Weltenwächter II - Alex Logan - E-Book

Weltenwächter II E-Book

Alex Logan

0,0
7,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Selbst, wenn wir es schaffen sollten, alle Mauern auf unserem Weg zu überwinden und lebendig durch das Purgatorium zu kommen, müssten wir noch an den Wachen des Abyss vorbei. Nora zu finden und es auch noch zurückzuschaffen wird, und ich wiederhole es gerne noch öfter, unmöglich sein. Ich würde es an deiner Stelle lassen, Nate.« Es sind einige Wochen seit der Schlacht am Steintor vergangen und Nathaniel muss sich nicht nur mit seinen neuen Kräften als Wächter der Nephilim, sondern auch mit seinen Schuldgefühlen herumschlagen. Bisher haben weder er noch seine Verbündeten einen Weg gefunden, Nora Lunathiels Seele zu finden und zu befreien. Doch eine vollkommen neue Bedrohung macht ihnen bald das Leben schwer, denn Sephir, Serens alter Meister, wird zum neuen Höllenfürsten in Hannover ernannt, um die Mächte des Himmels herauszufordern. Zusätzlich tritt eine bisher unbekannte dritte Partei auf und beginnt die Jagd auf Nate und seine Gefährten. Doch wer verbirgt sich hinter diesem Kult und warum haben sie es auf ihn abgesehen? Und wie soll die Befreiung Noras gelingen? Die Antworten auf diese Fragen liegen an einem Ort, der nicht auf dieser Welt zu liegen scheint...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Nates Vorwort

Kapitel 2 Neue Machtverhältnisse

Kapitel 3 Prügelei unter dem golden M

Kapitel 4 Der Doktor empfängt Sie jetzt

Kapitel 5 Schlüsselmomente

Kapitel 6 Die anderen Welten

Kapitel 7 Der Kult des Zwielichts

Kapitel 8 In den Bauch der Bestie

Kapitel 9 Der schwarze Engel

Kapitel 10 Der Dude Namens Argus

Kapitel 11 Die Welt der alten Götter

Kapitel 12 Geständnisse

Kapitel 13 Göttliche Spiele

Kapitel 14 Der Wettkampf geht weiter

Kapitel 15 Die Stadt, die niemals schläft

Kapitel 16 Operation Blindes Auge

Kapitel 17 Der Kampf um New York

Kapitel 18 Über die Grenzen hinaus

Kapitel 1 Nates Vorwort

"Bevor wir anfangen, möchte noch irgendjemand aussteigen?" – Captain America, The Winter Soldier

Wer auch immer das hier liest,

Du würdest mir nicht glauben, was mir alles passiert ist.

Es war ein ganz normaler Tag, wie jeder andere… Das las sich jetzt schon wie ein Leserbrief an Wendy oder Dr. Sommer. Leider traf dieser oft zitierte Satz in meinem Falle den Nagel ziemlich auf den Kopf.

Aber der Reihe nach. Immerhin ist das hier die erste jungfräuliche Seite einer komplett neuen Aufzeichnung. Sollte also die staunende Nachwelt lediglich dieses eine Exemplar finden, vielleicht, weil ich zusammen mit dem Erstlingswerk wortwörtlich in Rauch aufgegangen war, gibt es hier eine Kurzinfo über mich und was bisher geschehen war.

Bei Netflix könnte man diesen Rückblick überspringen, diesen Luxus gibt es hier aber nicht.

Mir war durchaus bewusst, was für eine Funktion ein Rückblick hatte. Ein zusammenfassendes Vorwort war genauso wichtig wie die Erfindung von Wikipedia für das öffentliche Schulsystem.

Aber ich schweife ab. Ein mir altbekanntes Laster, dass sich durch meinen neuen geistigen Untermieter, der sich selbst Al nannte, verschlimmert hatte.

Eines möchte ich gleich zu Beginn klarstellen, ehrlich, selbstkritisch und bescheiden wie ich bin.

Durch die traumatischen, spannenden und vor allem lesenswerten Ereignisse, die sich alle in brillanter Erzählweise im ersten Teil nachlesen lassen (Letzter Hinweis!), hatte ich das erworben, was geschulte Psychologen eine ausgewachsene Klatsche nennen würden.

Ich litt an einer Form multipler Schizophrenie, wobei multipel in meinen Fall noch arg untertrieben ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Leidensgenossen war ich mir dieser Macke aber bewusst und halte sie auch für überlebensnotwendig – wobei ich nicht wissen möchte, wie viele Personen mit dem Krankheitsbild das gleiche Argument vorbringen würden.

Aber bevor ich weiter auf meine geistigen Unzulänglichkeiten eingehe, ein paar Eckdaten über mich.

Ein guter Anfang wäre wohl mein Name. Nathaniel Liam Mustermann. Der Einfachheit halber bevorzuge ich die Kurzform Nate.

Ich bin Mitte zwanzig, um die ein Meter achtzig groß und optisch besserer Durchschnitt. Also nicht so hässlich, dass mich das Tierheim auf der Türschwelle abweisen würde, aber auch kein androgyner, Herzschmerzblick werfender Teenie-Vampirschwarm mit dem Namen »Edward«.

Wobei wir gerade beim Thema sind: auch, wenn der große Hype einige Jahre zurückliegt, ich hatte nicht viel Liebe übrig für Zwielicht. Ich kannte Vampire, die sich bei der bloßen Erwähnung dieses verfilmten Bravofotoromans am liebsten auf den nächsten Holzpflock geworfen hätten.

Dieses Machwerk war für die Vampirbewegung ungefähr genauso schädlich gewesen wie Eva Hermann für die Emanzipation. Ernsthaft! Vampire, die im Sonnenlicht glitzerten? Glitzern taten nur eine bestimmte Art von männlichen Vampiren, und die schlüpften in hochhackige Pumps.

Zwar lag Bram Stocker daneben, da Vampire eben nicht im Sonnenlicht anfingen zu braten, aber sie funkelten auch nicht wie die Urbesetzung des Starlight Express.

Die Blutsauger waren jetzt nicht unbedingt Mitglieder im Solarium-Freunde-Club und reagierten auf Sonnenbrand noch empfindlicher als Rothaarige, das war es aber auch mit diesem Vorurteil. Warum ich darüber so viel wusste? Nun, ich kannte Einige dieser Spezies recht gut. Darüber hinaus noch solche putzigen Wesen wie Werwölfe oder andere Wandler. Man fasste diese nette Ansammlung sympathischer Persönlichkeiten unter der Kategorie Metawesen zusammen. Hierzu müsste ich weiter ausholen, auf die Urväter der Metas, Kain und Abel eingehen, aber das würde jetzt zu weit führen. Von daher, zurück zum Thema, zu mir und meiner Situation.

Hauptberuflich war ich Student, obwohl ich im Moment nicht wirklich dazu kam. Wurde das Retten der Welt als prüfungsaufschiebendes Argument anerkannt? Ansonsten konnte ich auch dieses Semester haken. Nebenbei arbeitete ich in einem Großraumbüro, eine dieser Lagerhallen mit den kleinen Trennwandbüros. Es vermittelte Schlachthaus Atmosphäre mit dem Charme eines Konzentrationslagers. Dort machte ich meistens kriegsentscheidende Kopieraufträge. Ohne meine unermesslichen Bemühungen in der meisterlichen Kunst des Vervielfältigens und Verteilens wüsste zum Beispiel Susi Sorglos nicht, das nächstes Jahr im Frühjahr auf einen Sonntag der Parkplatz für zehn Minuten für den Geschlechtsverkehr gesperrt werden würde…oder so ähnlich.

Ich war in meiner Funktion der fünfte Reiter der (Post) Apokalypse, der bürokratische Stumpfsinn oder netter formuliert im Qualitätsmanagement.

Vielleicht sollte ich mich dann nur Qual nennen? Krieg, Hunger, Pest, Tod und Qual klangen besser als Krieg, Hunger, Pest, Tod und mitarbeiterfreundliches Informationsmanagement.

Meine Person und mein beruflicher Erfolg waren zugegeben nicht sehr spektakulär. Aber jetzt kam es: Ich war ein Engel. Ein himmlisches, geflügeltes, biblisches Superwesen.

Krass, oder? Aber so war das nicht ganz richtig.

Ursprünglich war ich nur das Gefäß gewesen.

Die Einwegmikrowellenverpackung für einen der Erzengel.

Damit waren die Engel der ersten Generation gemeint, die in Rebellion zwischen Gott und Luzifer gefallen sind.

Anscheinend ging es in diesen ersten Gefechten richtig zur Sache. Luzifer und seine Truppe waren so etwas wie die Harlem Globetrotters des Himmels. Die schönsten, besten, stärksten und auserlesensten Engel des Herrn. Wie das bei der Elite so ist, fragten sie sich irgendwann im Stillen, warum denn der Untersatz der Evolution, die Menschheit, mehr Privilegien hatten als Gottes treueste Soldaten, unter anderem den freien Willen. Aus den stillen Fragen wurde dann irgendwann offener Protest gegen die Obrigkeit, in diesem Falle Gott. Und der reagierte auf diesen Aufstand, indem er sie alle platt machte.

Die Hauptmetzgerarbeit haben seine restlichen vier Ur-Engel erledigt. Ursprünglich waren es fünf oberste Erzengel, die Gottes erste Vertraute waren, doch mit Luzifers Abkehr blieb ein Posten vakant. Ich wusste nicht, wie viele Engel in der Schlacht gestorben sind, aber es waren wohl reichlich. Doch was wurde aus all den Seelen?

Als gefallene Engel hatte Gott ihnen die Möglichkeit der Sühne und der Wiedergeburt eingeräumt. Meiner Meinung nach etwas inkonsequent, aber so waren alleinerziehende Väter anscheinend. Daher kam es wohl von Zeit zu Zeit vor, dass sich die Seele eines dieser Engel in der sterblichen Hülle eines Menschen manifestierte und er die Möglichkeit bekam, wiedergeboren zu werden.

Dass der bedauernswerte Mensch dadurch komplett ausgelöscht wurde, lassen die Celes gerne unter den Tisch fallen.

Übrigens, Celes stand für Caelestis, ein Oberbegriff für alle Engel oder Dämonen.

Ab diesem Punkt wurde es für mich spannend. Denn die wiederauferstandene Seele war wie der berühmte Topf Gold am Ende des Regenbogens. Sowohl der Himmel als auch die Hölle setzen Himmel und Hölle in Bewegung, den Topf als Erstes zu erreichen und für ihre Seite anzuwerben.

Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Mir wurde als Begrüßungsgeschenk eine Kugel in den Kopf gejagt. Das sollte den Auferstehungsprozess beschleunigen, denn beide Seiten vermuteten in mir einen der ersten Erzengel und waren dementsprechend neugierig und ungeduldig.

Zu unserer aller Überraschung war ich nicht unbedingt das, was meine übernatürlichen Freunde erwartet hatten. Ich war der atomare Super Gau unter den Reinkarnationen, das faule Ei in der Ü-Ei Palette, der Schrecken, der die Nacht durchflatterte, … Stopp, falsche Baustelle.

Statt der Seele eines Erzengels hatte ich was viel Gefährlicheres und Unberechenbareres in mir. (Seitdem konnte ich auch über keine Bandwurmwitze mehr lachen.)

In mir steckten nicht nur einer, nicht zwei, sondern über eintausend Seelen toter Celes.

Wer außer mir und diversen Pornostars konnte das von sich behaupten? Ich war die spirituelle Gangbangschlampe der Nephilim.

Wem jetzt der Gedanke kommt: Hach, wie originell, das Nephilim Thema. Das wurde schon so oft verbraten, dass es dazu nichts Neues zu erzählen gibt.

Nun, diese Aussage war an sich nicht falsch.

Was sich bei den meisten Geschichten immer deckt, war die Tatsache, dass es sich bei einem Nephilim um ein Mischwesen aus Mensch und Engel handelte. Soweit korrekt.

In unserem Fall aber war die Bezeichnung Nephilim primär ein Begriff für einen unentschlossenen Engel, der sich rebellisch gab und sich für keine Seite der Celes entscheiden wollte. Wer sich der Obrigkeit nicht unterwerfen wollte, wurde so zum Staatsfeind erklärt und dementsprechend behandelt.

Für die meisten Nephilim war die Phase der Rebellion daher eine sehr kurze Reinkarnation. Gerade weil der Himmel seinen eigenen Elitetrupp hatte, der sich ausschließlich auf die Jagd dieser Risikokandidaten spezialisiert hatte. Ich selbst hatte einige Erfahrungen mit diesen Todesengeln, die sich die Zwölf nannten, gemacht.

Wie ich zu meinem Leidwesen feststellen durfte, leitete sich der Begriff Nephilim tatsächlich von einer anderen Geschichte ab, die weit zurück in alttestamentarischen Zeiten lag.

Was waren also die Nephilim?

Es begab sich zu einer Zeit, da waren Engel ausschließlich von männlicher Gestalt und waren noch in der Lage, den Akt des Beischlafs zu vollziehen.

Offenbar verspürten sie auch den natürlichen Drang dazu, nur hatte der himmlische Vater in seinem göttlichen Humor und seiner unendlichen Weisheit nur geflügelte Kens, aber keine Barbies gebaut.

Jetzt stellte man sich das mal vor: Der ganze Himmel war voll mit jungen, potenten, notgeilen Männern... und dann sah einer von ihnen durch ein Loch in der Wolkendecke und erblickte ganz zufällig die Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter von Jennifer Lawrence oder Scarlett Johansson beim Nacktbaden.

Was dann folgte, bedurfte keiner weiteren Erklärung.

Alarmstufe Sex im Himmel. Folgerichtig stürzten die geilen Geier wie in einer nicht jugendfreien Version von Hitchcocks »die Vögel(n)« über die wahrscheinlich recht überraschten Menschenfrauen her.

Als Gott nun sah, was da im Gange war, tat er wohl das damals einzig Richtige (In der heutigen Zeit hätte er jedem Engel eine Webcam umgeschnallt und ein Vermögen verdient). Er raubte den Engeln die Eier aus dem Nest. Und fies wie er war, führte er ab da auch weibliche Engel ein. Soweit ich das von meinen persönlichen Erfahrungen aus beurteilen konnte, hatte er ausnahmslos Playboy-Hasen als Vorlagen benutzt. Was lernten wir daraus? Gott war die fieseste Sau aller Zeiten.

Damit war das Problem aber noch nicht gelöst, im Gegenteil. Denn was passierte, wenn tausende Engel und Menschenfrauen miteinander ungeschützten Geschlechtsverkehr ausübten?

Ganz genau, Baby-Time auf der Erde!

Gott wurde mehrfacher Großpapa. Hier wurde es für den alten Mann dann kritisch. Denn diese Kinder, die sogenannten Nephilim, hatten die Macht der Engel, aber den freien Willen der Menschen. Und das passte Gott verständlicherweise gar nicht.

Eine ganze Armee von Kindern, die sich gegen mich auflehnen könnten, hätte mich auch nervös gemacht. Also schickte Gott die Sintflut, um diese Gefahr von Anfang an zu beseitigen. So hatte sich Gott die Nephilim vom Hals geschafft und nebenbei fast das gesamte Leben auf der Erde mit. Ziemlich grausam, oder?

Doch hat Gott in seiner Allwissenheit eines nicht bedacht.

Die Seelen der ertrunkenen Kinder verschwanden nicht einfach, sondern vereinigten sich zu einer einzigen, machtvollen Essenz. Diese Seele ging dann, wie alle Seelen gefallener Celes, in den Kreislauf der Wiedergeburt ein und wartete auf den passenden Augenblick und den richtigen Kandidaten. Das Schicksal wollte es, dass ich diese glückliche Leihmutter werden sollte.

Die Nephilim wollten durch mich auferstehen und Rache an dem Vater üben. Was ihnen auch fast gelungen wäre.

Nur mit Mühe und Not konnte ihre Auferstehung verhindert werden. Die Liste unserer Verluste war lang.

Jim, mein schottischer Freund. Ein Ignis Dämon, was übersetzt so viel wie Feuerteufel bedeutete.

Raguel, der Anführer der Engel Hannovers und viele seiner Gefolgsleute. Sie fielen, um unsere Welt zu retten. Gleiches traf auf die Dämonen unter El Marchito zu. Auch sie hatten einen hohen Preis bezahlt, um schlussendlich das letzte Auge zu beschützen und die Todesengel aufzuhalten.

Oder die Metas, die neben unzähligen anderen Opfern gleich zwei ihrer Kopfgeldjägereinheiten verloren hatten, die Reaper und die Cowboys from Hell.

Grayson, Kilian, Castors Bruder Pollux, ihr Prätor Rhamiel… ich könnte lange so weitermachen.

Der für mich schlimmste Verlust aber war Nora. Sie hatte ihre eigene Seele geopfert, um mich aus dem Sog der Nephilim zu retten. Nun war sie selbst an einem unbekannten Ort gefangen und schwebte zwischen Leben und Tod. Seit diesem Tag suchten wir verzweifelt nach einem Weg, um sie aus dieser Starre zu befreien. Bisher leider ohne Erfolg.

Mittlerweile war einige Zeit vergangen, seitdem wir die Todesengel aufgehalten und Azrael besiegt hatten. Ich konnte mich in den folgenden Wochen nicht dazu durchringen, über das Geschehene zu schreiben.

Es war einfach ein viel zu großes Durcheinander entstanden. Ich musste mich mit meinen vollkommen neuen Kräften auseinandersetzen und dabei feststellen, dass ich null Kontrolle über sie hatte. Mir stand ein langwieriger Lernprozess bevor, wenn ich sie nicht nur instinktiv, sondern auch bewusst einsetzen wollte. Dazu kam mein bereits erwähnter geistiger Mitbewohner, diese Stimme in meinem Kopf.

Es war nicht so, dass sie ständig präsent war oder mir befahl, irgendwelche Jungfrauen zu entführen. Dennoch war es unheimlich, wenn Al unvermittelt seinen Kommentar zum Besten gab. Ich brauchte also Zeit, um mich zu sortieren, sowohl physisch als auch psychisch. Nachdem ich dann meine alten Aufzeichnungen durchgegangen bin, beschloss ich, weiterzuschreiben. Ich empfand es für wichtig, da ich nicht wusste, ob ich dieses Abenteuer heil überstehen würde.

Oder ob mein Verstand vorher baden ging.

War es im ersten Teil noch eher unbewusst, um selbst durch das Geschehen durchzublicken, schreibe ich diesen Bericht bewusst für die Nachwelt. Denn so wie es aussah, mit tausenden wütenden Kindern des Zorns hinter der dünnen Wand meines Verstandes und meiner besonderen Position als einziger freilaufender Nephilim in dieser Welt (ich war ungefähr so beliebt wie der iranische Präsident), waren meine Überlebenschancen so hoch wie der Durchschnitts-IQ eines Dschungelcamp Kandidaten.

Es wäre schade, falls niemand von dieser anderen Welt erfahren würde. Von daher würde ich weiter versuchen zu berichten, was mir auf meiner Reise alles widerfahren war.

Am besten fahre ich an der Stelle fort, an der ich meinen letzten Bericht beendet hatte. Beim Verlassen des Schlachtfeldes am Steintorviertel.

Es war verrückt, wieder aus der Zone in ein vollkommen intaktes Hannover zurückzukehren.

So, als wäre dieser Alptraum niemals passiert.

Als hätten die zwölf Todesengel keine Spur aus Mord und Verrat durch die Welt gezogen, um an das Schwert Luzifers zu gelangen, damit Azrael sich zum fünften Ur-Engel aufschwingen konnte.

Wodurch sie den Äther, dieses für alle Celes lebenswichtige spirituelle Netzwerk, fast vernichtet und damit höchstwahrscheinlich sogar einen offenen Krieg zwischen Himmel und Hölle auf der Erde in Kauf genommen hätten.

Diese Wächter des Äthers, Oculi oder einfach nur Augen genannt, waren systematisch von den Zwölf aufgespürt, getötet und ihres Wissens beraubt worden.

Doch das letzte Auge, so dramatisch das auch klang, konnte durch uns gerettet und der Untergang der Welt damit verhindert werden. Doch hatten wir einen hohen Preis dafür bezahlt.

Obwohl sich jede Faser meines Körpers dagegen sträubte, erlaubte ich schließlich Hariel, dass sie sich um den Körper Noras kümmern durfte.

In ihrer Festung wäre der leblose Leib wahrscheinlich auch besser untergebracht als in meinem Schlafzimmer.

Es war bereits jemand eingetroffen, der Nora in ein entsprechendes Behältnis gelegt hatte und nun dabei war, sie in einen unscheinbaren LKW zu verladen.

Das Ding sah aus wie Schneewittchens gläserner Sarg. Noras Körper wurde in eine Stasis-Kammer in die Provinz gebracht.

Hariel sicherte mir zu, dass ich sie, sobald wieder Ruhe eingekehrt war, so oft besuchen konnte, wie ich wollte. Ich willigte ein. Bevor es zu Verwirrungen kommen würde: Ich verzichtete von nun an darauf, Hariel bei ihrem menschlichen Decknamen Angela Priest zu nennen, solange es die Situation nicht erforderte.

Das Gleiche galt für Anixiel. Er hatte selbst darauf bestanden, dass er nach dem Tod seines Bruders nicht mehr mit Castor angesprochen werden wollte.

Nach Noras Abtransport trennten sich unsere Wege.

Seitdem waren nun einige Wochen vergangen, indem sich viel ereignet hatte.

Ich musste erneut Abschied nehmen von einer mir sehr wichtigen Person. Denn Andy, mein Mitbewohner und Freund, musste nun beruflich komplett nach Frankfurt umsiedeln. Dieser erneute Verlust eines vertrauten Menschen traf mich härter, als ich erwartet hätte.

Darüber hinaus musste ich mir nun einen neuen Mitbewohner suchen, ein Umstand, auf den ich gar nicht scharf war. Denn der Himmel hatte unverschämter Weise meine Konten eingefroren.

Ich war also wieder ein armer Student.

Mir war natürlich klar, dass Hariel so alle Spuren meiner Existenz verwischen wollte. Der Sieg über die Zwölf wurde offiziell Raguel und El Marchito zugeschrieben, was die Fronten der Celes etwas entspannte.

Kassandra hatte daher meine Beteiligung an der Geschichte aus dem Äther und den Köpfen der Anwesenden Metas und Celes gelöscht. Ich fand es schon unheimlich, wie mächtig dieser Engel in dieser kleinen Mädchengestalt war. Lediglich meine engsten Verbündeten behielten das Wissen um meinen Einsatz und über meine Nephilim Existenz. Das waren neben Hariel, Anixiel und Kassandra zu meiner Überraschung noch Seren, Damian und Ulf.

Für alle anderen war ich ein stinknormaler Mensch, der mit Ulf einen mächtigen Meta Freund hatte.

Ein praktischer Effekt meiner neu gewonnenen Nephilimkräfte war, dass so lange ich sie nicht benutzte, von den Celes und Metas nur als Mensch wahrgenommen wurde. Meine Aura konnte von ihnen nicht aufgespürt werden, denn ich hatte im Normalfall keine.

Die Mächte des Himmels und der Hölle erklärten darüber hinaus nach den tragischen Ereignissen das Steintorviertel zur neutralen Zone, was den Metas durchaus in den Kram passte. Kein Celes würde sich derzeit hier blicken lassen.

Generell hatten die Mächte ein temporäres Verbot verhängt, was den Celes das Betreten eines Refugiums untersagte.

Offiziell aus Respekt vor den unschuldigen Opfern unter der Meta Gemeinde. Ulf glaubte ihnen allerdings kein Wort.

Durch seine Empfehlung bekam ich ebenfalls einen Job im Rocker. Auch wenn es nur Kisten schleppen war, so machte es mir doch Spaß, zwischen den Metas zu sein. Darüber hinaus half es mir bei meinem neu aufgetretenen finanziellen Engpass.

Witziger Weise schien es ein ungeschriebenes Gesetz in der Meta Szene zu sein, dass sich die Leitung eines Refugiums immer aus einem Vampir und einem Wandelwesen zusammensetzte. Und wer die beiden Chefs des Rockers kannte, brauchte nicht lange raten, wer von beiden welcher Gattung angehörte.

Eine weitere Überraschung wartete auf mich, als Ulf mir Duke als neuen Mitbewohner präsentierte.

Er nannte es eine Vorsichtsmaßnahme. Er selbst hätte viel mit dem Wiederaufbau der Reaper zu tun und würde einige Zeit nicht in Hannover sein können. Somit würde er mir Duke als Vertrauten und Ansprechpartner zur Seite stellen.

Entgegen unserer ersten Begegnung wurde mir Duke schnell sympathisch. Hinter seiner rauen Schale verbarg sich ein fröhlicher Kern, der zudem auch gerne mal das eine oder andere Bier trank.

Im Übrigen ist Dukes Tarnung die schlechteste, die ich gesehen habe. Der Junge war auch ohne sich zu verwandeln, der haarigste Typ, der hier rumlief und das will was heißen im Rocker. Sein Fell, für Haare war es einfach zu plüschig, hing ihm bis auf die Schultern und war nur mit Mühe durch ein Zopfband gebändigt.

Der dunkelbraune Vollbart ließ ihn älter aussehen, als er eigentlich war.

Er war gerade mal Anfang zwanzig, obwohl er betonte, in Hundejahren wäre er alt genug, um mein Großvater zu sein.

Seine unbekümmerte Art half mir in den folgenden Wochen, ein wenig die Leere in meinem Zuhause zu füllen.

Auch, weil er mich ein wenig an Jim erinnerte.

Man sollte meinen, Kisten schleppen und Büroarbeiten wären für ein derart mächtiges Wesen wie mich undenkbar, aber auch hier hatte die Münze wieder zwei Seiten.

Zwar hatte ich mich aus den Fängen der Nephilim befreien können, dennoch waren sie nicht vollkommen gebändigt.

Ich war mittlerweile mehr als ein Gefäß. Ich war ein Wärter, ein Wächter. Fest stand auch, sollten sie es je schaffen auszubrechen, gab es wenige Mächte, die sie aufhalten könnten.

Ich hatte Träume, in denen ich von den kleinen Freddy Krügers besucht wurde. Man gewöhnt sich auch nach dem tausendsten Mal nicht an den Anblick von ertrinkenden Frauen und Kindern.

Ein Teil von mir konnte die Nephilim verstehen. Ihnen wurde großes Unrecht zuteil, denn ihre einzige Sünde war es, geboren worden zu sein. Hätte ein gütiger Gott sie nicht leiten und lieben können, als die Kinder seiner Schöpfung, die sie waren? Ich konnte ihren Rachedurst durchaus nachempfinden. Aber dennoch wusste ich, sollte ich ihrem Verlangen nachgeben, würden die Nephilim die Welt vernichten.

Sie hassten alles Lebende. All jene, die Gott ihnen vorgezogen hatte. Dass bei der Sintflut auch ein großer Teil der Menschheit starb, war für sie kein wirklicher Trost.

Ich hatte jedenfalls für mich beschlossen, sollte ich Gott einmal treffen, ich würde ihn dafür ordentlich Eine in die Fresse hauen.

Dann würde er mich wahrscheinlich mit einem Fingerschnippen atomisieren. Aber das war es mir wert.

Immerhin musste ich wegen seiner Plage mehr Paracetamol essen als ein Supermodels Tic-Tacs.

Kopfschmerzen wurden mein stetiger Begleiter.

Du hast mich vergessen! Wie kannst du mich vergessen?

Wie bereits erwähnt und trotz allen Hoffens: Al war immer noch da. Zufrieden?

Das klingt so, als wäre ich dir peinlich.

Das war mein Leben. Albträume von ertrinkenden Kindern und ein Witzbold im Kopf.

Aber es hat nicht nur Nachteile. Immerhin hatte ich auch Superkräfte. Die Macht von Tausend Mischengeln ist nicht zu verachten. Wenn ich es darauf anlegen würde, könnte ich mit Superman den Boden aufwischen. Ich war richtig mächtig.

Zu meinem Leidwesen hatten diese halb phänomenalen, fast kosmischen Kräfte auch einen Haken.

Ich hatte die Superkräfte nicht immer. Um sie zu aktivieren, musste ich das Tor, hinter denen sich meine eintausend Freunde verbargen, ein Spalt breit öffnen. Je mehr Saft ich brauchte, desto weiter öffnete sich der Spalt und je länger ich sie benutzte, desto kräftiger drückten sie von der anderen Seite dagegen.

Kassandra hatte sich zum Glück als hervorragende Lehrerin erwiesen und lehrte mich unermüdlich, mit meinen neuen Kräften umzugehen.

Sie war mein Sensei in Form eines optisch zwölfjährigen Mädchens. Leider verhielt sie sich dabei genauso kryptisch wie Mister Miyagi und ließ mich metaphorisch gesprochen den Boden schleifen, auftragen und polieren.

Darüber hinaus war der Umstand, dass sich unsere Trainingseinheiten nur in meinem Kopf abspielen, sehr verstörend.

Aber ich konnte die Engel verstehen.

Wenn ich das letzte ausgebildete Auge hätte, das den Äther am Laufen hält, würde ich auch keinen Besucher in den Serverraum führen, vor allem nicht mich.

Zumal sich Kassandra wohl schon nicht mehr in Hannover aufhielt, sondern an einem mir unbekannten Ort.

So kam es dann leider auch, dass sie mir nach unserer letzten Sitzung eröffnete, dass sie mich nicht weiter anleiten können würde, da der Wiederaufbau des Äthers und die Ausbildung der neuen Augen von nun an alle ihre Kraft und Zeit in Anspruch nehmen würde.

Zwar fand ich es beruhigend zu wissen, dass der Himmel bereits neue Augen gefunden hatte, dennoch fragte ich mich nun, wer meine dringend benötigte Ausbildung weiterführen würde.

Kassandra versicherte mir, dass sie da schon Jemanden gefunden hätte, dem ich vertrauen könne und der dieser Aufgabe gewachsen war.

Diese Person würde sich bei mir melden und ich sollte mich in Geduld üben. Das war das Letzte, was ich seitdem von dem Auge gehört hatte.

Bisher hatte sich kein neuer Lehrmeister bei mir gemeldet. Dafür gab es Neuigkeiten aus der Hannover Provinz der Engel.

Nachdem mich Hariel bisher vertröstet hatte, lud sie mich vollkommen zu meiner Überraschung selbst zum Kaffee trinken am darauffolgenden Tag ein.

Ich war sehr gespannt, was sie mir an Neuigkeiten zu berichten hätte.

Kapitel 2 Neue Machtverhältnisse

"Meinen Boss umlegen? Darf ich den amerikanischen Traum wahr machen?" – Homer Simpson

Vor der Festung, Hannover-Südstadt

»Ich bin durchaus überrascht«, gab Hariel zu. »Ich hätte nicht mit Kaffee und Kuchen gerechnet.«

Ich winkte freundlich ab. »Wenn ich schon einmal so hohen Besuch in meiner bescheidenen Hütte habe, dann kann ich auch etwas mehr auffahren. Außerdem ist die Backstube um die Ecke.« Ich präsentierte ihr den Keller mit den diversen Kuchenstücken wie den heiligen Gral. »Was darf es denn sein?«

Hariel fischte sich ein Stück Apfelkuchen auf ihren Teller. Eine exzellente Wahl. Hätte ich auch getroffen, wenn es noch ein zweites Stück gegeben hätte. So aber begnügte ich mich mit einem Stück Käse-Sahne, was aber nicht viel schlechter war.

Wir hatten uns aufgrund des für diese Jahreszeit eigentlich ungewöhnlich sonnigen Wetter dazu entschieden, vor meiner Wohnung im Innenhof Platz zu nehmen. Durch den Kuchen und den frisch gebrühten Kaffee kam beinahe eine angenehme Atmosphäre auf. Wenn man die äußeren Umstände mal nicht betrachtete. Hariel nippte vorsichtig an ihrer Tasse und schenkte mir ein anerkennendes Nicken. »Du machst einen hervorragenden Kaffee.«

Ich legte den Kopf schief. »Irgendetwas musste ich ja bei meinem Bürojob gelernt haben. Auch wenn es nur das und schnelles Kopieren und Verteilen ist.«

Hariel führte gerade ihre Gabel zum Mund. Auch der Kuchen schien ihr durchaus zu behagen. »Vermisst du dein altes Leben?«, fragte sie gerade heraus.

Ich ließ mir mit der Antwort Zeit, indem ich ebenfalls erst ein Stück Kuchen aß. »Einige Aspekte waren durchaus leichter.

Andererseits auch viel öder. Wenn ich nicht wüsste, wie die Welt sich richtig dreht, dann vielleicht. So aber, um ganz ehrlich zu sein, finde ich es viel spannender. Aber wenn du mich fragen würdest, ob ich all das wieder hergeben würde, damit uns die letzten Monate und deren Opfer erspart geblieben würden, müsste ich mit Ja antworten.«

Hariel nickte bedächtig. Sie hatte ihren Stil seit unserer letzten Begegnung geändert. Ihre Bob Frisur war einem am Hinterkopf zusammengehaltenen Haarknoten gewichen. Die platinblonden Haare lagen nun streng am Kopf an, und waren von dunklen Strähnen durchzogen. Sie hatte das ehemals weiße Brillengestell gegen ein schwarzes getauscht. Auf den ansonsten bei Celes obligatorisch scheinenden Ledermantel hatte sie ebenfalls verzichtet und trug ein Geschäftskostüm in anthrazit. Sie sah eher wie eine Managerin aus der oberen Chef Etage aus. Aber das war sie ja mittlerweile auch. Womit ich bei diesem Gedanken auch zu meiner ersten Frage kam. Immerhin hatten wir jetzt genug Smalltalk betrieben. »Erzähl mal Hariel, hast du dich schon an deinen neuen Posten gewöhnt? Ich nehme doch stark an, dass sie dich zum Nachfolger von Raguel gemacht haben?«

Bei der Erwähnung seines Namens zuckte ihr Auge kurz. »Ich bin interimsweise Prätor. Da wir momentan viel aufzuarbeiten haben, wurde über die endgültige Nachfolge noch nicht entschieden. Darüber mache ich mir auch keine Gedanken, dafür gibt es viel zu viel zu tun. Das Chaos, in das uns der Verrat Azraels gestürzt hat, ist noch nicht einmal in Gänze abzusehen.

Deswegen haben wir auch bald ungebetenen Besuch im Haus.«

Ich wurde hellhörig. »Was denn für Besuch?«

Die Inquisition hat sich angekündigt. Sie möchte die Vorfälle in Hannover vor Ort untersuchen. Zeugenbefragungen, Videomaterial durchsuchen, das Übliche halt.«

Mir wurde unwohl bei dem Gedanken.

»Und du bist sicher, dass sie keine Verbindung zu mir finden werden?«

»Todsicher. Neben Kassandra hat auch Valentin dafür gesorgt, dass deine Beteiligung vollends aus allen Medien und Datenbänken gelöscht wurde. Und ich vertraue ihm. Raguel selbst hatte ihn angeworben für diese Aufgabe. Die Inquisition wird meiner Meinung nach auch einen anderen Fokus haben. Sie versuchen herauszufinden, wie es passieren konnte, dass ihre eigenen Leute Teil einer solchen Verschwörung werden konnten.

Immerhin reden wir hier von der Inquisition. Verrat und Korruption sind an sich schon unüblich unter den Engeln. Und dann kam ein Großteil der Verschwörer gerade aus der Abteilung, die einen solchen Frevel im Vorfeld hätte aufdecken müssen? Der Imageverlust für die Inquisition bedeutet auch einen enormen Vertrauensverlust der Engel untereinander.

Daher dürften sie sehr daran interessiert sein, auch den letzten Mitverschwörer zu finden.«

Mir kam ein Gedanke dazu. »Die Inquisitoren sind also sowas wie innere Abteilung Gottes. Interne Ermittler. Gehört mein Traumfreund Adam dann auch zu ihnen? Das würde ja Sinn ergeben, gerade weil er anscheinend über viel internes Wissen verfügt?«

Hariel schüttelte den Kopf. »Diesen Gedanken hatte ich bereits und habe das unauffällig prüfen lassen. Aber ein Engel dieses Namens ist nirgendwo vermerkt. Auch nicht als Deckname.

Diese Spur führt also ins Leere.«

Ich nickte leicht enttäuscht. »Wie läuft es eigentlich an der Netzwerkfront? Wie geht es mit dem Aufbau des Äthers voran?«

»Überraschend gut. Es wurden bereits potenzielle Augen gefunden. Nach ihrer Ausbildung dürfte es nicht lange dauern, bis wir den Äther wieder nutzen können. Das wird unsere Aufräumarbeiten vereinfachen. Momentan sind wir auf die technisch limitierten Möglichkeiten der Menschen angewiesen.

Und ich hasse es, E-Mails zu schreiben und an Skype Konferenzen teilzunehmen.«, fügte sie mit einem leichten Lächeln hinzu, bevor sie fortfuhr.

»Von Kassandra kann ich dir wenig Neues berichten, da sie vollends mit ihrer Aufgabe als Mentor der neuen Oculi betraut ist. Ich weiß nicht einmal, wo genau sie sich aufhält.«

Ich schlürfte meinen Kaffee und versuchte möglichst unverdächtig dabei auszusehen. Immerhin wusste sie nicht, dass zumindest ich immer noch regelmäßigen, geistigen Kontakt mit dem Auge hatte. Kassandra bestand darauf, dass das unter uns blieb. Ob diese Geheimhaltung auch für Hariel galt, wusste ich jetzt nicht. Ich würde Kassie bei unserem nächsten Treffen dazu fragen. Hariel plauderte derweil weiter. »Anixiel hingegen ist wieder in unserer Provinz. Ich habe ihm meine alte Position als Protektor angeboten und er hat sie angenommen.«

Ich war leicht überrascht. »Er ist also jetzt dein Stellvertreter? War er nicht eigentlich der Wächter Kassandras?«

Hariel nahm einen Schluck Kaffee. »Offenbar wurde er dieses Amtes enthoben. Oder besser gesagt, wurden andere Engel höheren Ranges mit dieser Aufgabe betraut.«

»Das dürfte ihm aber nicht gefallen haben.«

Hariel ließ ihre Tasse sinken. »Ich glaube nicht, dass es ihn sonderlich gestört hat. Oder dass ihn überhaupt irgendetwas emotional berühren könnte.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Wie meinst du das?«

»Du weißt, dass die Seele des Engels Anixiel auf die Zwillingsbrüder Castor und Pollux aufgeteilt war. Dadurch funktionierten die Zwei wie eine Einheit. Durch den Tod Pollux aber scheint es, dass Castor, der sich nun nur noch Anixiel nennen lässt, aber einen großen Teil dieser Einheit verloren hat.

Man hatte vermutet, dass falls einer der beiden sterben sollte, der restliche Teil der Seele Anixiels auf den überlebenden Bruder übergehen würde. Doch dem ist nicht so. Anixiel ist nur noch ein halbes Wesen. Er ist gefangen in dieser Existenz, ohne einen Ausweg zu haben.«

Ich zog ein bedauerndes Gesicht. Hariel brauchte das Dilemma nicht weiter ausführen. Anixiel war im Terminator Modus. Kopf und Körper funktionierten noch erstklassig, aber im Herzen waren wohl die Untermieter ausgezogen. Er war zwar lebendig, lebte aber nicht mehr. Ich konnte mir vorstellen, dass Anixiel mit diesem Paradoxon todunglücklich war, beziehungsweise wäre, wenn er noch Gefühle gehabt hätte. Hinzu kam, dass hier wieder Gottes Knebelvertrag griff, denn Selbstmord ist eine Todsünde.

Und damit würde Castors Teil der Seele Anixiels zur Hölle fahren und damit für immer von seinem Bruder getrennt sein.

Zumindest erklärte ich es mir so. Das Konzept, was mit Celes nach ihrem irdischen Ableben passierte, hatte ich noch nicht so ganz kapiert. So blieb ihm nur die Option, auf eine gefährliche und wahrscheinlich saudämliche Art umzukommen. Aber bring mal einen Engel um. Das ist gar nicht so leicht. Ich wusste, wovon ich redete, ich hatte es mehrfach probiert. Da ich aber eine Fachfrau zum Kaffeeklatsch geladen hatte, konnte ich mein Unwissen gleich abstellen. »Hariel, vielleicht ist die Frage zu persönlich oder entbehrt einer gewissen Pietät, aber was passiert mit den Celes, wenn sie auf Erden sterben?«

Hariel schob sich mit einer beiläufigen Geste ihre Brille zurecht.

»Entweder sie gehen ins Jenseits oder in den Seelenstrom, um wiedergeboren zu werden. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu erzählen.«

»Was ist das Jenseits? Ich dachte, das wären der Himmel und die Hölle.«

Jetzt sah Hariel mich mit einem bedauernden Lächeln an. »Mein lieber Nate. Der Himmel und die Hölle sind nur den Caelestis vorbehalten. Es gibt für die Menschen solche Orte nicht. Himmel und Hölle sind eigene Welten, die neben deiner existieren. Stell sie dir wie konstante Zonen, oder meinetwegen auch Parallelwelten vor. Unsere Festungen zum Beispiel liegen nicht in deiner Welt, sondern im Himmel. Es gibt hier lediglich Übergänge. Das ist auch der Grund, warum ich dich bisher nicht zu Nora lassen konnte. Ich habe noch keinen Weg gefunden, wie ich dich ungesehen zwischen den Grenzen der Welt in den Himmel holen könnte, ohne dass alle Alarmglocken angehen würden.«

Mein Magen zog sich bei den Worten zusammen. Das wäre meine nächste Frage gewesen, doch erstickte die Hoffnung, Nora bald wiederzusehen, bereits im Keim. So war das also. Ich hatte mich bereits gefragt, wie sowohl Himmel als auch Hölle unterhalb Hannovers derartige Komplexe anlegen konnten, ohne dass der eine oder andere Mensch aus Versehen hineinstolpern würde. »Himmel und Hölle sind also andere Welten und auf der Erde gibt es lediglich versteckte Übergänge?«

Hariel nickte bestätigend. »Deswegen werden sie so von Raphaels Musen vermarktet. Als etwas, das es zu erstreben oder zu fürchten gilt. Es gibt für Menschen nur zwei Wege, auf normalen Wegen in den Himmel oder die Hölle zu kommen.

Entweder man wird wiedergeboren, oder man schließt einen Pakt mit einem Dämon. Für alle anderen bleibt nur, ein Teil des Seelenstromes zu werden. Sie wurden aus ihm geboren und werden wieder ein Teil davon.«

»Und was ist mit der Möglichkeit der Wiedergeburt? Ich meine, es gibt ja so etwas wie Déjà-vus?«

Hariels Blick wurde noch etwas mitleidiger. »Die Wiedergeburt ist auch nur für Caelestis möglich. Was du als Déjà-vus bezeichnest, sind lediglich Echos vergangener Seelen. Menschen sind nicht in der Lage, mit ihren alten Erinnerungen oder Emotionen wieder neu aufzustehen. Das sah Gottes Plan nie vor.«

Ich starrte angestrengt auf mein Kuchenstück. »Was wird dann aus den Menschen? Aus ihrem Charakter? Ihren Erfahrungen? Oder Ihrem ach so kostbaren Glauben? Das wird alles verloren?«

Ich spürte Hariels Hand, die meine kurz drückte. »Ich weiß, wie trostlos das klingen muss. Deswegen wissen die Menschen ja auch nicht, was nach ihrem Tod geschieht. Daher gibt es die Geschichten über Auferstehung oder die Religion. Die Menschen sollen glauben. Sie sollen hoffen. Sie sollen ein erfülltes Leben führen, ohne sich allzu viel mit dessen Ende zu beschäftigen.

Mehr Trost können wir ihnen nicht bieten. Sie werden wieder eins mit dem Strom. Und danach wird ihr Ego Teil des großen Ganzen. Ein Teil von ihnen wird in ihren Kindern wiedergeboren. Darin liegt der Sinn des menschlichen Wesens.

Einen Teil von sich weiterzugeben. Es ist nicht die Unsterblichkeit im klassischen Sinn, aber solange es immer Jemanden nach dir gibt, der deinen Namen oder deine Erinnerung in sich trägt, vergeht deine Seele nie ganz.«

Ich kaute schwer an meinem Kuchen. »Na ja, ich war vor der ganzen Geschichte Atheist. Von daher habe ich jetzt nicht viel Hoffnung oder Glaube verloren.«

»In deinem Fall ist es noch schlimmer«, merkte Hariel an. »Du glaubst es nicht. Du weißt es.«

Danach schwiegen wir für eine unbestimmte Zeit. Unbehaglich beendeten wir stumm unser Essen. Ich stand auf, um den Kaffee nachzufüllen, als ich hörte, wie das Tor vom Vorderhof aufging und sich wieder schloss. Duke kam über den Hof geschlendert, grüßte freundlich und blieb mit höchst interessiertem Gesicht vor dem Kuchenteller stehen. Hariel selbst beachtete er nicht mehr, als es die Höflichkeit verlangte. Ihm ging es wie vielen Metas, er mochte Celes einfach nicht. Und das aus nicht gerade unverständlichen Gründen, wenn man sich ihre gemeinsame Vergangenheit ansah. Aber gingen Metas genauso wie die Menschen in den sogenannten Seelenstrom ein und waren dann weg? Ihre Art war näher mit den Menschen verwandt als mit den Caelestis. Duke schenkte mir ein hoffnungsvolles Lächeln und ließ dabei den Teller nicht aus den Augen. Ich seufzte gespielt theatralisch. »Hariel, möchtest du noch ein Stück?«

Sie winkte freundlich ab. Bevor ich etwas sagen konnte, fischte sich der Werwolf bereits den kompletten Teller vom Tisch, nickte mir und Hariel freundlich zu und verschwand fröhlich pfeifend in seinem Zimmer im ersten Stock. Hariel und ich sahen uns kurz stumm an, dann mussten wir beide lachen.

»Dein neuer Mitbewohner?«, erkundigte sie sich.

»Seit Neuestem. Ulfs Idee. Ich finde es gut. Er bringt Leben in die Bude, seitdem Andy nun auch am Wochenende nicht mehr da ist. Außerdem muss ich ihm nichts vorspielen. Das macht es deutlich einfacher.«

Durch Dukes kurzes Intermezzo war die gespannte Stimmung verflogen und wir widmeten uns wieder dem Kaffee in der Nachmittagssonne.

»Sag mal Hariel, was ist eigentlich aus den übrigen Todesengeln geworden? Oder hatten wir alle erwischt?«

»Es haben einige überlebt. Die werden irgendwo gefangen gehalten und verhört. Bis auf einen, der vor dem letzten Kampf die Seiten gewechselt hat.«

Ich nippte an dem heißen Getränk. »Israfil.«

Hariel nickte bestätigend. »Soweit ich erfahren habe, war seine Unkenntnis nicht gespielt. Er ist Azraels Worten tatsächlich auf den Leim gegangen. Wer weiß, wie viele der anderen Zwölf ebenfalls Opfer dieser Scharade geworden sind? Es ist wahrlich eine Schande. Ich hoffe zumindest, dass er weitere Verschwörer benennen kann, aber dazu weiß ich nichts. Er ist als Träger Mjölnirs in die nächstgrößere Bastion nach Berlin beordert worden, wo das Artefakt von seiner Seele gelöst werden soll.«

»Wie funktioniert das überhaupt? Ich habe ja mittlerweile kapiert, dass ihr Engel alle so etwas wie eine Seelenwaffe habt, die ihr nach Lust und Laune beschwören könnt. Aber wie geht das? Und warum hat er den Hammer eines nordischen Gottes?«

Hariel stellte ihre Tasse ab und vollführte eine elegante Drehung mit ihrer linken Hand. Augenblicklich begleitet von einem surrenden Geräusch und einem blassen Licht, erschien in ihrer Hand ein silberner Kurzbogen. »Unsere Telum oder wie du sie auch nennst, Seelenwaffen, sind eine Manifestation unseres Kampfeswillens. Wir sind als Engel immerhin nicht nur Diener, sondern auch Krieger Gottes. Wobei die Erzengel ausnahmslos mit Schwertern Gottes Reich verteidigten, kommt es bei uns Wiedergeborenen vor, dass sich unsere Telum an den Wünschen, Vorlieben und Lebzeiten unserer menschlichen Körper orientieren.«

»Dann war dein menschlicher Körper ein Fan von Robin Hood?«, hakte ich nach. Nebenbei mochte ich den Begriff »Körper« genauso gerne wie »Gefäß«. Hätte sie jetzt Partner oder so etwas gesagt, würde es mich nicht so sauer aufstoßen.

Aber es erinnerte mich wieder an das Schicksal, dass den meisten bedauernswerten Menschen widerfuhr, wenn sie Teil einer Reinkarnation wurden.

Hariels Stirn kräuselte sich und die Energiewaffe verschwand wieder. »Darüber denke ich nicht gerne nach, Nate.«

»Okay, lassen wir das Thema. Wieso hatte dann Israfil den verfluchten Hammer Thors? War sein menschlicher Körper ein großer Marvel Fan oder vielleicht ein göttlich begabter Schmied?«

Hariel verdrehte aufgrund dieser Metapher kurz die Augen.

»Es gab eine Zeit, lange vor unserer, als diese alten Götter existierten. Und auch sie hatten mächtige Seelenwaffen. Nachdem die alten Götter verschwunden waren, blieben diese mächtigen Artefakte in dieser Welt zurück. Daher verwahren wir sie in den Bastionen. Sie sind uralt und gespeist mit dem Glauben tausender Menschen. Zu mächtig für einen einzelnen Engel. Ohne Kaliels Magie, die Israfil und auch Rumiel an die Artefakte durch ihre Seelen verbunden hat, wären auch sie nicht in der Lage gewesen, diese Waffen erfolgreich zu führen. Die Nebenwirkung dieses Bunds haben wir ja bereits bei Israfil zu sehen bekommen. Sie sterben, wenn sie ohne das Artefakt sind. Von daher bin ich immer noch zutiefst von dir beeindruckt. Als du damals Mjölnir deinem Willen unterworfen hattest, das war so wie ein Wunder.«

Ein Wunder, das mich fast gegrillt hätte, erinnerte ich mich an den Kampf in Ulfs Versteck.

»Also wird Israfil gerade von Kaliels Spruch erlöst und Mjölnir sicher in Berlin verwahrt. Was ist denn aus der Donnerrute von Rumiel geworden?«

»Du meinst Gungnir? Der Odinspeer?«

Ich fand es immer noch völlig abgefahren, dass es sich bei den Artefakten wirklich um die Leibwaffen zweier der bekanntesten und wichtigsten Götter der nordischen Sagenwelt handeln sollte und nickte nur. Ich hatte sie dazu benutzt, um Azrael seine letzte Ruhe zu gewähren, sie aber anschließend in der Obhut der Engel zurückgelassen, nachdem ich schnell Fersengeld vorm Tatort geben musste.

»Der ruht immer noch sicher verwahrt in unserer Provinz und unterliegt damit meiner Verantwortung. Wieder eine dieser nicht geklärten Fragen, die sich aus dem Chaos ergeben haben. Wohin damit? Ich bin ehrlich froh, wenn das Telum wieder sicher in einer Bastion ist. Meine Provinz ist so schon durch die jüngsten Verluste total unterbesetzt. Selbst in besseren Zeiten würde ich so ein machtvolles Objekt nicht in meiner Obhut haben wollen.

Nicht mit der Personalstärke einer Provinz. Ich hoffe ja, dass die Inquisitoren sich dessen auch gleich annehmen werden. Dann hat ihr Erscheinen wenigstens auch was Gutes.«

Wir tranken nun unseren Kaffee aus und Hariel verabschiedete sich von mir. Sobald die Untersuchung vorbei war, dürfte ich zu Nora, versprach sie mir. Ich dankte ihr dafür und brachte sie zum Tor. Dort überraschte sie mich mit einer menschlichen Geste, indem sie mich in den Arm nahm. Anschließend schlenderte ich gedankenverloren zurück und wollte gerade die Reste vom Kaffeetrinken aufräumen, als mein Blick auf einen schwarzen Umschlag fiel, der vorher noch nicht auf dem Tisch lag.

Stirnrunzelnd öffnete ich den Umschlag.

Eine simple, schwarze Karte war darin. Ich las den Text in roter Schrift. »Der neue Höllenfürst Hannovers lädt zu seiner Krönung.« Dann ein Datum und die Adresse der Party.

Das Datum war diesen Samstag und der Veranstaltungsort war mir bekannt, auch wenn ich persönlich noch auf keiner dieser Partys war.

Ich rief zu Duke hinauf, der einige Sekunden später antwortete.

»Was ist los, Mann? Hast du noch Kuchen?« Ich schüttelte lachend den Kopf und wedelte mit der Einladungskarte. »Warst du schon einmal auf einer Dark Tower Party?«

Wasserturm, Vahrenwalder Straße, Hannover-Vahrenwald »If I could change your mind, I wouldn't save you from the path you wander«, dröhnte es zu elektronischen Beats der Band VNV Nation aus den Lautsprechern. Ich schmunzelte bei der Textzeile.

Denn Duke hatte alles versucht, um mich von der Teilnahme an dieser Party abzubringen. Er hatte mich wiederholt darauf hingewiesen, dass die Einladung nicht einfach aus bloßem Zufall bei mir gelandet ist. Jemand wollte, dass ich dort auftauchte. Und genau das war das Problem daran. Ich wollte wissen, wer.

Außerdem war ich neugierig auf diesen sogenannten neuen Höllenfürsten. Duke hatte ein wenig Recherche betrieben.

Normalerweise war die Dark Tower Party eine Party für die Fans von Gothic- und Industrial Musik, die regelmäßig im Wasserturm in Hannover stattfand, eigentlich nur Dämonen und Menschen vorbehalten. Doch zu seiner Krönung hatte El Marchitos Nachfolger diese Regel außer Kraft gesetzt. Auch Metas waren auf dieser Feier willkommen. Wahrscheinlich wollte der neue Sheriff allen zeigen, wer nun das Gesetz in Tombstone City Hannover war. Ich jedenfalls war mehr als gespannt, den neuen Oberdämon zu sehen. Kurz wunderte ich mich über meine eigene Courage. Vielleicht waren es meine Nephilimkräfte, die mich entgegen meiner ansonsten eher vorsichtigen Natur handeln ließen. Andere mochten das vielleicht als sorglos bezeichnen, aber hey, ich hatte das Richtschwert Gottes KO gehauen. Was sollte mir da ein lokaler Dämonenführer anhaben können, falls es überhaupt zu so einer Situation kommen würde? Duke war damit nicht zu überzeugen gewesen und bat zumindest darum, Ulf zu informieren, doch war ich dagegen.

Ein Kindermädchen reichte mir schon. Schlussendlich hatte der Meta schwer seufzend aufgegeben. Allerdings bestand der darauf, dass wir getrennt auf die Party gehen würden. So konnte er sich unter die anderen Metas mischen, vielleicht etwas Neues erfahren und mich unauffällig im Auge behalten.

Ich gestand ihm diese Rolle als meinen Hütehund zu, auch wenn er diesen Vergleich als nicht lustig und »krass rassistisch« abtat.

Persönlich war ich noch nie auf einer dieser Partys oder an diesem Ort gewesen. Ich war kein Angehöriger der Dark Nation, oder wie man sie spöttisch nannte, die Fledermäuse. Aber ich hatte anscheinend einiges verpasst.

Als ich die letzten Stufen vor dem Eingang des Wasserturms erklommen hatte und durch den im Verhältnis zum Gebäude schmalen Eingang getreten war, wusste ich nicht, was mich zuerst überraschte. Die Innenarchitektur des Turmes, der durch eine innere, stählerne Wendeltreppe Zugang zu zwei verschiedenen Party Ebenen ermöglichte, oder das bunte Volk an Partygästen. Wobei bunt wirklich das falsche Wort war.

Dennoch hatten sich alle Gäste ausnahmslos an das Motto des Abends gehalten. Ich sah Frauen und Männer in Kostümen aus der Zeit des Barock, schwarze Lack- und Lederkleidung, dunkle Schminke, weiße Haut, eng geschnürte Korsagen, lange schwarze Mäntel und auch sonst jede Art von Erscheinung, die man aus Filmen wie The Crow oder Queen of Damned kannte.

Die Menschenkinder der Nacht. Mitten unter den wahren Kreaturen der Unterwelt.

An der Tür wurde ich kurz von einem Typen gestoppt, welcher der Trainingspartner von Damian hätte sein können, doch ein Blick auf meine Einladungskarte genügte.

Natürlich hatte ich mich für den Anlass entsprechend gekleidet.

Schwarze Jeans, ein Hemd in der gleichen Farbe, dass ich zugegebener Weise hätte vorher noch einmal bügeln können, eine ebenfalls schwarze Lederjacke mit Kapuze. Nur bei Schuhen hatte mein Repertoire versagt, sodass ich zu meinem dunkelsten Paar Chucks greifen musste. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass mich doch Jemand erkennen sollte, hatte ich mir eine schwarze Mütze aufgesetzt und tief ins Gesicht gezogen. Die perfekte Tarnkappe laut Hollywood. Ich entschied mich nach kurzem Überlegen dazu, in die Katakomben hinabzusteigen. Dort erwartete mich eine langläufige Halle, die sich zur Rechten in einen hinteren Bereich verlor, aus dem rötliches Licht drang. Davor tanzten die schwarzen Gestalten unter den flackernden Diskolichtern vor den mächtigen Boxen einer DJ-Anlage. Dahinter stand ein glatzköpfiger Typ und war voll in seinem Element. Die Tanzfläche maß knapp fünfzig Meter im Durchmesser und war gut gefüllt. Der Sound war erstklassig.

Das musste ich ihnen lassen. Auch von der Location war die Party erstklassig. Ich trat zunächst an die Theke, die sich direkt vor mir auftat. Ich bestellte ein Bier und blickte mich um. Ich hatte keine Chance, allein vom Aussehen darauf zu schließen, wer ein Mensch und wer ein Celes oder ein Meta war.

Da hatte es Blade seinerzeit deutlich einfacher, aber ich bezweifelte, dass sie auf meinem Wunsch hin Blut von der Decke regnen lassen würden.

Ich tippte allerdings darauf, dass die meisten hochgewachsenen, breitschultrigen Kaliber mit der ernsten Feiermiene einer Beerdigung eher zur Entourage des neuen Fürsten gehörten. Wo war dieser überhaupt? Ich fasste mir ein Herz und durchforstete den Laden ein wenig.

Nach einigen Minuten stand ich nun in dem Bereich, der mir vorhin durch sein Rotlicht aufgefallen war. Dennoch war es nichts Verruchtes, sondern eher Verrauchtes, denn hier war lediglich der Raucherbereich. An diversen Stehtischen oder auf Polstermöbeln saßen verschiedene Grüppchen und unterhielten sich. Die Lautstärke war hier auch nicht so drückend wie im vorderen Bereich, sodass Gespräche ohne weitere Probleme möglich waren. Zwischen den Gästen und wahrscheinlich zu deren optischer Erbauung liefen leicht bekleidete Jungs und Mädels in sexy Kleidung herum und kümmerten sich um das leibliche Wohl.

Aber auch hier konnte ich niemanden erkennen, den ich unbedingt als fürstlicher als das restliche Publikum ansehen würde. Da mir der Rauch bereits im Hals zu kratzen begann, suchte ich nach den örtlichen Sanitäranlagen. Die Suche entpuppte sich schnell als erfolgreich und ich sah mich einer Reihe von Pissoirs gegenüber, die in einem leichten Oval, wahrscheinlich der Bauweise des Turmes angepasst, in Reih und Glied und bemerkenswert sauber vor mir aufgereiht waren. Eine Macke von mir war, dass ich nach Möglichkeit nie das Erste oder Letzte aufsuchte, sondern mich so positionierte, dass sich niemand direkt neben mich stellen konnte. Dennoch hätte ich mich bei meinem kleinen Geschäft beinahe selbst angepinkelt, als auf einmal ein Schatten von hinten über mich fiel, eine Pranke auf meine Schulter legte und eine bedrohliche Stimme in einem dumpfen Basston grollte. »Komm endlich zum Ende.«

Ich atmete auf den Schreck tief durch, beendete mein Geschäft, stellte meine Kleiderordnung wieder her und drehte mich um.

»Das war nicht nett, du Arschloch!«, begrüßte ich Damian, der mir ein kurzes Lächeln schenkte. Oder eher sich selbst, da ihm der derbe Witz auf meine Kosten durchaus gelungen war. Ich war beinahe beeindruckt, dass der Dämon sogar die gleiche Wortwahl benutzt hatte, wie bei unserem ersten Aufeinandertreffen auf einer Toilette.

Danach hatten sich die Ereignisse und diverse Autos überschlagen. Damals hatte ich eine Scheiß Angst vor ihm gehabt. Mittlerweile machte er mich höchstens ab und an nervös.

Aber meistens auch nur dann, wenn er versuchte, freundlich zu lächeln. Und das sage ich als mittlerweile allmächtiger Super-Engel.

Damians kurzer Anflug von Humor verschwand Augenblick wieder. »Was machst du hier? Du solltest dich doch aus allem raushalten. Wieso kommst du hierher? Hast du keine Ahnung, was hier vorgeht?«

»Die Krönungsfeier von El Marchitos Nachfolger?«, schlug ich vor. Damians buschige Augenbrauen schossen in die Höhe. »Du weißt davon? Und du bist trotzdem hier? Bist du wahnsinnig?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich wurde eingeladen.«

Dabei zog ich die Einladung aus dem Mantel.

Damians Blick blieb auf der Karte förmlich kleben. »Das ist gar nicht gut. Du musst sofort von hier verschwinden.«

Ohne zu zögern, packte er mich an meinem Mantel und zog mich mühelos Richtung Tür. JETZT war es wirklich wieder genauso wie bei unserem ersten Treffen. Nur, dass dieses Mal nicht die Klofrau in der Tür stand. Allerdings war die Person, die dort jetzt auf uns wartete, vom gleichen Geschlecht und Größe.

Ich schluckte überrascht. »Hi, Ash«, grüßte ich die Ignis, die ich nicht unbedingt als meinen Fan bezeichnen würde. Die junge Frau trug zwar ebenfalls wie schwarze Kleidung, hatte allerdings eine eher sportliche Variante aus T-Shirt und Jeans gewählt. Ihr blondes Haar war von giftgrünen Strähnen durchzogen. Das gleiche Grün schien nun in ihren Augen aufzuflammen.

»Ich wusste doch, ich kenne dich. Woher kenne ich ihn, Damian?« Der Riese starrte Hilfe suchend zwischen mir und ihr hin und her und ich hätte mich selbst ohrfeigen können.

Kassandra hatte die Erinnerung an mich bei den meisten Beteiligten gelöscht.

Dennoch dachte ich, dass Ash beim Angriff der Zwölf draufgegangen war. Ich war einfach zu perplex gewesen, um rechtzeitig zu schalten.

Aber anscheinend schien Kassandra bei ihr geschlampt zu haben, denn ich konnte ihre Abneigung gegen mich beinahe fühlen. Und die kam nicht von ungefähr. Immerhin hatte ich sie vor nicht allzu langer Zeit im Haus meiner Eltern durch ein geschlossenes Fenster geschleudert.

Auch, wenn ich das nicht mit Absicht getan hatte. Anscheinend war sie von der nachtragenden Sorte. Und nicht gerade von der Geduldigen.

»Damian?«, fragte sie nun mit der drohenden Betonung einer gespannten Bärenfalle.

Der Terra-Dämon erwies sich als genauso wortgewandt und gewitzt, wie ich befürchtet hatte.

»Ein Gast«, druckste er hervor.

Täuschte ich mich oder hatte der Dicke Angst vor dem laufenden Meter? Damian schien eine geistige Epiphanie zu erleben, als sich sein Gesicht erhellte und er hinzufügte. »Mein Cousin.«

Sowohl Ash als auch ich warfen ihm einen ungläubigen Blick zu, doch konnte ich ein spontanes »Was?« gerade noch zurückhalten. Seine Hand krachte förmlich auf meine Schulter, als er wie zur Bestätigung unseres innigen Verwandtschaftsverhältnisses seinen riesigen Arm um mich legte und drückte.

»Mein Cousin. Gary.«

Ich nickte langsam und fügte mich. War immer noch ein besserer Name als Spongebob. Ash schien von der bloßen Vorstellung, wir könnten verwandt sein, vollkommen überrumpelt worden zu sein. »Dann ist er auch einer von uns?«

Damian nickte derart heftig mit dem Kopf, dass ich Angst bekam, er würde ihm abfallen. »Genau. Er ist zu Besuch hier. Und da habe ich ihm natürlich von unseren wichtigsten Leuten erzählt.

Seren, den Neuen und natürlich auch von dir. Daher wusste er deinen Namen.«

Ich war jetzt schon ein bisschen stolz auf Damian. Das war gar keine schlechte Lüge gewesen. Ash runzelte die Stirn, schloss kurz die Augen und schien sich zu konzentrieren. Dann öffnete sie erneut die Augen und zog die Stirn in Falten. »Wieso spüre ich ihn dann nicht?«

Damian sah mich erneut mit flehendem Blick an. Er war vielleicht in der Lage, ein Auto hundert Meter weit zu werfen, aber auf dem verbalen Schlachtfeld war er vollkommen unterlegen.

Ich seufzte. »Wahrscheinlich möchte das unser neuer Fürst nicht.

Immerhin sind auch viele Metas da. Vielleicht liegt ein magischer Bann über diesen Ort?« schoss ich einfach ins Blaue.

Ash verengte die Augen, schloss erneut die Augen und schüttelte dann den Kopf. »Wenn ich mich konzentriere, kann ich Damians Aura sehr wohl spüren.«

Ich zog eine Grimasse. Was sollte ich jetzt machen? »Dann versuch es doch noch einmal bei mir.«

Sie kräuselte die Stirn weiter, dann wiederholte sie ihr Experiment. Überrascht öffnete sie die Augen. »Jetzt spüre ich deine Aura. Auch ein Elementa.«

Damian schubste mich erleichtert vorwärts. »Sagte ich doch.«

Ich hob entschuldigend die Hände. »Sorry, dass es erst beim zweiten Mal funktioniert hat, ich bin nicht gerade der mächtigste Spross unseres Zweiges. Mein Vater schämt sich dafür auch ein bisschen.«

Dann waren wir auch schon aus der Tür hinaus und ließen den immer noch leicht verwirrten Ignis zurück.

»Wie hast du das gemacht?«, wagte Damian nach einer Weile zu flüstern. Ich gestattete mir ein Augenzwinkern. »Wächter der Nephilim. Ein oder zwei Tricks habe ich gelernt, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben.«

Ich meinte, in Damians Gesicht so etwas wie Ehrfurcht zu sehen.

Doch wir waren schon weiter die Treppen hinaufgegangen.

»Wenn wir schon dabei sind, über alte Zeiten zu quatschen.

Wieso lebst du eigentlich noch? Ich dachte, du wärest mit Jim, Grayson und den restlichen Reapern auf der A7 draufgegangen.«

Damian knirschte mit den Zähnen. »Das dachte ich auch. Wir hatten die erste Angriffswelle der Engel knapp überstanden. Sie hatten nicht nur Gungnir dabei, sondern waren uns auch zahlenmäßig überlegen. Den letzten Angriff führte Rumiel persönlich. Dann war Jim vorgetreten. Du hättest ihn sehen sollen. Er entschuldigte sich bei uns, denn er sah nur einen Weg, sie zu stoppen. Wir wussten, was er damit meinte und dass wir das nicht überleben würden. Grayson, der durch den vorherigen Angriff schwer verwundet worden war, lachte nur. »Heiz ihnen ordentlich ein, mein Junge. Für unsere toten Kameraden und unsere Freunde auf der Flucht. Grill den Bastard!«

Die restlichen Reaper, die noch standen, schlossen sich seinem Lachen an. Jim grinste ein letztes Mal. Dann entflammte er vollends. Er gab all das Feuer von sich, was seine Seele hergab.

Anschließend weiß ich nur noch, dass ich von einer weißen Welle aus Feuer umgeworfen wurde. Danach lange Zeit nichts.

Dann wachte ich auf und war wieder in Hannover. Ich konnte mir nicht erklären, wie das passiert war. Doch ich spürte, dass Seren mich brauchte. Also lief ich direkt zu ihr. Und danach haben wir uns am Steintor getroffen.«

Der Bericht über die letzten Momente der Reaper, ihren Mut und ihr Opfer versetzten mir einen Stoß in die Magengegend. Aber noch mehr, wie Jim alles gegeben hatte, um uns eine Chance zu geben, unsere Mission zu erfüllen.

Ich fühlte Trauer und ein wenig Schuld.

Während ich mich meiner Grübelei hingab, waren wir am Ausgang angekommen. »Apropos Seren. Wenn diese ganze Veranstaltung vorbei ist, würde ich mich freuen, wenn wir drei uns mal wiedersehen würden. Es gibt einige Sachen, die ich gerne besprechen möchte.«

Damian wollte darauf etwas antworten, doch wurden wir von einigen dunklen Gestalten unterbrochen, die sich vor dem Ausgang aufgebaut hatten.

Dabei fiel mir auf, dass die Türen geschlossen wurden und Han Solos berühmte Worte mir durch den Kopf schossen. »Ich habe ein ganz mieses Gefühl dabei.«

Einer der Gruppe wandte sich direkt an Damian. »Sutor, es wird Zeit. Alle werden unten erwartet. Unser Fürst wird zu uns sprechen.«

Ich konnte an seinem Gesicht sehen, dass das Damian gar nicht gefiel, doch er nickte lediglich und zog mich zurück.

»Ich kann auch allein gehen«, wandte ich ein.

Damian ließ daraufhin meine arg mitgenommene Jacke los und ich folgte dem breitschultrigen Dämon zurück in den Keller.

Der Anblick, der sich mir dort nun bot, erinnerte mich an einen bizarren Flash Mob. Ein Großteil der Anwesenden war trotz des treibenden Elektrobeats zur Salzsäule erstarrt.

Einige davon auch in den unvorteilhaftesten Posen, wie ich hinzufügen möchte. Die Kombination aus Verrenkungen im Tanz und knappen Kleidern …überlasse ich der Fantasie.

Diejenigen, die sich noch bewegen konnten, strömten nun langsam und andächtig in den Raucherbereich.

Damian und ich folgten ihnen. Der Dämon beugte sich zu mir herab. »Versuch hier nicht weiter aufzufallen. Ich muss zu den anderen nach vorne.«

Ich salutierte knapp. »Alles klar, mächtiger Sutor.«

Ich stellte mich hinter eine Gruppe von Leuten, dass ich zwar freien Blick auf das Geschehen vor mir hatte, selbst aber relativ im Dunkeln stand. Beim Umsehen entdeckte ich auch Duke. Er und einige vermutliche Wandler waren hinter meiner Gruppe und lehnten an der Wand. Offenbar waren Metas zwar zum Zusehen eingeladen worden, mussten aber dennoch von der zweiten Reihe aus teilnehmen.

Ich besah mir die Szenerie, die sich mir bot. Im Raucherbereich war Platz gemacht worden und nur ein einzelner Stuhl stand nun auf einer Tribüne, die von allen Seiten über vier Stufen zu erreichen war. Der Stuhl hätte vom Design locker dem eisernen Thron aus Game of Thrones Konkurrenz machen können. Er war ebenso dunkel und wuchtig, aber anstelle von eingeschmolzenen Klingen war er wohl aus schwarzem, auf Hochglanz polierten Holz angefertigt worden. Ich konnte Schnitzereien und Gravuren erkennen, doch leider war ich zu weit weg, um die Details genau auszumachen. Der Sitzbereich war mit schwarzem Stoff, ich vermutete Samt, ausgelegt worden. Neben dem Thron nahmen nun zwei der Security Dämonen Aufstellung. Hinter dem Stuhl exerzierte eine Reihe anderer Dämonen auf, die sich in Hab-Acht-Stellung als Reihe formierten. Dazu gehörten auch Damian und Ash. Ich fragte mich allerdings, wo Seren war. Immerhin war sie bisher ein relativ hohes Tier in Hannover gewesen.

Ein einzelner Gongschlag ließ das Gemurmel im Raum augenblicklich verstummen und alle starrten auf eine Tür hinter der Ehrengarde, durch die eine Gestalt schritt.

Ich kniff die Augen zusammen und musste schlucken, als sie feierlichen Schrittes ins Licht marschierte und sich zur Rechten des Thrones stellte. Seine Statur und Größe würde ich als durchschnittlich beschreiben. Viel mehr konnte ich von ihm allerdings nicht erkennen, denn er trug einen Ganzkörperanzug aus Latex, inklusive Arme und Hände. Sogar sein Gesicht war durch eine schwarze Maske komplett verhüllt. Lediglich Schlitze für die Augen waren gelassen worden. Darüber trug er einen ebenfalls schwarzen Ledermantel, der keine Ärmel hatte. Der Anzug weitete sich nach unten in eine Art Kombination aus Kilt und MC Hammer Ballonhose. Schwarze Ketten hingen von seiner Kleidung hinab und kreuzten auf sich auf seiner Brust und Rücken. Es klirrte, wenn er sich bewegte. Was mir aber am meisten auffiel, war, dass er eine abnorme Hitze abstrahlte und seine Augen in einem dunklen violett durch die Maske glühten.

Alles in allem ein gruseliger Kerl. Ich hatte beinahe erwartet, dass er schwer atmen würde wie Darth Vader, doch das blieb aus.

Er kreuzte die Hände vor seinen Lenden und wartete ab. Die feierliche Stimmung nahm zu, als der Gong erneut ertönte. Eine weibliche Gestalt betrat nun den Raum und ich hätte vor Schreck beinahe aufgeschrien, als ich sie erkannte. Seren.

Ihr Anblick versetzte mich in eine Mischung aus Überraschung, Erregung und vor allem Wut. Aber nicht ihretwegen, sondern über ihre Aufmachung. Sie trug einen dunklen Body aus Latex, der weniger verhüllte, als es erlaubt sein sollte.

Hatte ich in der Vergangenheit geglaubt, die Dämonin würde ihre körperlichen Vorzüge betont zu ihrem Vorteil einsetzen, wurde mir nun anhand dieser halbnackten Tatsachen bewusst, dass sich Seren eher zurückhaltend gekleidet hatte.

Ihr kleiner, aber wohlgeformter Körper war perfekt. Makellos.

Ich riss mich zusammen, um nicht ins Starren zu verfallen. Dazu war ich auch noch viel zu geschockt vom restlichen Outfit. Man hatte ihr Fesseln und einen Knebel verpasst, der ihre untere Gesichtshälfte komplett verdeckte. Dazu trug sie ein Halsband aus Leder, an der eine lange Kette aus eisernen Ringen angebracht war.

Das andere Ende dieser stählernen Leine verlor sich im Hinterzimmer, aus dem sie gerade gekommen war. Langsam und mit gesengtem Kopf trippelte die einst stolze Shinigami Richtung Thron. Als sie neben dem Stuhl angekommen war, wurde die Kette plötzlich strammgezogen. Seren bäumte sich kurz auf, dann sank sie auf die Knie. Mein kurzer Anflug von Verwirrung wich augenblicklich Abscheu und Zorn über Denjenigen, der die Leine führte und Seren so demütigte. Ich konnte jetzt zwar nicht behaupten, dass ich Seren sonderlich traute, aber sie hatte mir beigestanden und ich durchlief ein Wechselbad der Gefühle.

Mitleid und Wut stiegen in mir auf.

Ein weiterer Gongschlag. Danach setzte zunächst leise Musik ein, die langsam an Kraft gewann. Streichinstrumente und Trommeln, begleitet von Blasinstrumenten stimmten eine dramatische, wahrscheinlich an Klassik angelehnte Melodie an.

Merkwürdigerweise kam sie mir bekannt vor. Dabei hatte ich eigentlich wenig mit dieser Musikrichtung zu tun. Als dann ein Chor einsetzte, um auf Latein zu singen, wusste ich sofort, woher ich das Lied kannte.

Es war aus einem Computerspiel, genauer gesagt Final Fantasy VII. Das letzte Lied gegen den finalen Boss. Das Stück hieß One Winged Angel. Der oberste Schurke hieß Sephiroth.