Weltherz - Markus Steiner - E-Book

Weltherz E-Book

Markus Steiner

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Beschreibung

»Da bohrt einer dicke Bretter, das dicke Brett Leben und das andere dicke Brett Sprache.« Andreas Altmann »Weltherz« erzählt die Geschichte von Markus Steiner, der sich mit 37 Jahren auf die Suche machte: nach Wirklichkeit und echter Verbindung in einer Gesellschaft, die zunehmend künstlich und leer wird, von der Natur entkoppelt. Er kündigte seinen Job als Marketingmanager in einem Online-Start-up, verließ die paradiesische Monotonie des einsamen Großstädters und ging auf Weltreise - langsam und ohne festen Wohnsitz. Er lief zum Mount Everest, durchquerte den australischen Kontinent mit dem Zug, fuhr per Anhalter in Japan, litt an indischem Fieber, meditierte in einem Kloster in Thailand, fand in Israel das Glück im Zufall und in Indonesien einen Guru. Seine Storys sind intensiv und poetisch, abenteuerlich und verlockend. Durch seine Sprache werden Begegnungen lebendig und die Welt ein farbiger Ort, den man braucht, um Frieden zu finden, um frei zu sein.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Mit 24 Seiten Farbbildteil, drei Schwarz-Weiß-Illustrationen und einer Karte

 

ISBN 978-3-492-97716-6

September 2017

© Piper Verlag GmbH, München 2017

Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de

Covermotiv: Markus Steiner (in Phortse Tenga, Himalaja/Nepal)

Redaktion: Ulrike Gallwitz, Ebringen

Karte: Johannes Klaus, Berlin

Illustrationen: Filipe Santos, Lissabon

Bildteilfotos: Markus Steiner, Lissabon

Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe

 

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PrologoderVom Aufbruch

Noch vor meinem vierzigsten Geburtstag wollte ich entdecken, wer ich wirklich bin. Herausfinden, was ich mit meiner Lebenszeit anstellen möchte. Ich wollte keine Mensch-Maschine sein, die Geld generiert. Kein Panther hinter tausend Stäben. Kein Kästchen bewohnen. Ich wollte leben, mich lebendig fühlen. Ich wollte wissen, auf welche Weisen man leben kann. Ich wollte die Vielfalt der Welt erfahren und mit der Natur verbunden sein. Ich wollte Klarheit. Ich wollte meine Natur aufspüren, mein Wesen, meine Identität. Ich wollte dem leisen und lauten Singen meiner Seele lauschen. Die Stimmen der Welt hören. Von der Magie kosten – ehe es daran ging, mich einzurichten. Ich wollte einen Fuß in Landschaften setzen, die ich noch nicht kannte. Ich wollte ein freies, einfaches, ein reiches Leben. Ich entschied mich, auf Reisen zu gehen. Die Reise verwandelte mich.

Wenn es für mich so etwas wie eine Gebrauchsanweisung zur Freiheit gibt, dann hat sie der Schriftsteller Edgar Allan Poe als »vier Voraussetzungen des Glücks« vor Langem aufgeschrieben:

 

Das Leben im Freien,

Die Liebe zu einem Menschen,

Die Loslösung von jedem Ehrgeiz,

Die schöpferische Tätigkeit.

 

Ich kündigte 2001 meinen Job bei einem Internet-Start-up. Packte meinen Rucksack und zog sechs Wochen später los Richtung Himalaja, die Berggiganten Nepals anstaunen. Seitdem reise ich, Daumen in den Wind, folge meinem Instinkt, jeder wilden Fantasie, und setze auf Vertrauen, das wir als Fremde immer brauchen, als verbindende Kraft für die schlummernden Beziehungen. Zu uns selbst, der Welt und den Menschen.

Ich begann, ein Tagebuch zu schreiben. Denn beim Beatnik Jack Kerouac las ich vom Wert eines solchen Buches: Alles, was man in ein Tagebuch schreiben würde, gleich wie banal, sei später immer von außergewöhnlichem, beinahe qualvollem Interesse, notierte er in Anlehnung an die Worte des Schriftstellers Julien Green. Ich schrieb meine Gedanken auf und die Geschichten, die mir unterwegs begegneten, die vom Leben erzählen sollten. Ich hielt fest, was erfahrbar war. Dies sind die Aufzeichnungen meiner Reise. 

 

Teil 1

 

ISRAEL

Bequemlichkeitstrance und Freiheitsschwüre

Eins

Seelenreise

Ich trage noch meinen Winterpulli. Nennt mich verrückt. Alles beginnt heute. Alles. Sitze da, am Strand – auf meinem Rucksack und neben meinem vorläufigen Gefühl: alles ziemlich verrückt und wackelig. Weil es nicht mehr so sein würde, wie es einmal war.

Nach vier Stunden Passkontrollenduell und Generalverdachtswahnsinn am Ben Guiron Airport atme ich Tel Aviv ein. An einer menschenleeren Kreuzung am Ende der Allenby Road bin ich müde aus dem Taxi gestolpert. Mehr noch als das überfließende Licht, die unverwandt rauschende See und die Morgenstille haut mich die leichte Luft um, die warm und sanft – so lautlos wie ein Landstreicher – an meinem Gesicht entlangstreift. Eine ganze Weile schaue ich der Aufführung der Möwen über dem offenen Meer zu. Ich werde seelenruhig. Ich höre mich atmen.

Wohin hätte ich besser aufbrechen können als an den Ort, wo diejenigen hinströmen, die sonst nicht wissen, wo sie bleiben sollen. Einen Ort, an dem es nicht weiter auffällt, wenn man laut fragt: Warum bin ich hier? Was ist mir heilig? Und gerade erst ein paar Schritte in der Welt unterwegs, erhalte ich die Quittung all der wunderbaren Möglichkeiten und laufe Gefahr, gleich zu Beginn dieser Reise an Fieber zu erkranken, am Stendhal-Syndrom zu verzweifeln: Tel Aviv. Kann kaum begreifen, was da wirkt. Kann ein Ort so leicht, so schön sein? So aufsässig, mutig, trotzig? Kann Freiheit ein Verführer sein, reich und süchtig machen? Kann man so federleicht das Leben lieben?

Manchmal erliege ich einer Illusion, die mich antreibt. Der Illusion, die besonders intensiven Augenblicke des Lebens einfrieren zu können. Solange ich daran denke, kann mir nichts passieren. Will durchs Leben schlendern, will das Leben verehren, weil es mir gelingt, dass Weltherz und Sinne voll auf Empfang stehen. Jeden schalen Alltag will ich mir vorwerfen, keineswegs den Alltag hinrichten.

Am Strand von Tel Aviv schmecke ich das würzige Aroma des Abenteuers, das vor mir liegt: Dem Fremden auf den Leib zu rücken, es zu bedrängen, daran zu rütteln – es auszuhalten. Mein Hunger wird gestillt werden von allen Versuchungen, die ich am Wegesrand aufsammeln will. Und von Shakespeares klingender Liebesmusik: »I shall be gone and live / or stay and die.«

Der Sonnenaufgang riecht nach Schischa. Zwei Araber und ein Israeli sitzen nicht weit von mir, ziehen gemeinsam an einer Wasserpfeife. Die unzähligen Nationalitäten und Völker im winzigen Israel, nicht größer als das Saarland. Jeder hat seinen Grund zu kommen. In Israel, heißt es, habe man immer zwei Gründe für Aufbruch und Ankunft: einen, den man sagt. Und einen, den man besser verschweigt.

Es ist ein Montag im Oktober, 4 Uhr 30. Mein Kopf ist auf meinen Rucksack gestützt. Ich liege reglos im Sand und döse. Niemand war an der Rezeption meiner Pension anzutreffen, als ich an die Tür klopfte. Ich beschloss, auf das Zimmer zu pfeifen, den Rest der erschöpften Nacht in den Himmel zu starren und zu hören, was das Meer mir sagt.

Ein Aufbruch, ein Anfang, so groß, so blau, so leise wie Liebe. In das Morgengrauen gekippt, der Blick auf das weite Meer, ohne Unterschlupf, ohne Ziel, ohne Weg. Bewaffnet mit Plänen, die nur vage durchschimmern. Ich sehe, wie die Sonne Tel Aviv wach küsst. Die Surfer sind da, wenig später die Hitze. Dann stehe ich auf und schwimme im Meer.

 

Tief hinabtauchend sinke ich zu meinen Gedanken, schleppe mühsam hinauf, was mich nach Tel Aviv brachte.

Am Flughafen sah ich die Werbeplakate einer global agierenden Bank (Global, voll gut. Weltweit Kohle abheben! Kostenlos!). Auf vier Plakaten waren abgebildet: Kinderhände (Untertitel: »Potential mit 0«), ein Student (»Aufbruch mit 20«), ein Business-Mann mit Champagnerglas (»Erfolg mit 46«) und Hände, die Weinreben wiegen (»Herausforderung mit 58«). So bitte leben. So stellte man sich also mein Leben vor. Denken einkassieren. Abhängigkeit zementieren. Das Leben als Skript, ein Drehbuch, wie bei der Truman-Show. Trifft man diese Wahl, gibt es keine Wahl mehr. Das war’s dann. Selbst wenn ein Riss den Himmel durchschneidet.

Immer sollen wir das Leben anderer wollen. Es kommt so hübsch als Ganzes, als Einheit daher, als heißgemangelter Anzug von der Stange. Ich folgte einer Route, die bedenklich auf Bürgerlichkeitstrance zusteuerte, auf einen Lebensstil, den andere schon für mich entworfen hatten. Ich wählte den Anzug nicht einmal richtig selbst. Manchmal erhält man Stoff von minderer Qualität. Was wusste ich denn schon, wer ich war? Was wusste ich denn schon, was ich brauchte? Was gut tat?

Ich war abhängig. Ein Tramp moderner Zeiten. Digitaler Knecht. Wie in Chaplins Film »Modern Times« sangen jeden Morgen die Sirenen der Arbeit, dann die Melodien der Business-Unterwürfigkeit – und abends noch schnell irgendeinen Anbieter wechseln. Der Samstag war dann für das Amazon-Paket da. Ich war abhängig, so war’s. Von Unternehmen, Terminen und Stimmungen, Trends, Technologie und der Telekom, von Menschen, Meetings und Meinungen, von Verpflichtungen und Zwängen.

Das erregende und erfüllende Gefühl des Aufbruchs: Milchiges Licht bricht plötzlich durch alle Ritzen. Man gibt etwas auf. Den Komfort des Wissens. Man bricht auf, in einen Zustand des Nicht-Mehr-Wissen-Wollens. Heute sehen wir nichts mehr, was wir nicht vorher erwarten. Unser Leben wird von Algorithmen bestimmt. Sie berechnen, wie wir leben wollen. Sie beantworten die wichtigsten Fragen – die an uns selbst. Wir verwechseln ihre Berechnungen mit unserem Denken. Ich will das Denken zurückerobern. Ich will mit eigenen Augen sehen, nicht fragen: Wie ist es da drüben? Ich will hin, will fühlen, will spüren.

Das holprige, haltlose Leben auf der Straße will ich zu meinem Prinzip erheben. Ein Streifzug durch die Welt. Konnte losgehen. Jetzt mal Gegenwart. Kein neues Leben. Aber einen Ort zum Leben: Tage. Kurs Voraus, laufe los, steige ein, in das Flugzeug nach Tel Aviv. Und Udo Lindenberg wusste, warum, er hat es besungen, »Das Leben«: »Nimm dir das Leben / und lass es nicht mehr los / greif’s dir mit beiden Händen / mach’s wieder stark und groß / lass die andern weiterhetzen, weiterhetzen – wir nich’ / wir streunen locker durch die Gegend / mal sehn wohin es uns so bringt.«

Spazieren zum Rothschild Boulevard. Bauhaus-Bauten. Ich sitze in einem Café, ein Glas Granatapfelsaft vor mir, Palmen am Rand der abschüssigen Straße. Brandungssound auf der Tonspur. Ein Mann auf einem Fahrrad fährt mit einem Surfbrett unter dem Arm die Straße hinunter. Ein Liebespaar schlendert ihm entgegen. Das Paar lacht und küsst sich. Das Mädchen vergräbt den Kopf an der Schulter des Jungen. Auf dem Rücken des Mädchens baumelt ein Maschinengewehr. Gegenüber eine junge Frau, die ein blaues T-Shirt trägt. Aufschrift: »Imagine Peace Everywhere«. So sieht das Weiterleben aus an einem Ort, an dem sie jungfräuliche Seelen in Uniformen stecken und sie für etwas kämpfen lassen, was sie Freiheit nennen wollen. Was in Tel Aviv unverzüglich haften bleibt, sind die Widersprüche. David Sedaris wusste: »Speed eliminates all doubt.« Geschwindigkeit vernichtet allen Zweifel, befeuert Gedankenroutine und unseren vielleicht größten Irrtum: die Verwechslung von Bequemlichkeit und Freiheit.

Tel Aviv blickt mir in die Augen. Wer auch immer mir begegnet, schaut mich an, mit interessiertem, mit respektvollem Blick, der fragt: Wer kommt da? Wer bist du? Und der flehend fordert: Erzähl mir deine Geschichte! In Tel Avivs Augen lodert noch aufmerksames Interesse. Jetzt falle ich in grüne Augen, versinke dann in blaue, braune, schwarze. Ein Bündel flammender Blicke folgt, fröhliche, funkelnde, leuchtende, glänzende, scheinende, strahlende, kaleidoskopartige, große, kleine, runde, schmale, aufgerissene, verdrehte, verweilende, sezierende, suchende, hektische, geschminkte, ungeschminkte, melancholische, teuflische, engelsgleiche, fragende, nickende, blitzende – Lebensbeweise.

Wir haben verlernt. Zu fragen, zu bitten, zu sehen. Hinzusehen. Uns anzusehen. Wir verschenken keine Aufmerksamkeit mehr. Wir nehmen nur noch. Immer dann, wenn wir Empfang haben, mit den paar Zoll Display. Wir betrachten Dinge, begehren und verehren sie. Und wir stürzen unsere Welt damit ins Chaos.

Dabei genügen unserem Gehirn zweihundert Millisekunden, um ein einzelnes Gesicht zu erkennen, und man sagt, es brauche auch nicht viel länger, um sich zu verlieben. Und wenigstens diese eine Sache, die wir lieben, braucht unsere Seele doch. Das ist es doch wert, das Leben. Warum tun wir es so selten?

Zwei

Grenzland

In der Nacht zuvor: Jenseits der weißen Linie, dort drüben, das ist Israel. Ich weiß, dass Luise, die in der Warteschlange nebenan wartet, kein Weiterflugticket besitzt. Sie hat es mir mit einem lustvollen Blick kurz vor der Landung verraten. Sie wolle zum »Sukkot«, dann in Israel abtauchen, mal in eine ganz andere Rolle schlüpfen, gibt sie sich geheimnisvoll. »Komm mit«, ruft Luise über die Schlange spähend hinweg und lacht. »Komm mit mir!« Meine Sehnsucht, nicht mehr unter Rollen begraben zu werden. Meine Sehnsucht nach Wirklichkeit, Echtheit.

In meiner Tasche steckt ein Ticket, denn ich will später weiter, in den Himalaja, meinen Sehnsuchtsort. Wir stehen und warten, die Einreiseschalter aus Glas in weiter Ferne. Ich fühle mich sicher. Vor dem Spiegel hatte ich ein paar Antworten und Contenance einstudiert. Dabei wollte ich bleiben, egal, was kommen sollte. Es hieß, wenn man dann Israel betreten würde, wenn man die Grenze überwunden habe, wenn die Tür erst offen stünde, dann ließen die Israelis für jeden Ankömmling einen Luftballon an die Decke der Ankunftshalle aufsteigen. Es hieß auch, man solle sich den Einreisestempel besser mal auf einem separaten Blatt geben lassen. Es hieß so einiges. Dann trete ich vor den Tresen, hinter dem die Einreise-Dame generalverdächtigt.

Passport!

Ich schiebe meinen grünen, vorläufigen Reisepass herüber, auf dem – mit goldenen Buchstaben – Bundesrepublik Deutschland gedruckt steht.

Woher?

Hierher gucken!

Die Frau ist jung, sie hat lange schwarze Haare, sie ist hübsch, sie gibt Befehle. Sie befragt, ohne mich anzublicken. Sie macht ihre Arbeit. Sie macht sie gründlich, Fakten anhäufend. Jetzt keine Widersprüche. Schön unverdächtig. Ich werde verhört:

Warum kommen Sie?

Wie viele Personen in Israel kennen Sie? Niemanden?

Wohin weiter?

Flugticket zeigen!

Warum danach Indien?

Warum nicht erst Indien, dann Israel?

Wie viel Geld besitzen Sie?

Tourist, ja?

Ist das Ihr Rucksack? Ist da ein Reiseführer drin?

Herzeigen!

Genaue Route?

Jerusalem? Was wollen Sie in Jerusalem?

Und dann fällt mir das Pilger-Hospiz ein, weil die junge Hübsche weiter fragt, wo ich in Jerusalem wohnen würde. Und ich antworte, was mir durch den Kopf geht. Für einen Augenblick scheint mir, als hätte ich ein Lächeln auf ihrem Gesicht registriert.

In einem christlichen Hospiz, ja?

Der Teil mit dem Hospiz, nein, der war nicht vor dem Spiegel einstudiert. Mein Kopf schwirrt. Ich beginne plötzlich so leichtfertig davon zu sprechen und weiß nicht, warum. Ich denke: Das war’s wohl, und mir gehen fensterlose Räume durch den Kopf.

Sie sind religiös?

Sagten Sie nicht, Sie kennen niemanden in Israel?

Wo genau ist das Hospiz? – Mal mitkommen!

Meine Zeit am Tresen ist abgelaufen. Den letzten Befehl erteilt mir der kleine Mann mit dem ausdruckslosen Gesicht, der aus dem Nichts auftaucht und nun meinen grünen Pass in der Hand hält. Er hatte dem Verhör nicht beigewohnt. Jemand muss ihn gerufen haben. Die junge Hübsche sehe ich nicht wieder.

Ein anderer Raum, mehr Befehle.

Hinsetzen!

Warten!

Ich warte. Eine halbe Stunde, eine Stunde, eine weitere halbe. Das ist das Ziel dieser Wartezeit: dass meine Selbstsicherheit ordentlich runtergedimmt wird.

Der Mann trägt eine olivgrüne Uniform mit Abzeichen. Glatt rasiert hantiert er mit Pässen, Telefonhörern, Tastaturen, rangiert mit Stempelkissen und verschiedenen Stempeln. Es ist alles wie im Film »Der Schneemann«, in dem Marius Müller-Westernhagen, einen Drogendealer spielend, verhört wird. Ich fummele, situationsadäquat vorausschauend, in meiner Hosentasche nach Dollar-Scheinen, die Verhandlungsmasse summierend. Doch die Situation biegt dann anderswo ab. Keine Rede von Dollar-Scheinen. Der Mann schaut nicht mal herüber. Nur einmal blickt er auf: Als ich meinen zweiten Reisepass auf dem Haufen Dinge auf seinem Schreibtisch ablege. Er nimmt den Pass mit zwei Fingern auf und schwenkt ihn im Schein der Schreibtischlampe. Der Mann schaut den Pass misstrauisch, aber nicht uninteressiert an. Wie ein Beweisstück.

Ich befinde mich ein bisschen in der Defensive jetzt. Er stellt mir die gleichen Fragen wie zuvor die Frau. Nur bekomme ich diesmal keine Atempause. Ich versuche mich unermüdlich daran zu erinnern, was ich zuvor schon geantwortet hatte. Dann aber befiehlt er, alle Gegenstände meines Rucksacks auf seinen Tisch zu legen.

Zwei Pässe? Warum?

Welche Stempel sind da drin?

Er will von mir hören, was er gleich selbst sehen wird, erst dann nimmt er das Blättern auf. Es ist ganz frisches, beinahe ungestempeltes Bundesdruckerei-Papier.

Was wollten Sie in Amerika?

Zehn Tage nur, ja?

Er wittert irgendeine Fährte. Er stürzt sich förmlich auf sie. Er muss Bestätigung fühlen, das gibt ihm Auftrieb. Wie gut, dass ich hier vor ihm sitze, meint er wohl. Bei ihm erfahre so einer wie ich die richtige Behandlung. Seine Gesetze gelten hier. Er blättert weiter. Was er dann entdeckt, passt in seine Generalverdachtsarbeit.

Warum haben Sie das Indien-Visum in einem zweiten Pass versteckt?

Warum lügen Sie?

Natürlich hatte ich das Visum nicht versteckt. Und es war auch keine Lüge. Natürlich wirft er es mir nur so hin. Ich reise mit zwei Pässen, weil ich nach Indonesien will. Ein Israel-Stempel im Pass gilt dort nicht als Empfehlungsschreiben.

Eine lange Pause. Dann blättern. Hantieren und Rangieren. Missmutiges Blicken. Nach einer Weile fliegt eine Tür auf. Ein anderer Mann in Zivil, flüsternd. Dann wird ein anderer Pass gestempelt und wort- und blicklos an einen weiteren Mann gereicht. Die Männer machen Gebrauch von ihrer einzigen Waffe, die gleichwohl gut in der Hand liegt: Mich dem einsamen Gefühl auszuliefern, nicht zu wissen, was als Nächstes geschehen wird.

Ich sitze hier fest. Ein Niemand, im Niemandsland angekommen, wenn es so etwas gibt auf israelischem Boden. Und dann kommt es anders. Weil mich ein alter Bekannter, ein gnadenlos ungerechter Gefährte einholt: das Glück. Der Uniformierte spricht kein weiteres Wort mit mir. Er scheint sich nicht mehr für mich zu interessieren.

Plötzlich ist Luise da. Mit ihrer blauen Jeansjacke, ihren langen blonden Haaren und ihrer Verlorenheit. Er befiehlt ihr, sich auf den Stuhl vor seinen Tisch zu setzen, und Luise schrumpft.

Dann drückt er bedacht missmutig einen seiner Stempel in meinen Pass. Und schiebt ihn bis kurz vor die Schreibtischkante, aber nicht weiter. Es sind seine Regeln. Bis zum Schluss. Es ist sein Land. Grenzland.

Ich greife nach dem Pass, blicke Luise ein letztes Mal flüchtig an, stehe auf und gehe. Wohin, weiß ich nicht. Kann nicht einmal sagen, ob ich gehen darf, frei bin. Aber ich weiß, ich werde nicht mit Luise gehen. Es hängt immer davon ab, wer auf der anderen Seite auf dich wartet.

Die Tür zur Ankunftshalle schiebt sich vor mir aus dem Weg. Und ich sehe Luftballons unter der Decke.

Drei

Anastasia

Ich treffe Anastasia das erste Mal auf der Allenby Road. Ihr Joint ist fast aufgeraucht, Asche segelt herab. Von ihrem Kopf baumeln braune Locken. Vor mir das sagenhaft scharfe Humus, das nach einer guten Prise Kreuzkümmel und Koriander riecht. Wir hocken auf dem Gehsteig. Anastasias Schicht in dem Fast Food-Restaurant ging gerade zu Ende. Und über uns gießt der orientalische Sternenhimmel sein natürliches Nachtlicht aus.

Wenn man in der Fremde steckt, dann kommt man einer Stadt am besten nachts auf die Schliche, nur dann verrät sie einem, was sie zu verheimlichen hat. Der Tag ist bloß das Negativ. Nachts funkelt die Stadt in einem wahrhaften Licht. Das Blasse bekommt Kontur, wie bei einem Polaroid.

Mit einem Blick aus der Ferne kommt einem Tel Aviv vor allem in der Finsternis der Nacht wie eine Verschwendung von Hoffnungen, Kraft und Träumen vor. Das Licht, die Musik, der Tanz, die qualmenden Wasserpfeifen, das quirlige Markttreiben. Doch für die, die hier das Weiterleben kultivieren, ist es in Wirklichkeit die nahe Verwandte der Verschwendung: die Verzweiflung, die emsig mahlt. Und so stürmen sie hier in jede Nacht und versuchen dem Schönen Raum zu verschaffen. Denn dort, wo kein Licht mehr hinfällt, dort entdeckt man das andere Tel Aviv. Die schlaflosen Nächte. Die betäubenden Diskotheken-Beats. Die fensterlosen Schutzräume.

Anastasia hat nicht vergessen, wovon ihre Träume handeln. Wenn sie Inventur macht, findet sie Gründe für ihr Dasein. Wie den Traum von der Freiheit. Der echten – die, die weniger will. Und jenen von ihren Sehnsüchten. Wie der vom Reisen. Weil das Reisen doch immer ein Türchen für uns offen hält, weil es die Ausweglosigkeit für eine Weile überlistet.

Die Familie von Anastasia kam aus Russland nach Israel. Sie hatten alles zurückgelassen, einen Grenzbeamten bestochen und waren auf dem Landweg bis nach Israel geflüchtet. Das war zu einer Zeit, als Juden nicht aus Russland ausreisen durften und Israel als Land der Sehnsucht galt.

Heute ist Anastasia eine von über einer Million russischen Juden in Israel. Und ernüchtert. Im russischen Viertel von Tel Aviv gibt es Supermärkte mit russischen Waren, und die Leute sprechen auf der Straße Russisch miteinander. Doch obwohl sie das Land mit aufbauten, führen die russischen Israelis weiterhin ein Leben in der Fremde. Das Land sei zu klein. »Wenn Frieden wäre, dann könnten wir überall hingehen«, sagt Anastasia.

Der Extrakt dieses verdammten Landstrichs ist trübe: Hier kämpft jeder gegen jeden. Die Palästinenser gegen den Hunger. Die Gläubigen gegen die Ungläubigen. Die Araber gegen die Israelis. »Wir müssen wieder voneinander lernen wollen. Damit wir verstehen. Dann wären wir frei.«

Es sei der Hunger der Waffen, der mache alles kaputt. »Aber Tel Aviv ist anders«, erklärt Anastasia, während »God is a DJ« von Faithless aus einem der Lokale auf die Straße scheppert.

Anastasia kämpft um ein richtiges Leben, um einen Ort, den sie Heimat nennen will. Auf dem Restaurant-Tresen steht eine Blechdose mit einem bunten Schild: »One more Schekel and I am off«.

Was mich in dieser Nacht an Anastasia umhaut, ist ihr Glaube. Ein Glaube, der stärker ist als jede Religion: Der Glaube, dass die Welt ein freundlicher Ort ist.

George Orwell meinte, dass wir die Wahl haben zwischen Freiheit und Glück. Und das Glück, so Orwell, sei für die meisten die bessere Wahl. Ich begreife in dieser Nacht, dass es ein großes Glück ist, die Freiheit zu besitzen, dort zu sein, wo man sein will – nicht wo man sein muss. Sowie verharren zu können, nicht vor dem Augenblick davonzurennen. Zu leben.

Wir reden, bis der Tag anbricht. Von irgendwo singt Peter Sarstedt »Where do you go to my lovely?« und plötzlich sehe ich, wie Anastasia wortlos in das Ende unserer enteilten Nacht läuft.

Vier

Und schaut nicht nur zu

»Sukkot«, das Laubhüttenfest. Das israelische Erntedankfest wird seit dem Auszug aus Ägypten gefeiert. In den Straßen von Tel Aviv stehen die »Sukka«, die selbst gebauten Holzhütten mit Dächern aus Palmwedeln. Die Familien verbringen während des siebentägigen Festes hier ihre Zeit, speisen, schlafen und feiern in den Behausungen.

Ich gehe durch die Straßen. Weiße Häuser und Palmen und eine Geigenspielerin im Blumenkleid. Vom Markttag vererbter Müll. An der Ecke ein Plakat, ein Roxette-Konzert. Ich biege ab. Ich schaue einer Familie beim Bau ihrer Hütte zu. Alufolie, Papiergirlanden, Plastikweintrauben und eine Leiter. Der alte Mann lädt mich ein zu bleiben. Ich fühle meine Scheu, bin auch Deutscher in Israel. Würdest du einen Fremden in dein Haus einladen? Würdest du? Ja? Seine Freundlichkeit rührt mich und rieselt auf mein scheues Herz. Auf dem Tisch stehen Humus, Brot und Apfelkuchen. Mit einer Kippa auf dem Kopf sitzen wir dann auf Bierbänken, und ich schlage mir den Bauch voll. Die Kinder spielen in der Hütte Verstecken, und ein größeres Kind zieht ein anderes an den Ohren. Eine kleine Lampe erhellt die Laube. Die bunte Lichterkette blinkt. Immer wieder laufen Menschen auf der Straße vorbei und rufen: »Chag sameach«, frohes Fest!

Als Reisender taucht man wieder und wieder und wieder in eine fremde Welt hinab. Manchmal für Stunden, manchmal für einen Wimpernschlag, einen flammenden Blick, für eine Berührung nur oder ein Wort. Wie richtig der Schriftsteller Georg Klein liegt mit seinen Worten: »Ich bin gegen das Gefühl, dass man meint, etwas mitnehmen zu müssen. Das Besondere ergibt sich aus der Zufallsbegegnung.« Alles, was es dazu braucht, ist ein beherztes, grenzenloses, stürmisches Vertrauen. Israel füllt meinen Rucksack mit wunderbarem Gepäck, verstaubten Habseligkeiten: der Offenheit zu vertrauen. Auf meine Intuition zu setzen.

Israel verdanke ich eine Zufallsglücklichkeit: So viele bereichernde Begegnungen mit Menschen, jede Begegnung eine Reise ins Unbekannte, Unberechenbare, Ungeplante, Unüberlegte, Übermütige – ein bodenloser Fall ins Abenteuer. Die Menschen geben, sie teilen, sie feuern an, sie beflügeln, sie reißen mit, sie verbinden, sie lieben. Sie bestehlen mich auch und betrügen und belügen. Sie sind schlau und schlitzohrig. Sie sind rätselhaft. Sie kreuzen meinen Weg rücksichtslos und boshaft, eitel und übermütig, maßlos und gierig. Ich werde wehrlose Zielscheibe des Zufalls. Und meiner eigenen Mittelmäßigkeiten und Illusionen.

In Israel sehe ich auch so vielfältige, so unterschiedliche Lebenswelten an einem Ort wie nie zuvor, und es ist klar: Meine eigenen Wertvorstellungen zählen. Mein Weg, zu leben und zu lieben. Es gibt keine Religion, die mich mit anderen Menschen verbindet. Es gibt auch keine Religion, die mich von anderen Menschen trennt. Was uns verbindet, ist etwas, das tiefer einsickert, stärker ist: Menschlichkeit. Glück ohne Glauben: Ich brauche keine Religion als Schutzschild.

Die Laubhütte zeigt mir auch, was ich auf dieser Reise will. Dass ich den Leuten nicht beim Leben zuschauen will. Ich will mit ihnen lachen und weinen, singen und versinken, tanzen und trinken; eine Weile, vielleicht nur für einen Abend, von ihrem Leben kosten, will erfahren, was ihr Leben durchrüttelt. Und am Ende mit anderen Augen sehen. Will wissen, wie ich mich dabei fühle, will mich spüren. Es geht um die Verbindung. Keine Reisen durch Landschaften aus Hyperlinks. Keine manische Vernetzung, die es nicht einmal bis zur Unterseite meiner Oberhaut schafft – Verbindung, tief, innig, nah, und wenn sie nur für einen Augenblick währt. Verbindung, die mein Herz auf links zieht.

Von der Hütte aus beobachte ich eine lustige Szene auf der anderen Straßenseite: Es ist nun später Abend. Die Stadt wie leergefegt. Ein Mann und zwei Frauen nähern sich mit Fahrrädern der Kreuzung. Kein Fahrzeug weit und breit. Der Mann überquert die Kreuzung. Dann folgt die erste Frau. Sie bleibt auf der anderen Seite mit dem Vorderrad am Bordstein hängen. Und fällt um. Die zweite Frau stoppt gewissenhaft vor der Kreuzung an der Ampel, weil die rot aufleuchtet. Sie hält vor Schreck die Hand vor den Mund, erkundigt sich aus der Ferne rührend nach dem Zustand der Gefallenen und wartet weiter. Als die Ampel auf Grün springt, fährt die zweite Frau los und auch sie kann den Bordstein nicht überwinden. Nimmt mehrmaligen Anlauf. Die Angst des Radfahrers vor dem Bordstein. Dann nimmt sie einen kräftigen Zug von ihrer Zigarette. Mit einem weiteren Anlauf hält sie auf den Bordstein zu. Geschafft! Im Paradies soll’s keine Ampeln geben: Alle drei fahren vergnügt und gemeinsam weiter. Schlingernd durch die Nacht.

Ich gehe zur Jazzbar am Hafen. Salzluft und die knarrenden Taue der Segelboote. Vor der Bar stehen schöne Frauen und stolze Matrosen, junge Kerle in Uniformen rauchen lässig. Ein Soldat verschwindet mit einem Mädchen. Drinnen jazzen sie los, und immer wieder dringen Fetzen der Musik durchs Fenster, bis sie sich verflüchtigen in der warmen Nachtluft Tel Avivs und die Morgendämmerung heraufzieht. Ich werde aus der Nacht entlassen, und Freya Stark beschützt mich im Schlaf: »To awaken quite alone in a strange town is one of the pleasantest sensations in the world.«

Prolog

Teil 1

ISRAEL – Bequemlichkeitstrance und Freiheitsschwüre

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

INDIEN – Bunte Welt ohne Regeln

Zehn

Elf

Zwölf

NEPAL – Sehnsucht nach Käsekuchen

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

THAILAND – Immer wieder zurück auf Lo

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Teil 2

INDONESIEN – Neulich beim Guru

Dreiundzwanzig

AUSTRALIEN – In Transitgewittern

Vierundzwanzig

JAPAN – Das Ende der Zukunft

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Teil 3

VIETNAM – Yoga mit Hồ Chí Minh

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

THAILAND – Auf einen Atemzug mit Buddha

Zweiunddreißig

BURMA – Der Preis der Freiheit

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

LISSABON, Portugal – Matar a saudade

Siebenunddreißig

Epilog

Die Songs dieser Reise

Die Bücher dieser Reise

Dank

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