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Guido Knopp

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Beschreibung

Von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers bis zur Völkerschlacht im Ersten Weltkrieg; von Hitlers Machtergreifung und den unvorstellbaren Verbrechen im Holocaust bis zum Feuersturm in Dresden und den Atombomben auf Japan: Guido Knopp gelingt ein höchst eindringliches Gesamtbild des »30-jährigen Krieges des 20. Jahrhunderts« und ein aufschlussreicher Blick auf ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte – reich bebildert und spannend erzählt.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Kurzbeschreibung:

Von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers bis zur Völkerschlacht im Ersten Weltkrieg; von Hitlers Machtergreifung und den unvorstellbaren Verbrechen im Holocaust bis zum Feuersturm in Dresden und den Atombomben auf Japan: Guido Knopp gelingt ein höchst eindringliches Gesamtbild des »30-jährigen Krieges des 20. Jahrhunderts« und ein aufschlussreicher Blick auf ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte – reich bebildert und spannend erzählt.

Guido Knopp

Welten Brand

Die Kriege der Deutschen im 20. Jahrhundert

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2017 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2012 by Guido Knopp

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München

Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rightsreserved. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN:978-3-95530-970-1

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

INHALT

Vorwort

DER ERSTE WELTKRIEG

Sündenfall

Fegefeuer

Völkerschlacht

DER ZWEITE WELTKRIEG

Überfall

Vernichtungskrieg

Bombenkrieg

Verbrannte Erde

Untergang

Nachwort

Anhang

VORWORT

Das zwanzigste Jahrhundert, das so faszinierend war wie furchtbar, hat den Deutschen mehr vom Guten wie vom Bösen auferlegt als jedes andere zuvor: mehr Leid und Tod, mehr Wohlstand und mehr Fortschritt. Es war das Jahrhundert der großen Kontraste – das Jahrhundert von Einstein und Hitler, von Auschwitz und der Mondlandung, von Kriegen und Verbrechen, aber auch von ungeheurer Friedenssehnsucht. Es begann mit einer Zeit der Katastrophen, 1914 bis 1945: Zwei mörderische Kriege, zahllose Wirtschaftskrisen und Finanzcrashs, der Aufstieg unmenschlicher Ideologien, die die Welt beglücken wollten und sie nur ins Unglück stürzten. Je mehr Abstand wir von dieser Epoche haben, umso mehr wird deutlich, dass es ein Weltbürgerkrieg gewesen ist – 31 Jahre lang. Der Zweite Weltkrieg speist sich aus dem Ersten, dazwischen gab es keinen echten Frieden. Der »Dreißigjährige Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts« prägte Generationen, bis in unsere Zeit.

Es begann mit einem Krieg, den keiner wirklich wollte – mit dem alle aber rechneten. Wer war schuld an ihm? Das Säbelrasseln hatte im Konzert der Großmächte Tradition. Der Krieg galt noch immer als ultimatives Mittel der Politik. Seit der Jahrhundertwende drehte sich die Rüstungsspirale immer schneller. Die europäischen Mächte rechneten mit einem Konflikt und verhinderten ihn dennoch nicht. Das Deutsche Kaiserreich fühlte sich von seinen Nachbarn eingekreist – tatsächlich grenzte es sich in der Ära Wilhelms II. selbst aus.

Die Gefahr eines Zweifrontenkrieges vor Augen, hatten deutsche Militärs sich längst in die Idee verrannt, Frankreich bei einem drohenden Krieg präventiv zu schlagen – um dann im Osten, gegen Russland, mit ganzer Kraft den Sieg herbeizuführen. Im Sommer 1914 brachte das Attentat von Sarajevo das Pulverfass Europa zur Explosion. Alle fühlten sich als Angegriffene, keiner als Angreifer. Wie in Berlin begrüßten auch die Menschen in Wien, Paris und London euphorisch jubelnd den Ausbruch eines Krieges, von dem noch niemand ahnte, wie mörderisch er wirklich werden würde – und dass er schließlich das Ende des alten Europa bedeutete.

Der »Weltenbrand« begann mit dem Angriff der deutschen Heere im Westen. Doch der Plan, Frankreichs Armeen über einen Marsch durch Belgien von allen Seiten zu umfassen, scheiterte. Bei Langemarck stürmten Tausende unerfahrener Rekruten ins gegnerische Maschinengewehrfeuer. Die grausamen Verluste wurden zu moralischen Siegen umgedeutet.

»Soldat-Werden, sein Jahr abdienen müssen, war für mich während der Gymnasialzeit immer eine peinliche, bedrohliche Vorstellung gewesen. Jetzt war es genau das Gegenteil: Befreiung! Befreiung von bürgerlicher Enge und Kleinlichkeit, von Schulzwang und Büffelei [...] und von alledem, was wir als Saturiertheit, Stickluft, Erstarrung unserer Welt empfunden.«

Carl Zuckmayer, Schriftsteller und Kriegsfreiwilliger, in seiner Autobiografie »Als wär’s ein Stück von mir«

Feldpostbriefe und Tagebucheinträge legen Zeugnis ab, mit welchem Pathos das große Sterben begann: Als im August anno 1914 die Glocken den Krieg in Europa einläuteten, verstanden dies viele junge Menschen als Chance, aus der gefühlten Enge ihrer Epoche auszubrechen. »Mir selbst kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus der ärgerlichen Empfindung der Jugend vor«, schrieb ein 24-jähriger Augenzeuge: der junge Adolf Hitler, ein Mann ohne Beruf und Perspektive. Wie er meldeten sich in den ersten Tagen des Krieges rund eine Viertelmillion Männer in Deutschland freiwillig zum Militärdienst. Auch auf der anderen Seite der Front zogen junge Soldaten begeistert in die Schlacht. Der 26-jährige britische Berufsoffizier Bernard Montgomery wollte sich seine »ersten Sporen« verdienen. Beide lernten sie im Oktober 1914 den Schrecken des Krieges kennen – in der Nähe des belgischen Ortes Ypern. Hitlers Regiment wurde nahezu aufgerieben. Von 3000 Mann überlebten nur 750 den ersten Einsatz unverletzt. Nur wenige Kilometer entfernt traf Montgomery die Kugel eines Scharfschützen in die Brust. Stundenlang lag er im feindlichen Feuer, bis er von Kameraden geborgen wurde.

Nur selten gab es Gesten der Menschlichkeit: An Weihnachten 1914 winkten britische Soldaten aus den Schützengräben nahe Hitlers Regiment mit ihren Taschentüchern. Einige Deutsche erwiderten den Gruß. Manche stiegen aus den Gräben, hüben wie drüben, sangen in ihren Sprachen die gleichen Lieder zum Christfest. Ein kleiner Moment des Friedens im großen Krieg. Hitler indes hatte für solche Verbrüderung kein Verständnis. So etwas dürfe in Kriegszeiten »nicht zur Debatte stehen«. Für ihn war der »Kampf der Völker« schon damals eine Frage von siegen oder untergehen.

Manche Gegner in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs sollten sich später wieder begegnen. Der Brite Bernard Montgomery etwa sollte Jahrzehnte später als Befehlshaber alles daransetzen, Hitler-Deutschland militärisch zu bezwingen: Er zählte zu den Siegern, die im Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Deutschen entgegennehmen sollten.

Fegefeuer

Die europäischen Mächte hatten 1914 keine Vorstellung von dem totalen Krieg, der auf sie zukam. Der Sturmlauf der Deutschen im Westen führte binnen weniger Wochen in einen mörderischen Grabenkampf. Er wurde mit allen Mitteln geführt: Maschinengewehre mähten ganze Regimenter nieder. Feuerwalzen der Artillerie durchpflügten ganze Landstriche, hochgiftiges Gas kam erstmals zum Einsatz – mit fürchterlicher Wirkung. Der Name der französischen Festungsstadt Verdun wurde 1916 zum Menetekel für das Massensterben auf den Schlachtfeldern des zwanzigsten Jahrhunderts. Als der Vormarsch im Westen stockte, entschied sich der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn für eine verheerende Strategie: Entweder sollten seine Truppen die Bastionen um Verdun im Sturm nehmen oder den Gegner in einer »Abnutzungsschlacht« ausbluten.

Am 21. Februar 1916 begann die Offensive mit schwerstem Trommelfeuer. Ende Februar fiel Fort Douaumont, die stärkste Festung östlich der Maas, doch bald blieb die Offensive in einem zermürbenden Stellungskrieg stecken. Hohe Militärs sprachen von einer »Blutpumpe«, Frontsoldaten nannten es die »Hölle von Verdun«. Das Schicksal des Einzelnen galt nichts – auf beiden Seiten. Ein junger französischer Offizier hatte Glück im Unglück. Zwei Wochen nach Beginn der Schlacht wurde seine Einheit aufgerieben, doch er selbst war nur verwundet und geriet in deutsche Gefangenschaft. Charles de Gaulle wurde nach Deutschland gebracht, war im Lager besonders renitent, wollte ausbrechen. Sein Deutschlandbild erfuhr in jener Zeit seine erste Prägung.

Weit über 700 000 Soldaten starben in der Schlacht um Verdun, wurden verwundet oder blieben vermisst, ohne dass sich der Frontverlauf wesentlich änderte. Gemeinsam sahen sich immer mehr deutsche und französische Soldaten als Opfer einer selbstmörderischen Kriegführung, deren Befehlshaber aus der Ferne die blutige Tötungsmaschinerie des modernen Materialkriegs dirigierten. Der verlustreiche Kampf in den Stellungen setzte neue Maßstäbe – in Sachen menschlicher Verrohung. Doch soll es Ausnahmen gegeben haben: In den neu entstehenden Luftstreitkräften wuchs die Legende vom »ritterlichen Krieg«, hier ließen sich Kampfflieger wie Hermann Göring als Helden feiern. Doch später entpuppte sich die Heroisierung als trügerischer Schein. Ihre Popularität sollte sie später zu willfährigen Helfern Hitlers machen, wie so viele, die den Ersten Weltkrieg als junge Menschen erlebten und sich auch danach von nationalen Hassparolen hinreißen ließen.

Völkerschlacht

Dieser Krieg war einer der zerstörerischen Superlative. Bei Amiens in Frankreich durchbrachen erstmals Panzer die menschlichen Barrieren, am Skagerrak schlugen Großkampfschiffe die bis dahin größte Schlacht ihrer Geschichte, U-Boote verbreiteten auf den Meeren Angst und Schrecken und zum ersten Mal fielen Bomben aus Flugzeugen auf Truppen, vereinzelt auch auf Städte. 1917 eskalierte die europäische Völkerschlacht schließlich zum »Weltenbrand«. Die USA traten in den Krieg ein.

An der deutschen Heimatfront folgte auf die Kriegsbegeisterung tiefe Ernüchterung. Mangelwirtschaft und Hunger bestimmten den Alltag: Millionen von Männern kämpften auf den Schlachtfeldern, die Seeblockade führte zu Engpässen, letzte Reserven wurden mobilisiert. Bewusst sprach man nun nicht mehr vom Kampf der Mächtigen, sondern dem der Völker – aufgepeitscht von einer Propaganda, die Nationen zu »Erbfeinden« erklärte. Es waren Hassparolen mit nachhaltiger Wirkung.

In Berlin herrschte dennoch wieder Zuversicht. Denn in Russland beendete die »Rote Revolution« die Zarenherrschaft – dank Unterstützung Lenins durch deutsche Geheimdiplomatie. Nach einem vom Deutschen Reich diktierten Frieden im Osten wurden 1918 Kräfte frei, die im Westen dringend benötigt wurden. Doch war die materielle Überlegenheit der Gegner dort erdrückend: Von Frühsommer 1918 an trafen eine Million amerikanische Soldaten auf dem Kriegsschauplatz ein. Einer von ihnen war der 33-jährige George Patton, der vor Ort die ersten 500 US-Panzerfahrer ausbildete und in die Schlacht führte; am Ende des Zweiten Weltkriegs sollten seine »Tanks« beim Vormarsch der US-Truppen in Deutschland die entscheidende Speerspitze bilden. Die Deutschen waren nicht in der Lage, der materiellen Überlegenheit standzuhalten.

Im Sommer 1918 zog Ludendorff, General und mächtigster Mann in der Obersten Heeresleitung, die Notbremse und forderte die deutsche Regierung auf, einen Waffenstillstand zu erbitten. Einige Monate später meuterten in Kiel Marinesoldaten gegen den Befehl, die Flotte zu einem letzten »ehrenvollen« Gefecht auslaufen zu lassen, es war der Beginn einer Revolution, die ganz Deutschland erfasste.

»Er hat sich nichts mehr sagen lassen und ist dauernd aufgeregt und explosiv gewesen. Seit er sehen musste, wie die Dinge schlecht gehen, kämpft er wie ein Verzweifelter um sein Prestige.«

Konrad Krafft von Dellmensingen, Generalstabschef der 17. Armee, über Erich von Ludendorff

Am 9. November 1918 wurde der Kaiser, Wilhelm II., zur Abdankung gezwungen. Führende Sozialdemokraten übernahmen die Regierung. Phillip Scheidemann rief die Republik aus, um der Proklamation einer Räterepublik durch die Kommunisten um Karl Liebknecht zuvorzukommen. Das unrühmliche, überhastete und doch unaufhaltbare Ende des Kaiserreichs war besiegelt. Bei der Wahl zur Nationalversammlung siegten zwar die demokratischen Parteien, und die erste deutsche Republik gab sich in Weimar eine freiheitliche Verfassung; die Folgen des Krieges indes sollten den Weg zum Frieden von Anfang an gefährden.

Zwangsläufig scheitern aber musste Weimar nicht. Eine andere internationale Ausgangslage, eine andere wirtschaftliche Entwicklung hätten es der jungen Republik erleichtert, ihre Bürden zu ertragen und sie nach und nach ganz abzuwerfen. Für die Deutschen indes wirkten die Bedingungen der Sieger damals wie ein Schock. Sie maßen den Versailler Vertrag an den »klassischen« Friedensabkommen des 19. Jahrhunderts sowie an dem maßvollen 14-Punkte-Programm, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson zunächst als Grundlage für die Verhandlungen vorgeschlagen hatte. Das, was am Ende dann dabei herauskam, empfanden die meisten Deutschen als Verrat, als verletzendes Diktat. Es waren weniger die materiellen Konditionen, welche die Emotionen hochkochen ließen, als die moralischen. Und so sollte der französische General Ferdinand Foch auf fast gespenstische Weise recht behalten, als er nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags prophezeite, dieser Friede werde gerade einmal zwanzig Jahre halten.

Überfall

Als Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselte, reagierten die schockierten europäischen Großmächte schnell. Briten und Franzosen erklärten dem Deutschen Reich den Krieg, auf militärischen Beistand wartete Polen indes vergeblich. Bis zuletzt hatten die Westmächte versucht, die Eskalation zu verhindern. Doch der deutsche Diktator wollte mit aller Macht die »Zerschlagung« des Nachbarn, nachdem ihm im Sommer 1939 bereits ein erster Coup gelungen war – sein Pakt mit Stalin hatte die Welt überrascht. Mitte September 1939 wurde klar, dass sich die beiden Diktatoren das unterworfene Polen teilen wollten; die im Jahr 1918 wiedererstandene Nation sollte von den Landkarten verschwinden, war sie doch ein Ergebnis des verhassten »Diktats von Versailles«. Die von vielen als Schmach empfundene Niederlage von 1918 hatte es Hitler erleichtert, die »völkischen« und nationalistischen Kräfte in Deutschland zu bündeln und die Armeeführung in den »wehrfreudigen« nationalsozialistischen Staat einzubinden.

»Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und die Niederlage haben in vielfacher Hinsicht die Motorik, die Planung, die Durchführung des Zweiten Weltkriegs bei Hitler und seiner Machtelite bestimmt.«

Hans- Ulrich Wehler, Historiker

Als der von langer Hand vorbereitete Krieg 1939 kam, gab es freilich, anders als noch 1914, bei den meisten Soldaten und in der Bevölkerung keine Kriegsbegeisterung. Erst die schnellen Siege und die propagandistisch wirksame Betonung des »Blitzkrieg«-Konzepts sorgten für Zuversicht. Nach den Erfolgen gegen Polen, Norwegen, Holland und Belgien gelang schließlich im Juni 1940 der Triumph über Frankreich. Damit schien nicht nur die bittere Scharte von Versailles ausgewetzt. Die Niederlage des »Erbfeindes« verlieh Hitler die Aura vermeintlicher Unbesiegbarkeit. Siegestaumel und »Führergläubigkeit« gaben ihm nun den Rückhalt, um sich seinem eigentlichen Ziel widmen zu können: dem Krieg gegen die Sowjetunion, der von Beginn an als »Ausrottungs- und Vernichtungskrieg« geplant war. Schon in Polen hatte die Kriegführung äußerst brutale Züge angenommen: Ganze Dörfer wurden systematisch zerstört, Zivilisten – darunter zahllose Juden –, ermordet. Dies war der Anfang eines Krieges gegen alle Regeln der Zivilisation, den Hitler nun mit aller Macht im Kampf gegen die Sowjetunion fortsetzen wollte.

Vernichtungskrieg

Am 22. Juni 1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion, das »Unternehmen Barbarossa« rollte an. Es war die größte militärische Konfrontation der Weltgeschichte. Drei Millionen deutsche und verbündete Soldaten griffen viereinhalb Millionen Rotarmisten an. Der Krieg wurde von Hitler zum »Überlebenskampf der Weltanschauungen und Rassen« stilisiert. Nach seinem Weltbild konnte nur ein Deutschland, das sich genügend »Lebensraum im Osten« erkämpfte, eine Zukunft haben. Damit begann ein Vernichtungsfeldzug, der nicht nur auf die militärische Zerschlagung von Stalins Reich zielte, sondern auch auf planmäßigen Völkermord.

Bereits in seinem Pamphlet Mein Kampf hatte Hitler die Eroberung Russlands als »deutsche Mission« ausgegeben, die den »erbitterten Kampf gegen Weltjudentum und Bolschewismus« zum Ziel hatte. Diese nationalsozialistische Ideologie wurde mit letzter Konsequenz in die Tat umgesetzt: Hinter den Frontlinien wüteten die Kommandos der SS, Opfer waren angebliche Partisanen, vor allem aber Juden. Mehr als 900 000 Männer, Frauen und Kinder fielen dem Völkermord allein im ersten Jahr des Krieges gegen die Sowjetunion zum Opfer.

»Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. Wenn wir es nicht so auffassen, dann werden wir zwar den Feind schlagen, aber in dreißig Jahren wird uns wieder der kommunistische Feind gegenüberstehen.«

Generalstabschef Halder in seinem Tagebuch, 30. März 1941

Zum ideologischen Wahn des Diktators gesellte sich die Hybris des bis dahin so erfolgreichen Kriegsherrn: Hitler war überzeugt, den Sieg über das Sowjetreich binnen weniger Wochen erringen zu können. Zunächst schienen ihm die militärischen Erfolge recht zu geben – auch weil Stalin in den Vorkriegsjahren durch mörderische »Säuberungsaktionen« gegen sein Offizierskorps die Rote Armee nahezu enthauptet hatte. Im Sommer des Jahres 1941 war die zahlenmäßig riesige Sowjet-Streitmacht den schnell vorrückenden deutschen Truppen unterlegen. In großen »Kesselschlachten« gerieten Millionen Rotarmisten in Gefangenschaft. Doch im Dezember markierte die »Winterschlacht« vor Moskau den Anfang vom Ende von Hitlers Plänen. Der Diktator hatte das Rüstungspotenzial des Gegners, dessen Waffenschmieden hinter dem Ural weiterproduzierten, vollkommen unterschätzt.

Ende 1941 schließlich wurde Hitlers europäischer Krieg zum Weltkrieg: Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor erklärte das Deutsche Reich den USA den Krieg – damit gewann die Anti-Hitler-Koalition einen mächtigen Verbündeten.

Bombenkrieg

Der Krieg gegen die Städte, die alltägliche Konfrontation mit dem Tod, der Verlust von sämtlichem Hab und Gut, die qualvollen, angsterfüllten Nächte in den Bombenkellern wurden zum Trauma für eine ganze Generation. Denn Hitler hatte auch einen unbarmherzigen Luftkrieg entfesselt. In vielen Nächten klinkten die deutschen Bomber ihre tödliche Last über britischen Metropolen ab. Doch der »Blitz«, wie die Angriffe genannt wurden, zwang die Briten keineswegs in die Knie – im Gegenteil. Die Luftschlacht entfachte erst den Wunsch, es den Deutschen »heimzuzahlen«. Die Gelegenheit dazu sollte bald kommen. Der Bombenkrieg, so hofften die Strategen in Großbritannien, könnte die Wende im Krieg bringen. Die Absicht war, gezielt die Wohngebiete von Städten in nächtlichen Angriffen zu bombardieren, um die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen. Rund um die Uhr luden von 1943 an britische und amerikanische Bomber ihre todbringende Fracht über Deutschland ab. Die deutsche Luftabwehr stand zunehmend auf verlorenem Posten. Köln, Lübeck, Nürnberg, Hamburg, Berlin und am Ende Dresden, das historische »Elbflorenz« – Namen deutscher Städte, die einer verheerenden Welle von Feuerstürmen zum Opfer fielen. Es war ein ungleicher Kampf, denn die Menschen am Boden hatten kaum eine Chance, dem Inferno aus der Luft zu entkommen. Der Bombenkrieg, sofern er sich vor allem gegen Zivilisten richtete, war ein Kriegsverbrechen beider Seiten.

Verbrannte Erde

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion konnte Hitler seinen Krieg so führen, wie er ihn immer gewollt hatte: bar jeder Rücksichtnahme auf die Bindungen der Zivilisation. Die meisten Generäle der Wehrmacht und der Apparat der SS standen dem Diktator willfährig zur Seite, um dessen zerstörerische Ziele umzusetzen: die Ausrottung des Bolschewismus, die Auslöschung des Judentums und die Eroberung von »Lebensraum im Osten«.

Seit der schweren Niederlage vor den Toren Moskaus im Dezember des Jahres 1941 ahnte der NS-Diktator aber, dass sein Krieg vielleicht verloren gehen könnte. Daraus zog er eine vernichtende Konsequenz. Wenn er diesen Krieg schon nicht an den Fronten gewinnen sollte, so wollte er wenigstens sein zweites schreckliches Ziel in die Tat umsetzen. Der letzte Schritt zu dem in der Weltgeschichte beispiellosen systematischen Völkermord an den Juden wurde nun vollzogen. Zwar hatte schon im Sommer 1941 das Massenmorden durch die deutschen Einsatzgruppen begonnen – jetzt aber lief im Schatten der militärischen Auseinandersetzungen die Maschinerie der Vernichtungslager unerbittlich an.

Untergang

Für Hitler gab es nur siegen oder untergehen. Dieser Prämisse folgte sein Handeln vom Anfang bis zum Ende. Auch das eigene Volk nahm er davon nicht aus. Es gab kein machtpolitisches Kalkül, das einen Rückzug erlaubt hätte. Zwischen totalem Sieg und totaler Niederlage gab es keinen Raum. Schon als erste Zweifel am militärischen Erfolg aufkamen, führte dies zu einem perversen Umkehrschluss: »Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden. Ich werde dem deutschen Volk dann keine Träne nachweinen.« Von all dem ahnten die Soldaten an den verschiedenen Fronten nichts, auch nicht die zahllosen Menschen – vor allem Frauen und Kinder – in den Bombenkellern. Die meisten folgten dem »Führer« ohne größere Zweifel in den »totalen Krieg«.

Am Ende dieses »Dreißigjährigen Weltkriegs« kam es auf deutschem Boden zu einer »Menschenverschiebung« riesigen Ausmaßes. Als sie 1945 die Grenze überschritten, hatten die Soldaten der Roten Armee Bilder von unmenschlicher Grausamkeit in den Köpfen. Der Hass, den das NS-Regime gesät hatte, schlug nun auf das eigene Volk zurück. Der Zivilbevölkerung, die ihre Heimat auf Anweisung der nationalsozialistischen Machthaber nicht verlassen durfte, drohte nun Rache für drei Jahre Herrenmenschentum und millionenfachen Mord in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. Büßen mussten vor allem Unschuldige.

Die Behörden des NS-Regimes hatten die Katastrophe zwar vorhergesehen, blieben aber untätig. Durchhalteparolen vom »Endsieg« sollten die Bevölkerung in trügerischer Sicherheit wiegen – bis es für eine geordnete Evakuierung zu spät war. Beim Exodus der Deutschen aus dem Osten verloren bis zu zwei Millionen Menschen ihr Leben, mehr als 12 Millionen ihre Heimat.

Flucht und Vertreibung hatten jedoch nicht erst begonnen, als der Zweite Weltkrieg deutschen Boden erreichte. Fünf Jahre vorher waren bereits die ersten Polen aus Posen und Westpreußen von Hitlers Helfern vertrieben worden. Und drei Jahre zuvor hatten Himmlers Schergen von Finnland bis zum Schwarzen Meer eine verheerende Blutspur durch millionenfachen Mord gezogen, um den Wahn vom »Lebensraum im Osten« zu verwirklichen. All das schlug zurück auf Schlesier, Sudetendeutsche, Ostpreußen und Pommern. Die Bilder jener Tage waren unbeschreiblich. Von Panzern überrollte Trecks auf vielen Straßen, ermordete Männer, vergewaltigte Frauen, erfrorene Babys. Augenzeugen, die dieses Grauen überlebt haben, werden diese traumatischen Erlebnisse nie vergessen.

Das Fazit: Wie kein anderer steht für diesen verheerenden Krieg des zwanzigsten Jahrhundert jener Mann aus Braunau, der »böhmische Gefreite« Adolf Hitler. Was 1945 schmählich endete, hatte 1914 begonnen. Dazwischen liegen über dreißig Jahre Aufstand gegen die Vernunft. Was wäre der Menschheit erspart geblieben, wenn es diesen Doppel-Weltkrieg nicht gegeben hätte? Am Ende steht immerhin die Einsicht vieler Europäer, dass es gut ist, Krieg verlernt zu haben – zumindest gegeneinander.

DER ERSTE

SÜNDENFALL

Es begann mit Schüssen in Sarajevo, jener Stadt, in der ein serbischer Nationalist den österreichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Frau erschoss. Doch das Attentat war nur der Auslöser für den blutigsten Krieg, den die Menschheit bis dahin kannte. Verbrechen gegen Zivilisten, industrialisiertes Massensterben, die Hybris militärstrategischer Planungen: Die ersten Monate zeigten bereits das ganze Ausmaß des Schreckens, der eine ganze Generation prägte. Wie war dieser Bruch mit Moral und Ethos der Zivilisation möglich? Wer schürte den tödlichen Hass zwischen den Nationen, der sich so grausam entlud? Die »Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts« führte Europa und die Welt in die Barbarei.

Der 28. Juni des Jahres 1914 war ein herrlicher Sommertag. In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo herrschte »Kaiserwetter«, passend für den Besuch des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Die Ankunft des hohen Gastes war bereits lange zuvor in der Zeitung angekündigt worden; die Bevölkerung war dazu aufgefordert, die Straßen zu säumen und dem künftigen Kaiser Österreich-Ungarns zuzujubeln. Vielen Bosniern war allerdings nicht nach Jubeln zumute. Ihr Land war 1908 von Österreich-Ungarn annektiert worden, seitdem herrschte ein rigides Besatzungsregime. Vor allem junge bosnische Serben lebten in Armut und litten unter der Perspektivlosigkeit. Sie wollten zu einem großserbischen Staat gehören, nicht zu einem von Deutschen und Ungarn dominierten Vielvölkerstaat. Für sie war Franz Ferdinand kein Gast – er war ein Feind. Sechs junge Bosnier waren fest entschlossen, den Besuch des Thronfolgers für einen gezielten Schlag gegen die verhasste Monarchie zu nutzen. Sie wollten Franz Ferdinand töten. Der serbische Geheimdienst hatte sie mit vier Revolvern und sechs Bomben versorgt. Nun positionierten sie sich an verschiedenen Stellen entlang der allseits bekannten Fahrstrecke durch die Innenstadt und warteten. Zwar rechneten die offiziellen Stellen mit der Möglichkeit eines Attentats. Dennoch waren die Sicherheitsvorkehrungen erstaunlich lax.

Franz Ferdinand bestieg am Bahnhof sein offenes Automobil und fuhr in Richtung Rathaus – den Attentätern entgegen. Bereits nach wenigen Augenblicken gelang es dem ersten von ihnen, eine Bombe auf das Fahrzeug zu schleudern. Der Thronfolger riss instinktiv den Arm nach oben, der Sprengkörper prallte von ihm ab, fiel erst auf das geöffnete Faltdach und danach auf die Straße, wo er explodierte. Oberstleutnant Erik von Merizzi, der den royalen Konvoi begleitete, wurde dabei verletzt. Franz Ferdinand selbst kam noch einmal mit dem Schrecken davon. Der Chauffeur, der den Ernst der Situation sofort begriffen hatte, gab Vollgas und raste zum Rathaus. Dort fand, wie geplant, der Empfang beim Gouverneur von Bosnien-Herzegowina, General Oskar Potiorek, statt. Das weitere Besuchsprogramm hatte sich durch die dramatischen Ereignisse jedoch verändert. Franz Ferdinand stand der Sinn nicht länger nach »Sightseeing«. Stattdessen wollte er Merizzi im örtlichen Krankenhaus besuchen. Die Wagenkolonne brauste also aufs Neue los. Der Chauffeur des Thronfolgers indes war über die Änderung des Programms nicht unterrichtet worden. Der ursprünglichen Route folgend, bog er an einer Straßenecke falsch ab. Der mitfahrende Potiorek klärte den Mann umgehend über seinen Irrtum auf, der stoppte den Wagen und legte den Rückwärtsgang ein.

Gavrilo Princip stand zu diesem Zeitpunkt seit Stunden in der Menge. Nervös hatte er immer wieder nach der Wagenkolonne des Thronfolgers Ausschau gehalten. Die Menschen um ihn herum standen dicht gedrängt, der junge Mann ahnte, dass er aus dieser Position heraus mit dem Revolver kaum auf ein fahrendes Auto würde schießen können, ohne andere zu gefährden. Als der Wagen nun unvermittelt anhielt, sah er seine Chance gekommen. Er drängte sich durch die Menge, sprang auf den Wagen zu und gab mehrere Schüsse ab. Die Ehefrau des Thronfolgers wurde tödlich in den Unterleib getroffen und sank seitlich in den Schoß ihres Mannes. Dieser rief noch: »Sopherl! Sopherl! Stirb nicht! Bleib am Leben für unsere Kinder!« Dann sackte auch er – getroffen von zwei Schüssen – zusammen. Eine Viertelstunde später war er tot.

Als die Welt am 28. Juni des Jahres 1914 von der Ermordung Franz Ferdinands und dessen Frau Sophie erfuhr, dachte kaum jemand an einen Krieg. Der Neffe Kaiser Franz Josephs war in der Öffentlichkeit nicht sonderlich beliebt, seine Pläne zum Umbau der Doppelmonarchie unter alleiniger Vorherrschaft Österreichs waren im Vielvölkerstaat auf breiten Widerstand gestoßen. Selbst der 84-jährige österreichische Kaiser weinte ihm kaum eine Träne nach. Damit habe er »eine Sorge weniger«, kommentierte er den Tod seines designierten Nachfolgers gegenüber seiner Tochter.

Allein der deutsche Kaiser Wilhelm II. war empört über die Tat. Er sah in »dem lieben Franzi« einen Freund und künftigen Partner bei der Führung des europäischen Kontinents. Der Kaiser segelte gerade mit seiner Yacht Meteor in der Kieler Förde, als ihn die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgerpaares erreichte. Umgehend brach er die Regatta ab und begab sich nach Potsdam. Ein paar Tage später unterrichtete ihn sein Botschafter in Wien über die Stimmungslage nach dem Attentat: Es müsse einmal »gründlich« mit den Serben abgerechnet werden, so die einhellige Meinung der österreichischen Diplomaten und Militärs. »Jetzt oder nie. Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald«, notierte der Kaiser gewohnt zackig an den Rand eines Dokuments. Mit der Zusicherung der »gewohnten Bündnistreue« an Wien am 5. Juli überließ Wilhelm II. die Entscheidung über Krieg und Frieden den Österreichern. Anschließend brach er wie gewohnt zu seiner alljährlichen Nordlandfahrt auf.

Überall in Europa genossen die Menschen die ungewöhnlich heißen Sommermonate. Fast ein halbes Jahrhundert hatten die Großmächte nicht mehr gegeneinander gekämpft. Die frühen Zwanzigerjahre hatten dem ganzen Kontinent Fortschritt und Wohlstand beschert. Doch während in den Seebädern der Küsten Hochbetrieb herrschte, waren hinter verschlossenen Türen Militärs und Diplomaten damit beschäftigt, auszuloten, ob der Mord von Sarajevo den willkommenen Vorwand für einen Krieg gegen Serbien bieten könnte. Denn dass Serbien seine Finger mit im Spiel hatte, davon war Wien überzeugt, stammte doch die Waffe des Täters aus einem serbischen Militärdepot. Am 23. Juli stellte das Habsburgerreich Serbien ein Ultimatum, das auf 48 Stunden befristet war. Der Ton des Schriftstücks war scharf. »Das unverfrorenste Dokument dieser Art, das jemals geschrieben wurde«, so nannte es etwa Winston Churchill, 1914 Marineminister in der britischen Regierung. Europa stehe an der »Schwelle eines großen Krieges«, schrieb er kurze Zeit später in einem Brief an seine Frau.

Plötzlich war es da, das Schreckgespenst einer großen militärischen Auseinandersetzung. Die serbische Regierung versuchte in ihrer Antwort an Wien die Quadratur des Kreises. Sie akzeptierte das demütigende Ultimatum, jedoch nicht in allen Punkten. Den deutschen Kaiser konnte sie so besänftigen. Damit sei »ein Kriegsgrund nicht mehr vorhanden«, kommentierte Wilhelm II. die Note aus Belgrad und wies seinen Botschafter in Wien an, den Österreichern zu einem Einlenken zu raten. Zurück von seiner Kreuzfahrt, bot er sich sogar als Mittler zwischen den Mächten an, um den Frieden zu retten. Doch die fatale Entwicklung lief längst an Seiner Majestät vorbei. Auf den Tag genau einen Monat nach dem Attentat erklärte Wien Belgrad den Krieg. Es werde nur ein begrenzter Konflikt werden, so glaubte Kaiser Franz Joseph, der zur Sommerfrische in Bad Ischl weilte. »Da brauche ich nicht nach Wien fahren«, erklärte er seiner Vertrauten Katharina Schratt. Schließlich hatten zwei Balkankriege um das Erbe des Osmanischen Reiches in den Jahren 1912 und 1913 die europäische Diplomatie intensiv beschäftigt, ohne dass der Konflikt eskaliert war.

Diesmal jedoch war alles anders. Mit der österreichischen Kriegserklärung kam eine Kettenreaktion in Gang, die erst Europa, dann die Welt in Flammen setzte: Russland stand Serbien zur Seite und machte am 30. Juli mobil. In Erfüllung seiner Bündnistreue erklärte Deutschland am 1. August Russland den Krieg, zwei Tage später Frankreich, das sich geweigert hatte, neutral zu bleiben. Am 4. August, mit dem Einmarsch der Deutschen in Belgien, trat auch das britische Empire dem Konflikt bei. Damit aber weitete sich der zunächst regionale Konflikt zu einem Weltkrieg aus – dem »Sündenfall« des zwanzigsten Jahrhunderts.

»In Europa gehen die Lichter aus«, sagte der britische Außenminister Edward Grey am 3. August 1914 zu einem Freund und fügte in dunkler Vorahnung hinzu: »Wir werden es nicht mehr erleben, dass sie wieder angezündet werden.« Erst später wurde für alle Welt sichtbar, dass im Sommer 1914 eine Schreckenszeit anbrach, die 1918 keineswegs zu Ende war – sondern eigentlich erst 1945. Historiker, Publizisten und Politiker haben immer wieder versucht, den Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 auf den Grund zu gehen. In der Zwischenkriegszeit und in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die meisten Historiker davon aus, dass die Großmächte in diesen ersten Krieg »hineingeschlittert« seien. In einer Zeit der rivalisierenden Machtblöcke und des übersteigerten Nationalismus hätten die herrschenden Mächte das Attentat von Sarajevo zu einer Risikopolitik benutzt, die ihnen einen außenpolitischen Prestigeerfolg erbringen sollte. Irgendwie sei dabei jedoch die »Direktion verloren gegangen«, wie der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg bereits Ende Juli 1914 formulierte.

1959 trat der Hamburger Historiker Fritz Fischer mit einer aufsehenerregenden These an die Öffentlichkeit: Deutschland treffe die Hauptschuld an dieser Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Berlin habe spätestens seit Dezember 1912 gezielt auf die Provokation eines Krieges im Sommer 1914 hingearbeitet, um die Hegemonie über Europa zu erkämpfen. Von dieser überspitzten These ist heute wenig übrig geblieben. Als unstrittig gilt in diesem Zusammenhang allenfalls, dass das Deutsche Reich das Risiko eines Krieges in Kauf genommen hat. Und dass das Kaiserreich gemeinsam mit seinem Bündnispartner die »rote Linie« zuerst überschritten hat. Wenn dem Zweibund auch die Hauptschuld an diesem Krieg zukommen mag, so muss doch die gesamteuropäische Mächtekonstellation vor 1914 gesehen werden, in der auch die Staaten der Entente – England, Frankreich und Russland – ihren Anteil an der Eskalation des Konflikts tragen. So passierte im Juni 1914 eine Heeresvorlage die Duma, das russische Parlament, die eine Aufstockung der Armee auf 1,8 Millionen Mann vorsah.

Im selben Monat erfuhr man in Berlin auch von geheimen Verhandlungen über ein Militärbündnis zwischen London und St. Petersburg. Die deutsche Politik zog daraus ihre ganz eigenen Schlüsse. London hatte offenbar eindeutig Stellung bezogen. In Zukunft würden die Briten wohl nicht mehr willens sein, französische und russische Heißsporne von einem möglichen offensiven Vorgehen gegen Deutschland abzuhalten. Die deutschen Militärs erwarteten einen Abschluss der russischen Aufrüstungsbemühungen für die Jahre 1916 /17. Danach, so prophezeiten sie, könne man von einem Zangenangriff aus Ost und West ausgehen. Also hieß die vermeintlich folgerichtige Devise: Krieg – und zwar lieber jetzt als später, wenn das Übergewicht der Gegner noch größer sein würde. Für Bethmann-Hollweg ein Zeichen, den »Sprung ins Dunkle«, wie er meinte, zu wagen. Diese pessimistische Lageanalyse hatte mit der Realität nicht viel gemein. Zu nüchternem Denken war man in Berlin in diesen Tagen aber nicht mehr in der Lage. So konstatierte denn auch der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn am 4. August 1914: »Und wenn wir auch darüber zugrunde gehen, schön war’s doch!«

Das »Augusterlebnis«

Der Kriegsausbruch wurde vielerorts stürmisch begrüßt. Der Taumel der nationalen Begeisterung wirkte, als hätten die Menschen den Krieg regelrecht herbeigesehnt. »Wir kannten sie ja, diese Welt des Friedens«, schrieb etwa der Dichter Thomas Mann, »wimmelte sie nicht von den Ungeziefern des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? [...] Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler, nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satthatte!« In der Massenhysterie der ersten Kriegstage erlebe jeder Einzelne gleichsam »eine Steigerung seines Ichs«, notierte der Schriftsteller Stefan Zweig. Der Krieg werde als »Erlösung«, als »reinigendes Gewitter«, als »Spaziergang« angesehen, von dem man – wollte man den Versprechungen des deutschen Kaisers glauben – bis Weihnachten zurück sei. Überall strömten junge Männer in die Rekrutierungsbüros. Untauglichkeit galt als »Schande«. »Es war selbstverständlich, es gab keine Frage, keinen Zweifel mehr: Wir würden mitgehen, alle«, schilderte Carl Zuckmayer die Stimmung unter seinen Klassenkameraden.

»Die Soldaten sangen, Frauen und Mädchen hatten sich in ihre Reihen gedrängt und sie mit Blumen geschmückt. Ich habe seitdem noch manche begeisterte Volksmenge gesehen, keine Begeisterung war so tief und mächtig wie an jenem Tag.«

Ernst Jünger

Auch Adolf Hitler, der sich 1913 dem Militärdienst für die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie noch durch eine Übersiedlung nach München entzogen hatte, wurde von patriotischen Gefühlen hingerissen. »Ich schäme mich auch heute nicht zu sagen«, hieß es später in Mein Kampf »dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.« Der Krieg bot Hitler, der bis dahin ein eher zielloses Leben geführt hatte, endlich die lang ersehnte Perspektive.

Im »Geist von 1914« wurde fortan das Bild einer Volksgemeinschaft beschworen, die keine Parteien mehr kannte. Doch die Bilder vom Auszug blumengeschmückter Soldaten täuschten. Die Kriegseuphorie hatte längst nicht alle Gesellschaftsschichten in. gleichem Maße erfasst. Während im bürgerlich-akademischen Milieu dem Aufbruch in eine neue Zeit entgegengefiebert wurde, machte sich unter der Arbeiterschaft und der Landbevölkerung Verzagen breit. Wer sollte die Ernte einbringen, wer die Familie ernähren, wenn die Männer an die Front mussten? »Ganz Landshut ist voll schluchzender und weinender Menschen«, notierte der Schüler Heinrich Himmler in sein Tagebuch.

Die jungen Soldaten, die im Sommer des Jahres 1914 an die Front verlegt wurden, hatten keine Ahnung von den Gesetzen eines Krieges, der erstmals auch mit modernsten Massenvernichtungswaffen geführt werden würde. Französische Wehrpflichtige zogen mit roten Hosen und blauen Jacken in den Kampf. Das britische Empire war ohnehin vollkommen unvorbereitet auf einen längeren. militärischen Konflikt. England hatte keine Wehrpflicht und, anders als Frankreich und Deutschland, kein Massenheer.

Erst nach dem Kriegseintritt erfolgte die Bildung einer Freiwilligenarmee durch den neu ernannten britischen Kriegsminister Lord Kitchener. Große Plakate mit seinem Konterfei riefen junge Männer mit dem Slogan zu den Waffen: »Your country needs you!« (Dein Land braucht Dich). Alle beteiligten Nationen hatten einen schnellen Sieg vor Augen – ein fataler Irrtum.

Hinter jedem Zivilisten ein »Franktireur«?

Für die deutschen Truppen, die am 2. August des Jahres 1914 ohne offizielle Kriegserklärung zunächst Luxemburg besetzt hatten, war die Festungsstadt Lüttich das erste Hindernis auf dem Weg durch Belgien. Auf diese Linie hatten sich die belgischen Truppen zurückgezogen. Wenig mehr als 100000 Soldaten hatten die Belgier unter Waffen, gegenüber einer deutschen Heeresstärke von insgesamt 2,4 Millionen Mann. Ein Kampf David gegen Goliath.

Schon in den ersten Tagen des Krieges eskalierte die Gewalt. Überrascht von der starken Verteidigung der vorgeblich »wenig leistungsfähigen belgischen Truppen«, wie der deutsche Generalstab hatte verlauten lassen, kam es zu häufigen Übergriffen gegen Zivilisten. Deutsche Soldaten, von ihrer Führung zur Eile getrieben und in der Furcht vor Übergriffen durch »Franktireurs« (Freischärler), deuteten Schusswechsel allzu oft als Angriffe aus dem Hinterhalt. Sie nahmen Geiseln, erschossen Zivilisten und brannten ganze Straßenzüge nieder. Das deutsche Militär blickte mit Schrecken auf die Erfahrungen aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zurück, in dem der Kampf durch »irreguläre« französische Aufständische verlängert worden und es zu Gewaltexzessen gekommen war. Deshalb beschloss die kaiserliche Militärführung vor Ort, schon beim Anschein eines zivilen Übergriffs zur Abschreckung hart durchzugreifen. In Orten wie Aerschot, Andenne und Tamines starben so im August 1914 bereits Hunderte Belgier. In Dinant, einem malerischen Ort an der Maas, wurden 674 Zivilisten erschossen, darunter auch Kinder. Insgesamt fielen den deutschen Strafaktionen in Belgien 4421 Zivilisten zum Opfer. Über 60000 Personen wurden verschleppt – zum Arbeitseinsatz im »Reich«.

In der Universitätsstadt Löwen, dem »belgischen Oxford«, war deshalb die Anspannung groß, als die Stadt am 19. August 1914 von deutschem Militär besetzt wurde. Am Vortag erst hatte die belgische Armee die Stadt geräumt. Die deutschen Besatzer führten ein strenges Regiment. Ab 20 Uhr galt eine strikte Ausgangssperre, die Häuser mussten nachts beleuchtet sein, Jagdgewehre waren abzuliefern. Auf Zuwiderhandlung stand die Todesstrafe. Ein paar Tage lang ging alles gut. Dann, am 25. August, fielen plötzlich Schüsse, die im Nu in eine wilde Schießerei ausuferten. Für die Armeeführung ein weiterer Fall von Franktireurs. Die deutsche Reaktion folgte auf den Fuß. Über 200 Einwohner der Stadt wurden ohne Verfahren zusammengetrieben und erschossen, die mittelalterliche Altstadt von Löwen ging in Flammen auf. Auch die historische Bibliothek der Universität brannte mitsamt ihren 230 000 Büchern bis auf die Grundmauern nieder.

Drei Tage wütete das »Strafgericht«, wie die Aktion offiziell hieß. Dem amerikanischen Gesandtschaftssekretär Hugh Gibson, der sich drei Tage später ein Bild von der Lage vor Ort machte, erklärte ein deutscher Offizier: »Es wird die Belgier lehren, Deutschland zu respektieren und es sich zweimal zu überlegen, gegen Deutschland die Waffen zu erheben.«

Bilder des Schreckens

Die Fotos des Monsieur Lajot

Der Krieg war gerade zwei Tage alt, als es bei Lüttich nahe des kleinen Ortes Vottem zu einem Scharmützel zwischen deutschen und belgischen Truppen kam. Als die Soldaten weiterzogen, blieben 22 tote Belgier und elf Deutsche zurück. Die Dorfbewohner waren ratlos. Es gab keine Anweisung, wie mit den Opfern des Krieges zu verfahren sei. Der Priester des Ortes, Abbé Crèvecœur, ließ die Leichen ins Pfarrhaus bringen. Dorthin bestellte er auch den Dorffotografen Monsieur Lajot. Mithilfe einiger Bewohner wurden die Toten aufgerichtet und vom Fotografen auf Glasnegativen abgelichtet. Dies, so dachte sich der Pfarrer, würde die spätere Identifikation erleichtern. Danach beerdigten die Dörfler die Toten nach Nationalität getrennt in zwei Massengräbern. Die Porträts von Vottem gehören zu den frühsten Bildern von gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Ein halbes Jahrhundert waren sie verschollen, verloren gegangen im Wandel der Zeitläufe. Erst 2003 tauchten sie wieder auf– auf einem Flohmarkt in den Niederlanden. Die Bilder fesseln und verstören: Gesichter, die vom Kampf gezeichnet sind, mit aufgerissenen Augen im Angesicht des Schreckens. Ungeschönte Aufnahmen, die keine Zensur passieren mussten. Nur wenige Tage später würde kein Pfarrhaus mehr ausreichen, um die Opfer einer Schlacht zu dokumentieren. ▪

Mit der Zerstörung der Bibliothek aber hatte sich Deutschland in der Welt den Ruf von Barbaren eingehandelt. Als »Hunnen«, denen man das Schlimmste zutraute, wurden sie fortan in der alliierten Propaganda persifliert. Noch heute erinnern in Löwen steinerne Bildtafeln an zahlreichen Häusern an die Brandschatzung durch die Deutschen.

Nachkriegsuntersuchungen über die Ursache des Schusswechsels ergaben übrigens, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um »friendly fire« gehandelt hatte. In Löwen einquartierte deutsche Soldaten hatten offenbar unter dem Einfluss von Alkohol und der allgegenwärtigen Franktireurs-Psychose auf die eigenen Truppen geschossen, die von Kämpfen mit der belgischen Armee in die Stadt zurückkehrten.

Mythos Tannenberg

Nahezu unbemerkt von der Weltöffentlichkeit fand zur gleichen Zeit im Osten eine Schlacht statt, die den Ruhm eines Mannes begründete, der alsbald einen wahren Personenkult im Deutschen Reich auslöste. General Paul von Hindenburg war längst im Ruhestand, als er mit der Aufgabe betraut wurde, die Verteidigung Ostpreußens zu organisieren. Ihm zur Seite gestellt wurde Erich Ludendorff, der sich erst wenige Wochen zuvor als Eroberer von Lüttich Meriten erworben hatte. Die deutsche Oberste Heeresleitung war davon ausgegangen, dass sich die russische Mobilisierung über Wochen hinziehen würde. Unerwartet schnell jedoch waren russische Armeen in Ostpreußen einmarschiert. Die dortige Zivilbevölkerung war in Panik geflohen. Die deutsche Propaganda schürte die Angst vor den wütenden »Kosaken«. Doch die Truppen des Zaren waren schlecht ausgebildet und mangelhaft bewaffnet. Nicht jeder russische Soldat hatte ein eigenes Gewehr.

Hindenburg und Ludendorff gelang es Ende August 1914, obwohl die Deutschen zahlenmäßig unterlegen waren, in einer nur vier Tage andauernden Umfassungsschlacht die russische Armee vernichtend zu schlagen. 50 000 russische Soldaten fielen, 92 000 gerieten in Gefangenschaft. Zum ersten Mal in der Geschichte hörte man von solch hohen Opfer- und Gefangenenzahlen als Folge einer einzigen Schlacht. Für die Menschen im »Reich« aber wurde Tannenberg zum ersehnten Siegesmythos, wenngleich das Hauptgebiet der Kampfhandlungen bei Hohenstein lag, etwa 15 Kilometer von Tannenberg entfernt. Mit der Umbenennung in »Schlacht bei Tannenberg« wollte man die schmachvolle Niederlage der »Ritter des Deutschen Ordens« gegen die litauisch-polnische Union aus dem Jahr 1410 vergessen machen. Hindenburg wurde postwendend zum »Retter des Vaterlands« erklärt. Überlebensgroß stand sein Abbild nun als riesige Holzfigur in vielen deutschen Städten – als Werbeträger für Kriegsanleihen.

In Berlin herrsche nach der Schlacht von Tannenberg Anfang September 1914 »Jubelstimmung«, schrieb die Künstlerin Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch, »als ob der Krieg schon beendet sei«. Die russische »Dampfwalze« war ausgebremst, und auch im Westen schien ein Sieg zum Greifen nahe.

Strategie ohne Alternative

Der Schlieffenplan

»Macht mir den rechten Flügel stark«, sollen die letzten Worte des Sterbenden gewesen sein. Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen, von 1891 bis 1906 Chef der Obersten Heeresleitung, glaubte den Weg zum Sieg in einem künftigen Krieg gefunden zu haben. Der »Schlieffenplan« war sein Lebenswerk. Nach der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags mit Russland unter Bismarcks Nachfolger Caprivi hatte sich das Zarenreich mit der französischen Republik verbündet. Das deutsche Kaiserreich sah sich der Gefahr eines Zweifrontenkrieges ausgesetzt. Schlieffens Denkschrift, 1905 unter dem Titel »Krieg gegen Frankreich« zu Papier gebracht, postulierte einen schnellen Feldzug gegen den Westen. »Der erste Schlag muss mit voller Kraft geführt werden, und es muss eine wirkliche Entscheidungsschlacht stattfinden«, so Schlieffens Überlegung. Dann, so glaubte er, könne sich die kaiserliche Armee in Ruhe Russland zuwenden.

Unter Schlieffens Nachfolger Moltke »dem Jüngeren« wurde sein Plan zum Dogma, zum »einzigen Weg zum Sieg«. Bei Kriegsausbruch 1914 folgte dieser Schlieffens Strategie mit nur geringfügigen Änderungen. Den Praxistest bestand der Schlieffenplan indes nicht, Russland machte schneller mobil als erwartet. Bereits Ende August 1914 kam es zum Kampf um Ostpreußen. Großbritannien erklärte wider Erwarten dem Kaiserreich den Krieg, nachdem deutsche Soldaten im neutralen Belgien einmarschiert waren. Die Logik des Schlieffenplans erzeugte einen immensen Zeitdruck, der in der sogenannten Julikrise kaum Raum für Verhandlungen ließ. Deutschland vergab damit ohne Not die Möglichkeit auf eine politische Lösung des Konflikts. ▪

Sechs Wochen nach Kriegsausbruch, so hatte es der Schlieffenplan gefordert, sollte es vor Paris zur entscheidenden Schlacht gegen Frankreich kommen. Und tatsächlich, die deutsche Armee lag im Zeitplan. Am 2. September war die französische Regierung aus Paris nach Bordeaux geflohen. In der französischen Hauptstadt bereitete Stadtkommandant Gallieni bereits die Sprengung der Seine-Brücken vor. Die kaiserliche Armee stand nur noch 18 Kilometer vor der Stadt. In der Ferne konnten deutsche Patrouillen bereits den Eiffelturm sehen. Doch bei aller Siegeszuversicht, es gab ein Problem: Die deutschen Truppen waren so weit vorgedrungen, dass sie von ihrer eigenen Versorgung abgeschnitten waren. Dazu kam, dass die Kommunikationswege nahezu zerstört waren. Die Übermittlung drahtloser Meldungen dauerte oft 24 Stunden und konnte von den Franzosen abgefangen werden. Ohne Verbindung zum eigenen Hauptquartier im Hunderte von Kilometern entfernten Luxemburg und durch anstrengende Gewaltmärsche geschwächt, war die Ausgangssituation für die geplante letzte militärische Auseinandersetzung schwierig.

Der Wendepunkt

Am 5. September begannen die Kämpfe an der Marne. Gleich zu Beginn gelang den Franzosen ein Propagandaerfolg. Über Nacht hatte Joseph Joffre, der französische Oberbefehlshaber, gut 600 Taxis von Paris aus zweimal an die Front fahren lassen – besetzt mit jeweils fünf Soldaten. Am nächsten Morgen standen den Deutschen 6000 »Poilus«, »Bärtige«, wie die Franzosen ihre Frontsoldaten nannten, mehr gegenüber. In Luxemburg hatte Generalstabschef Helmuth von Moltke Mühe, Überblick über den Frontverlauf zu erhalten. Er war ein Nervenbündel, sichtlich überfordert mit der Leitung der Operationen. In einem Brief an seine Frau beklagte der Oberbefehlshaber am 8. September 1914 seine Lage: »Die schreckliche Spannung dieser Tage, das Ausbleiben von Nachrichten von den weit entfernten Armeen und das Bewusstsein dessen, was auf dem Spiel steht, geht fast über die menschliche Kraft.« In seiner Not schickte der General Oberstleutnant Richard Hentsch, den Chef der Nachrichtenabteilung des Generalstabs, an die Front; er sollte sich vor Ort ein Bild von der Lage machen. Ohne einen schriftlichen Befehl von Moltke in der Tasche zu haben, besuchte Hentsch mehrere Armeen entlang der Front.

Die deutschen Truppen standen einer starken Allianz britischer und französischer Armeen gegenüber. Während Richard Hentsch in den deutschen Hauptquartieren auf Siegeszuversicht stieß, war bei den gemeinen Soldaten die Euphorie der ersten Kriegstage längst der Verzweiflung gewichen. »Die Leute, die in der Heimat im Siegestaumel leben, ahnen nicht das Schreckliche des Krieges«, schrieb etwa August Macke am 11. September 1914 an seine Frau, »seit drei Tagen liegen wir hier in einem Gefecht, das sich von Paris bis Verdun hinzieht. Von frühmorgens bis in die Nacht tobt der Kanonendonner [...] Der Krieg ist von einer namenlosen Traurigkeit. Man ist weg, noch ehe man’s merkt.« Der Maler August Macke fiel drei Wochen später in Nordfrankreich.

Die problematische Kommunikation mit der Obersten Heeresleitung, so Hentsch in seinem Bericht, habe zu »eigenmächtigen Entscheidungen« der einzelnen Befehlshaber geführt. Hinzu kam, dass von Moltke auf dem Höhepunkt der Kampfhandlungen überstürzt zwei Armeekorps nach Ostpreußen abgezogen hatte, um Hindenburgs Armeen bei Tannenberg zu unterstützen. Die Soldaten, die erst nach dem Ende der Kampfhandlungen an der Ostfront eintrafen, fehlten nun wiederum im Westen. Der Oberstleutnant sah die Situation kritisch. Infolge des schnellen Vormarsches war zwischen der 1. und der 2. Armee eine rund 40 Kilometer breite Bresche entstanden, der sich das Britische Expeditionskorps langsam näherte. Der Offizier des Generalstabs sah die Gefahr einer Einkesselung und empfahl den Rückzug gerade in dem Moment, in dem die Militärs zum Endkampf ausholen wollten. Ungläubig und nur äußerst widerstrebend folgten die Armeechefs Hentschs Weisung. Am 9. September 1914 wurde der deutsche Rückzug eingeleitet. Zwei Tage später war die Marne-Schlacht beendet.

250 000 Tote, Verwundete und Gefangene auf deutscher Seite hatte die Schlacht gekostet, etwa 300 000 Opfer auf alliierter Seite. Generalstabschef von Moltke erlitt einen Nervenzusammenbruch. »Majestät, wir haben den Krieg verloren!«, meldete er dem Kaiser, da war der Krieg gerade einmal sechs Wochen alt.

Mit dieser Meinung stand er nicht alleine da. Auch der im Alter von 74 Jahren reaktivierte Feldmarschall Gottlieb Graf von Haeseler äußerte gegenüber seinem obersten Kriegsherrn Unbehagen: »Es scheint mir, dass nun der Augenblick gekommen ist, in dem versucht werden muss, den Krieg zu beenden«, erklärte er dem Kaiser. Er befürchte, dass das Reich langsam ausbluten würde, sollte der Krieg weitergeführt werden. Doch der wollte von einem »Kompromissfrieden« nichts wissen. Wilhelm II. entließ Generalstabschef Moltke und 33 seiner Generäle. Nachfolger wurde Generalleutnant Erich von Falkenhayn, ein kühler Karrierist und skrupelloser Stratege, der später verantwortlich für das schreckliche Blutbad von Verdun sein würde.

Im Schlamm von Flandern

Die Schlacht an der Marne beendete nicht den Krieg, aber sie war eine Niederlage »napoleonischen Ausmaßes«, wie der Historiker Hew Strachan formuliert, die Wende im Krieg. Ob durch Moltkes Rückzugsentscheidung eine drohende Einkesselung verhindert oder aber der Sieg verspielt worden war – diese Fragen gaben nach dem Krieg Anlass für Legendenbildungen. Fakt ist, dass mit dem Rückzug zur Aisnestellung der Schlieffenplan gescheitert war. Sechs Wochen nach Kriegsausbruch war klar, dass die Vorstellung von einem Blitzkrieg eine Illusion gewesen war.