3,49 €
Dark Romance - Demon Romance // He will hunt me down, but we'll see, who wins this game - For the girls who want to escape reality // Lynette ist frustriert von ihrem Leben und den Problemen der Gesellschaft und kann diesen nur in ihren Träumen entfliehen. Diese werden jedoch bedrohlicher, als sie den Dämon Asmodeus kennen lernt, der sie in seine Welt führen möchte. Doch nicht nur ihr Wandeln zwischen den Realitäten, sondern auch seine Welt bringen sie immer mehr in Gefahr. Wie soll sie zwischen den Realitäten unterscheiden? Welchen Dämonen kann sie vertrauen? Denn die Jagd auf sie hat schon lange begonnen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 534
Veröffentlichungsjahr: 2025
Amelie Will
False Reality
Devils Prey
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Teaser
1. Lynette
2. Lynette
3. Asmodeus
4. Asmodeus
5. Lynette
6. Asmodeus
7. Asmodeus
8. Asmodeus
9. Lynette
10. Asmodeus
11. Lynette
12. Asmodeus
13. Asmodeus
14. Daevan
15. Asmodeus
16. Lynette
17. Daevan
18. Lynette
19. Asmodeus
20. Daevan
21. Lynette
22. Lynette
23. Daevan
24. Lynette
25. Lynette
Impressum neobooks
He will hunt me down, but we’ll see who wins this game
~
For the girls who want to escape reality
Seine dunklen Schwingen trugen uns über die Dächer durch die kühle Abendluft, welche mir eine Gänsehaut bereitete. Vielleicht war es auch seine Aura, die Kälte und dass er mich fort trug zu einem Ort, an dem ich einfach ich selbst sein konnte. Die Stadt unter mir lag in einem Nebel, ein dunkler Nebel, welcher durch ihn erzeugt wurde. Die Häuser wurden kleiner und die Lichter kaum noch sichtbar. Ich liebte diese Ruhe, wenn die Stadt als ein Abgrund der Menschheit verschwand und wir weiter und weiter flogen. Ich wusste nie, wohin oder ob dieser Ort wirklich existierte. Der Nebel wurde wärmer und lichter. Ein Licht, welches ich in der Ferne sah, kam immer näher. Wir waren fast da. Sein Griff um mich wurde lockerer und er setzte mich auf den mit Steinplatten gepflasterten Boden ab. Das Geräusch seiner Schwingen verklang und die Blätter, welche ausgedörrt und zerbrechlich umherflogen, sanken langsam zu Boden. Es war diese Dunkelheit, in der ich mich wohlfühlte. Die Abwesenheit von aufdringlicher Lebendigkeit und die Ruhe. Die Ruhe der Nacht, wenn ich mich fühlte, als wäre alles möglich. Ich schaute mich um, wie das letzte Mal, als könnte ich sehen, was sich außerhalb des Nebels befand. Aber auch heute wurde ich enttäuscht. Weiter gehen, als ich sehen konnte, würde ich allerdings nicht, denn ich wusste nicht, ob sich nicht ein Abgrund da befand, wo die Steine am porösesten und der Nebel so dicht und dunkel war, dass er offensichtlich nicht natürlich war. Nichts hier war natürlich und doch fühlte ich mich auf dem Steinboden sicherer. Ich drehte mich um, um ihm zu folgen, nicht so schnell natürlich, wie er mit seinen endlos langen Beinen war. Die Schwärze, die ihn umgab, sah so einladend und vertraut aus, die Schemen seiner Schwingen überragten ihn auf eine majestätische Art und Weise. Der Säulengang, der sich vor uns auftat, war symmetrisch um einen Brunnen angeordnet, von dem ich wusste, dass er ausgetrocknet war und einige Schlangen beherbergte. Diese krochen ab und an nach oben und legten sich um seine Beine, bis er sie behutsam wieder zurückbrachte. Heute setzte er sich nicht auf eine der Sandsteinbänke, sondern schritt weiter, bis er hinter dem Brunnen eine Treppe hinauf stieg. Mit jedem nächtlichen Besuch wurde diese Welt erweitert. Jede Nacht gab es etwas Neues zu sehen. Das liebte ich besonders, wenn ich dafür sorgte, dass mir keine Grenzen aufgetan wurden. Er drehte sich zu mir um und hielt mir seine Hand hin. Seine kühlen Ringe waren angenehm auf meiner Haut, welche immer noch glühte vor Aufregung. Mit festem Griff zog er mich die letzten Stufen nach oben und vor mir öffnete sich eine Art überdachte Terrasse, die stützenden Säulen umgeben von verdorrten Rosensträuchern und trockenes Laub lag auch hier in den Ecken. Doch was sich hinter dem Geländer erstreckte, raubte mir den Atem. Wir waren in den Wolken. Und unter uns erstreckte sich die City in all ihrem Glanz, welchen man von hier oben fast verspotten konnte. So winzig und mickrig diese kapitalistische Hölle unter uns auch war, eine absurde Schönheit konnte man ihr nicht abstreiten.
„Und, habe ich zu viel versprochen?“ Er saß breitbeinig auf der Brüstung, die Unterarme auf die Oberschenkel gestützt und blickte mich an. Dieser Blick machte mich jedes Mal wieder nervös. Sein dämonisch arrogantes Grinsen, gemischt mit der Gewissheit, dass er nicht betteln oder prahlen müsste, um mich für sich zu gewinnen, waren einfach schwer zu widerstehen.
„Nein, es ist wirklich nicht schlecht.“ Ich musste auflachen.
„Das ist fast schon kitschig. Eigentlich so gar nicht dämonisch, wenn du mich fragst.“ Amüsiert grinste er und hob langsam den Kopf.
„Du kannst ruhig so tun, als würde dich das nicht beeindrucken, aber ich weiß, dass es dir gefällt.“ Er lehnte sich an die Säule neben ihm, welche die Decke hielt.
„Ach ja? Woher willst du das wissen?“ Ich stand ein paar Schritte weiter am Geländer und schaute hinab auf die Stadt. Meine Haare wehten in der kühlen Nachtluft um meine Schultern und ich fröstelte.
„Weil du vor Ehrfurcht eine Gänsehaut hast.“ Nicht nur das. Ich trug keinen BH und jetzt wurde dies besonders deutlich.
„Pff, so gut kennst du mich nicht, mir ist einfach ein bisschen kalt.“ Natürlich durchschaute er mich immer ganz genau. Das war schön, denn so musste ich nicht oft sagen, was ich dachte und wurde trotzdem verstanden. Er stieß sich ab und sprang zurück auf den Boden und war mit zwei Schritten bei mir. Er blickte zu mir hinunter und seine Augen blitzten gefährlich. Wieso zur Hölle hatte ich keine Angst vor ihm? Müsste man nicht einen Überlebensinstinkt haben, wenn man einer gefährlichen Kreatur nahe war? Ich glaube, das lag wohl alles an den Hormonen in mir, die sich nicht unter Kontrolle hatten. Denn wie er so vor mir stand, groß und breit und umgeben von seiner dunklen Magie, die Haut scheinbar kühl und die schwarzen Male auf seinem Körper, war er eindeutig gefährlich. Doch alles, was mein Körper tat, war, die Gänsehaut zu verstärken und diesmal nicht vor Kälte. Ich wollte nicht auf so etwas reinfallen. Ich glaube, die Maschen von Typen kannte ich ganz gut und trotzdem konnte ich weder hier noch in meinem Alltag unbeeindruckt von diesem dominanten Selbstbewusstsein sein. Aber so lange er nicht ganz unbeeindruckt von mir war, war es ja egal. Wenn ich jetzt nach rechts schauen würde, in seine Augen, dann wüsste ich genau, was geschehen würde, daher ließ ich meinen Blick noch ein wenig weiter durch die Nacht schweifen und tat ganz gelangweilt.
„Je mehr du versuchst, es zu verbergen, desto auffälliger wird es.“ Seine Stimme war ganz nah an meinem Ohr, sein Atem kitzelte meinen Hals, obwohl er sich keinen Zentimeter bewegt hatte. Diese verdammte Magie. Ich räusperte mich. Ich hatte dieses nervöse Kribbeln im Magen und plötzlich kam ich mir total schüchtern vor, denn jetzt gab es keinen Ausweg mehr. Seine Schönheit ließ mich fast schon klein fühlen, aber das durfte ich mir nicht anmerken lassen. Wenn also die Verteidigung zu schwach war, dann musste man angreifen. Oder so…? Ich drehte mich so schnell zu ihm, dass ich ihn damit kurz aus der Fassung brachte, das hoffte ich jedenfalls, und hielt seinem Blick stand.
„Leihst du mir deine Jacke?“
„Dreh dich um.“ Er legte mir die schwarze, lederne Jacke über die Schultern.
„Dein Hemd steht dir echt gut, auch wenn weiß irgendwie zu scheinheilig für dich ist.“ Mein Smalltalk war auch schon mal besser gewesen, aber ich brachte ihn damit zum Schmunzeln und das war das zweitheißeste, was ich je gesehen habe. Diese Grübchen, diese Lippen, die sich kräuselten und der schelmische Ausdruck in seinen Augen waren zum Dahinschmelzen.
„Genauso, wie du versuchst, mir zu widerstehen, versuche ich manchmal auch mein Image aufrechtzuerhalten.“
„Mmhhmmh.“ Jetzt war der Moment gekommen, wo ich nicht mehr wusste, was ich sagen sollte, denn er war mir so nah, dass ich seinen herben Duft wahrnehmen konnte und er mich mit seiner Magie einhüllte, die einen so sicher fühlen ließ. Verdammt, meine Hormone ließen mich schon wieder komplett auflaufen.
„Mmmh, du riechst so gut.“ Das tiefe Brummen seiner Stimme, welches er mich wieder direkt neben meinem Ohr hören ließ, war so unwiderstehlich und doch würde ich nicht den ersten Schritt machen. Wenigstens ein bisschen sollte er sich noch bemühen müssen, wenn er schon so überheblich war, festzustellen, dass ich sowieso nicht anders konnte. Ich wollte es ihm nicht zu einfach machen.
666
Als ich aufwachte, lag ich auf dem harten Boden und spürte ein Stechen in meiner Schulter durch die unbequeme Position. Verdammt, konnte er mich nicht einfach in mein Bett legen? Immer wenn ich zurück kam, ließ er mich durch mein Fenster wieder rein, aber sobald ich wieder in meiner Welt war, überkam mich eine bleierne Müdigkeit und ich schaffte es oft nicht zum Bett. Trotzdem war ich erstaunlich wach und erkannte bei einem Blick auf den Wecker, dass es gerade Zeit war, aufzustehen. Wie liebte ich doch meine innere Uhr. Das Kleid, welches ich am Abend angezogen hatte, warf ich auf meinen Stuhl und nahm mir eine neue Hose und ein Top aus dem Schrank. Mein Tag verlief ereignislos und doch störten mich diese Zombies, die außer ihrer Arbeit kein Leben hatten und deren einziger Spaß darin bestand, sich am Wochenende maßlos zu betrinken, nur um dann wieder schlecht gelaunt in die Woche zu starten. Ich verabscheute dieses Leben und doch steuerte ich mit meinem Studium direkt darauf zu. Doch ich hatte einfach keine Ahnung, was ich hätte anders machen sollen oder wie ich aus diesem kapitalistischen Kreislauf ausbrechen konnte, der nicht nur die Menschen, sondern auch unsere Erde zerstörte. Ich wollte all das einfach nicht sehen und nicht zuschauen müssen, wie andere ihre Augen verschlossen und vor Geldgier und Machtgeilheit einfach alles um sich herum zerstörten.
Lange hatte ich gehofft, jemanden zu finden, der ebenso dachte, aber außer nachts, schien es da niemanden zu geben. Die Menschheit war wohl zum Scheitern verurteilt und ich musste hier weg. Und nun tat ich also nichts lieber, als mich nachts aus dieser Welt zu träumen. Die Erfahrungen waren echt. So echt, dass es mir Angst machte, denn ich konnte alles entscheiden und beeinflussen, wohin und wann und mit wem ich unterwegs war. Ein paar Nächte schon war ich nun mit ihm unterwegs und er zeigte mir seine Welt. Nicht nur das, was ich mir als Dämonenleben vorstellte, sondern wie es für ihn war… Natürlich war das Romantisieren von Dämonen und anderen Teufelsdienern nichts Neues und doch war es ein Gedanken, in den ich mich gerne zurückzog. Leider konnte ich mit niemandem darüber sprechen. Ich konnte sonst mit meinen Freundinnen über alles reden, bevorzugt über unser Sexleben, bescheuerte Typen oder die Uni, aber darüber nicht. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich mich nachts gerne in andere Welten entführen ließ und etwas mit einem Dämon hatte? Wer würde das schon glauben, wenn ich es selbst kaum konnte?! Doch es musste echt sein, genauso wie die Ascheflocken, die manchmal morgens auf meinem Boden lagen oder die kleinen Knutschflecken, die ich manchmal an meinem Hals hatte. Wahrscheinlich würde ich eingeliefert werden, wenn jemand hörte, was ich Nachts erlebte. Ich musste schmunzeln und hoffte, dass es niemand sah. Nachdem ich in den Zug gestiegen war, um für das Wochenende zu meinen Eltern zu fahren, lehnte ich mich an die kalte Fensterscheibe. Ich musste nur diese zwei Tage überstehen, dann war ich wieder zurück und hatte meine Ruhe.
666
Das Abendessen war schön gewesen. Ich liebte meine Eltern und auch meine zwei kleinen Brüder, doch ich fühlte mich so einsam, mit meiner Abscheu dieser Welt gegenüber und der Angst vor dem Abgrund, in den wir sie hineintrieben. Meine dicke Kuscheldecke hüllte mich wunderbar ein und wärmte meine kalten Beine, die nicht von meinem Kleid bedeckt waren. Mit einem Seufzen versuchte ich die negativen Gedanken abzuschütteln, gleich müsste ich nicht mehr hier sein. Ich macht mich gerne schick, wenn ich nachts unterwegs war, denn manchmal kam ich an besonders ehrwürdige Orte und wollte dort nicht in einem großen alten T-Shirt und Slip herumstehen.
„Wach auf, Lynette…“ Säuselte eine tiefe Stimme an meinem Ohr und ich musste lächeln. Ich öffnete aber nicht die Augen und wartete darauf, dass seine weichen Lippen meine trafen und sich unsere Zungen umspielten. Er schmeckte leicht nach Rauch und ich konnte diesem gefährlichen und doch so angenehm Geruch nicht widerstehen. Auch in echt nicht, wenn Männer rauchten, zog mich das nun fast magisch an, soweit hatte er mich schon gebracht. Armselig.
„Wohin bringst du mich heute?“ Fragte ich ihn, nachdem ich mich auf die Fensterbank gestellt hatte und er draußen über unserer Hecke im Dunkeln geschwebt war.
„Ich kann dich zu den Totengärten bringen, es ist wunderschön dort.“ Er grinste mich an und befand sich plötzlich wieder vor mir. Ich schaute nach oben in sein markantes Gesicht und seine flackernden dunklen Augen. Er schlang einen Arm um mich und ich meine um seinen Hals und das Gefühl der Schwerelosigkeit umhüllte mich, obwohl er mich ja trug.
Heute war der Himmel wolkenlos und der Mond schien hell über dem Vorort. Die Luft war deutlich kühler als über der Stadt und diesmal konnte ich auch sehen, wie schnell wir emporstiegen und wie schnell diese winzige Welt noch kleiner und unbedeutsamer erschien. Meine Probleme ließ ich unter mir und dennoch fiel mir wieder auf, wie schön alles von hier oben aussah und wie traurig es war, dass so wenige diese Schönheit erkannten. Ich sah immer weniger und stellte dann fest, dass wir in den dunklen Nebel gerieten, der uns immer umhüllte, bevor er mich an einen Ort in seiner Welt brachte. Was ich als Nächstes sah, raubte mir fast den Atem. Vor uns, im sich lichtenden Nebel erkannte ich einen riesigen Park und alles darin war tot. Die Bäume hingen knochig über die verdorrte Wiese und ausgetrocknete Dornen rankten sich um steinerne Pavillons und Torbögen. Doch das war nicht alles. Im Licht des Vollmondes erkannte ich Menschen. Oder sie waren ihnen ähnlich, aber vielleicht waren es Dämonen wie er. Irgendwie dachte ich, dass er der Einzige wäre, weil ich ihn durch meine Fantasy erst in Träumen sah. Aber vielleicht existierte all das auch außerhalb meines Traumes. Aber das war Unsinn und nichts wovor ich Angst haben musste. Hoffentlich.
„Was ist? Ist es dir hier zu düster?“ Ich schreckte herum, völlig in Gedanken versunken, hatte ich nicht bemerkt, dass er, nachdem er mich abgesetzt hatte, hinter mir schon zum Eingang ging.
„Nein… ich habe nur noch nie so etwas gesehen…und ich dachte, wir wären hier allein.“ Er schmunzelte.
„Ich dachte, es würde dir gefallen, mal mehr von meiner Welt zu sehen als nur mich. Obwohl ich schon der beste Anblick bin, den sie zu bieten hat.“ Sein Grinsen wurde breiter und ich trat neben ihm, um ihm einen Klaps auf den Arm zu geben.
„Na ja, an Arroganz bist du auf jeden Fall nicht zu übertreffen. Aber ich bin gespannt, was du mir alles zeigen wirst.“ Er hielt mir seinen Arm hin, den ich daraufhin ergriff. Die ersten Träume, die ich steuern konnte, zogen mich in freundlichere Welten oder ich blieb in meiner Welt und erlebte traumhaft schöne Dinger, für die ich in echt kein Geld hatte. Das hier war anders, seit ich ihn einmal zufällig mit meiner Fantasie gerufen hatte, kam ich nun die dritte Nacht zu ihm und seine Welt zog mich in einen magischen Bann. Jede Nacht war besser als die vorherige und mein echtes Leben war nicht annähernd so interessant.
„Die Totengärten gehören zum Land der Herrschenden, sie erschaffen sie und nutzen sie für Rituale, lassen sie aber zugänglich für alle Dämonen.“
„Die Herrschenden? Ich dachte, euer Herrscher wäre der Teufel?“
„Der Teufel?!“ Er lachte herzlich, „Na ja, der Teufel gibt sich mit seinen Dienern nur selten ab. Dämonen werden von einigen stärkeren Dämonen regiert. Diese müssen sich in ihren Fähigkeiten beweisen und wenn jemand nicht mehr genügt, kommt er in die Hölle.“
„Was denn für Fähigkeiten? Und wieso in die Hölle, ich dachte da lebt ihr schon?“ Er blieb unter einem knorrigen Baum stehen und zog mich näher zu sich, milder Rauch züngelte um mich.
„Es gibt noch viel, was du nicht weißt, Prinzessin. Wir leben nicht. Und erst recht nicht in der Hölle, wir leben zwischen Erde und Hölle und holen alle, welche nicht in den Himmel kommen, nach unten. Wir sind nur Handlanger, aber weitaus höhere Wesen als die Menschen.“
„Wow, ich bin also ein kleines naives Menschenmädchen für dich? Das macht es dir natürlich einfacher, als bei gleichgesinnten zu landen.“ Ich wand mich aus seinen Armen. Ekelhaft. Als ob ich mich nicht nur auf seine Masche eingelassen hatte, sondern auch noch als minderwertig gesehen wurde… Das war mir selbst mit Menschen noch nicht passiert.
„Nein, so meine ich das nicht. Wir sind euch sehr ähnlich, nur dass wir offensichtlich weitere Fähigkeiten haben, die uns zu etwas Bösem und Mächtigen machen. Oder könntest du einen Mörder in die Hölle bringen? Sei nicht naiv, wir sind doch offensichtlich sehr verschieden.“ Er zeigte mir den Weg, den wir weitergingen. Er hatte ja recht. Es konnte jeder sehen, dass ich keine Schwingen hatte und erst recht nicht fliegen konnte. Als ich meinen Blick über die spitzen Dornen der Büsche und hinauf zum Himmel gleiten ließ, sah ich, wie schnell die dunkelgrauen Wolken vorbeizogen und nur ab und zu den Mond freigaben. Trotzdem gab es hier unten keinen Wind. Es war seltsam still und kalt, aber gleichzeitig umgab uns eine bedrohliche Stimmung, die mich frösteln ließ. Seine Schwinge legte sich wärmend um mich. Seine bescheuerte Magie.
„In deinem kurzen Kleid müssen deine schönen Beine ganz schön frieren.“ Vernahm ich seine reizvoll tiefe Stimme an meinem Ohr und ich traute mich kaum, ihn anzuschauen, weil ich genau wusste, dass ich ihm nicht widerstehen konnte.
„Danke, dass du so aufmerksam bist, aber denk ja nicht, dass wir jetzt hinter einem dieser Büsche verschwinden, die sind so tot, dass man durch sie hindurchsehen kann.“
Ich brachte ihn zum Schmunzeln und genoss, dass er nicht der Einzige war, der die Kontrolle haben konnte, obwohl ich ihm weitaus unterlegen war. Vor uns gabelte sich der Weg und machte den Blick auf einen Springbrunnen frei. Ich stockte. Er ging weiter und drehte sich dann um.
„Hast du Angst, Lynette?“ Die Art, wie er meinen Namen aussprach so eindringlich, lenkte mich fast von dem Bild vor meinen Augen ab. Aber nur fast. Aus dem Brunnen floss kein Wasser, sondern eine schwarze Flüssigkeit. Es roch metallisch und nach Rauch. Ich kam näher und stellte mich neben ihn. Um den Brunnen herum standen steinerne Bänker und Säulen, welche so zerfallen waren, dass sie nichts mehr tragen konnten. Im Augenwinkel bewegte sich etwas und bei näherem Hinschauen erkannte ich eine Gestalt. Etwas kleiner als mein Begleiter und sie schwebte fast auf den Brunnen zu.
„Ist das jemand von euch?“ Flüsterte ich zu ihm, nicht imstande, den Blick von der gesichtslosen Gestalt abzuwenden.
„Du musst nicht flüstern, sie spürt deine Angst und Neugier und sie weiß genau, dass du nicht hier hergehörst.“ Seine Stimme war trotzdem ebenso leise, jedoch nicht so unsicher. Nachdem er den Satz ausgesprochen hatte, stockte die Gestalt und es schien, als würde sich ihr Gesicht zu uns drehen. Aus der Distanz war es schwer, etwas zu erkennen, doch als der Mond durch die Wolken hindurchbrach, erkannte ich für einen kurzen Augenblick Schemen, die einem Gesicht ähnelten. Wie hypnotisiert starrte ich die schwarze Gestalt an und konnte mich nicht mehr bewegen. So stockend die Drehung des Kopfes war, so riss die Gestalt auch ihren Mund auf, wie zu einem stummen Schrei und ich stolperte nach hinten, mein Herz begann zu rasen und Panik wallte in mir auf. Das war es. Meine eigene Fantasie hatte mich in einem Albtraum gefangen.
„Hey, Prinzessin, du bist sicher bei mir.“ Ich spürte seine Anwesenheit hinter mir und wie er mir hoch half. Erst, als er meinen Kopf in die Hand nahm und drehte, konnte ich meinen Blick lösen. Was zur Hölle, oder aus der Hölle war das?!
„Sie tut nichts. Das war nur eine Warnung an mich. Ich sollte keinen Menschen hier herbringen. Aber du hast nichts zu befürchten…solange du in meiner Nähe bleibst.“ Seine Worte sollten tröstend sein, doch seine Stimme war rau und bedrohlich, sodass ich nicht wusste, ob ich auch ihm noch vertrauen konnte. Er lehnte sich an mein Ohr und flüsterte, sodass ich erschauerte.
„Du bist so wunderbar verletzlich, so anders und lebendig…ich könnte die ganze Zeit in deiner Nähe sein und …“ Sein Atem kitzelte mich und seine Worte machten mich willenlos. Er begann, meinen Hals zu küssen und zu beißen und umschloss meine Taille mit seinen starken Armen. Ich konnte nichts mehr tun oder denken, egal ob ich hätte Angst haben sollen oder nicht, ich konnte ihm nicht widerstehen. Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, hasste ich, doch hier wusste ich, dass er sie übernahm und genau wusste, was er tun musste. Er machte mich willenlos. Bevor meine Beine nachgeben konnten, hörte er auf und seine dunklen Augen blitzten mich herausfordernd an.
„Du bist stärker als ich dachte, aber es wird sich noch zeigen, ob du genauso mutig wie neugierig bist. Diese Welt ist nicht für jeden geeignet.“ Was wollte er mir damit sagen? Das alles war nur ein Traum und ich wollte verdammt nochmal nicht alles aus seiner Welt kennen. Es reichte mir, mit ihm Zeit zu verbringen und meinen Spaß zu haben. Ich versuchte die empor kriechende Angst mit Wut zu überspielen, um wieder Kontrolle zu erlangen, aber das hier war eine Nummer zu groß für mich.
„Wer sagt denn, dass ich deine ganze Welt kennenlernen möchte? Diese komische Gestalt und all diese Dunkelheit…wieso sollte ich nochmal hierherkommen?“
„Weil du es nicht loslassen kannst, so wie ich jede Nacht zu dir kommen werde, weil ich nicht von dir lassen kann und du viel zu neugierig bist, als dem Sog entkommen zu können.“ Nun zeigte er mir wieder sein charmantes Grinsen, welches seinen bedrohlichen Worten die Schärfe nahm, auch wenn es seine Lust nur mehr hervorhob. Ich konnte seinen brennenden Blick nicht ertragen und drehte mich um, dorthin, wo die Gestalt gestanden hatte. Nur dass sie nun nicht mehr stand, sondern am Brunnen hockte. Ich ging ein paar Schritte nach rechts, um hinter der fallenden Flüssigkeit zu erkennen, was sie dort tat. Er hatte recht, ich war viel neugieriger als mir guttat. Erneut stockte mir der Atem, als nach dem Oberkörper auch der Kopf hinter dem Brunnen auftauchte und ich erkannte, dass die Gestalt aus dem Brunnen trank. Innerhalb eines Augenblickes stieg Übelkeit in mir hoch und ich musste tief durchatmen, um mich nicht an Ort und Stelle zu übergeben. Die Gestalt hob ihren Blick und schaute mich an, soweit ich das beurteilen konnte, die Kapuze aus Dunkelheit um den Kopf ließ die Augen nur als dunkle Einbuchtung erkennen. Doch was ich genau erkannte, war die schwarze Flüssigkeit, die aus dem Mund tropfte und wieder in den Brunnen lief.
„Sie wird dich nicht angreifen, sie ernährt sich gerade schon.“
„Was für ein abgefuckter Ort ist das? Und was ist sie? Oh Gott, mir ist so schlecht…“. Bei meinen Worten schreckte er kurz zurück.
„Bitte erwähne ihn nicht hier. Du weißt, ich kann den Namen nicht hören…“ Sein Gesicht war verzerrt. Er verabscheute Gott offensichtlich.
„Tut mir leid, ist eine Angewohnheit.“ Ich drehte mich weg und versuchte, die Übelkeit wegzuatmen.
„Nein, ich hätte wissen müssen, dass das hier zu viel für dich ist…geht es wieder?“ Er trat neben mich und ich erkannte etwas wie Sorge in seinem Ausdruck, er konnte menschliche Emotionen gut annehmen und imitieren, ich glaubte,in Wirklichkeit fühlte er sich ganz anders.
„Ja, es geht…aber was genau ist das da in dem Brunnen?“ Ich wollte es eigentlich nicht wissen, aber ich war zu neugierig, wie er schon richtig erkannt hatte. Ich ging also einfach ziellos durch den Park, ohne mich nach der Gestalt nochmal umzusehen.
„Das ist Menschenblut, wir ernähren uns davon, damit wir in diesem Zustand existieren können.“ Was?!
„Du wirst mich nicht kaltblütig ermorden, um mein Blut zu trinken, oder?“ Ich tat so, als wäre es ein Scherz, aber innerlich zitterte ich und hoffte, dass er nicht bejahte. Es folgte ein tiefes Lachen seinerseits.
„Nein, das ist nicht meine Aufgabe, außerdem bist du ein guter Mensch und wirst sicher nicht in die Hölle kommen.“
Ich schritt unter alten Bäumen entlang und versuchte zu verstehen, was das für eine Welt war. Ich träumte das alles nur und doch hatte ich das Gefühl, das hier wäre alles echt. Er konnte mir nichts antun.
„Und außerdem bist du nur mein Traum. Alles nur meine Fantasie. Also bring mich bitte wieder zurück, das hier ist mir doch zu viel…viel zu krank.“ Ich versuchte ihn anzulächeln, damit er mir nicht böse war, denn trotzdem hatte ich Angst. Seine schwarze Aura umgab mich vollkommen, wenn er mir nah war und ließ mich Raum und Zeit vergessen. Ich hatte dann keine Kontrolle mehr und genau die brauchte ich in meinem Leben immer. Fast immer.
„Wie du meinst.“ Er schaute nicht bedrückt, sondern legte einen forschenden Blick auf mich, er wusste etwas, was ich nicht wusste und er hatte zu viel Macht in meinem Traum. Ich musste hier sofort weg und am besten träumte ich mich nie wieder hier her. So sehr ich auch bei ihm sein wollte, so sehr war das alles wie ein Albtraum und eine Welt wie in einem Horrorfilm.
Er umschloss meine Taille und ich spürte, wie wir nach oben schwebten, wobei er die ganze Zeit den Blickkontakt hielt. Als wüsste er, dass ich hier nicht mehr hin wollte. Das würde auch bedeuten, dass ich ihn nicht mehr sehen würde. Es war sehr schade, aber notwendig, wenn ich bei Verstand bleiben wollte. Die Zeit, in der er mich zurück brachte, schlief ich wieder ein und ließ meinen Traum hinter mir.
Verdammt. Es konnte doch nicht sein, dass sie gehen wollte. Ich dachte, sie wäre bereit dafür, doch anscheinend war sie nicht mutig genug, um in dieser Welt zu bestehen. Ich legte ihren schlafenden Körper wieder auf ihr Bett und hoffte, dass sie nicht wieder, in der Annahme, ich würde sie noch halten, aus dem Bett fiel. Ihre Haare fielen sanft über ihre Schultern und ihr friedlicher Gesichtsausdruck beruhigte mich. Sie würde wieder denken, dass es nur ein Traum war. Sie war eine Träumerin, eine der mächtigsten Menschen überhaupt, und sie wusste davon nichts. Sie konnte in Ruhe schlafen und leben, wie sie es wollte und nur langsam an ihrem Verstand zweifeln. Schon oft mussten wir Menschen in die Hölle holen, die Träumer waren und mit der Last nicht klarkamen, die nicht mehr von der Realität unterscheiden konnten und schließlich von der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Uns ging es da leichter, wir standen auf der dunklen Seite und hatten ein Leben, eine Aufgabe und wir dienten ihm mit Freude. Sünden waren etwas, wofür es sich zu existieren lohnte…
Ich stieß mich vom Fenstersims ab, nachdem ich noch einmal einen Blick auf ihre wunderschöne Gestalt gelegt hatte und schwang mich in die Nacht. Ich hoffte, dass sie morgen wieder zu mir kam, ob sie wollte oder nicht, sie gehörte in unsere Welt und es war meine Aufgabe, sie dazu zu bringen, es auch zu sehen. Der Rückschlag heute war schwer und ich hoffte, dass sie ihrer Neugierde nicht widerstehen konnte. Schließlich hatte ich so viel mehr zu bieten als nur meinen attraktiven Körper und ich hatte genau ihre Blicke gesehen. Noch keine Frau konnte mir widerstehen. Ich musste schmunzeln, da ich es amüsant fand, wie leicht sie zu beeinflussen war und ich doch selbst oft nicht klar denken konnte, wenn ich in ihren leuchtenden Augen sah, ihr Körper nur in einem kurzen Kleid. Sicher tat sie das nicht ohne Absicht und verdammt, ich konnte mich kaum beherrschen. Als ich in die dunklen Wolken der Hölle aufstieg, versuchte ich nicht an mein Scheitern zu denken. Wie konnte ich es das nächste Mal besser machen? Sie musste diese Welt kennenlernen, auch wenn es sie abstieß. Es war auch verständlich. Bis auf die höheren Dämonen sahen die meisten aus wie gesichtslose Hüllen, die mit ihrer schwarzen Aura umher schwebten. Die höheren und wir Herrschenden konnte unsere Erscheinung anpassen. Ich als Dämon, der die Todsünde der Lust repräsentierte, wählte natürlich eine Erscheinung, die einem Menschen mehr ähnelte, als es die anderen vermochten. Dass die Niedere sie vorhin am Brunnen erschreckt hatte, war vermutlich normal für einen Mensch. Ihren quälenden Schrei konnte zum Glück nur ich hören, sonst wäre sie zusammengebrochen. Diese Schreie waren dafür da, die Menschen in die Hölle zu bringen, doch keine Lebenden konnten ihn vernehmen. Und ich hatte ihre Warnung verstanden. Keine Menschen in unserer Welt. Sie wusste ja auch nicht von meinem Auftrag. Und wenn sie es jemandem sagen wollte, dann würde sie dafür auch noch den letzten Rest ihrer gequälten Seele verlieren, dazu verdammt, in ewigem Schmerz zu leiden.
666-Lynette
Auch diesen Morgen lag ich auf dem Boden und erwachte, weil mir unsagbar kalt war. Als ich sah, dass das Fenster offen war, draußen der erste Frost die Wiese zierte und ich nur im Kleid dalag, war klar, wieso. Wut breitet sich in mir aus und Gedanken an letzte Nacht, die gesichtslose Gestalt und den Schrei, der so stumm wie auch angsteinflößend war. Der Geruch nach Blut und Tod und die Tatsache, dass sie davon lebten. Was zur Hölle hatte meine Fantasie da mit mir gemacht? Wieso hatte ich mich in diese Welt geträumt, wenn sie zu einem Albtraum werden konnte? Was ist, wenn er mich das nächste Mal mit in die Hölle nahm? Zu denen, die dazu verdammt waren, im ewigen Feuer zu brennen, ohne jemals wirklich zu sterben… Egal, ich würde diesen Tag mit meiner Familie überstehen und nachts in eine andere Welt eintauchen…wie wäre es mit einer kitschigen Fee, die mich mit in ihr Königreich nahm?
Schnell zog ich mir eine Jogginghose und einen kuscheligen Pullover an. Der Winter zog langsam ins Land, auch wenn der Herbst sich viel Zeit gelassen hatte. Ich stapfte die Treppe hinunter in die Küche und wurde von frischem Kaffeeduft und Brötchen begrüßt.
„Guten Morgen.“ Meine Eltern saßen schon da, aßen und ich setzte mich zu ihnen. Ich erzählte ihnen, wie die ersten Wochen des neuen Semesters liefen und dass alles super war. Vielleicht merkten sie, dass es das nicht war, aber wollten mich nicht dazu drängen, etwas zu erzählen. Sie wussten ja nicht, dass mir das Studium so sinnlos vorkam und meine Freundinnen alle so glücklich verliebt waren, dass es schon eine Qual war, das mit anzusehen. Ich fragte, was der Plan für den Tag wäre, damit ich wenigstens ein bisschen Zeit mit meiner Familie verbrachte, auch wenn es hier für mich auch nicht mehr so viel gab, wie als Kind.
„Wir müssen heute zum Fußballspiel, aber heute Abend können wir gemeinsam einen Film schauen.“ Wie ich Fußball verabscheute. Aber was tat man nicht alles für seine kleinen Brüder?
„Okay, ich werde vorher etwas rausgehen.“
„Es soll den ganzen Tag regnen, nimm dir einen Schirm mit und vergiss nicht, wir müssen 13 Uhr los!“
„Ja, ich weiß…“ Ich schaffte es nicht, mich wirklich zu öffnen, mit jemandem darüber zu sprechen, dass sich alles sinnlos anfühlte und dass ich nur in meinen Träumen richtig lebendig war. Zum Glück war ich nicht müde, obwohl ich die ganze Nacht ja irgendwie wach war…oder war es doch alles unterbewusst?
„Wie geht es Jacob?“ Fragte meine Mutter plötzlich, während ich gedankenversunken meinen Kaffee trank und aus dem Fenster in unseren gemütlichen Garten schaute.
„Ääh, der hat viel für die Uni zu tun. Aber gut sonst, denke ich.“ Verdammt. Jacob, mein Freund. Wobei man das kaum eine Beziehung nennen konnte. Ich hatte ihn irgendwie total verdrängt. Doch meine Eltern dachten, dass ich noch immer total verliebt wäre. Dabei war es am Anfang mehr die Aufregung, nicht mehr Single zu sein und einen gut aussehenden Typen aus den höheren Semestern zu kennen, als wirkliche Verliebtheit. In den Semesterferien wurde mir immer klarer, dass ich ihn eigentlich langweilig fand, er wollte nur eine Familie gründen, in seinen Heimatort zurück und brauchte dafür eine brave Freundin. Das war ich vielleicht auch manchmal, aber er kannte mich ja auch nicht wirklich. Meine Gedanken und Wünsche würde er verabscheuen und ganz zu schweigen von meiner Fantasie, die die letzten Wochen total außer Kontrolle geraten ist. Manchmal erkannte ich mich selbst nicht wieder. Ich ging gerne feiern und war sehr offen, dass ich kaum Hemmungen hatte, aber der Blümchensex mit Jacob schien nur ihm zu gefallen. Die letzten Wochen jedoch hatte ich so viel mehr erlebt, was mir gefiel. Auch wenn ich nie mit dem Dämon geschlafen hatte, war da so viel mehr Spannung gewesen als mit meinem Freund. Dazu kam, dass Jacob alles verkörperte, was ich an dieser Welt verabscheute. Und vielleicht war ich genau deswegen mit ihm zusammen gekommen, um mir einzureden, dass es nicht so schlimm war und ich doch irgendwie in diese Welt gehörte, aber lange konnte ich das nicht mehr tun.
„Schade, dass wir gar nichts mehr von ihm hören…ist denn alles okay bei euch?“ Vielleicht sollte ich es lieber beenden, bevor seine perfekte Welt zerstört werden würde.
„Naja also eigentlich läuft es nicht so gut…Er hat ganz andere Ziele als ich und irgendwie habe ich, glaube ich, keine Gefühle mehr für ihn…“
„Oh…das ist schade, aber dann solltest du die Sache wohl beenden, wenn er dich nicht glücklich macht.“ Ich war dankbar, dass ich wenigstens das bei ihnen ansprechen konnte, ohne dafür verurteilt zu werden, auch wenn ich nicht über meine realistischen Träume sprechen könnte. Das Risiko, in eine geschlossene Anstalt gesperrt zu werden, war mir einfach zu hoch.
„Du hast bestimmt recht, aber ich weiß nicht wie und ehrlich gesagt habe ich darüber noch nicht so richtig nachgedacht…“ Mein Kaffee war alle und ich drehte grübelnd die Tasse in meinen Händen.
„Sprich mit ihm, wenn du wieder in der Stadt bist und erkläre es ihm, wie du es uns erklärt hast, er wird das hoffentlich verstehen und vielleicht fühlt er auch so. Ihr seid noch jung, da passiert es eben, dass man nicht weiß, was man fühlt oder was man möchte.“
„Danke…ich werde ihm schreiben, aber jetzt ziehe ich mich an und gehe spazieren. Bis dann!“ Ich räumte mein Geschirr weg und hüpfte dann die Treppe nach oben. Irgendwie fühlte ich mich nun leichter und freier, zu wissen, dass ich mich nicht mehr verbiegen musste, nur um einen Freund zu haben. Erst recht nicht diesen Typ, der am liebsten Wirtschaftszeitschriften las. Ich hätte diesen Entschluss schon eher fassen sollen. Vielleicht würde mein Leben wieder spannender werden, wenn ich das Gefühl los war, ihn zufrieden stellen zu müssen. Und die Gespräche mit meinen Freundinnen würden sich auch nicht verändern, denn ob ich Single oder in einer langweiligen Beziehung war, machte keinen Unterschied.
Obwohl es schon 10 Uhr war, war es draußen nicht wirklich hell, durch die dunklen Wolken, die gemächlich über den Vorort zogen. Ich musste unwillkürlich an letzte Nacht denken, die Wolken, die so schnell über den Himmel zogen, als würden sie vor etwas fliehen. Der Regen, der langsam vom Himmel fiel, plätscherte sanft auf meinen Schirm, ein beruhigendes Geräusch und während ich an den Häusern vorbeilief, merkte ich, dass ich unbewusst in Richtung Friedhof ging. Meine Großeltern starben letztes Jahr. Nachdem mein Opa gestorben war, litt meine Oma an einem gebrochenen Herzen und starb einige Tage später. Es war eine sehr traurige Zeit für mich gewesen, da sie wundervolle Menschen waren, doch ich hielt sie in glücklicher Erinnerung und das milderte den Verlust. Die Gräber standen verstreut auf der Wiese, alte Bäume ragten schützend über sie und einige Blumen blühten noch in bunten Farben. Dieser Ort war so friedlich und wunderschön, dass ich nicht verstand, wieso manche Menschen Friedhöfe nicht mochten. Na gut, Nachts würde ich auch ungern hier lang laufen, besonders nicht jetzt, wo ich nicht mehr wusste, was für Realitäten es außer unserer noch gab. Ich war mir sicher, dass es mehr gab, als die meisten imstande waren zu sehen. Ich ging zum hinteren Teil des Friedhofs und hockte mich vor den schlichten grauen Stein mit den Namen meiner Großeltern darauf. Heidekraut zierte das Grab und ein ewiges Licht stand zwischen den Pflanzen. Ganz so ewig war es allerdings nicht und wahrscheinlich schon lange erloschen. Doch was brachte es auch, Gräber zu pflegen, wie den eigenen Garten? Davon würde keiner mehr auferstehen und die Erinnerungen waren sowieso viel wertvoller. Ich verlor ein paar Tränen, als ich daran dachte, wie die beiden Arm in Arm dastanden und sich noch neckten, wie Teenager. So etwas wollte ich auch einmal haben, ein selbst gefundenes Zuhause, einen Mensch, der einen auch ohne Worte verstand.
Langsam kroch die Kälte durch meine Kleidung und ich fröstelte. Ich hatte eine Weile hier gehockt und meine Beine waren etwas taub, als ich aufstand und wieder nach Hause ging. Bis auf ein paar Hundemenschen, die ihrem Hund hinterher trotteten, sah ich niemanden und war auch froh darüber. Auf keinen Fall wollte ich jetzt jemanden aus meiner Schulzeit sehen oder aus dem Volleyballteam, das war mein altes Leben. Kurz bevor ich wieder zu Hause ankam, bekam ich eine Nachricht im Gruppenchat mit meinen Kommilitoninnen, die fragten, ob wir einen Spieleabend machen wollten. Super. Mit meinen Freundinnen und deren Freunden einen Spieleabend machen…ich konnte mir gerade so viel bessere Sachen vorstellen, aber ich war auch erschrocken von mir, dass ich so eine Abneigung gegenüber deren Verliebtheit hatte… Ich musste an den Dämon denken und mein Bauch kribbelte. Fuck, ich wollte ihn so gerne nochmal wieder sehen… Dann wurde mir wieder siedend heiß bewusst, dass ich mit Jacob reden musste. Auf keinen Fall würde ich einen Tag oder Spieleabend länger so tun, als fände ich ihn cool und interessant. Aber nicht jetzt. Jetzt würde ich etwas Sport machen und dann ging es auch schon zum Fußballspiel. So sehr ich diesen Sport verachtete, so sehr liebte ich aber meine Brüder und versuchte für sie so zu tun, als hätte ich hier Freude. Schließlich war mein Zuhause noch ein Ort, an dem ich das Gefühl hatte, mehr dazugehören als an vielen anderen.
„Welchen Film wollen wir schauen?“ Fragte mein Vater und öffnete einen Streamingdienst. Ich mochte meine Familie, doch wir hatten nun mal nicht die gleichen Interessen und meine Gedanken schweiften sowieso immer wieder ab.
Nachdem die Komödie geendet hatte, verabschiedete ich mich ins Bett und ging ins Bad. Heute würde ich in ein schönes Feenreich reisen und nicht wieder zum Dämon gehen. So heiß er auch war, das würde mir nicht guttun. Ich lächelte mein Spiegelbild an, um meine Intention zu bestärken, und zog mir heute einen Rock und ein spitzen besetztes Top an. Irgendwie war es komisch, sich fürs Schlafengehen schick zu machen, aber mein Leben war nun wohl anders…Oder meine Träume…
Was würde geschehen, wenn ich einfach einen Schlafanzug anziehen würde? Würde meine Fantasie mich umkleiden, sobald ich träumte? Ich würde es gleich morgen ausprobieren. Doch jetzt legte ich mich schlafen, diesmal schloss ich das Fenster und versuchte noch für ein paar Minuten zu meditieren. Doch meine Gedanken drifteten ab zu der ersten Nacht, in der ich so intensiv träumte. Vor einigen Wochen kam ich betrunken aus dem Club und schaffte es nicht mehr, mein Kleid auszuziehen. Ich fiel einfach ins Bett und träumte von einem wunderschönen weißen Sandstrand und bevor ich wusste, was geschah, war es plötzlich so echt, dass ich im Wasser schwimmen konnte, Delfine umgaben mich und mein Make-up vom Feiern verschmierte, sodass ich am nächsten Morgen ziemlich schrecklich aussah. Es war so angsteinflößend echt, dass ich die nächsten Tage versuchte, es wieder zu machen, aber an eine andere Welt zu denken und schon war ich dort, wo mich meine Fantasie hinzog. Ich seufzte. Für die Meditation war ich zu müde, ich würde gleich umkippen, also legte ich mich hin und versuchte ganz fest an ein wunderschönes Königreich hoch oben in den Bäumen zu denken. Wo Frieden herrschte und alle Feen gut zueinander waren. So einen Traum hatte ich verdient, auch weil die echte Welt davon so weit entfernt war. Und auch wenn es total kitschig war und nicht realistisch, dafür war es ja auch ein Traum.
„Lynette? Willkommen in unserer bescheidenen Stadt.“ Eine wunderschöne Frau mit wallendem rotem Haar schwebte vor mir und ich blinzelte überrascht. Ich hatte es geschafft! Ein paar Zweifel hatte ich, doch so sehr sehnte ich mich scheinbar nicht nach dem Dämon.
„Danke. Du bist..?“ Die Frau zeigte eine Reihe blitzender Zähne, als sie mich anlächelte.
„Ich bin Farya, ich werde dich für den heutigen Ball fertig machen. Wie schön, dass du unser Gast sein wirst!“ Alles an der Fee vor mir schien zu leuchten und wie mit einem Weichzeichner gemalt. Erst jetzt schaute ich mich um und erkannte, dass wir auf einer Art Holzbrücke standen, die zwischen zwei riesigen Bäumen gespannt war. Die Bäume um uns herum waren teilweise hohl und Lichter leuchteten in einigen, als würde dort jemand wohnen. Was die Feen wahrscheinlich auch taten. Alle Bäume waren durch verschiedene Brücken und Treppen verbunden, kleine Lichter tanzten durch die laue Sommerluft. Es war wunderschön. Genauso hatte ich es mir vorgestellt. Die Luft roch nach Blüten und als ich Farya folgte und wir über die Holzbrückengingen, fühlte ich mich leicht und euphorisch. Ich würde diesen Abend genießen und Spaß haben. Alle Feen, denen wir begegneten, lächelten uns an und begrüßten mich, als wäre ich eine lang verschollene Freundin. Ein Blick nach unten zeigte mir, dass diese Stadt so hoch war, dass man keinen Waldboden ausmachen konnte. Wenn wir überhaupt in einem richtigen Wald waren… Wir kamen vor einem Baum zu stehen, in den eine Tür eingelassen war und Farya erklärte mir, dass dies ihr Zuhause war. Als ich eintrat, kam ich mir vor wie in einem Barbie-Film und ein Kindheitstraum von mir ging in Erfüllung, obwohl ich wesentlich zu alt für so etwas war. Überall an den Wänden hingen wunderschöne Kleider, das gedimmte Licht strahlte aus riesigen Blumenkelchen und es roch auch hier nach frischer Wäsche und Blumen. Es war schon fast zu perfekt, sodass ich mir als Mensch schon plump vorkam.
„Diese Kleider habe ich für dich vorbereitet, such dir eines aus! Ich persönlich finde dieses hier perfekt, aber das blau wäre auch wunderschön!“ Überfordert von Faryas Euphorie und den ganzen Kleidern ließ ich mir von ihr in ein fliederfarbenes Kleid helfen und war überrascht, als ich mich im Spiegel sah. So verrucht der Dämon mich fühlen ließ, so brav und unschuldig sah ich in diesem leichten Kleid aus. Es passte nicht nur perfekt, sondern ließ mich ebenso strahlen wie die Feen. Wahrscheinlich hatten sie Feenstaub oder Magie, die das ermöglichte. Ich musste grinsen. Ich war schön und konnte einen Abend genießen, wie es in echt nie möglich wäre. Welcher Mensch würde schon jemals so ein zauberhaftes Kleid tragen können und dann noch auf einem Ball in einer Feenstadt? Es klang auch in meinem Kopf sehr kitschig, doch ich musste mich wieder daran erinnern, dass ich die wahre Welt loslassen durfte. Die von Hass und Konsum und Betrug geprägt war. Diese Probleme gab es hier nicht. Wenn es hier überhaupt Probleme gab.
Farya stellte mir noch ein paar zarte lila Schuhe hin, die mit Perlen verziert waren. Vermutlich würden meine Füße nach einer Weile höllisch schmerzen, aber dafür lohnte es sich.
„Lynette! Du siehst bezaubernd aus! Du wirst heute Abend allen die Show stehlen! Toll, wirklich wundervoll!“ Ich musste lachen vor Aufregung und Freude und Faryas gute Laune war so ansteckend, dass ich mich einfach fallen lassen konnte. Nachdem sie meine Haare zu einer lockeren Frisur flocht und mich ein wenig schminkte, machten wir uns auch schon auf den Weg zum Ballsaal. Das hier war mein Traum und ich entschied, was passierte und trotzdem war es bezaubernd, wie hilfsbereit alle waren und wie gut ich mich mit den Feen verstand. Nachdem wir an ein paar Bäumen entlang gegangen, ein paar Treppen erklommen und Brücken überquert hatten, standen wir vor einem so riesigen Baum, dass er mir fast wie eine Wand vorkam. Ich blickte nach oben und erkannte zwischen dem roten Laub der Bäume etwas Blitzen. Wir waren direkt unter den Baumkronen und konnten den Sternenhimmel sehen!
„Wow, es ist wunderschön hier…Danke Farya!“ Ich war ehrlich beeindruckt und gerührt und diesmal auch nicht angsterfüllt, wie die letzte Nacht. Das hier war das komplette Gegenteil von den Totengärten.
„Das ist doch selbstverständlich! Bist du bereit?“ Fragte sie aufgeregt und ich blickte kurz an mir hinunter. Alles saß perfekt und auch meine Füße schmerzten nicht, wahrscheinlich waren die Schuhe so verzaubert, wie alles andere. Um uns herum strömten die Feen schon in den Baum, der durch ein riesiges Portal geöffnet war und ich staunte nicht schlecht, als ich den Ballsaal sah. Überall hingen Blumen und Blätterranken, riesige Fenster waren in den Baum geschnitten, sodass der Saal bei Tage hell erleuchtet werden würde. Feen standen herum und unterhielten sich, einige tanzten und es war ein wunderschönes Gefühl der Freude zu erkennen. Die Musik war so sanft und doch deutlich zu vernehmen, es waren fremde Klänge, die ich noch nie gehört hatte. Etwas, was nicht von dieser Welt war. Farya nahm nicht an der Hand und führte mich herum. Sie stellte mich ihren Freunden vor, holte uns etwas zu trinken und schließlich zeigte sie mir den Tanz, welcher einfach und ausgelassen war.
Ich konnte mich einfach gehen lassen, treiben lassen, von der Freude, dem Glücksgefühl, was uns alle umgab. Es war fast wie eine Droge, ein Traum, aus dem ich nicht erwachen wollte. Der Drink, den ich hielt, glitzerte in zartem Grün und schmeckte so himmlisch süß und war gleichzeitig erfrischend. Auch wenn darin kein Alkohol war, war ich mir sicher, dass er ebenfalls mit etwas Magischem versetzt war, denn ich fühlte mich leicht und schwerelos und dachte nicht mehr an meine Probleme, die echte Welt oder was andere von mir dachten. Es schien allen so zu gehen, wir schwebten und tanzten ausgelassen durch den Saal, so viele Feen, dass es wie ein Meer aus Glitzer erschien und ich wünschte mir, dass der Moment nie enden würde. Doch auch diese Nacht würde enden, irgendwann müsste ich wieder aufwachen. Doch jetzt noch nicht! Ich nahm die Hand des Fee der mich aufforderte zum Tanzen und ließ mich herumwirbeln. Er sah wie alle anderen wunderschön aus, fast gemalt und lächelte mich fast unentwegt an. Er war sehr galant und nett, aber irgendwann kam es mir vor, als könnte man gar nicht ernsthaft so viel lächeln. Er zog mich näher zu sich und sein Gesichtsausdruck wurde ernster. Ich wusste, wie so etwas lief und ließ mich darauf ein, dass wir enger tanzten und er machte mir Komplimente, sodass ich kichern musste. Als ich einen Blick über seine Schulter warf, sah ich Farya, wie sie mir aufgeregt zuwinkte und anzüglich mit den Augenbrauen wackelte. Ich musste noch mehr lachen und hatte einfach ungezwungen Spaß, ohne Angst haben zu müssen, dass ich belästigt werden würde oder jemand sein stinkendes Bier über meine Füße kippte. Das hier war so viel besser als die Clubs in der City. Bei der nächsten Drehung schaute ich nach oben durch die Glaskuppel, durch die man den Sternenhimmel sehen konnte. Eigentlich. Aber jetzt sah ich dort graue Wolken vorbeiziehen. So schnell, als würde draußen ein Sturm wüten.
So sehr ich es hasste, aber ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen und sie musste einfach wieder in unsere Welt kommen, ob sie wollte oder nicht. Das Problem war nur, dass ich nicht einfach zu ihr kommen konnte. Sie war eine Träumerin, es lag an ihr und ihrer Macht, zu bestimmen, wohin sie reisen wollte, mit wem und wann. Doch etwas war ihre Schwäche. Ihre Neugierde, ihr Verlangen, ihre Lust. Auch wenn es erst der Anfang war, ich wusste es und es rief nach mir. Auch wenn sie so tat, als würde ihr der Fee gefallen, wusste ich genau, dass es ihr nicht danach verlangte. Das war meine Gabe, ich konnte die innersten Wünsche und die dunkelsten Verlangen von Menschen spüren und für meine Zwecke verwenden. Ich würde sie bekehren. Sie würde zu uns gehören. Zur Dunkelheit. Doch jetzt war es noch nicht so weit. Jetzt war es an mir, sie zu erinnern, sie zu locken oder sie so zu verängstigen, dass sie keine andere Wahl hatte. Denn sie war sich ihrer Stärke noch nicht bewusst, sie wusste noch nicht, dass sie mich aus ihrem Traum verbannen konnte, wenn sie wollte. Und glücklicherweise wollte sie es auch nicht. Noch nicht. Ich ließ ein dumpfes Grollen aufrollen, schwarze Wolken aufziehen, eine Dunkelheit, die nicht irdisch war und auch in keinem Feenkönigreich gehörte und die unsicheren Schreie, die Angst, bescherten mir ein Kribbeln. Ich liebte diese Macht. Ich liebte diese Dunkelheit und sie würde das auch tun, sobald sie keine Angst mehr hatte und erkannte, wer sie wirklich war.
666-Lynette
Mein Atem stockte und ich blieb so abrupt stehen, dass mein Tanzpartner mich verwundert anschaute. Dann folgte er meinem Blick nach oben. Auch andere Fee hatten aufgehört zu tanzen, die Sterne, die den Saal erhellten, waren erloschen und die Dunkelheit breitete sich aus. Ein tiefes Donnern ertönte in der Ferne. Angst breitete sich in mir aus. Was zur Hölle passierte hier? Ich suchte hastig Farya in der Menge, ich wollte, dass sie mir sagte, dass das hier ganz normal war, doch ich wusste schon anhand der Reaktionen der anderen Feen, dass es das nicht war.
„Farya! Wo bist du?“ Mein Tanzpartner hatte sich schon verdrückt, ich hatte keine Ahnung, wo er war. Die Feen taten mir leid. Hier gab es keine Probleme, keine Angst, keine Bedrohungen und das hier war offensichtlich neu; die Angst.
„Lynette, ich bin hier!“ Ich hörte meine neu gewonnene Freundin und versuchte mich durch die immer panischer werdenden Feen hindurchzuzwängen. Auf einmal erschien es, als hätte alles Magische seinen Glanz verloren, die Feen waren grau und zerbrechlich. Ihre Macht schien in den Sternen zu liegen, dem silbernen Licht, welches erloschen war und ihnen nun keine Sicherheit mehr gab.
„Was ist das? Ist das schonmal passiert?“ Ich erreichte Farya atemlos und sie stand mit schreckgeweiteten Augen vor mir. Plötzlich zuckten Blitze über den schwarzen Himmel und erhellten den Saal für einen Moment, ließen die ängstlichen Gesichter noch gespenstiger aussehen.
„Ich weiß es nicht, ich habe so etwas noch nie erlebt!“
„Was sollen wir jetzt tun? Wo können wir uns verstecken?“ Auch wenn es aussah, wie ein Gewitter, welches man auf der Erde öfter erlebte, so fühlte es sich an, als würde einem jemand jegliche Freude, jegliche Lebensenergie aussaugen und einen wie eine leere Hülle liegen lassen. Das zeigte mir, dass das kein normales Gewitter war. Mir wurde heiß und kalt zugleich, während Adrenalin durch meine Adern pumpte. Wir mussten sofort hier raus und nach unten.
„Wir müssen nach Hause!“ Doch als Farya zur Tür rannte, erkannten wir erst, dass sie verschlossen war und wir eingesperrt. Einige versuchten die Tür irgendwie aufzubekommen, andere versuchten sich im Saal zu verstecken und schrien umher, als würde sie das retten. Verdammt. Diese Dunkelheit kam mir so bekannt vor und ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Ich hatte nicht an ihn gedacht. Ich hatte mich in eine andere Welt geträumt. Das hier konnte nicht sein. Ich wollte, dass dieser Traum wieder schön wird! Ich versuchte, an etwas Schönes zu denken, mich an den Abend zu erinnern, doch es schien, als hätte die Freude nie existiert und ich wäre machtlos. Diese Träume wurden langsam zu Albträumen und ich konnte es nicht ändern. Verdammt! Was sollte ich tun? Ich konnte nicht einfach nichts träumen, dann würde mich meine Fantasie genauso an einen Ort bringen, nur dass ich dann nicht darauf vorbereitet war.
Ein lautes klirrendes Krachen riss mich aus meinen Gedanken und es folgten ängstliche Schreie. Als ich nach oben blickte, erkannte ich die Ursache des Krachens und erstarrte. Dort oben klaffte ein riesiges Loch in der Glaskuppel und ein schwarzer Nebel breitete sich aus. Er waberte bis zum Boden und von dort aus nach außen.
Ich kannte diese Dunkelheit und nun wurde ich ruhiger. Ich hatte nicht mehr so starke Angst und fühlte einen Sog, ein Verlangen in dieser Dunkelheit zu sein. Ohne Rücksicht und ohne Reue zu existieren. Einfach so wie ich war. Wieso hatte ich Angst gehabt? Er war meinetwegen hier, es war total verworren, aber seine Schuld.
„Lynette, da bist du ja!“ Der Fee, der mit mir getanzt hatte, kam wieder auf mich zu und legte seinen Arm um mich.
„Ich werde dich beschützen.“ Seine Worte sollten mich beruhigen, doch ich sah die Angst in seinen Augen und ich war mir sicher, dass er noch nie gekämpft hatte, geschweige denn mich beschützen wollte. Ich musste außerdem nicht beschützt werden, das war mein Traum und ich musste einfach nur die Kontrolle behalten. Weitestgehend ignorierte ich sein Zittern an meinem Körper und schaute gespannt zu, wie sich der Nebel verbreitete und die Fee sich davon entfernten und sich eine Art Kreis bildete. Ich wich nicht zurück. Wenn ich Angst zeigte, verlor ich die Kontrolle und das hatte er nicht verdient. Die Silhouette des Dämons verfestigte sich im schwarzen Nebel und panische Schreie wurden laut. Wieso war er hier? Ich wollte ihn nicht mehr sehen. Seine Welt war mir zu dunkel. Ich wollte aus der Dunkelheit meiner Welt entfliehen und dabei nicht in eine andere Dunkelheit gelangen.
„Was ist das?“ Hörte ich den Fee neben mir, mit zitternder Stimme, verstört flüstern. Ich antwortete ihm nicht, wie hypnotisiert schaute ich auf den Dämon, der jetzt klar zu erkennen war und direkt in meine Richtung schaute. Er war größer als die meisten Fee, seine Schwingen ausgebreitet und seine Aura verdunkelte alles um ihn herum. Trotzdem grinste er. Sein Lächeln war dämonisch und dunkel. Mein Bauch kribbelte, trotz der Gefahr, die durch ihn ausging. Verdammt, ich hatte ihn vermisst. In diesem Moment sah er in meine Augen und seine Miene erhellte sich. Ein Raubtier, das seine Beute entdeckt hatte. Er leckte über seinen Eckzahn und schritt auf mich zu. Alle Anwesenden blickten ihn voller Schrecken an und wichen so weit aus, wie möglich und schauten trotzdem neugierig, wer ihren Ball unterbrochen hatte. Wie bei einem Unfall, wenn man nicht sehen wollte, was passiert war, seinen Blick aber einfach nicht abwenden konnte.
„Hast du Spaß, Prinzessin?“ Seine tiefe Stimme war ruhig, aber eindringlich und ich spürte, wie mein Widerstand, ihm nicht nahezukommen, langsam schwand.
„Bis du hergekommen bist, hatte ich Spaß.“ Überlegenheit, Kontrolle.
„Tut mir leid, wenn ich euren süßen Ball unterbrochen habe.“ Er säuselte diese Lüge mit einer Arroganz, die mich abstoßen sollte. Er knackte seine Fingerknöchel und kam immer näher, sein Blick glitt abfällig an meinem Tanzpartner hinab und ich wusste genau, was er sich dachte. Der Fee neben mir war schwach und er wusste, dass ich seine Präsenz vorzog. Doch unter keinen Umständen sollte er sich dessen zu sicher sein. Er durfte keine Kontrolle haben.
„Wenn es dir leid tun würde, würdest du das Chaos beseitigen und verschwinden.“ Zischte ich ihn an, versuchte ebenso abfällig zu gucken, doch sein herausfordernder Blick machte mich schwach. Er trug schwarze Lederschuhe und einen langen dunklen Mantel, aber diesmal kein Hemd. Mein Blick blieb an seiner starken Brust hängen. Fuck. Schnell wegschauen.
„Ich dachte, das Weiß wäre zu unschuldig?“ Er hatte meinen Blick genau gesehen und genoss es, zu wissen, dass ich ihn heiß fand. Ich verdrehte die Augen und schaute weg, ich konnte seinem durchdringenden Blick nicht standhalten.
„Und wer ist das da?“ Ein lautes Donnern ertönte und der Fee neben mir schreckte zusammen. Ach ja. Da war ja noch jemand. Bevor ich etwas antworten konnte, löste er sich erneut von mir und verschwand in der Menge. Pff, so viel dazu.
„Sieht so aus, als hätte dein Held dich verlassen. Jetzt bist du ganz allein.“
„Bilde dir bloß nicht ein, dass ich Angst habe.“ Er kam näher und musterte mich quälend langsam, sein Blick glitt über mich und ich konnte nicht anders, als es zu genießen, mich schön zu fühlen und zu wissen, dass er mir ebenso wenig widerstehen wollte.
„Wieso bist du dann hier? Du gehörst in meine Welt.“
„Das entscheide ich allein. Das ist mein Traum.“ Er zuckte kurz, doch dann war seine Selbstsicherheit wieder aufrecht. Hatte ich einen wunden Punkt getroffen? Wusste er, dass ich die Kontrolle hatte? Oder haben sollte? Er durfte nicht hier sein.
„Du hast recht und doch gehörst du in meine Welt, du wirst dich nicht von mir fernhalten können und je eher du es erkennst, desto weniger belügst du dich selbst. Du bist zu neugierig und du weißt, dass du es willst.“ Er stand nun dicht vor mir, seine Worte, ein heißer Hauch an meinem Ohr, ein tiefes Brummen, seine Aura, die mich willenlos machen wollte.
„Nein, ich entscheide das und du kannst mich nicht zwingen!“ Protestierte ich, zaghafter als gewünscht. Mein Atem ging immer noch schnell und mein Kleid kam mir plötzlich zu eng vor. Ich wollte hier raus, bevor meine Zerrissenheit mich noch umbrachte. Ich wusste, was richtig war und ich wollte, was falsch war.
„Ich kann dich nicht zwingen, aber ich kann dich überzeugen.“ Er war nicht laut und trotzdem konnten die Umstehenden uns hören. Dann beugte er sich nach vorne, ich hoffte, er würde mich küssen, mich an sich ziehen, mich einfach mitnehmen, doch er flüsterte nur in mein Ohr.
„Du siehst hinreißend aus, Prinzessin. Ich will dich wieder bei mir haben, dich sehen, dich riechen, dich schmecken. Du gehörst zu mir. Vergiss das nicht.“ Verdammt. Mein Kopf war plötzlich leer und mein Herz pochte so schnell in meiner Brust, dass man es fast sehen konnte und seine eindringlichen Augen blieben an meinen Lippen hängen. Dann beugte er sich zurück, schaute noch einmal nach unten in mein Gesicht und grinste dann schelmisch.
„Schlaf gut, Lynette.“ Er hauchte die Worte mit rauer Stimme und erhob sich dann mit seinen Schwingen über den Ballsaal. Sein Besuch war lediglich eine Erinnerung gewesen. Ich stand immer noch regungslos da und schaute ihm hinterher, wie er durch das Dach aufstieg und im Blitz-durchzogenen Himmel verschwand, sein Lachen noch im Raum hallte. Ich war verloren. War ich anfangs freiwillig bei ihm, so war es nun ein innerer Kampf mit meinem Gewissen, ob es richtig war in seine Welt einzutauchen, ob es mir guttat und ich hatte für einen Moment vergessen, dass mein wirkliches Leben eigentlich auf der Erde war. Tränen stiegen in meine Augen. Das hier war nur ein Traum und trotzdem fühlte es sich an, wie eine Herausforderung, die für mich lebenswichtig war, obwohl das hier alles nur Fantasie sein sollte. Ich schlief doch nur, oder nicht? Die Träume kamen mir immer länger und realistischer vor und ich wollte nicht zurück, ich wollte lieber hier sein und lieber alles draußen vergessen. Die Kriege und den Hass der Menschen. Auch wenn die Verwirrung und Zerrissenheit hier noch größer waren, fühlte ich mich viel lebendiger.
„Lynette! Ist alles okay?“ Farya kam zu mir voller Sorge und ich musste vor Rührung lächeln, sie war gut zu mir und ich hatte sie alle in diese schreckliche Situation gebracht. Nur, weil ich ihn nicht aus meinem Kopf verbannen konnte.
„Es tut mir leid.“ Brachte ich tonlos hervor, während mein Hals sich wie zugeschnürt anfühlte und Tränen in meine Augen aufstiegen. Wie arrogant von mir, zu glauben, ich könnte das hier kontrollieren, offensichtlich hatte er doch zu viel Macht. Ich sollte hier weg, wie ein normaler Mensch in der normalen Welt leben und nicht hier her zurückkommen. Ich würde sonst nur verrückt werden. Ich war schon verrückt. Ich war eine Person, über die ich mich früher noch lustig gemacht hätte, weil sie so komisch ist und an Geister glaubte. Die nicht in der echten Welt lebte, sondern nur in ihren Träumen und nun bin ich zu dieser Person geworden. Wieso ich? Wieso konnte ich das? Das war wirklich bescheuert. Immer mehr Tränen kullerten über meine Wangen und Farya nahm mich in die Arme. Sie war so gütig, obwohl das alles meine Schuld war. Nur, weil ich meine Welt nicht mehr aushielt.
„Bitte bring mich nach Hause.“ Sie nickte mitfühlend und umschloss mich mit ihrem Zauber.
666-Asmodeus
