Wenn der Himmel die Erde heute küsst … -  - E-Book

Wenn der Himmel die Erde heute küsst … E-Book

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Beschreibung

Wenn der Himmel die Erde anrührt, dann kann so manches geschehen. Ein Kind wird geboren und alle Jahre wieder darf das Herz aufleben. Ein Kind verändert die Herzen der Menschen. Und das Licht, das sie auf diese Weise empfangen, geben sie weiter. Zögernd, fröhlich, liebevoll … Weihnachten gestehen auch wir Europäer es uns zu verrückt, verträumt, romantisch und ganz anders zu sein. Weihnachten ist ein Fest mit Herz. Autoren aus Deutschland spiegeln sich und unsere Welt in der alten, aber nie veraltenden Botschaft. Freuen Sie sich über neue Geschichten um Weihnachten von Corinna Antelmann, Christiane Thiel, Imre Törek, Doris Bewernitz, Kerstin Hensel und anderen, zusammengestellt von Bettine Reichelt.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2016

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BETTINE REICHELT,

Jahrgang 1967, studierte Evangelische Theologie in Leipzig. Sie arbeitet teils als Pfarrerin, teils als freie Autorin und Lektorin. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und dem Friedrich-Bödecker-Kreis Sachsen e.V. Seit 2014 arbeitet sie regelmäßig mit dem Fotografen Fabian Haas zusammen. Bei der EVA erschienen von ihr eine Max-Reger- sowie eine Philipp-Melanchthon-Biographie.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gesamtgestaltung: Ulrike Vetter, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-374-04678-2

www.eva-leipzig.de

VORWORT

Wenn heute der Himmel die Erde küsst, dann weißt du, dass bei dir ein Engel ist. Er sagt zu dir zärtlich: Fürchte dich nicht! Geh mutig ins Neue, dein Weg führt ins Licht.

Weihnachten. Gott wird Mensch. Jesu Geburt im Stall. Was für eine große, was für eine wunderbare Geschichte. Und doch: Manchmal ist sie uns zu groß, zu wunderbar. Wir können die Tiefe dessen, was in ihr steckt kaum fassen.

Deshalb ist die Advents- und Weihnachtszeit nicht nur die Zeit dieser einen großen, wunderbaren Geschichte sondern auch die Zeit der vielen kleinen Geschichten. Leichte Gedichte, unscheinbare Erzählungen, die versuchen einzelne kleine Aspekte der großen Geschichte aufleuchten zu lassen, von ihr her ein bescheidenes Licht auf diese heilige Zeit zu werfen.

Sie tun das, indem sie großen Worten wie Segen, Gottesnähe, Vergebung, Friede, Liebe, Freiheit oder Gerechtigkeit ein konkretes Gesicht geben.

Die Geschichten und Gedichte in diesem Buch sind genau solche kleinen Texte. Ich hoffe, dass sie es schaffen auf ihre je ganz eigene Weise Glanz in Ihre Vorweihnachtszeit zu bringen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Bettine Reichelt

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Christa Spilling-NökerGesegnet sei dein AdventAndreas MalessaDie »Ja-Aber-Zeit«Maria Branowitzer-RodlerDie WeihnachtsgansDoris BewernitzDer FleckKerstin HenselAdventSelma LagerlöfEin WeihnachtsgastReinhard BäckerEinen Engel wünsch ich mirCorinna AntelmannDie Sache mit der EwigkeitBettine ReicheltDer Kanarienvogel auf dem WeihnachtsbergEva ZellerDie Hebamme des HerrnElke BräunlingEine schöne BescherungKarl Heinrich WaggerlDer Tanz des Räubers HorrificusBettine ReicheltWeihnachtswunschTitus MüllerSo weit wie die SternePetra StepsWeihnachtsfriedenUwe StößEin toller alter MannDietrich MendtDas andere WeihnachtenPetra FrankeEin unverhoffter GastMarkus WaltherDer Astronaut im HimmelWeihnachtssegen

Autoren

Rechtenachweis

Buchempfehlung

CHRISTA SPILLING-NÖKER

GESEGNET SEI DEIN ADVENT

Ich wünsche dir eine ruhige Adventszeit,

Tage, in denen du zur Ruhe kommst,

dein Leben zu bedenken und dich zu besinnen auf das,

was dir im vergangenen Jahr geglückt,

aber auch das, was misslungen ist

und was du in Zukunft anders machen willst.

Ich wünsche dir eine frohe Adventszeit,

in der du Zeit findest, mit Muße und innerem Frieden

über deine Beziehungen nachzudenken,

um voller Bedacht und Liebe deine Geschenke auszuwählen

und die Wahl deiner Worte zu überlegen,

die du in Briefen und Karten verschickst.

Ich wünsche dir eine gesegnete Adventszeit,

in der du dich in deinen Gedanken und Gefühlen

behutsam einlassen kannst

auf die Botschaft von Versöhnung und Frieden

und sie in ersten Schritten in deinem Leben umzusetzen vermagst.

ANDREAS MALESSA

DIE »JA-ABER-ZEIT«

Erklären Sie das mal jemandem! Dass man den Vorweihnachtsrummel mitmacht, aber eigentlich dagegen ist. Dass die Pfarrer von einer besinnlichen Feierstunde zur nächsten hetzen, aber überall stille Nachdenklichkeit empfehlen müssen. Machen Sie mal plausibel, dass so ein Geistlicher gegen den Kaufrausch und für das »Wesentliche« predigt, aber im Wesentlichen an jedem Adventssamstag durch die Kaufhäuser pflügt wie alle anderen auch. Dass er die kerzenromantische Schönheit des Brauchtums gut findet, aber die spirituelle Sinnentleerung des Festes schlecht. Kurz: Rüdiger fühlte sich ab Ende November meist mies. Er empfand, tja, wie sollte er sagen, eine Art Glaubwürdigkeitskrise bei andauerndem Erklärungsnotstand.

Als Pfarrer ermahnte er seine Frau und seine zwei Söhne zwar, die irrwitzige Größer-Schöner-Teurer-Spirale beim Geschenkemachen nicht mitzumachen – aber was sollte er machen? Was sollte er machen, wenn man ihm sündhaft teure Rotweine, silberne Füllfederhalter, Virenschutzprogramme und Hörbuch-CDs schenkte? Musste er sich da nicht revanchieren?

Sollte er undankbar sein, dass ihm Schreibwarenhändler und Krankenhausdirektoren, zufriedene Teilnehmerinnen von Studienreisen und wohlhabende Kirchenchorsänger »kleine Aufmerksamkeiten« zusteckten, die im heimischen Wohnzimmer sofort die spöttische Aufmerksamkeit von Herbert und Susanne erregten?

Herbert und Susanne waren Freunde. Fast zehn Jahre älter als sie. Nicht wirklich eng befreundet, aber doch als sporadische Gäste geschätzt wegen ihrer unkonventionellen Ansichten.

Alle vier saßen beim Espresso nach dem Essen. Ein endlich terminfreier ruhiger Sonntagabend am ersten Advent sollte friedlich ausklingen. Teelichte illuminierten jedes Fensterbrett. Tannenzweige winkten aus den Winkeln der Schrankwand.

»Nicht mit mir, hab ich dem Edeka-Pächter gesagt. Wenn Anfang September in seinen Regalen die Nikoläuse und Lebkuchenherzen das Ende der Sommerferien ankündigen, dann …!«

Wie energisch Susanne so etwas sagte, das gefiel Rüdiger insgeheim.

»… dann brauchen wir weihnachtsfreie Zonen. Rauchfreie haben wir inzwischen ja überall.«

Sie hatte es nach Jahrzehnten als Heilpädagogin bis zur Dozentin an einer kirchlichen Fachhochschule gebracht. Hatte Alice Schwarzer mal persönlich getroffen und wäre gerne als Frauenbeauftragte in Herberts Firma gegangen. Herbert war Betriebsratsvorsitzender in einem Hightech-Konzern und pflegte, auch äußerlich, die Aura des Spät-68ers. Weißgrauer Fünftagebart, kreisrunde Brillengläser, weiter Pullover über ausgewaschenen Jeans. Zumindest wenn er zu Besuch war.

»Dieses Jahr machen wir ernst!«, grinste Herbert und friemelte seinen Halfzware-Tabak ins Zigarettenpapier.

»Dieses Jahr lassen wir uns weder einlullen noch abzocken von der ganzen Weihnachtsorgie. Gut fand ich ja, was eure Gemeinde da neulich veröffentlicht hat …«.

Roswitha zögerte beim Zuckernachfüllen und schaute ihren Mann fragend an. Rüdiger erinnerte sich nicht, irgendetwas Kritisches zu Weihnachten veröffentlicht zu haben.

»Na, was Mitte November im Briefkasten lag …«, Susanne kramte in ihrer wollenen Handtasche mit indianischem Webmuster nach einem Brief.

»Hier: die sogenannte Handreichung des Umweltbeauftragen der Kirchen: Lametta enthält 98 Prozent Blei, Christbaumkugeln sind aus cadmiumhaltigen Schwermetallen und Wunderkerzen verbreiten giftiges Barium-Nitrat. Nur die heimische Rotfichte dekoriert mit Strohsternen, Äpfeln und Bienenwachs-Kerzen wäre ein schöpfungsschonender Weihnachtsschmuck!«

Rüdiger seufzte auf. »Ja, ja, im Prinzip schon«, wollte er sagen, »aber …«.

Wie er zur Weihnachtszeit immer »Ja, aber« sagen wollte.

»Und dass dieser schädlich dekorierte Tannenbaum an und für sich gar kein christliches Symbol ist, steht auch drin. War mal ein germanisch-heidnischer Fetisch oder so was. Wintersonnenwende, Wotan, nordische Mystik, verstehst du?« Susanne kicherte und faltete die Handreichung wieder zusammen.

»Na ja, …«, beschwichtigte Rüdiger, »aber … aber ein christianisierter heidnischer Baum ist doch auch …«.

Schon wieder hatte er »ja, aber« gesagt. Wie immer um diese Jahreszeit.

Er wurde unterbrochen.

»Bei uns in der Firma …«, kicherte jetzt auch Herbert und ließ mit einem kräftigen Zug sein krummes Tabakröllchen aufglühen, »bei uns geht gerade so eine Nikolaus-Verarsche aus dem Internet rum: Der Schlitten des Nikolaus müsste rund 378.000 Tonnen Geschenke transportieren, wenn er jedem Kind aus den christlichen Familien der Weltbevölkerung auch nur 1 Kilogramm Spielzeug bringt! Ein gesundes Rentier kann ca. 175 Kilogramm ziehen, also bräuchte der Nikolaus etwa 216.000 Rentiere am Gespann. Deren addiertes Eigengewicht im vollen Galopp plus die Nutzlast des Schlittens ergäbe im All als beschleunigte Gesamtmasse eine Geschwindigkeit von 1040 Kilometer-pro-Sekunde! Das heißt: Die Viecher würden bei Eintritt in die Erdatmosphäre an ihrem eigenen Luftwiderstand verglühen. Den korpulenten Nikolaus würde es mit einem Druck von 20,6 Millionen Newton an die hinter ihm gestapelten Geschenke nageln!«

Die beiden lachten. Herbert über seinen eigenen Witz. Susanne über so viel auswendig gesagte Zahlen. Rüdiger über die Vorstellung an sich.

Er griff zum Espresso-Tässchen. »Na ja, hehe, aber … komischerweise lieben wir selbst noch den verglühenden Nikolaus mehr als alle kalten Lehrsätze der Physik.«

Wie er immer zu Weihnachten »Ja, aber …« sagte.

»Aber jetzt mal Spaß beiseite«, schaltete sich seine Frau überraschend ein. »Wenn ich mir überlege, wie viele zigtausend getrennt Lebende und Geschiedenen sich in der Adventszeit um das Besuchsrecht ihrer Kinder zanken! Wie viel Gezerre es gibt um den Heiligabend-Aufenthalt der Scheidungsopfer, dann …«.

»Dann müsste man Weihnachten aus humanitären Gründen abschaffen, genau!«, setzte Herbert ihren Satz fort und drückte seine Zigarette aus, »und wie viele Rechtsanwälte ihren Dezemberlohn damit verdienen, diese weihnachtlichen Besuchs-Modalitäten zu erzwingen – es kotzt einen an!«

Rüdiger wurde es unwohl. Die plötzliche Zustimmung seiner Gattin zu diesen weihnachtsfeindlichen Attacken verwirrte ihn.

»Nun ja, das ist die eine Seite, aber …«.

Sein dezembertypischer »Ja, aber«– Einwand unterlag gegen die temperamentvolle Susanne.

»Und wie viele Ärzte stellen fingierte Atteste aus, um bettlägerige Opas und Omas über Weihnachten in einem Krankenhaus zu parken? Frag mal die Krankenkassen, warum sich häusliche Pflegefälle kurz vor Weihnachten wundersam in stationäre, in klinische Pflegefälle verwandeln!«

»Tatsächlich?!« Roswitha sah ihren Gatten so herausfordernd an, als müsse der sofort was dagegen unternehmen.

»So was gibt’s, ja, ja. Aber in unserer Gemeinde zum Beispiel …«.

Was Rüdiger, der Pfarrer, jetzt von einer sich rührend aufopfernden Frau aus seiner Gemeinde erzählte, die ihre pflegebedürftigen Eltern …, also das ging irgendwie unter. Weil Susanne aufs Klo ging. Herbert um eine zweite Tasse bat und Roswitha an der Espressomaschine ein ohrenbetäubendes Zischen auslöste. Dem Start einer Boeing 747 nicht unähnlich.

»Weißt du, Rüdiger«, rief Herbert gegen das Rauschen und Röcheln an, »da lob ich mir die Singles. Die machen konsequent und alternativ Heiligabend nix. Ratz fatz nichts!«

Rüdiger schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück, um seine Souveränität wieder zu gewinnen. »Ja, aber was ist das: gar nichts machen?«

Roswitha an der Espressomaschine versuchte ihrerseits, das Geräusch eines karibischen Wirbelsturmes zu übertönen: »Glaubst du, die bügeln Heiligabend ihre Blusen, schneiden die Zehnnägel und kochen eine Tütensuppe auf? Nie im Leben!«

»Hinzu kommt ja …«, Susanne kam herein und schwadronierte weiter, als sei sie nie aus dem Zimmer gegangen, »hinzu kommen ja noch die ungerechten Kakaopreise für westafrikanische Erzeugerländer!«

Die anderen stutzten kurz, waren aber sofort und stillschweigend einverstanden mit diesem thematischen Hakenschlag. »Schokolade ist im Grunde eins der letzten kolonialistischen Produkte. Bettelarme Pflückerinnen …« Susanne ließ sich wieder zurück auf das Sofa fallen. Ihrem Gastgeber fiel ein, dass im Kühlschrank noch eine Tafel »Weihnachtstraum« liegen musste, seine Lieblingssorte. Mit Mandeln und Zimtgeschmack.

»Jaaaaaa …«, unterbrach er Susanne gedehnt und jetzt merklich lauter, »aaaaber für diese Kakaopflückerinnen sammeln wir doch schließlich im Advent!«

Ein schlagendes, ein überzeugendes »Ja, aber« war das. Fand er.

Zum ersten Mal entstand eine Verschnaufpause. Herbert, der alte Betriebsrat, hatte Rüdigers ärgerlichen Unterton herausgehört und lenkte diplomatisch ein: »Das ist auch gut so, Rüdiger. Gar nichts dagegen. Nein zum Konsumterror. Ja zur Wohltätigkeit! Euer, wie heißt er, der, euer Spezialpfarrer für den christlich-muslimischen Dialog, der hat auch was zu Weihnachten veröffentlicht. Dass man im Fastenmonat Ramadan mehr Solidarität mit unseren islamischen Mitbürgern zeigen sollte.«

Susanne schwieg stirnrunzelnd und auch Rüdiger verstand nicht ganz, wie sein Gast jetzt vom Kakao-Kolonialismus auf Ramadan kam.

»Und?«, Roswitha goss Herbert eine dritte Tasse Espresso ein, »heißt das, wir sollten unsere Weihnachtsschokolade erst nach Sonnenuntergang essen?«

Alle lachten. Außer Rüdiger. Er kannte den erwähnten Amtsbruder und traute ihm glatt zu, dass der seine Kekse erst im Dunkeln knabberte. Aus Solidarität. Herbert trank aus. Susanne mahnte, jetzt aber bald zu gehen.

Als das Telefon klingelte, standen die beiden auf. Rüdigers Mutter war dran. Nein, sie störe überhaupt nicht, sagte er. Ja, viel Besuch, aber nein, das ist im Advent ja nicht besonders gemütlich. Ja, die Wunschliste für sinnvolle Geschenke an die Enkel kommt demnächst, aber erst wenn … ja, versprochen, aber erst wenn die Enkel überhaupt Wünsche äußern.

Susanne schulterte die indianische Tasche und hauchte Rüdiger ein Abschiedsbussi an die telefonfreie Wange. Herbert klopfte ihm jovial auf die Schulter, ciao, und Danke für alles, ciao! Roswitha brachte die beiden zur Tür. Rüdiger musste weitertelefonieren.

Wer sich da gerade verabschiede? Sehr nette Freunde. Sehr nette, ja, aber ein bisschen arg weihnachtskritisch. Na ja, aber kritisch bleiben gegen den Rummel ist ja auch wichtig. Ja, der Christstollen ist angekommen, aber probiert haben wir ihn noch … nein, nicht wegen des Zitronats noch nicht. Nur so nicht. Einfach so noch nicht. Ja, wir sind über Weihnachten zu Hause, aber, na ja, das heißt nein, das ist noch nicht entschieden. Ja. Ja-ha. Aber gern doch.«

MARIA BRANOWITZER-RODLER

DIE WEIHNACHTSGANS

In einem Vorort von Wien lebten in der hungrigen Zeit nach dem Krieg zwei nette alte Damen. Damals war es noch schwer, sich für Weihnachten einen wirklichen Festbraten zu verschaffen. Und nun hatte die eine der Damen die Möglichkeit, auf dem Land – gegen allerlei Textilien – eine wohl noch magere, aber springlebendige Gans einzuhandeln. In einem Korb verpackt, brachte Fräulein Agathe das Tier nach Hause. Und sofort begannen Agathe und ihre Schwester Emma das Tier zu füttern und zu pflegen.

Und so kam der Morgen des 23. Dezember heran. Es war ein strahlender Wintertag. Die ahnungslose Gans stolzierte vergnügt von der Küche aus ihrem Körbchen in das Schlafzimmer der beiden Schwestern und begrüßte sie zärtlich schnatternd. Die beiden Damen vermieden es, sich anzusehen. Nicht, weil sie böse aufeinander waren, sondern nur, weil eben keine von ihnen die Gans schlachten wollte. »Du musst es tun«, sagte Agathe, sprach’s, stieg aus dem Bett, zog sich rasend rasch an, nahm die Einkaufstasche, überhörte den stürmischen Protest und verließ in geradezu hässlicher Eile die Wohnung.

Als Agathe nach geraumer Zeit wiederkehrte, lag die Gans auf dem Küchentisch, ihr langer Hals hing wehmütig pendelnd herunter. Blut war keines zu sehen, aber dafür alsbald zwei liebe alte Damen, die sich heulend umschlungen hielten. »Wie … wie …«, schluchzte Agathe, »hast du es gemacht?« »Mit … mit … Veronal«, wimmerte Emma. »Ich habe ihr einige deiner Schlaftabletten auf einmal gegeben, jetzt ist sie …«, schluchzend, »huh … rupfen musst du sie … huh huh huh …«, so ging das Weinen und Schluchzen fort. Endlich raffte sich Agathe auf und begann, den noch warmen Vogel zu rupfen. Federchen um Federchen schwebte in einen Papiersack, den die unentwegt weinende Emma hielt. Und dann beschloss man, nachdem es mittlerweile spät am Abend geworden war, das Ausnehmen der Gans auf den nächsten Tag zu verschieben.

Am zeitigen Morgen wurden Agathe und Emma geweckt. Mit einem Ruck setzten sich die beiden Damen gleichzeitig im Bett auf und stierten mit aufgerissenen Augen und Mündern auf die offene Küchentür. Herein spazierte, zärtlich schnatternd wie früher, wenn auch zitternd und frierend, die gerupfte Gans.

Bitte, es ist wirklich wahr und kommt noch besser. Als ich am Weihnachtsabend zu den beiden Damen kam, um ihnen noch rasch zwei kleine Päckchen zu bringen, kam mir ein vergnügt schnatterndes Tier entgegen, das ich nur wegen des Kopfes als Gans ansprechen konnte, denn das ganze Vieh steckte in einem liebevoll gestrickten Pullover, den die beiden Damen hastig für ihren Liebling gefertigt hatten. Die Pullovergans lebte noch weitere sieben Jahre und starb dann eines natürlichen Todes.

DORIS BEWERNITZ

DER FLECK

Gewundert hatte ich mich ja schon immer ein bisschen. Na gut, ich will mich nicht schlauer machen, als ich bin, also nicht schon immer, aber so ab meinem fünften Lebensjahr. Über die merkwürdig hohe Stimme unseres Weihnachtsmannes.

Eigenartig, oder? Zu manchen kommt der Weihnachtsmann, zu manchen Knecht Rupprecht, zu manchen das Jesuskind, zu manchen das Christkind. Und es ist mir nie gelungen herauszufinden, ob die beiden letzteren identisch sind. Zu uns kam jedenfalls der Weihnachtsmann. Doch die Katze, nach der ich mich so sehnte, brachte und brachte er mir einfach nicht. Obwohl ich sie jedes Jahr von meiner großen Schwester auf den Wunschzettel schreiben ließ.

Zum Glück war der Weihnachtsmann nie besonders streng. Obwohl wir schon wochenlang vorher Lieder und Gedichte für ihn einüben mussten.

Am Heiligabend warteten wir dann. Der Baum war geschmückt, die Krippe aufgestellt, die Eltern erschöpft, der Kartoffelsalat mit den Würstchen auf dem Tisch – genau in dem Moment klingelte es.