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Beschreibung

Wie ist so herrlich die Winternacht! Es glänzt der Mond in voller Pracht Mit den silbernen Sternen am Himmelszelt. Es zieht der Frost durch Wald und Feld Und überspinnet jedes Reis Und alle Halme silberweiß. Er hauchet über dem See, und im Nu, Noch eh' wir's denken, friert er zu. So hat der Winter auch unser gedacht Und über Nacht uns Freude gebracht. Nun wollen wir auch dem Winter nicht grollen Und ihm auch Lieder des Dankes zollen. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

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Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Herausgegeben von Julia Gommel-Baharov

Wenn es Winter wird

Die schönsten Geschichten, Lieder und Gedichte

 

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: kreuzerdesign Agentur für Konzeption und Gestaltung

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491087-1

 

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Inhalt

Der Winter hat sich angefangen, Der Schnee bedeckt das ganze Land …

Der Winter

Novemberlied

Auf die nunmehr angekommene kalte Winterszeit

Im Winter

Vier Jahrszeiten

Winter

An der Ecke

Heilige Winternacht

Winter

Gen Süden! Gen Süden!

Der erste Reisetag.

Winter-Idyll

Am stillen Herd

Von drauß’ vom Walde komm ich her; Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!

Knecht Ruprecht

Rohrmoos im Winter

Weihnacht

Der allererste Weihnachtsbaum

Groß-Stadt-Weihnachten

Weihnachtsmarkt

Heiligabend

Epiphanias

Der Stern

Und wieder hier draußen ein neues Jahr – Was werden die Tage bringen?!

Neujahrsglocken

Neujahrsnacht

Neujahrslied

Mitte des Winters

Die Silvesterglocken

Erstes Viertel

Unterwegs und wieder daheim

Zum Neuen Jahr

Mag da draußen Schnee sich thürmen, Mag es hageln, mag es stürmen …

Wintermorgen

Ein Winterabend

Will sehen was ich weiß Vom Büblein auf dem Eis

Harzreise im Winter

Eislauf

Landschaft

Der Gärtner an den Garten im Winter

Unterm weißen Baume sitzend

Frühlingstraum

Winternacht

Mag da draußen Schnee sich thürmen

Verheißung

Kling, Glöckchen, klingelingeling …

Sankt Martin

Schneeflöckchen, Weissröckchen

Leise rieselt der Schnee

In einem kleinen Apfel

Juchhe, der erste Schnee

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt

O Tannenbaum

Kling, Glöckchen, Klingelingeling

Lasst uns froh und munter sein

Morgen kommt der Weihnachtsmann

Was bringt der Weihnachtsmann?

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

Fröhliche Weihnacht überall

Wer klopfet an?

Maria durch ein’ Dornwald ging

Es kommt ein Schiff, geladen

Wie schön leuchtet der Morgenstern

Es ist ein Ros’ entsprungen

Als ich bei meinen Schafen wacht’

Vom Himmel hoch, da komm ich her

Auf dem Berge, da wehet der Wind

O Heiland, reiß die Himmel auf

Lieb’ Nachtigall, wach auf

Süßer die Glocken nie klingen

Heiligste Nacht

Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will

Des Jahres letzte Stunde

Nachweise

Der Winter hat sich angefangen, Der Schnee bedeckt das ganze Land …

Friedrich Hölderlin

Der Winter

Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet

Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,

Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen

Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.

Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel

Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,

Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,

Und geistiger das weit gedehnte Leben.

Johann Wolfgang Goethe

Novemberlied

Dem Schützen, doch dem alten nicht,

Zu dem die Sonne flieht,

Der uns ihr fernes Angesicht

Mit Wolken überzieht;

Dem Knaben sei dies Lied geweiht,

Der zwischen Rosen spielt,

Uns höret und zur rechten Zeit

Nach schönen Herzen zielt.

Durch ihn hat uns des Winters Nacht,

So häßlich sonst und rauh,

Gar manchen werten Freund gebracht

Und manche liebe Frau.

Von nun an soll sein schönes Bild

Am Sternenhimmel stehn,

Und er soll ewig hold und mild

Uns auf und unter gehn.

Johann Rist

Auf die nunmehr angekommene kalte Winterszeit

Der Winter hat sich angefangen,

Der Schnee bedeckt das ganze Land,

Der Sommer ist hinweggegangen,

Der Wald hat sich in Reif verwandt.

Die Wiesen sind von Frost versehret,

Die Felder glänzen wie Metall,

Die Blumen sind in Eis verkehret,

Die Flüsse stehn wie harter Stahl.

Wohlan, wir wollen von uns jagen

Durchs Feu’r das kalte Winterleid,

Kommt, laßt uns Holz zum Herde tragen

Und Kohlen dran, jetzt ist es Zeit.

Laßt uns den Fürnewein hergeben

Dort unten aus dem großen Faß,

Das ist das rechte Winterleben:

Ein heiße Stub und kühles Glas.

Wohlan, wir wollen musizieren

Bei warmer Luft und kühlem Wein,

Ein ander mag sein Klagen führen,

Den Mammon nie läßt fröhlich sein.

Wir wollen spielen, scherzen, essen,

Solang uns noch kein Geld gebricht,

Doch auch der Schönsten nicht vergessen,

Denn wer nicht liebt, der lebet nicht.

Wir haben dennoch g’nug zu sorgen,

Wann nun das Alter kommt heran,

Es weiß doch keiner, was ihm morgen

Noch vor ein Glück begegnen kann.

Drum will ich ohne Sorge leben,

Mit meinen Brüdern fröhlich sein,

Nach Ehr und Tugend tu ich streben,

Den Rest befehl ich Gott allein.

Georg Trakl

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.

Der Himmel ist einsam und ungeheuer.

Dohlen kreisen über dem Weiher

Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.

Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.

Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten

Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain

Und Raben plätschern in blutigen Gossen.

Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.

Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

Johann Wolfgang Goethe

Vier Jahrszeiten

Winter

85

Wasser ist Körper und Boden der Fluß. Das neuste Theater

 Tut, in der Sonne Glanz, zwischen den Ufern sich auf.

86

Wahrlich, es scheint nur ein Traum! Bedeutende Bilder des Lebens

 Schweben, lieblich und ernst, über die Fläche dahin.

87

Eingefroren sahen wir so Jahrhunderte starren,

 Menschengefühl und Vernunft schlich nur verborgen am Grund.

88

Nur die Fläche bestimmt die kreisenden Bahnen des Lebens;

 Ist sie glatt, so vergißt Jeder die nahe Gefahr.

89

Alle streben und eilen und suchen und fliehen einander;

 Aber Alle beschränkt freundlich die glättere Bahn.

90

Durch einander gleiten sie her, die Schüler und Meister,

 Und das gewöhnliche Volk, das in der Mitte sich hält.

91

Jeder zeigt hier, was er vermag; nicht Lob und nicht Tadel

 Hielte Diesen zurück, förderte Jenen zum Ziel.

92

Euch, Präconen des Pfuschers, des Meisters Verkleinerer, wünscht’ ich,

 Mit ohnmächtiger Wut, stumm hier am Ufer zu sehn.

93

Lehrling, du schwankest und zauderst, und scheuest die glättere Fläche.

 Nur gelassen! du wirst einst noch die Freude der Bahn.

94

Willst du schon zierlich erscheinen? und bist nicht sicher. Vergebens!

 Nur aus vollendeter Kraft blicket die Anmut hervor.

95

Fallen ist der Sterblichen Los. So fällt hier der Schüler,

 Wie der Meister; doch stürzt dieser gefährlicher hin.

96

Stürzt der rüstigste Läufer der Bahn, so lacht man am Ufer;

 Wie man bei Bier und Tabak über Besiegte sich hebt.

97

Gleite fröhlich dahin, gib Rat dem werdenden Schüler,

 Freue des Meisters dich, und so genieße des Tags.

98

Siehe, schon nahet der Frühling; das strömende Wasser

 verzehret Unten, der sanftere Blick oben der Sonne, das Eis.

99

Dieses Geschlecht ist hinweg, zerstreut die bunte Gesellschaft;

 Schiffern und Fischern gehört wieder die wallende Flut.

100

Schwimme, du mächtige Scholle, nur hin! und kommst du als Scholle

 Nicht hinunter, du kommst doch wohl als Tropfen ins Meer.

Rainer Maria Rilke

An der Ecke

Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,

die an der Ecke stets Kastanien briet.

Ihr Anditz schaut aus einer Tücherspalte

froh und gesund, ob Falte auch bei Falte

seit vielen Jahren es durchzieht.

Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;

die Tüten müssen rein sein, und das Licht

an ihrem Stand muß immer helle scheinen,

und von dem Ofen mit den krummen Beinen

verlangt sie streng die heiße Pflicht.

So trefflich schmort auch keine die Maroni.

Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,

und alle kennt sie – bis zum Tramwaypony;

sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni …

Und leise summt ihr Herd sein Lied.

Paul Zech

Heilige Winternacht

Die überschneiten Felder funkeln wie polierter Stahl,

bis an die nachtschwarz vorgeschobene Wälderküste.

Alleen schneiden, schroff wie zackige Gerüste,

der Schimmerflächen wechselndes Opal.

Wie eine ungeheure Kuppel steigt der Mond herauf.

Weißgelbe Wolken flattern: aufgebläht wie Fahnen,

die sich in Prozessionen um Monstranz, Soutanen

und Opferschreine scharen. Und wie Knauf an Knauf

auf Schäften hingespitzt, erblitzen die Gestirne.

Nacht schauert, überrauscht vom orgelnden Orkan,

stumm-fromm zusammen. Aller Unrast abgetan

ragen des Dorfes Dächer auf: steilsteif wie Firne

und spiegeln, wie um letzte Schwärze abzuschwächen,

die weißen Giebel in den zugefrornen Bächen.

Gertrud Kolmar

Winter

Der Triefbart zackt vereist vom Regenrohr.

Nordost steift wölfisch das gespitzte Ohr.

Ein Stern friert bläulich an, von Dunst umdickt.

Der Neuschnee klingelt glasbehängt und tickt.

Und Krähen schwimmen in den Acker schwer,

Der starre Wellen schlägt, ein schweigend Meer.

Ich steh am Uferwege, welk und klein,

Und senkte gern der Schäumeflut mich ein,

Die Fischernetze toter Amseln schleppt,

In steinern grünlich dunklen Abend ebbt.

Leicht splittert von der Wunde meiner Brust,

Dem schwarzen Kreis, ein Vogel ab: Gekrust.

Der Schneeglanz spült ihn hin: verdorrter Klang,

Der Regenbogen über Wälder sang.

Ich blieb. Durch meine Lider stichelt Reif.

Und hinterm Auge, weit, zerfließt ein Streif

In Grau und Rosa. Blaß verwischter Steig.

Ein Silberkelch, aprilner Pfirsichzweig,

Der leise, dichte Bienensüße weht.

Die Woge atmet in ein Scillabeet

Den stummen Fittich aus: er dehnt sich matt …

Kalt bleicht die Mondstirn, die kein Antlitz hat.

Selma Lagerlöf

Gen Süden! Gen Süden!

Der erste Reisetag.

Sonnabend, 1. Oktober.

Niels Holgersen saß auf dem Rücken des weißen Gänserichs und sauste hoch oben in den Wolken dahin. Einunddreißig Wildgänse flogen in wohlgeordneter Folge schnell gen Süden. Es rauschte in ihren Federn, und die vielen Flügel peitschten die Luft mit einem kreischenden Laut, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Akka von Kebnekajse flog an der Spitze, hinter ihr kamen Yksi und Kaksi, Kalme und Neljä, Viisi und Kuusi, der Gänserich Martin und Daunfein. Die sechs jungen Gößel, die sich im Herbst der Schar angeschlossen, hatten sie jetzt verlassen, um ihr Glück auf eigene Faust zu versuchen. Statt dessen hatten die alten Gänse zweiundzwanzig Gößel bei sich, die im Laufe des Sommers im Felsental herangewachsen waren. Elf davon flogen rechts und elf links, und sie gaben sich redliche Mühe, um denselben Abstand untereinander innezuhalten wie die großen Gänse.

Die armen Jungen hatten noch nie eine lange Reise gemacht, und im Anfang wurde es ihnen schwer, dem schnellen Flug zu folgen. »Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!« riefen sie in jämmerlichem Ton. – »Was gibt’s?« fragte die Führergans. – »Unsere Flügel sind müde von dem vielen Bewegen! Unsere Flügel sind müde von dem vielen Bewegen!« schrien die Jungen. – »Je länger ihr weiterstiegt, um so besser wird es gehen!« antwortete die Führergans und flog auch nicht im geringsten langsamer, sondern ebenso schnell wie bisher. Und es schien wirklich, als solle sie recht bekommen, denn als die Gößel ein paar Stunden geflogen waren, klagten sie nicht mehr über Müdigkeit. Im Felstal waren sie aber gewöhnt gewesen, den ganzen Tag zu fressen, und so währte es denn nicht lange, bis sie sich nach Nahrung sehnten.

»Akka, Akka, Akka von Kebnekajse!« riefen die jungen Gänse mir kläglicher Stimme. – »Was gibt’s denn jetzt schon wieder?« fragte die Führergans. – »Wir sind so hungrig, daß wir nicht weiter fliegen können,« schrien die Jungen. »Wir sind so hungrig, daß wir nicht weiter stiegen können.« – »Wilde Gänse müssen es lernen, Luft zu essen und Wind zu trinken,« antwortete die Führergans und hielt nicht an, sondern setzte ihren Flug genau so fort wie bisher.

Es schien auch fast, als lernten die Jungen, von Luft und Wind zu leben, denn als sie eine Weile geflogen waren, klagten sie nicht mehr über Hunger. Die Schar der wilden Gänse war noch oben zwischen den Bergen, und die alten Gänse riefen mit lauter Stimme den Namen aller Berggipfel, an denen sie vorüberflogen, damit die Jungen lernen sollten, wie sie hießen. Aber als sie eine Zeitlang gerufen hatten: »Das ist Porsutjåkko, das ist Sarjektjåkko, das ist Sulitelma!« wurden die Jungen wieder ungeduldig.

»Akka, Akka, Akka!« riefen sie mit herzzerreißender Stimme. – »Was gibt’s denn?« fragte die Führergans. – »Wir haben keinen Platz für mehr Namen in unserm Kopf!« schrien die Jungen. »Wir haben keinen Platz für mehr Namen in unserm Kopf!« – »Je mehr in einen Kopf hineinkommt, um so besser Platz wird darin!« antwortete die Führergans und fuhr fort, die merkwürdigen Namen geradeso zu rufen wie bisher.

Niels Holgersen dachte bei sich, es sei wirklich an der Zeit, daß die Wildgänse gen Süden zögen, denn da war so viel Schnee gefallen, daß die Erde, so weit man sehen konnte, ganz weiß war. Es ließ sich auch nicht leugnen, daß es in der letzten Zeit im Felsental recht ungemütlich gewesen war. Regen und Sturm und dichter Nebel hatten unablässig miteinander abgewechselt, und klarte sich das Wetter ausnahmsweise einmal auf, so trat sofort Frost ein. Beeren und Pilze, von denen der Junge während des Sommers gelebt hatte, erfroren oder verfaulten, so daß er schließlich rohe Fische essen mußte, und das mochte er gar nicht gern. Die Tage waren kurz, und die langen Abende und der späte Tagesanbruch waren zu trübselig und langweilig für ihn gewesen, der nicht genau so lange schlafen konnte, wie die Sonne vom Himmel verschwunden war.

Jetzt hatten die Gößel endlich so große Flügel bekommen, daß die Reise gen Süden angetreten werden konnte, und der Junge war so froh darüber, daß er fortwährend lachte und sang, wie er auf dem Rücken des Gänserichs dahinflog. Aber nicht nur, weil es dunkel und kalt und mit der Nahrung karg bestellt gewesen, hatte er sich von Lappland fortgesehnt, nein, er hatte auch noch andere Gründe.

In den ersten Wochen, die er dort war, hatte er wahrlich kein Heimweh gehabt. Es war ihm, als sei er nie in einem so schönen Lande gewesen, und er hatte keine andere Sorgen, als achtzugeben, daß die Mückenschwärme ihn nicht ganz auffraßen. Der Junge hatte nicht viel Freude von dem Gänserich Martin, denn der große Weiße hatte keinen andern Gedanken, als für Daunfein zu sorgen, und wich keinen Schritt von ihr. Aber dann hatte er sich an die alte Akka und an den Adler Gorgo gehalten, und die drei hatten manch eine vergnügte Stunde miteinander verbracht. Sie nahmen ihn auf lange Flüge mit. Der Junge hatte auf dem Gipfel des schneebedeckten Kebnekajse gestanden und auf die Gletscher hinabgesehen, die sich unterhalb des steilen, weißen Bergkegels ausbreiteten, und er war auch auf vielen anderen hohen Bergspitzen gewesen, die nur selten der Fuß eines Menschen betreten hat. Akka zeigte ihm verborgene Täler mitten zwischen den Bergen und ließ ihn in Felsschluchten hineinlugen, wo die Wölfinnen ihre Jungen großzogen. Es versteht sich von selbst, daß er auch die Bekanntschaft der zahmen Rentiere machte, die in großen Herden am Ufer des schönen Torne Träsk weideten, und daß er unten am Stora Sjöfall gewesen war und den Bären, die dort in der Gegend wohnten, Grüße von ihren Verwandten im Bergdistrikt gebracht hatte. Wohin er auch kam, überall war das Land schön und herrlich. Er war auch von Herzen froh darüber, daß er es hatte sehen dürfen, aber er hatte gerade keine Lust, dort zu wohnen. Er konnte nicht umhin, Akka recht zu geben, wenn sie sagte, dies Land könnten die schwedischen Ansiedler verschonen und es den Bären, Wölfen, Rentieren, Wildgänsen und Bergvögeln überlassen und den Wanderratten und den Lappen, die dazu geschaffen sind, dort zu leben.

Eines Tages war Akka mit ihm nach einer der großen Grubenstädte geflogen, und da fand er den kleinen Mads von einem Sprengschuß zerschmettert an einer Grubenöffnung liegen. In den folgenden Tagen dachte der Junge an nichts weiter, als wie er dem armen Gänsemädchen Aase helfen könne, aber als sie dann ihren Vater gefunden hatte und er nichts mehr für sie zu tun brauchte, streifte er am liebsten in dem Felstal umher, und von nun an sehnte er sich nach dem Tage, wo er mit dem Gänserich Martin heimkehren und wieder ein Mensch werden würde. Er wollte doch gern so werden, daß das Gänsemädchen Aase wieder mit ihm zu sprechen wagte und ihm nicht die Tür gerade vor der Nase zuschlug.

Ja, er war wirklich selig, als es jetzt gen Süden ging. Er schwenkte die Mütze und rief Hurra, als er den ersten Tannenwald sah, und ebenso begrüßte er das erste graue Ansiedlerhaus, die erste Ziege, die erste Katze und die ersten Hühner. Er flog über prachtvolle Wasserfälle hin, und zu seiner Rechten sah er schöne Berge liegen, aber an all dergleichen war er jetzt so gewöhnt, daß er sich kaum die Mühe machte, einen Blick darauf zu werfen. Etwas ganz anderes war es, als er gleich im Osten der Berge die Korickjocker Kapelle mit dem kleinen Pfarrhaus und dem kleinen Dorf liegen sah. Er fand das so schön, daß ihm Tränen in die Augen traten.

Während der ganzen Zeit trafen sie Zugvögel, die jetzt in weit größeren Scharen als im Frühling dahergeflogen kamen. ›Wo wollt ihr hin, Wildgänse?‹ riefen die Zugvögel. ›Wo wollt ihr hin?‹ – ›Wir wollen ins Ausland, ebenso wie ihr,‹ antworteten die Wildgänse. – ›Die Jungen sind ja noch nicht ordentlich flügge,‹ riefen die anderen. ›Die kommen niemals übers Meer mit so kleinen Flügeln!‹

Auch Lappen und Rentiere zogen nun geschäftig aus dem Gebirge herab. Sie kamen in guter Ordnung daher: ein Lappe ging an der Spitze des Zuges, dann kam die Herde mit den großen Rentieren in der ersten Reihe, darauf eine Reihe Lastrentiere, die die Zelte und andere Habseligkeiten der Lappen trugen, und schließlich sieben bis acht Menschen. Als die Wildgänse die Rentiere erblickten, ließen sie sich hinabsinken und riefen: ›Schönen Dank für den Sommer! Schönen Dank für den Sommer!‹ – ›Glückliche Reise und auf Wiedersehn im nächsten Jahr!‹ antworteten die Rentiere.