Wenn ich bleibe - Gayle Forman - E-Book

Wenn ich bleibe E-Book

Gayle Forman

4,5
8,99 €

oder
Beschreibung

Bleiben oder gehen, lieben oder sterben?

Mia muss sich entscheiden: Soll sie bei ihrem Freund Adam und ihrer Familie bleiben – oder ihrer großen Liebe zur Musik folgen und mit ihrem Cello nach New York gehen? Was, wenn sie Adam dadurch verliert?

Und dann ist von einer Sekunde auf die andere nichts mehr, wie es war: Auf eisglatter Fahrbahn rast ein Lkw in das Auto, in dem Mia sitzt. Mit ihrer Familie. Sie verliert alles und steht vor der einzigen Entscheidung des Lebens: Bleiben oder gehen?

Wenn ich bleibe” ist ein außergewöhnliches, ein berührendes Buch über die Liebe, über Freunde, Familie und das Leben. Es gibt wenige Bücher, die man nie vergisst. Dieses ist eines! Unsentimental, bewegend, tröstlich und wunderbar weise.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 272

Bewertungen
4,5 (96 Bewertungen)
59
24
13
0
0



Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
7.09 Uhr
8.17 Uhr
9.23 Uhr
10.12 Uhr
12.19 Uhr
15.47 Uhr
16.39 Uhr
16.47 Uhr
17.40 Uhr
19.13 Uhr
20.12 Uhr
21.06 Uhr
22.40 Uhr
2.48 Uhr
4.57 Uhr
5.42 Uhr
7.16 Uhr
 
Danksagung
Copyright
Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »If I Stay« bei Dutton Books, a member of the Penguin Group (USA), Inc., New York, NY
Für Nick Endlich … immer
Alle glauben, dass es am Schnee lag. Und irgendwie stimmt das wohl.
7.09 Uhr
Ich wache auf und sehe, dass der Rasen vor unserem Haus von einer dünnen Decke aus puderigem Weiß überzogen ist. Der Schnee liegt keine drei Zentimeter hoch, aber in diesem Teil von Oregon reicht schon ein Hauch von Pulverschnee, um alles zum Stillstand zu bringen und den einzigen Schneepflug im ganzen Bezirk auf die Straße zu treiben. Dabei sind es nicht einmal richtige Eiskristalle, sondern nur nasse Flocken, die vereinzelt aus dem Himmel fallen.
Wegen des Schnees – so wenig es auch sein mag – fällt die Schule aus. Mein kleiner Bruder Teddy stößt ein Kriegsgeheul aus, als im Radio der Ausfall des Unterrichts verkündet wird. »Schneefrei!«, brüllt er. »Komm, Dad, wir bauen einen Schneemann.«
Mein Vater lächelt und klopft leicht auf seine Pfeife. Er hat erst kürzlich mit dem Rauchen angefangen. Das gehört zu seinem Retrokick, nach dem Motto der 1950er-Jahre: Vater ist der Beste. Er trägt sogar eine Fliege. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich auf den Kram steht oder ob er damit nur alle auf den Arm nehmen will. Vielleicht ist es seine ganz eigene Art auszudrücken, dass er früher zwar ein Punk war, heute aber Mittelstufenschüler in Englisch unterrichtet. Aber vielleicht hat es ihn auch tatsächlich um Jahrzehnte zurückgeworfen, dass er Lehrer geworden ist.
»Du kannst es gerne versuchen«, sagt mein Vater zu Teddy. »Aber das Zeug bleibt ja kaum liegen. Vielleicht solltest du keinen Schneemann, sondern eine Schneeamöbe bauen.«
Es ist nicht zu übersehen, dass mein Vater glücklich ist. Der Schneestaub da draußen bedeutet, dass alle Schulen im Umkreis geschlossen bleiben, einschließlich meiner Highschool und der Schule, in der mein Vater angestellt ist. Und ein freier Tag kommt nie ungelegen. Meine Mutter, die in einem Reisebüro in der Stadt arbeitet, schaltet das Radio aus und schenkt sich eine zweite Tasse Kaffee ein. »Tja, wenn ihr heute schwänzt, dann werde ich ganz bestimmt nicht ins Büro gehen. Das wäre doch überhaupt nicht fair.« Sie nimmt den Hörer ab und sagt ihrem Chef, dass sie sich heute freinimmt. Danach schaut sie uns an. »Soll ich Frühstück machen?«
Mein Vater und ich brechen in schallendes Gelächter aus. Meine Mutter kriegt Müsli und Toast hin, mehr nicht. Mein Vater ist der Koch in der Familie.
Meine Mutter tut so, als würde sie uns nicht hören, und holt aus dem Küchenschrank eine Packung mit Fertigbackmischung. »Also bitte! Wie schwer kann das schon sein? Wer will Pfannkuchen?«
»Ich! Ich!«, brüllt Teddy. »Mit Schokostückchen, ja?«
»Warum nicht?«, erwidert meine Mutter.
Teddy stimmt sein zweites Kriegsgeheul an diesem Morgen an und wedelt wild mit den Armen.
»Du hast heute viel zu viel Energie«, sage ich. Und zu meiner Mutter gewandt: »Du solltest ihm nicht so viel Kaffee geben.«
»Er kriegt doch nur entkoffeinierten!«, gibt meine Mutter schmunzelnd zurück. »Er strotzt einfach von Natur aus vor Kraft.«
»Solange du mir keinen Seniorenkaffee gibst, ist mir das egal«, erkläre ich.
»Das wäre ja Kindesmisshandlung«, kontert mein Vater.
Meine Mutter reicht mir eine dampfende Tasse und die Zeitung.
»Da ist ein hübsches Bild von deinem Liebsten drin«, sagt sie.
»Echt? Ein Bild?«
»Ja. Viel mehr haben wir diesen Sommer ja nicht von ihm zu sehen bekommen«, sagt meine Mutter und schaut mich kurz von der Seite her an. Dabei zieht sie eine Augenbraue hoch – das versteht sie unter einem bohrenden Blick.
»Ich weiß«, sage ich, und dann seufze ich, ohne es zu wollen. Mit Adams Band »Shooting Star« geht es steil aufwärts, was wirklich toll ist – im Großen und Ganzen.
»Ach, der Ruhm – verschwendet an die Jugend«, sagt mein Vater, aber er lächelt dabei. Ich weiß, dass er sich für Adam freut, sehr sogar.
Ich blättere durch die Zeitung, bis ich den Veranstaltungskalender finde. Da steht eine kleine Notiz über »Shooting Star«, mit einem noch kleineren Bild von den vier Bandmitgliedern, direkt neben einem großen Artikel über die Band »Bikini« und einem riesigen Bild von deren Sängerin: Punkrock-Diva Brooke Vega. Die Notiz erklärt nur knapp, dass »Shooting Star«, eine Band aus dieser Stadt, in Portland als Vorgruppe für »Bikini« spielen wird, die derzeit auf landesweiter Tournee sind. Die Tatsache, dass »Shooting Star« gestern Abend ein Konzert in Seattle gegeben haben und dass der Klub laut Adam bis auf den letzten Platz ausverkauft war, wird nicht erwähnt. Adam hatte mir um Mitternacht eine SMS geschickt.
»Gehst du heute Abend hin?«, fragt mein Vater.
»Ich wollte eigentlich schon. Es kommt darauf an, ob nicht vielleicht im ganzen Land wegen des Schnees die Bürgersteige hochgeklappt werden.«
»Aber sieh doch selbst: Es ist tatsächlich ein Schneesturm«, sagt mein Vater und deutet auf eine einzelne Schneeflocke, die vor dem Fenster zu Boden trudelt.
»Ich soll mich außerdem noch bei irgendeinem Pianisten vom College melden, den Professor Christie ausgegraben hat, und einen Termin mit ihm vereinbaren.« Professor Christie, eine pensionierte Musikdozentin an der Universität, mit der ich in den letzten Jahren gearbeitet habe, ist immer auf der Suche nach neuen Opfern, die mit mir spielen müssen. »Das hält dich auf Trab, damit du all den Snobs in Juilliard zeigen kannst, wie man es richtig macht«, sagt sie.
Ich bin noch nicht einmal in Juilliard aufgenommen, obwohl das Vorspielen ziemlich gut lief. Die Bach-Suite und das Stück von Schostakowitsch sind aus mir herausgeflossen wie noch nie zuvor, als ob meine Finger eine Verlängerung von Saiten und Bogen wären. Als ich fertig war – keuchend, mit zitternden Beinen, weil ich sie so fest zusammengepresst hatte -, hat einer der Juroren tatsächlich applaudiert, was ich für ein gutes Zeichen hielt. Ich nehme an, das passiert dort nicht sehr oft. Als ich aus dem Zimmer schlurfte, erklärte mir derselbe Juror, es sei eine ganze Weile her, dass man in der Schule ein »Oregon-Mädchen vom Lande« gesehen habe. Professor Christie nahm seine Worte als Garantie, dass ich die Prüfung bestanden hätte. Ich bin mir allerdings nicht so sicher. Und ich bin mir auch nicht hundertprozentig sicher, dass ich es will. Genauso wie »Shooting Stars« kometenhafter Aufstieg würde meine Aufnahme in Juilliard einige Probleme mit sich bringen, oder, besser gesagt, die Schwierigkeiten, die sich in den letzten Monaten entwickelt haben, noch weiter vergrößern.
»Ich brauche noch mehr Kaffee. Sonst noch jemand?«, fragt meine Mutter und baut sich neben unserer uralten Kaffeemaschine auf.
Ich ziehe den Geruch des Kaffees durch die Nase ein, das reiche, dunkle, ölige Aroma der französischen Marke, die wir alle lieben. Allein schon der Duft muntert mich auf. »Ich glaube, ich gehe wieder ins Bett«, sage ich. »Mein Cello ist in der Schule, also kann ich nicht mal üben.«
»Nicht üben? Vierundzwanzig Stunden lang nicht üben? Da hüpft mir ja das Herz im Leib!«, grinst meine Mutter. Obwohl sie sich mit den Jahren an die klassische Musik gewöhnt hat – »das ist so ähnlich, als müsste man lernen, einen stinkenden Käse zu genießen« -, ist sie nicht immer ein dankbares Publikum für meine endlosen Übungsstunden.
Von oben ertönt ein Krachen und Dröhnen. Teddy hämmert auf seinem Schlagzeug herum. Es hat früher meinem Vater gehört, als er noch in einer Band spielte, die in unserer Stadt ganz groß herauskam, anderswo aber völlig unbekannt blieb. Nebenbei arbeitete er in einem Plattenladen.
Mein Vater grinst über den Krach, den Teddy veranstaltet. Bei dem Anblick verspüre ich einen vertrauten Stich. Ich weiß, es ist lächerlich, aber ich habe mich schon oft gefragt, ob mein Vater wohl enttäuscht darüber ist, dass es mich nicht zur Rockmusik hingezogen hat. Ich habe es ja versucht. Aber dann, in der dritten Klasse, bin ich eines Tages im Musikunterricht zum Cello geschlendert – es wirkte auf mich fast menschlich. Es sah so aus, als ob ich es nur in die Hand nehmen müsste, damit es mir seine Geheimnisse anvertrauen würde. Und so fing ich an zu spielen. Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen, und ich habe nicht mehr damit aufgehört.
»So viel zu deinem Plan, wieder ins Bett zu gehen.« Meine Mutter muss brüllen, um Teddys Radau zu übertönen.
»Schaut euch das an, der Schnee schmilzt schon wieder«, sagt mein Vater. Ich gehe zur Hintertür und werfe einen Blick hinaus. Ein Flecken aus Sonnenlicht glüht dort, wo die Wolken aufgerissen sind, und ich kann hören, wie sich das Eis zischend in Tropfen verwandelt. Ich mache die Tür wieder zu und gehe zurück in die Küche.
»Meiner Meinung nach haben die Behörden überreagiert«, sage ich.
»Mag sein, aber ihre Entscheidung können sie nicht mehr rückgängig machen. Die Schulen bleiben geschlossen, und ich habe mir heute freigenommen«, sagt meine Mutter.
»In der Tat. Aber wir könnten doch die unerwartete Gelegenheit beim Schopf packen und irgendwo hinfahren«, erwidert mein Vater. »Wir könnten einen Ausflug machen. Henry und Willow besuchen.« Henry und Willow sind zwei der Musikerfreunde meiner Eltern aus alten Tagen, die mittlerweile auch ein Kind bekommen und beschlossen haben, sich endlich wie Erwachsene zu benehmen. Sie wohnen auf einer großen, alten Farm. Die Scheune haben sie zu einem Büro umgebaut, und Henry bastelt dort Websites. Willow arbeitet in einem Krankenhaus. Sie haben ein kleines Mädchen. Das ist auch der Grund dafür, dass meine Eltern sie besuchen wollen. Teddy ist gerade acht geworden, und ich bin siebzehn, was bedeutet, dass wir schon seit ewigen Zeiten aus dem Alter heraus sind, in dem Kinder diesen säuerlichen Milchgeruch verströmen, bei dem Erwachsene dahinschmelzen.
»Wir können auf dem Heimweg bei Book-Barn anhalten«, sagt meine Mutter. Damit hat sie einen Köder für mich ausgeworfen. Book-Barn ist ein riesiges, verstaubtes Antiquariat. Ganz hinten stapeln sich Schallplatten mit klassischer Musik für fünfundzwanzig Cents, die außer mir scheinbar niemand kauft. Ich habe schon einen ganzen Haufen davon unter meinem Bett liegen, gut versteckt, versteht sich. Eine Sammlung klassischer Schallplatten ist nichts, was man herausposaunen sollte.
Ich habe sie Adam gezeigt, aber erst, als wir schon fünf Monate zusammen waren. Ich dachte, er würde mich auslachen. Er ist so ein cooler Typ mit seinen Röhrenjeans und den schwarzen Convers-Tretern, den gekonnt ausgewaschenen Punkrock-T-Shirts und den unauffälligen Tattoos. Er ist so ganz und gar nicht der Typ, den man in meiner Gesellschaft erwarten würde. Deshalb dachte ich auch, dass er sich über mich lustig machte, als ich ihn vor zwei Jahren das erste Mal dabei erwischte, wie er mich im Musikstudio in der Schule anstarrte, und ich glaubte, ich müsste ihm aus dem Weg gehen. Wie auch immer, er lachte mich nicht aus. Es stellte sich heraus, dass er selbst eine Sammlung verstaubter Punk-Scheiben unter seinem Bett versteckt hält.
»Wir können auch bei Gran und Gramps zu einem frühen Abendessen einfallen«, sagt mein Vater und greift bereits zum Telefon. »Und wir sind bestimmt früh genug wieder da, damit du rechtzeitig nach Portland kommst«, fügt er hinzu, während er die Nummer meiner Großeltern wählt.
»Ich bin dabei«, verkünde ich.
»Teddy!«, ruft mein Vater. »Zieh dich an. Wir gehen auf Abenteuerfahrt!«
Teddy beendet sein Schlagzeugsolo mit scheppernden Schlägen auf die Becken. Einen Augenblick später kommt er vollständig angekleidet in die Küche gerast, als ob er sich seine Sachen unterwegs angezogen hätte, während er die steile hölzerne Treppe unseres zugigen viktorianischen Hauses nach unten gepoltert kam. »School’s out for summer …«, singt er.
»Alice Cooper?«, fragt mein Vater mit gespielter Empörung. »Haben wir denn neuerdings keinen Geschmack mehr? Sing wenigstens irgendwas von den ›Ramones‹.«
»School’s out forever!«, grölt Teddy ungerührt weiter.
»Freu dich bloß nicht zu früh«, sage ich.
Meine Mutter stellt einen Teller mit leicht angebrannten Pfannkuchen auf den Küchentisch. »Greift zu, Leute«, befiehlt sie.
8.17 Uhr
Wir quetschen uns in unseren rostigen Buick, der schon alt war, als meine Großmutter ihn uns nach Teddys Geburt schenkte. Meine Eltern fragen mich, ob ich fahren will, aber ich lehne ab. Mein Vater setzt sich ans Steuer. Mittlerweile fährt er gern Auto. Jahrelang hatte er sich hartnäckig geweigert, den Führerschein zu machen, und darauf bestanden, überall mit dem Rad hinzufahren. Damals, als er noch Musiker war, hatte seine Abneigung gegen das Autofahren zur Folge, dass immer eines der anderen Bandmitglieder fahren musste. Sie schüttelten darüber nur verständnislos den Kopf. Meine Mutter allerdings begnügte sich nicht mit Kopfschütteln. Sie nervte ihn, hänselte ihn, und manchmal schrie sie ihn auch an, er solle endlich fahren lernen, aber er beharrte stur darauf, dass ihm sein Drahtesel heilig sei. »Na, dann baue doch bitte ein Fahrrad, auf dem Platz für drei ist und in dem wir nicht nass werden, wenn es regnet«, sagte sie. Aber mein Vater lachte bloß und meinte, das bekäme er schon hin.
Aber als meine Mutter mit Teddy schwanger war, hörte der Spaß auf. Es reicht, meinte sie. Mein Vater schien zu begreifen, dass sich etwas verändert hatte. Er hörte auf zu widersprechen und machte den Führerschein. Er drückte sogar wieder die Schulbank, um seine Ausbildung als Lehrer abzuschließen. Als Vater eines Kindes selbst noch halb in den Kinderschuhen zu stecken, war vielleicht gerade noch vertretbar gewesen, aber bei zwei Kindern war es dann doch Zeit, erwachsen zu werden – Zeit, sich eine Fliege umzubinden.
Heute Morgen trägt er auch eine, zusammen mit einem karierten Sportjackett und hässlichen Halbschuhen, die man Budapester nennt. »Gerade richtig für einen Schneesturm«, bemerke ich.
»Ich bin wie der Postbote«, erwidert mein Vater und hebt einen von Teddys Plastikdinosauriern auf, die auf dem Rasen vor dem Haus herumliegen. »Weder Sturm noch Regen noch Schnee können mich dazu bringen, mich wie ein Holzfäller anzuziehen.« Dann fängt er an, mit dem Plastikdinosaurier den Schnee vom Auto zu schieben.
»He, meine Vorfahren waren Holzfäller«, sagt meine Mutter in warnendem Ton. »Mach dich bloß nicht über die Arbeiterklasse lustig.«
»Würde mir nicht im Traum einfallen«, sagt mein Vater. »Ich will mich nur von der Masse abheben.«
Mein Vater muss den Zündschlüssel ein paarmal herumdrehen, ehe der Wagen keuchend zum Leben erwacht. Wie üblich entbrennt ein Kampf um die Herrschaft über das Radio. Meine Mutter will NPR hören, den Sender, dessen Programm nicht durch Werbung unterbrochen wird. Mein Vater verlangt nach Frank Sinatra. Teddy besteht auf SpongeBob. Ich würde am liebsten klassische Musik hören, aber da es außer mir keinen einzigen Klassikfan in der Familie gibt, bin ich gewillt, mich mit »Shooting Star« zu begnügen.
Mein Vater führt die Verhandlung. »Da wir ja heute schulfrei haben, sollten wir uns erst einmal die Nachrichten anhören, damit wir nachher nicht als Ignoranzen dastehen …«
»Heißt das nicht Ignoranten?«, unterbricht ihn meine Mutter.
Mein Vater rollt mit den Augen und legt seine rechte Hand auf die linke meiner Mutter. Dann räuspert er sich auf lehrerhafte Art. »Wie ich gerade sagen wollte: Zuerst NPR, und wenn die Nachrichten vorbei sind, schalten wir auf den Klassiksender um. Teddy, wir wollen dich nicht quälen; du darfst dir den Discman ins Ohr stöpseln.« Damit zieht er das Verbindungskabel des tragbaren CD-Players heraus, der an das Autoradio angeschlossen war. »Aber du wirst in meinem Auto auf keinen Fall Alice Cooper hören. Das verbiete ich.« Mein Vater kramt im Handschuhfach herum. »Wie wär’s mit Jonathan Richman?«
»Ich will SpongeBob hören. Liegt schon im CD-Player!«, schreit Teddy, hopst auf und ab und streckt die Hand nach dem Gerät aus. Die Pfannkuchen mit Schokostreuseln haben seine lebhafte Wesensart erst richtig befeuert.
»Sohn, du brichst mir das Herz«, scherzt mein Vater. Sowohl Teddy als auch ich wurden zu den unerträglichen Klängen von Jonathan Richman aufgezogen, der für meine Eltern so etwas wie ein Heiliger in Sachen Musik ist.
Nachdem die musikalische Auswahl getroffen ist, fahren wir los. Auf der Straße liegen hier und da kleine Flecken aus Schnee, doch meistenteils ist sie einfach nur nass. Aber wir sind hier in Oregon. Hier sind die Straßen ständig nass. Meine Mutter meint immer, dass die meisten Leute erst dann Probleme kriegen, wenn die Straßen einmal trocken sind. »Dann werden sie übermütig, werfen alle Vorsicht über Bord und fahren wie die letzten Arschlöcher. Das sind Freudentage für die Cops, die einen Raser nach dem anderen hoppnehmen.«
Ich lehne den Kopf gegen das Fenster und schaue zu, wie die Landschaft an mir vorbeisaust, ein Tableau aus dunkelgrünen, schneebesprenkelten Tannen, hauchzarten Schleiern aus weißem Nebel und schweren grauen Sturmwolken über uns. Im Auto ist es so warm, dass die Scheiben beschlagen, und ich male kleine Schnörkel auf die feuchte Fläche.
Als die Nachrichten vorbei sind, schalten wir auf Klassik um. Ich höre die ersten Takte von Beethovens Cellosonate Nummer drei, genau das Stück, an dem ich eigentlich heute Nachmittag hätte arbeiten sollen. Irgendwie kommt es mir so vor, als würde die Musik extra für mich spielen. Ich konzentriere mich auf die Noten, stelle mir vor, wie ich sie spiele, und bin dankbar für die Möglichkeit, doch noch üben zu können, glücklich, in einem warmen Auto zu sitzen – mit meiner Sonate und meiner Familie. Ich schließe die Augen.
 
Man sollte nicht glauben, dass das Radio danach noch funktioniert. Aber das tut es tatsächlich.
Der Wagen ist wie ausgeweidet. Der Aufprall des Kleinlasters, der sich mit beinahe hundert Stundenkilometern in die Beifahrerseite pflügte, hatte die Wucht einer Bombe. Er riss die Türen ab und schleuderte den Beifahrersitz durch die Fensterscheibe auf der Fahrerseite. Er schnipste das Fahrgestell in die Höhe, ließ es über die Straße hüpfen und riss den Motor auseinander, als wäre er nur aus Spinnweben gemacht. Er schleuderte Räder und Radkappen bis weit in den Wald hinein. Er entzündete die Reste des Tankinhalts, sodass winzige Flammen über die nasse Straße leckten.
Und dann der Lärm. Eine Symphonie aus Knirschen, ein Chor aus Platzen, eine Arie aus Explosion und schließlich das traurige Klatschen von hartem Metall gegen weiche Baumstämme. Dann wurde es still. Bis auf eins: Beethovens Cellosonate Nummer drei, die immer noch spielt. Das Autoradio hängt tatsächlich noch an der Batterie, und so kann sich Beethoven in dem nun wieder friedlichen Februarmorgen ausbreiten.
Zunächst denke ich, dass alles in Ordnung ist. Schließlich kann ich immer noch Beethoven hören. Und außerdem stehe ich hier in einem Graben neben der Straße. Als ich an mir herabschaue, sehen der Jeansrock, die Sweatjacke und die schwarzen Stiefel, die ich heute Morgen angezogen habe, noch genauso aus wie vorher.
Ich klettere die Böschung hinauf, um einen besseren Blick auf den Wagen zu haben. Es ist nicht einmal mehr ein Wagen. Es ist ein Skelett aus Metall, ohne Sitze, ohne Fahrgäste. Was bedeutet, dass auch der Rest meiner Familie wie ich aus dem Auto geschleudert wurde. Ich wische mir die Hände am Rock ab und gehe die Straße entlang, um nach ihnen zu suchen.
Meinen Vater sehe ich als Erstes. Selbst aus einigen Metern Entfernung kann ich die Wölbung in seiner Jacke sehen, wo die Pfeife in der Innentasche steckt. »Dad!«, rufe ich, aber als ich auf ihn zugehe, wird der Boden unter meinen Füßen glitschig, und ich sehe graue Klumpen herumliegen, die mich an Blumenkohl erinnern. Ich weiß genau, was ich da sehe, aber aus irgendeinem Grund bringe ich es nicht gleich mit meinem Vater in Verbindung. Was mir in den Sinn kommt, sind Meldungen über Tornados oder Feuersbrünste, die ein Haus dem Erdboden gleichmachen und das Gebäude nebenan unversehrt lassen. Das Gehirn meines Vaters liegt auf dem Asphalt verstreut. Aber die Pfeife steckt noch in seiner Jackentasche.
Als Nächstes finde ich meine Mutter. Es ist fast kein Blut zu sehen, aber ihre Lippen sind schon ganz blau, und das Weiße ihrer Augen ist dunkelrot, wie bei einem Untoten aus einem billigen Monsterfilm. Sie wirkt völlig unwirklich. Und ihr Anblick, wie sie da wie ein grotesker Zombie liegt, lässt in meinem Inneren die Panik hochkochen.
Ich muss Teddy finden! Wo ist er? Ich wirbele herum, hektisch, hysterisch, wie damals, als ich ihn zehn Minuten lang in einem Supermarkt gesucht habe. Ich war überzeugt davon, dass man ihn entführt hatte. Natürlich war er nur in den Gang mit den Süßigkeiten entwischt. Als ich ihn fand, wusste ich nicht, ob ich ihn an mich drücken oder ihn anschreien sollte.
Ich renne zurück zu dem Graben, wo ich herkam, und sehe eine Hand in die Höhe ragen. »Teddy! Ich bin hier!«, rief ich. »Gib mir deine Hand. Ich ziehe dich raus.« Aber als ich näher komme, sehe ich das metallische Schimmern des silbernen Armbands und das winzige Cello und die Gitarre, die daran hängen. Adam hat mir das Armband zu meinem siebzehnten Geburtstag geschenkt. Es ist mein Armband. Ich trug es heute Morgen. Ich schaue auf mein Handgelenk. Ich trage es immer noch.
Langsam trete ich näher, und jetzt weiß ich, dass nicht Teddy dort liegt. Ich bin es. Das Blut aus meiner Brust hat das T-Shirt durchweicht, den Rock und die Jacke, und jetzt ergießt es sich in Rinnsalen auf den jungfräulichen Schnee, wie rote Farbe. Eins meiner Beine liegt verdreht da, Haut und Muskeln sind weggeschält, sodass ich den weißen Knochen darunter sehen kann. Meine Augen sind geschlossen, und mein dunkelbraunes Haar ist nass und rostig vor Blut.
Mit einem Ruck wende ich mich ab. Das ist nicht richtig. Das kann nicht sein. Wir sind eine Familie, die einen Ausflug macht. Das ist nicht wirklich. Ich muss im Auto eingeschlafen sein. Nein! Aufhören. Bitte aufhören. Bitte wach auf!, schreie ich in die kalte Luft. Es ist wirklich kalt. Mein Atem sollte in kleinen Dampfwölkchen vor meinem Mund stehen. Er tut es nicht. Ich starre auf mein Handgelenk, das unverletzt aussieht, unberührt von Blut und Knorpel, und ich zwicke mich, so fest ich kann.
Ich spüre rein gar nichts.
Ich hatte schon früher Albträume – Albträume, in denen ich falle, in denen ich vor Publikum auftrete, ohne zu wissen, was ich spielen muss, in denen ich mit Adam Schluss mache – aber ich konnte mich immer zwingen aufzuwachen, meinen Kopf vom Kissen zu erheben und den Horrorstreifen, der sich hinter meinen geschlossenen Augenlidern abspielte, anzuhalten, indem ich meine Augen öffnete. Ich versuche es noch einmal. Wach auf!, schreie ich. Wach auf! Wachaufwachaufwachauf! Aber ich kann es nicht. Es geht nicht.
Dann höre ich etwas. Es ist die Musik. Ich kann immer noch die Musik hören. Und so konzentriere ich mich darauf. Mit den Fingern finde ich die Noten von Beethovens Cellosonate Nummer drei, spiele sie auf einem unsichtbaren Cello, wie so oft, wenn ich mir Aufnahmen von Stücken anhöre, an denen ich gerade arbeite. Adam nennt das »Luftcello«. Er will mich immer dazu überreden, einmal mit ihm ein Duett zu spielen, er auf der Luftgitarre und ich auf dem Luftcello. »Wenn wir fertig sind, können wir unsere Luftinstrumente zerschlagen«, grinst er dann. »Das würde dir bestimmt Spaß machen.«
Ich spiele, lenke meine ganze Aufmerksamkeit nur auf die Melodie, bis das letzte bisschen Leben im Wagen erstirbt, und damit auch die Musik.
Es dauert nicht mehr lang, bis die Sirenen kommen.
9.23 Uhr
Bin ich tot?
Ich muss mir diese Frage stellen.
Bin ich tot?
Zuerst scheint es mir die logischste Erklärung zu sein. Ich denke, dass die Zeit, in der ich hier stehe und zuschaue, nur ein Intermezzo ist, bevor ich mein Leben in Sekundenschnelle an mir vorbeiziehen sehe und das helle Licht kommt, das mich dorthin führt, wohin ich als Nächstes gehen werde.
Aber der Krankenwagen ist da, die Polizei und auch die Feuerwehr. Jemand hat eine Decke über meinen Vater gelegt. Und ein Feuerwehrmann zieht gerade den Reißverschluss des Leichensacks zu, in dem meine Mutter liegt. Ich höre, wie er sich mit einem anderen Feuerwehrmann unterhält, der kaum älter als achtzehn sein kann. Der Ältere erklärt dem Grünschnabel, dass meine Mutter vermutlich zuerst getroffen und sofort getötet wurde, was das wenige Blut erklären würde. »Sofortiger Herzstillstand«, sagt er. »Wenn das Herz kein Blut mehr pumpen kann, blutet man auch nicht. Es versickert einfach.«
Ich will nicht darüber nachdenken – darüber, dass das Blut meiner Mutter versickerte. Stattdessen denke ich, wie passend es ist, dass sie zuerst getroffen wurde, dass sie diejenige war, die die Wucht von uns abgefangen hat. Es war ganz offensichtlich nicht ihre Entscheidung, aber es war ihre Art.
Aber bin ich tot? Das Ich, das am Straßenrand liegt, mit einem Bein über den Böschungsrand baumelnd, ist umringt von einer Gruppe aus Männern und Frauen, die mich mit hektischen Bewegungen säubern, entkleiden und mir Gott weiß was in die Venen stechen. Ich bin schon halb nackt; die Sanitäter haben mir mein T-Shirt aufgerissen. Eine meiner Brüste ist entblößt. Peinlich berührt schaue ich zur Seite.
Die Polizei hat die Unfallstelle mit Fackeln abgesperrt und weist die Autos aus beiden Richtungen an, umzukehren. Die Straße ist komplett gesperrt. Die Beamten informieren die Fahrer höflich über andere Wege, Ausweichstraßen, auf denen die Menschen dorthin gelangen können, wo sie hinwollen.
Es gibt bestimmt Orte, an denen die Menschen in diesen Autos ankommen wollen oder müssen, aber viele von ihnen kehren nicht um. Sie steigen aus und ziehen vor Kälte die Schultern hoch. Sie taxieren die Szene. Und dann schauen sie weg. Einige von ihnen weinen, eine Frau übergibt sich in den Farn am Straßenrand. Und obwohl sie nicht wissen, wer wir sind oder was passiert ist, beten sie für uns. Ich kann ihre Gebete spüren.
Was mich wiederum zu dem Gedanken bringt, dass ich tot bin. Das und die Tatsache, dass mein Körper anscheinend völlig taub ist, obwohl ich mich eigentlich – schon allein wegen des Beins, das bei einer Geschwindigkeit von fast hundert Stundenkilometern über den rauen Asphalt geschleift und dabei bis auf den Knochen abgeraspelt wurde – vor Schmerzen winden müsste. Und ich weine auch nicht, obwohl ich weiß, dass etwas Undenkbares mit meiner Familie geschehen ist. Wir sind wie die Königskinder im Märchen, die nie wieder zueinanderkommen können.
Ich grübele über diese Dinge nach, als eine Sanitäterin mit Sommersprossen und roten Haaren, die sich an mir zu schaffen macht, meine Frage beantwortet: »Ihr Glasgow-Koma-Wert liegt bei acht! Beatmung, aber schnell!«
Sie und ein anderer Sanitäter mit breiten, kantigen Kiefern schieben mir einen Schlauch in den Hals, befestigen daran einen Beutel mit einem Gummiballon und fangen an zu pumpen. »Wie lange dauert es, bis ein Rettungshubschrauber am Krankenhaus sein kann?«, fragt sie.
»Zehn Minuten«, antwortet der Sanitäter. »Aber vorher brauchen wir zwanzig Minuten zurück in die Stadt.«
»Wir müssen es in einer Viertelstunde schaffen, selbst wenn du fahren musst wie ein Irrer.«
Ich weiß, was der Mann denkt. Dass es mir nichts bringt, wenn er auch noch einen Unfall bauen würde, und da muss ich ihm recht geben. Aber er sagt nichts. Presst nur die Zähne zusammen. Sie laden mich in den Krankenwagen; die Rothaarige klettert hinten zu mir in den Transportraum. Mit der einen Hand pumpt sie den Beutel auf, und mit der anderen richtet sie die Kabel und die Geräte, mit denen mein Körper verbunden ist. Dann streicht sie mir eine Locke aus der Stirn.
»Du bleibst schön da, hörst du?«, sagt sie zu mir.
 
Mein erstes Konzert gab ich mit zehn. Damals spielte ich seit zwei Jahren Cello. Anfangs nur in der Schule, im Rahmen des Musikunterrichts. Es war Zufall, dass die Schule überhaupt ein Cello besaß; Cellos sind sehr teuer und zerbrechlich. Aber irgendein alter Literaturprofessor von der Universität war gestorben und hatte sein Cello der Schule vermacht. Das Instrument stand eigentlich bloß in der Ecke. Die meisten Kinder wollten Gitarre oder Saxophon spielen.
Als ich meinen Eltern verkündete, dass ich Cellistin werden wollte, brachen beide in Gelächter aus. Sie entschuldigten sich später dafür und meinten, dass die Vorstellung meiner winzig kleinen Gestalt mit einem solch monströsen Instrument zwischen meinen spindeldürren Beinen einfach zu komisch gewesen sei. Nachdem sie festgestellt hatten, dass es mir ernst damit war, schluckten sie ihr Gekicher herunter und setzten interessierte und anerkennende Mienen auf.
Aber ihre Reaktion verletzte mich trotzdem – ich habe ihnen das nie gesagt, und ich bin mir auch nicht sicher, ob sie mich verstanden hätten. Mein Vater witzelte manchmal, dass man mich in dem Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, offensichtlich vertauscht hatte, weil ich überhaupt nicht aussah wie der Rest meiner Familie. Sie sind alle blond und hellhäutig, und ich bin mit meinen braunen Haaren und den dunklen Augen wie ein Fotonegativ von ihnen. Aber als ich älter wurde, bekam der Scherz meines Vaters eine andere Dimension, eine, die er wohl nie beabsichtigt hatte. Manchmal fühlte ich mich wirklich, als wäre ich einem anderen Stamm entsprungen. Ich war nicht wie mein aufgeschlossener, zu Ironie neigender Vater oder meine lebhafte Mutter, die nie ein Blatt vor den Mund nahm. Und als ob ich dem Ganzen auch noch einen Stempel aufdrücken wollte, entschied ich mich nicht für die E-Gitarre, sondern für das Cello.
Aber in meiner Familie war das Musizieren wichtiger als die Art von Musik, die man spielte, und als nach einigen Monaten klar wurde, dass meine Liebe für das Cello keine vergängliche Schwärmerei war, mieteten meine Eltern ein Instrument für mich, damit ich auch zu Hause üben konnte. Quietschende Tonleitern und Dreiklänge führten mich zu einfachen Kinderliedern, dann leichten Etüden, bis ich Bach-Suiten spielte. Das Musikangebot an meiner Schule war nicht besonders umfangreich, und so engagierte meine Mutter einen Privatlehrer für mich, einen Collegestudenten, der einmal die Woche zu uns kam. Über die Jahre unterrichteten mich etliche Studenten, bis sie schließlich, als mein Können das ihre übertraf, gemeinsam mit mir spielten.
So ging es bis zur neunten Klasse. Dann fragte mein Vater, der Professor Christie aus der Zeit kannte, als er in dem Plattenladen gearbeitet hatte, ob sie mir Privatstunden geben würde. Sie ließ sich darauf ein, mich vorspielen zu lassen, wobei sie offensichtlich keine großen Erwartungen hatte, aber sie tat es aus Gefälligkeit, meinem Vater zuliebe, wie sie mir später gestand. Sie und Dad lauschten unten im Wohnzimmer, während ich oben in meinem Zimmer eine Sonate von Vivaldi einstudierte. Als ich zum Abendessen nach unten kam, bot sie mir an, meine Ausbildung zu übernehmen.
Aber mein erstes Konzert gab ich, lange bevor ich sie kennenlernte. Es war in einem Saal in der Stadt, in dem normalerweise die hiesigen Bands herumklimperten. Die Akustik war ausschließlich für Musik ausgerichtet, die über den Verstärker kam. Es war schrecklich. Ich sollte ein Cellosolo aus dem Stück Tanz der Zuckerfee von Tschaikowski spielen.
Ich stand hinter der Bühne und hörte, wie die anderen Kinder auf ihren Geigen herumschrammten und auf die Klaviertasten hämmerten, und beinahe hätte mich der Mut verlassen. Ich rannte zum Bühneneingang hinaus, setzte mich draußen auf die Treppe, keuchend vor Aufregung, wobei ich mir die gewölbten Hände vor den Mund hielt und versuchte, mich zu beruhigen. Währenddessen geriet der Student, der mich damals unterrichtete, leicht in Panik und schickte eine Suchmannschaft nach mir aus.
Es war mein Vater, der mich fand. Er war gerade dabei, sich vom Punk in einen ehrenwerten Familienvater zu verwandeln, und daher trug er einen altmodischen Anzug mit einem Nietengürtel und schwarzen, knöchelhohen Stiefeln.
»Alles klar bei dir, Mia mein?«, fragte er und setzte sich neben mich auf die Treppe.
Ich schüttelte den Kopf und sagte nichts. Ich schämte mich zu sehr.
»Was ist los?«
»Ich schaff das nicht!«, weinte ich.
Mein Vater zog eine seiner buschigen Augenbrauen hoch und starrte mich mit seinen graublauen Augen an. Ich fühlte mich wie eine geheimnisvolle, unbekannte Spezies, die er unter die Lupe nahm und zu begreifen versuchte. Er hatte seit ewigen Zeiten in einer Band gespielt. Offensichtlich war er niemals von so etwas Peinlichem wie Lampenfieber befallen worden.
»Das wäre aber sehr schade«, sagte mein Vater. »Dabei habe ich so ein schönes Geschenk für dich. Viel besser als Blumen.«
»Schenk es jemand anderem. Ich kann da nicht rausgehen. Ich bin nicht wie du oder Mom oder Teddy.« Teddy war damals erst sechs Monate alt, aber bereits jetzt war klar, dass er mehr Persönlichkeit, mehr Schwung hatte, als ich je haben würde. Und natürlich war er blond und blauäugig. Selbst wenn es nicht so gewesen wäre: Er war in einem Geburtshaus zur Welt gekommen, nicht in einem Krankenhaus, also hatte man ihn ganz gewiss nicht vertauscht.
»Du hast recht«, sagte mein Vater nachdenklich. »Als Teddy sein erstes Harfenkonzert gab, war er so cool wie eine Gurke. Ein echtes Wunderkind.«
Ich lachte unter Tränen. Mein Vater legte mir sanft den Arm um die Schulter. »Weißt du, dass ich früher immer ganz fürchterlich weiche Knie bekam, bevor ich auf die Bühne musste?«
Ich schaute meinen Vater an, der mir immer so selbstsicher vorkam, als könnte nichts auf der Welt ihn aus der Ruhe bringen. »Das sagst du bloß so.«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, wirklich nicht. Es war ganz entsetzlich. Und dabei war ich bloß der Schlagzeuger, der ganz hinten saß. Niemand achtete auf mich.«
»Was hast du dagegen gemacht?«, fragte ich.
»Er hat sich volllaufen lassen«, mischte sich meine Mutter ein, die den Kopf aus der Tür des Bühneneingangs streckte. Sie trug einen schwarzen Minirock aus Lack, ein rotes Tanktop und Teddy, der glücklich in seinem Tragegestell vor sich hin sabberte. »Zwei doppelte Whiskey vor jeder Show. Dir würde ich das allerdings nicht empfehlen.«
»Deine Mutter hat vermutlich recht«, sagte mein Vater. »Das Jugendamt sieht es nicht gerne, wenn sich Zehnjährige betrinken. Außerdem machte es nichts, wenn ich zwischendurch die Trommelstöcke fallen ließ und auf die Bühne kotzte. Ich war ja ein Punk. Wenn du allerdings deinen Bogen fallen lässt und wie eine Brauerei stinkst, wirkt das womöglich nicht besonders elegant. Ihr Klassikleute seid ja in dieser Beziehung so zugeknöpft.«
Jetzt lachte ich richtig. Ich hatte immer noch Angst, aber der Gedanke, dass ich das Lampenfieber vielleicht von meinem Vater geerbt hatte, war irgendwie tröstlich; ich war also doch kein Wechselbalg.
»Was ist, wenn ich es vermassele? Was, wenn ich mies spiele?«
»Mia, dort drin ist so viel Mieses zu hören, dass du gar nicht auffallen würdest«, sagte meine Mutter. Teddy quietschte zustimmend.
»Aber ernsthaft – wie hast du deine weichen Knie überwunden?«
Mein Vater lächelte immer noch, aber ich merkte, dass er jetzt ernsthaft sprach, weil er seine Worte langsam und behutsam setzte. »Gar nicht. Man muss einfach damit leben. Man muss sich durchkämpfen.«
Und so ging ich auf die Bühne. Ich habe die Zuhörer nicht von den Beinen gefegt. Ich habe sie nicht zu stehenden Ovationen hingerissen, aber ich habe es auch nicht vermasselt. Und nach dem Konzert bekam ich mein Geschenk. Es saß auf dem Beifahrersitz des Autos, das Cello, und sah genauso menschlich aus wie das, von dem ich mich zwei Jahre zuvor so magisch angezogen gefühlt hatte. Es war nicht gemietet. Es gehörte mir.
Verlagsgruppe Random House
 
1. Auflage
Copyright © der Originalausgabe 2009 by Gayle Forman Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Blanvalet Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH.
Umschlaggestaltung und -illustration: www.buerosued.de
eISBN : 978-3-641-03839-7
 
www.blanvalet.de

www.randomhouse.de