6,99 €
Was wäre geschehen, wenn Sokrates nicht bei Delion gefallen wäre oder Kleopatra und Antonius triumphiert hätten? Antworten liefert diese erstaunliche Buch. Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Was wäre z. B. geschehen, wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre? Wenn ein Chinese und nicht Kolumbus Amerika entdeckt hätte? Wenn es 1917 in Russland nicht zur Oktoberrevolution gekommen wäre? In 23 Szenarien von der Antike bis zur Gegenwart beleuchten renommierte Historiker entscheidende Wendepunkte der Weltgeschichte. Ein faszinierender Lesespaß. Die gedruckte Ausgabe dieses Buchs erschien unter dem Titel "Was wäre geschehen, wenn?".
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 714
Veröffentlichungsjahr: 2014
Robert Cowley
Wenn Lenin den Zug verpasst hätte
Wendepunkte der Weltgeschichte
Aus dem Amerikanischen von Henning Thies
Knaur e-books
Was wäre geschehen, wenn Sokrates nicht bei Delion gefallen wäre oder Kleopatra und Antonius triumphiert hätten?
Es hätte alles auch ganz anders kommen können: Was wäre zum Beispiel geschehen, wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre? Wenn ein Chinese und nicht Kolumbus Amerika entdeckt hätte? Wenn es 1917 in Russland nicht zur Oktoberrevolution gekommen wäre?
In 23 Szenarien von der Antike bis zur Gegenwart beleuchten renommierte Historiker entscheidende Wendepunkte der Weltgeschichte. Ein faszinierender Lesespaß.
Eines der Probleme der heute üblichen Geschichtsbetrachtung besteht darin, dass man die Geschichte zu ernst nimmt. Damit soll nicht gesagt sein, dass Geschichte keine ernste Angelegenheit, oder gar, dass sie belanglos wäre. Geschichte ist, um Henry Fords Diktum heraufzubeschwören, kein »leeres Geschwätz«. Wir brauchen die Geschichte. »Das Leben muss vorwärts gewandt gelebt werden«, sagt der Philosoph Kierkegaard, »aber verstehen kann man es erst im Rückblick.« Dieses Verständnis indes sollte nicht wie der Weisheit letzter Schluss behandelt werden. Wie Geschichte heute »verabreicht« wird, bereitet mir wirklich Beklemmungen.
Die Feierlichkeit der Geschichte setzt uns schon als Schulkindern zu. In Sozialkunde wird Geschichte wie eine Zwangsernährung verabreicht: Alle Rassen, Nationalitäten und Geschlechter müssen in gleichem Maße berücksichtigt werden; alle müssen vorkommen, keiner darf beleidigt werden. Aber diese Unterwerfung unter politisch motivierte Spezialinteressen ist nicht nur eine Verzerrung, sie ist auch langweilig. Eine Geschichtsbetrachtung, der es vorrangig um große Völker oder Schlüsselereignisse geht, ist aus der Mode gekommen. Breite Trends, deren Wellen anschwellen, sich brechen und sich zurückziehen, sind heute alles, was zählt. So bleibt bei uns der Eindruck zurück, als sei der Ablauf der Geschichte unvermeidlich: Was geschah, hätte überhaupt nicht anders geschehen können, und dramatische Zuspitzungen oder Zufälle haben im Ablauf der menschlichen Existenz keinen Platz.
Was dabei allzu oft verloren geht, ist ein Gespür für Geschichte als Erzählung, als Epos mit ständig neuen Wendungen und Entwicklungen. Eine junge Bekannte von mir belegte an einer amerikanischen Eliteuniversität ein Geschichts-Seminar über Frauen im vorrevolutionären Amerika. Nachdem ich mit ihr über Fragen wie Kompensation, rassische und Geschlechterrollen diskutiert hatte, fragte ich ganz beiläufig, ob sie je etwas von Francis Parkman gelesen hätte, dem Verfasser des Standardwerkes über den Oregon Trail (1849). »Wer ist Parkman?«, fragte sie zurück. Ihre Antwort hätte mir größere Sorgen bereitet, wenn ich nicht wüsste, dass heute die besten Historiker nicht nur gut schreiben, sondern auch interessante Geschichten erzählen können. Es gibt keinen Grund, warum Geschichte nicht unterhaltsam sein sollte, zumal wenn es darum geht, Menschen wieder für ein Thema zu begeistern, die irgendwann in ihrer Jugend durch die Präsentation des Stoffes wahrscheinlich eher abgeschreckt wurden. Parkman zum Beispiel war ein hervorragender Geschichtenerzähler.
Damit wäre ich beim vorliegenden Buch, dem Fortsetzungsband der Essaysammlung Was wäre gewesen, wenn? Die Zeit ist reif für eine neue Serie von Antworten auf diese geheime Lieblingsfrage der Historiker. Der erste Band war weitgehend militärhistorisch ausgerichtet. Bewaffnete Auseinandersetzungen bieten sich als Ansatzpunkt für Alternativerwägungen im Stile von »Was wäre gewesen, wenn?« geradezu an, aber das ist durchaus nicht die einzige Möglichkeit. Auch für nichtmilitärische Ereignisse ist immer Platz, wenn man über Alternativverläufe nachdenkt. Denken Sie doch nur an jene vier Augenblicke von größter historischer Tragweite für die Geschichte der Menschheit, die wir im vorliegenden Band erörtern wollen: Was wäre geschehen, wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre, sondern Pilatus beschlossen hätte, ihn freizulassen? Was wäre geschehen, wenn Martin Luther als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre – oder was, wenn sein bevorzugtes Kampfmittel, die Druckerpresse, damals noch gar nicht erfunden gewesen wäre? Was wäre geschehen, wenn mehr als ein halbes Jahrhundert vor Kolumbus die chinesischen Kaiser der Ming-Dynastie die riesigen Flotten des Admirals und Entdeckers Zheng He, eines Eunuchen, nicht zurückgerufen hätten, sondern ihm gestattet hätten, seine Erkundungsreisen entlang der Küsten Afrikas fortzusetzen? Was wäre geschehen, wenn die Chinesen, und nicht die Spanier, die Neue Welt entdeckt hätten? Oder was, wenn die Deutschen 1917 Lenin nicht in seinem berühmten plombierten Zug nach Petrograd (wie St. Petersburg von 1914 bis 1924 hieß) hätten fahren lassen? Was wäre geschehen, wenn er zu spät in Russland angekommen wäre, um eine erfolgreiche Revolution anzuführen?
Man kann auch über triviale Dinge nachdenken, die den Lauf der Geschichte beeinflusst haben, etwa die Ablehnung eines Heiratsantrags in einer bestimmten Situation. Oder denken Sie mit William H. McNeill einmal darüber nach, was geschehen wäre, wenn wir aus unserem Leben etwas so Verbreitetes und Wichtiges wie die Kartoffel als Nahrungsmittel wegdenken müssten. Wie ganz anders hätte die Geschichte dann verlaufen können!
Natürlich wird der Leser auch wieder eine ganze Reihe von Essays zu militärhistorischen Fragestellungen finden; hier zu fragen, was geschehen wäre, wenn …, ist einfach zu verlockend. Josiah Ober lässt bei Actium die Liebe in Gestalt von Antonius und Kleopatra siegen. Was wäre geschehen, wenn Wilhelm der Eroberer bei Hastings seinem Namen keine Ehre gemacht hätte? Die fränkisch-römische Welt, für die der Normannenherzog steht, hätte dann, wie Cecelia Holland in ihrem Essay zeigt, weit mehr als eine Schlacht verloren. Oder: Hitler folgt 1938 seinen Instinkten und nicht dem Plädoyer von Neville Chamberlain, den Weltfrieden zu bewahren. Er marschiert schon im Oktober 1938 in die Tschechoslowakei ein. Das Ergebnis wäre, wie uns Williamson Murray verrät, zweifellos ein sofortiger Kriegsausbruch in Europa gewesen – aber ein Krieg, in dem Deutschland schon bald ins Hintertreffen geraten wäre. Zwei Jahre hätten einen sehr großen Unterschied machen können. Andrew Roberts fragt, was wohl das Ergebnis gewesen wäre, wenn 1940 Lord Halifax und nicht Winston Churchill englischer Premierminister geworden wäre – wozu es ja beinahe gekommen wäre. Hätten der Kalte Krieg und rund eine Million Tote vermieden werden können, wie Caleb Carr meint, wenn Eisenhower nicht im Herbst 1944 General George S. Patton am weiteren Vormarsch gehindert hätte? Richard B. Frank untersucht die Möglichkeit, dass Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs – mit verheerenden Folgen für die ganze Welt – versucht hätte, noch länger durchzuhalten, wenn die Amerikaner nicht zwei Atombomben abgeworfen hätten.
Dass solche Szenarien auch einen gewissen Unterhaltungswert haben, ist unbestreitbar, aber es geht auch darum zu provozieren. Es gibt keinen besseren Weg zu verstehen, was in der Geschichte tatsächlich geschehen ist, als zu betrachten, was durchaus auch hätte geschehen können. Spekulative Geschichtsbetrachtung vermag auf besondere Weise plastisch hervorzuheben, was jeweils in einer Auseinandersetzung auf dem Spiel stand. So lassen sich Augenblicke ermitteln, die wirklich Wendepunkte waren – oder auch Augenblicke, in denen sich ein unglückliches Ereignis ins Tragische wendete. Es kommt entscheidend auf die Plausibilität des Ganzen an. Jeden Tag treffen wir Entscheidungen, die, so unbedeutend sie zum jeweiligen Zeitpunkt auch erscheinen mögen, unser Leben verändern können, manchmal auf drastische und unvorhergesehene Weise. Geschichte ist nichts anderes als die Summe von Millionen menschlicher Einzelentscheidungen – und diese kann auch in der Entscheidung bestehen, eine Person herauszuheben, die dann Entscheidungen für uns alle trifft. Andererseits kann der Lauf der Geschichte aber auch von einem einzigen Zufall abhängen – einem Zufall, der die Macht hat, all die Tausende oder Millionen von Einzelentscheidungen unwirksam zu machen. Was wäre geschehen, wenn der Pfeil, der in der Schlacht von Hastings den englischen König Harald tötete, sein Ziel verfehlt hätte? Was wäre geschehen, wenn im Februar 1933 Giuseppe Zangara, der den gewählten amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt umbringen wollte, wenige Minuten früher auf der Wahlversammlung in Miami erschienen wäre? Solche Dinge lassen sich nicht quantifizieren – und daran scheitern letztlich die noch so peniblen Versuche mancher Historiker, die Geschichte zu einer exakten Wissenschaft zu machen. Die einzige feste Regel, die in der Geschichte gilt, ist, dass es keine festen Regeln und Gesetze gibt. Und genau diese Regellosigkeit macht das Studium der Geschichte so überraschungsreich und faszinierend.
Robert Cowley
Victor Davis Hanson
Die weitreichenden Folgen eines einzigen Todes in der Schlacht
Dass die Grundlagen der intellektuellen Tradition des Westens auf einem militärischen Zufall beruhen könnten, ist für einige von uns sicherlich eine Tatsache, die nicht gerade Gefallen findet; und das gilt noch weit mehr für die potenziellen Folgen dieses Zufalls. Laut Victor Davis Hanson wäre die Philosophie, wie wir sie kennen, an einem Spätnachmittag des Jahres 424 v. Chr. in einer »eher zufälligen Schlacht, Teil eines gescheiterten Feldzugs auf einem Nebenkriegsschauplatz des Peloponnesischen Krieges«, beinahe »im Keim erstickt worden« – und diese Wortwahl ist kaum übertrieben. Der Peloponnesische Krieg war jenes 27 Jahre andauernde Ringen um die Vorherrschaft in Griechenland, das sich Athen und Sparta lieferten. In der Schlacht von Delion stand ein versprengter athenischer Haufen plötzlich einer Übermacht von Thebanern gegenüber, einem Verbündeten der spartanischen Konföderation. Zu den athenischen Infanteristen gehörte damals auch ein Mann im mittleren Alter: Sokrates, dessen Ruhm als Philosoph bei weitem noch nicht gefestigt war. Der Kriegsdienst gehörte zu den Pflichten eines jeden Bürgers, und alle griechischen Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren konnten damals davon ausgehen, dass sie im Laufe ihres Lebens mindestens zwei- bis dreimal in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt werden würden. Den Schrecken solcher Feldzüge hatte Sokrates bereits zweimal erlebt. Was wäre geschehen, wenn er wie viele Hunderte, mit denen er gemeinsam bei Delion gekämpft hatte, auf der Flucht nach Athen überrannt und aufgespießt worden wäre? Was wäre geschehen, wenn Sokrates nicht noch ein Vierteljahrhundert gelebt und in diesem Zeitraum seinen größten Einfluss entfaltet hätte? Oder wenn er dem jungen Platon, der später sein Schüler wurde, gar nicht mehr persönlich begegnet wäre? Ohne Sokrates wäre Platon vielleicht Politiker oder Dichter geworden, aber nicht unbedingt Philosoph. Jenes Gemetzel bei Delion bewegte im Grunde nichts – außer dass eine große Zahl von Gefallenen auf dem Schlachtfeld verrottete. Und doch, wenn die Schlacht auf Seiten Athens mit Sokrates nur einen einzigen weiteren Toten gefordert hätte, dann hätten, wie Hanson sagt, »die ganze westliche Philosophie und das ganze politische Denken des Westens einen radikal anderen Verlauf genommen«.
Victor Davis Hanson ist Professor für klassische Philologie an der California State University in Fresno und Autor von elf Büchern, deren Themenspektrum von griechischer Militär- und Landwirtschaftsgeschichte bis zur Geschichte des Kriegswesens und zur zeitgenössischen Landwirtschaft reicht. Seine letzten Bücher tragen Titel wie The Land was Everything, The Soul of Battle und Carnage and Culture.
Die Griechen der klassischen Zeit sahen keinen Widerspruch zwischen einem aktiven und einem kontemplativen Leben, selbst wenn es um so extreme Gegensätze wie Militärdienst und Philosophie ging. »Der Krieg«, bemerkte schon der Philosoph Heraklit, »ist der Vater aller Dinge.« Und Platon verkündete, dass »zwischen allen griechischen Stadtstaaten von Natur aus immer Kampf herrscht«. Eine ganze Reihe griechischer Schriftsteller, Denker und Staatsmänner kämpfte als Soldaten in der Phalanx. Der Lyriker Archilochos fiel in der Schlacht auf der ägäischen Insel Thasos. Die Dichter Tyrtaios, Alkaios und Kallinos, die Dramatiker Aischylos und Sophokles, der demokratische Führer Perikles, der Historiker Thukydides und der Redner Demosthenes – sie alle nahmen ihren Platz in der Phalanx der schwer bewaffneten Hopliten oder auf der Ruderbank eines Kriegsschiffs ein. Während der Belagerung der Insel Samos (440 v. Chr.) führte der samische Philosoph Melissos, ein Schüler des Parmenides, sein Schiff gegen die Flotte des Perikles in die Schlacht. Auch Sophokles war damals auf See dabei; er war in das Oberkommando der Athener gewählt worden, die kamen, um die Insel Samos zu versklaven. Der Philosoph und Mathematiker Archimedes starb bei der Eroberung von Syrakus auf Seiten der Verteidiger. Noch in seinen letzten Stunden versuchte er, mit den von ihm erfundenen Kriegsmaschinen die römischen Belagerer in die Flucht zu schlagen.
So überrascht es nicht allzu sehr, wenn wir Sokrates, den Vater der ethischen Philosophie des Westens, den Veteranen aus den Schlachten von Potidaia und Amphipolis, im Herbst des Jahres 424 v. Chr. an einem höchst gefährlichen Ort antreffen. Der alternde, 45-jährige Hoplit rannte nach einem schlimmen Desaster der athenischen Infanterie in der Nähe des grenznahen Heiligtums von Delion um sein Leben – als nicht weiter bemerkenswerter Angehöriger eines vernichtend geschlagenen »letzten Aufgebots« aus alten Männern, irregulären Söldnern, Ausländern, die sich in Attika niedergelassen hatten, und unerfahrenen Jugendlichen.
Diese eher zufällige Schlacht von Delion, Teil eines gescheiterten Feldzugs auf einem Nebenkriegsschauplatz des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.), ist heute kaum noch bekannt und beachtet. Trotzdem war sie für Athen ein gnadenloses militärisches Desaster – die größte Infanterieschlacht, die seit Marathon, sechs Jahrzehnte zuvor, in der Nähe von Athen ausgetragen wurde. Bei Delion wurden innerhalb weniger Stunden fast 15 Prozent aller dort versammelten attischen Infanteristen getötet. Zweifellos ein noch weit höherer Prozentsatz der Kämpfer wurde verwundet oder gefangen genommen.
Im siebten Jahr des Peloponnesischen Krieges wollten die Athener endlich den Zweifrontenkrieg mit den Peloponnesiern im Süden und deren Verbündeten im Norden, den Thebanern, beenden. Darum fielen sie im Frühling des Jahres 424 v. Chr. im benachbarten Böotien ein. Leider hatte sie eine überaus ehrgeizige, undurchführbare Strategie entwickelt, die sowohl Flotten- als auch Infanteriemanöver vorsah: Man hoffte, mit zwei getrennten Kontingenten in Böotien die thebanische Armee in die Zange nehmen zu können. Der Historiker Thukydides, ein Zeitgenosse, berichtet, dass zunächst im Sommer des Jahres 424 der attische General Demosthenes mit einer Flotte aufgebrochen war, um durch seine unerwartete Landung in Böotien eine demokratische Erhebung der Böoter im ganzen Land zu provozieren. Dann sollte Demosthenes mit Hilfe von Partisanen nach Osten auf Delion zumarschieren, ein kleines Dorf mit einem Heiligtum – und zwar an demselben Tag, an dem ein anderer General, Hippokrates, mit seinen Hopliten aus Athen losmarschierte. Darunter war, wie gesagt, auch Sokrates.
Laut Plan sollten die Thebaner in die Zange genommen und anschließend ganz Böotien zu einem demokratischen Satellitenstaat Athens im Kampf gegen die oligarchischen Spartaner gemacht werden. Doch Demosthenes’ Angriff von See her, westlich der böotischen Küstenstadt Siphai, erfolgte zu früh. Nachdem die Böoter nun von seinen Plänen wussten, konnte er keinen wertvollen Beitrag zur Schlacht mehr leisten. Er konnte keine thebanischen Streitkräfte mehr binden und sie daran hindern, sich dem Einmarsch der attischen Hopliten von Süden her entgegenzustellen. Folglich brach Demosthenes seinen Angriff ab. Das Ergebnis war, dass auch Sokrates und seine Mitkämpfer nicht mehr mit einem Überraschungseffekt operieren konnten. Hilflos standen sie schon bald dem größten Teil der alarmierten und wütenden thebanischen Armee gegenüber.
Hippokrates, ein junger Neffe des Perikles, der die zusammengewürfelte Expeditionstruppe als General anführte, ließ seine Leute schnell wieder nach Hause umkehren. Auf dem Heimweg ließ er seine athenischen Infanteristen das Apollo-Heiligtum in Delion besetzen und für den Barrikadenbau die umliegenden Weinberge und Bauernhäuser plündern. Nachdem er das Land verwüstet und Barrikaden errichtet hatte, ließ Hippokrates in seiner neuen Garnison Delion nur eine kleine Truppe als Besatzung zurück, während er selbst rund 7000 Schwerbewaffnete wenige Kilometer weiter südlich zur Grenze Attikas führte.
Als die thebanische Armee schließlich ankam, waren die Athener schon drauf und dran, sich aufzulösen. Offenbar hatten sie das Gefühl, der Feldzug sei fehlgeschlagen – sehr zu ihrer Erleichterung. Thukydides sagt, dass ein großer Tross unbewaffneter Bürger und Fremder den attischen Hopliten aus Athen gefolgt sei, sich jedoch schon bald wieder aufgelöst habe, so dass sich jetzt nur noch wenige bei den Soldaten aufhielten. Demgegenüber konnten die Thebaner mindestens 7000 Hopliten aufbieten, zusätzlich noch 10000 Leichtbewaffnete, 1000 Reiter und weitere 500 Lanzenträger. Als die Schlacht begann, standen Sokrates und seine Freunde einer mehr als doppelt so starken Streitmacht gegenüber.
Ohne Vorwarnung kamen die thebanischen Verfolger plötzlich über einen kleinen Hügel und erwischten die versammelte Infanterie der Athener, als diese, noch nicht kampfbereit, der Ansprache des Hippokrates vor der Schlacht lauschte. Wie Thukydides weiter schreibt, engten Wasserläufe das Schlachtfeld ein. Seine Beschreibung des eigentlichen Kampfes ist kurz. Der rechte Flügel der Athener unter Führung des Hippokrates schlug, obwohl er bergauf laufen musste, den linken Flügel der Gegner, auf dem die Verbündeten der Böoter standen, schnell in Grund und Boden. In der gesamten böotischen Phalanx gerieten vor allem die Verbündeten angesichts des bergauf gerichteten attischen Angriffs in Panik. Die Athener schienen schon so gut wie gewonnen zu haben, als zur selben Zeit auf der anderen Seite des Schlachtfelds der thebanische General Pagondas und das verstärkte Zentrum der Phalanx sowie der rechte Flügel den Angriffen standhielten. Ziemlich schnell kam es von hier aus zum Gegenangriff auf den linken Flügel der Athener. Die Schlacht von Delion entwickelte sich also wie die meisten typischen Hoplitenkämpfe jener Zeit – die Kernfrage lautete immer, ob der starke rechte Flügel einer Armee die Schlacht entscheiden konnte, bevor der eigene schwächere linke Flügel zusammenbrach und die Schlacht damit verloren war.
Tatsächlich wurden die unglücklichen Dorfbewohner von Thespiai auf dem äußersten linken Flügel der böotischen Phalanx von den Athenern unter Hippokrates so gut wie aufgerieben. Dort war wahrscheinlich auch Sokrates mit seinen Freunden und Gefährten postiert – und zwar mit Laches (nach dem ein platonischer Dialog benannt ist), Alkibiades (seinem für seinen Wankelmut berüchtigten jungen Schüler) und Pyrilampes (Platons Stiefvater). Viele Soldaten in der attischen Armee waren deutlich älter als vierzig (zum Beispiel Sokrates, Laches und Pyrilampes) – sicher, weil man davon ausgegangen war, dass dieser Feldzug nicht lange dauern würde –, während Tausende anderer Frontsoldaten aus Athen in diesem Spätsommer und Herbst an anderen Orten in der Ägäis im Einsatz waren.
Wie dem auch sei, Thukydides berichtet uns, dass im ersten Abschnitt der Schlacht die böotischen Alliierten Thebens dem bergauf erfolgenden Angriff der Athener nicht gewachsen waren; einige versuchten zu fliehen, andere stießen mit denen zusammen, die zu kämpfen versuchten und durchhalten wollten. In der Zwischenzeit trieb am anderen Ende des Schlachtfelds Pagondas, »zunächst ganz allmählich«, den schwachen linken Flügel der Athener den Berg hinab. Wie geplant, räumte er systematisch, auch mit Hilfe von Geländevorteilen und überlegener Kampfkraft, das Schlachtfeld leer. Erst als infolge des Blutbades unter den Bewohnern von Thespiai am linken Flügel der Thebaner ein Durchbruch der attischen Hopliten hinter seine eigenen Linien drohte, schickte Pagondas eine Reserve der böotischen Kavallerie nach links. Sie sollte über den Berg kommen und dem siegreichen rechten Flügel der Athener in den Rücken fallen.
Dies war der entscheidende Augenblick in der gesamten Schlacht. Ein vermeintlicher Triumph der Athener wurde innerhalb weniger Sekunden in eine schlimme Niederlage verwandelt. Die erfolgreichen Athener unter Hippokrates sahen sich, wie sie fälschlich meinten, einer gänzlich neuen Armee gegenüber: »Als sie plötzlich über den Berg kamen«, schreibt Thukydides, »dachte der siegreiche Flügel der Athener, dass eine völlig neue Armee gekommen sei, und verfiel schlichtweg in Panik.« Wahrscheinlich war dies der Zeitpunkt, an dem Sokrates – mitten unter verblüfften Athenern samt ihrem General, die sich plötzlich in panisch Fliehende verwandelten – seinen berühmten Rückmarsch nach Athen antrat.
Hippokrates wurde wahrscheinlich an dieser Stelle getötet, und schnell suchte die ganze attische Armee ihr Heil in einem überstürzten Rückzug – zum nahen Pares-Gebirge, in die Befestigungen des Heiligtums von Delion, auf die attischen Kriegsschiffe oder auch in die Wälder des Flachlandes bei Oropos im Grenzland von Böotien und Attika. Thukydides fügt hinzu, dass auf Seiten der Feinde noch opportunistische lokrische Reiter hinzukamen, die Beute machen wollten und sich nun den böotischen Plünderern anschlossen. Es ergab sich ein Gemetzel ohne Ende. Nur zur Erinnerung: Versammelt waren ohnehin bereits über 10000 leicht bewaffnete Böoter, 1000 Kavalleristen und nochmals 500 leicht bewaffnete Lanzenträger. Mit den Verstärkungen durch die Lokrer könnten sich sehr wohl rund 15000 feindliche Verfolger auf die Athener gestürzt haben. Viele der Verfolger waren entweder beritten oder bewegliche, weil leichtbewaffnete, Hilfstruppen. Die geschlagenen Athener, weitgehend ohne Unterstützung durch Kavallerie oder Leichtbewaffnete und überdies damit beschäftigt, ihre bei der Flucht hinderlichen schweren Waffen loszuwerden, waren zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, langsamer, verwirrt. In vielen Fällen konnten sie sich in der fortschreitenden Dämmerung auch nicht mehr orientieren.
Sokrates war so klug, sowohl den Weg nach Delion als auch das Hochland des Parnes-Gebirges zu meiden, und fand einen sicheren, dritten Weg durch die Wälder von Oropos. Die Katastrophe dieser »Bürgerwehr« muss in der Rezeption ziemlich schnell mythische Proportionen angenommen haben. Ständig wurde in ganz Athen wieder davon berichtet: vom gefallenen General Hippokrates, einem Neffen des Perikles und Stiefbruder des Alkibiades; von der Tapferkeit des Alkibiades; während des Rückzugs, die schon bald zum Startkapital einer kometenhaften politischen Karriere werden sollte; von Laches’ nicht ganz so heldenhaftem Verhalten bei der Flucht aus Delion, einem Vorboten seines Todes in der Schlacht von Mantineia (418 v. Chr.), wo er ebenfalls aus dem Felde floh; und von der Gefangennahme von Platons Stiefvater und Großonkel Pyrilampes zu einer Zeit, als Platon selbst noch ein kleiner Junge war.
In drei Dialogen – Laches, Symposion (Das Gastmahl) und Apologia Sokratus (Die Verteidigung des Sokrates) – erwähnt Platon direkt Sokrates’ Tapferkeit auf der Flucht und schildert, wie sich Sokrates zusammen mit Laches und Alkibiades umsichtig und ordnungsgemäß ins Grenzland von Oropos zurückzog. Im Laches wird Sokrates Gelegenheit zu einem Vortrag über angemessene Angriffs- und Verteidigungstechniken im Einzelkampf gegeben – eine klare Anspielung auf die eigenen albtraumhaften Erfahrungen nach der Schlacht von Delion. Und Laches rühmt den Sokrates: »Hätten sich auch die anderen so wacker gezeigt wie er, so stände unsere Stadt mächtig da und hätte nicht eine so große Niederlage erlitten.« Sokrates selbst erinnert in der letzten Ansprache seines Lebens in Platons Apologie – in der er sich gegen fadenscheinige Anklagen in einem Strafprozess verteidigte, der mit dem Todesurteil endete – seine Ankläger daran, dass er in drei schrecklichen Schlachten seinen Platz gehalten habe und nicht ein einziges Mal ins Wanken geraten sei. In Platons Symposion schließlich schildert Alkibiades anschaulich die akute Gefahr, in der sich Sokrates im allgemeinen Durcheinander nach der Schlacht bei Delion auf dem Rückzug befand:
Ich diente damals gerade zu Pferde, er aber zu Fuß in schwerer Rüstung. Während nun die Kameraden bereits in alle Winde zersprengt waren, war er noch Seite an Seite mit dem Laches auf dem Rückzug begriffen. Und da stieß ich auf sie, und kaum hatte ich sie erblickt, da rief ich ihnen sofort zu, guten Mutes zu sein, und versprach ihnen, sie nicht im Stich zu lassen. Da bot sich mir eine noch schönere Gelegenheit als bei Potidaia, Sokrates zu beobachten – denn ich selbst war beritten und daher weniger in Angst –, wie sehr er dem Laches an besonnener Kaltblütigkeit überlegen war. Sodann schien er mir ganz, wie du, Aristophanes, in deinen Versen sagst, auch dort einherzuschreiten wie hier, »einherstolzierend und stier seitwärts werfend die Blicke«, so ruhig und gelassen behielt er Freund und Feind im Auge, und jeder konnte es ihm schon von ferne ansehen, dass, wer immer diesen Mann angriff, mit einer harten Abwehr rechnen musste. Deswegen kamen sie auch unverwundet zurück, er und seine Kameraden; denn in der Regel wagt man sich im Gefecht an die, welche sich so tapfer halten, nicht heran, sondern man verfolgt nur die, welche kopfüber davonfliehen.
Jahrhunderte später erinnert sich auch Plutarch in seiner Vita des Alkibiades an die weit verbreitete Geschichte, dass Alkibiades nach der Schlacht von Delion an Sokrates und seinen isolierten, hart bedrängten Mitstreitern vorbeigeritten sei. Doch in Plutarchs Version ist es der berittene Alkibiades, der Sokrates das Leben rettet (»die Feinde drangen vor und töteten viele«). In seinen Moralia gibt Plutarch der Anekdote eine geringfügig andere Wendung: Sokrates’ Entscheidung, einen eigenen Fluchtweg zu wählen, habe ihm und seinen Freunden das Leben gerettet, denn die meisten anderen Athener, die ins Gebirge fliehen wollten, seien von der gegnerischen Reiterei überrannt und niedergemetzelt worden. Diejenigen, die sich nach Delion hätten retten können, seien anschließend dort belagert worden.
Auch wenn die antiken Zeugnisse sich nicht völlig decken, fallen in den Berichten über den Rückzug des Sokrates zwei Punkte eklatant auf: Erstens, dass die Schlacht bei Delion für die Athener eine absolute Katastrophe war, bei der Hunderte direkt an der attischen Grenze gnadenlos verfolgt und getötet wurden. Und zweitens, dass Sokrates’ Mut und Umsicht ihn lebend aus diesem Desaster herausbrachten, während die meisten um ihn herum getötet wurden. Auch der Philosoph selbst wäre im Chaos nach der Schlacht bestimmt beinahe überrannt und niedergestochen worden.
Makaber berührt die Tatsache, dass die Leichen von über tausend gefallenen Athenern – von denen die Mehrheit zweifellos in der Dunkelheit überrannt wurde, so dass sie kilometerweit wahllos verstreut ohne Waffen und mit Stichwunden im Rücken dalagen – von den Feinden zwar zusammengetragen wurden, dann aber fast drei Wochen zum Verrotten in der Herbstsonne auf dem Schlachtfeld liegen gelassen wurden. Berücksichtigt man auch diese Facette, dann ist klar, dass sich diese Schlacht mit ihrem Drumherum dem kollektiven Gedächtnis der Athener wie der Böoter als geradezu groteskes Ereignis eingeprägt haben muss, bei dem die Leichen buchstäblich die Straßen pflasterten. Wie viele zusätzliche Opfer später ihren Verletzungen erlagen oder in Gefangenschaft gerieten, entzieht sich unserer Kenntnis.
Jedenfalls entging der 45-jährige Sokrates im Herbst des Jahres 424 v. Chr. dem Tod nur um Haaresbreite. Wäre der Philosoph damals von einem anonymen lokrischen Reiter mit dem Speer durchbohrt worden oder wäre seine kleine Gruppe von Soldaten durch die nachfolgende thebanische Infanterie überholt worden oder hätte er sich entschlossen, entweder ins Pares-Gebirge oder nach Delion zu fliehen, wo die meisten seiner kopfscheuen Kameraden ums Leben kamen, hätten wahrscheinlich die ganze westliche Philosophie und das ganze politische Denken des Westens einen radikal anderen Verlauf genommen.
Hätten die Ideen des Sokrates ohne Platon überlebt? Platon, rund 42 Jahre jünger als Sokrates, war zur Zeit der Schlacht von Delion wahrscheinlich erst fünf Jahre alt. Wäre Sokrates damals gefallen, dann hätte sich das gesamte Gefüge der platonischen Dialoge wahrscheinlich radikal verändert und damit auch das Wesen des westlichen Denkens selbst. Selbst wenn der reife Platon philosophische Abhandlungen geschrieben hätte, wären seine Dialoge in Form und Inhalt weitgehend nicht sokratisch gewesen – wenn es denn überhaupt Dialoge geworden wären, denn dieses Genre wurde ja ursprünglich nach dem direkten Vorbild der dialektischen Gespräche des Sokrates geschaffen. In seinem autobiografischen Siebten Brief sagt Platon, er habe vor seiner Verbindung mit Sokrates eigentlich eher zu einem Leben in der Politik tendiert. Erst seine Desillusionierung und Verbitterung über die Hinrichtung des Philosophen habe ihn motiviert, sich ganz der Philosophie zuzuwenden und ein aktives Leben in der Politik abzulehnen.
Vieles in Platons einzigartiger literarischer Begabung ist vom magnetisierenden Charakter des alten Sokrates inspiriert, der durch die Straßen Athens zog, um die Starken, Selbstgefälligen und Selbstsicheren in hartnäckige Frage- und Antwortspiele zu verwickeln, und der damit einen tiefen Eindruck beim jungen Platon hinterließ. Sokrates wurde Platons Lehrer, als dieser Anfang zwanzig war, im letzten Jahrzehnt des Peloponnesischen Kriegs (etwa 410–404 v. Chr.). Der populären Überlieferung zufolge war Platon vor der Begegnung mit Sokrates stärker an Politik und Dichtung als an Philosophie interessiert. Der Einfluss des alten Sokrates auf seinen jungen Schüler blieb stark, bis der Philosoph im Jahre 399 v. Chr. hingerichtet wurde. Damals war Platon 28 Jahre alt.
In der großen Mehrzahl der platonischen Dialoge ist Sokrates Hauptgesprächspartner, und er ist auch der Held der meisterhaften Apologie, in der er seine abschließende Verteidigungsrede vor den athenischen Richtern gegen die Anklagen der Gottlosigkeit und des moralisch verderblichen Einflusses auf die Jugend Athens hält. Was Sokrates umtrieb – dass sich die Philosophie mit ethischen Fragen befassen solle, nicht nur mit der Erforschung der Natur oder mit kosmologischen Spekulationen, wie sie bis dahin üblich waren –, prägt fast das gesamte Frühwerk Platons. Platons Grundgedanke, dass aus Wissen moralisches Handeln folge und dass man Moral, verstanden als rationale Entscheidung und Unterdrückung triebhafter Wünsche, unterrichten könne, scheint aus dem Denken und der tatsächlichen Praxis des historischen Sokrates hergeleitet zu sein. Überdies ist das sokratische Denken weitgehend dualistisch: Die Menschen haben Seelen, deren Unversehrtheit sie nicht durch Nachgeben gegenüber den Trieben gefährden dürfen, und die Welt, in der wir leben, die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, ist nur die blasse Imitation eines göttlichen, perfekten Gegenstücks. Dieser Dualismus liegt allen Untersuchungen Platons zur Moral, zur Sprache, zum Jenseits, zum Leben nach dem Tode, zur Politik und zu den Künsten zugrunde.
Klar ist, dass Platon Sokrates, wenn dieser an jenem Herbstabend des Jahres 424 v. Chr. bei Delion gefallen wäre, niemals persönlich hätte erleben können. Platons Interesse an der Philosophie – wenn er ein solches durch Kontakte mit anderen Philosophen der damaligen Zeit überhaupt entwickelt hätte – hätte mit Sokrates jedenfalls kaum etwas zu tun gehabt. Sokrates selbst hat nichts geschrieben, und er gründete auch keine Schule oder Institution, um sein Werk am Leben zu erhalten. Ferner nahm er für seine Unterweisungen kein Geld. So stellt sich die Frage: Wenn Sokrates Platon niemals begegnet wäre, würden wir dann heute überhaupt noch etwas über diesen umherziehenden Philosophen und seine Gedanken wissen?
Hätte es ohne Platon andere zeitgenössische Berichte über Sokrates geben können? Unsere andere Hauptquelle über das Denken des Sokrates sind die Werke des Historikers und Essayisten Xenophon, in dessen Dialogen Apomnemoneumata (Memorabilien, Erinnerungen), Apologia, Symposion und Oikonomikos (Über die Haushaltung) Sokrates als Hauptfragesteller zu einem breiten Themenspektrum auftritt: Liebe, Landwirtschaft, Politik und seine eigene Karriere als Gegner der Sophisten. Doch wie Platon wuchs auch Xenophon unter dem Einfluss des Sokrates nach der Schlacht von Delion auf. Er wurde um 430 v. Chr. geboren, war also wahrscheinlich höchstens ein oder zwei Jahre älter als Platon. Das heißt, er war erst sechs oder sieben, als Sokrates bei Delion beinahe gefallen wäre. Daraus folgt mit großer Wahrscheinlichkeit, dass Sokrates, wäre er damals zu Tode gekommen, weder in Platons noch in Xenophons Werken eine zentrale Rolle als lebhafter Gesprächspartner hätte spielen können – beide Autoren waren Anfang zwanzig, als sie später tatsächlich von Sokrates stark beeinflusst wurden, als Sokrates hartnäckig seine Fragen stellte und beiden ein Vorbild wurde, an dem sie ihre eigenen Ideen festmachten.
Auch der berühmte Redner und Pädagoge Isokrates behauptete, ein Anhänger des Sokrates zu sein. In Platons Dialog Phaidros wird er als Starstudent des alten Philosophen positiv erwähnt. Isokrates wurde 436 v. Chr. geboren, zwölf Jahre vor der Schlacht bei Delion. Er war damit nur geringfügig älter als Platon und Xenophon. Wäre Sokrates also gefallen, als Isokrates noch ein zwölfjähriger Junge war, hätte der ältere Philosoph auf den jungen Redenschreiber wahrscheinlich nicht den Einfluss nehmen können, den er tatsächlich hatte: Gedanklich war Isokrates in seinem so umfang- wie einflussreichen Werk seinem Lehrer Sokrates verpflichtet, besonders teilte er dessen Verachtung für die Sophisten und die Basisdemokratie.
Wie könnten wir nun irgendetwas über Sokrates’ Denken wissen, wenn es die Zeugnisse Platons und Xenophons nicht gäbe? Natürlich erwähnt auch Aristoteles Sokrates oft, aber vieles von dem, was er kritisiert, ist aus Platons und Xenophons Werken abgeleitet. Aristoteles selbst wurde erst 384 v. Chr. geboren, also fünfzehn Jahre nach Sokrates’ Tod (399 v. Chr.). Ein Sokrates, der bei Delion gefallen wäre, hätte im Denken des Aristoteles so gut wie keine Rolle gespielt. Denn dieser Sokrates hätte weder bei Xenophon noch bei Platon Erwähnung gefunden, und er wäre nicht nur fünfzehn, sondern sogar vierzig Jahre vor der Geburt des Aristoteles gestorben. Darüber hinaus wäre vor allem Sokrates selbst, wenn er im Jahre 424 v. Chr. bei Delion gefallen wäre, der letzten 25 Jahre seines Lebens und Wirkens beraubt worden – zumal erst in dieser Phase sein Denken voll ausgereift war.
Erst in diesen Jahren hatten seine Ideen die Chance, in Athen zum Gesprächsthema auf Feiern und Versammlungen zu werden und den Status von Denk- und Erinnerungswürdigkeiten zu gewinnen. Ein bei Delion gefallener Sokrates wäre wahrscheinlich im gesamten Korpus der aristotelischen Werke nicht ein einziges Mal namentlich erwähnt worden, zumal das Gesamtwerk des Aristoteles weitgehend in bewusster Abgrenzung von den politischen und theologischen Ansichten des Sokrates und des Platon seine Wirkungsmacht entfaltete.
Gab es noch andere Schriftsteller und Philosophen außer Xenophon, Platon, Isokrates und Aristoteles, die Sokrates’ einzigartige Ideen für die Nachwelt hätten überliefern können, ehe ihm die Flucht nach der Schlacht von Delion gelang? Thukydides, der zeitgenössische Historiker und unsere Hauptquelle für die Schlacht von Delion, erwähnt Sokrates in seiner Geschichte überhaupt nicht – eine Auslassung, die manche Gelehrte verwundert hat. Wir besitzen überdies keine öffentlichen oder privaten Inschriften aus Athen, in denen Sokrates namentlich erwähnt ist. Stattdessen überleben in Verbindung mit seinem Namen nur ein paar weitere Namen von Philosophen, die sich wie Xenophon und Platon ausdrücklich zur einzigartigen sokratischen Betonung der Philosophie als Ethik bekannten. Diese Anhänger widmeten sich der Bewahrung des sokratischen Andenkens und Vermächtnisses: dass Sokrates ein bedeutender Mann war, der die Sophisten unter seinen Zeitgenossen eher bekämpfte, statt sich ihnen zuzurechnen. Die Sophisten nahmen nämlich, anders als Sokrates, Geld für ihre Unterweisungen, und sie befürworteten einen moralischen Relativismus, eine situationsgebundene Ethik. Sie bestritten im Gegensatz zu Sokrates und Platon die Relevanz eines absoluten Codes von Gut und Böse, der die jeweiligen momentanen Gegebenheiten überstieg. Gleichwohl sind die Chancen praktisch gleich null, dass irgendeiner dieser Autoren ein nennenswertes sokratisches Werk verfasst hätte, wenn der Philosoph schon 424 v. Chr. gestorben wäre.
Der ziemlich obskure Antisthenes etwa, der wohl ein Altersgenosse des Sokrates war, kannte ihn wahrscheinlich schon vor der Schlacht von Delion gut. Die erhaltenen Fragmente seiner Werke legen den Schluss nahe, dass Antisthenes vor allem am sokratischen Lebensstil interessiert war – zumindest an der Notwendigkeit, sich von der Gesellschaft fern zu halten und den Versuchungen des Fleisches zu widerstehen, wenn man ein kontemplatives Leben führen wolle. Es ist trotzdem zweifelhaft, ob Antisthenes die Ideen eines Mannes im mittleren Alter namens Sokrates genauso aufbewahrt hätte wie die des Siebzigjährigen. Dazu kommt, dass er vor allem gegen Platon anzuschreiben schien. Wenn also Platon Sokrates nie getroffen hätte, hätte Antisthenes möglicherweise auch nie mit dem Verfassen von Texten begonnen. Platon nennt Antisthenes unter den Anwesenden in Sokrates’ Todesstunde, und vieles von dem wenigen, das wir über Antisthenes’ Werke wissen, scheint sich dem Martyrium des Sokrates zu verdanken – dem Schicksal, das allen aufrechten Philosophen droht, die sich gegen den Mob stellen. Wäre Sokrates also bei Delion gestorben, hätte Antisthenes wahrscheinlich nie das schlagende Vorbild für Prinzipientreue und philosophischen Widerstand gegen die ignorante Masse gefunden. Und schließlich ist auch zu bedenken, dass wir nur Fragmente von Antisthenes’ Werk besitzen: Aristoteles und ein paar andere scheinen ihn zwar noch gekannt zu haben, aber die Aussicht, dass sein Werk unter veränderten Voraussetzungen bezüglich des sokratischen Lebens die klassische Antike überlebt hätte, erscheint gering. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass wir, wäre Sokrates schon mit fünfundvierzig und nicht erst mit siebzig gestorben, durch Antisthenes mehr über ihn erfahren hätten als die winzigen Fragmente, die uns heute vorliegen.
Aischines aus Sphettos schrieb sieben sokratische Dialoge. In vielen von ihnen war offenbar die Verteidigung der freundschaftlichen Verbindung zwischen Sokrates und dem zügellosen Alkibiades das Thema. Keiner dieser Dialoge ist erhalten geblieben, mit Ausnahme weniger Fragmente und Zitate. Doch weil Aischines ungefähr so alt war wie Platon und Xenophon, begegnete er wie seine Altersgenossen Sokrates erst nach der Schlacht bei Delion – und hätte somit sein Leben nicht einem Philosophen gewidmet, der selbst nichts niederschrieb und den er nie getroffen hätte, wenn dieser 424 v. Chr. gefallen wäre. Kurz und gut, ohne eine direkte Verbindung mit Sokrates hätte, so ist anzunehmen, kaum etwas von Aischines’ Werken überlebt.
Phaidon aus Elis ist für uns kaum mehr als ein Name. Erhalten sind nur winzige Zitate aus seinen beiden sokratischen Dialogen. Auch er war als Altersgenosse von Platon und Xenophon erst ein kleiner Junge, als die Schlacht von Delion stattfand. Von den Werken des Aristippos oder des Kebes, die beide angeblich einen Lobpreis des Sokrates verfassten, ist überhaupt nichts überliefert. Es bleibt nur die Schlussfolgerung, dass die meisten Anhänger des Sokrates, die sich inspirieren ließen, über ihren Mentor zu schreiben, dies erst aufgrund persönlicher Begegnungen nach der Schlacht von Delion taten – als sie selbst alt genug waren, es dem Philosophen nachzutun, der andere Menschen auf der Straße in moralische Gespräche verwickelte. Viele Anhänger wurden anscheinend zur Niederschrift motiviert, als Platon seine frühen Dialoge begonnen hatte, die sich mit dem Tod des Sokrates befassten. Ziel dieser anderen Autoren war es, das Zeugnis Platons entweder zu unterstützen oder zu widerlegen. Andere Bewunderer des Sokrates, deren Werke weitestgehend verloren sind, scheinen vor allem durch dessen mutigen letzten Auftritt vor Gericht und seine Verteidigung gegen die Ankläger im Jahre 399 v. Chr. beeinflusst gewesen zu sein, aber auch durch den auffälligen Kontrast zwischen dem großväterlichen Philosophen und ihrem eigenen jugendlichen Eifer, ihrer eigenen Formbarkeit. Wie dem auch sei, die Werke dieser Sokratiker waren weitgehend unbekannt oder standen in geringem Ansehen. Darum besteht für uns heute keine Veranlassung zu glauben, dass diese Werke überlebt hätten, wenn Sokrates fünfundzwanzig Jahre früher gestorben wäre.
So bleibt der zwingende Schluss, dass fast jeder, der irgendetwas über Sokrates und sein Denken geschrieben hat, erst nach der Schlacht von Delion volljährig wurde. Die einflussreichen Schüler des Sokrates scheinen ihn alle erst kennen gelernt zu haben, als er schon Ende vierzig oder älter war. Wäre Sokrates also in der Schlacht von Delion 424 v. Chr. gefallen, so hätte die spätere abendländische Tradition der Philosophie wahrscheinlich über ihn, seinen Lebenswandel und sein Denken fast nichts Positives zu sagen gehabt.
Dagegen haben wir wenigstens eine zeitgenössische Quelle für das Leben des Sokrates, die ihn auch schon vor der Schlacht von Delion kannte. Denn nur ein Jahr nach der Schlacht von Delion hinterließ uns Aristophanes in seiner Komödie Die Wolken (423 v. Chr.) ein packendes, nicht gerade schmeichelhaftes Porträt des Sokrates – die unschöne Karikatur eines spitzfindigen, Moral und Sitten untergrabenden Schmarotzers. Weil Aristophanes in Athen Einfluss hatte und weil er Sokrates auf der Bühne vor Tausenden von Zuschauern porträtiert hatte, verbrachten sowohl Platon als auch Xenophon fast ihr ganzes Leben mit dem Versuch, diesem von der Allgemeinheit offenbar weitgehend geteilten Sokrates-Bild des Aristophanes entgegenzuwirken und Sokrates gegen den Vorwurf des Sophismus zu verteidigen.
Einige Gelehrte haben die Auffassung vertreten, dass die äußerst positive Darstellung des Sokrates in den Werken Platons und Xenophons zum Teil auch als Erwiderung auf die vorausgegangene heftige Schmähung des Philosophen durch Aristophanes gedacht war. Auch andere Komiker – besonders Ameipsias und Eupolis, deren Werke heute verloren sind, aber um 420–410 v. Chr. außerordentlich populär waren – karikierten Sokrates auf der Bühne und verstärkten so das vernichtende Porträt des Aristophanes, dessen nachhaltige Wirkung Platon und Xenophon so sehr zu schaffen machte.
In Aristophanes’ 423 v. Chr. aufgeführter Komödie Die Wolken, die vielen als sein Meisterwerk gilt, ist Sokrates der schlimmste Sophist – ein Anführer jener notorischen Bande gewiefter Trickser, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, dass sie die Köpfe einer müßiggängerischen, reichen Elite mit spitzfindigen Wortspielen und einer relativistischen Moral füllten, und die nach gängiger Meinung für den kulturellen Niedergang Athens und die zunehmende Lethargie und Dekadenz im endlosen Krieg mit Sparta verantwortlich waren. Auf der Bühne versucht Sokrates zum Beispiel, »das schwächere Argument stärker aussehen zu lassen«. Er ist ein Blender, dessen oberflächliche Wortgewandtheit für unbedarfte Geister – die bereit sind, für einen albernen Anschein von Bildung viel Geld zu bezahlen – recht attraktiv ist.
Aristophanes’ Verunglimpfung war so einflussreich, dass Sokrates in der letzten Rede seines Lebens, so wie sie in Platons Apologie aufgezeichnet ist, versucht, sich gegen das gängige Vorurteil zu verteidigen, das aus den Attacken der komischen Bühnendichter herrührte. Einer Überlieferung zufolge war Sokrates selbst im Publikum, als Die Wolken aufgeführt wurde, und erhob sich, um den Zuschauern zu zeigen, dass ihm diese Karikatur nichts anhaben könne. Auch diese Szene wäre übrigens unmöglich gewesen, wenn Sokrates zusammen mit Hunderten seiner Kameraden im Jahr zuvor bei Delion gefallen wäre.
Hätten Platon und Xenophon Sokrates nicht mehr persönlich kennen lernen können, dann hätten beide Autoren wohl nicht den Drang verspürt, dem in Athen gängigeren Sokrates-Bild zu widersprechen. Anders als die beiden Jüngeren hatte der Dramatiker Aristophanes Sokrates lange Jahre gekannt und war ihm oft begegnet. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass unser heutiges Sokrates-Bild, hätten Platon und Xenophon Sokrates persönlich nicht mehr kennen lernen können, weitgehend mit dem von Aristophanes gezeichneten Porträt identisch geblieben wäre. Dann hätte Sokrates in der geschichtlichen Überlieferung als jemand überlebt, der sich kaum von den berüchtigten Sophisten wie Gorgias, Hippias, Protagoras und anderen, deren Schriften verloren sind, unterschied. Deren Ruf aber wurde damals von nahezu allen Zeitgenossen einhellig beschmutzt. Dann wäre Sokrates nicht der Held von Platon und Xenophon gewesen – zwei formbaren jungen Männern, die beide in idealistischer Gesinnung den alten Philosophen verehrten, der im Alter von siebzig Jahren, wie sie selbst miterlebt hatten, von einem ignoranten Pöbel ungerechterweise zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war. Stattdessen wäre das vom zynischen, übersättigten Aristophanes gezeichnete Bild eines Schurken an Sokrates hängen geblieben. Sokrates hätte damit das Schicksal von Kleon und Alkibiades geteilt, deren Ruf als Gauner par excellence auf der komischen Bühne Athens für immer gefestigt worden war. Hätte der 45-jährige Sokrates jenen Nachmittag des Jahres 424 v. Chr. nicht überlebt, dann wäre Sokrates, ganz gleich, was und wer er bis zum Tage der Schlacht von Delion gewesen war, heute weitgehend unbekannt. Und er würde uns außerhalb des teuflisch cleveren Bühnenstücks von Aristophanes auch nicht weiter interessieren.
Die Entwicklung von Sokrates’ eigenem Denken nach seinem 45. Lebensjahr zu beurteilen, ist uns leider nicht möglich, weil er selbst nichts Schriftliches hinterlassen hat. Auch Platons Werken können wir so gut wie keinen Hinweis auf die chronologische Entwicklung des sokratischen Denkens entnehmen. Gleichwohl gibt es Belege dafür, dass auch seine Entwicklung zu einem erstklassigen Denker erst in seinen letzten fünfundzwanzig Lebensjahren erfolgte, als er die begabtesten jungen Leute Athens an seiner Seite wusste: junge Männer wie Alkibiades, Agathon, Platon, Xenophon und Isokrates. Andere Leute, die ungefähr Sokrates’ Zeitgenossen waren und in Platons Dialogen als seine engen Freunde auftreten, kamen seltsamerweise oft nicht aus Athen: Phaidon aus Elis, Echekrates aus Phleius, Simmias und Kebes aus Theben, Aristippos aus Kyrene, Eukleides und Terpsion aus Megara. Und diese Männer waren nicht so sehr an ethischen Fragen interessiert, sondern viel mehr an Naturphilosophie und Kosmologie – besonders an der orphischen Gedankenwelt, an den Lehren des Pythagoras, der Ontologie des Parmenides, den Naturuntersuchungen des Empedokles und an den radikalen Ansichten des Anaxagoras. Wann und wo traf Sokrates diese anderen Jünger, die sich recht deutlich von seinen späteren, berühmteren Anhängern aus Athen unterschieden?
Vielleicht war er vor dem Ausbruch des Peloponnesischen Krieges (431 v. Chr.) außerhalb Athens sogar noch besser bekannt als in der Stadt, und zwar als umherziehender Naturphilosoph in der älteren vorsokratischen Tradition der Naturphilosophie: mit Schwerpunkt auf spekulativen Erörterungen der Materie, des Kosmos und der Seele. Später, nach Kriegsausbruch, als es für seine früheren Kollegen schwieriger war, frei umherzureisen oder in Athen zu leben (Elis, Theben und Megara waren alle mit Athen verfeindet), wandte sich ein älterer, mehr auf Athen konzentrierter Sokrates möglicherweise zunehmend von seinen früheren Interessengebieten (wie der Kosmologie) ab und neuen wie persönlicher Ethik, Rhetorik und Politik zu. Letztere Themenkreise hatten zentrale Bedeutung erlangt, als Sokrates mit ansehen musste, wie sich seine Heimatstadt Athen während des Krieges offen und für alle sichtbar immer mehr zerriss. Seine neue Gefolgschaft unter den wohlhabenden, jungen und formbaren Athenern hatte sicher auch mehr mit einem reiferen Sokrates in seinem fünften Lebensjahrzehnt zu tun, der weniger umherzog und sein philosophisches Fragen mehr auf alltagsnahe Gegenstände konzentrierte. So hätten wir also nicht nur wenig über Sokrates gewusst, wenn dieser in der Dunkelheit bei Delion umgekommen wäre, sondern das Wenige, was uns überliefert worden wäre, hätte der Nachwelt auch das Bild eines eher obskuren Naturphilosophen gezeichnet, der erst seit kurzem innerhalb Athens seine Aufmerksamkeit ethischen Fragestellungen zugewandt und dabei die Aufmerksamkeit des Aristophanes und anderer Komödiendichter auf sich gezogen hatte. Den Wendepunkt der westlichen Philosophie – auf der einen Seite die vorsokratischen Fragestellungen in Kosmologie und Naturkunde und auf der anderen die sokratischen Erörterungen von Ethik und Moral –, diesen Paradigmenwechsel hätte es in dieser Form nicht gegeben.
Wie wäre Platons eigene Karriere ohne den Einfluss des Sokrates verlaufen? Wenn es so ist, dass wir heute ohne Platon kaum etwas über Sokrates wüssten, was wüssten wir denn dann über einen Philosophen namens Platon, der Sokrates überhaupt nicht begegnet wäre? Platons berühmteste Abhandlungen Eutyphron, Apologia Sokratus, Kriton und Phaidon, jene Tetralogie, die sich mit dem Prozess gegen Sokrates und mit dessen Tod befasst, gäbe es dann auf jeden Fall nicht. Noch bedeutsamer ist, dass mindestens ein Drittel von Platons Frühwerk, die so genannten sokratischen Dialoge, wohl nicht geschrieben worden wäre, zumindest nicht in der uns vorliegenden Form. Die Gelehrten des 19. und 20. Jahrhunderts haben viel Zeit darauf verwandt, Platons 31 Dialoge in eine Art Chronologie nach Abfassungsdaten zu bringen – ein schwieriges Unterfangen angesichts der Tatsache, dass Platon wahrscheinlich über einen Zeitraum von rund fünf Jahrzehnten schriftstellerisch aktiv war und dass er uns kaum etwas über sein Leben als Autor hinterlassen hat. Auf der Basis von Stiluntersuchungen, Untersuchungen des philosophischen Inhalts und Anspielungen im Text auf zeitgenössische Ereignisse herrscht heute in der Forschung weitgehend Einigkeit darüber, dass zu Platons Frühwerk, das in den 390er Jahren, seinem dritten Lebensjahrzehnt, entstanden ist, folgende Dialoge gehören: Apologia Sokratus, Kriton, Laches, Lysis, Charmides, Eutyphron, Hippias I und II, Protagoras, Gorgias und Ion. Diese Werke unterscheiden sich recht deutlich von den zwölf Dialogen der mittleren Schaffensphase (380er und 370er Jahre) und der Gruppe der acht Spätwerke, die in den 360er und 350er Jahren geschrieben wurden.
In der ersten Dialoggruppe geht es nach übereinstimmender Ansicht der Gelehrten überwiegend um moralische Fragestellungen und um die Notwendigkeit, ethische Probleme angemessen zu definieren – während sich in Platons mittleren und späten Werken das thematische Interesse auf Metaphysik, Ontologie (Fragen nach dem Sein) und Epistemologie (Erkenntnistheorie) verlagert. Hinzu kommt, dass in Platons ersten elf Dialogen Sokrates als Hauptfigur auftritt; in den späteren Texten scheint seine Bedeutung etwas zu schwinden. In Nomoi (Die Gesetze), einem von Platons letzten Werken, tritt Sokrates überhaupt nicht mehr auf. Manche Gelehrte sind sogar der Ansicht, dass Platon seine ersten Frühwerke schon schrieb, als er noch keine dreißig Jahre alt war, zu einer Zeit also, als Sokrates noch lebte (in den Jahren 408–399 v. Chr.). Wie dem auch sei, wahrscheinlich entstanden wenigstens elf der wichtigsten Werke Platons in einem Zeitraum von rund fünfzehn Jahren nach Sokrates’ Tod. Darin tritt der fragende Sokrates als Hauptgesprächspartner auf, und es geht um jene Themen, die Sokrates in seinen letzten Lebensjahren in den Vordergrund rückte und die ihn berühmt machten. Hätte Platon aber nun Sokrates niemals getroffen, dann gäbe es diese elf Dialoge entweder überhaupt nicht oder wenigstens nicht in ihrer gegenwärtigen Form.
In Platons mittleren und späten Dialogen dagegen, als die Erinnerungen an Sokrates schon lange zurücklagen, zeigt sich ein zunehmendes Interesse an den Werken von Parmenides, Protagoras und Empedokles. Auf deren Theorien zu Fragen wie Kausalität, Veränderung, sinnliche Wahrnehmung, Kosmologie und Wiedergeburt wird direkt Bezug genommen. Wie der jüngere Sokrates scheint auch Platon diese frühen Denker, die – anders als Sokrates – substanzielle Schriften hinterließen, für die einflussreichsten Philosophen der griechischen Tradition zu halten. Als Platon reifer wurde, als die Erinnerungen an das Leben und die Gespräche des Sokrates verblassten und als der Wert der schriftlichen philosophischen Texte anderer Autoren wieder höher eingeschätzt wurde, scheint Platon in wichtigen Bereichen der Philosophie von Sokrates abgewichen zu sein und sich auf diese früheren Größen berufen zu haben. Daraus ergibt sich eine gewisse Ironie, denn die philosophischen Interessen des älteren Platon ähneln eher der Gedankenwelt des jüngeren Sokrates. So drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass die beiden letzten Jahrzehnte von Sokrates’ Leben in der griechischen Philosophie eine eher ungewöhnliche Periode waren, weil es damals weit mehr um praktische und ethische Fragen ging als um metaphysische Spekulationen. Ein weiterer Schwerpunkt des älteren Sokrates lag in seiner selbst gestellten Aufgabe, das auf den Straßen Athens herrschende Wissen als falsches, wertloses Scheinwissen zu entlarven. Wäre also Sokrates 424 v. Chr. bei Delion gefallen, so wäre höchstwahrscheinlich mindestens ein Drittel von Platons hochinteressanten Werken nicht oder nur in wesentlich anderer Gestalt vorhanden. Wahrscheinlich hätte Platons Gesamtwerk eher seinen mittleren und späten Dialogen geähnelt. Es hätte damit wesentlich besser in die Hauptentwicklungslinie der griechischen kosmologischen und ontologischen Spekulation gepasst.
Schließlich wird in Platons Werken auch deutlich, dass er spürte, dass die Schlacht von Delion in Sokrates’ Leben ein bedeutsames Ereignis war – eines, das dem jüngeren Schüler von diversen Bekannten des Sokrates immer wieder berichtet wurde. Platon erwähnt die Schlacht nicht nur dreimal in seinen Werken, sondern es gibt zusätzlich noch eine ganze Reihe verdeckter Anspielungen, oft in unerwarteten Kontexten. In den utopischen Spätwerken Nomoi (Die Gesetze) und Politeia (Der Staat) ist der Albtraum von Delion nie allzu weit entfernt. Sowohl die Schande der athenischen Verluste als auch das Sakrileg der Thebaner nach der Schlacht dienen dort als wichtige Lektionen für den Militärreformer. In den Gesetzen dringt Platon zum Beispiel darauf, dass auch in Friedenszeiten regelmäßig militärische Übungen stattfinden; unabhängig vom Wetter sollten sie den ganzen Tag andauern (dass die Schlacht von Delion an einem Novembernachmittag stattfand, war eher atypisch). Wie im Laches sollen die Soldaten auch in den Gesetzen festgelegte Bewegungsabläufe einüben, um individuelle Schläge des Feindes abzuwehren. Solche Übungen werden immer dann von besonderem Wert sein, wenn das Kampfgeschehen keine festen Formen hat und »die Reihen aufgebrochen sind und der Kampf Mann gegen Mann erforderlich wird, sei es bei der Verfolgung eines sich verteidigenden Kämpfers, sei es beim eigenen Rückzug, wenn die Angriffe eines anderen abgewehrt werden müssen« – ganz so, wie es Sokrates bei Delion gelernt hatte.
In seiner Utopie Der Staat widmet sich Platon ebenfalls dem schändlichen Rückzug und dem Gemetzel von Delion. Hier heißt es, Väter (hatte Platon etwa seinen Stiefvater Pyrilampes im Sinn?) sollten ihre Söhne mit aufs Schlachtfeld nehmen, damit diese den Kämpfen zuschauen könnten – mit der Garantie, von den älteren »Führern« in Sicherheit gebracht zu werden, »wenn sich das als nötig erweisen sollte«. Wer bei lebendigem Leibe gefangen werde (dachte Platon etwa wiederum an seinen Stiefvater?), der solle nicht freigekauft werden, sondern den Wünschen der Feinde überlassen bleiben. Dagegen sollten die Mutigen (also diejenigen, die sich wie Sokrates verhielten) für ihre Heldenhaftigkeit mit militärischen Auszeichnungen bedacht werden. Platon fährt fort, dass die Toten nicht ausgeplündert oder entweiht werden dürften, und besteht darauf, die Leichen der Gefallenen müssten ihren Landsleuten für ein anständiges Begräbnis übergeben werden (also anders behandelt werden, als es die berüchtigten Thebaner taten). Auch sollten die Griechen (anders als die Thebaner nach Delion) die Waffen der Gefallenen nicht als Votivgaben in Heiligtümern aufstellen, sondern eine solche Entweihung stattdessen als »Befleckung« ansehen. Obwohl Platon selbst vielleicht zwei Jahre während des Korinthischen Krieges (395/394 v. Chr.) Militärdienst leistete, beziehen sich seine Erörterungen des Krieges größtenteils auf die Erlebnisse des Sokrates, vor allem auf seine Gegenwart und sein Überleben bei Delion.
Einer der bewegendsten Texte der westlichen philosophischen Literatur ist Platons Apologie, der Bericht von Sokrates’ Zurückweisung der Anklage vor den athenischen Richtern. Der Einfluss von Platons Fassung dieser Rede ist in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden immens gewesen. Aus dieser majestätischen Verteidigungsrede leiten sich zwei fundamentale Traditionen in der Praxis der westlichen Philosophie her. Zum einen die gängige Meinung, dass die Gesellschaft diejenigen, die ihre Autorität und Werte in Frage stellen, töten werde. Demnach ist die Rolle des wahren Philosophen meistens eine tragische, denn als Außenseiter wird er unweigerlich der Rache der Massen ausgesetzt sein, wenn er seinen eigenen Ideen treu bleibt. Und zum anderen war es die Tatsache, dass die Demokratie, nicht die Oligarchie oder die Autokratie, Sokrates umbrachte. Vor allem wegen der Verurteilung und Hinrichtung des Sokrates hatte die athenische Demokratie bei späteren philosophischen und politischen Denkern einen fürchterlich schlechten Ruf – von Cicero bis zu Machiavelli und allen weiteren bedeutenden Philosophen, bis zu den Revolutionären im Frankreich und in den USA des späten 18. Jahrhunderts.
Darüber hinaus zogen die frühchristlichen Apologeten der Spätantike – teils als Reaktion auf das erneute Interesse an Sokrates im Rahmen der damaligen neoplatonischen Renaissance, die das mystische Element in Platons Werken hervorhob – eine unmissverständliche Parallele zwischen den Märtyrern Sokrates und Jesus: Beide Männer waren Lehrer, die selbst nichts niederschrieben, aber von engen Jüngerzirkeln immer wieder zitiert wurden; beide wurden vor den Mob gezerrt, öffentlich gedemütigt und dann von Männern hingerichtet, die ihnen unterlegen waren, aber für eine verängstigte, paranoide Führungsschicht standen. Nach Meinung der frühchristlichen Apologeten war Sokrates’ mutiges Ende – wobei er dafür eintrat, sich lieber selbst verletzen zu lassen, als andere zu verletzen – die Bestätigung seiner quasi prophetischen, von Gott gesegneten Vorläuferfunktion für Jesus. Wie Jesus habe er gelehrt, dass wir nicht mit unseren Körpern restlos sterben, sondern eine unsterbliche Seele haben, die auch nach unserem Tode weiterlebt. Das von Platon überlieferte sokratische Gedankengut erhielt in der Exegese der frühchristlichen Kirche eine zentrale Bedeutung.
Wäre Sokrates nun aber bei Delion gefallen, dann hätte es auch nicht das Bild von Sokrates als vorchristlichem Märtyrer gegeben. Anstatt als tragischer Mann, der seinem Gewissen folgte, wäre er uns als ein eher unauffälliger athenischer Patriot und sophistischer Denker, der bei einem militärischen Blutbad ums Leben kam, überliefert worden. In diesem Sinne wäre Sokrates eher ein Bestandteil der attischen Demokratie gewesen als jemand, der sich querstellte. Auch hätte bei uns die athenische Demokratie kein so schlechtes Ansehen gehabt, wenn sie Sokrates als einen gefallenen Krieger des Jahres 424 v. Chr. geehrt hätte, anstatt ihn als vermeintlichen subversiven Agitator und Förderer der rechtsgerichteten Revolutionäre des Jahres 404 v. Chr. hinzurichten, die für kurze Zeit die rechtmäßige Regierung abgesetzt hatten. Die meisten Animositäten der Demokratie gegen Sokrates rührten nämlich nicht, wie behauptet, einfach von seiner kompromisslosen philosophischen Einstellung her, sondern viel mehr von den Vorwürfen, seine früheren Studenten und Genossen hätten gegen die demokratische Regierung geputscht, während er selbst untätig zugesehen habe.
Als Zusammenfassung lässt sich sagen: Sokrates kämpfte zwar aktiv in drei Schlachten, aber es war in erster Linie sein beinahe tödlicher Rückzug nach der Schlacht bei Delion im Jahre 424 v. Chr., der im Gedächtnis seiner Zeitgenossen fortlebte. Es handelte sich um ein albtraumhaftes Gemetzel direkt an der attischen Grenze. Diese historisch eigentlich unbedeutende Schlacht schlug in der griechischen Geschichte noch an anderen Stellen Wellen: Die schändliche Behandlung der gefallenen Athener durch die Thebaner veranlasste später Euripides, seine Tragödie Die Schutzflehenden zu schreiben, ein Drama, in dem die Thebaner (insbesondere König Kreon) dafür getadelt werden, dass sie die Bestattung des gefallenen Polyneikes verboten. Theben selbst finanzierte mit der riesigen attischen Kriegsbeute nach der Schlacht seine eigene künstlerische und architektonische Renaissance. Und schließlich hätte Alkibiades seine Mitbürger neun Jahre später (415 v. Chr.) wahrscheinlich niemals von der Expedition nach Sizilien überzeugen können, wenn sich der junge Hitzkopf nicht zuvor schon in seiner ersten Schlacht, bei Delion, seine Sporen als Held verdient hätte.
Die größte Bedeutung dieser Schlacht liegt aber wohl darin, dass der Philosoph seinen thebanischen Verfolgern knapp entrinnen konnte. An jenem herbstlichen Spätnachmittag des Jahres 424 v. Chr. wäre die westliche Philosophie, wie wir sie kennen, beinahe schon im Keim erstickt worden. Wäre Sokrates damals von seinen Feinden niedergemacht worden, würden wir heute fast nichts mehr über ihn wissen. Dann könnte ihn die philosophische Tradition allenfalls als einen frühen und recht obskuren Kosmologen und Naturphilosophen in der Nachfolge des Pythagoras, Parmenides und Empedokles bezeichnen, vielleicht auch als frühen Sophisten. Doch dann gäbe es, anders als bei vielen seiner Zeitgenossen, immer noch kein einziges schriftliches Fragment seiner Werke.
Wir hätten nicht den Sokrates, den Platon und Xenophon uns dargestellt haben. Auch Platons eigenes Werk – wenn sich denn Platon ohne die Unterweisung und Inspiration des alten Sokrates überhaupt zum Philosophen gewandelt und über Philosophie geschrieben hätte – wäre sicher ganz anders ausgefallen. Es wäre wahrscheinlich eine eher abstrakte utopische Theorie geworden, mit weit weniger Alltagsbezug in ethischen und politischen Fragen. Auch ein großer Prozentsatz von Xenophons Werken wäre niemals geschrieben worden. Dann wären Die Wolken des Aristophanes und nicht Platons Apologie des Sokrates unsere einzige Informationsquelle über Sokrates als Menschen gewesen, und als Charakter hätte er sich dann nicht wesentlich von den anderen Gestalten unterschieden, die die komische Bühne der Athener bevölkerten. Wäre Sokrates bei Delion gefallen, dann gäbe es heute nicht ein einziges Buch über ihn in irgendeiner Bibliothek oder Buchhandlung. Auch Platon wäre dann dem allgemein gebildeten Leser sicher ebenso unbekannt wie Zenon oder Epikur.
Was aber noch viel wichtiger ist: Der Tod des Sokrates im Alter von siebzig Jahren – die Frage, warum und wie er zu Tode kam – hat in der westlichen liberalen Tradition eine grundlegende Rolle gespielt. Wäre Sokrates als Mann im mittleren Alter in der Dämmerung bei Delion von einem feindlichen Speer durchbohrt worden, anstatt als alter Mann von einem höhnenden, ignoranten Mob zum Tode verurteilt zu werden, dann wäre heute das gesamte Bild des Philosophen radikal anders und das Erbe der Demokratie würde in einem wesentlich besseren Licht stehen. Zweieinhalb Jahrtausende nach der Geburt der athenischen Demokratie leitet sich ein Großteil der allgemeinen Kritik an der Regierung durch das Volk in ihren antiken und modernen Ausprägungen immer noch aus Platons Emotionen und aus seiner Logik her. Diese politischen Instinkte aber wurden durch Leben und Tod des Sokrates geformt. Auch wäre dann die Parallele zwischen Sokrates, dem Märtyrer und Begründer des westlichen Denkens, und Jesus, der am Kreuz starb, um die Religion des Westens zu begründen, nicht ganz so offensichtlich und leicht zu ziehen gewesen. Der Neoplatonismus, wie ihn die frühe Christenheit in der Nachfolge Platons verstand, hätte ohne ein Überleben des Sokrates über das Jahr 424 v. Chr. hinaus keine ethische Grundlage gehabt. Es ist also ganz einfach: Hätten lokrische Reiter an jenem Spätnachmittag im November bei Delion Sokrates getötet, dann wären sowohl unsere gegenwärtigen Vorstellungen vom Christentum als auch unsere gegenwärtigen Vorstellungen von der Demokratie grundlegend anders.
Josiah Ober
Der Triumph von Antonius und Kleopatra bei Actium, 31 v. Chr.
Welche Rolle spielt die Liebe in der spekulativen Geschichtsbetrachtung? Manche Leser würden schon die Frage als eine abtun, auf die nur Franzosen kommen können. In der Tat war, wie Josiah Ober feststellt, der französische Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) der Meinung, wenn die ägyptische Königin Kleopatra nicht eine so schöne Nase gehabt hätte, dann »wäre das ganze Antlitz der Erde anders geworden«. Hätte denn ein hässliches Aussehen der Königin den Feldherrn und Politiker Marcus Antonius, einen der mächtigsten Männer der damals bekannten Welt, davon abgehalten, sein Herz an sie zu verlieren? Und damit die ersten Schritte auf dem Weg zu gehen, der nach Actium in die Niederlage führte? In der Folge war bekanntlich sein Rivale Octavianus als Augustus zum ersten römischen Kaiser aufgestiegen. War daran also die Liebe schuld?
Für Pascal (und zuvor schon für Shakespeare) hätte die Antwort nicht klarer sein können. »Wer die Eitelkeit der Menschen gründlich kennen lernen will, braucht nur die Ursachen und die Wirkungen der Liebe zu betrachten«, schrieb Pascal in seinen Pensées
