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»Der Vogelnarr« erzählt die Lebensgeschichte von Joseph Wolf, einem Bauernjungen, der als Mathias Wolf in einem der kleinsten Dörfer des Maifeldes, in Mörz, geboren wurde. Der talentierte Junge sollte als Erstgeborener den Hof übernehmen. Was ihn von klein auf aber wirklich interessierte, waren die wilden Tiere seiner Umgebung. Wann immer er Zeit fand, beobachtete und zeichnete er sie. Oft gab es deshalb Auseinandersetzungen mit dem Vater. Statt die Feldarbeiten zu erledigen, malte er lieber die Raben auf dem Acker, wurde als »Vogelnarr« beschimpft und es setzte Ohrfeigen. Der Vater sah in seinem Sohn einen Taugenichts und verwehrte ihm eine künstlerische Ausbildung. Doch Mathias ließ sich nicht von der Malerei abbringen, er wollte nur eines werden: Tiermaler. Unbeirrt ging er seinen Weg und traf schließlich auf Wissenschaftler und Künstler, die ihm weiterhalfen. Dass der einfache Bauernjunge schließlich in England zum bedeutendsten Tiermaler seiner Zeit wurde, klingt fast wie im Märchen. Tatsächlich aber war es ein schwerer Weg, bis er sich an die Spitze der naturwissenschaftlichen Malerei hoch gearbeitet hatte. Leider ist der bedeutende Künstler des 19. Jahrhunderts in Deutschland kaum bekannt und zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Gerade heute hat er uns noch viel zu sagen, als Tiermaler, Tierfreund und als Wegbereiter des Tierschutzes.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2020
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© 2020 – e-book-Ausgabe Rhein-Mosel-Verlag Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel. 06542-5151 Fax 06542-61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-893-7 Ausstattung: Stefanie Thur Lektorat: Gabriele Korn-Steinmetz Korrektorat: Melanie Oster-Daum Foto Titel: Joseph Wolf, 1861(Foto der Historical and Cultural Society of Clay County, Moorhead, Minnesota) Illustration Seite 3: Adler im Flug 1873, Joseph Wolf Autorenportrait: Arne Houben
Der Vogelnarr
Edition Schrittmacher Band 36
RHEIN-MOSEL-VERLAG
»We see distinctly only what we know thoroughly.« (Wir sehen nur das deutlich, was wir genau kennen.)Joseph Wolf
Kapitel 1
Freitag, 20. April 1899 Nr. 2 Primrose Hill Studios, Fitzroy Road, London
Er weiß nicht, wie spät es ist und wie lange er geschlafen hat. Die schweren Vorhänge sind noch zugezogen. In der Schlafkammer ist es dunkel. Die Geräusche der Bauarbeiten und das Pfeifen der Dampfloks, die an der Primrose-Hill-Station halten, sind deutlich zu hören. London ist eine ewige Baustelle. Überall werden Tunnel gegraben und Untergrundbahnen gebaut. Aber daran ist er gewöhnt, das war es nicht, was ihn geweckt hat. Es ist das Zwitschern seiner Hausvögel, das vom Atelier herüberschallt. Sie rufen, wie jeden Morgen nach Futter.
Es ist nicht einfach, aus dem Bett zu kommen, wenn man neunundsiebzig Jahre alt ist, vom Rheuma geplagt wird und noch dazu erkältet ist. Gestern Nachmittag hat er sich hingelegt und ist seitdem nicht aufgestanden. Im Haus hat sich Kälte ausgebreitet. Noch immer fühlt er sich nicht in der Lage, aufzustehen und Feuer zu machen.
Traurige Gedanken dringen in sein Bewusstsein. Niemand ist mehr für ihn da. Mary Ann1 ist schon vor langer Zeit dahingegangen und seine zweite Frau, Louisa2, ist ihr vor sechs Jahren gefolgt. Seine drei Töchter sind verheiratet und wohnen weit weg. Nur Erinnerungen, nichts als Erinnerungen sind geblieben. Allerdings ist er nicht ganz schuldlos daran, dass er kaum noch Kontakt zu seinen Kindern hat.
Seine Älteste, Helen Elizabeth3, die William Eatton Boyles heiratete, hat ihn mit Töchterchen »Minnie« zum Großvater gemacht.
In dieser Rolle ist er jedoch nicht besonders gut. Auch als Vater war er das nicht. Das ist ihm wohl bewusst. Es ist aber nicht so, dass er für seine Töchter, die er Helly, Lissy und Totty nennt, keine Zuneigung verspürt, im Gegenteil. Heute bedauert er, sich nicht mehr Zeit für sie genommen zu haben. Vielleicht wäre alles anders gewesen, wenn er Söhne gehabt hätte. Sie hätte er mit auf die Jagd nehmen oder ihnen das Malen beibringen können. Aber die Vergangenheit ist nicht mehr zu ändern.
Er muss zugeben, dass die Malerei in seinem Leben immer den ersten Platz eingenommen hat. Jetzt, da er allein ist, hat er das Gefühl, dass sich alle von ihm verabschiedet haben, insbesondere, seit Herbert Palmer4 die Biografie über ihn herausgebracht hat. Seine Zustimmung hatte er nur gegeben, wenn darin nichts über sein Privatleben erwähnt wurde. Die meisten seiner Freunde sind verstorben, drei seiner jüngeren Brüder leben nicht mehr, und seinen Bruder Anton hat es nach Santa Clara in Kalifornien verschlagen.
Einmal in der Woche kommt die junge Muriel5 für ein paar Stunden zu ihm, bringt den Haushalt in Ordnung und unterhält sich ein wenig mit ihm. Die einzigen, die ihm Tag und Nacht Gesellschaft leisten, sind die Vögel im Atelier.
Jetzt rufen sie laut nach Körnern und Mehlwürmern. »Sorry, birds«, brabbelt er vor sich hin, »der alte Mann braucht noch ein wenig Zeit, um aus dem Bett zu kommen.« Mühsam rutscht er auf der Matratze hin und her, um sich in eine bessere Lage zu bringen und aufstehen zu können. Wach werden und aus dem Bett springen, wie in jungen Jahren, das gelingt ihm nicht mehr.
Seine Gedanken wandern zurück in die Zeit vor fünfzig Jahren, als er mit dem Dampfschiff »Soho« in London ankam. Es war am 20. März 1848. Damals war er achtundzwanzig Jahre alt, jung und kräftig. Die Zeiten waren voller Unruhe, überall in Europa brachen Revolutionen aus. Da er befürchten musste, zum Militärdienst eingezogen zu werden, entschloss er sich kurzerhand, das begonnene Kunststudium in Antwerpen aufzugeben, um das Angebot von Mitchell6, Grays Generaof Birds zu illustrieren, doch noch anzunehmen, obwohl er ihm bereits abgesagt hatte.
Als er im Britischen Museum vorstellig wurde, musste er sich mit Mitchell auf Französisch verständigen, denn noch sprach er kein Wort Englisch. Französisch, das er in der Schule gelernt hatte, war ihm hingegen geläufig. Im Logierhaus von Mary Ann Cooper in der Howland Street 17 fand er eine Unterkunft und verliebte sich sofort in die schöne junge Witwe. Dass sie vier Jahre älter war als er und bereits drei Kinder hatte, störte ihn nicht. Er bewunderte sie sehr und malte sogar ein Bild von ihr. Diese zarte Person mit dem gütigen Gesicht, die ihr Leben im Griff hatte, imponierte ihm. Sie sorgte vorbildlich für ihre Kinder und hielt die Mietwohnungen in Ordnung. Durch sie lernte er in kurzer Zeit, sich einigermaßen in Englisch zu unterhalten. Manchmal machten sich die Kinder über seine seltsame Aussprache lustig. Dann lachte er einfach mit und ließ sich gern verbessern. Zusätzlich nahm er Unterrichtsstunden. Die Fremdsprache fiel ihm schwer, auch noch ein Jahr später hatte er Schwierigkeiten, sich mit dem betagten 13. Earl of Derby in der Menagerie von Knowsley Hall zu verständigen, für den er große Ölgemälde mit Jagdszenen malen sollte. Die Unterhaltung wurde etwas umständlich mit Händen und Füßen geführt. Außer mit der Sprache, hatte Joseph auch mit den englischen Traditionen seine Probleme. Die Freude war groß, als sein väterlicher Freund aus der Darmstädter Zeit, Johann Jakob Kaup, unerwartet in Knowsley Hall eintraf. Er konnte die Situation retten, indem er sich als Übersetzer zwischen Joseph und dem betagten, schwer verständlichen Earl of Derby anbot.
Fünf Jahre lebte Joseph in der Howland Street, als Mary Ann von ihm schwanger wurde. Da war er vierunddreißig. 1854 wurde Helen Elizabeth geboren. Inzwischen hatte er sich einen guten Ruf als Tiermaler erworben, der ihm vornehme und reiche Leute ins Haus brachte, wie den 8. Duke of Argyll7 oder den 1. Duke of Westminster8. Er erhielt Aufträge, große Jagdszenen zu malen, was sich mit einem schreienden Baby im Hause schwierig gestaltete. Hinzu kam, dass Mary Ann ihn unter Druck setzte. Sie wollte unbedingt die Heirat, jedoch aus seiner Sicht sprach vieles dagegen: einmal ihre unterschiedlichen Religionen, dann die fremde Tradition und die andere Nationalität. Am entscheidendsten aber war, dass er sein Künstlerleben nicht aufgeben wollte. Als der Polizeimagistrat Thomas J. Arnold, der in seiner Freizeit deutsche Literatur übersetzte, Joseph bat, Reynard the fox9 zu illustrieren, sagte er sofort zu und stürzte sich in die Arbeit. Fortan hatte er keine Zeit mehr für Mary Ann und auch nicht für das ewig schreiende Baby. 1855 erschien Reineke Fuchs in London. Ein Jahr später reiste Wolf mit John Gould10 nach Norwegen, um Schneehühner zu zeichnen. Zutiefst verletzt wandte sich Mary Ann schließlich von ihm ab.
Louisa begegnete er zum ersten Mal im Zoo, als er Skizzen von Ozelots fertigte. Er war es gewohnt, dass Leute ihn umringten, wenn er zeichnete. Eine Weile wurde er dann beobachtet, aber irgendwann gingen sie weg. Dieses Mädchen jedoch schien nicht mehr von seiner Seite weichen zu wollen. Das störte ihn. Er durchlebte gerade eine schwierige Zeit. Mary Ann und er redeten nicht mehr miteinander. Um ihr aus dem Weg zu gehen, schlich er sich oft nachts in seine Unterkunft, ein im Grunde unhaltbarer Zustand.
»Bist du nicht hier, um die Zootiere anzuschauen?«, fragte er gereizt die junge Frau.
»Ja schon«, antwortete sie etwas verlegen.
»Und warum gehst du dann nicht einfach weiter?«
»Weil mein Vater da vorn am Löwenkäfig steht.«
Ihre Probleme gingen ihn nichts an, er hatte schließlich seine eigenen. Aber ihre angenehme traurige Stimme ließ ihn aufhorchen. Er hörte auf zu zeichnen und betrachtete sie genauer. Sie war eine blasse Schönheit mit rotbraunen Haaren. Ihre großen blauen Augen strahlten ihn unbefangen an. »Vater ist Omnibusfahrer, er hat uns wegen einer anderen Frau verlassen«, erklärte sie fast beiläufig, während sie seine Skizzen betrachtete: »Ich wünschte, ich könnte auch so malen.« Bei diesen Worten lächelte sie.
»Sie ist wunderschön«, dachte er und fühlte sich in eine unbeschwerte Jugendzeit zurückversetzt, die er nie hatte. Jetzt war er achtunddreißig.
»Wie ist dein Name?« fragte er.
»Louisa Willingale. Und wie heißen Sie?«
»Fischer, Joseph Fischer.« Der Name war ihm einfach so eingefallen.
Dem gesamten Zoopersonal war er als Joseph Wolf bekannt. Jeden Tag sprach er mit den Wärtern, bevor er anfing, die Tiere im Gehege zu zeichnen. Die junge Dame sollte zumindest fürs Erste nicht wissen, dass er bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte.
»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie gestört habe«, sagte sie. »Ich muss jetzt nach Hause, da wartet noch Arbeit auf mich. Ein Mieter ist gerade ausgezogen.«
»Wo wohnst du denn?«, fragte Joseph, neugierig geworden.
»In Lisson Grove, nicht weit von hier.« Sie wollte schon gehen. Da hielt er sie zurück:
»Moment mal, ist die Wohnung dort noch zu vergeben?«
»Ich muss meine Mutter fragen, sie ist die Vermieterin.«
Am nächsten Tag suchte die junge Dame ihn wieder im Zoo auf. Freudig teilte sie ihm mit: »Sie können in unsere Pension einziehen, Herr Fischer, Nr.15 Duke Street.«11
Wenig später bezog er die kleine Wohnung in dem vierstöckigen Geschäftshaus, mit drei Fenstern zur Straße. Parterre war eine Taverne. Louisa und ihre Mutter arbeiteten in der Küche und hielten die Pension in Ordnung. Es gab noch zwei ältere Brüder. Die ganze Familie wohnte im ersten Stock, Joseph zog in den zweiten. Obwohl er nicht die Absicht hatte, sich in die sechzehnjährige Louisa zu verlieben, geschah es dennoch. Doch dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Nachdem Louisa erfahren hat, wer er wirklich war, bewunderte sie unverhohlen den großen Künstler, sah in ihm vielleicht auch einen Vaterersatz. Durch sie fühlte er sich um Jahre jünger. Mit ihr lernte er das Lachen wieder. Es gefiel ihm in Lisson Grove, einem belebten Stadtviertel, das aus einem Gemisch aus schmuckreichen Bürgerhäusern, einzeln stehenden Villen, Geschäfts- und Künstlervierteln und engen Gassen bestand. Am Regents Kanal lagen kleine Boote, es gab ein Badehaus, das House of Mercy, ein Arbeitshaus und die St. Marys Kirche. Obwohl Armut und Reichtum hier aufeinandertrafen, hatte man kaum mit Leuten aus der Unterschicht zu tun. Die Willingales und er gehörten glücklicherweise zur Mittelschicht.
1859 wurde Louisa schwanger. Um sie heiraten zu können, musste er zur anglikanischen Hochkirche konvertieren. Dies gestaltete sich schwierig. Den Segen des Vaters erhielt Joseph nicht. Obwohl sein Vater schwer krank geworden war, verbot er seinem Ältesten, jemals wieder das Elternhaus zu betreten. Joseph reiste nach Mörz, um sich mit dem Vater auszusprechen, jedoch kam er zu spät. Der Vater war bereits beerdigt worden. Als Joseph nach London zurückkam, musste er erfahren, dass auch sein Kind, Josephine, kurz nach der Geburt gestorben war.
Mit der Schwiegermutter zusammenzuleben, war nicht einfach. Deshalb mietete er ein Jahr später zusammen mit Johann Baptist Zwecker ein Atelier in der Berners Street, wo er die meiste Zeit verbrachte. Louisa schenkte ihm noch zwei weitere Töchter, Elizabeth und Celestine. Bis zu ihrem Tode war sie immer für ihn da, wusch, kochte, zog die Kinder groß, war bescheiden, machte ihm nie Vorwürfe und mischte sich nie in sein Leben ein. Sie ließ ihn sein, wie er war. Wenn er zu ihr in die Pension kam, waren sie füreinander da, spielten und lachten mit den Kindern. Manchmal las er ihnen aus dem Naturhistorischen Bilderbuch für Kinder12 vor, das er zusammen mit Zwecker illustriert hatte. Seine Familie zuhause in Deutschland lernten Louisa und die Kinder nicht kennen. Stets reiste er allein ins Rheinland oder fuhr nach Holland, besuchte Konzerte und Veranstaltungen, oder traf sich im German Athenaeum13 mit bekannten Persönlichkeiten. Von dieser Welt der Männer war Louisa ausgeschlossen. In ihren letzten Lebensjahren zog sie zu ihrer kranken pflegebedürftigen Mutter, jedoch Louisa starb vor ihr. Sie wurde nur dreiundfünfzig Jahre alt. Jetzt, da sie nicht mehr ist, wünscht Joseph, er hätte sich mehr Zeit für sie genommen. Sie war so einfach und herzlich. Er vermisst sie sehr.
Er reibt sich die Augen. Zeigt sich da etwa auf den schweren Vorhängen ein Lichtfleck? Kommt die Sonne nach den langen nasskalten Tagen nun endlich durch? Er weiß, dass es ihm bald besser gehen wird, wenn er wieder ihre Wärme auf den Schultern spürt, in den Garten gehen kann, in den Zoo, den Regents-Park oder auf den Primrose-Hill. Am liebsten aber wäre er jetzt schon in seiner Heimat, wo es noch Natur und Stille gibt. Ja, er sehnt sich zurück nach Mörz, wo er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Sein Neffe Johann Josef, der Sohn des verstorbenen Bruders Johann14, der jetzt im Elternhaus lebt, hatte zuletzt geschrieben, dass sie bereits auf ihn warteten. Schon 1894 hatten sie für ihn von dem Geld, das er ihnen schickte, das Haus gegenüber dem Elternhaus gekauft15. Er freute sich darauf, es nun endlich zu beziehen. Er will nach Hause.
Nach fünfzig Jahren hat er sich seinen Ruhesitz wahrlich verdient. London braucht ihn nicht mehr. Bereits vor einigen Tagen hat er begonnen, seinen Haushalt aufzulösen.
Die Vögel werden immer lauter. Den Unterschied zwischen singen und schimpfen kennt er genau. Er muss jetzt aufstehen, auch wenn es schwerfällt.
Seine Brille liegt neben der Times auf dem Nachtschrank. Darin hat er gelesen, dass das Dampfschiff »Stella« am Tag vor Karfreitag bei den Channel Islands gesunken ist. Von zweihundertundsiebzehn Personen sind hundert ertrunken. In all den Jahren, seit er den Ärmelkanal überquerte, ist ihm glücklicherweise nie etwas passiert. Bei schwerem Seegang kroch ihm allerdings jedes Mal die Angst durch Mark und Bein und dann betete er im Stillen das Vaterunser.
Er greift nach der Brille, aber in seiner rechten Hand scheinen tausend Nadeln zu stecken. Sie gleitet ihm aus der Hand und fällt zu Boden. »D’r Daiwel nochemöl!«, flucht er im Mörzer Dialekt. Ohne seine Gläser ist er blind wie ein Maulwurf. Das Fluchen auf Englisch hat er nie gelernt.
Als er bei Mary Ann lebte, hat sie es strikt verboten. »Anständige Kinder fluchen nicht! Das machen nur ›peasants‹, ungebildete Bauern, die sich nicht benehmen können.« Seiner Abstammung nach wäre er auch ein »peasant« gewesen. Doch sein Talent enthob ihn glücklicherweise dem niederen Stand.
Trotzdem muss er jetzt auf dem Boden kriechen und nach der Brille tasten. Zu einem Diener hat er es nicht gebracht. Zum Glück war das Glas ganz geblieben. Mühsam zieht er sich am Bettpfosten hoch.
Auf dem Weg zum Fenster stehen Reisekisten und Taschen, die er bereits gepackt hat. Er muss aufpassen, dass er nicht darüber stolpert. Die Holzdielen knarren bei jedem Schritt und die Zither an der Wand summt, als wolle sie ihn daran erinnern, sie nicht zu vergessen. Wie könnte er das! Das Instrument ist ein Andenken an seine Mutter. Als er noch ein Kind war, hat sie oft darauf gespielt und dabei gesungen: »Sitzt a klans Vogerl im Tannewald.« Ach, die gute Seele! Sie brachte ihm das Spielen darauf bei. Im Gegensatz zu seinem Vater hat sie ihn verstanden. Der Vater hatte ihm manche Ohrfeige verpasst und schimpfte seinen Sohn einen Vogelnarr, der, anstatt den Bauernhof zu übernehmen, lieber die Krähen auf dem Feld malte.
Joseph zieht die Vorhänge zurück. »Schade, keine Sonne, die Gaslaternen brennen noch und es ist neblig.«
Mühsam versucht er, das Fenster hochzuschieben, aber es klemmt von der Winternässe. »Wer weiß, ob die Luft draußen besser ist, sie sieht aus wie gelbe Erbsensuppe«, denkt er. »Davon würde sich Claude bestimmt inspirieren lassen. Für mich ist das nur Schwefel aus den Schornsteinen, der die Atemwege reizt.«
Joseph traf Claude Monet16 zum ersten Mal während des Krieges17 in London bei dem Kunsthändler Paul Durand-Ruel. Beide waren nach London geflohen, um dem Krieg zu entkommen. Claude begeisterte sich für die Gemälde William Turners und malte wie besessen nebelhafte, lichtdurchflutete Bilder. »Ich will nicht nur eine Brücke, ein Haus oder ein Boot malen, sondern die Schönheit der Luft, die die Brücke, das Haus, das Boot umgibt.« Das war sein Credo. Joseph verstand, was er meinte. Schließlich hat jeder Künstler seine ganz eigenen Vorstellungen, die er zu verwirklichen sucht. Ihm selbst ging es von Anfang an darum, Tiere und deren Umwelt so naturgetreu wie möglich abzubilden. Joseph erinnert sich genau daran, wie Claude damals verzweifelt versuchte, ein Bild zu verkaufen, auf dem das Londoner Parlament und Dampfschiffe auf der Themse zu sehen waren. Es ging ihm derart miserabel, dass er kaum Frau und Kind ernähren konnte. Doch man wollte sein Bild nicht. Die Zeit war noch nicht reif für den Impressionismus, der als Schimpfwort galt.
Heute ist es nicht mehr vorstellbar, dass Queen Victoria dem später so berühmten Maler nicht gestattete, in der Royal Academy auszustellen. Nach dem Krieg ging Claude Monet zusammen mit seiner ersten Frau Camille nach Frankreich zurück, die bald verstarb. In Amerika verkauften sich seine Bilder später sehr gut. Jetzt lebt er mit seiner zweiten Frau in Giverny in einem schönen Häuschen mit Garten. Der Londoner Nebel, das Parlament und die Themse aber lassen ihn nicht los.
Vor ein paar Tagen schrieb er Joseph, dass er in diesem Jahr noch einmal nach London kommen wolle. Ob sie beide sich allerdings noch sehen würden, hält Joseph für fraglich.
Wahrscheinlich ist er dann schon zu Hause auf dem Maifeld, wo der Himmel so hoch und weit ist, wie nirgendwo sonst auf der Welt, beobachtet die kreisenden Milane und lauscht zu später Stunde dem Gesang der Nachtigall. Dort, wo er geboren ist, will er auch seinen Lebensabend verbringen.
Er geht im Nachthemd über den Flur zum Galerieraum. Die Kälte kriecht ihm in die schmerzenden Knochen, und er muss tüchtig husten und niesen. Ein Haufen Asche liegt noch vom Vortag im Kamin. In der Voliere hüpft und flattert eine bunt gemischte Schar zwitschernder Vögel. Einige klammern sich an die Gitterstäbe und schauen neugierig hindurch. »Ich weiß. Ihr seid hungrig, bin ja schon da«, sagt er in versöhnlichem Ton und öffnet die Volierentür. Ein gewisses Gefühl von Freiheit möchte er ihnen lassen. Sie lieben es, ein paar Runden durch den hohen Raum zu drehen, der Licht von drei Dach- und zwei Giebelfenstern bekommt.
Ein Vogel mit pechschwarzem Kopf und rotem Brustgefieder landet auf seiner rechten Schulter und beginnt, an seinem Backenbart zu zupfen. Es ist ein junger Dompfaff. Joseph streichelt dem Tier über den Kopf: »Du bist ein braves Vögelchen.« Im Vergleich zu seinem Vorgänger, den er für Queen Victoria18 gemalt hatte, ist dieser Dompfaff das wirklich. Unwillkürlich muss Joseph an den Tag denken, als Charles Darwin19 ihn zum ersten Mal im Atelier in der Berners Street aufsuchte, als er wie üblich beim Malen war. Der Dompfaff saß friedlich auf der Staffelei und trällerte sein Liedchen. Plötzlich klopfte es, die Ateliertür ging auf und Darwin steckte seinen Kopf mit dem langen weißen Bart hindurch. Sofort flog der Vogel los und griff den Eindringling an, krallte sich fest in dessen Bart, hackte auf den Verblüfften ein und schimpfte wie ein Rohrspatz. Joseph eilte ihm erschreckt zu Hilfe. Aber der bekannte Naturforscher, von dem jedermann annimmt, er sei ein sehr ernsthafter Mensch, lachte nur und freute sich wie ein kleines Kind: »Was machst du denn mit mir? Du bist ja ein lustiger Vogel!« Er wollte sich gar nicht beruhigen. Damals schrieb Darwin an seinem Werk The Expression of the Emotions in Man and Animals20. Offenbar hatte er gerade wieder etwas über das Verhalten eines Vogels dazu gelernt. Jener Dompfaff war fünfzehn Jahre alt geworden. Jetzt lag er im Garten hinter dem Haus begraben, wo Schneeglöckchen, Primeln, Hyazinthen und Osterglocken wachsen, alles Mitbringsel aus dem heimatlichen Garten.
Auch der Tag, an dem Joseph einen lachenden Affen zeichnen sollte, ist ihm noch gegenwärtig. Der Affe hatte ein weit aufgerissenes Maul, zeigte seine großen Zähne und die Haare standen ihm zu Berge. Darwin rief begeistert: »Genau das ist es. So sieht ein lachender Affe aus!« Joseph aber meinte: »Ich möchte meine Hand dafür nicht ins Feuer legen. Man sollte nicht zu viel Menschliches in ein Tier hineininterpretieren.« Darwin erwiderte: »Ich bin davon überzeugt, dass er lacht. Tiere haben viel mehr Gefühle, als wir Menschen uns vorstellen können.«
»Ja, aber falls ein Tier lacht, ähnelt sein Lachen dann auch dem eines Menschen? Und kann eine Schlange auch lachen?«, wollte Joseph wissen. »Man muss es herausfinden. Alles hat sich entwickelt.«
Nicht so überzeugt war Darwin allerdings von der Entwicklung der Gesellschaftsordnungen, wie Marx dies sah. Er schlug dem Philosophen die Bitte ab, eine Widmung für dessen Lebenswerk Das Kapital zu schreiben. Darwin war nämlich zu Ohren gekommen, dass Marx einen Einbürgerungsantrag gestellt hatte, der jedoch abgelehnt wurde mit der Begründung, ihm fehle es an Loyalität, weil er ein »notorischer Agitator« sei, »der Kopf der Internationale und ein Befürworter kommunistischer Prinzipien.« Darwin hingegen lebte im Einklang mit dem viktorianischen Empire. Für ihn war die Welt in Ordnung. Mit Emma Wedgwood21 hatte er in eine der reichsten Familien Englands eingeheiratet – er sah keinerlei Gründe, irgendetwas verändern zu wollen.
Joseph war Marx oft im Britischen Museum begegnet, wo er stundenlang im Lesesaal arbeitete, aber sie kamen sich nicht näher, was sicher auch daran lag, dass Joseph Tiermaler war und kein Philosoph. In weltanschauliche Debatten hatte er sich noch nie eingemischt. An dieser Haltung konnte auch sein Freund Gottfried Kinkel22 nichts ändern. Als dieser nach London ins Exil gehen musste, fühlte Joseph sich ihm zwar verbunden wegen seiner liberalen Anschauungen, aber nicht verpflichtet, diese zu seinen zu machen. Gemeinsam hatten sie das »German Athenaeum« gegründet, um kulturelle Zusammenkünfte zu organisieren, aber Joseph war nicht bereit, ihn zu dessen Treffen mit den kommunistischen Genossen zu begleiten.
»Na komm schon, Bullfinch! Wir holen jetzt dein Futter.« Mit dem Dompfaff auf den Schultern bewegt sich Joseph in die Ecke der Galerie, die zum Garten führt. Dort stehen zwei abgedeckte Behälter, einer mit Sämereien und Hanfbüscheln, der andere mit Mehlwürmern, die er selbst züchtet. Jedem entnimmt er eine Schaufel voll und füllt sie in weite flache Futterschalen, die er mühsam auf den Boden stellt.
Sofort stürzt sich die ganze Vogelschar auf die Leckerbissen. Der junge Dompfaff fliegt zielstrebig zu der Schale mit den Sämereien. Mit seinem dicken schwarzen Schnabel sucht er zwischen Kernen von Eberesche, verschiedenen Grassamen und Blaumohn einen Sonnenblumenkern heraus, knackt ihn auf und schleudert die Spelzen beiseite. Die Stieglitze und Buchfinken gesellen sich dazu und begnügen sich mit den kleineren Samen. Die Girlitze, die nur halb so groß sind wie die Buchfinken, bevorzugen die Hanfbüschel zwischen den Gitterstäben, während die Rotkehlchen, Nachtigallen und Dorngrasmücken sich an den Mehlwürmern gütig tun. Joseph setzt sich auf den Stuhl neben der Staffelei und sieht dem Treiben eine Weile zu. Schon oft hat er bemerkt, dass sie sich an den Futternäpfen streiten, obwohl es genug zu fressen gibt. Merkwürdigerweise vertragen sie sich in schlechteren Zeiten besser.
Mit den Singvögeln hat sich Joseph seine Modelle ins Haus geholt. Sie geben ihm das Gefühl ewigen Frühlings und Sommers. Überhaupt hat er sich hier in der Galerie ein kleines Paradies geschaffen. Über den Türen und den Volieren ranken Efeu, Weinreben und andere Kletterpflanzen, in denen sich die Vögel gern tummeln.
Ein Leben ohne seine gefiederten Freunde kann er sich nicht vorstellen, und doch muss er sie bald anderswo unterbringen. Jetzt schwirrt der Dompfaff über seinen Kopf hinweg und lässt sich im Efeugerank über der Ateliertür nieder. Joseph bricht fast das Herz, wenn er daran denkt, dass er ihn und alle anderen nicht mit nach Hause nehmen kann.
Er geht ein wenig durchs Atelier und schaut sich um. Außer der Voliere gibt es dort Regale mit Schmetterlingsgläsern, Staffeleien, Malutensilien, Leinwand und Bilderrahmen sowie einige kleine Tische und Stühle. Wenn er unterwegs ist, hat er oft Insektengläser, Fernglas und Schmetterlingsnetz dabei. Er hat Freude daran, zu beobachten, wie sich die Raupen verpuppen und zu schönen Schmetterlingen verwandeln. Wenn er ein exotisches Tier malen soll, geht er meist zuvor nach Kew Gardens23, um die Pflanzen aus der ursprünglichen Umgebung des Lebewesens kennenzulernen. Im Vorübergehen steckt er gern heimlich eine seltene Frucht in die Hosentasche, setzt das Mitbringsel zu Hause in einen Blumentopf und freut sich, wenn es wächst und gedeiht.
Auf einem der Tische liegt eine Wasserpfeife und daneben ein Tabaksbeutel aus Trarbach, den er von seiner letzten Reise mitgebracht hat. Das Rauchen gehört ebenso zu seinem Tagesgeschäft wie das Malen. Tabak beruhigt ihn und regt die Fantasie an.
John Gould, der schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilt, hat ihn oft mit einer Havanna bestochen, damit er ihm als Illustrator erhalten blieb. Mehr als drei Jahrzehnte hat er für den Ornithologen gearbeitet, aber nie eine Festanstellung angenommen. In seinem ganzen Leben hat er keinen rüpelhafteren Menschen als Gould kennengelernt. Man musste bei ihm immer aufpassen, nicht über den Tisch gezogen zu werden. Joseph erinnert sich an eine typische Situation: Gould war in Eile und klopfte an Josephs Tür: »Hör mal, Wolf. Ich gehe gerade zum Friseur. In der Zwischenzeit kannst du eine Zeichnung für mich machen. Auf dem Rückweg komme ich vorbei und nehme sie mit.«
Höflich um etwas zu bitten, war nicht seine Art, er kannte nur Forderungen. Gould kam aus einfachen Verhältnissen, wurde aber frühzeitig mit den gehobenen Umgangsformen vertraut, da sein Vater Vorarbeiter für die königlichen Gärten in Schloss Windsor war und er dort auch eine Ausbildung erhielt. Gould erlebte die königliche Familie, den Adel und die Dienerschaft des Hofes aus nächster Nähe, weshalb er ein außergewöhnliches Selbstbewusstsein, Organisationstalent und Durchsetzungsvermögen entwickelte. Er eignete sich viel Wissen selbst an. Für Darwin bestimmte er sogar die Finken der Galapagosinseln. Schließlich brachte er es bis zum Kurator des Museums der Zoologischen Gesellschaft und zum Mitglied der Royal Society. Freunde sind Joseph und er nie geworden, trotz ihrer Zusammenarbeit bei der Weltausstellung 1851 im Crystal Palace und der Norwegenreise. Seit es Gould nicht mehr gibt, bleiben allerdings auch die Havannas aus.
Joseph muss sich wieder hinsetzen. Ihm ist schwindlig. Er schließt die Augen. Einen Moment lang kommt es ihm vor, als erlebe er noch einmal jenen Tag, an dem alle seine Freunde von Primrose Hill hier zusammensaßen, malten und viel Spaß hatten. Er hört Esther24 fragen: »Maurice25, würdest du lieber rote oder weiße Blumen nehmen?« – »Weiße«, entscheidet der, während er behutsam mit dem Zeigefinger über den noch feuchten Heiligenschein des Jesuskindes fährt. Earnest26 summt ein Lied vor sich hin und entwirft dabei eine Landschaft mit Schafen. William27 seufzt: »Kannst du bitte damit aufhören?« Er arbeitet an dem großen Stadtbild »Bank of London« und setzt dort gerade seine Freunde, die er zuvor porträtiert hatte, in die Kutsche. Joseph liest dabei die Times. Lance28, der ein Familienportrait malt, schaut zufällig auf die Staffelei von Dawson und fängt laut zu lachen an. Er kann sich gar nicht beruhigen. Alle scharen sich nun, neugierig geworden, um Dawson. Zuletzt erhebt sich Nino29 von seinem Platz, um nach der Ursache des Gelächters zu sehen. Aber über das, was Dawson30 gezeichnet hat, kann er nicht lachen. Lautstark droht er ihm: »Mein lieber Freund, wage es bloß nicht, das da im Punch31 zu veröffentlichen!« Alle anderen aber meinen: »Warum denn nicht? Ist doch gut gelungen!« Der Cartoon zeigt Nino als Baby im Ballettröckchen. Seine kurzen wurstigen Beinchen baumeln darunter in Ballettschuhen hervor.
Joseph kann sich nicht erinnern, ob diese Karikatur jemals veröffentlicht wurde. Es steckt aber ein Stück Wahrheit dahinter. Nino liebt Kostüme über alles. Für seine Modelle besorgt er immer wieder neue, besonders für Muriel. Er ist wahrscheinlich der häufigste Kunde bei dem Kostümverleiher Seymor in Croydon.
Es kam öfter vor, dass die Künstler sich gegenseitig Modell saßen. Nicht immer waren alle mit dem Ergebnis zufrieden. Lance Calkin hat vor einigen Jahren ein Porträt von Joseph gemalt mit einer Zigarre in der rechten Hand. Aber weil er der Nachwelt nicht als Raucher in Erinnerung bleiben wollte, übermalte Joseph kurzerhand die Zigarre mit einem Turmfalken, seinem Lieblingstier, das ihm einst Hermann Schlegel aus Leiden geschenkt hatte. Leider musste der Turmfalke nun auf der rechten Hand sitzen, anstatt, wie es richtig wäre, auf der linken. Aber so etwas bemerkten wohl nur eingefleischte Falkner. Als Joseph plötzlich laut niesen muss, flattern einige Vögel erschreckt auf.
Er verlässt das Atelier und geht zurück ins Schlafzimmer, das mit dem Bad verbunden ist. Er muss zugeben, dass er schon ein wenig im Großstadtluxus lebt und auch stolz darauf ist. Die zwölf Primrose Hill-Studio-Wohnungen32, die sein Vermieter und guter Freund Healey bauen ließ, verfügen bereits über Gaslampen und fließendes Wasser. Seine Wohnung besteht aus Empfangsraum, Gästezimmer, Küche, Schlafkammer, Keller, Garten, Galerieraum und Bad. Im Bad gibt es eine Wanne, Heizofen, Spültoilette und ein Waschbecken mit Wasserhahn. Außerdem stehen dort noch ein kleiner runder Tisch und ein bequemer Chippendale-Sessel, über dessen Lehne die zuletzt getragenen Beinkleider, Weste und Hemd liegen.
Das alles ist sehr modern und nicht zu vergleichen mit seinem Elternhaus in Mörz, wo man noch über den Hof zum Häuschen mit dem Herz gehen muss. Aber immerhin befindet sich dort im Keller ein Brunnen, dessen klares, wohlschmeckendes Wasser über eine Pumpe bis zur Küche geleitet wird. Dass in London zwischen 1840 und 1850 viele Menschen an der Cholera starben, wurde von Bakterien im verschmutzten Trinkwasser hervorgerufen, wie der englische Arzt John Snow herausfand. Als selbst die Parlamentsmitglieder den Gestank der Themse nicht mehr ertragen konnten, wurde 1858 endlich ein aufwendiges System von Abwasserkanälen gebaut. Die Cholera ging schlagartig zurück. Seitdem gibt es auch in den meisten Bürgerhäusern Londons sauberes fließendes Wasser.
Joseph öffnet den Wasserhahn, benetzt das Gesicht und schlürft gierig das frische, kalte Wasser aus seinen Händen. Im Spiegel über dem Waschbecken sieht er das Gesicht eines alten Mannes, schmal, blass und faltig, mit einer scharfen Adlernase und trüben, graublauen Augen, die von dunklen Schatten umgeben sind. Der graue, kraushaarige Backenbart und der Schnäuzer unter der Nase müssen dringend beschnitten werden, auch, damit die Tabakspfeife wieder Platz hat. Das Kopfhaar ist spärlich geworden. Es ist schon lange nicht mehr möglich, es quer über den Kopf zu legen. Gewöhnlich setzt er deshalb die karierte Kappe mit der Quaste auf, oder, wenn er ausgeht, Hut oder Zylinder. Nein, er gefällt sich nicht. Seine sonst so frische, von Wind und Wetter gebräunte Haut ist heute besonders blass. Böse Zungen würden behaupten, das komme vom vielen Rauchen.
Er ist gerade dabei, das Waschbecken zuzustöpseln, als er plötzlich spürt, dass der Boden unter seinen Füßen wie bei einem Erdbeben hin und her schwankt. Sein Spiegelbild verschwimmt. Ihm wird übel. Schwerfällig tastet er sich zum Sessel, lässt sich hineinfallen, das Herz rast. Er lehnt den Kopf an, schließt die Augen und atmet in tiefen Zügen. Dies passiert in letzter Zeit öfter. Er sollte wohl doch einen Arzt aufsuchen. Als er wieder ruhig atmen kann, zieht er das Nachthemd aus, lässt kaltes Wasser in das Becken und wäscht sich am ganzen Körper. Dann zieht er Unterwäsche, Beinkleider, Hemd und Weste an. Er denkt, dass die Übelkeit vielleicht daher kommt, dass er in den letzten Tagen kaum etwas gegessen hat und schlurft über den Flur in die kleine Küche.
Dort überlegt er, ob er sich einen heißen Tee aufbrühen soll. Auf dem Herd stehen noch ein schmutziger Milchtopf und eine Pfanne mit Resten von Rührei. Er dreht den Wasserhahn auf und füllt ein Glas mit Wasser. Der Abwaschtisch in der Mitte des Raumes ist mit schmutzigem Geschirr zugestellt. Ein paar Fliegen sitzen darauf. Einige haben bereits in der darüber hängenden Gaslampe das Zeitliche gesegnet. Muriel wird das später in Ordnung bringen.
Seine Gedanken drehen sich im Kreis, er kann sich nicht konzentrieren. Ohne Zweifel braucht er Erholung. Vielleicht kann Muriel ihm später Hanftinktur besorgen. Queen Victorias Leibarzt, John Russel Reynolds, schwört jedenfalls darauf. Er denkt daran, dass Muriel seine Enkeltochter sein könnte. Er mag sie sehr, nicht nur weil sie eine außergewöhnlich schöne junge Frau ist, sondern auch sehr wissbegierig.
Bevor sie mit fünfzehn Jahren Ninos Model wurde, war sie Blumenmädchen an der Waterloo-Station und sehr naiv. Er findet es bedauerlich, dass es für Mädchen kaum öffentliche Bildungsmöglichkeiten gibt. Inzwischen hat sie jedoch einiges gelernt, sie ist jetzt einundzwanzig und wohnt bei den Waterhouses. Wenn sie Ninos Terrier »Pandora« ausführt, begleitet Joseph sie manchmal. Zusammen gehen sie dann meist bis auf den Hügel von Primrose Hill. Von dort hat man eine schöne Aussicht auf London und die Themse, bis hin zur St. Paul’s Cathedral mit ihrer weithin sichtbaren Kuppel. Unterhalb liegt der Zoo, das Gebäude der Zoological Society und der Regentspark. Die Tierstimmen dringen bis auf den Berg hinauf. Muriel will dann wissen, welches Tier sie gerade hören und wird nicht müde, ihm mehr und mehr Fragen zu stellen. Tauben sind etwas ganz Besonderes für sie. Wenn sie die Arme ausbreitet, kommen sie angeflogen und fressen ihr die Körner aus den Händen. Joseph hat dies ebenfalls versucht, aber er hatte kein Glück.
In Primrose Hill mag jeder Muriel. Die Künstler geben ihr unentgeltlich Unterricht. Dafür revanchiert sie sich mit Kochen, Putzen und Waschen. Bei Henry Wood33 nimmt sie Klavierstunden und Französisch. Seitdem sie für Nino Modell sitzt, erscheint ihr feenhaftes Gesicht auf fast allen seinen Bildern, die meisten werden in der Royal Academy ausgestellt. Jetzt malt er sie gerade als »The Mermaid«34. »Wahrscheinlich wird Muriels Gesicht alle Zeiten überdauern«, denkt Joseph, dessen Magen sich meldet. Er nimmt ein Messer, eine Schale mit Butter und einen Laib Weißbrot aus dem Küchenschrank, schneidet eine Scheibe ab, die er ausreichend bestreicht. Er braucht keine herrschaftliche Küche. Einfache Kost, wie er sie seit der Kindheit gewohnt ist, genügt ihm. Das einzige Nahrungsmittel, das er absolut nicht mag, ist Limburger Käse. Einmal in seinen Kindertagen hat ihm seine Mutter sogar Geld angeboten, wenn er ein Stück davon aß. Er hat lieber auf das Geld verzichtet.
Mit dem Butterbrot in der einen und dem Glas Wasser in der anderen Hand geht er zum Empfangsraum, der ein Fenster zum Innenhof und zur Gasse hat, die zur Fitzroy Road führt. Kauend bleibt er im Türrahmen stehen und betrachtet den sonst recht gemütlichen Raum mit den braunen viktorianischen Möbeln, der nicht wiederzuerkennen ist. Vor ein paar Tagen hat er angefangen, Schränke, Truhen und Kommoden zu leeren und alles irgendwie zu ordnen, Wäsche, Geschirr, Briefe, Ausgaben des Ibis35, der Transactions und Proceedings36, Zeitungen und Bücher türmen sich auf Teppich, Schreibtisch und den Schränken, sogar auf dem Fensterbrett.
Was soll er nur mit den vielen Broschüren anfangen, etwa im Kamin verbrennen? Vielleicht sollte er sich ein paar Kleinigkeiten als Erinnerung heraussuchen.
Zehn Jahre hat er allein für den Ibis gearbeitet und siebzig Platten hergestellt. Für die erste Ausgabe, 1859, entwarf er das Deckblatt, das seither auf allen weiteren Ausgaben zu sehen ist. Darauf ist der heilige Ibis zu sehen, ein schwarz-weiß gefiederter Schreitvogel mit langem Sichelschnabel, schwarzem Kopf und schwarzen Schwanzfedern, der vor einer Ruinenlandschaft mit altertümlichen Säulen steht. Dahinter befindet sich ein See.
Als Joseph Mitte vierzig war, ließ sein Augenlicht nach und er konnte fast nur noch Kohlezeichnungen ausführen, die am häufigsten von Joseph Smit37 lithografiert wurden, den er in der Leidener Zeit am Rijksmuseum bei Hermann Schlegel kennenlernte. Sie verstanden sich von Anfang an gut und sind noch immer befreundet.
Tausende Bilder malte Joseph im Laufe der Jahre. Er hat sie nicht gezählt. Viele hängen in reichen Guts- und Herrschaftshäusern in England, Schottland, Wales und Irland.
Einige befinden sich auch noch hier im Sofakasten. Seinem Biographen, Herbert Palmer, hat er sie gezeigt und einiges aus seinem Leben erzählt. Aber alles musste Herbert, der Sohn des verstorbenen Freundes Samuel, nun wirklich nicht wissen. Dass es Frauen und Kinder in seinem Leben gab, geht schließlich niemanden etwas an.
Joseph setzt sich auf den einzigen freien Platz, den dunkelgrünen Lederstuhl38 mit Nieten. Er lässt seinen Blick schweifen, seufzt und denkt: »Wie soll ich das Chaos nur in den Griff kriegen? Was soll ich verschenken, verkaufen oder wegwerfen?« Erst wenn die Wohnung ausgeräumt ist und die Schulden bei Healey beglichen, kann er in die City zu »Thomas Cook« fahren und die Reise zum Kontinent buchen.
Er fürchtet, dass er nicht mehr in der Lage sein wird, alles allein zu regeln. Es ist nicht der Geist, der altersschwach ist, sondern der gesamte Körper. An den Fingern haben sich rotblaue Ausbuchtungen gebildet und manchmal dringt ein schmerzhaftes Stechen durch seinen Leib. Er hat Angst, dass seine Reise in die Heimat zu beschwerlich sein wird, obwohl mit der Zeit vieles einfacher ist. In den Anfangsjahren war er wochenlang mit der Postkutsche und den Rheinschiffen unterwegs gewesen. Jetzt gibt es in London Eisenbahnen, U-Bahnen und Doppeldeckerbusse. Man kann auf dem Kontinent von Antwerpen bis Köln und von Köln nach Koblenz mit der Eisenbahn fahren. Seit zwanzig Jahren fährt auch die preußische Staatseisenbahn entlang der Mosel, von Koblenz nach Trier. Er steigt meistens in Hatzenport aus und läuft den Weg durch das Schrumpftal zum Betzemer Hof hoch. Komfortabler ist es natürlich, eine Kutsche zu mieten oder sich von den Verwandten abholen zu lassen.
Er steht auf und geht zum Sofa, in dem die Kiste mit Gemälden und Skizzen verborgen ist. Obenauf steht ein Karton mit Fotos. Er hat sich schon manches Mal gefragt, ob die Fotografie nicht eines Tages die Malerei verdrängen wird und auch, wie sein Leben wohl in hundert Jahren aussehen würde. Er hätte nicht noch einmal jung sein wollen. Sein ganzes Leben hat er mit der Malerei verbracht. In letzter Zeit modelliert er auch. Oben auf dem Schrank steht das Gipsmodell eines Bären, der auf ihn herabschaut.
Joseph greift in die Fotokiste. Er zieht ein Bild von der »fancy dress party«39 in Ninos Garten heraus. Ein wehmütiges Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht. Es ist der Tag, an dem auch Emily und Edith, die Schwestern von Esther Waterhouse, dabei waren. Der Herr links im Bild, mit Dreispitz und einfach geknöpftem Mantel, das ist er selbst. Lance Calkin, der Spaßvogel, steckt seinen mit Kissen ausgestopften Bauch heraus und zeigt sich als Mann, der ein Kind bekommt. Vor ihm, auf Stühlen, sitzen Emily und Charles Whymper40. Charles ist wie ein Afrikaforscher gekleidet, mit Tropenhelm und kurzen Hosen. Er schaut Lance wegen seines albernen Gehabes etwas seltsam an. Neben Lance steht Esther mit kariertem Schultertuch und ramponiertem Schirm, sie schaut direkt in die Kamera. Nino ist völlig in seine Rolle als vornehmer Araber vertieft, der einen Turban trägt und, um den Bauch eine Schärpe gewickelt hat. Er kniet vor seiner Schwägerin Edith, der feinen Dame mit dem Fächer, und reicht ihr eine Tasse »Bourbon Santos«. Auf diesen brasilianischen Kaffee schwören die Waterhouses noch heute und bieten ihn Besuchern an wie eine kostbare Hostie.
Joseph legt das Bild auf die erste Ausgabe des Ibis und greift erneut in die Fotokiste.
Seine Augen werden feucht. Er wischt sich mit dem Handrücken über die Lider. Auf der Skizze, die er selbst angefertigt hat, ist der Kopf eines Mannes abgebildet, Johann Baptist Zwecker41, sein wohl bester Freund. Er kennt ihn bereits aus Frankfurt, wo er an der Kaisergalerie im Römer42 mitarbeitete. Als Johann Baptist 1860 nach London kam, war er sechsundvierzig und Joseph vierzig Jahre alt. Sechzehn Jahre lang arbeiteten sie erfolgreich im Atelier in der Berners Street43 zusammen. Johann Baptist war eher der Historien- und Landschaftsmaler, Joseph der Tiermaler. Sie ergänzten sich sehr gut und jeder lernte vom anderen. Bevor Johann Baptist nach London kam, hatte er bereits zahlreiche Gedichte von Herder, Schiller, Goethe und Heine illustriert und konnte viele davon meisterhaft vortragen. Joseph hörte ihm gern zu und erweiterte dadurch seine literarischen Kenntnisse fast wie im Spiel. Johann Baptist brachte es so weit, den Erlkönig auf Englisch zu zitieren: »Who rides so late through the windy night?« Und Joseph antwortete: »The father holding his young son so tight.«
Johann Baptist illustrierte in dieser Zeit auch Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin. Andersen lebte in London, hauptsächlich, um Charles Dickens kennenzulernen. Da waren seltsame Gerüchte umgegangen und man fragte sich, weshalb Dickens den Kontakt mit Andersen plötzlich abbrach. Joseph illustrierte damals Das Naturhistorische Bilderbuch für Kinder von John George Wood44, Der Naturforscher am Amazonas von Henry Walter Bates45 und Der Malayische Archipel von Alfred Russel Wallace46 – letzterer entwickelte zusammen mit Charles Darwin die Evolutionstheorie. Joseph hielt Wallace für mindestens genauso genial wie Darwin, aber er stand immer in dessen Schatten. Wallace war vielseitig, schrieb über Naturschutz und den Schutz der Regenwälder, beschäftigte sich mit sozialen Fragen, ja, er forschte sogar über die Beschaffenheit des Mars. Seit er sich jedoch auch mit Spiritismus befasste, wurde er angefeindet. Zumindest hatte Darwin noch vor seinem Tod erreicht, dass die Naturalisten seinem Antrag zustimmten und Wallace eine Altersrente gewährten.
»Es geschieht leider viel zu oft, dass bedeutende und fortschrittliche Menschen ihr Leben in Armut verbringen müssen und nicht die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.« So verhielt es sich auch mit seinem Freund, Johann Baptist. 1876 wurde er krank, bekam zuerst hohes Fieber, schließlich konnte er kaum noch atmen und wurde bettlägerig. Joseph pflegte ihn fast ein ganzes Jahr. An einem kalten Januartag starb er im Alter von zweiundsechzig Jahren. Obwohl er ein überaus fleißiger und talentierter Illustrator war, war er am Ende arm wie eine Kirchenmaus. Das einzige, was Joseph noch für den Freund tun konnte, war, seine Beerdigung auszurichten.
Nachdenklich streicht er über das Bildnis von Johann Baptist und legt es zu der Fotografie von der »fancy dress party« und der ersten Ausgabe des Ibis.
Wenn er nun bald für immer aus London fortgeht, muss er seine gefiederten Hausgenossen im Zoo unterbringen, das ist ihm schmerzlich bewusst. Viele Jahrzehnte war er mit dem Zoodirektor Abraham Dee Bartlett befreundet, aber der verstarb im vergangenen Jahr. Seit dem Tod von Jumbo, dem größten und beliebtesten Elefanten im Gehege, war Bartlett nicht mehr der gleiche Mensch gewesen. Joseph hatte oft beobachtet, wie Jumbo Kinder auf seinem Rücken durch den Zoo trug, aber er sah auch, dass die Wärter dem Tier heimlich Alkohol gaben. Jumbo wurde davon irgendwann aggressiv und man musste Angst haben, dass den Kindern etwas passierte. Schließlich wurde der Elefant an den Zirkus Barnum verkauft. Viele Jahre später wurde Jumbo in Ontario von einer Lokomotive überrollt. Noch heute trauert man um seinen Verlust. Joseph hatte Jumbo mehrfach verewigt, einmal in einem Bild von der Elefantenherde. Dort ist er das ansehnlichste und größte Tier. Sowie in dem Bild »Der alte Elefant«, auf dem Joseph Jumbos Zusammenbruch im Qualm der Lokomotive dargestellt hat.
Bartletts Sohn Clarence ist jetzt Nachfolger seines Vaters, mit ihm muss Joseph über die Unterbringung seiner Vögel verhandeln. Er glaubt zwar nicht, dass es Schwierigkeiten geben wird, aber die Zeit läuft ihm davon. Es ist noch so viel zu erledigen.
Die Schmerzen in Arm und Schultern melden sich wieder. Sie hören nicht auf, sie kommen und gehen. Und die verdammte Erkältung wird auch nicht besser. Immer wieder muss er husten und niesen. Er kann sich nicht entscheiden, ob er eine Zeichnung beginnen oder sich lieber noch ausruhen sollte und hofft darauf, dass es ihm morgen besser gehen möge. Als er sich in den Lederstuhl setzt, um zu entspannen, fliegen ihm weitere Erinnerungen zu. So viele Menschen hat er in seinem Leben kennengelernt und besonders in den letzten Jahren wieder aus den Augen verloren.
Sir Edwin Landseer, der Hofmaler von Queen Victoria, mit dem er ebenfalls befreundet war, starb 1873 mit einundsiebzig Jahren. Er hatte Joseph 1849 den Weg zur Ausstellung seines Bildes »Woodcocks seeking shelter«47 in der Royal Academy geebnet und gesagt: »Wolf muss wohl in seinem vorherigen Leben ein Vogel gewesen sein.« Er fügte hinzu: »Joseph Wolf ist der uneingeschränkt beste und kenntnisreichste Tiermaler, der je gelebt hat.« Leider litt Landseer zu dieser Zeit schon unter Depressionen, die wohl auf seine Alkoholabhängigkeit zurückzuführen waren. In der vornehmen Gesellschaft wurde viel zu viel Gin getrunken. Der Nachwelt wird er wegen der vier bronzenen Löwenskulpturen am »Trafalgar Square« in Erinnerung bleiben und auch wegen seiner Gemälde von Queen Victoria und Prinz Albert.
Er, Joseph, wird diese Berühmtheit nie erreichen, dessen ist er sich sicher. In seinem Geburtsort wundert man sich vielleicht, dass aus dem Vogelnarren ein vornehmer Geschäftsmann geworden ist. Aber was immer man über ihn sagt, es ist ihm ziemlich egal. Berühmt zu werden, darum ist es ihm nie gegangen, sondern um Genauigkeit in den Darstellungen, um Mitgefühl und Ehrfurcht vor dem Wesen der Tiere. Sein ganzes Leben lang hat er sich eine eigene Meinung geleistet. Aufträge zu Jagdszenen, in denen das Töten der Tiere dargestellt werden sollte, lehnte er grundsätzlich ab. Großwildjäger, die in Afrika Tiere der Trophäen wegen töten, verabscheut er, weil er sich stets als Tierfreund verstanden hat.
Dass er nicht mehr in der Royal Academy ausstellt, hat seinen Grund darin, dass Wissenschaftler ihn gewöhnlich für einen Maler halten und Maler wiederum seine Bilder zu wissenschaftlich finden. So hat er beschlossen, sich diesen sinnlosen Kritiken nicht mehr auszusetzen. Schließlich empfindet er sich als beides: Künstler und Wissenschaftler.
Der Husten kommt wieder. Er sucht nach dem Wasserglas, das er neben einem Stapel Briefe findet. Während er einen Schluck trinkt, liest er noch einmal den Brief seines Neffen Johann Joseph, dem Sohn seines verstorbenen Bruders Johann, den er bereits 1894 erhalten hatte. Es geht darin um den Hauskauf in Mörz. Dafür hatte Joseph ihm schon vor Jahren das Geld gegeben und abgesprochen, das Haus gegenüber dem Elternhaus zu kaufen, dort, wo sich der Tümpel befand, an dem er einst den verletzten Adebar aufgezogen hatte. Mit dem Neffen, den er seit dessen Kindertagen kennt und der nun im Elternhaus wohnt, muss er alles Weitere besprechen, sobald er zurück in Mörz ist. Wenn Joseph es recht bedenkt, lebte er stets zwei Leben auf einmal, eines in Mörz und eines in London. Alle anderen Orte, wie Koblenz, Frankfurt, Darmstadt, Leiden und Antwerpen waren lediglich Durchgangsstationen.
Es sind aber nicht nur die Verwandten in Mörz, Kalt, auf den Lehmener Höfen, in Moselsürsch und auf dem Betzemer Hof, die ihm wichtig sind; alles auf dem Maifeld belebt ihn, die Greifvögel, die ziehenden Stare, die Gänse und Kraniche und die wilden Täler, die zur Mosel führen. Früher hat er bei seinen Reisen in die Heimat oft in Leiden bei Hermann Schlegel48 eine Zwischenstation eingelegt und ihm Illustrationen für dessen Museumszeitschrift geliefert. Aber Schlegel gibt es nun auch nicht mehr.
Weitere Briefe von den Verwandten aus Amerika liegen auf der Konsole des Bücherschranks. Sie sind von seinem Bruder Anton aus Kalifornien, sowie von seinen Cousins Randolph Michael Probstfeld49 und Jakob Eggener50. Sie alle hat er seit ihrer Auswanderung nie wiedergesehen.
Jakob war sein liebster Cousin und allerbester Freund aus Kinder- und Jugendtagen, der im Jahr 1846 mit Elisabeth Meurer und deren Familie nach Amerika auswanderte. Joseph war darüber informiert, dass Elisabeth und Jakob nach der Hochzeit sieben Kinder bekamen. Einen der Söhne nannten sie Joseph.
Jakob hatte ihm, Joseph, früher immer beigestanden. Ihm konnte er alles anvertrauen. Aber als der Cousin Hilfe gebraucht hätte, war leider niemand für ihn da. Was hatten sie nicht alles zusammen erlebt! Doch irgendwann hatten sich ihre Wege getrennt. Joseph bedauert sehr, wie alles gekommen war und dass sie sich aus den Augen verloren. Jakob hatte am amerikanischen Bürgerkrieg teilgenommen und diesen glücklich überlebt. Doch danach hat er sich in einer Scheune in Milwaukee aufgehängt. Joseph erfuhr dies durch einen Brief seines Cousins Randolph aus Moorhead, dem ein Zeitungsausschnitt beilag.
In dem Artikel aus dem Banner und Volksfreund Milwaukee51 vom 20.05.1871 hieß es:
»Gestern Nachmittag beging der in Nr. 301 Clinton-Straße wohnende Jacob Egner Selbstmord, indem er sich in seiner Scheune erhängte. Familienzwist soll die Ursache der grausigen Tat sein. Egner ist ungefähr 50 Jahre alt und hinterlässt Frau und 7 Kinder. Sein Leichnam wurde nach dem Totenhause der Polizei-Station verbracht.«
Josephs Bruder Anton wanderte, nachdem er Witwer geworden war, ebenfalls nach Minnesota aus. Der Cousin Randolph Michael Probstfeld, der bereits 1851 nach Amerika übergesiedelt war, hatte nach dem Tod seines Vaters in Kalt seine drei Brüder nachgeholt und später auch Anton. Anfangs lebten alle in unmittelbarer Nähe. Dass Anton zusammen mit der verwitweten Elisabeth und der Familie Meurer später nach Kalifornien zog, mochte daran liegen, dass sie die üble Nachrede wegen des Selbstmordes von Jakob nicht ertragen konnten. Cousin Randolph Michael Probstfeld aber schien noch immer glücklich mit seiner Familie in Moorhead zu leben. Er hatte mit Sidonia elf Kinder und war ein angesehener Mann geworden, der es sogar zum Senator gebracht hatte.
Vor ein paar Tagen bekam Joseph einen Brief von seinem amerikanischen Freund Elliot52. Da Muriel Briefmarken sammelt, durfte sie die Marke ablösen. Obwohl sie Elliot nicht persönlich kennt, fragte sie in ihrer direkten und unbekümmerten Art, was es Neues aus Amerika gibt. Er erzählte ihr also, dass Elliot im Mai an der »Harriman Alaska Expedition« teilnehmen wolle.
»Wie alt ist er eigentlich, Mr. Wolf? Vierundsechzig? Ist er dann nicht schon zu alt für solche Unternehmungen?«
Joseph wünscht, er könnte die Zeit zurückdrehen und noch einmal vierundsechzig sein. Eintauchen in die Jahre, als Louisa noch lebte und die Reisen ins Rheinland ihm nichts ausmachten.
»Erzählen Sie mir ruhig mehr über Ihren Freund Elliot, Mr. Wolf, ich höre Ihnen gerne zu«, hatte Muriel ihn aufgefordert. Er reichte ihr die Bände von den Fasanen, Katzenartigen und Paradiesvögeln.53 Als Muriel den Band mit den Paradiesvögeln betrachtete, war sie zuerst ganz begeistert. Plötzlich aber sprang sie voller Empörung auf: »Stellen Sie sich vor, Mr. Wolf, neulich habe ich einige vornehme Ladies gesehen, die Hüte trugen mit genau solchen langen, bunten Federn. Es ist eine Schande, dass diese schönen Vögel extra dafür sterben müssen! Nie im Leben würde ich mir so etwas auf den Kopf setzen!«
Erst als er ihr das Bild »Krieg und Frieden« zeigte, beruhigte sie sich wieder. Wohlwollend betrachtete sie die Taube im Geäst eines Baumes, unter dem ein Stahlhelm liegt, der von frischem Grün überwachsen wird. »Ja, so soll es sein, das Leben muss über den Tod siegen und das Gute über das Böse«, sagte sie. Er erzählte ihr, dass er das Bild nach dem Krieg 1871 gemalt hatte, als Elliot und er in Paris waren und anschließend die Schlachtfelder besuchten. Danach hatten sie für die deutschen Witwen und Waisen Gelder gesammelt, die Joseph in seiner Heimat übergeben konnte.
»Elliot muss ein guter Mensch sein, genau wie Sie, Mr. Wolf«, meinte Muriel.
»Das ist er«, stimmte er zu und erzählte, dass Elliot auch ein aufmerksamer Beobachter und Zuhörer ist und glücklicherweise kein armer Mann. Nachdem er dem Freund einmal erzählt hatte, dass er, Joseph, in seiner Jugend die Brasilien- und Nordamerika Ausstellungen von Prinz Maximilian54 in Neuwied besuchte, und dass diese ihn nachhaltig beeinflussten, scheute Elliot weder Geld noch Mühe, um nach dem Tod des Prinzen einen großen Teil der Sammlungen aufzukaufen und sie nach New York in das neu erbaute American Museum of Natural History zu bringen. Dort bildeten sie den Grundstock für die erste umfangreiche Ausstellung.« Muriel meinte: »Schauen Sie sich die Ausstellung doch noch einmal an, Mr. Wolf. Vielleicht können Sie dabei auch gleich noch Ihre Verwandten in Kalifornien und Minnesota besuchen.« Über ihre naive Sicht der Dinge muss er schmunzeln, aber eigentlich ist es traurig. Eine Fahrt über den Atlantik kann er sich wegen der häufigen Rheumaanfälle nicht mehr zumuten.
Er ist sehr froh, dass Muriel sich so oft Zeit für ihn nimmt und seinen Erläuterungen gern zuhört. Er wünschte, seine Töchter wüssten auch all das, was er Muriel erzählt hat. Die drei sind so schnell erwachsen geworden und wissen so wenig über ihren Vater. Dass er sie für immer aus den Augen verlieren wird, wenn er in die Heimat zurückkehrt, ist ihm schmerzlich bewusst.
Die Sonne ist durchgekommen und spiegelt sich auf dem Pflaster vor dem Haus. Vom Schreibtisch aus beobachtet er, wie zwei Fahrräder von der Fitzroy Road herkommen und über den Innenhof holpern. Er kann nicht erkennen, wer die Personen sind, möglicherweise Nino und Muriel, die aus West Hempstead, von John Seymor Lucas zurückkommen und ein neues Kostüm geliehen haben.
Er überlegt, ob er nicht hinausgehen und ein paar seiner Freunde zum »Five o’clock Tea« einladen sollte. Vielleicht kann er diesem oder jenem dabei auch einen Gefallen tun, indem er seine Hinterlassenschaften anbietet.
Er sucht nach seinem Gehstock, der gewöhnlich in der Ecke bei der Eingangstür, gegenüber dem gewaltigen Elchkopf lehnt, den Elliot ihm vor Jahren geschenkt hat. Der Gehstock ist zu Boden gefallen. Als Joseph sich bückt, um ihn aufzuheben, spürt er plötzlich wieder einen stechenden Schmerz in der rechten Schulter, so als wolle ihn jemand von hinten mit einem Dolch durchbohren. Sein Herz hämmert gegen den Brustkorb, die Beine beginnen zu zittern. Nur mühsam kann er sich an der Wand festhalten.
Wie er den Stock schließlich erreicht hat, ist ihm ein Rätsel. Jetzt stützt er sich jedenfalls darauf, und plötzlich ist alles ganz leicht, fast so, als schwebe er zur Tür hinaus. Dennoch, irgendetwas ist anders als sonst. Die zwölf roten Galeriehäuser mit den Walmdächern verschmelzen in gleißendem Licht zu einer einzigen hohen Mauer. Sein Stock hallt beim Gehen auf dem nassen Pflaster. Er kommt sich vor wie jene Karikatur von dem Affen mit dem Krückstock, die er in seiner Kindheit in einem Buch des Lehrers Kirchesch in der Metternicher Schule gesehen hat.
Joseph schaut sich um. Die kleine Gasse, die zur Fitzroy Road führt, wird immer schmaler und scheint sich hinter ihm zu schließen. Träumt er oder passiert das wirklich?
Und dort, kommt da nicht Feeny in seiner roten Uniform angerannt? Er soll bloß aufpassen! Wie leicht könnte er zerquetscht werden. Joseph muss ihn warnen, doch da füllt sich plötzlich der Innenhof mit dem Qualm der Lokomotiven und er kann Feeny nicht mehr sehen. Dicke Rußflocken rieseln vom Himmel, die Joseph vorsichtig davon pustet. Nur nicht ins Gesicht fassen! Davon wird man schwarz wie ein Schornsteinfeger!
Er überquert den Hof. Auch wenn er kaum etwas sehen kann, weiß er doch, dass sich Nr. 6 in der linken Ecke befindet. Da wohnen Nino, Esther und Muriel. Aber warum hat das Haus keinen Türklopfer mehr und die Galerie ist schwarz verhangen? Es riecht nach starkem Kaffee. Nino will wohl nicht gestört werden während er an der »Mermaid« malt und Muriel ihm Modell sitzt. Eine Gartentür knarrt. Sie wird geöffnet. Er spürt einen kalten Windhauch und vernimmt das Surren eines Fahrrades. Vielleicht ist es Esther Waterhouse, die eilig davonfährt, vielleicht nach Croydon, um Blumenbilder zu malen oder weil sie ihre toten Kinder besuchen will.
Sein Mund ist wie ausgedörrt. Er muss schnell etwas trinken. Unter der Schädeldecke hämmert es. Alles um ihn herum dreht sich. Er ist vollkommen verwirrt. Was ist nur geschehen? Ist er gestürzt? Oder sitzt er in einem Karussell? Er kann es nicht ertragen, will weg. Ihm wird übel. Er schließt die Augen. Weiß nicht, ob er es geschafft hat, wieder ins Haus zurückzukommen. Liegt er auf dem Fußboden oder auf einer grünen Wiese? Wo ist die Brille? Und wo der Gehstock? Er muss beides verloren haben. Kälte kriecht in seinen Körper. Er zittert und klappert mit den Zähnen. Will um Hilfe rufen, aber die Worte lassen sich nicht formen. Um ihn herum riecht es nach Frühlingsblumen. Er versucht, sie zu pflücken, aber es gelingt ihm nicht. Seine Hände sind steif, sie können nichts greifen. Es ist alles vergeblich. Nun kann er nur noch darauf vertrauen, dass irgendwann jemand kommen wird, um ihm aufzuhelfen. Mittlerweile wird es langsam dunkel. Noch immer liegt er ruhig am Boden und lauscht nun dem paradiesischen Gesang einer Nachtigall.
Jetzt hört er, dass die Haustür geöffnet wird. Schritte kommen näher. Auf den Dielen zeigt sich ein schwaches Licht. Es riecht nach Kerzenwachs.
Eine kühle Hand legt sich auf seine Stirn. »Bist du es, Mutter?«, fragt er verwundert.
Seine Augen füllen sich mit Tränen. »Jetzt schon?«
Er sieht einen kleinen Jungen, der unbeholfen an der Hand seiner Mutter durch den Garten spaziert, in dem Tulpen, Hyazinthen und Narzissen wachsen.
»Hörst du das Käuzchen rufen? Es ist schon spät. Du musst jetzt schlafen, mein Kind.« Er lauscht ihrer beruhigenden Stimme.
»Erzähl mir noch einmal die Geschichte von dem kleinen Bauernjungen, der hinausgeht in die weite Welt.«
Er schließt die Augen. Mutter deckt ihn behutsam zu und beginnt zu erzählen.
Es wird Nacht, eine Nacht, der kein Tag folgen wird.
Ganz in der Nähe läuten Kirchenglocken.
Joseph Wolf (geboren als Mathias Wolf) stirbt am 20. April 1899 in Primrose Hill, umgeben von seinen gefiederten Sängern.
Kapitel 2
1820 – 1836 Elternhaus, Kindheit und Jugend von Mathias Wolf in Mörz Der Vater, Anton Wolf55
Anton Wolf ist es ziemlich egal, wohin die politische Entwicklung seines Landes führen wird. Die Herrschaften kommen und gehen. Sein Leben besser gemacht haben sie nicht. Das kann er nur selbst tun, indem er hart arbeitet und eine gute Ernte einfährt. So hat er es in seinem dreiunddreißigjährigen Leben erfahren. Mit Politik hat er nichts am Hut. Er ist ein bodenständiger Bauer und konzentriert sich allein auf seinen Bauernhof, seine Familie, seine Tiere und sein Ackerland. Alles andere ist für ihn Zeitverschwendung.
Anton wurde 1787, noch unter der Herrschaft des letzten Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Trier, in Mörz – auf dem Maifeld geboren. Seine Eltern sind Anton Wolf (Senior) und Clara, geb. Wey. Als Napoleon das Land des Kurfürsten an sich bringt, wird Anton für die nächsten zwanzig Jahre zum Franzosen erklärt. Zuerst muss er Napoleon huldigen, später mithelfen, ihn wieder zu vertreiben. Am 7. Mai 1815 wird an den Rathäusern des Maifelds der preußische Adler angeschlagen. Antons König ist jetzt Friedrich Wilhelm III., der ihn zum Preußen macht. Aber Anton Wolf ist und bleibt immer nur Anton Wolf, ein Bauer vom Maifeld, der nach Kräften sein Land bearbeitet, mehr nicht. Er lässt sich weder beeinflussen noch verbiegen.
Mit seinem Bauernstand ist er zufrieden. Seine Ehefrau, Elisabeth56, ist gutherzig und fleißig. Beide haben die französische Zeit und den Krieg überstanden und auch die Hungerjahre danach.
Das einzige, was er sich noch wünscht, ist, dass seine Elisabeth einen gesunden Stammhalter zur Welt bringt.
20. Januar 1820 – Die Eltern
Anton steht abwartend an der Haustür, die zum Hof hinausführt. Es ist noch früh am Morgen und es regnet. Er will nur noch seine Pfeife zu Ende rauchen und dann zur Scheune hinüberlaufen, wo das Futter für die Tiere lagert, die schon lange blöken und muhen. Er pustet Pfeifenrauch in die Luft und blickt dabei über den quadratischen Innenhof seines Gehöftes, von den Stallungen und dem Häuschen mit dem Herz bis hin zur Scheune. Die Regentonnen, die neben der Scheune stehen, laufen über. Das Wasser bahnt sich einen Weg zum Misthaufen und fließt als gelbes Rinnsal durch das Hoftor zur Straße ab. Es hat nicht viel genützt, dass er zusammen mit den Knechten im Herbst den Hof tüchtig fest gestampft hat. Jetzt ist alles aufgeweicht und überall stehen Pfützen.
Er schaut zum Garten hinüber. Primeln in leuchtendem Blau, Rosa, Weiß und Gelb wachsen schon hinter dem Zaun, und an den Obstbäumen zeigen sich Knospen. Er denkt an seine Felder in der Konn, im Boden und am Münsterer Weg, wo er Wintergerste gesät hat. Noch sieht alles frisch und grün aus. Aber das bedeutet nicht viel. Der Schnee fehlt. Er hätte die Pflanzen über den Winter warmhalten sollen. Wenn jetzt Frost käme, nicht auszudenken! Mit einem Schlag könnte alles vernichtet sein.
Er rückt seine Schirmmütze zurecht und schaut zum Himmel. Schon wieder nähert sich eine dicke schwarze Wolkendecke von Westen her, von der Eifel. Das heißt, dass der Regen sobald nicht aufhören wird. Die Hunsrückberge im Osten, hinter der Mosel, lassen die Wolken einfach nicht weiterziehen. Kaum scheint der Regen vorbei zu sein, kommt er auch schon wieder zurück. Das geht nun fast eine Woche lang so. Der Hofhund hat sich in seine Hütte verkrochen und blinzelt schläfrig mit einem Auge zu ihm hinüber. Auch die Tauben, die sonst gern auf dem hohen Schieferdach des Hauses sitzen, bleiben in ihrem Schlag. Er kann sie nicht sehen, aber er hört ihr glucksendes dumpfes Gurren. »Bestimmt wird es bald wieder Hochwasser geben«, denkt er. Zum Glück kann es auf den Maifeldhöhen nicht so schlimm werden wie unten im Moseltal.
Er klopft seine Pfeife an der Wand aus und steckt sie in die Hosentasche.
Mit ein paar Rutschern über den matschigen Hof gelingt es ihm, heil in die Scheune zu gelangen.
