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Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. Er konnte nicht anders, er musste den Brief noch einmal lesen, obwohl er wusste, dass er sich danach noch schlechter fühlen würde als ohnehin schon. Aber es war wie ein Zwang. Manchmal fragte er sich, ob es ihm nicht besser gehen würde, wenn er den Brief verbrannte und es auf diese Weise vielleicht schaffte, die Erinnerung an Leona und seine glückliche Zeit mit ihr auszulöschen. Er las: Lieber Jakob, dies ist ein Abschiedsbrief. Ich sehe Dein ungläubiges Lächeln, aber es ist trotzdem wahr. Ich muss Dich verlassen, und ich bitte Dich, mich nicht zu suchen. Mein Weg wird mich ins Ausland führen, ich kann Deinen Antrag nicht annehmen. Verzeih mir, wenn Du kannst. Leona. Er hätte ihn gar nicht zu lesen brauchen, denn er kannte jedes Wort auswendig. Wie oft hatte er den Brief schon in der Hand gehabt, ihn wieder und wieder gelesen und versucht, ihn zu verstehen? Aber Leona hatte nichts erklärt, und so gab es nichts zu verstehen. Leona von Markenstein war sein Leben gewesen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte nichts sie mehr trennen können, ihre gemeinsame Zukunft hatte er so deutlich vor sich gesehen, als wäre sie bereits Wirklichkeit gewesen. Nur den Zeitpunkt ihrer Verlobung hatten sie noch festlegen müssen. Jakob schleuderte den Brief von sich und trat ans Fenster. Er musste aufhören, sich ständig mit Fragen zu quälen, die er nicht beantworten konnte. Leona war fort, er hatte keine Ahnung, wo sie sich aufhielt. Ihre Familie gab sich ihm gegenüber unwissend, aber er hatte den Verdacht, dass ihre Eltern über Leonas derzeitigen Aufenthaltsort im Bilde waren. Doch obwohl er immer geglaubt hatte, ein gutes Verhältnis zu ihnen zu haben, gaben sie ihm gegenüber nichts preis.
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Er konnte nicht anders, er musste den Brief noch einmal lesen, obwohl er wusste, dass er sich danach noch schlechter fühlen würde als ohnehin schon. Aber es war wie ein Zwang. Manchmal fragte er sich, ob es ihm nicht besser gehen würde, wenn er den Brief verbrannte und es auf diese Weise vielleicht schaffte, die Erinnerung an Leona und seine glückliche Zeit mit ihr auszulöschen.
Er las: Lieber Jakob, dies ist ein Abschiedsbrief. Ich sehe Dein ungläubiges Lächeln, aber es ist trotzdem wahr. Ich muss Dich verlassen, und ich bitte Dich, mich nicht zu suchen. Mein Weg wird mich ins Ausland führen, ich kann Deinen Antrag nicht annehmen. Verzeih mir, wenn Du kannst. Leona.
Er hätte ihn gar nicht zu lesen brauchen, denn er kannte jedes Wort auswendig. Wie oft hatte er den Brief schon in der Hand gehabt, ihn wieder und wieder gelesen und versucht, ihn zu verstehen? Aber Leona hatte nichts erklärt, und so gab es nichts zu verstehen.
Leona von Markenstein war sein Leben gewesen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte nichts sie mehr trennen können, ihre gemeinsame Zukunft hatte er so deutlich vor sich gesehen, als wäre sie bereits Wirklichkeit gewesen. Nur den Zeitpunkt ihrer Verlobung hatten sie noch festlegen müssen. ›Graf Jakob von Ehern und Leona von Markenstein geben sich die Ehre…‹
Jakob schleuderte den Brief von sich und trat ans Fenster. Er musste aufhören, sich ständig mit Fragen zu quälen, die er nicht beantworten konnte. Leona war fort, er hatte keine Ahnung, wo sie sich aufhielt. Ihre Familie gab sich ihm gegenüber unwissend, aber er hatte den Verdacht, dass ihre Eltern über Leonas derzeitigen Aufenthaltsort im Bilde waren. Doch obwohl er immer geglaubt hatte, ein gutes Verhältnis zu ihnen zu haben, gaben sie ihm gegenüber nichts preis.
Es klopfte, gleich darauf kam sein Freund Johannes von Dresen herein. Ihm genügte ein Blick auf Jakobs Gesicht und den auf dem Tisch liegenden Brief, um die Situation zu erfassen. Voller Mitgefühl betrachtete er Jakob, diesen gut aussehenden Mann mit dem lebhaften Gesicht, an dem sofort die hellen blauen Augen faszinierten, die einen interessanten Kontrast zu seinen braunen Haaren bildeten. Jakob war ein jungenhafter Typ von großem Charme, der es verstand, Menschen schnell für sich einzunehmen.
»Hör auf, dich zu quälen, Jakob«, sagte Johannes ruhig. »Gib mir den Brief, bitte. Ich bewahre ihn für dich auf, wenn du ihn wirklich nicht wegwerfen willst – aber dann kannst du ihn wenigstens nicht mehr dauernd lesen.«
»Ich lese ihn nicht dauernd«, behauptete Jakob mit müder Stimme.
Johannes verzichtete auf Widerspruch und wechselte abrupt das Thema. »Meine Schwester hat sich überraschend entschlossen, heute Abend in ihren Geburtstag hineinzufeiern«, berichtete er. »Und sie hat mir aufgetragen, dich mitzubringen. Wörtlich sagte sie: ›Wenn es sein muss, fessle Jakob, kneble ihn und lass ihn hierher schleppen, falls er nach Ausreden sucht.‹ Ich hoffe, dir ist klar, dass du damit fällig bist. Du warst seit drei Monaten auf keinem Fest mehr, Jakob.«
Er hatte mit Ausflüchten, mit Widerspruch, zumindest mit einer längeren Diskussion gerechnet, doch Jakob überraschte ihn damit, dass er ganz einfach zusagte. »Natürlich komme ich, wenn Tina feiert, Jo. Aber dann musst du mir helfen, noch ein Geschenk zu finden.«
Johannes war so froh über Jakobs Zusage, dass er ihn mit Geschenkvorschlägen förmlich überschüttete. Einige Minuten später verließen die Freunde Jakobs Wohnung, um gemeinsam etwas Passendes zu suchen.
*
»Da sind doch lauter junge Leute, Sofia«, brummte Baron Friedrich von Kant, als ihm seine Frau am späten Samstagvormittag bei einer Tasse Tee in einem der Salons von Schloss Sternberg von der überraschenden Einladung zu Bettina von Dresens Geburtstag berichtete.
»Wir sind selbst auch noch nicht alt«, erinnerte sie ihn.
»Wie alt wird Tina?«
»Zweiundzwanzig, sie ist ein paar Jahre jünger als ihr Bruder Johannes.«
»Dann bin ich beinahe doppelt so alt wie sie«, stellte er fest.
Die Baronin lachte, als sie sich über den Tisch beugte und ihm liebevoll die Hand tätschelte. »Für mich bist du jung. Tatsache ist, dass Tina uns eingeladen hat, und ich denke, das hat sie getan, weil sie uns gern dabei haben möchte. Sie hat erst morgen Geburtstag, aber weil morgen Sonntag ist, feiert sie schon heute. Sie hatte sich offenbar gerade erst dazu entschieden, als sie angerufen hat.«
»Wenn du meinst, dass wir der Einladung Folge leisten müssen, dann gehen wir natürlich hin«, erklärte der Baron und setzte dann, freilich noch immer mit einem kleinen Seufzer, hinzu: »Und vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, mal wieder andere Leute zu sehen. Was ist mit den Kindern?«
»Haben andere Pläne. Tina meinte, sie wären ebenfalls herzlich willkommen, aber Anna und Chris sind bei den Erbachs eingeladen, und Konny geht selbst auf eine Geburtstagsparty.«
»Und wo kriegen wir so schnell noch ein Geschenk her?«
»Kein Problem«, erklärte Sofia. »Tina hat mir gesagt, was sie sich wünscht, und Herr Hagedorn kümmert sich gerade darum, dass wir es noch bekommen. Und nun habe ich noch eine Überraschung für dich. Rate, wen wir auf diesem Fest treffen werden!«
»Du weißt, dass ich das nicht raten kann, also sag es mir.«
»Jakob von Ehern!«
»Tatsächlich?«, fragte der Baron verwundert. »Jakob hat sich doch seit Monaten nirgends mehr blicken lassen, seit dieser unseligen Geschichte mit Leona.«
»Ich weiß, aber zu diesem Geburtstagsfest kommt er, und ich freue mich sehr darauf, ihn wiederzusehen. Mir hat es damals sehr leid getan, dass die beiden sich getrennt haben.«
»Ja, mir auch, ich habe sie immer als ausgesprochen harmonisches Paar empfunden.«
»Das hat jeder, Fritz!«, sagte Sofia lebhaft. »Und ich muss sagen, ich verstehe Leona nach wie vor nicht.«
»Sie wird ihre Gründe gehabt haben.«
»Ja, wahrscheinlich.«
Eberhard Hagedorn, der seit langem Butler auf Schloss Sternberg war, erschien an der Tür. »Das Geschenk für Frau von Dresen liegt bereit, Frau Baronin – es ist auch bereits verpackt.«
»Vielen Dank, Herr Hagedorn«, sagte Sofia. »Das hat ja wunderbar geklappt.«
Als der Butler gegangen war, konnte Friedrich der Versuchung nicht widerstehen, seine Frau ein wenig aufzuziehen: »Du hast ihn also das Geschenk besorgen lassen, obwohl du gar nicht wusstest, ob ich mitgehen würde zu diesem Fest?«
Dieses Mal stand die Baronin auf, ging zu ihrem Mann und
küsste ihn. »Ohne dich wäre ich nicht gegangen, Fritz. Dann hätten wir ihr eben nur das Geschenk geschickt.«
»Was ist es denn?«
Sie lachte. »Ein Kaminbesteck, stell dir vor. Man sollte doch meinen, dass eine Zweiundzwanzigjährige andere Wünsche hat, aber nein, es sollte ein Kaminbesteck sein.« Sie sah auf die Uhr. »Ich muss Frau Falkner sagen, dass wir heute Abend nur einen kleinen Imbiss zu uns nehmen werden – Tina meinte, es gäbe etwas zu essen. Wir sollen uns nicht elegant kleiden, sondern bequem, hat sie außerdem noch angeordnet. Du siehst also, es wird wahrscheinlich ein sehr angenehmer und vergnüglicher Abend.«
Der Baron sah ihr nach, als sie durch den Salon eilte, um die Köchin Marie-Luise Falkner über die Pläne der Familie für den heutigen Abend zu informieren. Er liebte seine Frau, und ihre Vorfreude auf den heutigen Abend hatte ihn endlich angesteckt.
Dann gehörte er eben zu den Ältesten bei dieser Geburtstagsfeier – wen störte das?
*
Leona von Markenstein lag auf einer Liege im Freien und genoss die grandiose Aussicht. Seit Wochen war sie hier oben in den italienischen Alpen, die Luft war rein und angenehm, es war direkt eine Wohltat, sie einzuatmen. Das Buch, das sie gerade las, lag aufgeschlagen auf ihrem Bauch, sie hatte es gerade zur Seite gelegt, um ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Jetzt kam die Sonne hinter einer Wolke hervor, und unvermutet wurde ihr warm. Sie schloss die Augen und genoss die Sonnenstrahlen – in den letzten Tagen war es fast immer bedeckt gewesen.
»Hier sind Sie, Frau von Markenstein«, sagte eine Stimme neben ihr, die sie sofort erkannte, auch ohne die Augen zu öffnen.
»Ja, hier bin ich, Herr Dr. Carst.« Sie blinzelte zu ihm hoch. »Sie wissen doch, das ist mein Lieblingsplatz.«
Er setzte sich auf die Liege neben ihr, die frei war. »Wir werden Sie bald entlassen können«, sagte er. »Mit den letzten Aufnahmen waren wir sehr zufrieden, und auch Ihr allgemeiner Gesundheitszustand ist erfreulich.« Er lächelte sie an. Anton Carst war ein scheu wirkender, schmaler Dunkelhaariger, den sie nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch sehr zu schätzen gelernt hatte.
»Es war eine gute Idee, mich in dieses Sanatorium fernab der Zivilisation zurückzuziehen, glaube ich. Eine normale Rehabilitationsklinik hätte mich sicher nicht so schnell wieder auf die Beine gebracht.«
»Möglich«, erwiderte er in seiner zurückhaltenden Art. »Bleiben Sie noch ein bisschen bei uns, aber beschäftigen Sie sich ganz allmählich mit einer Rückkehr in Ihr früheres Leben.«
»Ich weiß nicht, ob das möglich sein wird«, sagte sie leise. »Ich habe… ein paar Brücken hinter mir abgebrochen, weil ich nicht wusste, ob ich wieder gesund werden würde. Ich wollte nicht, dass… jemand aus Mitleid bei mir bleibt.«
Er betrachtete sie nachdenklich und kam nicht zum ersten Mal zu dem Schluss, dass er nie zuvor eine schönere Frau gesehen hatte. Vielleicht wirkte Leona von Markenstein auch deshalb so bezaubernd, weil sie sich dieser Schönheit nicht bewusst zu sein schien. Sie nahm ihre grünen Augen, die seidigen hellblonden Haare, das ebenmäßige Gesicht mit der zarten Haut und den hübsch geschwungenen Mund ebenso wenig zur Kenntnis wie ihre schlanke, geschmeidige Figur.
Sie war noch schmaler gewesen bei ihrer Ankunft hier im Sanatorium, sehr blass, fast durchscheinend hatte ihre Haut ausgesehen. Jetzt jedoch wirkte sie gesund und kräftig genug, sich dem Leben wieder zu stellen.
Aber er wusste, dass ihr eine harte Zeit bevorstand. Hier schlief sie viel, machte Spaziergänge, schwamm ausgiebig und wurde den ganzen Tag von Ärzten und Pflegekräften begleitet. Zu Hause würde all das wegfallen, und erfahrungsgemäß ermüdete allein der Alltag die Patienten kurz nach ihrer Entlassung, auch wenn sie zu Beginn noch gar nicht gefordert wurden. Sie würde Zeit brauchen, viel Zeit. Aber immerhin hatte sie den Vorteil, dass sie über genug Geld verfügte, um sich diese Zeit auch zu nehmen.
Sorgen bereitete ihm ihr Gemütszustand. Dass Leona von Markenstein zutiefst unglücklich war, wusste er seit dem Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Sie bekam regelmäßig Besuch von ihren Eltern, aber sonst ließ sich niemand in der Abgeschiedenheit der Berge blicken. Einmal hatte er sie danach gefragt, und sie hatte ihm offen geantwortet: »Das liegt daran, dass sonst niemand etwas von meiner Erkrankung weiß, Herr Doktor – und das soll auch so bleiben.«
Dass es vorher einen Mann in ihrem Leben gegeben hatte, wusste er mittlerweile auch, obwohl sie es ihm nicht selbst erzählt hatte. Aber er war in den bunten Blättern förmlich über ihre Geschichte gestolpert. Die allgemeine Sympathie war eindeutig auf Seiten des Grafen von Ehern, der sich im Übrigen niemals öffentlich zu dieser Angelegenheit geäußert hatte. Leona wurde dennoch zur Last gelegt, dass sie einfach von der Bildfläche verschwunden war und vor allem, dass es bisher niemand geschafft hatte, sie ausfindig zu machen.
»Brücken kann man wieder aufbauen«, sagte Anton jetzt in seiner ruhigen Art. »Sie hatten Ihre Gründe, sich so zu verhalten, wie Sie es getan haben – es war ja wirklich nicht absehbar, dass Sie die gefährliche Operation so gut überstehen würden. Ich könnte mir vorstellen, dass ich mich genauso verhalten hätte wie Sie.«
»Tatsächlich?« Ihre grünen Augen ruhten aufmerksam auf ihm, und nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie er es schaffen sollte, sich diese Frau jemals wieder aus dem Kopf zu schlagen. Natürlich wusste er, dass Ärzte sich gelegentlich in Patientinnen verliebten, doch er hatte sich selbst in dieser Hinsicht für ungefährdet gehalten. Nun war es ihm doch passiert, dabei hatte diese Liebe keine Zukunft. Leona dachte nur an ihren Grafen, das wusste er so sicher, als hätte sie es ihm selbst gestanden.
»Ja«, bekräftigte er. »Ich will damit nicht sagen, dass ich Ihr Verhalten richtig finde, denn man nimmt den Menschen, denen man die Wahrheit verschweigt, ja auch die Möglichkeit, sich selbst damit auseinanderzusetzen und zu einer eigenen Entscheidung zu kommen – stattdessen entscheidet man praktisch für sie. Ich glaube, das ist falsch, aber, wie gesagt, ich selbst hätte es wohl auch getan.«
»Ich werde Sie vermissen, Herr Doktor«, sagte Leona mit schüchternem Lächeln. »Das ganze Sanatorium werde ich vermissen. Es war wie ein Schutzraum für mich, hier musste ich niemandem etwas vorspielen, konnte mich sogar gehen lassen, wenn es mir richtig schlecht ging.«
»Haben Sie das denn vorher getan? Jemandem etwas vorgespielt?«
»Sicher, ich hatte doch dauernd Kopfschmerzen! Wenn ich darüber jedes Mal geklagt hätte…« Sie schüttelte den Kopf. »Meine Freunde hätten sich bedankt, glaube ich. Also habe ich versucht, mir nichts davon anmerken zu lassen.«
»Bis es nicht mehr möglich war«, ergänzte Anton Carst, »und Sie endlich zu einem Arzt gegangen sind.«
»Ja. Und dann hat es noch eine ganze Weile gedauert, bis die Diagnose feststand.«
Er stand auf und sagte bedauernd: »Ich muss gehen, es gibt noch einige andere Patienten, die auf mich warten. Wir sehen uns später, Frau von Markenstein.«
»Vielleicht auf eine Partie Schach?«, fragte sie.
Nun lächelte auch er. »Wenn ich Zeit habe, gern.«
Als sie wieder allein war, griff Leona zu ihrem Buch. Bald würde sie nicht mehr so viel lesen können, und auch das würde ihr fehlen, sie wusste es schon jetzt. Manchmal kam sie sich vor wie ein kleines Kind, dem die ersten Schritte weg von der Mutter bevorstehen.
Sie fürchtete sich ein wenig davor.
*
Anna von Kant, die dreizehnjährige Tochter von Baronin Sofia und Baron Friedrich, stieß ihren Cousin Christian von Sternberg in die Seite. Sie saßen im Fond der Limousine, mit der der Chauffeur sie zum Anwesen der Erbachs brachte. Sabrina von Erbach war Annas Freundin und Christians erste große Liebe, was aber außer Anna niemand wusste.
»Freust du dich?«, fragte sie.
