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Ich hörte Noras Stimme, die vor Angst schrie, doch sie wurde immer leiser und klang immer weiter weg. Der ganze Raum war nun in einem dunklen Rot getaucht. Ich schrie den schwarzen Engel an. Wut, Panik und Frust überkamen mich und machten einer anderen Urgewalt Platz. Ich riss die Tür der Nephilim auf und schleuderte ihm alle Macht entgegen, die mir zu eigen war. Doch er lachte nur. »Du kannst mich nicht besiegen. Ich bin ein Teil von dir. Und Lunathiel ist mein!« Dann explodierte die Szenerie in einem Feuerball aus rotem Licht. Nach dem Kampf gegen Sephir in New York verfolgten Nathaniel und seine Freunde den geschlagenen Höllenfürsten in eine ihnen unbekannte, graue Welt. Noch ahnen sie nicht das wahre Ausmaß, dass ihre Reise annehmen wird. Ihre Suche nach Seren, Lunathiel und den Antworten auf ihre Fragen sind zum Greifen nahe. Doch der Kult des Zwielichts und ein alter Feind machen sich bereit, zum letzten Schlag aus zu holen. Der Krieg der Welten beginnt. Unabhängig vom Erfolg ihrer Mission, die Welten werden am Ende von Nathaniels Reise nicht mehr die Gleichen sein...
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Kapitel 1 Die Graue Welt
Kapitel 2 Der Direktor
Kapitel 3 Das META Projekt
Kapitel 4 Die schwarzen Engel
Kapitel 5 Eden Break
Kapitel 6 Das magische Reich
Kapitel 7 Falsche Identitäten
Kapitel 8 Das Purgatorium
Kapitel 9 Lang lebe die Königin
Kapitel 10 Der wahre Nephilim Fall
Kapitel 9 Scheidewege
Kapitel 10 The Lost Kingdom
Kapitel 13 Die neuen Zwölf
Kapitel 12 London has fallen
Kapitel 13 Das Schwert des Morgensterns
Kapitel 14 Der letzte Zweikampf
Kapitel 15 Die Schlacht von Stonehenge
Kapitel 18 Neue Weltordnung
Kapitel 19 Abgesang
""Und wenn seine Augen erlöschen, nachdem ich mit ihm fertig bin, wird die Hölle, in die ich ihn schicke, ihm wie der Himmel vorkommen." – Sin City
Wir waren in einer kargen, felsigen Landschaft gelandet, die uns fast komplett umgab. Ich blinzelte zum Himmel. Doch den gab es hier nicht. Der Horizont war eine alles umfassende Schwärze. Dann bemerkte ich etwas Anderes. Entweder hatte ich einen mächtigen Jetlag, oder in dieser Welt gab es wirklich keine Farben. Alles war in Schattierungen von Schwarz bis Grau gehalten, wodurch wir auffielen wie ein Flamingo unter Pinguinen. Wir waren das einzig Farbenfrohe in dieser tristen Umgebung.
„In welchen Noir Film sind wir hier geschlittert?“, fragte ich ungläubig. Von der Optik her konnte man es gut mit dem Setting der Sin City Filme vergleichen. Wir waren dabei das Mädchen in Rot. Ich sah mich nach Thor um, der sich ein Stück aufwärts an einer Klippe zwischen zwei Felswänden begeben hatte und dort kniete. Ich trottete zu dem Hünen, der mir still deutete, mich ebenfalls hinzuknien. Ich schlich geduckt, lugte über den Rand und warf einen Blick auf das, was er beobachtet hatte.
„Ach du scheiße“, entfuhr es mir. „Wir sind definitiv nicht mehr in Kansas, Toto“.
Schätzungsweise dreihundert Meter unter uns lag ein Tal. Ein Tal der Alpträume. Ich will aus Pietätsgründen keine Bilder von Internierungslagern heraufbeschwören, aber etwas Vergleichbares kam mir nicht in den Sinn. Unter uns erstreckten sich in knapp zwei Kilometern Entfernung weitläufige, von Stacheldrahtzäunen umspannte Komplexe.
Fabriken, Lagerhallen, Zeltstädte, einzelne, verfallen wirkende Hochhäuser …ein dystopischer, spätindustrieller Albtraum.
Vielleicht war es einmal eine Stadt gewesen, zumindest ließen einzelne Ruinen darauf schließen. Aus den riesigen Schornsteinen der Fabriken quoll ununterbrochen dicker schwarzer Qualm. Die Luft stank nach Rauch und ich schmeckte eine Mischung aus Quecksilber und Schwefel.
Ein konstantes Wummern ging von der „Stadt“ aus, das die ganze Umgebung erfüllte. Wie ein Bassspieler, der nicht wusste, wann sein Solo zu lang war und nicht aufhören wollte.
Überall war grauer Staub. Die Luft war sogar davon getrübt.
Nicht ein einziger Lichtstrahl oder ein Klecks Farbe waren auszumachen. Ich besah meinen Arm und stellte fest, dass sich bereits eine graue Schicht auf mich legte.
Ich strich darüber. „Asche.“
Wenigstens würde sich so unser Flamingo-Problem von allein lösen. Mir wurde plötzlich schlecht und es traf mich wie Thors Hammerschlag. Ich kannte diesen Ort.
Ich kannte diesen Ort. Vom Anfang meiner Reise, als ich noch sicher wie ein Babyküken in meiner Wohngemeinschaft gelebt habe und interdimensionales Reisen für mich ungefähr so ein relevantes Thema war, wie Quantenphysik für eine Kardashian.
Mein erster Albtraum hatte mir diesen Ort gezeigt. Oder vielleicht sollte ich es eher eine Vision nennen.
Ich brauchte ein paar Sekunden, um diese Entdeckung zu verdauen. Hariel kroch an meine Seite.
„Was ist das für ein gottverlassener Ort?“, flüsterte ich, während ich feuchte Asche ausspuckte.
Hariel schien ebenso fassungslos zu sein wie ich.
„Ich glaube, eine passendere Formulierung hierfür gibt es nicht", bestätigte sie beklommen,
"Ich wünschte, Loki wäre hier. Vielleicht wüsste er etwas darüber."
Thor deutete auf ein großes Gebäude am Ostrand der vermeintlichen Stadt. Ein gewaltiger, ovaler Komplex mit einer Kuppel als Dach.
„Eine Arena“, schätzte ich. „Und sie ist immens.“
„Dort spüre ich Mjölnir“, sagte der Ase.
„Du kannst ihn fühlen?“, erkundigte ich mich.
Der Donnergott nickte. „Er wurde für mich geschaffen. Wir werden immer eine Verbindung haben, vollkommen gleich, wer über ihn gebietet. Wären wir näher dran, könnte ich ihn vielleicht sogar zu mir rufen.“
Das wäre doch was. Wenn Thor mit Hammer nur halb so abging wie sein Marvel-Pedant, dann sollte diese Selbstmordmission vielleicht doch noch ein gutes Ende nehmen können. Und wo der Hammer sich befand, war der Speer Odins vermutlich nicht weit.
„Also müssen wir dahin“, stimmte ich zu.
„Das wird aber alles andere als leicht“, wandte Hariel ein. „Da unten scheinen Tausende zu sein.“
Ich zog die Stirn kraus. „Tausende was?“
„Siehst du sie nicht?“, fragte Thor.
„Nein?“, erwiderte ich etwas beleidigter, als ich wollte. Thor deutete mit seiner Hand auf einen Punkt hinter den Zäunen.
Und tatsächlich, in der Schwärze schien sich was zu bewegen. Beziehungsweise die ganze schwarze Masse.
„Was ist das?“, fragte ich mit ungutem Gefühl.
„Wie nennt ihr sie?“, wandte sich Thor an Hariel.
Hariel schwieg für einen Augenblick. „Menschen.“
Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Wie jetzt? Warum sollten hier Menschen sein? Wo sind wir überhaupt?“
Hariel schüttelte mit dem Kopf. „Ich habe noch nie von solch einem Ort gehört. Ich weiß nur, wir sind nicht auf der Erde oder in Thors Welt. Aber ich glaube auch nicht, dass wir uns im Purgatorium befinden.“
Ich wischte mir erneut den Staub von den Lippen. „Dann vielleicht die Hölle?", schlug ich vor.
„Nope“, mischte sich Duke ein. „Nachdem, was man sich erzählt, ist das Höllenreich um einiges farbenfroher. Ein Traum in verschiedenen Rot- und Schwarztönen. Und es läuft die ganze Zeit Heavy Metal im Hintergrund.“
Ich richtete mich auf meinen Ellenbogen auf. „Echt jetzt?“
Der Meta nickte. „Ich sagte ja, es hätte dir gefallen. Wie ein nie endendes Festival.“
Ich konnte durch die staubige Luft und die schlechten Sichtverhältnisse leider nicht sagen, ob Duke sich einen Scherz mit mir erlaubte. Das klang beinahe schon himmlisch… und damit vollkommen falsch.
Ich wandte mich wieder der Lagerszenerie vor uns zu. „Aber wieso sind die Menschen untergebracht wie in einem Flüchtlingslager? Und vor allem, warum sind sie hier? Und die Masterfrage bleibt: Wo und was ist hier?“
Allgemeines Schweigen folgte.
„Nun“, schlussfolgerte ich sarkastisch, „dann bleibt uns nichts anderes übrig, hinunter zu gehen und zu fragen.“
„Davon würde ich abraten“, warf Thor ein. „Da wir nicht wissen, wer und wo der Feind ist, könnten wir in eine Falle laufen. Das ist, mit allem Respekt, ein sehr dummer Plan.“
Ich blickte ihn entmutigt an. Wieder ein Gefährte mehr, der meinen Humor nicht zu schätzen wusste. Warum nahmen die Caelestis eigentlich jedes Wort für bare Münze?
„Dann“, bemerkte ich, ohne auf den Kommentar des Asen einzugehen, „sollten wir vielleicht mit einer Aufklärungsmission beginnen. Hariel, könntest du einen kleinen Rundflug wagen?“
Hariel nickte knapp. Dann entfaltete sie ihre Flügel. „Allerdings denke ich, dass ich bei dem ganzen Staub nicht lange fliegen kann. Viel sehen werde ich nicht.“
Guter Einwand, dachte ich, aber immerhin konnte sie Menschen auf zwei Kilometer im Zwielicht und Aschenwolken erkennen.
Thor stand auf. „Wie gerne würde ich Euch begleiten auf dieser Erkundung“, gab er bedauernd zu.
„Naja, kannst du nicht auch fliegen?“, merkte ich an. Immerhin war Thor ja eigentlich nur ein Engel in Verkleidung. Der Ase schüttelte ernst das rotblonde, mittlerweile eher staubige Haupthaar. „Nein, mir war diese Gabe noch nie zu Eigen. Nur mit der Kraft Mjölnirs war es mir vergönnt, mich zumindest durch die Lüfte zu bewegen.“
So schnell gab ich nicht auf. „Aber bist du dann nicht auch geflogen, Hammer hin oder her?“
Thor lächelte höflich, sein Tonfall allerdings klang so, als ob ich was unglaublich Dämliches gesagt hätte. „Aber nein. Ich habe den Hammer nur mit der mir eigenen Kraft geworfen und mich so selbst an mein gewünschtes Ziel geschleudert.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Aha.“
Hariel trat neben mich. „Lass es gut sein.“
Ich deutete auf den Asen. „Ich bin doch nicht bescheuert. Er ist genauso ein Engel, wie du. Warum kann er nicht seine Flügel ausbreiten und fliegen?“
Hariel zuckte mit den Schultern. „Er glaubt es nicht. Wie wir es dir schon gesagt hatten, der Glaube ist mächtig. Thor ist total in seiner Rolle.“
Ich brummte. „Wohl eher von der Rolle.“
„Oder!“, schrillte es mir auf einmal so unmittelbar in mein Ohr, dass ich fast in die FötusStellung gesprungen wäre. „Ihr nutzt Eure Kräfte und beschwört einen Wind, der uns alle über die Stadt trägt!“, schlug Thor fast euphorisch vor. „Ist Euch diese Macht zu Eigen?“
Ich schmunzelte. „Ich kann durchaus Winde beschwören, aber keinen, den ihr haben wollt, höhö.“
Hoffnungsvoll suchte ich in Thors Gesicht einen Anflug der Erkenntnis, doch blieb es bei seiner versteinerten Konfusion.
„Nun, das ist sehr bedauerlich“, erwiderte er nach einer kurzen Wartezeit zögernd.
Ich schniefte. Was für ein mieses Publikum. Ich konnte es gar nicht mehr abwarten, unter normalen Menschen zu sein.
Hariel schüttelte mit einigem Bedauern ihre Schwingen.
„Diesen Dreck kriege ich nie wieder raus!“, beschwerte sie sich.
„Tja, vom Schwan zur Taube“, flüsterte ich, leider nicht leise genug für ihre Ohren.
Sie sah mich abfällig an. „Ich vermute, das war so ziemlich das rassistischste, was ich jemals gehört habe.“
„Dann solltest du dir keinen Twitter Account zu legen“, versuchte ich zu kontern.
„Den habe ich bereits“, gab sie zu meiner sichtlichen Verblüffung zurück.
„Na dann, Hashtag up up and away!“, versuchte ich die Situation zu retten, was mir sichtlich misslang.
Ich hatte mich immer noch nicht an den Anblick gewöhnt und war weiterhin fasziniert von der Eleganz und Schönheit, die meine Engelbegleiter umgab, wenn sie ihre Flügel ausbreiteten.
Ich habe noch nicht im Detail beschrieben, wie prachtvoll ihre Schwingen waren; wie jede einzelne Feder perfekt ineinander überging und von dem Federkleid ein leichtes Leuchten, selbst in dieser grauen Suppe, ausging.
Ich war wahrscheinlich nicht in der Lage, eine Beschreibung abzugeben, die dieser Perfektion gerecht werden konnte. Oder welche Gefühle sie bei Anwesenden auslösten. Man muss wohl tatsächlich einmal dabei gewesen sein. Und dann wollte man es immer wieder erleben.
In der Vergangenheit waren diese Gelegenheiten eher spärlich gesät, und meistens war ich gerade zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, um dieses prächtige Schauspiel zu würdigen.
Stellt es euch vor wie das beste Eis, was ihr jemals gegessen habt, in Kombination mit eurem Lieblingsmenschen, unter einer Kuscheldecke auf einem Sofa mit eurem persönlichen Film des Jahres. Dann habt ihr ungefähr eine vage Vorstellung, wie es sich anfühlt. Wenn ich daran dachte, dass ich vor wenigen Wochen selbst noch Flügel hatte und mich in den Himmel erheben konnte… ein Menschheits- und Kindheitstraum.
Der bittere Geschmack in meinem Mund ließ mich husten. Die Luft schmeckte penetrant nach faulen Eiern. Sie war smoghaltiger als in Tokio in der Rush Hour. Ich wischte mir mit der Hand über die verschwitzte Stirn. Als ich die Innenfläche besah, war sie bereits mit einem verschmutzen Film überzogen.
Was für ein toller Ort. Schon vermisste ich die klare kalte Luft und das blendende Weiß von Asgards schneebedeckten Häusern oder die zwar laute und trubelhafte, aber auch wunderschöne Skyline von New York.
Schweigend, um nicht noch mehr von diesem ätzenden Geschmack zu auf die Zunge zu bekommen, sah ich Hariel dabei zu, wie sie sich über die Klippe schwang und leise empor glitt. Aus Rücksicht auf unsere gequälten Lungen und brennenden Augen hatte sie auf einen Bodenstart verzichtet, um mit ihren Schwingen nicht noch mehr Staub aufzuwirbeln.
Schon nach wenigen Augenblicken war sie in der dichten Suppe verschwunden. Ein weiterer Hustenanfall erfasste mich und brachte mich fast zum Würgen.
„Je eher wir hier wegkommen, desto besser“, entschied ich, während ich versuchte, den unerfreulichen Nachgeschmack auszuspucken.
Das Wummern des Komplexes verursachte langsam Kopfschmerzen. In meiner Einbildung schien es immer lauter und aufdringlicher zu werden und zerrte an meinem Nervenkostüm. Deswegen bemerkten wir auch nicht, was sich hinter uns abspielte, während wir alle versuchten, unsere Kundschafterin im Rauch auszumachen. Als wir es dann doch mitbekamen, war es für uns schon zu spät.
Ein erstickter Schrei ließ mich und Thor herumfahren. Etwas hatte Duke zu Boden gerissen und hockte auf seiner Brust.
Der Meta hatte die Arme der schlanken Kreatur gepackt und versuchte sie gerade von sich zu werfen, als Thor mit einem Donnergrollen, dass selbst die Bassmaschine übertönte, herangerast kam und das Vieh mit einem gewaltigen Hieb von Duke herunter katapultierte.
Das Ding, das mich sofort an Gollum erinnerte, segelte durch die Luft und krachte mit dem kahlen Schädel voran gegen eine Felswand. Der Kopf explodierte wie eine reife Frucht und verspritzte übelriechendes, schwarzes Blut zu allen Seiten. Der Körper mit den langen Gliedern zuckte noch.
Ich rannte zu Duke, dem Thor gerade aufhalf.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte ich mich.
Er bebte vor Zorn. „Dieses Mistvieh hat versucht, mich zu beißen. Mich! Einen Werwolf!“ Angewidert wischte er sich etwas aus seinem Nacken. „Und er hat mich vollgesabbert.“
„Was war das?“, fragte ich Duke, nachdem er sich über die Überreste des Leichnams gebeugt hatte und schnüffelte.
„Sieht wie eine Art Meta aus. Aber kleiner und verkümmert.
Blass und Dürr. Graue Haut, fühlt sich an wie Leder. Die Arme und Beine sind viel länger als der Körper. Keine Spezies, wie sie uns bekannt ist. Und er riecht nach nichts.“
„Vielleicht ein Troll?“, schlug Thor vor.
Ich seufzte innerlich. Seine „Shakespeare in Park“ Darbietung mag ja kurzfristig recht unterhaltsam sein, aber wenig hilfreich.
„Das glaube ich weniger“, sagte ich mühsam beherrscht An Duke gewandt fuhr ich fort. „Wie sah es denn aus? Von seinem Kopf ist nicht viel übrig.“
Er verzog den Mund. „Ich habe nicht viel sehen können. Außer vieler scharfer Zähne. Und toten Augen. Sie waren komplett milchig und weiß. Wahrscheinlich war das Vieh blind.“
„Das macht bei der Gegend hier auch durchaus Sinn“, stimmte ich ihm zu. „Man ist hier mit einem guten Gehör- und Geruchsinn besser bedient. Der Dare Devil Effekt.“
„Es war ziemlich stark“, fügt der Meta hinzu. „Für so ein dürres, winziges Kerlchen. Obwohl er mich überrascht hat, hätte ich ihn ohne Probleme loswerden müssen, aber er hatte Pranken wie Schraubstöcke.“
„Also ein kleines, blindes Ding mit großen Zähnen, leisen Füßen und kräftigen Armen. Reizend“, fasste ich zusammen.
„Hoffentlich gibt es davon nicht noch mehr in der Gegend.“
Ein leises Zischeln ertönte über uns von der Felswand, an der die Kreatur zerschellt war.
Ich hatte meine Worte bereits in dem Moment bereut, indem ich sie ausgesprochen hatte. „Ich und mein großes Maul wieder.“
Über uns hockten mindestens vier weitere dieser Kriecher. Ihre Köpfe zuckten ruckartig hin und her. Sie hatten, soweit ich das sehen konnte, keine Ohren und nur flache, verkümmerte Nasen.
Es waren schmale, kiemenartige Öffnungen und erinnerten mich an eine Mischung aus Nosferatu und Voldemort. Das Zischeln stammte daher, dass sie anscheinend durch diese Riechschlitze die Luft einsaugten, wieder ausspien und so ihre Umgebung erschnüffelten. Arme Teufel. Aber durch ihre zahnbewehrten, kräftigen Kiefer und den klauenartigen, überproportionierten Händen fiel mein Mitleid eher klein aus und wich einem Gefühl der argen Bedrohung. Zumal ein weiteres Zischeln hinter uns mir die Nackenhaare aufstellte.
Ich wandte mich um und sah, wie weitere graue Kreaturen über die Klippe hinaufkrochen.
„Bildet einen Ring!“, brüllte Thor, der sich sogleich Rücken an Rücken mit Duke stellte.
Ich fand einen Ring bei drei Personen etwas schwierig, stellte mich aber wortlos zu ihnen. Einer unbewussten Eingebung folgend, streckte ich beide Arme aus und richtete sie auf die Klippe. Meine Hände färbten sich blau. In der Luft am Klippenrand bildeten sich weiße Kristalle und mit einem knirschenden Geräusch erschuf ich dort eine spiegelglatte Mauer aus Eis, die knapp drei Meter in die Höhe wuchs und die gesamten zehn Meter der Klippe in wenigen Sekunden versperrte. Ich musste zugeben, dass ich darauf auch im Nachhinein ziemlich stolz war. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich das gemacht hatte.
Die Kreaturen auf der anderen Seite mühten sich merklich ab, an der glatten Eisfläche halt zu finden. Einer von Ihnen versuchte es mit einem beherzten Sprung, kam ungefähr bis zur Mitte und versuchte dann zischelnd seine Krallen in das Eis zu schlagen. Dieses misslang ihm aber und er stürzte trudelnd und um sich schlagend in die Tiefe, wobei er noch einen seiner Kameraden mit sich riss.
Ich nickte zufrieden. „Auf der Seite sind wir safe, jetzt brauchen wir uns noch um die vier… “, begann ich, während ich mich wieder zu meinen Freunden umdrehte und stockte. „Ich meine sechs… acht… zwölf…“, korrigierte ich entgeistert, während eine wahre Flut aus zischelnden Leibern sich über die Felswand ergoss und auf uns zu stürmte.
Thor führte seine Hammerkünste vor, indem er den ersten Heranstürmenden einfach am Bein packte und ihn als lebendige Keule nutzte.
Er drosch mit der zunächst wild um sich schlagenden Kreatur in die Reihen der Angreifer und schlug die erste Welle innerhalb weniger Schwünge zurück.
Danach wirbelte er den Unglücklichen, der mittlerweile entweder ohnmächtig oder tot war, um seine eigene Achse und warf ihn gegen eine Gruppe, die sich gerade auf der Felswand sammelte. Alle stürzten zusammen in die Tiefe.
Thor lachte begeistert auf. „So habe ich mir das vorgestellt.
Bringt mir mehr!“
Sein Wunsch wurde prompt erhört.
Die nächste Welle hatte ebenfalls das Pech, der lebenden Dampfwalze aus Asgard zum Opfer zu fallen. Er nutzte seine gekreuzten Arme als Ramme, und zermalmte zwölf, vollkommen von seinem Schwung mitgerissene, Angreifer an der Wand, an der bereits ihr unglücklicher Vorgänger zermalmt worden war.
Was mich nervte war, dass diese merkwürdig blassen Wesen keinen Ton außer dem Zischeln ihrer Nasenlöcher von sich gaben. Indes schienen unsere Chancen, obwohl wir mit Thor ein wirklich mächtiges Monster auf unserer Seite hatten, mit jeder Sekunde zu schwinden. Ich sah auf und was ich dort sah, gefiel mir ganz und gar nicht.
Auf den uns umgebenden Felsen hockten mittlerweile dutzende, wenn nicht sogar hunderte dieser Viecher. Noch kamen sie nur in kleinen Wellen, so als wollten sie uns testen, oder mürbe machen.
Wir konnten nicht einschätzen, ob sie intelligent und zu koordinierten Angriffen fähig waren.
Aber sollten sich alle auf einmal auf uns stürzen, würden sie uns praktisch so überrollen, wie Thor zuvor die zweite Welle der Angreifer. Ein Blick auf die Eismauer, die immer noch hervorragend standhielt, brachte mich auf eine Idee. Vielleicht sollte ich versuchen, ein Dach über uns zu errichten. Damit würden wir zumindest die Angriffsrichtungen verringern und konnten nicht umzingelt werden. Ich hob die Arme Richtung der Felswände und konzentrierte mich.
Aber wie das nun mal so ist mit Dingen, die man nur halbherzig beherrscht, wie beispielsweise ich mein Schulspanisch, kam da manchmal nicht das dabei heraus, was man im Sinn hatte. In diesem Falle stimmte zwar die Richtung, doch anstelle von Blau entflammten meine Hände im grellen Orange.
Flammen sprangen über und zogen einen konzentrischen Ring, der sich zu einer Flammenwand entlang der Felsen rasend schnell ausbreitete und alles und jeden in Brand setzte, was sich dort befand.
Ich hatte einen Ring aus Feuer um uns gelegt.
Kurz schoss mir das Lied von Jonny Cash in den Kopf, auch wenn das gerade unangebracht war.
Ein harter Schlag auf meine Schulter ließ mich taumeln, doch packte mich gleiche eine starke Hand an der Schulter und bewahrte mich so vor einem Sturz.
„Vergebung“, sagte Thor „Ich wollte Euch nur zu Euren Künsten gratulieren. Ein mächtiger Zauber.“
Duke legte den Kopf schräg. „Eher mächtig dämlich“, kommentierte er trocken. „War das so gewollt?“
Ich schnalzte beleidigt mit der Zunge. „Aber sicher, immerhin habe ich damit fast Hundert auf einen Streich erledigt“, rechtfertigte ich meine, meiner Meinung nach, glorreiche Tat.
Er seufzte. „Dann korrigiere ich mich. Dann war es selten dämlich.“
Ich verschränkte gekränkt die Arme.
„Was genau passt dir jetzt nicht?“
Ein lautes Kreischen durchbrach das Knistern des Feuers, gefolgt von einem brausenden Gepolter. Dann erkannte ich die Ursache.Das waren hunderte, oder sogar tausende von Füßen, die über den felsigen Boden rannten.
Ich starrte erst den Meta an, der es sogar in dieser Lage fertigbrachte, mir einen spöttischen Blick zu schenken und sah dann zu dem Flammenring empor, der nun auf mich wirkte wie die Leuchtfeuer von Gondor. „Oh, so ein Mist!“, begriff ich.
Wenn bisher noch nicht jedes Monster dieser Welt wusste, dass wir hier waren, hatten sie nun unsere hell leuchtende Einladung erhalten.
Das Getrappel hinter mir wurde lauter. Ich sah, wie die Viecher sich wie bei einer Räuberleiter aufeinanderstapelten und so die Eismauer überwanden. Auch über den Flammenring setzten sie todesverachtend hinweg und sprangen in die Schlucht.
Wenn nur jeder Zehnte den Flammenkranz und die Landung unbeschadet überstand, an Zahlen schien es ihnen nicht zu mangeln. Und wer wusste, was da vorhin gekreischt hatte?
Meine einzige Hoffnung war, dass auch Hariel auf uns aufmerksam geworden war. Was sie allerdings gegen eine solche Übermacht ausrichten konnte, wäre mir schleierhaft gewesen. Uns gegenüber bildete sich nun ein weiterer Ring hunderter, Zähne bewehrter Gegner.
Diese aber schienen auf irgendetwas zu warten.
Ihre Körper und Köpfe zuckten ruckartig hin und her und sie zischelten unentwegt, griffen aber nicht an.
„Bei Game of Thrones würden jetzt die Drachen kommen und uns retten. Oder von mir aus auch die Adler“, bemerkte ich leise genug, dass keiner meiner Gefährten darauf einging, was wahrscheinlich auch besser war.
Dann kam Bewegung in die Meute, einige drängten zu verschiedenen Seiten und eine Gasse bildete sich.
Die Monster wurden totenstill und verharrten, wodurch leise Schritte laut wurden, die sich uns aus dem Dunkeln der Gasse näherten.
Ich war innerlich auf alles vorbereitet, was da kommen mochte.
Dachte ich zumindest.
Als sich der Neuankömmling näherte, erkannte ich eine schmale Gestalt, die aber so groß ein Mensch war und zu meiner Verwunderung einen weißen Laborkittel trug.
Es war ein Mann, schätzungsweise in den Dreißigern, mit graudurchzogenen Strähnen in den dunkelbraunen Haaren, die er als Seitenscheitel trug.
Dennoch schienen seine Haare ein Eigenleben zu führen, sodass einige graubraune Locken in alle Richtungen davon sprossen.
Sein bartloses Gesicht wirkte nicht feindlich, sondern im Gegenteil entspannt und recht freundlich, mit einem Lächeln auf seinem Gesicht und neugierig funkelnden Augen.
Einige Meter vor uns blieb er stehen, die Hände hatte er dabei in die Seiten seines Kittels gesteckt.
„Na schau mal einer an. Wen haben wir denn hier?“ fragte er in einem jovialen Ton, als wären wir Besucher in einem Restaurant gewesen und wurden vom Oberkellner begrüßt.
Keiner von uns reagierte auf seine Frage. Ich hätte auch nicht gewusst, was ich dazu sagen sollte.
Der Unbekannte, der offenbar die Kontrolle über die Minigollums hatte, wartete noch einige Sekunden bevor er seufzend fortfuhr. „Na gut, dann verzichten wir auf die Höflichkeiten und stellen uns später vor. Darf ich euch nun darum bitten, euch zu ergeben und mir zu folgen?“
Duke ließ als Antwort die Fingerknöchel knacken.
Thor wählte die heroischere Variante und lachte dem Finsterling ins Gesicht. „Der Sohn Odins und seine tapferen Mitstreiter ergeben sich niemals!“
Ich fand es nicht so gut, dass er für uns alle sprach, zumal unsere Aussichten im Moment so gut waren wie die der Amerikaner damals in Alamo, aber gut.
Thor fuhr mit auf den Wissenschaftstypen ausgerichteten Zeigefinger fort. „Sende nur deine Trolle, Hexenmeister. Wir werden jeden einzelnen von ihnen nach Helheim schicken.“
Der Angesprochene fühlte sich von so viel Heldenmut wenig beeindruckt. „Ich nehme an, der spricht für euch alle?“
Ich wiegte den Kopf. „Naja, mehr oder weniger, fürchte ich.“
Der Wissenschaftler verzog bedauernd die Mundwinkel. „Nun, das kann ich leider nicht zulassen, eine solche Verschwendung von Subjekten und Rohmaterial würde meinen Zeitplan durcheinanderbringen. Ich hasse Ineffizienz.“
Dabei nahm er eine Hand aus seinem Kittel und warf mit einer fließenden Bewegung eine kleine Kugel in unsere Richtung.
Thor sprang mit einer gebrüllten Warnung vor und wollte das runde Objekt wegschlagen, doch als er sie berührte, verpuffte es zu einer Wolke, die in einer bunten Welt wahrscheinlich grün gewesen wäre. Bevor ich eine weitere Warnung rufen konnte, sackte Thor bereits zusammen, gefolgt von Duke.
Mir wurde bereits schwarz vor Augen, doch versuchte ich, meine Arme gegen unseren neuen Feind zu richten und ihn zu rösten oder zu schockfrosten. Die Wahl überließ ich da ganz meinen Instinkten.
Doch bevor ich sie heben konnte, waren bereits zwei seiner Helfer heran und rangen mich zu Boden.
Der Unbekannte stand über mir und sah mich fasziniert an.
„Ganz erstaunlich. Dazu solltest du gar nicht in der Lage sein.
Anscheinend muss ich noch vieles neu berechnen, was dich angeht. Wie ich mich darauf freue, dich besser kennen zu lernen, Nathaniel. Schon lange warte ich auf die Gelegenheit, den Wächter der Nephilim persönlich kennenzulernen.“
"Gott ist ein Kind mit einem Ameisenhaufen. Er plant gar nichts." – John Constantine
Man sollte meinen, dass ich es mittlerweile gewöhnt war, an mir unbekannten Orten aufzuwachen.
Dennoch, nachdem ich auf dem stickigen Felsplateau das Bewusstsein verloren hatte, war das hier fast eine angenehme Überraschung.
Statt in einem dunklen Loch voller Dreck und Asche aufzuwachen, fand ich mich in einem hellen, sterilen und ausschließlich in Weißtönen gestalteten Raum wieder.
Er erinnerte mich stark an die Enklave der Engel in Hannover.
Bemerkenswert war, dass es auch hier keine Ecken zu geben schien.
Sowohl die Decke als auch die Wände und die vermutlich verschlossene Tür waren in ovalen Bögen errichtet worden.
Ich kam auf einer Pritsche zu mir, die sich nach Hartplastik anfühlte, ebenfalls in Weiß. Ansonsten hatte der fensterlose Raum nicht viel zu bieten.
Ich tastete die glatten Wände ab und fand nicht eine Unebenheit, so als wären der Raum aus einem Stück gegossen worden. Ich fühlte mich wie in dem Inneren eines Überraschungseis.
Apropos Überraschung, man hatte mir meine Kleider gestohlen und gegen einen weißen Patientenkittel, wie man sie aus Krankenhäusern kennt, ausgetauscht. Auch war ich anscheinend ordentlich geschruppt worden. Ich schnupperte an meinen Händen. Sie rochen nach Seife und Desinfektionsmittel.
Dann fiel mir das Pflaster auf meinen Unterarm auf. Ich vermutete, dass mir Blut abgenommen worden war. Ich setzte mich mit meinem nackten Hintern auf die Pritsche zurück, was von einem unfeinen Quietschen begleitet wurde, und suchte den Raum weiter mit Blicken ab.
Außer, dass der Raum so ausgeleuchtet war, dass es nirgendwo einen Schatten gab, waren bis auf die Tür und das Bett nichts Bemerkenswertes zu entdecken. Ich kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe herum und rieb mir die Bartstoppel. Oder hatte dies zumindest vor.
Mein Kinn und meine Wangen waren glatt wie ein Babypopo.
Einer schrecklichen Ahnung folgend, tastete ich mit den Händen höher.
„Oh Nein! Ihr Penner!“, fluchte ich laut.
Diese Wichser hatte mir eine Glatze geschoren. Aber wenigstens hatten sie mir meine Augenbrauen gelassen. Jetzt saß ich nicht nur in einem Ei, ich sah auch noch wie eines aus.
Wütend hämmerte ich mit den Fäusten gegen die Tür und brüllte nach dem Personal.
Ich legte mein Ohr an die Wand, doch konnte ich dahinter nichts hören.
Dann versuchte ich was anderes. Ich legte meine Hände gegen die Tür. Vielleicht konnte ich sie durchschmelzen. Oder einfrieren und zersplittern. Ich musste mich da wieder auf meine Instinkte verlassen. Ich spürte, wie sich das Kribbeln in meine Armen steigerte, es bildeten sich dunkelblaue Adern auf meiner Haut…und dann wurde ich wie vom Blitz getroffen von den Beinen gerissen und landete unsanft und ächzend in der Mitte des Raumes auf dem Bauch.
Ich hatte mir dabei auf die Zunge gebissen und schmeckte nun den metallischen Geschmack in meinen Mund. Mir wurde davon übel, also spuckte ich es aus. „Was war das denn?“, fragte ich mich selbst.
„Eine kleine Sicherheitsvorrichtung innerhalb unserer Anlage.
Jede Art von Magie ist hier blockiert. Was du gerade empfunden hast, war eine kleine Stimulierung deiner Nervenbahnen. Nichts, was auf Dauer schädlich ist, natürlich.“
Ich rollte mich auf den Rücken und erkannte den Wissenschaftstypen wieder, der uns schlafen geschickt hatte.
Ich habe keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, innerhalb weniger Augenblicke einzutreten und die Tür wieder hinter sich zu schließen.
Ich stemmte mich auf die Ellenbogen.
„Nett“, honorierte ich seine Erklärung. „Und was ist das für eine Anlage? Und wer bist du?“
Der Angesprochene schenkte mir ein unbekümmertes Lächeln.
Sein neugieriger Blick gefiel mir nicht. Er sah mich an wie ein Forscher die Laborratte.
Anstelle einer Antwort öffnete sich die Tür hinter ihm und er machte eine einladende Geste. „Wenn du möchtest, führe ich dich ein wenig herum. Ich habe selten Besuch.“
Da ich anscheinend nicht viele andere Optionen hatte und das Gefühl in meine Gliedmaßen zurückgekehrt war, erhob ich mich leicht unsicher und folgte ihm durch die Tür, die direkt hinter mir ohne ein Geräusch wieder zu glitt.
Außerhalb meiner Zelle ersteckte sich ein ovaler Gang, der circa drei Meter hoch und breit war.
Links und rechts konnte ich einige Abzweigungen erkennen.
Anscheinend verliefen die Gänge ringförmig. Zur Ringinnenseite erkannte ich circa fünfzig Meter entfernt eine Fensterfront.
Freundlich lächelnd forderte mich mein Führer auf, dorthin zu gehen. Ich kam seiner stummen Aufforderung nach und trat an die Glaswand heran.
Wir befanden uns tief im Bauch der Bestie, oder in diesem Fall, innerhalb des Kuppelgebäudes, dass wir von dem Plateau ausgemacht hatten.
Wir mochten ungefähr in einer der mittleren Ebenen sein. Ich versuchte schnell, die einzelnen Stockwerke zu zählen, es mochten um die fünfzig sein.
Alle Ringe dieses Bienenstocks führten über dutzende, röhrenartiger Laufstege zur Mitte, in der sich eine imposante Säule vom Boden bis zur Decke erstreckte. Auch hier war es durchgehend weiß, steril und hell- ein starker Kontrast zur Außenwelt.
Außer mir und dem immer noch unheimlich gelassenen Wissenschaftler war niemand anwesend.
Dennoch bewegten sich vereinzelte Fahrstühle an der Säule auf und ab. Womöglich waren weitere Kittelträger in den Röhren der Laufstege oder auf den anderen Ringebenen verborgen.
Dieser Komplex war auf jeden Fall viel zu groß, um von einer Person allein betrieben zu werden. Andererseits, was hatte gesagt? Er bekam nicht oft Besuch?
Er trat, mit auf dem Rücken verschränkten Händen, neben mich.
„Eindrucksvoll, nicht wahr?“, bemerkte er in einem nebensächlichen, fast schon zu kollegialen Tonfall.
„Nett“, erwiderte ich.
Er kicherte. „Nun denn, alles Weitere erkläre ich dir in meinem Büro. Folge mir, bitte.“
Ich kam seiner Einladung schweigend nach. Nach einer Biegung kamen wir an eine Tür, hinter der sich eine Art Turbolift wie aus Star Trek befand und uns einige Stockwerke nach oben fuhr.
Als wir den Lift verließen, zuckte ich kurz zusammen. Der Fahrstuhl hatte uns auf die Spitze der Kuppel gebracht. Hier schien nur ein einzelner Raum zu sein, dessen Boden aus Glas bestand. Da ich, wie vielleicht schon diverse Male erwähnt, einen gesunden Tiefenrespekt hatte, wurde mir leicht schwindelig, als ich meine Füße auf die Bodenfließen setzte.
Ich konnte direkt nach unten bis auf den Boden blicken, der schätzungsweise dreihundert Meter unter mir lag. Ich schluckte leicht und erwartete, das Knirschen von splitterndem Glas zu hören.
Der Wissenschaftler war indes hinter einen ausladenden, weißen Schreibtisch getreten und hatte sich in dem ebenfalls weißen Sessel niedergelassen.
Er deutete auf einen von drei freien Stühlen vor seinem Tisch.
Ich konzentrierte mich darauf, nur auf den Stuhl zu sehen und nicht zu schnell zu gehen.
Aber ich war froh, als ich Platz nehmen und nun auf den Tisch blicken konnte.
Eigentlich war meine Höhenangst lächerlich. Immerhin hatte ich schon selbst fliegen können.
Mein Gegenüber hatte indes ein Tablet aufgehoben und war vollkommen darin vertieft, so als hätte er mich bereits wieder vergessen.
Eigentlich war mir recht. Doch nach einigen Minuten räusperte ich mich doch.
Er erhob kurz den Zeigefinger, ohne mich dabei anzusehen.
„Eine Minute noch bitte. Diese Ergebnisse sind faszinierend.“
Exakt eine Minute später legte er das Tablet auf den Tisch, lehnte sich im Stuhl zurück und breitete die Arme aus.
„So, Nathaniel, ich nehme an, du hast viele Fragen.“
Ich sparte mir die Frage, woher er meinen Namen wusste, an sowas war ich mittlerweile schon gewöhnt, und kam direkt zum Punkt.
„Wo sind meine Begleiter?“
„Oh, die sind hier ebenfalls untergebracht, allerdings befinden sie sich gerade in der Untersuchungsphase.“
„Untersuchungsphase?“, hakte ich nach.
Er nickte. „Ganz Recht. Um das genetische Potenzial festzustellen, brauch es einer Reihe von Tests.“
„Potenzial?“
Der Wissenschaftler verzog missbilligend den Mund. „Wirst du die ganze Zeit so einsilbig bleiben? Ich bin ein bisschen enttäuscht. Du bist der erste meiner Art, den ich seit Jahrtausenden von Angesicht zu Angesicht sehe. Da hatte ich etwas mehr erwartet.“
Ich zog die Stirn kraus.
„Von deiner Art? Wie ist das gemeint?“
Sein Gesicht erhellte sich. „Na endlich. Es spricht. Du bist, wie ich, ein Mensch. Wir sind beide Kinder Adams. Nun, ich bin vom Stammbaum etwas näher dran als du, aber dennoch sind wir verwandt. Wie alle Menschen.“
„Also bist du mein Groß-groß-groß-groß-groß-Cousin, oder was möchtest du mir sagen?“, fragte ich mit ironischem Unterton.
Er lachte auf. „Sarkasmus! Ach, was habe ich das vermisst.
Caelestis verstehen das einfach nicht.“
Gegen meinen Willen musste ich ihm da Recht geben.
„Also du bist ein Mensch, der hier lebt und das Sagen hat, sehe ich das richtig? In dieser Anlage? Was soll das hier sein?“
Der Wissenschaftler machte eine ausholende Armbewegung.
„Diese Anlage ist so vieles. Ich bezeichne sie am liebsten als Forschungslabor für genetische Verbesserung. Aber hier wird nicht nur geforscht. Es wird auch produziert. Ergo ist es auch eine Fabrik. Und gezüchtet. Also auch eine Farm. Daher finde ich den Sammelbegriff Anlage durchaus treffend. Ich habe viele Ressorts hier.“
„Und du machst das hier alles allein?“, fragte ich.
„Nun, das wäre logistisch unmöglich. Ich verwalte hier alles.
Einige meiner, nennen wir sie Mitarbeiter, habt ihr ja schon kennen gelernt. Ich sehe mich eher als Ingenieur oder Architekt dieser komplexen Maschinerie.“
„Also eine Art Direktor?“, schlug ich vor.
Er deutete mit dem Zeigefinger auf mich.
„Sehr schön, das gefällt mir noch besser. Ja, das ist wohl ein treffender Titel.“
„Freut mich, dass ich helfen konnte“, fügte ich mit verschränkten Armen hinzu.
Sein Gesicht strahlte förmlich. „Und wieder Sarkasmus.
Herrlich. Man merkt erst, wie einem das fehlt, wenn man einige tausend Jahre hier gelebt hat.“
„Leg dir doch einen Netflix-Account zu“, schlug ich vor. Was ich mich aber wirklich fragte, neben einigen anderen Dingen:
warum landete ich immer wieder vor einem Schreibtisch?
Immer wieder kam ich in diese James Bond-Situation, in der mir der Bösewicht seinen Masterplan erklären möchte. Hörten sich Celes so gerne reden? Mieser Schreibstil? Ich wusste es nicht. Wenn dabei wenigstens was Produktives rumkommen würde, hätte ich damit auch kein Problem gehabt. Aber bisher waren alle diese „klärenden“ Gespräche so erhellend gewesen wie eine Bundestagsdebatte. Viel Gerede um nichts. Eine Partei schob der anderen den schwarzen Peter zu. Falls man diese Formulierung in unserer heutigen Zeit überhaupt noch verwenden durfte, ohne einen Shitstorm zu riskieren.
„Also“, begann ich, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.
„Dann sind wir uns also einig, du bist der „Direktor“ dieser ominösen „Anlage“. Was ist das für ein seltsamer Ort? Ich glaube nicht, dass du damit bei Secret Escapes landen würdest. Wo wir gerade beim Thema Urlaub sind, ich suche zwei deiner Gäste. Ich nehme doch an, du kennst Sephir?“
Der Direktor zog die Augenbrauen zusammen und musterte mich mit unübersehbarer Belustigung.
„Was glaubst du? Kenne ich ihn?“
Ich wagte eine Vermutung. „Ich denke nicht nur, dass du ihn kennst. Ich vermute, dass ihr beide für diesen ominösen Kult des Zwielichts arbeitet.“
Er machte eine wage Geste mit der Hand. „Fast richtig. Genau genommen arbeitet Sephir für den Kult. Ich hingegen bin eher Freiberufler. Wir haben ähnliche Ziele und unterstützen uns dabei gegenseitig.“
„Also ist der Spinner dein Arbeitskollege?“, platzte es aus mir raus.
Der Direktor lachte unbekümmert. „Eher mein Untergebener, auch wenn er das nicht gerne hört. Er erledigt für mich die Drecksarbeit auf der Erde, dafür versorge ich ihn mit Informationen und allen Ressourcen, die er zur Durchführung braucht.“
Ich schüttelte den Kopf. „Das raff ich nicht ganz. Was für Ressourcen und was für Informationen? Du bist doch kein Dämon, oder doch?“
Erneut lachte er auf. „Nein, das hatten wir ja bereits geklärt. Ich bin auch kein großer Freund der Celes. Sie sind nützlich.
Gerade so ein Opportunist wie unser ehrgeiziger Sephir kann ein nützliches Werkzeug abgeben. Solange er mir besorgt, was ich benötige.“
Ich zog die Augenbrauen misstrauisch hoch. „Das wäre was zum Beispiel?“
Er trat zum Fenster und blickte auf das Kuppelgelände unter uns. „Vieles. Ich habe hier unterschiedliche Projekte am Laufen. Dazu brauche ich eine Menge Material. Wenn man unsere Arbeitsbeziehung definieren möchte, kann man sie am ehesten als Tauschgeschäft verstehen. Als kleines Beispiel hat er mir jüngst einige antike Artefakte der alten Götter übergeben.
Dafür hatte ich ihn im Voraus mit Wissen über den Standort des Oculus versorgt und gewähre ihm nun Schutz vor seinen Verfolgern.
Ein gutes Geschäft für mich, da ich so auch in den Genuss deiner Bekanntschaft gekommen bin.“
Ich lächelte übertrieben falsch. „Das ist aber sehr freundlich.
Ich kann diesen Genuss leider bisher nur bedingt teilen. Was genau produziert ihr hier? Was ist, bei deinen vielen Projekten, euer Verkaufsschlager?“
Dem Direktor huschte ein Lächeln über sein stolzes Gesicht.
Anscheinend hatte er auf so eine Frage gewartet. Er tippte auf sein Tablet und hinter ihm erschien ein Bild auf einem bis dahin nicht wahrzunehmenden Bildschirm.
Ich erkannte Duke, der auf einen Operationstisch geschnallt worden war. Er schien nicht bei Bewusstsein zu sein. Er war umgeben von zahlreichen, blinkenden Gerätschaften. In und an seinem Körper waren Dutzende von Kanülen und Paddels angebracht worden.
Der Direktor deutete mit der ausgestreckten Hand auf den Monitor. „Hier siehst du einen unserer Verkaufsschlager, wie du es nanntest.“
Ich verstand nichts. „Medizinische Untersuchungen? Macht ihr hier Krebsvorsorge?“ Der Direktor lachte. Ich musste widerwillig zugeben, dass es sympathisch klang.
„Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht.“
Er stand auf und tippte auf seinem Tablet rum.
Das Bild zoomte ran und machte eine Großaufnahme von Duke.
Dann blickte er mich erwartungsvoll an. Ich zuckte verwirrt mit den Schultern.
Er schien etwas enttäuscht zu sein und tippte erneut etwas. Ein zweiter Bildschirm erschien aus dem Nichts rechts neben dem Ersten.
Ein 3D-Modell eines transparenten menschlichen Körpers war zu sehen, daneben ein zweites Modell, ebenfalls menschlich, doch kräftiger, mit längeren Gliedmaßen, einem hundeartigen Kopf und leicht gebückt. Offenbar die Blaupause eines Werwolfes, wie Duke einer war.
Während ich das sich um die eigene Achse rotierende Modell betrachtete und mein Blick wieder zu Dukes Monitor wanderte, beschlich mich ein erschreckender Verdacht. „Redest du von Werwölfen?“
Er warf das Tablet auf den Tisch und klatschte begeistert in die Hände. „Exakt. Aber nicht nur Lykanthropie. Alle Arten von Therianthropie, Chimären, bis hin zu den virulenten Exemplaren. Als populäres Beispiel dazu ist dir bestimmt der Begriff Vampir bekannt.“
„Langsam“, begann ich. „Lykanthropie kann ich mir noch ableiten. Lykaner sind Werwölfe. Aber was sind Theri ...“, versuchte ich.
„Therianthropie“, half mir der Direktor aus. "Das ist der Oberbegriff für alle humanoiden Metawesen mit tierischen Eigenschaften. Wölfe, Echsen, Tiger.“
Ich nickte. „Ich hatte bisher nur das Vergnügen mit den ersten Vertretern.“
Dabei verspürte ich wenig Lust auf ein Zusammentreffen mit einem Wertiger.
„Aber was genau willst du mir hier weißmachen? Dass ihr hier Metas aus Menschen züchtet? Ich habe die armen Gestalten in den Camps gesehen“, log ich. Ich hatte einen Scheiß gesehen, verließ mich da aber auf die Aussagen meiner Begleiter.
„Blödsinn“, fiel er mir ins Wort.
„Das was du gesehen hast, sind keine Menschen. Es sind Hüllen. Genetisches Material, was auf seine Aufgabe wartet. Leere Gefäße.“
„Aber sie haben sich bewegt“, protestierte ich.
„Warum auch nicht?“, gab er zu. „Sie verfügen über alle relevanten motorischen Fähigkeiten dazu. Warte, da gab es ein Wort aus einer eurer Religionen dafür, was wir übernommen haben, wie war es noch gleich?“ Er tippte auf seinem Tablet rum. „Ach ja, Golem! Das ist die passende Analogie hierzu.“
Ich wusste, was ein Golem war. Eine Legende aus dem Judentum, indem ein Wesen aus Lehm geformt worden war.
Man legte ihm dann eine Nachricht in den Mund und der Golem erwachte daraufhin zum Leben und führte den geschriebenen Befehl aus.
„Was genau machst du dann hier mit diesen Golem? Eine Armee von Klonkriegern aufstellen? Dazu brauchst du Metas?“
Ich deutete auf Duke. „Ist er deswegen wie eine Laborratte auf dem Seziertisch vorbereitet?“
Der Direktor setzte sich und seufzte.
„Du gehst immer noch vom falschen Ansatz aus. Woher denkst du, kommen die Metas? Wie entstand deren Spezies?“
„Nun, nach allem was ich erfahren habe“, führte ich aus, „gibt es zwei Vorfahren für die Metas. Kain und Abel. Kains Seite ist mit dem Blutfluch belegt und er ist der Stammvater der Vampire.
Abels Stamm hingegen hat sich entgegen der Bibelversion auf die Seite von Kain gestellt und wurde daraufhin mit dem Tierfluch belegt, so dass aus ihren Nachkommen allerlei Wandler, oder Therianthropien, wie du sie nennst, wurden.
Kains Fluch durch Blut übertragen, wohingegen Abels Fluch an seine Kinder weitervererbt wurde.“
„Das ist die Version, die alle Metas implementiert bekommen“, ergänzte der Direktor. „Sie ist auch näher an der Wahrheit, als man glaubt.“
„Und was soll nun die Wahrheit sein?“, gab ich etwas bissig zurück.
„Nun zum Ersten“, begann er, „Gab es nie so etwas wie einen Stamm von Abel und Kain.
Eine von vielen Geschichten, die sich die PR-Abteilung Raphaels überlegt hatte.
Eine clevere Strategie, da sie der offiziellen Bibelversion widersprach. So wirkte sie für diejenigen, die einer offensichtlich falschen Wahrheit generell misstrauten, noch glaubwürdiger.
Gerade für eine Bande Mischwesen, die sich als neutral betrachteten. Als ob sie einen eigenen Willen hätten.“ Er lachte leise. Jetzt klang es gar nicht mehr so freundlich. Dann stand er auf und schaute aus der Fensterfront hinaus. „Sie sind nichts weiter als Werkzeuge. Oder besser- biologische Waffen. Die hier geschaffen wurden. Von mir und meinem Bruder. Der mich, was ebenfalls nicht stimmt, nicht getötet hat.“
Meine Augen wurden groß und ich sprang auf.
Der Direktor drehte sich langsam zu mir um.
„Deiner Reaktion nach entnehme ich, dass du verstanden hast, was ich damit sagen wollte.“
Er streckte mir eine Hand entgegen. „Dann können wir uns jetzt ja angemessen vorstellen, Nate.
Mein Name ist Abel, Sohn des Adam.
Erschaffer der größten biologischen Waffe, die jemals existiert hat:
Mutatio ex tellus animalis
Verwandelt aus beseelter Erde.
Oder kurz, META.
Willkommen beim Projekt Eden.“
" Was für Sie ein Forschungsergebnis ist, ist für mich eine Vergewaltigung der Natur." – Jurassic Park
Abel, Sohn des Adam. Das saß. Vor mir stand angeblich einer der ältesten Menschen der Geschichte. Und wahrscheinlich mit einer der unmenschlichsten, nachdem was er mir erzählte.
Noch bevor ich recht wusste, wie ich mit dieser Offenbarung umgehen sollte, fuhr Abel bereits mit seinem Vortrag fort. Was er mir über sein Schicksal und die Herkunft der Metas berichtete, sofern es der Wahrheit entsprach, war ein Riesending. Aber der Reihe nach.
Laut Abel waren die ersten Menschen, also Adam, Eva und ihre Kinder, in einer Zwischenwelt namens Eden heimisch. Das Konzept der Zwischenwelten war mir ja bereits bekannt.
Hier wurden sie als Prototypen der späteren Menschen, wie wir sie heute kennen und im Supermarkt treffen, getestet.
Lebensdauer, Sterblichkeit, Emotionen, Intelligenz, körperliche Belastbarkeit, Resistenz und Stärke- all das wurde hier in einem ersten Feldversuch durchgecheckt. Wie ich bereits wusste, ging es Gott bei der Schaffung der Menschheit primär um den Glauben, eine Art imaginäre Ressource, deren Energie die Maschinerie Gottes antreibt.
Der Glaube ist mächtig, wie mir schon oft vorgebetet wurde.
Ich hatte da meinen eigenen Slogan kreiert.
Gott schafft mit Gedankenkraft. Eine weitere kleine Randnotiz war, dass es für diese Macht einen weit geläufigeren Namen gibt, den ich durch Abel erfuhr: Mana. Ein Begriff, der in fast jedem Videospiel Verwendung fand und mit der Hiobsbotschaft des Gruppenheilers: OOM, oder out of Mana, der Wipe einer Abenteuergruppe meist kurz bevorstand. Was ein Wipe ist, müsst ihr selbst nachschlagen, ihr Noobs.
Das Ergebnis war, dass die erste Generation, laut Abel Erstmenschen genannt, zu stark und zu nah am Abbild Gottes war. Durch den freien Willen, der für die Glaubensgenerierung unabdingbar ist, waren sie in dieser Form ein zu großes Risiko für den Status Q.
Ich erinnerte mich an die Geschichte der Nephilim. Da wurde das Problem der Kräfteverhältnisse mit der Sintflut gelöst.
Da man diese Lösung wohl für zu radikal, beziehungsweise zu ressourcenaufwändig befand, wurde die gepatchte Version Mensch, die dann schlussendlich auf unsere Erde losgelassen wurde, um einiges abgeschwächt.
Ein wenig schmeichelhaftes Wissen, dass es sich bei unserer Menschheit, der Krone der Schöpfung, quasi um den zurückgebliebenen Vetter der Erstmenschen handelte.
Gott war dann mit uns sehr zufrieden, bedeuteten wir so keinen Ärger für ihn und sein Himmelreich. Brave kleine Schäfchen.
Aber was tun mit den bereits vorhandenen, beinahe engelsgleichen Menschen?
Gott sah ihr Leistungsvermögen und handelte sehr pragmatisch:
Er stellte sie in seinen Dienst. Doch dann kam der freie Wille ins Spiel und verärgerte Gott das erste Mal.
Denn Adam und Eva sahen es überhaupt nicht ein, eine Nebenrolle in der Schöpfung einzunehmen.
Also rebellierten sie, noch bevor Luzifer auch nur auf die Idee kam, das sowas überhaupt geht, gegen Gott. Ihnen stand, der eigenen Meinung nach, der Thron als Könige der Menschen auf Erden zu. Doch mittlerweile wissen wir ja, wie sehr Gott Konkurrenz leiden konnte.
Also wurden Adam und Eva aus Eden verbannt, und nicht einmal ihre Söhne wussten, was aus ihnen geworden ist.
Kain und Abel waren ihren Eltern zwar in den Aufstand gefolgt, doch hatten sie schnell ihren Widerstand eingestellt.
Daraufhin gab Gott ihnen die Chance, für ihn zu arbeiten. Da sie als Söhne der ersten Menschen mit hoher Lebensdauer, außergewöhnlicher Intelligenz und der menschlichen Neugier gesegnet waren, schlugen sie Gott einen Deal vor.
Sie würden für ihn weiter am Projekt Mensch forschen, um die Glaubensfähigkeit zu verbessern.
So wie es für Raphael und seine Musen eine eigene Abteilung gab, die sich ausschließlich mit den psychologischen Aspekten der Glaubensbildung beschäftigten, waren Kain und Abel für die Physiologie zuständig. Was konnte man aus uns alten Fleischsäcken rausholen, um noch mehr Mana raus zu quetschen? Während Kain sich auf den Bereich Virologie und andere übertragbare, ekelige Sachen spezialisierte, hatte Abel einen Fable für Genetik entwickelt.
In Zusammenarbeit mit der PR-Abteilung Raphaels erschufen sie dann so großartige Dinge wie verschiedene Sprachen, Religionen und Rassen.
Die makabre Prämisse dahinter lautete: Glückliche Menschen baten um weniger göttlichen Beistand als Menschen, die in Not waren oder Angst und Leid ertragen mussten. Daher waren potenzielle Konfliktherde üppig gesät worden.
Dann kam der Tag, an dem die alten Götter ausgedient hatten und entsorgt werden sollten.
„Und ich sollte diese Exterminierung leiten“, bemerkte er, nicht ohne Stolz in der Stimme. „Ich war ziemlich erfolgreich darin. Oder hast du schon einmal von den Septain-Göttern gehört?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Eben. Es existierten damals nicht nur die paar Götter, die dir heute ein Begriff sein dürften, wie die Asen oder die Olympier.
Es gab für jede Bevölkerungsgruppe welche.
Raphaels Aufgabe war es, jeglichen Beweis ihrer Existenz aus der Welt zu tilgen und mir fiel es zu, ihren körperlichen Zustand zu beheben.“
„Also sie zu töten“, schlussfolgerte ich entsetzt.
Er zuckte mit den Schultern. „Als Endresultat. Wir versuchten lange, den angerichteten Schaden wieder zu reparieren und sie zurück zu den ursprünglichen Engeln zu formen. Dies misslang aber.
Von daher blieb nur eine radikale Endlösung. Die Order dazu kam schlussendlich direkt von Gott.
Dann aber kam, durch einen Zufall, Luzifer nach Eden und erfuhr, was die Söhne Adams seinen verrückten Geschwistern mit Gottes Segen antaten und noch anzutun gedachten. Was er sah, gefiel ihm gar nicht und sein Aufstand gegen Gott begann.“
Mir fiel auf, dass seine Version sich an dieser Stelle exakt mit der Geschichte von Loki deckte. Sollte da also was dran sein?
Hat Luzifer eine Revolution angezettelt, weil er Mitleid hatte?
War Gott am Ende tatsächlich der Böse?
Abel erzählte indes weiter.
Während der Rebellion Luzifers teilten sich nicht nur die Lager der Engel; auch die Brüder fanden sich auf verschiedenen Seiten wieder.
Kain, dessen Forschungen auf weniger Begeisterung stießen als Abels, wandte sich ebenfalls von Gott ab. Da die Engel Luzifers denen von Gott zahlenmäßig weit unterlegen waren, versuchte Kain nun Menschen durch seine Forschungen zu verstärken, damit sie im Kampf für ihre Freiheit an der Seite Luzifers teilhaben könnten. Doch waren seine Experimente nicht ohne Nebenwirkungen. So schuf Kain den ersten Meta Typus. Den Vampir.
Die Vampire unter Kains Führung begannen ebenfalls, gegen Gottes Engel zu Feld zu ziehen. Und mit ihrer Hilfe schlugen Luzifers Rebellen Gottes Krieger tatsächlich zurück.
Gott war davon wenig begeistert und forderte den sofortigen Tod von Kain und seinem Gefolge.
Doch Abel, wenn auch nicht aus Geschwisterliebe, aber aus Respekt vor der Leistung seines Bruders, schlug Gott vor, eine Gegenpartei zu den Vampiren aufzustellen und dafür Kains Leben zu verschonen.
Er kombinierte die DNA verschiedener Tiere und magischer Wesen mit denen von Menschen und erschuf so die Golem.
Leere Gefäße, die seinen Befehlen, und damit denen von Gott, gehorchten. Ohne menschliche Seele aber erwiesen sich diese Kämpfer als bemerkenswert nutzlos, konnten sie ihr inneres Potenzial so nicht entfesseln.
Daraufhin erfand Abel eine Methode, die er als seine bisher größte Errungenschaft ansah.
Er kopierte das bekannte Reinkarnationsverfahren, in dem die Seele eines Engels in einem menschlichen Wirt wiedergeboren werden konnte und drehte es praktisch um.
Nun waren es die Seelen von Menschen, die er in die künstlich und genetisch verbesserten Körper der Golem extrahierte.
Das Prinzip der Wandlung hatte er sich von Kain abgeschaut, aber wo Kain den Infizierten durch das Blutvirus veränderte, der Mensch aber in seinem Körper verblieb, stahl Abel wortwörtlich die Seele aus dem menschlichen Gefäß und beseelte damit seine eigenen Züchtungen.
Im darauffolgenden, abschließenden Krieg überwanden die Heerscharen Gottes Luzifers Engel und Kains Vampire. Nach dem Fall des Morgensterns und seiner Einkerkerung im Abyss wurde nie offenbart, was mit Kain geschehen war.
Seine Geschöpfe indes ergaben sich der Gnade Gottes. Die meisten Engel plädierten dafür, die Metas sofort wieder zu vernichten.
Doch Raphael hatte andere Ansichten dazu. Denn für seine Musen und ihn waren es wahre Wunderweber. Durch kleinere Mirakel, Mythen und Sagen über magische Geschöpfe konnte mehr Mana generiert werden.
Förderung der Fantasie war offensichtlich ein ebenso guter Effekt wie das Verbreiten von Terror und Leid, zumindest in den richtigen Dosierungen gegeneinander abgewogen.
Außerdem waren die Metas an sich eine gute Rückversicherung, falls Luzifers Beispiel Nachahmer hervorbringen sollte.
Doch ein Problem bestand dabei. Das Bewusstsein und den freien Willen aus ihrem vorherigen Leben als Mensch. Aber auch hier hatte Raphael die richtige Lösung parat.
Zusammen mit Abel bauten sie Eden zu dieser Anlage um. Hier erforschten sie nicht nur die körperlichen Möglichkeiten, sondern konditionierten die beseelten Golem komplett neu.
So wurden die Erinnerungen der nun vollwertigen Metas soweit verändert, dass sie sich ihrer traumatischen Entrückung nie bewusstwurden.
Dazu ersonnen die Musen unter Raphaels Regie die Geschichten rund um den Bruderzwist. Eine Nebenreligion, speziell für Gottes neue kleine Spielzeuge, wurde erschaffen.
Die ersten Generationen der Vampire, die im großen Krieg kämpften, wurden schlichtweg ausgerottet. Die Nachfolgenden hingegen kannten dann nur die Legenden ihres Stammvaters Kain.
So gesehen, unterschieden sich die Metas nur noch wenig von ihren nächsten Verwandten, den Menschen. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass Metas nicht in der Lage waren, wie die Menschen zu glauben und damit die Macht der Celes zu mehren.
Mit dem Aufkommen der Hölle und den Konflikten mit den Dämonen aber, erklärten sich die Metas irgendwann für Neutral und begannen, für beide Seiten zu arbeiten. Ein Zwist, den Gott billigend in Kauf nahm. So konnten neue Feindbilder und Schauergeschichten für die Menschen geschaffen werden.
Und das bedeutete, mehr Glaube für alle.
„Aber wie kann dies sein?“, unterbrach ich Abel. „Ich habe mich mit einigen Metas unterhalten. Darüber, wie sie aufwuchsen, ihre Familien. Das soll alles nur erfunden sein?“
„Eingepflanzt“, verbesserte mich Abel. „Ist dir nie aufgefallen, dass es keine Kinder Metas gibt? Warum also zeigen sich die Mutationsfähigkeiten bei Wandlern erst ab der Pubertät? Oder warum können Vampire keine Nachkommen zeugen oder Kinder in welche verwandeln? Praktisch, nicht wahr? Es ist sogar einfacher für den neu erschaffenen Meta, sich in seinem neuen Körper zurecht zu finden, wenn es in der Familie bereits Metas gibt. Die Akzeptanz ist deutlich größer.“
Ich legte die Stirn in Falten. „Also, wie darf ich mir das vorstellen? Ihr entführt junge Menschen aus ihren Betten, bringt sie hier in euer Frankensteinreich und transferiert ihren Geist in andere Körper?“
„Sehr trivial dargestellt, aber vom Prinzip richtig“, bestätigte Abel meine Theorie.
„Und es merkt keiner, dass sie fehlen?“, fragte ich wenig überzeugt nach.
Abel schmunzelte. „Das überrascht dich? Ich denke, dir ist das Prinzip der Zonen schon begegnet, oder? Außerdem gehen die Uhren in Eden anders als auf deiner Welt. Ich nehme sogar an, dass die Erde die Zwischenwelt mit der langsamsten Zeit-Rate ist. Das ist wohl der Kurzlebigkeit der Menschen geschuldet.“
„Also war Duke bis vor ein paar Jahren ein ganz normaler Mensch, den ihr dann Alienmäßig entführt und ausgetauscht habt?“, fasste ich zusammen.
Abel nickte. „Jeder Therianthrop, den es in deiner Welt gibt, war einmal mein Patient. Vampire natürlich nicht. Die vermehren sich durch Kains Methode weiter. Hin und wieder wird mir mal einer zu Forschungszwecken überlassen, aber ich muss leider zugeben, dass ich die Forschungsarbeit meines Bruders bis heute nicht entschlüsseln konnte.“
„Und was passiert mit Metas, wenn sie sterben? Kommen sie dann in den Himmel? Oder in die Hölle? Werden sie wiedergeboren?“, hakte ich, unwillkürlich fasziniert, nach.
„Nichts davon“, erwiderte Abel knapp. „Sie sind korrumpiert.
Sie gehen direkt ins Purgatorium und gehen ihrer Bestimmung nach.“
„Die da wäre?“
„Es sind Waffen. Also werden sie in den Krieg geschickt“, fügte Abel mit ungeduldigem Ton hinzu.
„Von was für einem Krieg redest du?“ Das waren für mich vollkommen neue Informationen.
Abel zog überrascht die Augenbrauen hoch.
„Du weißt es nicht? Laut meiner Kontakte warst du doch auf den Weg dorthin. Und du hast keine Ahnung, was dich da erwartet? Der wahre Grund, warum es euch Menschen überhaupt gibt?“
Er grinste amüsiert.
Ich verstand immer noch nichts.
Aber ich spürte, hier und jetzt schien sich endlich die Gelegenheit zu ergeben, Klarheit zu erlangen. Zu verstehen, warum ich auf dieser Reise war. Mehr noch, warum es die Menschheit gab.
Nichts anderes als der Sinn des Lebens!
„Nein?“, wagte ich vorsichtig zu antworten.
Abel musterte mich einige Sekunden.
Dann zuckte er mit den Schultern. „Es ist auch egal. Für dich ist deine Reise hier vorbei.“
Als hätte man mich mit Eiswasser übergossen, wurde ich aus meiner faszinierten Starre gerissen.
„Was hast du mit mir vor?“
Abel widmete sich wieder seinem Tablet. „Nach Abschluss ausgiebiger und vieler Tests und einiger hoffentlich aufschlussreichen Experimenten? Nun, ich erhoffe mir durch dich nicht weniger als einen Durchbruch in der Metalogie.“
Er lachte unheimlich. „Die Nephilim in dir sind der Schlüssel zu meinem Sieg. Dann kann nicht einmal Gott etwas gegen mich ausrichten.“
Ich fröstelte. „Ich dachte, du arbeitest für ihn. Bist du Gott nicht treu ergeben?“
Er erwiderte mit einem abschätzigen Schnaufen. „Gott? Meine Familie wurde durch seine Engel ausgelöscht oder verschleppt.
Aus Neid auf unsere Gaben. Ich wurde hier eingesperrt. Seit Jahrtausenden bin ich nun schon hier. Dazu verdammt, die Drecksarbeit auszuführen. Nein, Nathaniel, ich war und bin Gott nie treu ergeben gewesen, ebenso wenig wie mein Vater oder mein Bruder. Doch war ich stets der Geduldige. Ich habe auf meine Chance gewartet. Und mit deiner Hilfe werde ich früher oder später einen Weg finden, dieses ganze Theater zu beenden. Gott wird fallen. Und seine ganze Schöpfung mit ihm.“
Das reichte mir. Noch so ein größenwahnsinniger Menschenfeind. Ich spannte mich an, überzog meine Haut mit einer Eisschicht und sprang vorwärts. Ich rechnete jederzeit damit, dass ich durch die Sicherheitssperre wieder zu Boden gehen würde, doch anscheinend war das Sperrfeld nur innerhalb der Kuppel oder in den Zellen aktiv.
Mitten im Flug formte ich eine Eislanze um meinen rechten Arm und zielte auf Abel. Doch plötzlich traf mich etwas hart und ich wurde zur Seite gefegt.
Ich sah Sterne tanzen, als Abel auf einmal über mir stand.
„Mach dich nicht lächerlich. Ich bin einer der Erstmenschen, der Sohn Adams. Deine lächerlichen Magiefertigkeiten sind mir nicht gewachsen. Als Nephilim wärest du eine interessante Herausforderung geworden, so jedoch bist du meiner persönlichen Aufmerksamkeit nicht wert. Aber ich habe den passenden Gegner für dich. Das wird sehr aufschlussreich.“
Bevor ich etwas sagen konnte, traf mich Abels Fuß im Gesicht und ich wurde instant ausgeknockt.
Als ich wieder zu mir kam und mich fast an dem Geschmack meines eigenen, getrockneten Blutes übergeben musste, brauchte ich noch eine Weile, um zu registrieren, dass ich nicht in meiner Zelle war.
Was mir als Nächstes bewusstwurde und mir überhaupt nicht gefiel war die Tatsache, dass ich splitterfasernackt war.
Ich tastete mich an einer Wand, langsam und schwer schnaufend, auf die Beine. Als ich stand, hatte ich einige Sekunden mit Schwindel zu kämpfen.
Der Dreckssack hatte mir ordentlich den Schädel eingetreten.
Ich blinzelte in den, durch Neonlicht grell erleuchtenden, Raum.
Er war rechteckig und ungefähr so groß wie ein Hallenfußballfeld, allerdings mit mindestens sechs Meter hohen Wänden.
Decke, Boden und Wände waren alle einheitlich Weiß. Und das war auch schon alles. Keine Fenster, keine Türen. Einfach nur eine große, weiße Halle.
Ich durchschritt den Raum, zunächst etwas unsicher, dann aber gab sich das Schwindelgefühl langsam.
Ein Zischen ließ mich herumfahren.
Offenbar waren auch hier die Türen verborgen, denn durch eine waren nun einige dieser kleinen Gollumviecher hereingetreten.
Doch entgegen meiner ersten Erfahrung mit Ihnen, waren diese Exemplare wohl nicht hier, um mich aufzufressen.
Anstelle dessen schoben sie eine geschlossene Kiste aus poliertem Chrom auf Rollbrettern in den Raum. Von der Größe und Form erinnerte sie mich an einen Sarg. Dann verschwanden die kleinen Kreaturen flink durch die sich hinter ihnen schließende Tür.
Ich wartete einige Momente ab und überdachte meine Optionen.
Da ich keine hatte, näherte ich mich widerstrebend der Kiste.
Nach einer kurzen Untersuchung entdeckte ich den Riegel an der Seite. Offenbar hatte die Box einen Deckel. Ich musste kurz an den Film Sieben denken. „Was ist in der Kiste?“
Ich hoffte inständig, dort keinen Kopf vorzufinden, als ich langsam den Riegel löste und den Deckel anhob. Ich erkannte Seren und stieß die Abdeckung komplett zur Seite.
Sie war bewusstlos. Und nackt, wie ich erst auf dem zweiten Blick realisierte.
Ich nahm alle meine Kräfte zusammen und fokussierte mich auf ihre geschlossenen Augen, als ich sie vorsichtig an den Schultern rüttelte und ihren Namen sagte. Sie stöhnte leicht. Ich war erleichtert. Zumindest war sie noch am Leben.
„Projekt Nephilim. Beginn des Experiments 01“, hörte ich auf einmal eine hallende Durchsage durch die Halle. „Die ersten Probanden sind platziert. Fahre mit Phase 1 fort.“
Ich blickte zur Decke hinauf. „Ist das dein Ernst, Abel? Du steckst uns nackt in einen Raum? Was für eine Art Forscher bist du? Worauf hoffst du hier? Auf einen himmlischen Ständer?
Geilt dich sowas auf? Und wenn wir schon dabei sind, was genau? Bist du der warme Bruder von euch beiden gewesen?“
Einige Sekunden herrschte Schweigen.
Dann hörte ich eine zweite Durchsage.
„Phase 1 einleiten.“
Dann wurde eine weitere Tür am anderen Ende der Halle geöffnet. Die hässlichen Minions schoben einen weiteren Metallsarg in den Raum und verschwanden sofort wieder.
„Nate?“, hörte ich Serens zittrige Stimme hinter mir. Ich wand mich um und sah sie zu meiner Erleichterung zu sich kommen.
Ich ergriff ihre schmale Hand. „Alles gut, ich bin da!“, versuchte ich sie zu beruhigen. Auch sie hatte wohl mit Schwindel zu kämpfen. „Wo sind wir?“
„In Dr. Abels Gruselkabinett.“
Ich sah wieder zu der anderen Kiste hinüber.
„Ich bin gleich wieder da“, sagte ich. „Ach und Seren? Bitte steh nicht auf. Je weniger ich von dir sehe, desto weniger peinlich wird das für uns alle.“
Trotz ihres noch benebelten Zustandes kam sie schnell darauf, worauf ich anspielte.
„Wo zur Hölle sind meine Sachen?“, stieß sie hervor.
„Der perverse Wissenschaftler hat sie. Ich erkläre es dir gleich, ich will nur schnell nachsehen, was hinter Tor Nummer zwei ist.“
Ich lief zu der anderen Kiste hinüber, was nebenbei bemerkt, nackt ziemlich unangenehm war, von wegen Pendeleffekt, und öffnete direkt den Riegel.
In der Kiste lag Duke, und welch Überraschung, auch er war nackt. Wobei man aber bei seiner Körperbehaarung sagen musste, dass er auch nackt immer noch angezogen war.
Ein echter Werwolf, wie er im Buche stand.
Bei ihm ging ich weniger sanft vor und rüttelte ihn kräftig durch. „Hey, alter Hund! Aufstehen.“
Er grummelte, grunzte und schlug fluchend die Augen auf.
„Nate“, gab er mit rauer Stimme von sich, „verdammt gut, dich zu sehen.“
Ich nickte leicht. „Die Umstände könnten besser sein. Kannst du aufstehen?“
Er erhob sich stöhnend. „Ich könnte eine helfende Hand gebrauchen.“
