Wenn die Moral vom Weg abkommt - Amelie Will - E-Book

Wenn die Moral vom Weg abkommt E-Book

Amelie Will

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Beschreibung

Lana soll mit den anderen Bewohnern des jüdischen Ghettos deportiert werden, doch kurz vorher wählt der junge Lagerkommandant von Alnor sie und einige weitere aus, für ihn auf seinem Anwesen zu arbeiten. Die anfängliche Erleichterung wird von ständiger Erniedrigung und Todesangst überschattet. Sie findet Wege sich ihrer Situation anzupassen, doch Hass und Tod sind allgegenwärtig und Zuneigung kommt nicht ohne den Preis, ihre eigenen Moralvorstellungen zu hinterfragen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Amelie Will

Wenn die Moral vom Weg abkommt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog- 03. November 1941

1.Kapitel - 10. November 1941

2.Kapitel - 18. November 1941

3. Kapitel-19. November 1941

4.Kapitel-20.November 1941

5. Kapitel-22.November 1941

6. Kapitel-30. November

7.Kapitel - 4.Dezember 1941

8.Kapitel – 10. Dezember 1941

9.Kapitel - 20. Dezember 1941

10. Kapitel- 22.Dezember 1941

11. Kapitel -24. Dezember 1941

12. Kapitel -31.Dezember 1940

13. Kapitel – 3. Januar 1942

Impressum neobooks

Prolog- 03. November 1941

Er war ein Mörder. Sie waren alle Mörder, Mörder meiner Familie, meiner Freunde. Mörder von uns unschuldigen. Sie akzeptierten uns nicht mehr, vertrieben uns, nahmen uns gefangen. Er hatte mich zu sich geholt. Ich sollte für ihn als seine Sklavin arbeiten, als Gegenleistung ließ er mich am Leben und sorgte dafür, dass ich es auch weiterhin blieb. Meine Eltern hatten weniger Glück gehabt, sie kamen in ein Arbeitslager. Die Männer behaupteten, es würde den Menschen dort gut gehen. Doch gleichzeitig behaupteten sie immer, wir wären keine Menschen, wir wären nichts wert. Trotzdem wusste ich, dass sie tot waren, keiner kam aus den Lagern wieder, man hatte mich gewarnt. Als wir aus dem Ghetto geholt wurden, wusste ich, dass das Leben der meisten von uns bald zu Ende sein würde. Die Entscheidung lag bei den Nazis. Für sie waren wir eine Verunreinigung ihrer Rasse, eine nicht Lebenswerte Spezies. Hätten sie uns das nicht wirklich spüren lassen, so hätte es mich nicht gestört. Doch dann kam der Tag, an dem ich realisierte, dass mein Leben nicht mehr mir gehörte, sondern ihm. Ich hatte nichts mehr, außer meinem Willen, zu überleben. Da kam er, ein hohes Tier unter den Nazis. Er wollte sich, obwohl er die Mittel gehabt hätte, keine Bediensteten leisten, er wollte dass wir Juden für ihn arbeiteten. Er wollte uns für etwas büßen lassen, was wir nicht getan hatten. Er wusste, dass niemand von uns sich gegen ihn aufgelehnt hätte, denn dass er sich für ein paar von uns entschied, war für uns ein Segen, denn wir durften leben. Wir standen in einer Reihe, junge, alte, schwache und starke, Mütter und Väter und Kinder. Wir alle. Und wir warteten, dass dieser Mann die gesündesten oder stärksten oder schönsten, die besten aussuchte, um uns für ihn arbeiten zu lassen. Wer wusste schon, nach welchen Kriterien er seine Auswahl traf. Ich wollte mich nicht beugen, wollte mich nicht den Leuten unterwerfen, die für den Tod von so vielen von uns sorgten. Mein Leben lag mir aber am Herzen, also tat ich, was mir am meisten widerstrebte. Er ging durch unsere Reihen, musterte jeden von uns, manchmal rümpfte er angeekelt die Nase. Zugegeben, wenn er nicht so einen brutale Charakter gehabt hätte, nicht einer von ihnen wäre und ich ihn unter anderen Umständen kennen gelernt hätte, er hätte mir gefallen. Er sah gut aus. Er hatte blonde kurze Haare und stechend blaue Augen, seine Nase war gerade und seine Lippen schmal. Seiner Uniform war anzusehen, dass er ein Obersturmbannführer, ein Kommandant war, jeder musste auf ihn hören. Er trug, wie jeder Mann der SS eine dunkle Uniform, die sich um seine breiten Schultern spannte. Viele Frauen schwärmten für ihn. Natürlich keine Jüdinnen, sondern solche, die so waren, wie er. Er ging weiter, kam in unsere Reihe. Meine Mutter bedeutete mir, mein Kinn zu heben, einen wachen Blick zu zeigen. Ich wollte nichts lieber, als diesem Monster zwischen die Beine zu treten, doch ich machte gute Miene zum bösen Spiel. Ich lächelte ihn an. Zaghaft nur, alles andere hätte mir wahrscheinlich das Leben gekostete. Es schien ihm zu gefallen, dass ich anders war, mich etwas traute, die meisten anderen hier zitterten vor Angst, wimmerten leise vor sich hin, oder ignorierten ihn. Bei mir blieb er stehen. Er musterte mich von oben, bis unten, sein scharfen Gesichtszüge wechselten von einem genervt, abwertendem, zu einem interessierten Blick. Zuerst inspizierte er meine dunklen Haare. Meine Eltern hatten oft gesagt, ich sähe aus, wie die Prinzessin der Nacht, dann hatten sie gelächelt und meine Mutter hatte mir eine schwarze Locke hinters Ohr gestrichen. Als nächstes Blickte er an meinem Körper hinab, ich war schlank, aber nicht ausgemergelt, wie viele andere hier. Man hatte uns kaum die Möglichkeit gegeben, richtiges Essen zu besorgen. Jeden Tag hatten wir Angst gehabt, es könnte nicht reichen, einige Kinder und Alte starb schon im Ghetto, sie waren zu schwach, oder krank. Manchmal dachte ich, es war für sie vielleicht besser, als ein Tod im Arbeitslager. Zuletzt ließ er mich einmal um mich selbst drehen, dann nickte er und einer seiner Männer packte mich am Arm. Er nahm mich mit! Ich wusste nicht genau, ob ich mich freuen sollte, denn alles ging so schnell. Meine Mutter schrie kurz auf, als sie merkte, dass dies unsere letzten Minuten zusammen gewesen waren. Sie wollte zu mir, ich versuchte, mich loszureißen, doch der eiserne Griff des SS-Mannes hielt mich gefangen. Mein Vater hielt meine Mutter zurück, ich wusste, dass er genauso gerne noch einmal seine Arme um mich geschlossen hätte, doch er wusste auch, dass es sein und das Leben meiner Mutter kosten könnte, wenn sie aus der Reihe treten würden. Ich war ihm nicht böse, sah die Tränen der beiden, meine Mutter lächelte mich an, sie wünschte mir Glück. Der Gedanke, nie wieder in ihre warmen, liebevollen Augen blicken zu können, ließ mich aufschluchzen. Wenigstens wussten die beiden nun, dass ich noch länger am Leben bleiben würde. Der Mann, der mein Leben gerettet und gleichzeitig zerstört hatte, unterbrach seinen Gang durch unsere Reihen und schaute zu mir. Er war belustigt, schien Gefallen daran zu finden, dass ich mich wehren wollte, mich nicht einfach ergab, wusste er doch, dass ich mich nicht losreißen konnte. Seine blauen Augen waren kalt, ohne Liebe, ohne Mitgefühl und ohne Gnade. Ich hörte auf, mich zu wehren, als er anfing, langsam den Kopf zu schütteln, ich wusste, was er damit meinte. Dann wurde ich herum gezerrt und zu einem Viehwagen gebracht. Dieser stand am Rand des kleinen ehemaligen Marktplatzes, unseres Ghettos, die Nazis nannten es anfangs noch jüdischen Wohnbezirk, für uns war es nichts als ein erdrückendes Gefängnis. Dieses Ghetto war noch klein, nicht zu vergleichen mit dem was man von Warschau hörte. Alle Einwohner, alle Juden, standen auf diesem Marktplatz und niemand sagte etwas. Ab und zu konnte man ein Husten, oder Schluchzen vernehmen, ansonsten nur seine harten Schritte. Die Wachen, die um uns herum standen, und dafür sorgten, dass jeder dort blieb, wo er hingehörte, jagten mir keine Angst mehr ein. Ihre Waffen kamen mir vor, wie Spielzeuge, sie durften machen, was sie wollten, als würden sie keinen Schaden anrichten. Für die Männer machte es vielleicht nicht den Eindruck, als würde der Schuss mit einem Gewehr ernsthaft bedeutend sein. Es würde nur einer von uns sterben, dass würden wir sowieso bald. Man zerrte mich in den Wagen, dieser war vergittert, eine junge Frau, sowie ein Mann saßen schon auf dem kalten dreckigen Boden. Der beißende Geruch raubte mir den Atem. Obwohl mein Kleid schon zerrissen und schmutzig war, ekelte ich mich davor, mich auf den Schmutz zu setzten. Doch das alles war nichts, im Gegensatz zu meinen Gefühlen, die in mir tobten. Verzweiflung, Traurigkeit und Wut auf ihn brodelten in mir, sodass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich war wütend auf alle, die dachten, sie könnten uns unterdrücken, die uns behandelten, wie Tiere, schlimmer noch, wie Abschaum. Die Metalltüren wurden wieder hinter mir zugeschlagen, vom Marktplatz hörte ich einen Soldaten Befehle brüllen, entsetzte Aufschreie, aus unseren Reihen. Mein Herz machte einen Satz, was auch immer da draußen gerade passierte, es war nichts Gutes. Ich versuchte durch die vergitterten Fenster etwas zu sehen, doch diese waren verschmiert, sodass ich nur Schemen erkannte, doch das reichte. Die Masse Juden wurde zu Lastern getrieben, sie wurden reingezwängt. Einige Männer, die sich wehren wollten, wurden erschossen, drei Schüsse hallten über den Platz, dann wurde es etwas ruhiger, die Angst ließ die Menschen gehorchen und mir wurde eiskalt. Man würde sie zum Bahnhof bringen, von dort aus mit dem Zug in den Tod, denn niemand kam aus den Lagern wieder. Ich merkte kaum, wie ich noch einmal laut aufschluchzte, ich schlug mir die Hand vor den Mund und weinte. Nur kurz, denn ich wollte keine Schwäche mehr zeigen! Ich wollte nicht mehr fühlen müssen. Ich würde meine Eltern nie wieder sehen. Ich war wie erstarrte. Eine Weile stand ich nur da und fühlte die Lähmung der Ohnmacht in mir austeigen.

Die Frau, die mir gegenüber saß, starrte an die Wand, es machte den Eindruck, als hätte sie mit ihrem Leben abgeschlossen, obwohl ihr gerade ein Aufschub gewährt wurde. Sie war noch jung vielleicht drei Jahre älter als ich, ihre Augen waren von tiefem braun, standen im Kontrast zu ihren hellen Haaren. Als ich mich verzweifelt an der Wand hinunter rutschen ließ, um mich zu setzten, schaute sie mich an. Ich lächelte sie träge an, Verbündete, wenn nicht sogar Freunde, konnte ich gut gebrauchen. Die Frau lächelte sanft zurück und erhob sich, um sich neben mich zu setzen. Ich rutschte ein Stück und ohne viele Worte, wusste ich, dass wir zusammen halten würden. „Ich bin Maren.“

„Klingt nicht sehr jüdisch.“ Lachte ich verächtlich auf, denn wir Juden, die als so anders bezeichnet wurden, waren genauso Deutsche. Sie seufzte.

„Ich weiß, das zeigt doch umso mehr, was hier alles schief läuft…“ Flüsterte sie vorsichtig, damit uns niemand hörte.

„Wie heißt du?“ Fragte sie neugierig.

„Ich bin Lana. Lana Goldmann.“ Plötzlich wurde die Tür wieder aufgerissen und ein Soldat stand mit seinem Gewehr vor uns. Aus Angst, uns hätte jemand gehört, rutschten wir ein Stück nach hinten. Ein anderer Soldat hielt jedoch eine ältere Frau mit Kopftuch am Arm und wollte sie nur zu uns in den Wagen bringen. Der Soldat schwitzte und atmete schwer, die Frau riss empört den Arm weg und stieg allein in den Wagen. Ich war verblüffte, sie schien sich gewehrt zu haben. Obwohl er nicht sehr geduldig schien, hatte er sie ausgewählt, um sie ebenfalls für ihn, auf seinem Anwesen, dienen zu lassen. Die Frau zeigte weder Furcht, noch Traurigkeit, sie schien empört. Man sah ihr an, dass sich ihr Wille nie ganz unterdrücken lassen würde. Ihr Gesicht war wettergegerbt, tiefe Furchen zeichneten es und waren Zeugen ihres Lebens, was schon weit voran geschritten war. Die Tür des Wagens wurde zugeschlagen und man hörte, wie die Soldaten in das Fahrerhaus stiegen und den Motor starteten. Die rundliche Frau saß uns nun gegenüber und wir blickten sie wahrscheinlich sehr verwundert an, sodass sie sich irritiert vorstellte.

„Jezabel.“, brummte sie mit tiefer, kratziger Stimme. Wir stellten uns ebenfalls vor, der Mann, dem ich bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatte, hieß Aron. Er hatte dunkle Locken, wie ich, doch seine waren kurz und seine Augen von einem so hellem grau, dass diese fast leuchteten. Er schien schüchtern zu sein. Wer weiß, wofür wir alle ausgewählt worden waren… Nach einer Ewigkeit des Schweigens, fing der Wagen an zu ruckeln, wir fuhren scheinbar auf einem Feldweg. Wahrscheinlich lag sein Anwesen in unmittelbarer Nähe eines Lagers, denn er war Lagerkommandant, so viel hatte man uns schon gesagt. Ich hatte Angst, ihm wieder unter die Augen zu treten, ihn zu sehen, denn er hatte Macht, über mich, über uns alle. Der Wagen hielt mit einem Ruck an und wir rutschten zur Seite, sodass sich Jezabel den Kopf stieß und laut fluchte. Immer noch fluchend blickte sie dem Wachmann böse entgegen, der die Tür öffnete. Der Mann lachte amüsiert, befahl uns dann aber streng, auszusteigen. Wir taten, was er verlangte. Doch waren wir etwas wacklig auf den Beinen, nach der langen Fahrt, sodass Aron stolperte. Er stand schnell wieder auf, doch wurde sogleich wieder von einem Wachmann, mit einem Hakenkreuz auf der Jacke, getreten, sodass er wieder fiel. Der Mann schien plötzlich nicht mehr guter Laune zu sein und fand wohl Gefallen daran, uns zu demütigen.

„Steh auf, du dreckiger Jude!“ Schrie er und Aron sprang auf, um uns hinter her zu eilen. Sein Blick war immer noch schreckgeweitet, als er zu uns aufschloss, sodass er mir unendlich leid tat. Dem Wachmann warf ich einen bösen Blick zu, was dazu führte, dass er mich mit seinem Gewehr in den Rücken stieß, dabei beließ er es aber zu meinem Glück. Erst dann fand ich Zeit, mich umzugucken. Wir wurden in die Richtung einer riesigen weißen Villa geführt. Selbst ohne zu wissen, wer darin wohnte, wirkte das Haus dunkel und nicht einladend. Es war dreigeteilt, sodass der Eingangsbereich mit seiner riesigen Treppe noch größer wirkte. Das Haus hatte zwei Etagen und die Nebengebäude lagen rechts und links ein wenig nach hinten versetzt. Der Platz vor dem Haus war nicht gepflastert, sondern von Kies bedeckt. Es gab keinen richtigen Garten, außer vielleicht hinter dem Haus, doch dieser Bereich erschloss sich mir nicht. Das Gelände wirkte trostlos und durch den hohen Maschendrahtzaun, fühlte ich mich hier noch mehr Gefangen. Ein Blick zu den andern verriet mir, dass sie wohl ähnliche Gedanken hatten. Die Soldaten, die auf dem Gelände postiert waren, vernichteten uns mit Blicken, nachdem sie die Davidsterne an unserer Kleidung sahen. Vermutlich wussten sie auch ohne die Sterne, dass wir die Juden waren, denn unsere Kleidung und unsere Auftritt kam keinem der ihren gleich. Man führte uns um das Gebäude herum. Uns wurde bei Androhung des Todes verboten, den Haupteingang, an der Vorderseite des Hauses, zu benutzen. Ich konnte mir gut vorstellen, wie es dort aussah. Rote Teppiche auf weißem Marmor und Kronleuchter, die das Treppenhaus beleuchteten. Wir Juden, der Abschaum, durfte natürlich nicht die Tür benutzen, den die Männer der SS, oder Parteimitglieder nutzten, die zu Besprechungen kamen.

Eine unauffällige Tür führte uns von hinten in das Haus, eine Treppe brachte uns weiter in den Keller des Hauses. Hier war es dunkel, es roch modrig und ich hätte mich nicht gewundert, hätte ich Ratten vorgefunden. Maren machte ein angeekeltes Gesicht und blickte mich vielsagend an, ich erwiderte den Blick. Nachdem wir den Gang durchquert hatten, der durch eine einzige Lampe erhellt wurde, fühlte ich mich immer unwohler, denn wir stiegen Treppen hinauf ins Erdgeschoss. Ich war mir sicher, dass wir nicht hier oben wohnen würden, weshalb ich misstrauisch wurde. Wahrscheinlich würde er uns persönlich empfangen, um uns unsere Aufgaben zu zuteilen, um uns ganz persönlich für unsere Existenz zu strafen. Mein Bauch verkrampfte sich. Jezabel, Aron und Maren war ebenfalls anzusehen, wie ihre Zuversicht schwand. Eine Tür öffnete sich vor uns und wir wurden kurz geblendet vom Licht eines Kronleuchters. Ich hatte also Recht behalten. Wir standen in einem weiteren Gang, der direkt zur Eingangshalle führte, wir wurden aber in die andere Richtung geführt. Nach ein paar Schritten auf dunklen Teppichen kamen wir zum Stehen. Der Gang bot einen schönen Ausblick auf den Garten, wegen zahlreicher Fenster, die das Gebäude erhellen sollten. Die Wände waren weiß gestrichen, sodass es überraschend freundlich wirkte. Der Wachmann, der uns angeführt hatte, klopfte an die dunkle Tür, vor der wir standen, man merkte, dass auch er nervös wurde. Meine Vorahnung wurde bestätigt, als man von innen ein tiefes „Herein!“ vernahm. Wir traten in das große Zimmer. Es war mit dunklem Holz verkleidet und ein riesiger Schreibtisch, hinter dem er saß, stand rechts von der Tür. Links neben der Tür stand ein großer Schrank und an den Wänden hingen einige Urkunden und Auszeichnungen. Ich wollte sie lesen und herausfinden, wie er hieß, doch ich konnte nicht anders, als den Blick zu senken, als er aufstand. Mir wurde wieder bewusst, wie groß er eigentlich war, was mich noch mehr schrumpfen ließ. Er musterte uns abfällig und etwas schadenfroh.

„Aron Schmied, Maren Hirsch, Lana Goldmann und Überraschung!“ Seine Stimme nahm einen sarkastischen Unterton an, während er süffisant grinste, wobei er eine Reihe weißer Zähne entblößte. „…Jezabel! Wie schön, dass du wieder da bist! Ich wäre fast verhungert, denn keine von euch Juden-huren kann so gut kochen, wie du!“

Ich war verwundert, doch würde Jezabel später fragen, wieso sie scheinbar schon einmal für ihn gekocht hatte. Er musterte uns weiter und ich fragte mich, wieso er in seinem Alter schon einen so hohen Posten hatte, wahrscheinlich war er gerade einmal 27 Jahre alt. Man schien ihm zu vertrauen. Man schien ihm zu vertrauen, seinen Hass auf uns Juden so umsetzten zu können, wie es von ihm verlangt wurde. „Ihr werdet von nun an hier, für mich, arbeiten! Jeder Fehler, den ihr macht, wird bestraft. Weigert ihr euch, zu tun, was ich sage, werdet ihr bestraft. Denkt daran, ich werde nicht zögern euch euer Leben zu nehmen.“ Stille herrschte. Ich traute mich kaum, zu atmen. Er ekelte mich an. Maren neben mir zitterte, ich wollte sie beruhigen, doch wie? Ich hatte selber Angst und traute mich nicht, mich zu rühren. „Habt ihr mich verstanden?“ Er klang, als hätte er uns gefragt, ob wir Schokolade haben wollten. Wir nickten, für eine Antwort waren wir zu unsicher, was ihm nicht gefiel.

„Habt ihr mich verstanden?“ Er schrie uns an, sodass wir zusammen zuckten. Es machte mich wütend, dass er mit uns spielte, also antwortete ich ihm.

„Ja, wir haben Sie verstanden, Kommandant.“ Ich hob den Kopf, um meiner Aussage Selbstbewusstsein zu verleihen. Meine Stimme allerdings klang nicht annähernd so stark, wie ich es gerne gehabt hätte. Einen kurzen Moment dachte ich, es wäre mein Ende, denn vielleicht empfand er meine Aussage als zu frech? Unter normalen Umständen, hätte ich sie sogar als sehr höflich empfunden, doch er konnte ein noch so kleines Wörtchen falsch verstehen und ich kannte ihn nicht. Ich wusste nicht, wie er tickte, wie er reagieren würde. Er blickte mir kurz überrascht in die Augen, fasste sich aber schnell wieder und wandte sich ab. Er schickte uns raus, nicht aber ohne der Anweisung; ich solle ihm um 18 Uhr Tee servieren. Erleichtert stiegen wir hinter einem Wachmann die Treppen zurück in den Keller. Dort zeigte man uns unser neues Zuhause, jeder von uns hatte ein kleines Zimmer ohne Fenster. Der kalte rot-braune Backstein trug nicht dazu bei, dass ich mich besser fühlte und ich habe lange gebraucht, mich damit abzufinden. Der Raum glich eher einer Gefängniszelle, oder dem, was ich mir darunter vorstellte. Die Tür war aus Metall und klemmte leicht, eine Glühlampe hing an der Decke, doch diese funktionierte nicht, also musste ich irgendwo her ein paar Kerzen holen. Eingerichtet war der quadratische Raum nur mit einer Pritsche, die erahnen ließ, dass mein Rücken nach dem Schlafen schmerzen würde. Ein alter Stuhl stand neben einem kleinen Tisch, beides sah nicht sehr stabil aus, doch erschien für mich so vornehm im Vergleich zu unserer Wohnung im Ghetto, geschweige denn einer Unterkunft im Arbeitslager. Man erzähle sich Schauergeschichten von Baracken, in denen hunderten Menschen auf engstem Raum zusammen lebten. Hier hatte ich sogar mein eigenes Zimmer.

Die andern schauten sich ebenfalls ihre Zimmer an und der Wachmann ließ uns alleine.

„Bis 7 Uhr muss das Abendessen fertig sein, du weißt ja, wo die Küche ist.“ Mit einem verächtlichen Blick zu Jezabel, drehte er sich um, nicht aber ohne vorher vor uns auszuspucken. Wahrscheinlich wurde den Männern verboten uns zu schlagen, oder ähnliches, denn sonst hätten sie dies schon lange getan, dessen war ich mir sicher. Als der Mann weg war, gingen wir mit ungläubigen Blicken zu Jezabel.

„Du hast schon einmal für ihn gekocht?!“ Fragte Maren, ich war sprachlos, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wieso er die Geduld gehabt haben soll, sie noch einmal aufzunehmen. Jezabel hockte sich ächzend an die Wand und klopfte neben sich auf den Boden, um uns zu zeigen, dass wir uns ebenfalls setzten sollten.

„Also“, Sie räusperte sich, obwohl es nicht den Anschein machte, als wolle sie uns davon berichten, tat sie es, wahrscheinlich um uns nicht böse zu stimmen.

„Ich war schon einmal hier. Ja, der Kommandant hat mich schon mal hier her geholt.“ Verächtlich blickte sie zu Boden.

„Wie heißt er eigentlich?“ Rutschte mir eine neugierige Frage raus, ich schämte mich, denn es war nicht wichtig, zu wissen, wie sein eigener Sklaventreiber hieß. Jezabel blickte kurz irritiert, antwortete mir aber ruhig.

„Kommandant Alexander von Alnor. Ein adeliger aus Dresden. Nun zu meiner Geschichte.“ Die alte Frau räusperte sich umständlich.

„Ich kam hier her, da der Kommandant eine Köchin brauchte, da kam ihm die gute Idee, doch einfach eine Jüdin zu nehmen, für die er nicht einen Pfennig bezahlen muss. Ich habe früher in einem guten Gasthaus gearbeitet, im Gasthaus zum goldenen Ross. Dort war ich bis 39 Köchin, allerdings wurde es durch ein Feuer zerstört. Weil das Gasthaus aber immer gut lief und viele Parteimitglieder bei uns speisten, konnte es durch Spenden wieder aufgebaut werden. Natürlich durfte keiner wissen, dass ich Jüdin war, doch mit der Zeit wurde mein Arbeitgeber immer ungehaltener und kündigte mich, er hatte persönlich nichts gegen Juden, doch der Druck, der auf ihm lag, den hat er nicht vertragen.“ Sie seufzte und man merkte, wie sie ihre Gedanken und Erinnerungen ordnete.

„Mit der Zeit verlor das Gasthaus aber an Beliebtheit und musste wieder geschlossen werden. Ich weiß nicht wie, aber Alexander von Alnor fand heraus, dass ich eine der Köchinnen war und so holte er mich zu sich. Ich hasste das Leben hier und wollte lieber tot sein, doch den Gefallen tat er mir nicht… Eines Nachts habe ich also versucht weg zu laufen, was mir dank seiner Liebe zum Alkohol gut gelang. Tja, ich lebte eine Zeit lang mit euch im Ghetto und dann fand er mich trotzdem wieder. Ich hatte erwartet, dass er mich umbringen würde, aber… Nein! Er scheint keine bessere Köchin gefunden zu haben!“ Sie zuckte mit den Schultern und erhob sich wieder, ich staunte, dass er so viel Geduld gezeigt hatte. Wer weiß, was ihn geritten hat, so eine gute Tat zu begehen. Entweder er war wieder total betrunken gewesen oder ihn ihm steckte noch ein bisschen Gutes. Ich musste innerlich sarkastisch auflachen. Nein, ich durfte so etwas nicht denken, er war böse, durch und durch! Jezabel stampfte in die Richtung, in der ich die Küche vermutete und Maren folgte ihr, sichtlich mitgenommen. Schließlich erhob sich auch Aron und hielt mir seine Hand hin, um mir auf zu helfen, ich lächelte ihn dankbar an und wir folgten den beiden Frauen in die Küche. Kurz dachte ich auch an meine Vergangenheit, mein Leben, was vor eben ein paar Stunden geendet hatte. Ich hatte immer den Traum gehabt Schneiderin zu werden, dann vor einigen Jahren durfte ich in einer Schneiderei diesen Beruf erlernen, doch lange ging das nicht gut, denn der Meister entwickelte einen unerklärlichen Hass auf mich, besser gesagt auf alle Juden und ich hatte zu große Angst, ihm unter die Augen zu treten. Dann kam die Zeit in der wir in das Ghetto gehen sollten und dort hatte kaum jemand anständige Arbeit finden können. Im Tausch gegen etwas Nahrung besserte ich Kleidung aus oder nähte sie für andere Ghettobewohner.

Wie immer, wenn ich Lanas Aufzeichnungen las, fesselten sie mich aufs Neue und ich konnte die zerknitterten Zettel mit der wirren Handschrift darauf nicht aus der Hand legen. Ob es daran lag, dass sich unsere Geschichten überschnitten oder weil ich ihre Sichtweise auf ihr Leben so faszinierend fand, konnte ich nicht sagen. Das, was sie da geschrieben hatte, waren keine Tagebucheinträge, es war mehr, als hatte sie ihre Geschichte aufschreiben wollen, um sie wer weiß wem zu zeigen. Ich selbst hatte die Blätter erst nach ihrem Verschwinden unter der Matratze gefunden, als ich half, ihr Zimmer zu leeren. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich sie fand und bevor ich überhaupt wusste, was es war, unter meinen Rock schob, sodass es kein andere mitnehmen konnte.

Jetzt saß ich hier in der Gaststube Zum Dorfkrug und sah wehmütig auf ihre Geschichte hinab. Der knisternde Ofen wärmte die kleine Stube auf und gebot der Kälte, die Schnee mit sich brachte, Einhalt. Es war wie damals, als ich im Keller in der kalten Küche stand und Lana ging.

„Was ist das?“ Die junge Frau, welche ebenfalls im Gasthaus ihrer Eltern arbeitete, trat an meinen Tisch heran und besah neugierig die Zettel.

„Nichts, was dich interessieren sollte.“ Ich wollte nicht gemein sein, doch in meinem langen Leben hatte ich gelernt, dass es manchmal besser war, nicht jeden an seinem Leben teilhaben zu lassen. Es machte einen verletzlich und es gab nur wenige Menschen, die diese Verletzlichkeit verdienten. Oft merkte man zu spät, ob dies der Fall war, oder ob einem nur das Herz zertrampelt wurde.

„Das sieht aber interessant aus, darf ich es wirklich nicht sehen?“ Wissbegierig setzte sich das blonde Mädchen neben mich und nahm mir die Zettel aus der Hand. Sollte ich sie ihr entreißen? Was hatte das für einen Sinn, ich wollte nicht sterben und diese Zettel mit ins Grab nehmen. Und doch nagte Unsicherheit an mir. Lana war mir so wichtig geworden, dass es mir wie ein Vertrauensbruch vorkam, jemandem Einblick in ihre Gedanken zu gewähren.

„Kannst du nicht hören, Mädchen?!“ Die junge Frau zuckte zusammen und ließ entschuldigend ihre Hand sinken. Die Zettel legte sie vorsichtig zurück.

„Ich wollte dich nicht verärgern, es ist nur so, dass ich so gerne lese und diese Geschichte hier, es sieht jedenfalls so aus, als wäre es eine, zieht mich fast magisch an!“ Sie lachte und ihr Lachen war aufrichtig.

„Sieh nur, wie vorsichtig auf das Papier geschrieben wurde und wie zerbrechlich die Wörter erscheinen. Ich würde einfach zu gerne wissen, wer dies geschrieben hat! Kennst du den Schriftsteller? Darf ich es deshalb nicht lesen?“ Sie war zu gut. Sie erkannte genau, was diese Schriften so besonders machte und dass sie mir fast heilig waren. Es war nicht nur ein Teil von Lanas Leben, sondern auch von meinem Leben. Ein Teil meines Lebens, den keiner kannte.

„Bitte, darf ich es lesen? Ich sag es auch keinem!“ Die flehenden braunen Augen schienen so unschuldig. Ich haderte mit mir. Vielleicht sollte es jemand lesen dürfen, Damit diese Geschichten nicht vergessen wurden. Ich atmete tief ein und stieß ein Seufzen aus.

„Du darfst es nur unter einer Bedingung sehen! Ich werde es dir vorlesen. Damit du genau weißt wie es war. Diese Frau, welche ihre Geschichte hier aufschrieb verdient es so und wehe dir, wenn du deinen Eltern davon erzählst.“ Und so las ich an diesem Tag zum zweiten Mal die ersten Seiten, welche zeigten, wie unser beider Leben eine Wendung genommen hatte.

1.Kapitel - 10. November 1941

Ich zählte die blauen Flecken auf meinen Beinen. Einer war besonders groß und wenn ich mit meiner Hand darüber fuhr, schmerzte es. Er schlug mich, wenn ich einen Fehler machte. Er hatte es angekündigt, doch niemals hätte ich den jungen Mann als so brutal eingeschätzt. Seufzend ließ ich mich rücklinks auf meine Pritsche fallen und spürte einen stechenden Schmerz in meinem Rücken. Eine Woche war ich nun schon bei ihm und meine Angst vor ihm, wuchs von Tag zu Tag. Gleich am Abend meiner Ankunft sollte ich ihm einen Tee servieren. Ich kam eine Minute zu spät, denn das Haus war groß und ich verlief mich. Ich wusste nicht, wieso er all das tat, doch er schlug mir das Tablett aus der Hand, sodass das Porzellan zersprang und sich die warme Flüssigkeit auf dem Boden ausbreitete. Ich wagte nicht, mich zu rühren, versuchte, nicht zu weinen, als er mich anbrüllte, ich solle alles aufwischen und wieder sauber machen. Schnellen Schrittes ging ich zurück in den Keller, ein paar Tränen konnte ich nicht unterdrücken, doch Jezabel tröstete mich und zeigte mir, wo ich Putzzeug fand. Ich hatte Angst am Abend das Essen aufzutischen, denn ich könnte wieder Fehler machen, doch er war zum Glück noch in seinem Arbeitszimmer. Maren sollte für ihn putzen, sie hatte es besser als ich, denn sie sah ihn seltener und hatte nicht so viel mit ihm zu tun, wie ich. Mich beobachtete er mit seinem stechenden Blick, sodass ich manchmal anfing, zu zittern. Wie sich herausgestellt hatte, war Aron sein neuer Gärtner, der Garten war verwuchert, wild, aber trotzdem schön gewesen, jetzt sollten alle Pflanzen akkurat und kurz geschnitten sein. Jezabel war seine Köchin und ich die, die er auserkoren hatte, um sie zu demütigen, zu schlagen, zu beleidigen. Ich wusste nicht, wie lange ich das noch mitmachen konnte. Eine Woche war keine lange Zeit, doch schon jetzt konnte ich nachts nicht schlafen, zitterte unkontrolliert und weinte. Ich weinte mich jeden Abend in den Schlaf und betet zu Gott er möge mich eines Tages erlösen.

Plötzlich hörte ich ihn aus dem Erdgeschoss brüllen, ich setzte mich auf und spürte Panik in mir aufsteigen. Ich hatte doch nichts falsch gemacht, oder? Leise schlich ich zu meiner Tür. Mein Herz klopfte so laut, dass ich Angst hatte, es würde aus meiner Brust springen. Es war schon spät und eigentlich sollten wir alle hier unten sein. Vorsichtig öffnete ich meine Tür und lugte in den Flur. Auch Aron hatte seinen Kopf leicht aus seiner Tür gestreckt und blickte fragend zu mir. Ich zuckte mit den Schultern und bedeutete ihm, mit zur Treppe zu kommen. Langsam schlichen wir den Flur entlang und konnten nun verstehen was ihn störte.

„Siehst du das? Guck mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Ein Wimmern war zu hören und ich erkannte Marens Stimme. Man konnte nicht hören, was sie sagten, doch sie schien sich zu entschuldigen. Ich schlug mir die Hand vor den Mund, sie leiden zu hören, war fast noch schlimmer, als selber misshandelt zu werden. Auch Aron hatte unsere Freundin erkannt und ballte wütend seine Fäuste. „Wie kann er nur!“ Stieß er leise zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Von oben hörte man, wie er Maren schlug, ich zuckte zusammen, spürte förmlich seine große Hand in meinem Gesicht.

„Noch einmal, und du wirst dein blaues Wunder erleben! Du Schlampe!“ Er hatte wahrscheinlich schon wieder etwas getrunken, denn er lallte leicht. Vielleicht war er auch nur deswegen immer so aggressiv… Aron machte Anstalten, die Treppe nach oben zu gehen, doch ich hielt ihn zurück. Das war gar nicht so leicht, denn er war sehr viel stärker, also versuchte ich, ihn mit Worten aufzuhalten.

„Denk doch mal nach! Wenn du jetzt nach oben gehst, bist du sein nächstes Opfer! Du kannst gegen ihn nichts ausrichten! Er wird sie sicher bald gehen lassen, beruhig dich doch!“ Flüsterte ich ihm flehend zu. Er drehte sich um und raufte sich die Haare.

„Irgendwann, das schwöre ich, werde ich ihm all das heimzahlen, was er uns antut!“ Traurigkeit überflutete mich, er hätte nie eine Chance gegen Alexander, er würde nur sterben und dass wollte ich nicht, doch Aron war stur, so viel hatte ich in den letzten Tagen mitbekommen. Dann ging die Tür auf und Licht fiel in den Keller, schnell zog ich Aron zur Seite, dass er uns nicht sehen konnte. Maren schluchzte und wurde in den Keller geschubst.

„Morgen wirst du alles nochmal waschen!“ Schrie er und schloss die Tür, um mit lauten Schritten davon zu gehen. Ich ließ Aron los, den ich mit mir an die Wand gepresst hatte. Schnell ging dieser zu Maren, hob sie hoch und trug sie runter zu mir in den Keller. Im Dunkeln erkannte ich nicht viel, doch sie weinte so herzzerreißend, dass sich meine Kehle zuschnürte. Aron brachte sie in ihre Kammer und legte sie auf die Pritsche, dort kauerte sie sich zusammen und lag zitternd und weinend da. Aron strich ihr ununterbrochen über die Haare und ich merkte das erste Mal, dass er sie sehr zu mögen schien. Obwohl ich gerne gewusst hätte, was passiert war, ließ ich Maren in Ruhe, es würde niemandem etwas bringen, sie jetzt auch noch auszufragen. Sie war außerdem so verängstigt, dass man wahrscheinlich nichts aus ihr herausbekommen würde. Ich bedeutete Aron, dass ich in meine Kammer gehen würde und gerade, als ich die Tür leise hinter mir schloss, stand Jezabel vor mir.

„Was ist passiert?“ Man sah ihr an, dass sie schockiert war, doch schon zu ahnen schien, was passiert war. Sie kannte Alexander einfach schon gut genug, um zu wissen, was er uns antat. Ich verzog bloß die Mundwinkel, ich war gar nicht fähig ihr zu erklären, was er mit Maren angestellt hatte, zudem wusste ich es selbst nicht genau. Mit einem wissenden Blick betrat sie Marens Kammer und ich ging zu meiner. Dort setzte ich mich auf mein Bett und weinte. Ich weinte um Maren, weil Alexander sich immer wieder das Recht herausnehmen würde, uns zu schlagen. Niemand würde uns helfen. Ich weinte um meine Eltern, die ich nie wieder sehen konnte, ich hoffte, dass sie Erlösung finden würden. Ich hoffte das Gott mir bald helfen würde, aus dieser Gefangenschaft zu entkommen. Ich hoffte, dass ich irgendwann ein normales Leben führen konnte. Mit einem Ehemann und Kindern. Ich hoffte für uns alle, dass wir irgendwann die Kraft haben würden, uns zu wehren. Die Kraft, aus den Fängen der mächtigen und unmenschlichen zu befreien, dass uns Gott diese Kraft geben würde. Ich brauchte diese Kraft, um am Morgen aufstehen zu können und ihm unter die Augen treten zu können, denn ich hatte riesige Angst vor ihm. Ich wusste, dass er mich, ohne mit der Wimper zu zucken, umbringen würde, denn er hasste mich. Er hasste die Juden und Hass macht die Menschen blind. Auch ich hasste. Ich hasste ihn und würde all meinen Wille zu überleben, aufbringen müssen, um ihm nicht zu zeigen, wie sehr ich ihn hasste. Es würde nicht leicht werden, doch die Hoffnung, eines Tages frei zu sein, gab mir Kraft und Ruhe, sodass ich ohne Angst einschlief.

„Das ist ja schrecklich…“ Ihre lebhaft braunen Augen waren vor Entsetzen geweitet und sie blickte mich betroffen an. Was sollte ich sagen? Ja, es war schrecklich und es wurde noch schlimmer, was dachte dieses junge Mädchen? Dass wir Juden einfach so verschwunden waren? Dass die Nazis und respektvoll behandelt hatten? Fast hätte ich eine schnippische Bemerkung gemacht, doch ich hielt mich zurück. Sie war so jung, sie musste im Krieg ein Kind gewesen sein und bei Gott, es machte den wunderbaren Eindruck, als ob ihre Eltern sie ein wenig von dem Grauen haben schützen können.

„Wenn es dir zu viel ist, dann höre ich lieber auf, denn diese Geschichte ist schrecklich und wahr. Wenn du sie nicht hören willst, dann geh lieber wieder an die Arbeit.“

„Nein, nein, ich will sie hören, hier ist sowieso nichts los, bitte ließ weiter!“

„Aufstehen! Sofort!“ Brüllte ein Mann, dessen Stimme ich nicht zuordnen konnte. Verschlafen setzte ich mich auf und beeilte mich, seinem Befehl nachzukommen. Ich zog mir mein zerfetztes Kleid über und strich mir durch die Haare, was an ihrem zerzausten Aussehen nichts änderte. Dann öffnete ich mit klopfendem Herzen die Tür, ich hatte Angst vor dem Mann, welcher auf dem Gang stand, denn es war ein scheinbar neuer Soldat, der auf dem Anwesen eingesetzt wurde. Höchstwahrscheinlich hasste er uns genauso, wie die anderen und würde uns das auch spüren lassen. Ein neues Gesicht war nie gut, denn wir konnten neue Soldaten nicht einschätzen. Umso überraschter war ich, als ich erkannte, dass der Mann noch sehr jung war und etwas unsicher einen Haufen Stoff auf dem Arm trug. Bei näherem Hinsehen erkannte ich Kleidung, die offensichtlich für uns bestimmt war. Der Mann entdeckte mich und versuchte mich mit einem vernichtenden und hasserfüllten Blick anzusehen, was ihm nicht wirklich gelang. Er wirkte immer noch verunsichert. Der Soldat hatte blonde lockige Haare und grüne Augen, was ihm ein schelmisches Aussehen verlieh. Ich war auf eine bizarre Art fasziniert von ihm, auf der anderen Seite hatte ich Angst, denn das Hakenkreuz auf seiner Uniform machte mir unmissverständlich klar, dass auch er nicht zögern würde, mich zu töten. Der Mann starrte mich immer noch an, fast machte es den Eindruck, als hätte er vergessen, was er hier unten wollte. Der Gedanke ließ mich schmunzeln, er war schwach. Gleich darauf verbarg ich das Lächeln jedoch hinter meiner Hand, als ich meinen Fehler bemerkte. Ruckartig wand er seinen Blick ab, als sich auch die anderen Türen öffneten und Maren, Jezabel und Aron auf den Gang traten, alle sahen noch sehr verschlafen aus und Marens Augen waren noch immer ganz rot vom Weinen.

„Hier sind neue Kleider für euch. Der Kommandant erwartet sein Frühstück.“, wandte er sich an mich und legte die Kleider fast schon behutsam auf den Boden und verließ den Keller so schnell, wie er ihn betreten hatte. Die anderen schienen nicht bemerkt zu haben, dass der Soldat ungewöhnlich freundlich gewesen war. Keine Beleidigungen, oder Schläge, selbst unsere Kleidung hatte er, nicht wie jeder andere es getan hätte, abgelegt. Was ihn dann dazu gebracht hatte, hier her zu kommen und ein Hakenkreuz zu tragen, konnte ich mir nicht erklären. Allerdings kannten wir ihn nicht, vermutlich täuschte ich mich nur. Als letzte nahm auch ich mir ein Kleidungsstück und war froh, dass es dicker Stoff war, der an kühlen Wintertagen warm halten würde, denn mein Kleid war nur für den Sommer bestimmt, der lange vorbei war. Schnell ging ich in meine Kammer und warf mir das Kleid über, es war schlicht und trotzdem schön. Dass man sich für uns solche Mühe gemacht hatte, erstaunte mich und ich zweifelte erneut am abgrundtiefen Hass von Alexander. Es war dunkel blau und hochgeschlossen, mehrere Lagen Leine bildeten den Rock, der mir bis zu den Knöcheln reichte. Um Alexander nicht warten zu lassen und damit seinen Zorn auf mich zu ziehen, ging ich eilig zur Küche und nahm das Tablet mit seinem Frühstück von Jezabel entgegen. Sie trug ebenfalls ihr neues Kleid, was ihr ein wenig zu klein schien, doch sie hatte ihr fröhliches Gesicht, nach gestern Abend wieder gefunden und schob mich aufmunternd in den Gang.

„Beeil dich, er wartete nicht gerne!“ Als ob ich das nicht selber wusste…

Auch mit dem Mittagessen machte ich mich pünktlich auf den Weg. Mit der Zeit lernte ich, dass Tablet mit Krügen und Tellern immer besser aus zu balancieren, sodass ich schnellen Schrittes die Eingangshalle durchquerte und die weiße Steintreppe nach oben nahm. Aus dem Esszimmer hörte ich Stimmen, eine konnte ich Alexander zuordnen, der andere Mann war vermutlich der neue Soldat. Unsicher blieb ich vor der schweren Holztür stehen. Ich hoffte, dass mich das Klackern meiner Holzschuhe nicht verraten hatte und überlegte, ob ich eintreten sollte, oder lieber warten, bis das Gespräch beendet war. Ich wurde nervös, denn egal für was ich mich entscheiden würde, er fand immer einen Grund, mich zu bestrafen. Ich zwang mich dazu, nicht zu zittern und ignorierte den Schmerz in meinem Magen, als mir meine Entscheidung abgenommen wurde.

„Was ist, hast du heute noch vor, uns das Essen zu bringen?“ Hörte ich seine kräftige Stimme, die nur so vor Verachtung triefte, aus dem Raum vor mir. Ich zuckte zusammen, anscheinend hatte er mich doch bemerkt. Ich konnte das Lachen der beiden Männer durch die Tür hören und versuchte langsam, die Tür zu öffnen, ohne dabei das Tablett fallen zu lassen. Als ich es geschafft hatte, trat ich mit gesenktem Blick ein. Die Blicke der beiden lagen auf mir, der neue Soldat war immer noch unsicher, dass erkannte ich an seiner Körperhaltung, doch Alexander beobachtet mich mit seinen eisblauen Augen, streng und verächtlich. Er liebte es, uns dafür büßen zu lassen, dass wir existierten und ich war sein häufigstes Opfer. Die Männer hielten beide ein Whiskyglas in der Hand und als ich anfing den Tisch einzudecken, setzten sie ihr Gespräch fort.

„Die nächste Deportation wirst du alleine durchführen können, ich werde dir natürlich weiterhin Anweisungen und Befehle zukommen lassen, doch ich schätze deine Fähigkeiten und vertraue dir. Wenn ich nach meiner Reise im Februar wieder da bin, wirst du vermutlich sogar befördert werden. Du hast viel gelernt, ich bin fast stolz auf dich.“ Der gönnerhafte Tonfall in Alexanders Stimme war mir fremd und überraschte mich, doch wie könnte es auch anders sein? Er fand Gefallen an den Menschen, die taten, was er für richtig hielt. Alle, die etwas gegen Juden hatten, mochte er fast von selbst und keiner würde es wagen, in seiner Gegenwart eine andere Meinung preiszugeben.

„Danke, ich fühle mich geehrt und ich verspreche Ihnen, alles Ihren Wünschen nach zu erfüllen.“ Alexander lächelte und bedeutete seinem Gast, sich mit an den Tisch zu setzen. Der letzte Teller wurde von mir an der Stirnseite des Tisches platziert und ich stellte mich bereit, den Männern ihr Essen zu servieren. Der Kommandant machte schon fast einen fröhlichen Eindruck, er war heute also bestens gelaunt, doch wenn er, wie jeden Abend wieder viel zu viel trank, würde er wieder seine andere Seite zum Vorschein bringen. Panik kroch in mir empor, doch ich unterdrücke sie, vielleicht, ja vielleicht würde er heute anders sein, mich in Ruhe lassen, den Abend mit dem neuen Adjutanten verbringen. Das hatte ich aus dem Gespräch herausgehört, der Soldat war kein Soldat, sondern der neue Adjutanten und Alexander verstand sich gut mit ihm.

„Komm her!“ Richtete er sich an mich und winkte mich mit selbstgefälliger Miene zu sich. Möglichst gerade und mit leicht erhobenem Kopf trat ich zu ihm und servierte ihm die Vorspeise, welche aus einer Tomatensuppe bestand. Sein Geschmack war komisch, manchmal hatte er Launen, die uns ein Mittagsmahl zum Frühstück machen ließen, oder frische Brötchen zum Abendbrot. Ich versuchte, wie immer, mir nicht anmerken zu lassen, wie groß mein Hunger war und wie gerne ich auch etwas von diesem Festmahl abbekommen hätte. Er aß, so viel er wollte, während hunderttausende Deutsche des Krieges wegen hungerten. Er sollte sich schämen. Nur wegen Leuten wie ihm, hatte der Krieg überhaupt erst begonnen. Nur wegen Leuten, wie ihm, die Hitler beistand leisteten. Die seine Ideale teilten. Ich verachtete sie. Er sorgte dafür, dass wir lebten, doch ihm war egal, wie es uns ging, ob wir vor Hunger kaum an etwas anderes denken konnten, oder von verschmutztem Wasser krank wurden. Die Schüssel mit der Suppe war heiß und ich verbrannte mir fast die Finger, als ich sie hielt, doch ich würde ihm nicht die Genugtuung geben, mir das anmerken zu lassen. Als seine Schüssel voll war, ging ich auf die andere Seite des Tisches und servierte auch dem Adjutant sein Essen. Zu meinem Glück passierte mir kein Fehler und so ging ich wieder an meinen Platz neben der Tür, um darauf zu warten, dass die Männer mit dem Essen fertig wurden. Der Essenssaal bot einen schönen Ausblick auf den riesigen Garten, in dem ich Aron entdeckte, der gerade Äpfel aufsammelte. Uns wurde verboten, die Äpfel zu Essen, doch trotz dessen schaffte es Aron ab und zu, uns einen mit zu bringen. Diese Momente gaben uns Hoffnung, denn es gab kleine Schlupflöcher, die uns das Leben hier etwas erträglicher machten. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass der Adjutant, von dem ich dachte, er wäre ein einfacher Soldat, mich hin und wieder kurz betrachtete. Alexander schien das nicht zu bemerken, doch mich beunruhigte es. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis er nach dem Hauptgang verlangte und ich hoffte, dass mir meine zitternden Hände keine Schwierigkeiten bereiten würden.

Ich ging also zu ihm und legte ihm Kartoffeln, Gemüse, sowie ein Stück Braten auf den Teller. Auch dem Adjutant servierte ich den Hauptgang und lauschte dann ihrem Gespräch.

„Und Victor, wie geht es der Familie?“, fragte Alexander kauend. Dass er so vertraulich mit dem jungen Mann sprach, bedeutet wohl, dass sie sich schon kennen mussten.

„Den Umständen entsprechend gut, ich muss Ihnen noch einmal dafür danken, dass sie es ihnen ermöglicht haben, das Haus zu beziehen, ansonsten hätten sie kein Zuhause mehr gehabt.“ Sichtlich dankbar lächelte der junge Mann.

„Und Ihre Familie, wie steht es um sie? Wohnen Ihre Eltern mit in dieser Villa?“ Ich empfand Victor als etwas zu neugierig, doch Alexander antwortete ganz ruhig. Offensichtlich wusste der junge Mann nicht so viel über den Kommandanten, wie dieser über ihn.

„Nein, wissen Sie denn nicht, meine Eltern sind beide schon lange nicht mehr am Leben.“ Er sagte dies so beiläufig und kaute derweilen seine Kartoffel, dass es mir kalt den Rücken hinunter lief. Wie konnte man so gefühlslos sein, und nicht einmal trauern, wenn es um die eigene Familie ging? Er hatte keine Eltern, wie traurig. So richtig tat er mir aber nicht leid, auch wenn seine Eltern vielleicht nichts dafür konnten, dass er so war, wie er war. Ich wurde schmerzlich an meine Eltern erinnert und es bildete sich ein Kloß in meinem Hals. Ich durfte jetzt bloß nicht weinen. Andernfalls würde er mich wieder schlagen. Er hasste es, wenn jemand seinetwegen weinte und vor ihm zusammen brach, doch eben genau das erreichte er, wenn er uns schlug. Doch wahrscheinlich mochte er es, uns zu quälen und wenn wir Schwäche zeigten und uns ihm unterordneten war er zufrieden. Der Adjutant hatte sein Beileid ausgesprochen und Alexander hatte es mit einem Nicken zur Kenntnis genommen.

„Haben sie schon darüber nachgedacht, sich eine Frau zu suchen, Victor?“ Der junge Mann blickte verwundert hoch und überlegte dann kurz, was er antworten sollte.

„Nein, ehrlich gesagt, empfand ich meine Aufgabe hier als wichtiger.“