß niemand es in seinem Sinnesvermögen zu fassen vermag. Hier aber wird dies in einem Sinnbild gezeigt, damit man dadurch im Glauben erkenne, was man mit äußeren Augen sichtbarlich nicht zu erschauen vermag.

In der Liebe erkennt der Mensch das Walten der Gottheit

4 Ein weiter Reif aus Gold umgibt ringsum das Haupt dieser Erscheinung, denn der katholische Glaube, über das ganze Erdenrund ausgegossen, erstand aus der ersten Morgenröte lichtestem Glanze.

Nur der Glaube erfaßt in tiefster Ehrfurcht das alles Begreifen übersteigende übermaß dieser Liebe: daß Gott durch die Menschwerdung Seines Sohnes den Menschen erlöste und ihn durch die Eingießung des Heiligen Geistes festigte. So wird der Eine Gott in Seiner Dreifaltigkeit erkannt, Er, der ohne zeitlichen Anfang in Ewigkeit Gott war in Seiner Gottheit. In diesem Kreisbild oberhalb dieses Hauptes erblickst du noch einen anderen Kopf wie den eines älteren Mannes. Das bedeutet: die überwältigende Güte der Gottheit, die ohne Ursprung und Ende ist, eilt den Gläubigen zu Hilfe. Kinn und Bart berühren den Scheitel des ersten Gesichtes: im gesamten Planen und Vorherwissen Gottes war das der Gipfel der höchsten Liebe, daß der Sohn Gottes in Seiner Menschheit die verlorenen Menschen heimführte in das himmlische Reich.

Von der Einheit der Liebe zu Gott und zum Nächsten

5 Zu beiden Seiten am Hals der Gestalt geht ein Flügel aus. Beide erheben sich über den Reif und vereinigen sich oben, weil die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten, wenn sie durch die Gotteskraft der Liebe in der Einheit des Glaubens hervorgehen und in höchster Sehnsucht diesen Glauben umfassen, nicht voneinander getrennt werden können, während die Heilige Gottheit den unermeßlichen Glanz Ihrer Herrlichkeit den Menschen verhüllt, solange sie im Schatten des Todes weilen, da sie des himmlischen Gewandes, das sie mit Adam verloren, verlustig sind.

Von den Engeln als Lichtwesen und Spiegelgestalten

6 Auf dem obersten Teil der Krümmung dieses rechten Flügels erblickst du den Kopf eines Adlers mit feurigen Augen. In ihnen erscheint die Schar der Engel wie in einem Spiegel: Wenn jemand auf der Höhe triumphierender Unterwürfigkeit sich Gott unterstellt und den Satan überwindet, ragt er empor und genießt die Seligkeit des göttlichen Schutzes. Und wenn er, entbrannt zum Heiligen Geiste, sein Herz erhebt und seinen Blick Gott zuwendet, dann erscheinen darin in heller Klarheit die seligen Geister und bringen Gott die Hingabe seines Herzens dar. Denn mit dem Adler sind die geistigen Menschen bezeichnet, die mit ihres Herzens Hingabe häufig in Betrachtung gleich den Engeln Gott anschauen. Deshalb haben die seligen Geister, die Gott beständig anschauen, Freude an den guten Werken des Gerechten; sie zeigen Ihm diese Werke mit ihrem eigenen Wesen. So verharren sie im Lobe Gottes und lassen niemals davon ab, da sie Seine Fülle nie ausschöpfen können. Denn wer könnte die unermeßlichen Wunderwerke, die Gott in der Kraft Seiner Allmacht wirkt, jemals zählen? Niemand! Dem Engel eignet ein Glanz wie in vielen Spiegelungen; in diesem Glanze schauen die Engel; denn niemand wirkt und ist von solcher Macht wie Gott. Und keiner ist Ihm gleich. Denn Er unterliegt keiner Zeit.

Von der Schöpfung der Welt in Gottes Vorsehung

7 Alles, was Gott gewirkt hat, hatte Er vor dem Beginn der Zeit in Seiner Gegenwart. In der reinen und heiligen Gottheit leuchteten alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge ohne zeitlichen Augenblick und ohne Zeitablauf vor aller Ewigkeit, so wie sich Bäume und andere kreatürliche Dinge in naheliegenden Gewässern widerspiegeln, ohne doch körperlich in ihnen zu sein, wenngleich ihre Umrisse in diesem Spiegel erscheinen. Als Gott sprach: „Es werde!“, hüllten sich die Dinge sofort in ihre Gestalt, so wie Sein Vorherwissen sie vor der Zeit körperlos geschaut hatte. Wie in einem Spiegel alles, was vor ihm liegt, erglänzt, so erschienen in der Heiligen Gottheit all Ihre Werke zeitlos. Wie aber sollte Gott sein ohne das Vorauswissen Seines Werkes? Ist doch jedes Seiner Werke, wenn es einmal mit seinem Körper umhüllt ist, in der Funktion, die ihm anhaftet, vollkommen; denn die Heilige Gottheit wußte voraus, wie Sie ihm mit Wissen und Erkennen dienend beistehen werde. Wie der Strahl eines Lichtes die Gestalt eines Geschöpfes erkennen läßt, so schaut das reine Vorherwissen Gottes die Gestalten der Schöpfung, noch ehe sie in einen Körper gehüllt waren, weil jedes Ding, das Gott schaffen wollte, eben bevor dieses Ding verkörpert wurde, in Seinem Vorherwissen und nach Seiner Ähnlichkeit aufstrahlte, so wie auch der Mensch den Glanz der Sonne erblickt, bevor er die Sonne selbst schauen kann. Und wie der Sonnenglanz die Sonne anzeigt, so offenbaren die Engel durch ihren Lobpreis Gott, und wie die Sonne nicht ohne ihr Licht sein kann, so ist auch die Gottheit nicht ohne der Engel Lob. Das Vorherwissen Gottes ging also voraus, und Sein Werk folgte nach. Wäre dies Vorauswissen nicht vorhergegangen, so wäre Sein Werk nicht erschienen, so wie man auch vom Körper eines Menschen nichts erkennt, wenn man nicht sein Antlitz erblickt. Sieht man jedoch das Antlitz eines Menschen, so lobt man auch seine ganze Gestalt. Auf diese Weise sind Sein Vorherwissen und Sein Werk im Menschen.

Von der Entscheidung und dem Fall der Engelwelt

8 Es gab damals eine unzählbar große Schar von Engeln, die aus sich selbst etwas sein wollten. Denn als sie ihre großartige Herrlichkeit und glanzvolle Schönheit in funkelnder Fülle aufstrahlen sahen, vergaßen sie ihres Schöpfers. Sie hatten noch nicht angefangen, Gott zu loben, da glaubten sie schon bei sich selber, der Glanz ihrer Ehre sei so groß, daß niemand ihnen widerstehen könnte. So wollten sie auch Gottes Glanz verdunkeln. Als sie dann aber sahen, daß sie Seine wunderbaren Geheimnisse niemals erschöpfen könnten, wandten sie sich voller Abscheu von Ihm ab. Die Ihn hätten rühmen sollen, sprachen in trügerischer Einbildung, sie wollten sich in ihrem Lichtglanz einen anderen Gott erwählen. Deshalb stürzten sie in die Finsternis, zurückgeworfen zu solcher Ohnmacht, daß sie nur dann einem Geschöpf etwas tun können, wenn der Schöpfer es ihnen verstattet. Gott hatte nämlich den ersten aller Engel, Luzifer, mit der ganzen Fülle an Schönheit, die Er über die Schöpfung verschenkt hatte, so geziert, daß von daher auch seine ganze Heeresschar erglänzte. Nun aber ward er, der sich zum Widerspruch verkehrte, gräßlicher als alle Gräßlichkeiten. Denn in Ihrer Zorngewalt schleuderte die Heilige Gottheit ihn an jenen Ort, der da ist ohne jedes Licht.

Wie der Mensch im Licht seiner vernünftigen Natur sein soll

9 Leuchtend wie der Sterne Funkeln erscheint das Angesicht eines Menschen auf der Höhe der Krümmung des linken Flügels. Das bedeutet: Wer auf dem Gipfel überwindender Demut, da er die irdischen Dinge, die ihn gleichsam von links anfechten, in Demut niederhält, sich der Verteidigung seines Schöpfers zuwendet, der hat das Angesicht eines Menschen. Denn er hat angefangen, nicht nach der Weise des Viehs zu leben, sondern gemäß der Würde, wie sie die menschliche Natur ihn lehrt. Deshalb tut er in gerechten Werken seines Herzens gute Absicht kund und strahlt im hellsten Glanze.

Gott schenkte der menschlichen Natur das Licht der Vernunft

10 Als Gott sprach: „Es werde Licht“, entstand das geistige Licht. Das sind die Engel. Das sind sowohl die Engel, die Gott die Treue hielten, als auch jene, die in die äußersten Finsternisse ohne alles Licht stürzten, weil sie nicht wahrhaben wollten, daß das wahre Licht, das in Ewigkeit vor allem Ursprung in Herrlichkeit weste, Gott ist, und weil sie etwas Ihm Ähnliches ins Werk setzen wollten, dessen Existenz unmöglich war. Damals ließ Gott ein anderes Leben, das Er mit einem Körper bekleidete, erstehen. Das ist der Mensch. Ihm gab Gott die Stelle und Ehre des verlorenen Engels, auf daß er Gott zum Ruhme vollende, was jener nicht tun wollte. Mit diesem „Menschenantlitz“ werden jene bezeichnet, die dem leiblichen Wirken nach zwar der Welt hingegeben sind, in ihrer geistigen Gesinnung aber beständig Gott dienen und bei all ihren weltlichen Verpflichtungen dennoch das, was des Geistes ist, im Dienste Gottes nicht vergessen. Die Gesichter sind nach Osten gewandt, weil Geistliche wie Weltliche in ihrer Sehnsucht, Gott zu dienen und ihre Seele für das Leben zu bewahren, sich dorthin wenden sollen, wo der Aufgang des heiligen Wandels und der Quell der Seligkeit ist.

Gott macht den hinfälligen Menschen zum Mitbürger himmlischer Gemeinschaft

11 Von jeder Schulter dieser Gestalt erstreckt sich ein Flügel bis hin zu den Knien, weil in der Kraft Seiner Liebe der Gottessohn Gerechte und Sünder an sich gezogen und gehalten hat: Die einen trägt Er gleichsam auf den Schultern, weil sie recht gelebt haben, die anderen auf den Knien, da Er sie vom Weg des Unrechts zurückrief. Sie alle machte Er zu Partnern einer höheren Gemeinschaft. In gleicher Weise hält ja auch ein Mensch das, was er tragen will, teils auf seinen Knien, teils auf der Schulter. In wissender Liebe wird der Mensch mit Seele und Leib zur Fülle des Heiles geleitet, obwohl er so häufig vom rechten Stand der Beständigkeit abweicht. So wird der Mensch in den himmlischen und geistigen Dingen auf eine unermeßliche Weise belehrt, indem die Gaben des Heiligen Geistes ihn von oben mit einem Reichtum an Reinheit und Heiligkeit durchströmen. Auch in seinen irdischen Belangen erziehen sie ihn zum Nutzen seiner leiblichen Bedürfnisse, allerdings auf eine andere Weise. Und dennoch weiß er sich gerade hier so schwach und hinfällig und sterblich, obwohl er von so vielen Gnadengaben gestärkt wird.

Vom Menschen geht der Blick wieder auf die übermenschliche Gestaltam Eingang dieser Vision

12 Die Gestalt trägt ein Gewand, strahlend wie der Sonne Glanz. Das ist ein Hinweis auf den Gottessohn, der in Seiner Liebe sich mit dem Menschenleib ohne Makel der Sünde, der schönen Sonne gleich, bekleidet hat. Wie die Sonne erhaben über alle Geschöpfe in solcher Höhe erstrahlt, daß kein Mensch sie antasten kann, so vermag auch niemand die Menschwerdung des Sohnes Gottes in ihrem Wesen zu begreifen, es sei denn, durch den Glauben. In ihren Händen trägt die Gestalt ein Lamm: helleuchtend wie der Tag. Hat doch die Liebe in den Werken des Gottessohnes die alles überstrahlende Milde des wahren Glaubens geoffenbart, als sie aus Zöllnern und Sündern Blutzeugen, Bekenner und Büßer erwählte, als sie Gottlose zu Gerechten bekehrte und aus einem Saulus den Paulus machte, auf daß sie alle auf der Winde Fittiche in die Harmonie der Himmel hineinflögen. So hat die Liebe ihr Werk vollkommen gemacht, allmählich, doch deutlich und bestimmt, damit keine schwache Stelle bleibe, vielmehr jegliche Fülle darin sei. Solches schafft der Mensch nicht; denn wenn dieser mit seinen bescheidenen Möglichkeiten einmal am Wirken ist, kann er es kaum aushalten, daß er zu Ende komme, damit sein Werk von anderen gesehen werde. Das bedenke der Mensch bei sich: Auch das aus dem Ei schlüpfende Vöglein, das noch keine Flügel hat, beeilt sich nicht zu fliegen; erst wenn ihm Flügel gewachsen sind, fliegt es, da es sieht: Das Fliegen ist ihm angemessen.

Die Liebe vernichtet alles Böse und macht frei von aller Angst

13 Die Gestalt zertritt mit ihren Füßen ein schauerliches Ungetüm von giftig schwarzer Farbe mitsamt einer Schlange. Denn die wahre Liebe zertritt durch die Fußspur des Gottessohnes alles Unrecht mit seinen Verdrehungen in den zahlreichen Lastern der Zwietracht, so schrecklich in seiner Unnatur, so giftig in seiner Verführung, so schwarz in seiner Verlorenheit, und vernichtet damit die alte Schlange, die den Gläubigen auflauert. Am Kreuze machte Gottes Sohn sie zunichte. Daß sie sich mit dem Mund am rechten Ohr des Ungetüms festgebissen hat und den übrigen Leib quer über seinen Kopf krümmt, während sie mit dem Schwanz an der linken Seite bis zu den Füßen herunterhängt, weist auf den Satan hin, der mitunter seinen Betrug als Wohltun verschleiert, sich an der Zwietracht festbeißt und nach diesem Beginnen mit Leichtigkeit das ganze Geschlecht der Laster hinzufügt, am Ende aber offenkundig zeigt, daß die Verkehrtheit vollendeter Zwietracht dahintersteckt. Denn die Schlange ist in ihrer List schlauer als das andere Gewürm und zerstört mit dieser Schläue, soviel sie kann, indem sie sich immer aufs Schlechteste einstellt. Das sollen die verschiedenen Farbtöne an ihr bedeuten. So machte es Satan. Als er seine Schönheit erkannte, wollte er seinem Schöpfer gleich sein. Dasselbe flüstert er auch dem Menschen ins Ohr, gleichsam durch den Kopf der Schlange, und er wird bis zum Jüngsten Tag nicht davon ablassen, was durch ihren Schwanz dargestellt wird.

Die Liebe aber west im Kreisen der Ewigkeit, ohne Zeit, wie die Glut im Feuer. Gott sah in Seiner Ewigkeit alle Geschöpfe voraus, die Er in der Fülle der Liebe so schuf, daß der Mensch unter ihnen keiner Erquickung und keines Dienstes ermangelte, denn Er verband sie dem Menschen gleich wie die Flamme dem Feuer. Den ersten Engel aber erschuf Gott mitsamt der schmucken Fülle, wie schon beschrieben. Als dieser sich betrachtete, empfand er Haß auf seinen Herrn und wollte selber herrschen. Gott aber schleuderte ihn in den Sumpf des Abgrundes. Von nun an flüstert jener Aufrührer dem Menschen seinen bösen Rat ein. Und der Mensch stimmt ihm zu.

Von der lichten Herrlichkeit des Menschen und der Verführung desWeibes

14 Als Gott den Menschen schuf, gewandete Er ihn mit einem himmlischen Kleid, so daß er in großer Herrlichkeit leuchtete. Der Satan aber sah das Weib und erkannte in ihm die Mutter, die in ihrem Schoß bereits eine große mögliche Welt trug. Mit der gleichen Niedertracht, mit der er von Gott abgefallen war, erreichte er es, daß er Ihn in diesem Seinem Werk überwand, und zwar so, daß er dieses Werk Gottes, womit der Mensch gemeint ist (opus Dei quod homo est), mit sich in Gemeinschaft brachte. Da spürte das Weib, daß es mit dem Genuß des Apfels eine andere geworden war, gab den Apfel seinem Manne, und so verloren sie beide das himmlische Gewand.

2. DER URLEBENDIGE(Seite 25)

Die jugendliche Gestalt der „Liebe“, überragt von der väterlichen „Güte“, trägt in ihren Armen ein Lamm, das Sinnbild der „Milde“. Die Liebe des ewigen Vaters hat durch das WORT, den göttlichen Sohn, die ganze Schöpfung ins Dasein gerufen und als Engel, als Kosmos, als Menschenwelt geordnet. Nach dem Sündenfall der Stammeltern wurde die Menschheit durch den menschgewordenen Gottessohn erlöst. Die „Liebe“ des Urlebendigen zertritt deshalb das Böse, dargestellt durch ein Ungetüm, mit ihren Füßen. Ursprung und Ziel des natürlichen und geistlichen Lebens sind in diesem Bilde vorgezeichnet.

3. DER URLEBENDIGE (Ausschnitt)

Visio I, 1: „… Sein Antlitz war von solcher Schönheit und Klarheit, daß ich leichter in die Sonne hätte blicken können als in dieses Gesicht. Ein weiter Reif aus Gold umgab ringsum sein Haupt. In diesem Reif erschien oberhalb des Hauptes ein zweites Gesicht, wie das eines älteren Mannes…“

Vom Verlust des Paradieses und der schicksalhaften Treue zwischen Mann und Frau

15 Daß Gott aber alsbald sprach: „Adam, wo bist du?“, damit deutete Er voraus, Er bliebe eingedenk, daß Er den Menschen nach Seinem Bilde und Seiner Ähnlichkeit geschaffen hatte und ihn wieder an sich ziehen wollte. Als Er ihn in die Verbannung schickte, bedeckte Er seine Nacktheit durch Sein gefälliges Entgegenkommen: Statt seines leuchtenden Kleides erhielt er ein Schaffell, und das Paradies verwandelte Er in das Exil. Gott hat ja das Weib dem Manne mit dem Eidesschwur der Treue verbunden, und zwar so, daß diese Treue in ihnen niemals gebrochen werden sollte, daß sie vielmehr in eins miteinander übereinstimmten, ganz wie Leib und Seele, die Gott zu einer Einheit verband. Wer immer daher diesen Treuebund zerstört und ohne Besserung darin verharrt, wird nach Babylon vertrieben, in ein Land voll Wirrnis und Dürre, das da ohne die Schönheit lebensgrüner Äcker – ohne den Segen Gottes – brachliegen wird. Die Rache Gottes wird über ihn fallen bis an das letzte Geschlecht der Blutsverwandtschaft, das aus dem hitzigen Blut eines solchen Menschen hervorging, weil eine solche Sünde noch den letzten Menschen berührt.

Von der Fruchtbarkeit des geistlichen Menschen

16 Wie Adam der Erzeuger des gesamten Menschengeschlechtes ist, so geht durch den Sohn Gottes, der in jungfräulicher Natur Fleisch geworden, das geistige Volk hervor. Fruchtbar wird es werden, wie Gott es dem Abraham durch den Engel verheißen, sein Same werde zahlreich sein wie die Sterne am Himmel. Denn so steht es in der Schrift: „Zum Himmel schaue und zähle die Sterne, wenn du dies kannst. Und Er sprach zu ihm: Also wird dein Same sein. Da glaubte Abraham Gott, und dies erachtete Er ihm als Verdienst“ (Gen 15, 5–6). Das ist so zu verstehen: Du, der du Gott mit gutem Willen anbetest und verehrst, schau an die Geheimnisse Gottes und prüfe den Lohn der Verdienste jener, die vor Gott Tag und Nacht erglänzen – soweit dies einem Menschen möglich ist, der von der Last seines Leibes beschwert ist. Denn solange ein Mensch Geschmack hat an fleischlichen Dingen, wird er, was des Geistes ist, nie voll erfassen können. Mit wahrem Zeichen aber wird zu dem gesprochen, der sich müht, Gott in rechter Inbrunst des Herzens zu verehren. Auf diese Weise wird der Same deines Herzens vervielfacht und in helles Licht gesetzt, weil du auf gutes Ackerland gesät hast, das durchtränkt ist von der Gnade des Heiligen Geistes. Vor dem höchsten Gott wird diese Saat in seliger Tugendkraft aufgehen und erstrahlen, gleich wie am Himmel der Sterne Schar erglänzet. Wer deshalb gläubig der göttlichen Verheißung vertraut, indem er sich auf der Höhe des wahren Glaubens an Gott hält, Irdisches verachtet und nach Himmlischem trachtet, wird als Gerechter unter die Kinder Gottes gezählt. Die Wahrheit hat er geliebt, und kein Falsch fand sich in seinem Herzen.

Vom Ursprung und vom Ziel des geistlichen Lebens

17 Denn Gott wußte, daß Abrahams Gesinnung frei war vom Trug der Schlange, da sein Tun niemandem Schaden zufügte. Deshalb erwählte Gott aus seinem Geschlecht die schlummernde Erde, die gar nichts von jenem Geschmack an sich trug, mit dem die alte Schlange das erste Weib betrogen hatte. Jene Erde aber, vorgezeichnet durch Aarons Stab, war die Jungfrau Maria. In ihrer großen Demut war sie das verschlossene Brautgemach des Königs. Denn als sie die Botschaft vom Throne erhielt, der König wolle in ihrem verborgenen Schöße wohnen, schaute sie auf die Erde, aus der sie gemacht ward, und nannte sich Gottes Magd. Solches tat die betrogene Frau nicht, die gerade das zu haben wünschte, was sie nicht besitzen sollte. Der Gehorsam Abrahams, durch den Gott seinen Glauben erprobte, indem Er ihm einen Widder zeigte, der sich im Dorngestrüpp verhangen, war ein Vorzeichen für den Gehorsam der seligen Jungfrau. Auch sie glaubte dem Wort des Gottesboten und wünschte, daß ihr nach seinem Worte geschehe. Darum bekleidete sich in ihr Gottes Sohn, vorgebildet durch den im Dornbusch hängenden Widder, mit dem Fleisch. Als Gott dem Abraham ein Geschlecht versprach, so zahlreich wie die Sterne des Himmels, schaute Er in ihm jenes Geschlecht voraus, das der Vollzahl der himmlischen Gemeinschaft zugezählt werden sollte. Weil Abraham voller Vertrauen Gott in allem glaubte, wird er auch der Vater all derer genannt, die das Himmelreich erben.

Jeder Mensch, der Gott fürchtet und liebt, öffne daher voll Hingabe diesen Worten sein Herz und wisse, daß sie zum Heil des Leibes und der Seele nicht aus Menschenmund verkündet sind, sondern durch Mich, der Ich bin.

DIE ZWEITE SCHAUVOM BAU DER WELT

1 Alsdann erschien mitten in der Brust der erwähnten Gestalt, die ich inmitten der südlichen Luft erschaut hatte, ein Rad von wunderbarem Aussehen. Es hatte Zeichen an sich, die es jenem Bilde ähnlich machten, das ich vor achtundzwanzig Jahren, damals in der Gestalt von einem Ei, gesehen hatte, so wie es in der dritten Vision des Buches „Scivias“ geschildert wurde. An seinem obersten Teil erschien rings um die Eirundung ein Kreis von helleuchtendem Feuer und unter diesem Kreis ein anderer von schwarzem Feuer. Der hellichte Kreis war zweimal so dick wie der schwarzfeurige. Und diese beiden Kreise verbanden sich so, als bildeten sie nur einen. Unter dem schwarzfeurigen Kreis erschien ein anderer wie aus reinem Äther, so dicht, wie die beiden anderen zusammen. Unter diesem Ätherkreise sah man einen Kreis wie von wasserhaltiger Luft, der in seinem Umfang die gleiche Dichte wie der lichthelle Feuerkreis hatte. Unter diesem Kreis von wasserhaltiger Luft erschien ein anderer von starker weißer Klarluft, der in seiner Härte wie eine Sehne im menschlichen Körper aussah. Er hatte dieselbe Dichte wie der Kreis von schwarzem Feuer. Auch diese beiden Kreise verbanden sich so, daß sie eins zu sein schienen. Unter dieser starken weißen Klarluft zeigte sich schließlich noch eine andere dünne Luftschicht, die zuweilen hohe, lichte und dann wieder tiefhängende, dunkle Wolken in die Höhe zu tragen und sich über diesen ganzen Kreis hin auszudehnen schien. Alle diese sechs Kreise waren ohne einen weiteren Zwischenraum untereinander verbunden. Der oberste Kreis durchströmte mit seinem Licht die übrigen Sphären, der mit der wasserhaltigen Luft aber benetzte alle anderen mit seiner Feuchtigkeit.

Von dem Anfangspunkte der Ostseite des Rades erstreckte sich gegen Norden hin bis zum Ende der Westseite eine Linie, welche die Nordzone von den übrigen Gebieten gleichsam abschnitt. Außerdem war mitten in der Sphäre mit der dünnen Luft eine Kugel zu sehen, die rings von der starken, weißen und leuchtenden Luft gleich weit entfernt war. Die Querausdehnung der Kugel entsprach der Tiefe des Raumes von dem obersten Teil des ersten Kreises bis zu den äußersten Wolken, oder aber er erstreckte sich von der Entfernung der Wolken bis zur Höhe dieser Kugel.

Inmitten dieses Riesenrades erschien die Gestalt eines Menschen. Sein Scheitel ragte nach oben, die Fußsohlen reichten nach unten bis zur Sphäre der starken weißen und leuchtenden Luft. Rechts waren die Fingerspitzen der rechten Hand, links die der linken Hand nach beiden Seiten in Kreuzform zu der Kreisrundung hin ausgestreckt. Genauso hielt die Gestalt die Arme ausgebreitet.

In Richtung dieser vier Seiten erschienen vier Köpfe: der Kopf eines Leoparden, eines Wolfes, eines Löwen und eines Bären. Über dem Scheitel der Gestalt, in der Sphäre des reinen Äthers, sah ich am Haupte des Leoparden, wie dieser aus seinem Munde einen Hauch ausblies. Der Hauch krümmte sich an der rechten Mundseite etwas zurück, zog sich in die Länge und nahm auf diese Weise die Gestalt eines Krebskopfes mit zwei Scheren an, gleichsam zwei Füße bildend. Aus der linken Mundseite bildete dieser Hauch die Figur eines Hirschkopfes. Aus dem Krebsmunde kam wiederum ein Hauch heraus, der bis zur Mitte des Raumes, der zwischen dem Leoparden- und dem Löwenkopf war, vordrang. Der Hauch aus dem Hirschkopfe dehnte sich bis zur Mitte des Raumes, der zwischen dem Leopoarden und dem Bären blieb. Alle diese Aushauchungen waren von gleicher Länge: der Hauch, der von der rechten Seite des Leopardenkopfes bis zum Haupte des Krebses reichte, der Hauch, der auf der linken Seite desselben Mundes bis zum Haupt des Hirschen ging, wie auch der Hauch aus dem Hirschkopf, der sich bis zur Mitte des Raumes zwischen den Häuptern von Leopard und Löwe erstreckte, schließlich auch der Hauch, der aus dem Munde des Hirschkopfes bis zur Mitte des Raumes zwischen den Häuptern von Leopard und dem Bären kam.

All diese Köpfe hauchten in das beschriebene Rad und auf die Gestalt des Menschen zu.

In gleicher Weise werden auch die Aushauchungen der übrigen Tiere besprochen. Nach dem Leoparden kommen der Wolf, der Löwe und der Bär, nach dem Hirschen und dem Krebs die Schlange und das Lamm, und auch alle diese hauchten konzentrisch auf die im Mittelpunkt stehende Menschengestalt zu.

Oberhalb des Hauptes dieser Menschengestalt waren die sieben Planeten nach oben gegeneinander abgezeichnet: drei im Kreise des leuchtenden Feuers, einer in der darunter liegenden Sphäre des schwarzen Feuers, drei nochmals darunter in dem Kreis des reinen Äthers… Alle Planeten sandten ihre Strahlen in Richtung auf die Tierköpfe wie auch auf die Gestalt des Menschen…