3,49 €
Hannes war zehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann und sein Vater Max den grauen Feldrock der Wehrmacht anziehen musste. Er wusste nicht, ob er ihn je wiedersehen würde. Seinen Großvater Otto hatte er nie kennengelernt, denn der fiel im Ersten Weltkrieg an der österreichisch-russischen Front in Galizien. Auch seine Mutter Helene hat Hannes verloren. Sie starb bei der Geburt des dritten Kindes. Seitdem verband Max und Hannes ein sehr inniges Verhältnis. Umso schlimmer war es für Hannes, als sein Vater in den Krieg ziehen musste – zum zweiten Mal in seinem Leben, denn er musste schon im ersten Krieg an der Westfront für eine Sache kämpfen, die nicht die seine war. Auch Hannes erwischte es noch als Sechzehnjährigen, als der Wehrmacht letzter Haufen. Das Leben von Max und seiner Familie im Thüringer Wald vor, während und nach den beiden Weltkriegen war beschwerlich – harte Arbeit in der Fabrik, auf dem Feld, im Wald und auf dem eigenen Hof. Die Familie, im Besonderen Vater und Sohn, wuchsen immer enger zusammen. Doch das sollte nicht so bleiben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2025
Martina Jurk
Die Kriege der Väter
Erzählroman über eine Thüringer Familie
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
An den langen Wiesen
Das Haus auf dem Berg
Herbst
Holzmacher
Zur See
An der Westfront
Alwin
Hedwig
Des Vaters schönster Anzug
Militärkarabiner für Amerika
Arbeiten für den Krieg
Butter
Schorsch
Thüringer Spezialitäten
Schlachtfest
Nichts ist gut
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
Grasmäher
Heuernte
Bartnelken
Holz machen
Der Professor und die feinen Kinder
Das Weinen der Ziege
Wastel
Hannes und der Schlag ins Gesicht
Das Grab der Mutter
Der Märchenwald
Gotteshuldigung und Hitler-Verehrung
Der schwache Punkt
Der Heereswurm
Einquartiert
David
Mobilmachung
Leeräugiger Hass
Kriegsgefangene
Die letzte Familienfeier
Gen Osten
Alles schon erlebt?
Junge und alte „Holzwürmer“
Oben und unten bei denen da oben
Die „kleinen Russen“
Rudis Sohn und der Kessel
Das letzte Aufgebot
Über die Zeit gerettet
Der Krieg der Sechzehnjährigen
Phosphor
Die Amerikaner sind da
Sehnsucht nach Zuhause
Weder Fisch noch Fleisch
Der andere Heereswurm
Der unbändige Drang nach Frieden
Die neue Zeit
Abgesetzt
Die Kohle ist knapp
Das Ilm-Tal
Das zerbombte Dorf
Immer der Schwarza entlang
Die Geige
Neue Bauernhöfe
Im Gefängnis
Rudi und die Fabrik
Der Zeuge und der Tänzer
Auf den Feldern
Mit Bauern reden
Der Bischof
Großstadtkinder
Epilog
Quellennachweis
Impressum neobooks
Martina Jurk
Hans Ludwig(†)
Die Kriege der Väter
Erzählroman über eine Thüringer Familie
Der Traum des Vaters der Autorin war es immer, ein Buch zu schreiben. Eine Geschichte über die besondere Beziehung zu seinem Vater, über seinen Großvater und über seine Kindheit in Thüringen. Dazu ist es nicht gekommen, denn der Vater verstarb sehr früh. Bei der Durchsicht des Nachlasses entdeckte die Autorin Notizen und Aufzeichnungen. Nach Sichtung und aufwendiger Bearbeitung des Rohmaterials sowie intensiver Recherche fand die Autorin den roten Faden. Vater, Großvater und Urgroßvater einte ihre Heimat Thüringen, ihre Liebe zur Natur, aber auch noch etwas anderes. Sie mussten alle in den Krieg ziehen. Sie kamen zurück, verletzt an Körper und Seele, bis auf einen, der fiel. Und jedes Mal ging alles wieder von vorn los.
Am Ende aller Tage bleibt nur die Erinnerung. Im Laufe der Zeit verblasst auch sie immer mehr. Damit sie nicht ganz in Vergessenheit gerät, hat die Autorin sich entschlossen, aus dem Material ihres Vaters und ihren eigenen Erinnerungen an ihn und ihre Großeltern einen Erzählroman zu machen.
Es ist kein reiner Kriegsroman, sondern erzählt gleichermaßen vom entbehrungsreichen Leben vor, während und nach den beiden Weltkriegen, von der harten Arbeit in den Fabriken, auf dem Feld, im Wald und auf dem eigenen Hof. Scheinbare Puzzleteile ergeben ein Bild, das ein Stück Thüringer Geschichte mit viel Lokalkolorit und damit auch ein Stück unrühmlicher deutscher Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts abbildet. Der Roman soll Mahnung nachfolgender Generationen sein, nicht zuzulassen, dass auch sie wieder Kriege erleben müssen.
„Wir fahren in den Thüringer Wald.“ Wenn Michaelas Vater Hannes das sagte, kam das der Ankündigung einer Weltreise gleich. Die Fahrt von Berlin dorthin dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Es war Ende der 1950er Jahre. Michaela ging noch nicht zur Schule, und so taten ihre kindliche Ungeduld und eine andere Zeitempfindung ihr Übriges. Trotzdem freute sie sich darauf, ihre Großeltern wiederzusehen. Sie packte ihren kleinen schwarzen Lackkoffer mit Dingen, die ihr wichtig waren. Eigentlich brauchte sie die gar nicht, denn das Leben dort versprach jede Menge Abenteuer. Vor allem freute sich Michaela auf die Kinder aus der Nachbarschaft, die sie schon sehnsüchtig erwarteten und ihre Nasen am Fenster plattdrückten. Wer würde zuerst das Auto mit dem Besuch aus Berlin sichten?
Nach nie enden wollender Fahrt verließ Hannes die Autobahn und durchfuhr die wunderschönen Täler des Thüringer Waldes. Die kleine Stadt, in der die Großeltern wohnten, heißt so wie sie liegt, an langen Wiesen. Am Nordostrand des Mittelgebirges, in einem breiten Tal der Ilm, erstreckt sich Langewiesen zwischen Wiesen, Feldern und den schnell ansteigenden Bergen im Süden.
„Man muss es nicht durchfahren, durchwandert oder durchlaufen haben, um seine ganze Schönheit zu erfassen. Das sagt Opa oft“, erinnerte Hannes seine Familie.
Opa Max meinte das Stück Thüringer Wald zwischen Rennsteig, Frauenwald, Dreiherrenstein, Großbreitenbach, das Ölse- und Schwarzatal und auf der anderen Seite von Stützerbach, Manebach bis Ilmenau und wieder zurück bis zum langen Berg. Beim Durchlaufen solle man nicht die Haupt- oder Fahrstraßen benutzen, sondern die Täler, entweder das der Schorte oder der Schobse oder den Fürstenweg zwischen diesen Bachläufen.
„Wie oft wird er es wohl durchlaufen haben, niemand hat das gezählt und er selbst wohl am wenigsten. Er hat es auch kaum als Spaziergänger durchlaufen. Es war immer mit Arbeit verbunden“, meinte Hannes.
Von der Hauptstraße ab ging eine Straße steil bergauf, um zum Haus der Großeltern zu gelangen. Eigentlich war es gar keine richtige Straße, eher ein befestigter Weg, und eine Sackgasse. An der höchsten Stelle stand das mit für diese Gegend so typischem schwarzen Schiefer verkleidete Haus. Von dort hatte man einen atemberaubenden Ausblick, zur einen Seite auf die Stadt, zur anderen Seite auf den Wald. Michaela entdeckte schon ihren Opa Max, der das Tor zum Hühnerhof öffnete. Die Großeltern selbst und die meisten Besucher gingen über diesen Hof ins Haus, obwohl es einen richtigen Eingang hatte. Opa hatte den Hof blitzblank gefegt und am Tag zuvor ein Kaninchen zur Begrüßung geschlachtet. Oma kochte ein leckeres Essen. Zum Fleisch gab es original Thüringer Klöße.
Michaelas Großvater war nicht sehr groß, aber er hatte Kraft. Er zog ein Bein nach, denn seit einer Kriegsverletzung war das Knie steif. Bei der Begrüßung spürte das Kind seine schwieligen Hände, die von harter Arbeit zeugten. Wegen seiner grauen Haare vermutete Michaela, dass er sehr alt sein musste. Er war gerade mal sechzig. In den Augen von Kindern waren Großeltern immer alt. Ihr Opa fing ein Huhn und legte es seiner Enkelin in die Arme. Sie liebte das. Es war ihr Lieblingshuhn. Danach wollte sie unbedingt in den Kaninchenstall, um die Tiere zu streicheln. Dass eines davon gleich vor ihr auf dem Teller liegen würde, störte sie nicht. Ihre Großeltern waren wie die meisten Leute im Ort Selbstversorger. Selbst während der beiden Weltkriege musste so niemand hungern.
Die Großmutter rief etwas ungeduldig zum Essen. Die Klöße waren nicht Michaelas Fall. Sie wurden aus rohen und gekochten Kartoffeln zubereitet und hatten in der Mitte ein Stück geröstetes Brot.
„Jetzt stell´dich nicht so an“, ermahnte Max das Kind. „Es gab Zeiten, in denen wir froh gewesen wären, wenn wir so etwas Feines zu essen gehabt hätten“, schob er nach. Davon hatte seine Enkelin natürlich keine Ahnung – zum Glück.
Das Haus von Opa Max und Oma Hedwig war groß. Die Wohnung in der ersten Etage hatten sie vermietet. Die Mieterin erschien Michaela wie ein Geisterwesen, das sehr selten und auch nur schemenhaft zu sehen war. Michaela war das unheimlich, und sie wäre nie auf die Idee gekommen, die Treppe hochzusteigen, um zu erkunden, was sich dort verbarg. Der Hühnerhof, auf dem es auch mal zwei Ziegen und Schweine gab, wurde eingerahmt von einer großen Scheune, in der das Stroh für den Winter lagerte, und vom ehemaligen Schweinestall, der jetzt als Waschküche diente. Nicht nur die Wäsche wurde darin gekocht, auch die Familie badete dort in einer Zinkwanne. Dann waren da ja noch die Kaninchen, die in einem Schuppen untergebracht waren. Dahinter schloss sich ein großer Gemüsegarten an. Für Michaela war er ein Paradies. Es roch alles so frisch und wundervoll lecker, außer wenn ihr Opa mit Jauche gedüngt hatte. Der Garten vor dem Haus, in dem Obstbäume auf einer Wiese standen und Blumenrabatten an der Hauswand, war zu bestimmten Zeiten für jedermann eine verbotene Zone. Niemand dufte die Wiese, wenn sie hochstand, herunter treten, denn daraus machte Max Heu. Den Großeltern gehörten auch eine Wiese und ein Stück Wald am Hang. Beides konnte man vom Haus aus in der Ferne sehen.
Michaela kam in den folgenden Jahren einmal im Jahr zu ihren Großeltern. Beim Spazierengehen ließ Opa selten eine Gelegenheit aus, Geschichten zu erzählen. Er liebte den Wald, er war sein Lebenselixier, und überhaupt alles in der Natur, und dabei kam er ins Schwärmen.
„Die Täler sind hier mitunter so eng, dass auf der Talsohle nur Platz für einen Weg oder eine Straße und ein Wasser ist.“
Max zeigte seiner Enkelin die Berge. „Die sind von hier aus gesehen so hoch, da musst du schon den Kopf in den Nacken legen, um ihre Gipfel zu erkennen. Nirgends stehen die Fichten so majestätisch wie in diesen Tälern. Auf einem Gemälde oder einer Theaterkulisse würde man es für Kitsch halten.“
Max fand alle Jahreszeiten schön, aber er liebte besonders den Herbst, wenn es an das „Holzmachen“, das sagten die Leute in der Gegend zu Holz spalten oder Holz hacken, ging. Im Schortetal, längs der Straßen, Ebereschen, deren grellrote Beeren selbstbewusst und fröhlich den tiefblauen Herbsthimmel anstrahlen. Ein riesiger Komplex von Forsten. Unten im Tal ein Forellenteich, blau gesäumt von dunklen Fichten, davor eine Birke in der letzten Vollkommenheit ihrer herbstlichen Schönheit. Links davon ein Dorf, auf den Feldern ein paar Kartoffelfeuer, deren Rauchsäulen steil zum Himmel anstiegen. Das Fallen der Blätter, der hohe blaue Himmel über den abgeernteten Feldern – solche Bilder waren für ihn etwas Wunderbares. Er war ein Mensch, der alles über die Augen, über das Sehen erfasste.
„Es ist schön, auf diesem weichen Waldboden zu laufen“, sagte er. „Weiter, hinter der Schneidemühle, wechseln Fichten mit Buchen und, wie verirrt, auch mal der rote Schaft einer Kiefer. Das Sägewerk liegt sehr einsam am Saum einer langen, schmalen, vom Wald eingefassten Wiese. Früh um diese Zeit ist alles weiß bereift, und wie jeden Tag geht die Sonne am wolkenlosen Himmel strahlend auf. Erst um zehn Uhr fängt sie um diese Jahreszeit an, etwas zu wärmen. Die Bäume haben jetzt die unterschiedlichsten Farben, so das Gold einzelner Birken und das Rot der Eichen. Ab und zu zieht ein Raubvogel seine Kreise am blauen Gewölbe, und ein paar Krähen streichen flügelschlagend ab. Die Sonne färbt die Kiefernstämme glühend rot und lässt das Buchenlaub in allen Schattierungen, vom leuchtenden Gold bis zum tiefen Kupferton, erstrahlen. Unten liegt der Knöpfelstaler Teich. Wie aus einer Sage leuchtet er aus dem feierlichen Dunkel der ihn begrenzenden Fichten hervor – unendlich erhaben über das Kleinmaß menschlicher Dinge“, übertraf sich der Großvater selbst in der Wahl seiner Worte.
Keiner, meinte Max, habe sich diese Landschaft Untertan machen können. Wenn man nach einer Rast die Augen öffne, würde man den blauen Himmel makellos und davor die alles einnehmende Kulisse der von Fichten bewachsenen Hänge sehen. Von Zeit zu Zeit löse sich von den wenigen am Teich stehenden Ebereschen ein Blatt und falle ganz langsam zur Erde.
„Ja, das ist die Zeit des Reifens und der Vollendung und zugleich die Zeit des Abschiednehmens. Wie oft hat man in dieser Gegend und dieser Zeit Abschied genommen. Wie jung sie alle waren, Vettern, Brüder, Freunde. Wie wenige sind wiedergekommen. Die Natur ist barmherziger. Sie gibt einen langen Sommer zum Reifen und schenkt die Fülle, ehe sie Stück um Stück und Blatt für Blatt wieder zurücknimmt“, sagte Max nachdenklich.
Nach dem langen Spaziergang wurde es schon langsam dunkel, aber Michaela wollte unbedingt noch zu ihrer Freundin, die im Nachbarhaus wohnte.
„Das kannst du morgen machen“, meinte Oma Hedwig. „Deine Eltern
fahren morgen wieder nach Hause und du bleibst hier. Dann ist noch genug Zeit für alles.“
Im Haus gab es ein kleines Zimmer, in dem Michaela schlief. Über ihrem Bett hing ein Foto von einer sehr schönen Frau. Michaela dachte, dass es Oma Hedwig in jungen Jahren sei. Als sie nachfragte, sagte Hedwig:
„Die Frau auf dem Foto ist die leibliche Mutter deines Vaters.“
Helene, so hieß sie, sei bei der Geburt des dritten Kindes gestorben. Aber irgendwie, fand Michaela, hatte ihre Oma Hedwig Ähnlichkeit mit Helene.
Das Federbett, das sich auf das Kind drückte wie ein schwerer Sack, wurde ewig nicht warm. An der Tapete an den Wänden bildeten sich im Winter Kristalle. Auch der Nachttopf unter dem Bett war Michaela unheimlich, aber notwendig, denn zum Klo, ein Donnerbalken, hätte sie über den Hof gehen müssen. Sie hatte Angst, wenn es windig war, weil dann die Schieferschindeln am Haus klapperten. Kein Raum im Haus war warm, außer die Küche, wo sich sowieso das ganze Leben abspielte. Der große schwere Herd sah aus wie ein Ungeheuer. Wenn man in seinen Schlund Holz und Tannenzapfen warf, fing das Ungeheuer an zu glühen und gab immer etwas Wärme ab, auch wenn nicht gekocht wurde. Darauf stand ständig eine Kanne mit Malzkaffee. Der Kachelofen im Wohnzimmer wurde nur zu Familienfeiern angefeuert. Und auch Bohnenkaffee, der rar und teuer war, gab es nur zu besonderen Anlässen. Zwischen dem Ofen und einem großen Buffetschrank, in dem gutes Geschirr und Gläser aufbewahrt wurden, war eine Lücke, in der ein gepolsterter Stuhl stand. Dort saß Hedwig jeden Tag am späten Nachmittag oder frühen Abend mit geschlossenen Augen. Sie nannte das „Dämmerstunde“. Manchmal schaute sie aber auch lange aus dem Fenster und beobachtete, wer am Haus vorbeilief. Jeden Abend brachte Hedwig ihre Enkelin ins Bett und sang ihr ein Schlaflied vor:
Guten Abend, gut' Nacht
Mit Rosen bedacht
Mit Näglein besteckt
Schlüpf unter die Deck'
Morgen früh, wenn Gott will
Wirst du wieder geweckt
Morgen früh, wenn Gott will
Wirst du wieder geweckt
Guten Abend, gut' Nacht
Von Englein bewacht. (1)
Max war weder Forstläufer noch Holzfäller, sondern Schlosser. Aber Holzmacher war bestimmt sein zweiter Beruf, den beherrschte er sozusagen als Hobby in den Ferien, an Wochenenden oder nach Feierabend. Während der Arbeitslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg hatte er in dieser Gegend Notstandsarbeiten mit seinen Kumpels ausgeführt. Für ein paar Pfennige Stundenlohn baute er Forstwege. Es waren Erdarbeiten nur mit Hacke und Schaufel und Körperkraft. Es war zu jener Zeit, als der Forstmeister Kain, geschmückt mit einem Kaiser-Wilhelm-Bart und einem Karabiner im Reitfutteral, noch sein Revier mit dem Pferd abritt. Es war auch die Zeit, als die Forstarbeiter, er sagte Holzmacher, noch den Hut zogen, wenn Kain vorbeiritt oder die Arbeiter zu Neujahr im Forsthaus Kain ein gesundes neues Jahr wünschen mussten. Die Notstandsarbeiter taten weder das eine noch das andere.
Michaelas Vater und ihr Großvater schwadronierten gern über alte Zeiten, wenn sie sich sahen.
„Ja, der Kain“, sagte Max. „Die meisten hatten als Soldaten den ersten Krieg überstanden und bückten sich derart nicht mehr gerne. Für Kain waren sie aufsässig und auch gefährlich. In der Tat waren sie es. Einer von denen war dort dabei, wo die Nachkriegsgefechte ausgetragen wurden, zum Beispiel in Ohrdruf auf dem Truppenübungsplatz oder in Zella-Mehlis bei der Erstürmung des Rathauses. Dieser Schlag war geneigt, Differenzen gründlich auszutragen, so wie ihre Ausdrucksweise nicht fein, sondern hart war. Das Schießen hatten sie gelernt. Den Kriegskarabiner hatten die meisten zu Hause in der Scheune aufbewahrt. Das kostete dem Kain manches Stück Wild, was dieser wusste oder ahnte.“
„Opa gehörte zu dieser Truppe und war ohne Zweifel davon ein Prachtexemplar“, meinte sein Sohn Hannes.
In dieser Zeit habe er schon mehr gesehen als nur die Forstwege. Erblich vorbelastet habe es ihn in die Ferne getrieben. Obwohl alle Vorfahren aus dem Ort stammten und dort übliche Berufe ausübten wie Holzmacher, Glasmacher und Zimmermann, sei ein Großvater mütterlicherseits vor langer Zeit nach Amerika ausgewandert. Alle Hoffnungen der Urenkel, dass dieser Vorfahre Millionär geworden sein könnte und nach dem Krieg ein Geldsegen kommen könnte, hätten sich nicht erfüllt. Aber möglich, dass Max ein Auswanderer-Gen geerbt habe.
Nach Beendigung der Schlosserlehre so mit vierzehn oder fünfzehn Jahren, habe ihn der Wandertrieb gepackt. Die erste
Station sei die Wasserkante gewesen. Mehr sei auch nicht drin gewesen, weil der Krieg, der Erste Weltkrieg, andere Reisen verhindert habe.
„Der erste Kahn, der ihn anheuerte, war ein Fischerboot“, erzählte Hannes. „Dort hatte er ein Erlebnis, bei dem sich ein Charakterzug zeigte, der später noch öfter zum Vorschein kam. Der Fischer, früh vom Land zurückgekehrt, beschuldigte ihn zu Unrecht, die auf dem Kahn vorhandene Milch ausgetrunken zu haben. Max wusste vom Bootsmann, dass der Fischer gern schlägt. Als der Fischer mit einem Tauende aus der Kombüse hochkam, war Max beim Fische schlachten. Das Schlachtmesser in der Hand sah er den Fischer so an, dass dieser auf einmal wusste, wenn er ihn schlüge, würde er das Messer gebrauchen. Der Fischer dachte, der geht mich an, der Hundesohn macht es.“
Viel später erklärte Max seinem Jungen einmal beim Holzmachen:
„Niemand auf der Welt hat das Recht, dich zu schlagen. Schlage so zurück, egal was du in der Hand hast, dass es dem anderen für alle Zeit vergeht, einen Menschen anzufassen. Egal, welche Folgen das hat. Niemand hat das Recht, mit uns Schindluder zu treiben.“
Die zweite Station an der Wasserkante war der deutsche Zehntausendtonner-Handelsdampfer „Heinz“. Auf ihm fuhr Max als „Schmierer“ im Maschinenraum. Es war Krieg, also zwischen 1914 und 1918, und die „Heinz“ fuhr im Geleitzug ohne Kriegsschiff-Begleitung nach Rotterdam und Narvik, um Erz für Krupp-Kanonen zu holen. Ihre letzte Fahrt unter deutscher Flagge war die mit zehn weiteren Dampfern nach Rotterdam, wo sie mit Erz beladen wurden. Als sie einen Tag auf See waren, kreuzten englische Kriegsschiffe den Kurs, ließen die Mannschaften in die Rettungsboote gehen und übernahmen acht Dampfer. Einer flüchtete und kam durch, einer wurde versenkt. Die Mannschaft der „Heinz“ ruderte zurück nach Rotterdam. Dort ließ sie sich fotografieren mit dem unterlegten Titel „Die Mannschaft des von den Engländern am soundsovielten gekaperten deutschen Zehntausendtonner-Frachters „Heinz“. Ein herrliches Bild: Gruppenaufnahme mit drei Frauen, Köchinnen, Stewardessen, Kapitän und drei Offiziere in Uniform der Reederei, Mannschaften in blauen Anzügen, Hemdkragen nach innen geschlagen.
Max´ Erlebnisse auf See mussten seinen Sohn so beeindruckt haben, dass er Jahrzehnte später ein Boot kaufte. Hannes schipperte mit Michaela und ihrer Mutter auf den Gewässern rund um Berlin herum. Wenn ihr Vater „Befehle“ erteilte, musste Michaela mit „I, i sir“, eine Redewendung aus der Seemannssprache, antworten. Und das war keine spaßig gemeinte Bitte. Überhaupt, so glaubte Michaela, hätte ihr Vater lieber einen Sohn statt einer Tochter gehabt. Zuweilen behandelte er sie auch so. Mitunter sprach er sie mit Michael an.
Auch ihr Opa Max konnte hart zu ihr sein. Einmal gab es marinierten Hering in Sahnesoße mit Pellkartoffeln zum Abendbrot. Der Fisch hatte so viele Gräten, dass Michaela ihn nicht hinunterschlucken konnte und zu weinen anfing. Und welches Kind mochte schon Hering? Max wurde ungehalten und schimpfte. Ihre Oma hatte Mitleid mit ihr. Aber auch das half nichts.
„Du bleibst solange hier sitzen, bis du das aufgegessen hast. Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt“. Das `Sandmännchen´ wirst du dann wohl verpassen“, drohte Max.
Oma Hedwig reichte es irgendwann. Sie konnte das schluchzende Kind nicht mehr so mit ansehen und räumte den Teller vom Tisch. Max blieb hart. An diesem Tag fiel der Abendgruß im Fernsehen für Michaela aus. Ihre Oma brachte sie ins Bett und sang wie immer „Guten Abend, gut´ Nacht …“ vor. Ihre Enkelin schlief sofort ein. Am nächsten Morgen war alles vergessen.
Irgendwann schenkten Michaelas Großeltern ihr eine Lederhose. Möglicherweise war das die Idee ihres Vaters. Das Mädchen war geschockt, denn das war etwas für Jungs und nichts für sie, die einen Pettikoat unter ihren Kleidern liebte. Mit der Aufbietung sämtlicher Kräfte versuchten Michaelas Eltern und Großeltern, ihr die Hose mit Gewalt anzuziehen. Sie strampelte und schrie wie am Spieß, bis die Oma flehte:
„Hört auf, hört bloß auf, sie bekommt keine Luft mehr und läuft schon blau an.“
Dann endlich ließen die Erwachsenen von Michaela ab. Sie hatte gewonnen. Seitdem wurde nie wieder über dieses Thema gesprochen.
Nach der letzten Fahrt mit dem Dampfer „Heinz“ wurde Max vom kaiserlich-deutschen Konsulat in Rotterdam sofort an die Westfront zu einer Pioniereinheit geschickt. Der Erste Weltkrieg ging also für ihn weiter. Dort lernte er kennen, wozu „die da oben“ fähig sind, um oben zu bleiben. Max konnte später, auch seinen Kindern, den Krieg vor Verdun so schildern, wie er in der Kriegsliteratur beschrieben wird, zum Beispiel in „Erziehung vor Verdun“ von Arnold Zweig oder in „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque.
„Er konnte damit erziehen, wenn er erzählte, wie die Landser, rangniedrige deutsche Heeressoldaten, aus dem Feuer kamen. Einer, der seine eigenen Därme in beiden Händen trug, und ein anderer, bei dem nur noch die Augen sprachen, weil der Unterkiefer zerschossen war. In seinen Erzählungen – und er konnte erzählen – war an diesem Krieg nichts Heroisches oder Erhabenes für die kleinen Leute. Für ihn war der Krieg ein Verbrechen, eine stinkende Grube, etwas, das nicht gesühnt werden kann“, erinnerte sich sein Sohn Hannes.
Von Max´ späterer Frau seien mehrere Brüder gefallen. Sie sei aus einem Dorf gekommen, in dem der Pfarrer ein Mittelding zwischen Bild und Plakat in Großformat verteilte, das man einrahmen konnte, um es über das Sofa zu hängen. Darauf sei ein sterbender Soldat in sauberer Uniform abgebildet gewesen, und über ihn habe ein Engel einen Palmenzweig gehalten. Darunter habe gestanden oder sei von einem Maler in Schönschrift eingetragen worden: „Hier fiel der Grenadier … auf dem Feld der Ehre“.
Max trat vor dem ersten Krieg der Sozialistischen Arbeiterjugend bei, und sein Vater Otto war Sozialdemokrat. Aber es mussten auch die den feldgrauen Rock anziehen, die dagegen waren. Sein Vater fiel 1915, als kaiserlich-deutsche Regimenter eilends nach den Karpaten geworfen wurden, um dort die Österreichisch-Kaiserliche Armee vor den schlimmsten Attacken der Kaiserlich-Russischen Armee zu retten. Die österreichisch-russische Front war eine wichtige Kampfzone während des Ersten Weltkriegs. Sie war Teil der Ostfront, wo sich Österreich-Ungarn und Russland in großen Schlachten gegenüberstanden. Die Front erstreckte sich von den Karpaten bis zum Schwarzen Meer. Die Kämpfe an dieser Front waren besonders brutal und verlustreich. (2) Max´ Vater fiel, noch ehe Max´ jüngster Bruder geboren war.
1919, Max war ein Mann geworden. Mittelgroß, breitschultrig, prächtig tätowiert aus der Seefahrerzeit, ohne Illusionen.
„Man konnte es dem alten Forstmeister Kain schon glauben, dass mit so einer Truppe Notstandsarbeiter im Forstwegebau nicht gut Kirschen essen war. Und wenn der alte Kain schrie, dass er am Krieg auch als Offizier teilgenommen hatte, brachte ihm das nur Hohn und Drohungen ein. Meine Generation hatte erst mal vor denen ´da oben´ keinen Respekt mehr. Ihr fiel es auch nicht schwer, den mitgebrachten Militärkarabiner wieder hervorzuholen und nochmals zu benutzen, aber jetzt gegen ´Oben´. In Zella-Mehlis waren die Büchsenmacher zu Hause, als Berufsbezeichnung amtlich akzeptiert. Hergestellt wurden aber in und vor dieser Zeit nicht mehr viele Büchsen, sondern der deutsche Militärkarabiner, vornehmlich für den Einsatz im Ersten Weltkrieg“, erzählte Max später seinem Sohn Hannes.
Max, der nach einem erneuten Wandertrieb in das mitteldeutsche Industrierevier nach Leuna, wo er als Montageschlosser tätig war, zurückkehrte, bekam er es später wieder mit dem Wald und Zella-Mehlis und Karabinern zu tun. Nun schon als Mitglied des Rote Frontkämpferbundes, einem paramilitärischen Wehrverband der Kommunistischen Partei Deutschlands.
Michaela war gern bei ihren Großeltern. Aber einmal war es nicht so gut. Bevor sie in die Schule kam, befanden Ärzte bei der Einschulungsuntersuchung, dass sie zu klein und zu schmächtig sei. Daraufhin beschlossen ihre Eltern, sie nach Thüringen zu bringen. Die Luftveränderung und gutes Essen würden ihr guttun. Oma Hedwigs Wundermittel hieß „Schnippelsuppe“ mit ganz viel Gemüse aus dem Garten. Für den Winter hatte Hedwig Gemüse in Gläser eingekocht. Die Suppe half bei allerlei Wehwehchen, nicht nur körperlichen.
Niemand wusste warum, aber Michaela bekam fürchterliches Heimweh. Nichts half mehr. Ihr Vater musste sie abholen und sie wieder mit nach Hause nehmen. Dabei hatte sie so viel Spaß mit den Nachbarkindern. Sie erlebten jede Menge Abenteuer: Hühner fangen, auf dem Heuboden spielen, auf Wiesen liegen und die Wolken beobachten, zur Kirmes gehen und eine echte Thüringer Bratwurst im Brötchen essen, in den eiskalten Bergsee springen, bei anderen Nachbarn Kuchen, der im Keller stand, naschen, mit Oma in den Wald gehen, und plötzlich gewitterte es. Das war, als breche ein Höllenfeuer aus. Bei Michaelas Oma wurden dabei Erinnerungen wach an das Donnern der Kanonen in den beiden großen Kriegen.
Hedwig ging nie einfach nur so in den Wald. Sie setzte ihren großen Tragkorb auf den Rücken. Alles was auf den Wegen lag und verwertbar war, Tannenzapfen und kleinere Äste oder Zweige, sammelte sie auf. Das war hervorragendes Brennmaterial für die Öfen.
Wenn Michaela zu Besuch war, nahm ihre Großmutter sie mit in den Wald. Dann erzählte Hedwig manchmal von ihrem Vater Alwin, der auch in dieser Gegend zu Hause war. Er schien ein echtes Thüringer Original gewesen zu sein. Im Gegensatz zu seiner Frau Amalie und seiner Tochter Hedwig hager, mit gekrümmter Nase, kurzem Haarschnitt, Augen wie ein Adler, soldatisch. Von Beruf Zimmermann, hatte er jedoch viele Jahre im Wald gearbeitet. Er war auch so gekleidet: grüner Loden oder grünes Tuch und grüner Lodenhut.
„Sein eigentliches Zuhause war der Wald. Es schien, als ginge er nur in die Wohnung, um sich aufzuwärmen, zu schlafen oder zu essen. Er hatte noch vor dem Ersten Weltkrieg aktiv gedient bei den Roten Husaren, preußische Husaren, die in verschiedenen Regimentern organisiert waren. Zu erkennen waren sie an den roten Hosen ihrer Uniform. Es gab auch schwarze und blaue Husaren. Über dem Sofa in seinem Zuhause hing eine Fotomontage. Mein Vater sah schneidig aus als Husar in Pelzmütze mit Fangschnur und auf den Degen gestützt, aufgesessen oder das Pferd am Zügel führend. Er konnte auch später noch gut mit Pferden umgehen“, sprach aus Hedwig ein bisschen Stolz.
Auch Hannes hatte noch Erinnerungen an Alwin, dessen Lebensrhythmus sich nach dem der Hühner richtete. Er ging mit ihnen schlafen und stand manchmal noch vor ihnen auf.
„Ein Gang mit ihm am Sonntagmorgen in den Wald begann noch vor Sonnenaufgang. Wer es nicht schaffte, im Sommer gegen drei Uhr früh aus den Federn zu kommen, hatte keine Gelegenheit, mitgenommen zu werden. Die zweite Tugend oder Voraussetzung war, schweigen zu können. Wer nicht schweigen konnte, erlebte nur die Hälfte. Im Wald war ihm alles vertraut. Er kannte in seinem Revier jeden Wildpfad oder -wechsel. Er wusste, wo Quellen entspringen. Er reinigte sie von Schlamm, schob ein Stück Rinde oder Holz in die Erde, so dass das klare Wasser sauber aus dem Berg über die Rinde herab plätscherte. Er wusste, wo die Forellen standen und konnte sie mit der Hand fangen. Er war schon in der Lage, in kurzer Zeit einen Waldbach einige Meter lang mit der Hand abzufischen. Alwin wusste, wo Arnika stand und Baldrian wuchs, und er kannte die seltenen Stellen der Walderdbeeren. Keine Gartenerdbeere kam an Aroma und Geschmack der Walderdbeere gleich. Der Baldrian wuchs in versumpftem Gelände, wo eine Quelle sich in einer Kuhle staute und nicht gleich abfließen konnte. Der Baldrian stand in Stauden wie starker Knoblauch oder Porree. Er wurde mit der Wurzel aus dem Morast gezogen. Alwin hing ihn auf dem Dachboden unter den Sparren auf und ließ ihn dürre werden. Dann zerrieb er ihn und brühte ihn auf. Den Tee trank er unverdünnt, weil er schlecht schlief. Arnika-Blüten abzupflücken war verboten, aber er stopfte die Blüten in eine Flasche und übergoss sie mit Sprit. Das war gut gegen Gelenkschmerzen, zum einreiben. Er kam nicht einmal aus dem Wald, ohne etwas mitgebracht zu haben. Dazu gehörten sowohl Tannenzapfen als auch wilder Salat, der, wenn noch Schnee lag, an Bachläufen wuchs.“
Hannes dachte daran, wie es sich angefühlt hat, wenn der Tag noch nicht ganz angebrochen und die Nacht noch nicht ganz vergangen war.
„Die Sonne war noch nicht aufgegangen und die Sterne verblassten langsam. Um diesen Moment zu erleben, musste eben schon im Dunklen losgegangen werden. Und dann, mit einem Schlag, brach die Sonne durch die Bäume. Es war, als wenn die Natur mit einem kräftigen Ruck erwacht und die Ruhe der Nacht wie auf Kommando abbricht. Hunderte Vögel begannen zu singen oder zu lärmen. Alles, was bisher tot schien, begann zu krabbeln und sich zu bewegen. Bevor das große Konzert begann, musste auch schon der Käfig mit dem Lockvogel für den Vogelfang aufgestellt sein. Er wurde in einen Busch gebunden oder geklemmt und um ihn herum die Leimruten befestigt. Sobald die ersten Lichter oder die Sonne durch die Fichten brachen, fing der Dompfaff im Käfig an zu singen, und es dauerte nicht lange, bis der erste Schwarm auf den Busch mit den Leimruten einfiel. Da nur die männlichen Tiere Sänger sind, wurden meist nur diese sorgfältig mit einem Läppchen und geeigneter Flüssigkeit vom Leim gereinigt und in ein Leinensäckchen gesteckt. Auch das war ein verbotener Nebenverdienst. Zur Wilddieberei gehörten damals auch kleinere Delikte wie Vogelfang, Forellenfang mit der Hand und Hasenfang mit der Schlinge, was Alwin alles souverän beherrschte – ohne einen Anflug oder die leiseste Spur eines schlechten Gewissens. Er persönlich brauchte nicht viel zum Essen und überhaupt zum Leben. Er konnte während eines Gangs durch den Wald von früh drei oder vier Uhr bis gegen zehn Uhr mit ein bis zwei Scheiben trockenen Brotes auskommen.“
Amalie hatte sich in mittleren Jahren ein Bein gebrochen, das falsch zusammengewachsen war. Seitdem ging sie am Stock. Sie und Alwin hatten nur eine Tochter, Hedwig, was eine Seltenheit in dieser Zeit war. Fünf bis acht Kinder waren damals in einer Familie eine normale Größenordnung. Aber diese eine Tochter hatte es von beiden Alten mitgekriegt, von der Amalie das Gewicht, wobei sie nicht unproportioniert war. Sie war stramm, untersetzt, aber mit Taille und Stattlichkeit. Also packte Max seine zwei Jungen, Hannes und den vier Jahre älteren Ottmar, ein paar Möbel und kehrte wieder in die schöne Heimat zurück. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Hedwig wurde Max´ zweite Ehefrau und Hannes´ und Ottmars Stiefmutter. Wobei das Wort „Stief“ in all den Jahren danach niemals gebraucht wurde. Sie war in erster Ehe mit etwas Besserem verheiratet, hatte eine Tochter, Ursula, und den Besseren bald verloren an einer Krankheit, die damals noch nicht zu heilen war.
Max traf sie in einer Fabrik wieder, so um oder Anfang der dreißiger Jahre. Er arbeitete im Maschinenhaus, sie am Band. Es konnte nochmal beginnen. Sie war schon eine erfahrene Frau, und beide waren vom Leben auch schon ganz schön gebeutelt. Von nun an musste Max eine fünfköpfige Familie ernähren.
Für Michaela war Hedwig ihre Oma. Anders kannte sie sie ja auch gar nicht. Hedwigs Tochter Ursula war auch nicht die Stieftante, sondern einfach Tante. Michaela freute sich riesig, wenn ihre Tante und ihre Cousine Helga zu Besuch kamen. Dann stellte Oma Hedwig einen großen Tisch mit einer weißen Tischdecke auf den Hühnerhof. Daran hatten alle Platz, auch Michaelas Freundin aus dem Nachbarhaus. Es gab Kakao und selbstgebackenen Kuchen. Die Thüringer waren Weltmeister im Kuchenbacken. Wenn Hedwig backte, dann niemals nur einen Kuchen.
„Der Aufwand würde sich nicht lohnen“, sagte sie.
