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In der Autobiografie beschreibt die Autorin ihr Leben in der Kindheit, Jugend und als alleinerziehende Mutter. Es ist die Nachkriegszeit und die Zeit der DDR bis 1989. Sie versucht, nachzuvollziehen, was sie beeinflusste und prägte. Immer wieder wird ihr Lebensweg durch historische, politische und private Veränderungen blockiert und infrage gestellt. Die Familie bricht durch die Teilung Deutschlands nach und nach auseinander. Das Heimatdorf wird abgebaggert, und weitere soziale Bindungen zerstört. In einem mit Mauern und Schießanlagen umgebenen Land gibt es weder Meinungs- noch Reisefreiheit. Bei dem Versuch, eine Auslandsreise zu beantragen, eskaliert die Situation schließlich völlig. Um weiteren Repressalien zu entgehen, bleibt ihr schließlich nur noch die Trennung von ihren Kindern und die Flucht nach Ungarn. Es bleibt die Frage: Wird sich alles noch zum Guten wenden?
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Manchmal zeigt sich der Weg erst, wenn man anfängt ihn zu gehen.
Paul Coelho, brasilianischer Schriftsteller
Vorwort
Kapitel I – Kindheit
Meine Eltern und Großeltern
Politische Situation
Frühe Kindheit
Meine Patentante, Grete
Herr Goerns
Renate und Tante Frieda
Herr Winkler
Mein Bruder und die Stadt
Erster Kontakt mit der Staatssicherheit
Kapitel II – Jugend
Berlin kurz vor dem Mauerbau 1961
13.08.1961: Mauerbau (antifaschistischer Schutzwall)
20.08.1961: Urlaub mit den Eltern im Harz
Sept. 1961: Auf der EOS in der Kreisstadt
1962: Abschied von Herrn Winkler
Ibrahim, der Schreibfreund
1963: Abriss des Heimatdorfes
1965: Julia und die Abschlussfahrt nach Ungarn
1965: Abitur und Bernd
Kapitel III – Studium, Kinder, Arbeit
1965/66: Heirat, Studienabbruch. Franks Geburt, Scheidung
1967/1968: Halle-Neustadt
August 1968: Ungarn, Puszta, Blumenkarneval Debrecen
Puszta
Blumenkarneval
21.08.1968: Sonderzug Ungarn-DDR (über Ukraine/Polen)
Prager Frühling
1968-1972: Halle/Saale, Pädagogikstudium
21. Januar 1971: Tod der Mutter
1971/72: Direktstudium unter erschwerten Bedingungen
1972: Geburt von Sandra und Schuldienst
1975: Missglückte Lehramtsprüfung, Kinderkurheim
1976: Regimekritiker
1977: Umzug und Neuanfang
14. Juli 1979: Tod des Vaters
Fernstudium am Literaturinstitut
1983: Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow
1988: Einladung von der Universität Sokoto/Nigeria
Juni 1989: Honecker-Sprechstunde
Budapest: Juli 1989
12.08.1989: Ferien und allein zu Hause
Brief an den Innenminister
Sonntag, 13. August 1989: 28. Jahrestag des Mauerbaus
Berlin Alexanderplatz
Unter den Linden
Zum Brandenburger Tor
Am Brandenburger Tor
Festnahme und Abtransport
Ganzkörperkontrolle und Strafsitzen mit Beleuchtung
14.08.1989: Das Verhör
Frühstück im Café in Berlin
Zufälliges Treffen
15.08.1989: Verbündete
16.08-20.08.1989: Rummelplatz Hoppegarten Hönow
Ein typischer Arbeitstag auf dem Rummel
Abschied vom Waffelbacken
Freitag, 25.08.1989: Vorbereitung auf das Schuljahr 89/90
In der Schule
Ankunft zu Hause
Kapitel IV - Flucht
Freitag, 25.08.1989: 22.00 Uhr Berlin-Dresden
Vorbereitung auf mögliche Fragen der Grenzkontrolle
Samstag, 26. August, 6.00 Uhr: Von Geising nach Zinnwald
Zinnwald, Grenzübergang
Auf tschechischem Boden
Von Teplice nach Bratislava
Sonntag, 27.08.1989: Im Wald von Bratislava
Slowakisches Grenzgebiet, Samorin
Komarno
Bekanntschaft mit zwei Männern aus der DDR
Sonntag, 27.08.1989, 15.00 Uhr: Komarno - Nove Zamky
Sturovo
Tupá
Montag, 28.08.1989: Am Fluss Ipel
Sahy-Homok
Grenzdurchbruch von Homok ins Börzsöny-Gebirge
Dienstag, 29.08.1989: Mitten im Börszöny-Gebirge
Das Forsthaus
Die Ackerinsel
Unterwegs nach Szentendre
Szentendre
Mittwoch, 30.08.1989: In den Budaer Bergen
Nach Zalaegerszeg
Bei Julia in Zalagerszeg
Hinter Lukacshaza: 1. Fluchtversuch nach Österreich
Donnerstag, 31.08.1989: Polizeirevier Szombathely
Zweiter Fluchtversuch nach Österreich
Freitag, 01.09.1989: Erneut Polizeirevier Szombathely
Per Anhalter nach Fonyod
01. und 02.09.1989: Botschaft der BRD in Budapest
03. September 1989: Vorläufige Pässe von der Botschaft
03.09. bis 11.09.1989: Pionierlager Zanka
Montag, 4.10.1989: Neuigkeiten in Zanka
Sonntag, 10.09.1989: Erklärung des Außenministers Horn
Dienstag, 12.10.1989: Auflösung des Flüchtlingslagers
Nachwort: Wie es weiterging
Danke
Quellen und Literatur
Das Leben ist eine Entwicklungsgeschichte und beginnt mit der Kindheit. Was prägt uns? Welche Lebensziele haben wir? Können wir uns verwirklichen? Haben wir die Möglichkeiten und die Kraft, Hindernisse aus dem Weg zu räumen? Lernen wir, Lüge und Wahrheit zu unterscheiden, oder lassen wir uns täuschen und in die Irre führen?
Ein Leben lang werden wir von Menschen und Situationen zum Nachdenken angeregt und bekommen hoffentlich die Chance, der Mensch zu werden, der wir immer sein wollten.
Der autobiografische Roman erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Er ist die Lebensgeschichte einer Frau und ihr Zeitzeugnis von 40 Jahren DDR.
Die genannten Persönlichkeiten sowie die Ereignisse sind echt; der Dialog ist teilweise erfunden.
Meine Eltern hatten ein sehr schweres Leben, das ich aus Erzählungen kenne und zum Teil selbst miterlebt habe. Sie kamen beide aus armen Verhältnissen.
Der Großvater väterlicherseits war im 1.Weltkrieg gefallen und hinterließ eine Witwe mit 6 Kindern. Mein Vater war der Jüngste. Die Großmutter starb während des 2. Weltkrieges als mein Vater in Gefangenschaft kam.
Ich habe nur die Großeltern mütterlicherseits kennengelernt.
Dieser Großvater kam mit einem Holzbein aus dem 1. Weltkrieg zurück und lernte meine Großmutter im Lazarett kennen, wo sie einfache Hilfsdienste verrichtete. Meine Mutter war die Älteste von 5 Geschwistern. 1938 heiratete sie bereits mit 17 Jahren meinen Vater, der 5 Jahre älter war. Mein Bruder wurde ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren. Der Vater musste 1939 in den Krieg ziehen und die junge Familie wurde für die nächsten 7 Jahre getrennt. Die Mutter musste nicht nur ihr eigenes Kind versorgen, sondern auch ihre vier Geschwister, da ihre Mutter zeitlebens krank war. Mein Vater wurde im Krieg an der Ostfront schwer verwundet. Granatsplitter hatten sich in seinen Körper gebohrt. Er kam nach Hameln in ein Lazarett und wurde danach mit einer Beinverkürzung an die Westfront abkommandiert. 1944 erhielt die Mutter eine Vermisstenmeldung. Es stellte sich heraus, dass der Vater in der Normandie bei den Amerikanern in Gefangenschaft geraten war und sich in einem Kriegsgefangenenlager in Boston befand. Im August 1946 kam er glücklicherweise wieder nach Hause. Das gab mir die Chance, geboren zu werden. Er war vom Krieg gezeichnet und hatte lebenslang Schmerzen. Viele Verwandte und Freunde waren im Krieg gefallen oder in den Bombennächten umgekommen. Die Eltern sprachen wenig darüber, sie wollten nicht zurückschauen. Als ich geboren wurde, hatte ich bereits einen 9 Jahre alten Bruder. Die Mutter war 26 und der Vater 31 Jahre alt. Sie waren noch jung genug, um das Beste aus ihrem Leben zumachen.
Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland wurde das Land von den Alliierten in vier Besatzungszonen aufgeteilt.
Ich wurde in Königsaue, einem Dorf in der sowjetisch besetzten Zone geboren. Das Dorf existiert heute nicht mehr. Es wurde in den 1960-iger Jahren wegen der Braunkohle abgebaggert. Ich war 2 Jahre alt, als die westlichen Alliierten am 23.05.1949 die Bundesrepublik Deutschlands gründeten, mit dem anfangs provisorischen Regierungssitz in Bonn und Konrad Adenauer als 1. Präsident.
In der sowjetisch besetzten Zone kam es am 7. Oktober 1949 zur Gründung der DDR, was die Teilung Deutschlands bedeutete. Der erste und einzige Präsident der DDR war Wilhelm Pieck.
Als kleines Kind wusste ich natürlich nichts von alledem. Ich wuchs in einem Landesteil auf, der sich mit der Zeit immer mehr von der Welt abschottete.
Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Kindheit. Sie spielen sich in einer grünen Landschaft ab, mit einem weiten blauen Himmel, Obstbäumen, Abraumhalden und vielen Spielkameraden. Ich war ein glückliches Kind.
1950, als ich drei Jahre alt war, bekamen die Eltern eine kleine Neubauwohnung in einem extra für Bergarbeiter erbautem 15-Familien-Haus am Ende des Dorfes. Ich erinnere mich noch an den Umzug. Wir fuhren mit Bauer Wahles Pferdewagen die lange Ascherslebener Straße hinunter und der Hänger hinter uns war mit Möbeln beladen. Ich saß mit dem Vater auf dem Kutschbock und schaute auf die zwei breiten Pferderücken hinab. Meine Eltern waren überglücklich, endlich eine beheizbare Wohnung zu bekommen. Ich musste dann auch nicht mehr mit Handschuhen und Mütze in einem unbeheizbaren Raum schlafen. Wer auf dem Schacht arbeitete, bekam ein Deputat an Briketts und ein paar Liter Schachtschnaps, den sie aber immer meinem Opa Holzbein überließen.
Wir lebten in dem großen Schachthaus mit den Nachbarn fast wie in einer Kommune zusammen. Es gab drei Eingänge für jeweils fünf Familien. Man musste sich nach einer Hausordnung richten und sich mit den Nachbarn absprechen. Hausflur, Keller, Dachboden und Hof mussten sauber gehalten werden. Dafür wurde immer ein Schlüssel weitergegeben. Wenn man das Waschhaus benutzen wollte, musste man sich in einen Plan eintragen.
Alles war nur auf die notwendigsten Bedürfnisse jener Zeit beschränkt und von modernem Wohnen konnte nicht die Rede sein. Es gab weder ein Bad noch eine Toilette in der Wohnung, lediglich im Flur befand sich ein Wasserhahn.
Da es in allen Wohnungen kein Bad gab, wurde das Waschhaus samstags zum Kinderbaden genutzt. Wenn man zu groß war für die kleine Zinkbadewanne, konnte man auch zum Schacht gehen und in den Waschkauen der Bergarbeiter für 50 Pfennige eine Badewanne benutzen. Allerdings konnte man nicht so lange darin sitzen bleiben, wie man wollte, denn es warteten meist schon weitere Dorfbewohner, die sich auch den Luxus eines Bades gönnen wollten.
Zu den Toiletten, den sogenannten Plumpsklos, musste man über den Hof gehen zu einem kleineren Gebäude, zu dem noch das Waschhaus, die Stallungen und der Heuboden gehörten. Jeder Hauseingang besaß solch ein Gebäude. Dahinter befanden sich noch Ställe, um Hühner, Kaninchen und sonstige Haustiere zu halten. Die Eltern hatten anfangs auch eine Ziege.
Als ich zur Schule kam, begann meine Mutter im Schacht zu arbeiten und bekam monatlich einen Haushaltstag. Den brauchte sie, um Wäsche zu waschen. Schon am Vorabend weichte sie alles in Wannen und Behältern ein. Die Arbeitssachen waren immer besonders schmutzig vom Kohlenstaub. Alles wurde zuerst vorgewaschen, bevor es in den großen mit Waschlauge gefüllten Waschkessel kam, unter dem sich ein Kohleofen befand, der immer nachgefüllt werden musste. Die Wäsche im Kessel wurde langsam erhitzt und mit einer hölzernen Drehspindel hin und her bewegt. Die Mutter nahm dann Stück für Stück aus dem Kessel, legte es in eine Holzwanne und bearbeitete es dort mit Bürste und Waschbrett weiter. Wäschewaschen fand ich schrecklich. Meine Mutter konnte mich nicht dazu bringen, das Waschen von Taschentüchern am Waschbrett zu übernehmen. Sie zwang mich nie, etwas zu tun, was mir widerstrebte.
Auf dem großen Hof wurde sommers wie winters zwischen Waschhaus und Wohnhaus Wäsche aufgehängt. Wäschestützen aus Holz wurden unter die Leinen gestellt, damit die Wäsche hoch im Wind flattern und schneller trocknen konnte.
Im Winter war es manchmal gruselig, wenn sich die steif gefrorenen Hosen und Jacken auf und ab bewegten und im Wind klirrten. Wäschestützen standen das ganze Jahr über auf dem Hof. Als ich Fahrradfahren lernte, war ich einmal gegen eine Wäschestütze gefahren, umgekippt und hatte mir das Knie aufgeschlagen. Wäschestützen waren aber sehr gut geeignet zum Stelzenbau und es machte später viel Spaß, damit auf dem Hof herumzulaufen.
Unsere Wohnung war etwa 50 qm groß und hatte zwei Schlafzimmer und eine Wohnküche. Ich teilte mit meinem großen Bruder zuerst einen Raum, aber als er mit 15 Jahren schon in die Lehre ging und nur am Wochenende nach Hause kam, hatte ich das Zimmer für mich allein.
Wir besaßen nicht viel, ein Bett für jeden, einen gemeinsamen Kleiderschrank, einen Tisch, 4 Stühle und einen Kochherd mit herausnehmbaren Eisenringen. Mein Bruder hatte mir einmal gezeigt, wie man Kartoffelschale auf dem Ofen zum Kreiseln bringt. Er schälte die Schale von einer Kartoffel so ab, dass sie aussah wie eine Spirale, heftete diese auf den oberen Teil eines Holzspießes und steckte den unteren Teil in die Kartoffel, die er dann auf die heiße Ofenplatte legte. Es sah sehr schön aus, als die Kartoffelspirale sich um den Spieß drehte. Allerdings kam plötzlich der Vater ins Zimmer und das Spiel war zu Ende. Er schrie meinen Bruder an und gab ihm eine Ohrfeige. „Musst du so einen Unfug zeigen!“ Später zeigte ich anderen Spielkameraden heimlich den Trick. Zwischen meinem Bruder und dem Vater gab es oft Auseinandersetzungen. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie zu lange durch den Krieg voneinander getrennt waren und mein Bruder mich als Konkurrenz ansah.
Es gab nur wenige Dinge, die ich mit ihm zusammen spielte. Meistens trickste er mich aus oder machte sich über mich lustig: „Wetten, dass du das nicht nachsprechen kannst? Sag mal ganz schnell: Hirsch heiß ich.“ Dann lachte er mich aus: „Du bist vielleicht ein Schwein!“ Wenn er meinen Pudding essen wollte, lenkte er mich ab: „Guck mal da, auf dem Dach ist ein großer Vogel.“ Ich fiel meistens darauf rein und hatte das Nachsehen. Er war in der Pubertät und wollte immer nur mit seinen gleichaltrigen Freunden herumstromern. Die kleine Schwester war ihm lästig. Ich kann mich nicht erinnern, dass er auch nur ein einziges Mal auf mich aufgepasst hätte.
Die Eltern arbeiteten vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Nach der Frühschicht im Schacht und einem einfachen Mittag essen zu Hause gingen sie meist in den Schrebergarten oder zu einem gepachteten Ackerstück, wo sie Obst und Gemüse oder Kartoffeln anbauten. Sie versorgten die Hühner, die Kaninchen und die Ziege. Die zusätzliche Selbstversorgung war notwendig, denn das, was man von den Lebensmittelkarten bekam, reichte zum Leben nicht aus. Man brauchte Tauschware oder zusätzliches Geld, um besondere Dinge zu beschaffen, wie z.B. Butter oder Honig. Die Lebensmittelkarten wurden in der DDR erst 1958 abgeschafft, als ich 11 Jahre alt war. In Westdeutschland passierte das schon 1950, was auf den Marshallplan zurückging. Während die Sowjetunion auf die Reparationszahlungen als Kriegsentschädigung bestand und Betriebe und Eisenbahnschienen abtransportierte, unterstützten die USA mit Krediten und Hilfslieferungen die westlichen Nachkriegsländer. In der DDR setzte man zur Verbesserung der Lebensbedingungen auf höhere Arbeitsleistungen nach sowjetischem Vorbild. Adolf Hennecke rief dazu eine Bewegung ins Leben, die vor allem die Erhöhung der Leistungen im Bergbau betraf. Die arbeitende Bevölkerung war natürlich nicht begeistert von der Forderung nach höheren Leistungen bei weiterhin schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen. 1953 kam es im ganzen Land zum Volksaufstand, der allerdings schnell durch den Einsatz sowjetischer Panzer und Polizeieinheiten niedergeschlagen wurde. Auch im Königsauer Schacht hatte es Unruhen gegeben. Als Kind habe ich davon nichts bemerkt, nur dass nach und nach immer mehr Klassenkameraden fehlten.
Neben seiner Arbeit im Schacht flocht der Vater noch Weidenkörbe für die Bauern, arbeitete als Handlanger beim Dachdecker und ging auf Hamsterfang. Die Hamster- und Kaninchenfelle gab ich oft bei Herrn Sonntag im Dorf ab und bekam dafür ein paar Pfennige, manchmal sogar eine Mark, die ich zu Hause abgab. Die Mutter verdiente ebenfalls hinzu, indem sie Kleider für andere Leute nähte oder als Waschfrau arbeitete. Trotz der vielen Arbeit waren die Eltern immer gut gelaunt, denn Arbeit bedeutete für sie auch Ausgleich und Erholung. Sie hatten Freude, wenn im Garten alles gut gedieh. Die Mutter liebte Blumen über alles. Deshalb blühten im Vorgarten auch Astern, Dahlien und tränende Herzen.
In der Erntezeit saß die Mutter oft mit anderen Nachbarsfrauen zusammen auf dem großen Hof. Sie schnippelten selbst angebaute Bohnen oder Mohrrüben, zerteilten Äpfel oder entkernten Kirschen, je nachdem, was gerade verarbeitet werden musste. Sie erzählten dabei und manchmal sangen sie auch Lieder: „Am Brunnen vor dem Tore“, oder „Im schönsten Wiesengrunde“. Die Mutter war eine sehr gute Hausfrau, kochte, backte, legte Gurken ein, stellte Sauerkraut her und setzte Ballons für Johannisbeerwein im Keller an.
Das tägliche Leben verlief für meine Eltern nach einem strengen Ablaufplan, der allerdings für mich viel Freiraum ließ. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich immer lernte und meine Hausaufgaben machte. Ich wurde nur wenig in die Hausarbeit einbezogen. Lediglich beim Einkaufen durfte ich nützlich werden. Ich bekam eine Einkaufsliste und die Lebensmittelkarten. Dann schickte mich die Mutter, meistens am Samstag mit dem Fahrrad los, das mein Vater aus alten Teilen zusammengebaut hatte.
Ich kannte mich überall im Dorf aus und auch die Dorfbewohner kannten mich. Ich liebte es, einzukaufen, holte Milch bei Frau Breiche, Wurst und Fleisch bei Metzger Kinne, Muckefuck, Mehl und Margarine bei Kaufmann Bremer und Brot von Bäcker Brachvogel oder Rust.
Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, weiß ich, wie es ist, eine Heimat zu haben. Jeder kennt dich und du kennst jeden. Noch heute habe ich den Dorfplan im Kopf und weiß, wie die meisten Leute hießen und wo sie wohnten. Im Dorf wurden Feste organisiert und man feierte zusammen. In Königsaue gab es das jährliche Bergmannsfest, mit Umzug, Tanz und Kinderspielen, wie Sackhüpfen, Eierlauf und Maibaumklettern. Einmal ging ich als Zehnjährige sogar auf die Bühne und sang „Chico Charlie“. Die Dorfbewohner applaudierten und meinten, ich würde bestimmt einmal Schlagersängerinwerden. Ich sang gerne und war auch im Schulchor. Meine Eltern kauften mir eine Mandoline und ich spielte bald in einer Mandolinengruppe des Dorfes mit, bei Herrn Kersten. Aber ich war nicht wirklich daran interessiert, ein Star zu werden, und das Notenlesen fand ich viel zu anstrengend. Am beeindruckendsten war die 200-Jahrfeier 1953. Alle waren stolz auf unser Dorf, das vom Preußenkönig Friedrich II., dem Alten Fritz, gegründet worden war. Die Einwohner machten ein richtiges Spektakel daraus, verkleideten sich als Kossaten und Bauern, so wie ihre Vorfahren damals aussahen, fuhren mit Pfälzer Planwagen durch den Ort und tanzten in Trachten durch die Dorfstraßen. Das Fest dauerte ein paar Tage lang und es gab wohl keinen, der sich nicht beteiligt hatte. Sogar eine Märchenerzählerin war für die Kinder organisiert worden, was mir ganz besonders gefiel.
Urlaubsfahrten konnten sich die Eltern nicht leisten. Zu jener Zeit gab es nur 14 Tage Urlaub im Jahr. Ich verbrachte die Sommerferien gewöhnlich in den Kinderferienlagern, im Harz, in Thüringen, an der Müritz oder an der Ostsee, manchmal auch bei Tante Ella in Ballenstedt, wo es zwei jüngere Cousins gab.
Ich erinnere mich, dass ich einmal mit den Eltern im Zug nach Magdeburg fuhr, zu Onkel Ernst und Tante Anni. Sie wohnten in der Ostrowskistraße 89. Ich muss etwa 4 Jahre alt gewesen sein. Anni war eine Cousine meiner Mutter. Im Zug von Aschersleben nach Magdeburg mussten wir den Regenschirm aufspannen, weil das Waggondach undicht war und es entsetzlich hineinregnete. Tante Anni hatte mir einen winzigen kleinen Puppenwagen mit einer Puppe geschenkt, den ich an einem Band hinter mir herzog. Auf den holprigen Fußwegen fiel der Wagen mit der kleinen Puppe öfter um und die Erwachsenen warteten geduldig, bis ich alles wieder eingesammelt hatte. Irgendwann nahm mich mein Vater auf den Arm und sagte: „Guck mal dort oben!“ Magdeburg war eine der am meisten durch den Krieg zerstörten Städte, im Vergleich noch schlimmer als Dresden, Köln oder Berlin und es dauerte einige Jahre, bis alles wieder aufgebaut war. Da sah ich zum ersten Mal eine Ruine aus dem Krieg, ein großes zerbombtes Haus. Die Giebelseite war aufgerissen und ich konnte in ein verrußtes Zimmer schauen, in dem noch ein einzelner Tischstand. Ich habe das Bild in Erinnerung behalten.
Manchmal erzählte mir meine Mutter eine Gute-Nacht-Geschichte oder sang mir ein Lied vor. Ich hörte gern, das Lied „Schlaf ein, schlaf ein, meinKindelein“. Sie sang es sehr einfühlsam. Erst viel später verstand ich, warum es mir so naheging und was dieses Lied wirklich für sie bedeutet haben musste.
„Wenn andere Mädchen zum Balle gehen und springen,
dann muss ich an der Wiege stehen und singen:
Schlaf ein. Schlaf ein, mein Kindelein,
wo mag denn nur dein Vater sein?
Da weinte das Mädel so sehr.“
Mein Bruder hatte mir einmal erzählt, dass ihm unsere Mutter dieses Lied auch oft vorgesungen hatte während des Krieges, als er noch klein war.
Wenn ich während der Nachtschicht der Eltern allein in der Wohnung war, bekam ich manchmal Angst. Es konnte vorkommen, dass sich das Blumenmuster der Gardinen in schreckliche Gespenster verwandelte und ich mich unter der Bettdecke verkriechen musste. Manchmal blitzten die Köpfe der Gespenster grell auf und sprangen dann kreuz und quer über alle vier Wände. Das bedeutete eigentlich, dass der Vater mit der E-Lok vorbeifuhr. Er hatte es mir erklärt und gesagt, dass ich deswegen keine Angst zu haben brauchte, aber die hatte ich trotzdem.
Als ich der Mutter einmal von den Gespenstern in der Gardine erzählte, ging sie mit mir in das große Landwarenhaus in der Breiten Straße, dem Gebäude, wo sich früher die Gastwirtschaft Löffler befand. Man konnte dort inzwischen eine ganze Menge Sachen kaufen, denn Königsaue hatte sich zu einem zentralen Ort entwickelt.
Meine bescheidene Mutter erklärte der Verkäuferin, dass sie Gardinen fürs Schlafzimmer kaufen wolle. Die Antwort der Verkäuferin klingt mir noch heute in den Ohren: „Die Gardinen sollten zur Bettumrandung passen. Welche Farbe hat denn ihre Bettumrandung?“ Wir hatten keine Bettumrandung, erstens war das für unsere Verhältnisse ein Luxusartikel und zweitens war das Schlafzimmer so klein, dass nicht einmal eine Bettumrandung hineingepasst hätte. Sogar die Nachtschränke mussten auf dem Kleiderschrank stehen. Meine Mutter tat mir so leid. Was sie geantwortet hatte, weiß ich nicht mehr. Sie kaufte dann einen hellgrünen Stoff und nähte die Gardinen zu Hause.
Obwohl ich wie ein Einzelkind aufwuchs, fühlte ich mich nie allein. Ich hatte keine Probleme, Freundschaften zu knüpfen und meine Spielkameraden waren Jungen und Mädchen. Wir spielten Fußball, bauten Buden aus Kartoffelkraut oder kletterten auf Bäume; spielten mit Puppen oder Murmeln oder machten Kreisspiele, spielten Vater-Mutter-Kind oder Verstecken und Suchen. Ich hatte nie Langeweile. Es gab auch immer etwas Interessantes zu entdecken. Man traf Kinder überall, wenn man auf den Hof ging oder auf die Straße. Kurz vor Ostern sammelte ich zusammen mit anderen Kindern Brennmaterial für das Osterfeuer auf dem Osterberg. Wir zogen mit einem Handwagen durchs Dorf und klingelten bei den Bauern. Über jeden alten Reifen, den wir ergattern konnten, freuten wir uns. Gummireifen würden tüchtig brennen.
Im Mai zogen wir mit Wassereimern los und schüttelten Maikäfer von den Ahornbäumen in der Ascherslebener Straße. Wir fütterten damit die Hühner, die sich gierig darüber herstürzten. Angeblich legten sie davon mehr Eier. Im Winter waren wir meist mit Schlitten oder Skiern unterwegs. Der Mühlberg war der beste Ort für Abwärtsfahrten. Im Herbst konnte man gut Kastanien sammeln und Tiere daraus basteln. Ich besuchte keinen Kindergarten und später auch keinen Schulhort. Vielleicht hatte ich großes Glück, dass in jenen Jahren noch nicht alles so gut organisiert war.
Ich glaube, zeitweise war das ganze Dorf mein Zuhause. Ich hatte viele Schulfreundinnen, die mich nach dem Unterricht mit zu sich nach Hause nahmen. Eigentlich wollten meine Eltern, dass ich immer sofort nach der Schule nach Hause ging und die Hausaufgaben machte. Das geschah aber so gut wie nie. Die Freundinnen hatten meist eine Mutter oder Großmutter, die zu Hause war und ich durfte nach dem Unterricht bei ihnen mitessen: Himmel und Erde, Pflaumenknödel, Schwarzsauer oder Kohlrübensuppe. Beim anschließenden Spielen vergaß ich regelmäßig die Zeit, um pünktlich nach Hause zu gehen. Wenn die Eltern dann gegen 14.30 Uhr aus der Frühschicht kamen, blieb ihnen oft nichts weiter übrig, als mich im ganzen Dorf zu suchen. Ich konnte sonst wo sein, bei Maria im Pfarrhaus, bei Gudrun im Gasthaus zum Goldenen Stern, bei Helga im Haus des Bürgermeisters, bei Ingrid, deren Vater Lehrer und der Großvater Bildermaler waren oder bei Erika auf dem Neubauerngehöft. Die Eltern mussten viel mit mir schimpfen, aber das Drama wiederholte sich trotzdem immer wieder. Meine Hausaufgaben aber machte ich stets und bösartige Einträge ins Tagebuch gab es nie.
Wenn ich mit den Nachbarskindern spielte, deren Eltern ebenfalls in Schichten arbeiteten, nahm das oft kein gutes Ende. Wir waren eine kleine eingeschworene Gruppe von 7 Kindern: Richard, Ute, Eckhard, Rainer, Bernd, Raimund und ich. Ohne Kontrolle machten wir in unserer Naivität viel Unsinn. Einmal spielten wir Verstecken im Kornfeld und trampelten dabei das ganze Getreide zu Kornkreisen nieder. Ein Sturm hätte es nicht so schlimm anrichten können. Die Eltern mussten danach Wiedergutmachung an den geschädigten Bauern zahlen.
Ein anderes Mal spielten wir Indianer und machten ein kleines Lagerfeuer. Der Wind trug einen Funken davon in den großen Strohdiemen. Er brannte lichterloh und die Feuerwehr musste den Brand löschen. Auch das mussten die Eltern wieder gut machen.
Wir entwendeten heimlich die Regenschirme unserer Mütter und spielten auf den Absätzen der Kohlegrube Fallschirmspringen. Der Wind fuhr darunter und zerbrach die Stäbe. Unsere Mütter hatten den Schaden davon.
Als Anstifter für jeden Unsinn galt Richard. Er war der Älteste, der uns auch das Rauchen mit Lungenzug beibrachte. Vom Kiosk hatte er Muck-Zigaretten besorgt, angeblich für seinen Vater. Er erklärte uns, wie man es richtig macht: kräftig an der Zigarette ziehen, wie beim Einatmen, dann den Rauch hinunterschlucken und ihn wieder durch die Nase ausatmen. Lauter Rauchkringel würde es dann geben. Dass einem davon übel wurde, war nicht beabsichtigt gewesen.
Von da an verboten uns die Eltern, mit Richard zu spielen. Er kam später in den Jugendwerkhof, weil er schwer erziehbar war, aber eigentlich war er immer ein guter Spielkamerad gewesen mit tollen Ideen. Leider verlor er schon als Kind seinen Vater, der in einem Absatzbagger in die Tiefe gestürzt war. Nie werde ich diese Kinderjahre vergessen und noch heute tut mir leid, was Richard passierte.
Aber so wie das Leben war und wie es sich entwickelte, war es für mich normal. Meine Kindheit war eine abenteuerliche Zeit, ohne Kontrolle und Einschränkungen.
Aber musste nicht später ein Konflikt daraus werden, wenn der Gegensatz von Freiheitsgefühl und eingesperrt sein, bewusst wird?
Ich habe noch in Erinnerung, wie ich einmal ganz allein mit dem Puppenwagen über die Landstraße fuhr, um Tante Grete und die Urgroßmutter zu besuchen. Ich war gerade 3 Jahre alt. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien, aber meine Eltern schliefen noch fest. Ich schaute mir zuerst das Bilderbuch an, das ich auswendig kannte und wo Katrinchen die Großmutter besucht: „Bei Milch und Kuchen kann man scherzen“ hieß es da. Das fand ich schön. Ich zog mich an und fuhr mit dem Puppenwagen los. Den Weg nach Winningen über die 3 km lange Landstraße kannte ich, denn der Vater hatte mich oft auf die Schultern genommen, wenn wir dorthin spazierten. Die Babypuppe im Puppenwagen hatte mir Tante Grete geschenkt. Unterwegs pflückte ich noch in einem Kornfeld einen Blumenstrauß. Im Bilderbuch war das genauso gewesen. Seltsamerweise begegnete ich niemandem. Es muss wohl sehr früh am Morgen gewesen sein.
Wohlbehalten kam ich bei Tante Grete und der Urgroßmutter an, aber hocherfreut waren beide nicht und es gab auch nicht Milch und Kuchen. Tante Grete war sehr aufgeregt, borgte sich ein Fahrradkörbchen, setzte mich hinein, schnallte den Puppenwagen auf den Rücksitz und fuhr mich sofort zurück nach Hause. Die Eltern waren fassungslos, doch überglücklich. Sie hatten mich schon vermisst und überall im Dorf nach mir gesucht. Aber niemand hatte mich gesehen, was eigentlich kein Wunder war.
Die Spaziergänge zu Tante Grete fielen bald für immer weg, denn einen Weg in den Westen gab es nicht.
In den Fünfzigerjahren war sie mit ihren erwachsenen Kindern Liselotte und Werner in den Westen gegangen.
Auf meinem weiteren Lebensweg konnte sie mich nicht mehr begleiten.
Das Paradies des Kindes wurde nach und nach zerstört. Ich sehe mich noch zusammen mit den Klassenkameraden der 1. Klasse vor dem Schulhaus stehen. Die Osterferien waren vorbei. Wir freuten uns, unseren Lehrer wiederzusehen, den wir abgöttisch liebten. Die meisten Kinder wurden von ihren Müttern zur Schule gebracht, sie hielten sich an den Händen. Es hatte längst zum Unterricht geklingelt. Unser Lehrer aber kam nicht. Ob er wohl krank war? Hoffentlich war ihm nichts passiert. Er kam immer aus dem Nachbarort mit dem Fahrrad. Meist hatte er mich auf dem Rücksitz mitgenommen zur Schule, weil er sowieso an unserem Haus vorbeikam und ich den längsten Schulweg aus der Klasse hatte. Meine Mutter hatte sich an diesem Morgen schon gewundert. Heute hatte sie ihn nicht gesehen. Dann hatte sie mich zur Schule gebracht. Jetzt erfuhren wir es. Wir weinten, bis uns die Augen wehtaten, alle weinten, die Kinder und die Mütter. Wir konnten es nicht glauben. Unser über alles geliebter Herr Goerns war abgehauen. Er würde nie wieder kommen. Warum hatte er das nur getan? Hatte er denn gar nicht an uns Kinder gedacht? Wie konnte er so einfach weggehen? Wir hatten ihn doch alle so lieb.
Eines Tages war auch die Schulbank in der Reihe vor mir leer. Der ruhige, kluge Martin, meine erste heimliche große Liebe, Martin, der seinen einzigen Kaugummi aus dem Westen mit mir geteilt hatte und der noch nicht gewusst hatte, dass ich ihn einmal heiraten wollte, war eines Tages mit seinen Eltern in den Westen verschwunden. Ein altes Schulbild zeigt, dass es ihn wirklich gegeben hat. Von meinen kindlichen Träumen hat er nichts mehr erfahren. Sicherlich hat er mich irgendwann vergessen. Er wird nie erfahren haben, dass er oder auch seine Eltern mir sehr weh getan haben.
Da waren auch noch Volker, Bodo und Bärbel und viele andere, deren Namen ich inzwischen vergessen habe, die plötzlich nicht mehr da waren.
Dennoch, nicht alles war für mich nur eine Aneinanderreihung trauriger Erlebnisse. Kinder schaffen sich ihre eigene Fantasiewelt, spielen und lachen bekanntlich auch in Kriegszeiten oder in Konzentrationslagern. Viele meiner ehemaligen Landsleute würden jetzt einwenden: Das kann man nicht vergleichen und so schlimm war es auch nicht in der DDR. Sie hätten viele schöne Erlebnisse als Pioniere gehabt und würden diese niemals vergessen wollen. Es waren für sie Stunden der Gemeinsamkeit mit ihren Klassenkameraden und Freunden. Ich weiß, ich kenne diese Stunden auch. Aber viele dieser Veranstaltungen mochte ich nicht. Es waren nicht meine Spiele, die dort gespielt wurden. Ich jedenfalls hatte keine Lust nach Regeln zu spielen, die von den Pionierleitern oder Lehrern aufgestellt und auch noch kontrolliert wurden.
Eine dieser ungeliebten Veranstaltungen war das RäuberundGendarm-Spiel. Den ganzen Nachmittag musste ich hinter einem Busch versteckt stillsitzen, bis mich endlich jemand gefunden hatte. Ich war sehr wütend. Am liebsten wäre ich einfach nach Hause gegangen. Am Ende konnte ich mich auch nicht freuen, dass ich zu den wenigen gehörte, die man nicht gefunden hatte. Ich wollte etwas anderes spielen, etwas, was mir Spaß machte, nicht das, was ich sollte.
Ich hatte eine gleichaltrige Cousine, Renate. Ihre Mutter war die ältere Schwester meines Vaters, deren erster Mann im Krieg gefallen war. Sie heiratete ein zweites Mal. Aus erster Ehe brachte sie zwei Töchter mit und der neue Mann einen Sohn. Heute nennt man das Patchwork-Familie. Renate hatte also drei verschiedene Halbgeschwister. Meine letzte Erinnerung an sie war mein 10. Geburtstag, der letzte Kindergeburtstag, an dem sie dabei war.
Aus Platzgründen sollten wir beide zusammen in einem Bett schlafen. Das war sehr schön für uns. Was da eigentlich in den Büchern unter der Bettdecke so zum Lachen gewesen war, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es auch nur die Freude über das verbotene Spiel mit der Taschenlampe, aber lachen kann man nur mit jemandem, den man mag und versteht. Ich weiß noch, dass wir uns auch Lieder vorgesungen haben. Ihr Lieblingslied war: „Weiße Boote“. Sie sang den Refrain: „Weia candios“ (Vaya con Dios) so laut, vielleicht auch so schrecklich, dass unsere Eltern ins Zimmer kamen und uns zur Ruhe ermahnten. Sonst müssten sie uns trennen. Das wollten wir dann aber doch nicht.
Als Kinder waren wir füreinander wichtig. Heute führt jeder sein Leben. Nichts lässt sich nach so langer Zeit einfach fortsetzen. Noch heute habe ich Ansichtskarten von ihr aus dem Ferienlager. Sie weiß nicht einmal selbst mehr, dass sie einmal dort war, in Schöllerhau. „Wie geht es dir? Mir geht es gut. Deine Renate.“ Sie wohnt seit 1958 in München und hat, soviel ich weiß, ihre Heimat bis jetzt nie wieder besucht.
Heute, nach all den Jahren weiß ich, dass der alte vornehme Herr Winkler zu den Menschen gehörte, der mich in meiner Kindheit wie kein anderer tief beeindruckte. Aber dass er den Grundstein für meine weitere Entwicklung und meine Lebenseinstellung legen würde, konnte er nicht voraussehen. Anfangs wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Die Dorfbewohner hatten Vorurteile gegen ihn. Keiner im Dorf wusste etwas über seine Vergangenheit. Er war nach dem Krieg zugezogen. Zu jener Zeit saßen die alten Leute im Sommer oft auf Stühlen oder Bänken vor ihren Häusern und unterhielten sich miteinander. Der alte Herr Winkler tat das nie. War er sich etwa zu fein? Vielleicht. Auf jedem Fall hob er sich von den anderen Dorfbewohnern ab. Die heimischen Männer liefen in Arbeitssachen, Manchesterhosen mit Hosenträgern und karierten Hemden umher. Herr Winkler trug immer ein einfarbiges Hemd mit einer Weste und einem dazu passenden Binder.
Er schien überhaupt nicht zum Dorf zu passen. Er wirkte wie ein Professor. Sie machten sich über ihn lustig. Es war in der Zeit, als Walter Ulbricht schon in den Startlöchern stand, um Wilhelm Pieck abzulösen. Man erzählte sich, Winkler habe jemanden verklagt, der ihn als Spitzbart beschimpft hatte. Tatsächlich hatte er auch solch einen Bart wie Walter Ulbricht. Manche meinten, er habe auch solche kleinen listigen Augen.
Sobald er sich mit seinem Stock einer Gruppe Erzählender näherte, schwiegen alle und Winkler ging wie ein eiskalter Schauer an ihnen vorbei.
