Wenn der Mond weint - Martina Jurk - E-Book

Wenn der Mond weint E-Book

Martina Jurk

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Beschreibung

Marlene ist auf der Suche nach dem perfekten Glück. Sie ist überzeugt, dass sie das in einem fremden Land findet. Mit Sahin, einem Muslim. Mit Mitte sechzig ist sie bereit, alles dafür aufzugeben – ihr gutsituiertes Leben in Deutschland, ihre 44jährige Ehe, ihre Familie, Freunde. Marlene denkt, dass es jetzt an der Zeit ist, an sich zu denken und nochmal ganz neu anzufangen. Sie lässt sich leiten von ihrem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen und reist in die Türkei auf unbestimmte Zeit. Es soll das größte Abenteuer ihres Lebens werden. Doch es kommt ganz anders. Marlene erfährt von tiefen Gräben zwischen den Kulturen und von Abgründen der menschlichen Seele. Aus einem Traum wird ein Albtraum. Und dennoch kommt sie von Sahin nicht los. Ein Kampf zwischen Herz und Verstand beginnt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Martina Jurk

Wenn der Mond weint

Roman nach einer wahren Geschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Wenn der Mond weint

Nur nette Menschen

Begegnungen

Berührungen

Bleib doch hier

Pläne

Süße Worte

Warnungen und pure Erotik

Aufbruch

Der aufgehenden Sonne entgegen

Angekommen

Heiratsantrag mit Linsensuppe

Absolutes Glück

Schock

Probleme und Geld

Warten auf ein Wunder

Am Meer

Nur Freundschaft

Hülya

Muslimische Gepflogenheiten

Bitterer Honig

Meer voller Tränen

Gebrochene Herzen

Reden, träumen, hoffen

Hilferuf aus Afrika

Gefängnis

Korrupte Moral

Gedankenspiele

Erloschener Vulkan

Perfides Spiel

Entscheidung

Zweifel und Selbsterkenntnis

Traurigkeit und Rache

Stich im Herzen

Die Erde tut sich auf

Getürkt

Suche nach der Wahrheit

Abdullah

Hassans Recherche

Parallelwelt

Schämen für die Landsleute

Nachricht von Sahin

Schicke fünfhundert Euro

Karin

Antworten

Das Letzte

Zwiegespräch mit Dir

Impressum neobooks

Wenn der Mond weint

Martina Jurk

Wenn der Mond weint

Roman nach einer wahren Geschichte

Für alle, die mutig sind, neue Wege zu gehen.

Für diejenigen, die gewillt sind, jeden Tag dazuzulernen.

Die Palmen können nichts dafür, dass ich sie hasse. Der Muezzin kann nichts dafür, dass ich seinen Ruf nicht mag. Die Berge und das Meer können nichts dafür, dass ich ihren Anblick nicht ertragen kann. Die Regenschirme können nichts dafür, dass sie über einer Straße hängen. Ich kann nichts dafür, dass ich eine Gänsehaut bekomme, wenn jemand meinen Namen ausspricht. Von alldem ahne ich nichts.

„Kennen Sie diese Moschee?“, fragt der sympathische Mann, der vor dem großen islamischen Gebetshaus auf der Nebenbank sitzt. Nach einem langen Spaziergang durch die Altstadt Antalyas ruhen wir uns aus. Es ist Mai. Es ist warm. Die Luft fühlt sich wie Seide an.

„Ja, wir kennen die Moschee.“

Vier Jahre zuvor war ich mit meinem Mann Frank schon einmal in der schönen Stadt an der türkischen Riviera. Das beeindruckende Gebäude hatten wir damals während einer privaten Führung besichtigt. Der Mann stellt sich als Aziz vor, und er spricht sehr gut Deutsch. Sein Vater habe das Teppichgeschäft gegenüber gegründet, erzählt er. Er lebe in Deutschland. Aziz habe ebenfalls dort gewohnt und ist vor vielen Jahren in die Fußstapfen seines Vaters getreten.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Laden, und wir trinken einen Tee zusammen“, lädt Aziz uns freundlich ein.

Frank ist skeptisch. Er denkt sofort an Verkaufstrick und die Masche, Touristen etwas aufschwatzen zu wollen. Er zögert und will mich wegziehen.

„Wir wollen doch einen Teppich kaufen“, entgegne ich. Was in der Tat stimmt. Und ein Fachgeschäft ist allemal vertrauensvoller als die Händler, die ihre Ware über den Zaun hängen und feilbieten, denke ich. Ich bin beeindruckt. So viele Teppiche habe ich noch nie gesehen.

Ich fühle mich wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Wir sitzen mit Aziz in einer Ecke des Ladens in gemütlichen Sesseln und trinken Tee. Es riecht nach Wolle und gewebtem Garn. In Kürze erzählen wir uns unsere Geschichten. Ich habe das Gefühl, Aziz schon ewig zu kennen. Er macht einen sehr kompetenten Eindruck mit einer südländischen Gelassenheit, die mich neidisch macht. In Windeseile legen die Mitarbeiter den ganzen Fußboden mit Teppichen aus. Alle Farben, Formen, Größen und Muster. Wir sind regelrecht erschlagen und sagen, was wir suchen. Nach einer gefühlten Ewigkeit und weiteren Gläsern Tee werden wir fündig. Allerdings ist die Größe nicht optimal. Und ich will keine Fransen.

„Kein Problem“, beruhigt mich Aziz. „Ich habe eine Teppichschneiderei“, verrät er.

Es geht in die Kaufverhandlung. Und jetzt ist der Händler gar nicht mehr so gelassen. Er will das Geschäft unbedingt zum Abschluss bringen, habe ich den Eindruck. Ich kann den Preis etwas herunterdrücken. Bezahlt wird in bar und in der Landeswährung Lira. Aziz geht mit mir zum Geldautomaten gleich um die Ecke.

„In drei Stunden könnt Ihr den Teppich fertig verpackt und mit den erforderlichen Papieren für die Rückreise abholen“, sagt Aziz professionell.

Wir sind inzwischen beim „Du“ und fühlen uns wie gute Freunde. Zufrieden verlassen wir den Laden.

„Lass uns etwas essen gehen“, schlage ich Frank vor. „Ich habe Appetit auf Fisch oder Meeresfrüchte.“

Antalya ist eine Touristenhochburg. Viele Restaurants bieten alles an, Pasta, Pizza, Salat, Burger, Fleischgerichte, Suppen, Vegetarisches, um allen Geschmäckern der Gäste gerecht werden zu können. Der Markt ist hart umkämpft. Gute Fischgerichte habe ich allerdings noch nicht wirklich entdeckt. Nach ein paar Metern fallen wir fast über einen Aufsteller, auf dem genau das angeboten wird. Wir stehen am Beginn einer Restaurant-Meile in der Altstadt.

„Hier finden wir etwas Passendes“, freue ich mich.

Wir überlegen nicht lange und steuern sofort auf einen Tisch zu. Die Kellner müssen uns auch nicht mit überschwänglicher Freundlichkeit überreden. Wir haben Hunger.

„Muscheln und gegrillte Garnelen, genau mein Ding“, sprudelt es aus Frank heraus.

Sahin, der Chef des Ladens, für einen Mann nicht sehr groß, dafür aber flink, wendig und aufgeweckt, kommt an unseren Platz und begrüßt uns freundlich auf Deutsch.

„Hallo, wie geht es euch? Etwas Salat, Dips und Brot vorweg“, schlägt Sahin zuvorkommend vor und ist wie ein Wirbelwind schon wieder verschwunden.

Die Gastronomie der Stadt spielt sich draußen ab. Bei dem schönen Wetter möchte niemand drinnen sitzen. Das gibt uns Gelegenheit, während wir auf das Essen warten, das Treiben um uns herum zu beobachten. Dieser Tag soll mein ganzes Leben umkrempeln. In diesem Moment weiß ich davon noch nichts.

„Wir kommen morgen wieder“, versprechen wir.

„Das ist jetzt unser Lieblingsrestaurant“, beschließt Frank.

Bevor wir gehen, will ich meinen Stuhl ordentlich an den Tisch rücken. Zu Hause machen wir das auch so. Einer der Kellner kommt sofort zu mir und weist mich zurecht: „Du nimmst uns unseren Job weg!“

Nur nette Menschen

Wir wohnen in einer privaten Ferienwohnung. Hamid und seine Frau vermieten sie an Urlaubsgäste. Diese Art zu wohnen lieben wir. Die Wohnung ist günstiger als ein Hotelaufenthalt. Man lernt Land und Leute viel besser und intensiver kennen, haben wir festgestellt. Vom Balkon aus schauen wir auf eine der schönsten Straßen, von dreißig Meter hohen Palmen gesäumt. Die historische Straßenbahn kündigt sich mit ihrem Klingeln an. Das ist notwendig, denn der gepflasterte Schienenzwischenraum wird von Roller-, E-Scooter-, Fahrradfahrern und Fußgängern genutzt, wenn die Gehwege von Touristen verstopft sind.

Unser Blick fällt auf das Panorama des Taurusgebirges, auf Moscheen, deren Minarette über die Häuserdächer ragen, auf die Einfallstraße zur Altstadt, auf die majestätischen Palmen und auf das geschäftige Treiben der Millionenmetropole bis spät in die Nacht. Ein paar Schritte von unserem Haus entfernt befindet sich das Hadrianstor, eines der Wahrzeichen der Stadt. So wie das Klingeln der stets pünktlichen Straßenbahn die Zeit verrät, so tut es auch der Ruf des Muezzins. Eine Uhr ist überflüssig.

Ich liebe das alles. Der Orient war neben Afrika mein Kindheitstraum. Er schien so weit weg, so anders, so geheimnisvoll. Jetzt bin ich tatsächlich hier und nehme das mit allen Sinnen auf. Die Luft ist geschwängert von Kurkuma-, Cumin-, Koriander- und Kreuzkümmelaromen, vom schweren Duft exotischer Blüten, vom Salz des Meeres, wenn der Wind eine Brise in die Stadt weht. Der Neumond, der sich als schmale Sichel zeigt, ist gut zu sehen, denn der Himmel ist klar. Er sieht irgendwie anders aus als zu Hause, wunderschön, so scheint es mir zumindest. „Das Symbol des Islam“, sage ich zu Frank.

Hamid ist für uns da, wann immer wir ein Problem oder Fragen haben. Er spricht kein Wort Deutsch oder Englisch und wir nicht Türkisch, bis auf „Merhaba“, was „Hallo“ bedeutet. Mit Hilfe eines Sprachübersetzers ist die Verständigung möglich. Er müsse seine Wohnung vermieten, weil seine Frau krank sei. Die Einnahmen seien notwendig für Operationen und Behandlung, erklärt er.

Es ist das Ende des Ramadans.

„Die Geschäfte und Restaurants haben bis Mittag geschlossen. Es ist Zuckerfest“, klärt uns Hamid auf.

Da wir nach dem Nachtflug hungrig sind, macht er uns ein Frühstück. Eine große Tüte Weißbrot, türkischen Käse, der anders ist als wir ihn kennen, und gebratene Eier tischt er auf. Dazu gibt es traditionell zubereiteten Kaffee. Das Zuckerfest wird ausgelassen gefeiert. Neben Touristen sind viele Besucher aus dem ganzen Land unterwegs. Mich beeindruckt, wie chic und modern die Menschen hier gekleidet sind. Ich bin fast neidisch und fühle mich mitunter wie ein altmodisches Landei. Überall wird für Sauberkeit gesorgt. Die Straßenbäume werden regelmäßig gewässert. Geschäftsleute schrubben die Gehwege vor ihren Läden. Nicht nur während des Festes, an dem alles besonders schön herausgeputzt wird. In den Läden quellen die Angebote über. Es gibt alles. Von Auswirkungen der Corona-Krise oder Lieferengpässen merken wir nichts. Wir fühlen uns wie im Paradies.

Wir kaufen Lebensmittel ein.

„Ich muss auf die Suche nach Schafskäse gehen“, sage ich zu Frank. Ich will auch ab und zu selbst kochen. Orientalisch natürlich. Ein kleines Abenteuer für sich. Ich schreibe mir auf, was Schafskäse und andere Zutaten auf Türkisch heißen und gehe auf Entdeckungsreise in den Läden und auf Märkten. Nach längerer Zeit habe ich alles zusammen, dank der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Verkäufer. Ich mache uns zum Frühstück Rührei mit Schafskäse. Das Rezept kenne ich noch von einer ehemaligen türkischen Schulfreundin unserer Tochter.

„Mir gefällt es hier“, sage ich etwas wehmütig zu Frank.

Er hat das Thema, den tristen und dunklen deutschen Winter in südlichen Gefilden zu verbringen, immer mal wieder zur Sprache gebracht. Da wir im Ruhestand sind, wäre das kein Problem für uns. Irgendwie habe ich mich bisher dagegen gesträubt. Wir haben ein kleines, aber feines Häuschen mit Innenhof und kleinem Garten in einer grünen Umgebung und einem See quasi vor der Haustür. Warum sollte ich für drei oder vier Monate Komfort und Bequemlichkeit gegen Kompromisse und unbekannte Herausforderungen eintauschen? Dass ich mir das hier vorstellen könnte, überrascht mich selbst.

Wir besuchen die Leute, die wir vor vier Jahren kennengelernt haben, so der Plan. Was wir erfahren und hören, erschüttert uns.

„Memmet ist nicht mehr da. Tot“, sagt der Mann vor dem Laden, den Memmet damals führte, in gebrochenem Deutsch.

Verständigungsprobleme führen zu Missverständnissen. Es stellt sich heraus, dass Memmet nicht gestorben ist.

„Corona hat alles kaputtgemacht. Keine Touristen. Er konnte das Geschäft nicht halten und ist nach Ankara gegangen“, erzählt der Mann traurig.

Auch Özdemir, der eine Pension geleitet hat, treffen wir nicht mehr an. Hier saß ich damals in seinem schönen Garten und habe Ayran getrunken. Seine Oma hat für mich gefülltes Fladenbrot gebacken. Später bin ich mit Frank nochmal hin, und wir haben uns die Zimmer angesehen. Wenn wir wieder in die Türkei kommen sollten, wohnen wir hier, waren wir uns einig. Özdemirs Pension hat nicht überlebt. Wie auch, ohne Touristen?

Wir versuchen es noch beim Aserbaidschaner an der Festung, von dessen Restaurant man einen spektakulären Blick hat auf das Meer und die Berge, von denen einige dreitausend Meter hoch und mit Schnee bedeckt sind. Die Geschichte wiederholt sich. Er sei zurück in die Hauptstadt Baku gegangen, berichtet sein Nachfolger. Der Tag endet deprimierend, nachdem wir noch zwei dieser Geschichten gehört haben.

Begegnungen

Wir gehen in „unser“ Restaurant. Sahin und seine Mitarbeiter übertreffen sich gegenseitig in Freundlichkeit und Übereifer, weil wir tatsächlich wiedergekommen sind.

„Wie geht es euch? Wollt Ihr etwas essen?“, fragt Sahin.

Wollen wir. Immer wieder kommt er an unseren Tisch. Ihm gehöre auch das Restaurant gegenüber, erklärt er.

„Woher sprichst du so gut deutsch? Warst du schon einmal in Deutschland?“, will Frank wissen.

„Nein, noch nie“, antwortet Sahin.

Deutsch habe er durch die Touristen gelernt, auch Englisch, ein bisschen Russisch und Arabisch. Die gesamte Restaurant-Crew ist darauf getrimmt, jeden Menschen, der vorbeikommt, anzusprechen und anzulocken, beobachten wir. Schnell durchschauen wir das „System“.

„Jeder verlorene Gast ist verlorenes Geld.“ Sahin nennt es „Brotgeld“.

„Corona hat viel zerstört. Wir haben zwei Jahre lang nicht arbeiten können“, erklärt er. Auch jetzt kämen viel weniger Touristen als vor der Pandemie.

Wir plaudern noch eine Weile. Dass Sahin mich die ganze Zeit im Visier hat, bemerke ich nicht.

Wir beschließen am nächsten Tag, die „Prachtstraße“ näher in Augenschein zu nehmen. Wir fotografieren uns an historischen Gebäuden und den steinernen Römern in ihren Rüstungen, die an Geldautomaten stehen und auf Bänken sitzen. Witzige Idee, den geschichtlichen Hintergrund der Stadt gegenwärtig zu machen, finde ich.

Plötzlich spricht uns ein freundlicher rundlicher älterer Mann an.

„Ich habe gehört, dass Sie Deutsch sprechen. Woher kommen Sie?“, fragt er. „Deutschland, dort habe ich viele Jahre gelebt, sogar in einem bekannten Verein Fußball gespielt“, erzählt er voller Begeisterung und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Er heiße Bilal.

„Meine Schwester hat hier ein Geschäft“, erklärt er, und zeigt auf den Schmuckladen, vor dem wir rein zufällig stehen.

„Kommt, ich zeige es euch und stelle euch meiner Schwester vor. Sie entwirft sehr schöne Schmuckstücke“, bittet er uns.

Frank beschleicht abermals ein ungutes Gefühl, dass wir gezielt angelockt werden, um natürlich etwas zu kaufen. Bilal ist so nett und herzlich. Wir wollen ihm seinen Wunsch nicht abschlagen.

Seine Schwester Nihan begrüßt uns überschwänglich.

„Merhaba“, sage ich.

„Sie sprechen das akzentfrei aus. Sprechen Sie Türkisch?“, will die Geschäftsfrau wissen.

Ich verneine. Nihan spricht dafür perfekt Deutsch. Es dauert nicht lange, und sie breitet eine Kollektion Ohrringe vor mir aus. Okay, denke ich, ich suche seit Jahren Ohrringe mit einem ganz bestimmten Verschluss. Vielleicht werde ich hier fündig, beruhige ich mich.

„Wir haben bald unseren 44. Hochzeitstag“, verrät Frank.

Das sei doch das perfekte Geschenk, kommentiert Nihan. Der Deal steht. Inzwischen sind Kunden und Mitarbeiter in ein reges Gespräch vertieft.

„Wie kann man so lange verheiratet sein?“, ist Nihan neugierig.

Sie könne sich nicht vorstellen, dass die Liebe immer noch so ist wie am Anfang. Frank erzählt, dass er viele Jahre in Afrika gearbeitet und gelebt habe, mit Unterbrechungen.

„Das belebt eine Ehe. Es wird nie langweilig“, erklärt er.

Nihan und Bilal sind schwer beeindruckt. Wir verlassen das Geschäft mit Ohrringen, einem Ring und einer Einladung zu einem Frühstück bei ihnen. Mir geht es richtig gut damit, von allen so nett behandelt zu werden. Wieder habe ich das Gefühl, die Menschen schon ewig zu kennen.

Ich merke, dass mich die Eindrücke und Begegnungen hier in ihren Bann ziehen. Das Land stand nie auf der Prioritätenliste unserer Reiseziele. Uns hat es bislang nach Afrika und in Länder, in denen Portugiesisch gesprochen wird, gezogen. Während Freunde und Arbeitskollegen jedes Jahr in orientalische Länder gereist sind, hat uns diese Region der Welt nicht interessiert. Erst vor vier Jahren, als wir eher zufällig in Antalya gelandet sind, waren wir zum ersten Mal in der Türkei und auf Anhieb begeistert. Wir wohnten in einem kleinen, schönen Hotel mitten in der Altstadt. Und wir waren typische Touristen. Jetzt, beim zweiten Besuch, ist das anders. Privat untergebracht müssen wir uns selbst um alles kümmern, einkaufen gehen und auch ab und zu kochen. Wir tauchen tiefer ein in das Leben hier. Und das ist schön, interessant und lehrreich.

Die Menschen mit ihrer überbordenden Freundlichkeit ziehen mich magisch an, stelle ich fest. Ihr typisches Aussehen, hohe Stirn, tiefe, dunkle Augen und Hakennase, gefällt mir.

Unser Enkel Max hat uns eine Wunschliste mitgegeben, was wir ihm mitbringen sollen. Also gehen wir zum Basar, der uns mit seinen gefühlt tausend Läden, tonnenweise Kleidung, Taschen und Gold im Überfluss erschlägt. Gucci, Versage, Boss und andere Namen prangen in großen Lettern auf T-Shirts und Taschen. Darauf stehen wir überhaupt nicht. Aber was soll's. Der Junge ist fast dreizehn, und in diesem Alter scheint das eben cool zu sein. Ich sehe gleich im ersten Laden den Gürtel, den Max haben will. Auf dem Handy habe ich ein Foto gespeichert und stelle fest, dass ein Detail nicht so ist wie bei dem Exemplar auf dem Bild. Das ist eben Fake sage ich laut, so dass es auch der Händler hört. Sofort stürzt er auf mich zu und sagt:

„Kommen Sie mit. Oben habe ich die echten Sachen.“

Bis jetzt wusste ich nicht, dass es echte und unechte Nachahmer gibt. Der Händler führt mich eine Treppe hinauf. Mir ist nicht wohl dabei. Aber es ist zu spät. „Oben“ hat er tatsächlich den Gürtel, der mit dem auf dem Foto identisch ist. Ich handle und kaufe. Wir wollen auch noch nach ein paar T-Shirts für Frank schauen. Im Raum für „besondere Kunden“ dauert es gefühlt Stunden, nachdem Ismail den halben Laden vor uns ausgebreitet hat. Er holt immer mehr Shirts heraus, bis uns fast schwindelig ist. Währenddessen spricht er mich mit Helen an.

„Wieso sagst du eigentlich immer Helen zu mir?“, frage ich ihn.

„Du siehst aus wie die Schauspielerin Helen Mirren“, schleimt er herum.

Ich muss mir selbst eingestehen, dass ich mich geschmeichelt fühle, und ich finde es witzig. Wir bekommen Tee angeboten. Am Ende haben wir einen Stapel T-Shirts, Jeans und Strickjacke auf den Armen. Ismail wird nicht müde, jetzt auch noch Hemden hervorzuholen. Uns reicht es.

„Ich mache für alles zusammen einen fairen Preis“, verspricht er.

Das Geschäft hat sich für ihn mit Sicherheit gelohnt. Wir sind um eine Erfahrung reicher und um etliche Lira leichter.

Voll bepackt verlassen wir den Basar und landen in einem Restaurant genau davor. Wir sind geschafft und hungrig. Vor dem Laden steht der hochgewachsene Mustafa und fordert uns auf Platz zu nehmen. Er trägt eine orientalische Kopfbedeckung und begrüßt mich mit Handkuss wie eine alte Freundin. Wir bekommen Kostproben von verschiedenen Teesorten, Nüsse und Wasser. Mustafa spricht Deutsch. Er setzt sich zu uns und wir kommen ins Gespräch.

„Antalya ist sehr schön“, schwärmen wir.

„Mietet euch doch eine Wohnung hier. Die bekommt Ihr schon für zweihundertfünfzig Euro im Monat. Für euch ist das kein Geld. Mit eurer Rente lebt Ihr hier wie Gott in Frankreich“, meint er.

Was er sagt, bestärkt uns in unseren Gedanken, hier zu „überwintern“. Nachdem wir ein völlig überteuertes Essen verspeist haben, kommt Mustafa noch mit einer Spezialität heraus. Lorbeeröl, das er neben anderen typischen Souvenirs wie Tee, Gewürze und Süßigkeiten in einer separaten Ecke des Ladens verkauft.

„Ein Wundermittel. Hilft bei Gelenkbeschwerden, Insektenstichen, Hautproblemen und vielem mehr“, wirbt er, das Zeug zu kaufen.

„Engelchen“, sagt er zu mir, „probiere es aus. Wenn es euch gefällt, bekommt Ihr es bei mir günstiger als woanders.“

Ich bin davon ausgegangen, dass nur er das Öl anbietet. Weit gefehlt. Schon im Restaurant nebenan werden Touristen „eingeölt“.

„Eine Frau hat eine Stelle damit eingeschmiert und ist dann spazieren gegangen. Nach zwei Stunden kam sie zurück und hat gleich vier Flaschen gekauft“, sagt Mustafa, in Verkaufsargumentation gut geschult.

Völlig erschöpft von der Shoppingtour gehen wir „nach Hause“. Ein weiteres Mal bin begeistert, dass alle hier so nett sind. Wir sitzen auf dem Balkon unserer Ferienwohnung und genießen die Aussicht und die Stimmung, die genau zu meiner Gemütslage passt.

Berührungen

Am nächsten Tag planen wir, uns nach einem Friseur umzusehen. Türkische Friseure sind im Haareschneiden wahre Künstler, wissen wir. Ich frage bei einigen nach dem Preis. „Zehn Euro oder hundert Lira“, bekomme ich überall zur Antwort. Auch Frauen zahlen das.

Wir gehen zu Sahin. Als wir im Restaurant auftauchen, lassen die Mitarbeiter sofort alles stehen und liegen und rufen aufgeregt ihren Chef. Latif, der „Touristenanimateur“, lacht freudestrahlend über das ganze Gesicht. Wir werden bei jedem Besuch inniger begrüßt. Direkt gegenüber dem Restaurant ist auch ein Friseurgeschäft. Auch dort der gleiche Preis. Ich frage Sahin, ob er mich begleiten und dem Barbier sagen könne, was ich möchte. Natürlich tut er das. Sehr gerne sogar. Der Haarschneider nennt einen anderen Preis.

„Der Haarschnitt bei Frauen ist aufwändiger als bei Männern“, begründet er den höheren Satz.

Ich hätte ihn doch vorher gefragt, entgegne ich. Er zeigt mir die offizielle Preisliste und deutet mit Handzeichen an, dass ich eine Halsabschneiderin sei.

„Okay, dann gehe ich“, gebe ich zu verstehen.

Der Meister rudert zurück. Ich sitze mit Umhang auf dem Stuhl.

Sahin wuselt mir in den Haaren herum und erklärt dem Chef, was gemacht werden soll. Es dauert nicht mehr lange, bis er selbst die Schere in die Hand nimmt, denke ich. Der Friseur ist auch schon leicht pikiert. Eine Mitarbeiterin asiatischer Herkunft fängt endlich an zu schneiden. Alle paar Minuten kommt Sahin in den Salon, um den Werdegang zu kontrollieren. Er nutzt die Gelegenheit, mich im Gesicht zu berühren, indem er so tut, als messe er die Haarlänge. Inzwischen sagt er nur noch Schatz zu mir. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden und zahle ein üppiges Trinkgeld. Ich bedanke mich stolz auf Türkisch. Einige Wörter habe ich nämlich schon gelernt. Der Barbier strahlt und ich gehe mit dem guten Gefühl, dass er mir nicht mehr böse ist.

Sahin versucht mich hinterher vom Gegenteil zu überzeugen.

„Das ist ein Betrüger“, meint er.

Zehn Euro seien doch nicht hundert Lira, rechnet er vor. Bei einem Umrechnungskurs von eins zu achtzehn seien hundert Lira etwas mehr als fünf Euro. Stimmt, er hat Recht. Aber, denke ich, in Deutschland würde ich dafür vierzig Euro zahlen. Damit ist das Thema für mich beendet. Ich finde die Episode im Nachhinein witzig. Mir wird aber auch bewusst, dass Sahin mich anmacht. Auch das finde ich lustig, mehr nicht. Trotzdem suchen ihn meine Augen.

Wir bestellen etwas zu essen. Sahin ist inzwischen so vertraut mit uns, dass er zum „Ich liebe euch“ übergegangen ist. Aber das sagt er zu fast allen Gästen. Ständig kommt er an unseren Tisch.

„Alles klar bei euch?“, floskelt er herum.

Im Laufe des Smalltalks fragt Frank ihn, ob er verheiratet sei.

„Nein“, antwortet er kategorisch.

Die türkischen Frauen seien nicht gut, meint er und winkt dabei abschätzend ab. Und alle würden nur sein Geld wollen. Ihm würden die beiden Restaurants gehören, eine Stadtwohnung und ein Ferienhaus. Ich bin neugierig.

„Vermietest du das Ferienhaus an Touristen?“, frage ich nicht ohne Hintergedanken. Wer weiß, vielleicht könnte das irgendwann eine Adresse sein, falls wir wieder Urlaub in der Türkei machen wollen. Sahin antwortet selbstbewusst mit ja und zeigt auf sein Telefon.

„Hier, es wollen schon wieder Leute buchen, Amerikaner. Aber sie wollen den Preis nicht zahlen. Der ist ihnen zu hoch“, ist er verärgert. Die Touristen seien so knauserig.

„Für euch würde ich es günstiger machen. Ihr könnt so lange bleiben wie Ihr wollt. Mein Haus ist euer Haus.“

Während er nachschiebt „Was ist schon Geld? Nur Liebe zählt“, zwinkert er mir zu.

Ab und zu geht Frank abends nochmal ein Bier bei Sahin trinken. Ich bleibe in der Wohnung und lese ein Buch oder beobachte das Treiben unter unserem Balkon. Ich sehe dem Mann zu, der mehrmals am Tag ein Tablett mit gefüllten Teegläsern über die Straße trägt zum Taxistand. Sie sorgen füreinander, und alle sind so nett, denke ich vor mich hin und seufze dabei. Frank beobachtet Sahin. Frauen ähnlichen Alters und auch ähnlich aussehend wie ich seien offensichtlich sein „Beuteschema“. Sie versuche er bevorzugt mit schönen Worten anzulocken, erzählt er mir, als er wieder zu Hause ist. Ich nehme das emotionslos zur Kenntnis. Sahins Alter ist schwer herauszubekommen. Er erzählt ständig etwas anderes. Ich schiebe das auf Sprachschwierigkeiten. Unsere Schätzung umfasst eine Spanne von Mitte Fünfzig bis Anfang Sechzig. Frank fragt ihn nach seiner Handynummer, die er bereitwillig herausgibt. Wir haben in einigen Ländern, die wir bereist haben, gute Kontakte. Sie können nützlich sein, falls wir nochmal wiederkommen wollen. Ich schreibe Sahin ein kurzes „Hallo“, damit er meinen beziehungsweise unseren Kontakt hat. Frank hat sein Handy gar nicht dabei.

Inzwischen ist es ziemlich heiß in der Stadt. Deshalb beschließen wir, am nächsten Tag mit der alten Straßenbahn nach Konyaalti zu fahren und ein paar Stunden am Strand zu verbringen. Dort angekommen, sind wir überwältigt von dem atemberaubenden Panorama. Der sieben Kilometer lange breite Strand aus hellen Kieselsteinen mit den Gipfeln des Taurusgebirges im Hintergrund verspricht pures Vergnügen. Da zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so viele Besucher hier sind, ist es relativ leer am Strand. Auch Strandliegen sind noch nicht aufgestellt. Auf den Steinen zu liegen, ist nicht sehr angenehm. Und das Wasser des Mittelmeers ist noch zu kalt. Also verlassen wir Konyaalti bald wieder und fahren zurück in die Stadt. Später gehen wir in „unser“ Restaurant.

Der Mann, der jeden Tag vor Sahins zweitem Laden steht, ist sein Bruder Kasim, erfahren wir. Er wirkt sehr verschlossen und sagt kaum etwas.

„Er ist einfach nur da, macht aber nichts“, meint Sahin.

Den Hintergrund kennen wir noch nicht. Kasim beäugt uns sehr reserviert.

Ich gehe mich etwas frisch machen. Die Toiletten befinden sich im Obergeschoss. Bislang habe ich die schmale, steile Wendeltreppe dorthin vermieden. Sie macht keinen sicheren Eindruck auf mich. Als ich wieder nach unten gehen will, ganz langsam, kommt mir auf halbem Weg Sahin entgegen, nimmt meine Hände und hilft mir die restlichen Stufen hinunter. Unten angekommen, legt er seinen Arm vertraut um mich. Später denke ich, was wäre passiert, wenn ich noch oben gewesen wäre. Hätte er mich in die Besenkammer gezerrt? Er sagt zu Frank „Ich liebe dich“, meint aber mich. Abends ruft er mich auf dem Handy an. „Schatz, ich liebe dich“, wiederholt er. Es ist eine unangenehme Situation, denn in diesem Moment kommt Frank zurück. Sahin hat nicht damit gerechnet, dass er schon zu Hause ist. Ich beende schnell das Telefonat.

Frank wird das allmählich zu bunt. Bevor das Ganze hier eskaliert, muss er etwas unternehmen, beschließt er und stellt Sahin zur Rede.

„Mein Freund, lass die Finger von Marlene! Das ist meine Frau.“

„Nein, nein, das ist nur Spaß“, verteidigt sich Sahin.

Er grinst und geht weg. Diese Typen mit ihren süßen Worten und schönen Blicken machen noch nicht mal davor halt, einem Ehemann sehenden Auges die Frau auszuspannen, ärgert sich Frank. Von der Situation erfahre ich erst viel später.

Bleib doch hier

Heute ist unser Hochzeitstag. Wir haben eine Tour mit dem Piratenschiff an der Küste entlang bis zum Dünen-Wasserfall und zurück gebucht. Bei schönstem Wetter, aber heftigem Seegang schippern wir in der Bucht von Antalya herum. Das Boot ist ziemlich voll. Vor allem Einheimische machen die Tour mit. Uns gegenüber sitzt ein älteres Ehepaar. Der Mann sieht mich die ganze Zeit an.

„Lass uns nach unten gehen. Hier oben ist es mir zu windig“, schlage ich Frank vor.

Unten ist es tatsächlich etwas ruhiger. Aber der Fluchtversuch schlägt fehl. Das Ehepaar folgt uns kurze Zeit später nach. Mir ist das Ganze unangenehm, und ich fühle mich beobachtet. Was haben die Männer hier für ein Problem, frage ich mich.

Wieder an Land gönnen wir uns in einem Fischrestaurant am Hafen eine Meeresfrüchte-Platte. Ein ganzer gebratener Fisch, ein paar Garnelen und Muscheln frittiert drumherum, Pommes frites und etwas Gemüse als Garnitur. Wenige einfache und preiswerte Zutaten reichen, um damit ein königliches Mahl erscheinen zu lassen zu einem üppigen Preis – für Touristen. Aber wir sind glücklich und auch ganz schön erschöpft. Trotzdem geht Frank noch einmal zu Sahin. Ich bleibe zu Hause und ruhe mich aus.

Am nächsten Tag fragt mich Sahin, wo ich war.

„Wir haben eine Schiffstour gemacht und danach war ich geschafft“, erkläre ich.

Er schaut mich fast verständnislos an, als wollte er sagen, was schon so schlimm gewesen sein könnte, ihn nicht sehen zu wollen.

Frank verschwindet für eine Weile auf die Toilette. Sahin nutzt die Gelegenheit und kommt an meinen Platz und mir ganz nah.

„Bleib doch hier. Ich meine es ernst. Was willst du denn in Deutschland? Bleib doch bei mir“, bettelt er.

Immer wieder sagt er beim Vorbeigehen, ich solle doch hierbleiben und ob ich ihn verstehen könne. Er zeigt auf Franks Stuhl und winkt ab, als will er sagen, dass ich das ja wegen Frank nicht könnte. Vielleicht soll es auch heißen: „Was willst du denn mit dem?“ Jetzt spätestens wird mir klar, was hier läuft. Der bisherige lockere Umgang mit Sahin driftet in eine andere Dimension ab. Ich bin mir nicht sicher, wie ich damit umgehen soll.

„Ich will noch nicht nach Hause“, gestehe ich Frank am Abend ohne Hintergedanken.

„Ich auch nicht“, gibt er zurück.

Am nächsten Tag liegt schon wehmütige Abschiedsstimmung in der Luft.

„Wir fliegen morgen nach Hause. Aber erst spät abends. Deshalb kommen wir bestimmt nochmal vorbei. Wir müssen ja die Zeit herumkriegen. Bist du da?“, fragt Frank Sahin.

„Ich bin immer da, jeden Tag von morgens bis spät in die Nacht“, antwortet er.

Bevor wir gehen, fingert er mir am BH-Verschluss herum. Ich drehe mich weg. Er grinst zweideutig. Keine Gelegenheit lässt er aus, um gezielt Signale in meine Richtung zu senden. Und doch fühle ich mich irgendwie unbeschwert, als könne mir, egal was passiert, nichts mehr etwas anhaben. Ich spüre ein Prickeln, wie Salz des Meeres auf der Haut. Ich fühle ihn auf der Haut. Ich schiebe diese Gedanken weg, als könnte ich noch etwas retten. Ich fürchte mich vor dem, was kommen könnte.

Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf. Wir sind keine Teenager, die ewig um sich herumschleichen, weil sie Angst vor ihren Gefühlen oder vor Zurückweisung haben. In unserem Alter, mit Mitte sechzig, kommt man schnell zur Sache, sagt augenblicklich und deutlich, was man fühlt und will, ist mir bewusst.

Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl, wenn ich an morgen denke. Eigentlich habe ich gar keine Lust, nochmal ins Restaurant zu gehen. Es könnte unangenehm werden, befürchte ich. Ich habe Angst vor Sahins, aber auch vor meinen eigenen Gefühlen.

Wir gehen zu Nihan und Bilal, um uns zu verabschieden. Auch bei Aziz schauen wir vorbei.

„Wenn Ihr das nächste Mal nach Antalya kommt, dann lade ich euch zu mir nach Hause ein. Meine Frau kocht sehr gut. Ihr seid herzlich willkommen“, verspricht er.

„Ihr müsst schnell wiederkommen. 350 Tage im Jahr scheint hier die Sonne“, schiebt Aziz nach.

Ein verlockender Gedanke, geht es mir durch den Kopf.

Wir gehen ins Restaurant. Im Laden gegenüber sitzen zwei Frauen, Sahin und sein Bruder Kasim zusammen und debattieren heftig. Eine der Frauen ist augenscheinlich Türkin. Es sieht nach einem geschäftlichen Treffen aus. Nach einer Weile kommen die Frauen zu uns herüber und setzen sich an den Nebentisch. Dazwischen wirbelt ein Junge herum. „Das ist meiner“, sagt die Türkin in einwandfreiem Deutsch mit etwas süddeutschem Akzent. Unweigerlich kommen wir ins Gespräch und erfahren, dass sie gleich um die Ecke einen Laden eröffnen will. Aber es gebe noch Probleme, vor allem mit ihrem Cousin. Es gehe um Geld. Sie müsse noch einiges klären.

„Ich bin im Januar aus Deutschland in die Türkei gekommen und will hier Fuß fassen“, erzählt sie.

Ihre Tochter sei in Deutschland bei ihrem Vater geblieben, ihr achtjähriger Sohn würde mit ihr hier leben. Ihre Geschichte ist eine von vielen. Die Eltern sind einst als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen. Die Kinder sind dort geboren. Als Erwachsene kommen sie in die Türkei zurück, wo ihre verwandtschaftlichen Wurzeln sind.

Wir plaudern noch eine ganze Weile. Die andere Frau ist ihre Cousine, die leider nur Türkisch spricht.

„Ihr müsst unbedingt wiederkommen. Nicht erst in ein paar Monaten, sondern in ein paar Wochen. Ich bin übrigens Hülya“, verabschiedet sie sich.

Wieder eine supernette Bekanntschaft gemacht, denke ich und freue mich. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, welche Rolle Hülya in meinem Leben noch spielen soll.

Der letzte Tag. Meine Gefühle schwanken zwischen Angst und Erwartung, was passieren wird. Wir müssen uns ja verabschieden, sehe ich ein. Sich einfach aus dem Staub zu machen, ist auch keine Lösung. Das wäre wirklich zu unhöflich, denke ich. Also überwinde ich mich, und wir gehen ins Restaurant.

Frank albert mit Latif herum, dass er die deutschen Touristen ins Restaurant ziehen will und Latif die anderen. Ich stehe mit Sahin und den Mitarbeitern Metin, Nazan und Hayat aus der Küche zusammen. Nach einer Weile Smalltalk gehe ich in die Offensive, die ich mir schon vorher zurechtgelegt habe.

„Was willst du mit mir?“, frage ich Sahin ganz direkt.

„Du arbeitest doch nur. Du hast doch gar keine Zeit“, begründe ich die Frage.

„Ja, aber trotzdem. Verstehst du mich nicht?“, ist seine Reaktion.

Er streichelt meinen Unterarm.

„Das ist kompliziert“, argumentiere ich weiter, „ich habe ein Leben in Deutschland, eine Familie, ich bin verheiratet.“

„Ich weiß, aber kannst du mich verstehen? Wenn du zurückkommst, dann reden wir“, betont er.

Die Ernsthaftigkeit, mit der er das sagt, zieht mir fast den Boden unter den Füßen weg.

„Ja okay“, antworte ich.

Dass wir alsbald nach Antalya wiederkommen, ist für Frank und mich beschlossene Sache.

„Wenn du wieder da bist, dann möchte ich dir einen richtigen Kuss geben. Wenn du das auch willst“, fühlt Sahin vor.

Ich zucke mit den Schultern und sage: „Warum nicht“.

„Wir telefonieren, wenn du in Deutschland bist“, schlägt er vor. Ich verneine.

„Ich bin nicht allein zu Hause. Wir schreiben uns.“

Frank schafft es, „seine“ Touristen zum Bleiben zu bewegen. Alle sind gut drauf. Es herrscht eine gelöste Stimmung, außer bei Sahin und mir. Aber irgendwann ist Schluss.

„Es ist so weit“, sage ich zu Sahin.

Wir umarmen uns lange. Er küsst mich ganz intensiv auf den Hals.

Wir verabschieden uns sehr emotional von allen. Bevor wir am Ende des Restaurants um die Ecke biegen, drehe ich mich ein letztes Mal um. Sahin steht da mit einem so traurigen Blick, dass ich erschrecke. Dieser Moment entscheidet innerhalb weniger Sekunden alles.

Während der Rückreise nach Deutschland kann ich an nichts anderes mehr denken.

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