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Lucie Kaiser hat ihr Leben im Griff: erfolgreiche Abteilungsleiterin, klare Strukturen, keine Zeit für Ablenkungen. Beziehungen? Halten bei ihr sowieso nie länger als einen Sommer. Bis eine störrische Couch im Treppenhaus alles verändert. Die Couch gehört Gila Burckhardt, lebenslustig, spontan und mit einem Lächeln, das Lucie den Boden unter den Füßen wegzieht. Was als nachbarschaftliche Hilfe beginnt, wird zu einer Begegnung, die Lucie nicht mehr loslässt. Und die Hoffnung aufkeimen lässt, dass es diesmal mehr als nur eine Affäre sein könnte. Bis eine mysteriöse Nachricht aus Frankreich Lucies Welt auf den Kopf stellt ...
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2026
Roman
© 2026édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-405-7
Coverfotos: iStock.com/Tohid Hashemkhani
»Oh nein! Das darf nicht wahr sein!«
Mit entsetzt vors Gesicht geschlagenen Händen stand sie da. Im Treppenhaus. Auf dem Absatz der zweiten Etage, während ich auf dem Weg in meine Wohnung im dritten Stock war.
Die Frau meines Lebens.
Auch wenn mich diese Erkenntnis für einen Moment bewegungsunfähig machte und mein Fuß fast in der Luft hängenblieb, hätte ich sowieso stehenbleiben müssen.
Denn genau diese meine Traumfrau versperrte zusammen mit zwei Männern in blauen Overalls und etwas Großem, Braunen, das quer in der Tür steckte, meine übliche Route nach Hause.
Meine hochgezogenen Augenbrauen trafen auf ihren weit aufgerissenen Blick.
»Da weiß ich jetzt auch nich’, junge Frau«, brummelte der Ältere der beiden Möbelpacker, der zwar muskulös, aber gleichzeitig auch mit einem durchaus veritablen Bierbauch ausgestattet auf dem Absatz über mir stand.
Ja, genau. Ein Möbel musste das, was ich jetzt, da ich ein paar Stufen höher gestiegen war, besser sehen konnte, wohl sein. Eine Art Couch. Aber asymmetrisch. Und das hatte anscheinend zu diesem Stau geführt, der mich nun am Weitergehen in meine eigene Wohnung hinderte.
Gut, ich hätte den Fahrstuhl nehmen können. Wegen der Figur nahm ich lieber die Treppe, aber ein Fahrstuhl war in diesem Haus durchaus vorhanden. Nur ein paar Stufen hinunter . . . auf den Knopf gedrückt . . .
Aber dann hätte ich SIE aus dem Blick verloren.
Sah so aus, als ob sie gerade hier einzöge, und das bedeutete wohl, dass wir uns demnächst vielleicht öfter sehen würden. Wenn sie auch die Treppe nahm.
Sollte ich sie mal fragen? Doch jetzt war jetzt, und ich wollte sie nicht gleich wieder verlieren, kaum dass ich sie das erste Mal gesehen hatte.
Der Möbelpacker kratzte sich am seit gestern nicht mehr rasierten Kinn. »Hab’n Se das denn nich’ ausgemessen?«, fragte er etwas vorwurfsvoll.
»Doch, habe ich.« Mittlerweile waren die Hände der Frau mit den halblangen braunen Haaren langsam wieder heruntergesunken. Ihr ratloser Blick hatte sich jedoch nicht verändert. »Sie müsste eigentlich durchpassen.«
»Vielleicht hochkant?«, schlug ich ohne nachzudenken vor.
Im Grunde genommen wusste ich, dass mich das nichts anging, aber ich konnte mich in solchen Situationen oft einfach nicht zurückhalten.
Eine meiner größten Schwächen. Oder auch Stärken. Je nachdem, wie man es betrachtete. Als Führungskraft der mittleren Ebene in einem großen Logistik-Betrieb musste ich meist schnell Problemlösungen finden, und das war mir wohl in Fleisch und Blut übergegangen.
Mit ihren schönen seelenvoll haselnussbraunen Augen sah sie mich an, als hätte sie nicht erwartet, dass ich überhaupt den Mund aufmachen würde.
Um Verzeihung bittend hob ich die Hände. »Entschuldigung. Das geht mich nichts an.«
Ein leises Lächeln schlich sich in ihre bislang verzweifelt verkrampften Mundwinkel. »Ich bin für jede Einmischung dankbar, die diese Couch durch meine Tür bringt.« Schon halb resigniert warf sie die Arme in die Luft. »Wenn die nicht durchpasst, laufe ich Gefahr, hier gleich einen veritablen Nervenzusammenbruch aufs Parkett zu legen.« Ihr Lächeln wurde etwas breiter. »Und Sie halten mich für hysterisch.«
»Ich halte Sie nicht für hysterisch«, widersprach ich sofort und trat nun endgültig auf den Absatz, der auf gleicher Höhe mit ihrem Wohnungseingang lag. »Eher halte ich diese Couch hier für ausgesprochen störrisch.«
Mit leicht gerunzelter Stirn legte ich eine Hand auf die Lehne der Couch, die aus der Tür hervorstach, und ließ meinen Blick prüfend in die Wohnung hineinschweifen. Gleicher Schnitt wie bei meiner – logisch, sie befand sich direkt darunter.
Ich nickte. »Das Problem hatte ich oben auch schon mal«, erklärte ich, während ich mit einer Hand über die Couch hinweg in die Tür hineinwies. »Weil da die Ecke ist und man nicht gerade durchgehen kann.« Auffordernd sah ich die Möbelpacker an. »Sie müssen die Couch erst einmal wieder herausziehen und sie dann hochkant stellen. Dann kann man sie wahrscheinlich um die Ecke herumdrehen. Bei mir hat das geklappt.«
Der ältere Möbelpacker strich sich skeptisch übers unrasierte Kinn, doch sein jüngerer Kollege packte die Couch schon mit kräftigen Händen und zog sie heraus. Gemeinsam drehten sie das kleine Ungetüm auf die Seite, und es dauerte keine fünf Minuten, da hatten sie es ohne viel Aufhebens in die Wohnung bugsiert.
Meine vermutlich neue Nachbarin schwebte ihnen wie eine Elfe – ja, ich weiß, übertrieben, aber ich konnte mich trotzdem nicht des Eindrucks erwehren – hinterher. Als hätte sie zudem noch einen Elfenmagneten eingebaut, folgte ich ihr, als gehörte ich dazu.
Der ältere Möbelpacker hielt ihr einen Zettel hin. »Das wär’s dann, Frau Burckhardt. Bitte hier unterschreiben.«
Aha. Ihren Nachnamen kannte ich damit schon mal.
Unbewusst fiel mir auf, dass der Rest des Wohnzimmers noch vollkommen leer war. Das Einzige, was darin stand, war jetzt diese in einem warmen Rehbraun gehaltene Couch.
Obwohl ich die Wohnung mit den beiden Möbelpackern zusammen hätte verlassen können, deren schwere Arbeitsschuhe die Treppe hinunterpolterten, stand ich immer noch wie angewurzelt im Raum.
»Ohne Ihre Hilfe wäre das wahrscheinlich nicht so schnell gegangen.« Eine Stimme, die mir wesentlich weicher erschien als eben noch, traf mich unvermutet von hinten.
Ein wenig zu abrupt drehte ich mich um. »Ich habe doch gar nichts getan.«
»Sie hatten die entscheidende Idee.« Ihr Lächeln zog mich in eine Welt voller Elfen hinein, von denen sie die schönste war. Die, die unter allen anderen hervorstach. Immer noch lächelnd trat sie näher, streckte mir die Hand hin. »Gila Burckhardt.«
Es kribbelte schon in meiner Hand, bevor ich ihre berührte. Als ich es dann tat, wurde das Kribbeln noch schlimmer, fast unerträglich.
»Lucie Kaiser«, stellte ich mich vor. So schnell, wie es die Höflichkeit erlaubte, zog ich meine Hand zurück und wies damit zur Decke. »Ich wohne genau über Ihnen.«
Schulterzuckend schüttelte sie den Kopf. »Ich wohne eigentlich noch gar nicht hier.« Und wieder wurden ihre Worte von einem hinreißenden Lächeln begleitet. »Ich habe die Wohnung erst ab nächstem Monat gemietet.«
»Also ab nächster Woche.« In ihre Augen zu schauen war wie sanft in ein Samtkissen einzusinken. Ich musste das lassen. Leicht verlegen lachend wandte ich mich halb zur Balkontür und blickte durch das Glas hindurch in einen mit weißen Schäfchenwölkchen überzogenen hellblauen Sommerhimmel. »Dieser Monat geht ja nur noch bis diese Woche Samstag.«
»Richtig.« Sie nickte in meinem Augenwinkel. »Am Samstag ziehe ich um. Aber als ich diese Couch sah«, sie schlenderte zu dem rehbraunen Zweisitzer und ließ sich genüsslich hineinfallen, »musste ich sie einfach haben.«
Der Balkon hatte nicht denselben Reiz für mich wie ihr Anblick, also wandte ich mich ihr wieder ganz zu. »Sie ist wirklich sehr schön.«
»Und sie hätte definitiv nicht mehr in meine alte Wohnung gepasst.« Vergnügt lachte sie auf und ließ ihre Finger neben sich über den Stoff streichen. Es schien ihr sehr zu gefallen.
Genauso wie es mir gefallen hätte, jetzt diese Couch zu sein . . . Als würde ich ihre Finger auf meiner Haut spüren, kribbelte es überall, ließ sich nicht mehr wegdenken und auch nicht wegfühlen.
»Deshalb habe ich sie gleich hierher liefern lassen«, beendete sie halb versunken in die Betrachtung der Couch ihre Erzählung, als wäre da noch etwas anderes, das ihr durch den Sinn ging.
Ihre Stimme war genauso betörend wie ihr Lächeln. Sie vibrierte geradezu vor Erotik. Mir lief es gleichzeitig heiß und kalt den Rücken herunter.
Ach du liebe Güte . . .
Das war ja vielleicht ein Feierabend. Den hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Oder eher hatte ich ihn mir gar nicht vorgestellt. Meine Feierabende verliefen meist recht geruhsam.
»Na dann . . .«, ich zog mich einen Schritt in Richtung Tür zurück. Ihre Nähe war gefährlich. Der musste ich unbedingt entkommen, sonst konnte ich für nichts mehr garantieren, ». . . gehe ich mal in meine Wohnung.« Mit dem Daumen deutete ich nach oben. »Schönen Abend noch.«
Sie sprang mit einem Satz auf. »Leider kann ich Ihnen gar nichts anbieten.« Mit einer um Verzeihung bittenden Geste kam sie auf mich zu. »Noch nicht einmal einen Kaffee. Das ist alles noch in meiner alten Wohnung.«
»Kein Problem.« Ich nickte. Vermutlich hätte ich sie jetzt zu mir in die Wohnung einladen sollen. Ich hatte Kaffee. Aber ihrer erotisierenden Ausstrahlung noch länger ausgesetzt zu sein ging über meine Kräfte. »Wir sehen uns.«
Doch obwohl ich meine Flucht in Richtung Treppenhaus fortsetzte, war das für den Moment aussichtslos. Sie kam mir nach.
»Das hoffe ich«, sagte sie lächelnd.
Oh mein Gott, dieses Lächeln . . .
»Bestimmt«, nickte ich.
Und konnte nicht anders, als zurückzulächeln. Ihr Lächeln war ansteckend. Wenn meins auch sicher etwas angestrengter aussah.
»Sie können ja auch lächeln«, kommentierte sie das. »Ich dachte schon, ich hätte Ihnen den ganzen Abend verdorben.«
Das hast du sicher nicht. Eher im Gegenteil.
»Ich war ein bisschen in Gedanken«, entschuldigte ich mich. Was der Wahrheit entsprach. Dann fügte ich hinzu: »In der Firma ist im Moment der Teufel los.«
Was ebenfalls der Wahrheit entsprach, aber nicht der Grund für meine Gedankenverlorenheit gewesen war. In dem Augenblick, als ich Gila Burckhardt gesehen hatte, gab es nur noch einen Gedanken. Sie.
Büro? Firma? Was war das?
»Das kenne ich.« Sie seufzte. »Bei mir geht es gerade auch zu wie in einem Tollhaus. Muss an der Hitze liegen.«
»Ja«, stimmte ich zu. »Daran muss es wohl liegen.«
Was wiederum der Wahrheit entsprach. Jedoch meinte sie die Sommerhitze draußen, während ich mich auf die Hitze in meinem Inneren bezog.
»Da haben wir es wohl beide nicht leicht.« Ihr Lächeln hatte wieder diese Qualität, die mich schwach machte.
»Anscheinend nicht.« Endgültig zog ich mich die paar Schritte zur Hausflurtreppe zurück.
»Bevor Sie verschwinden . . .«, hielt sie mich mit erhobenem Arm auf. »Sobald ich hier eingezogen bin, werde ich Sie zu dem wohlverdienten Kaffee einladen. Oder auch zu einem Stück Kuchen. Einverstanden?« Wieder lachte sie, dass es durch die Luft vibrierte. »Auf gute Nachbarschaft.«
Ich brachte nur noch ein kraftloses Nicken zustande. Das Vermögen, ihrer Ausstrahlung zu widerstehen, ging mir langsam aus.
»Ja, auf gute Nachbarschaft«, wiederholte ich und setzte nun endlich einen Fuß auf die erste Treppenstufe, die zu mir nach oben führte.
»Wie schön, dass ich die netteste Nachbarin schon vor meinem Einzug kennengelernt habe«, rief sie mir hinterher, sodass das ganze Treppenhaus von ihrer Stimme vibrierte.
Das konnte ja heiter werden mit dieser neuen Nachbarin.
Vielleicht nahm ich in Zukunft doch lieber den Fahrstuhl . . .
In meiner Wohnung angekommen hätte ich mich am liebsten gleich auf meine eigene Couch geworfen, aber ich folgte erst mal meinem üblichen Ritual, die Pumps und die Büroklamotten abzustreifen, meine Jogginghose für Zuhause anzuziehen und den Tag gedanklich ausklingen zu lassen.
Normalerweise gingen mir dabei immer noch ein paar Probleme aus der Firma durch den Kopf. Meistens Probleme, für die ich noch keine Lösung gefunden hatte.
Doch heute war es anders. Es gab nur einen Gedanken, den ich nicht aus meinem Kopf bekam, und das war sie. Gila Burckhardt. Meine neue Nachbarin.
Ich lauschte, als ich unten im Treppenhaus eine Tür ins Schloss fallen hörte. Das musste sie sein. Sie war nur für die Lieferung der Couch in ihre neue Wohnung gekommen. Jetzt ging sie wieder zurück in ihre alte.
In gewisser Weise atmete ich erleichtert aus. Diese Nähe zu ihr, das war wirklich heftig gewesen. Sie das Haus verlassen zu hören war eine regelrechte Erlösung.
Wie sollte das werden, wenn sie erst einmal dauerhaft hier wohnte? Ich würde sie direkt in der Wohnung unter mir hören, das war unvermeidlich. Zwar war es ein solide gebautes Haus, und man bekam nicht alles von den Nachbarn mit, aber einiges schon.
Insbesondere, wenn jemand Besuch bekam. Da konnte man dann immer Ratespiele veranstalten, wer das wohl sein mochte. Zumindest bei den Hausbewohnern, die man nicht so gut kannte. Bei einigen anderen war es völlig klar.
Gila Burckhardt kannte ich überhaupt nicht, und dementsprechend hätte es da einiges zu rätseln geben können. Das erste Rätsel war schon einmal, ob sie mehr männliche oder mehr weibliche Freunde hatte. Und welche Arten von Beziehungen das waren.
Nein, da bildete ich mir etwas ein. Sie war hetero. Genau der Typ.
Ich machte mir einen Cappuccino und nahm ihn mit zur Couch, auf der ich mich nun niederließ. Nachdenklich ließ ich mich zurücksinken und nippte daran.
Wäre sie es nicht gewesen, hätte ich vielleicht vermutet, sie hätte mit mir geflirtet. Aber Heterofrauen waren anderen Frauen gegenüber oft auf eine Art offen, die bei Lesben etwas bedeutete, bei ihnen aber nicht.
Wollte ich dieses Rätsel überhaupt lösen? Wahrscheinlich nicht. Oder es würde sich von selbst lösen – schneller, als mir lieb war.
Am Samstag zog sie ein. Bestimmt mit Hilfe. Vielleicht Freunde. Vielleicht Freundinnen. Näher oder weniger nah. Mit einziehen würde wohl niemand, dafür war die Wohnung zu klein.
Fand ich jedenfalls. Manche Leute hatten da nicht so hohe Ansprüche.
Hätte ich die Wohnung mit jemandem teilen wollen, hätte ich auf mindestens vier Zimmern bestanden, wenn nicht mehr. Doch momentan gab es keine Kandidatinnen für eine solche Wohngemeinschaft.
Dass ich selbst in diese Wohnung eingezogen war, war auch noch gar nicht so lange her. Zuvor hatte tatsächlich so eine Art Wohngemeinschaft bestanden. Es war mehr gewesen als eine Wohngemeinschaft, aber mittlerweile bezeichnete ich es so.
Meine süße Ex-Lebensgefährtin hatte mich auf recht unsanfte Weise aus dieser Wohnung vertrieben, als sie beschloss, dass jemand anderer bei ihr wohnen sollte.
Kein sehr angenehmes Kapitel meines Lebens. Ich versuchte, es zu vergessen.
Offenbar hatte ich mich sehr in der Frau, mit der ich die letzten zwei Jahre in derselben Wohnung verbracht hatte, getäuscht.
Daraufhin hatte ich mich nach einer wesentlich kleineren Wohnung umgeschaut, sodass mir so eine Wohngemeinschaft so schnell nicht wieder passieren konnte, rein aus Platzgründen.
Finanziell hätte ich mir durchaus etwas Größeres leisten können, aber wozu? Ich hatte ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein kleines Arbeitszimmer. Das war mehr als genug.
Auch die Küche war recht klein, doch das störte mich nicht, da ich fast nie kochte. Unter der Woche aß ich in der Firma, und am Wochenende ging ich meistens essen oder bestellte mir etwas. Ab und zu musste es auch einmal eine Tiefkühlpizza tun. Mehr brauchte ich nicht.
Seit ich mich von Sandra getrennt hatte – oder sie wohl eher von mir –, war es mir eigentlich egal, was ich aß. Sandra war eine recht gute Köchin gewesen, auch wenn sie es nicht unbedingt gern tat. So hatten viele unserer Abende in Restaurants stattgefunden. Ich kannte fast jedes in der Stadt.
Wir hatten beide gute Jobs und konnten es uns leisten. Warum sollten wir da selbst kochen?
Immer noch liefen wir uns recht häufig über den Weg, denn wir arbeiteten in derselben Firma. Glücklicherweise war es eine ziemlich große Firma, und wir arbeiteten in verschiedenen Abteilungen.
Am Anfang war es nicht einfach für mich gewesen, wenn ich sie sah, auf dem Gang oder in der Kantine oder manchmal auch bei Besprechungen.
Aber mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, und mein Herz behielt seinen normalen Rhythmus, sobald ihre Gestalt irgendwo auftauchte. Nicht immer, aber immer öfter.
Als Abteilungsleiterin stand ich rein firmenhierarchisch betrachtet über ihr, aber das spielte keine Rolle. Sandra hatte mich immer um den Finger wickeln können, wenn sie das gewollt hatte.
Als sie es nicht mehr wollte, vermisste ich es.
Aber ich konnte auch nichts daran ändern.
»Nanu? Was ist denn mit dir heute los?« Meine Kollegin Julia blieb mit einem erstaunten Gesichtsausdruck auf dem Gang vor mir stehen.
»Was?« Ich hatte sie erst im letzten Augenblick gesehen und war fast in sie hineingelaufen.
»Da liegt so ein selbstversunkenes Lächeln auf deinem Gesicht«, erklärte sie, selbst ebenfalls ein Schmunzeln auf den Lippen. »Wenn du zu einer Besprechung unterwegs bist, lächelst du meistens nicht.«
»Du kennst mich anscheinend besser als ich selbst.« Ich hob die Augenbrauen. »Ich beobachte mich nicht, wenn ich zu einer Besprechung gehe.«
»Das liegt nahe.« Nun grinste Julia fast. »Außer du würdest ständig mit einem Spiegel vor dem Gesicht herumlaufen.« Sie drehte sich um und schloss sich meiner Richtung an, da ich weiterging. »In letzter Zeit hast du überhaupt nicht mehr viel gelächelt. Deshalb freut es mich, dich wieder lächeln zu sehen.«
»In letzter Zeit gab es nicht viel zu lächeln«, erwiderte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. »Du weißt, wie die Stimmung in der Firma ist. Und dabei nimmt die Arbeit kein Ende, wird immer mehr. Mehr Leute bekomme ich aber nicht, und der Krankenstand derjenigen, die schon da sind, ist so hoch wie nie.«
Sie nickte. »Das ist der Stress. Und die unklaren Zukunftsaussichten. Einige haben sicherlich schon innerlich gekündigt.«
Das konnte ich nur tief durchatmend bestätigen. »Einer hat heute tatsächlich seine Kündigung eingereicht. Gott sei Dank jemand, auf den ich gut verzichten kann. Aber seine Arbeit muss nun trotzdem von jemand anderem übernommen werden. Bis ich jemand Neuen einstellen kann. Falls ich jemanden finde.«
»Bei mir sieht es ähnlich aus.« Sie holte tief Luft. »Vielleicht bringt diese Sitzung ja was. Du bist doch zur Abteilungsleitersitzung unterwegs?« Fragend sah sie mich an.
Ich blickte etwas zweifelnd zurück. »So richtig teile ich deine Zuversicht nicht. Im Grunde genommen weiß ich schon, was gleich in der Sitzung passieren wird. Nämlich gar nichts. Es werden keine Entscheidungen getroffen. Das ist ein Problem, das die Firma immer weiter in Schwierigkeiten bringt.«
»Richtig«, entgegnete sie seufzend. »Ich muss dir ehrlich sagen, ich schaue mich auch schon nach etwas anderem um.«
»Du?« Nun blieb ich doch noch einmal stehen. »Du warst doch schon da, bevor ich gekommen bin.«
»Eben.« Mit etwas schief verzogenem Gesicht schaute sie mich an. »Viel zu lange. Ich bin einfach zu loyal. Obwohl ich schon eine ganze Weile nichts mehr dafür bekomme.« Sie lachte leicht. »Außer mein Gehalt natürlich. Aber seit mein früherer Chef in Rente gegangen ist, ist da eigentlich niemand mehr, demgegenüber ich loyal sein müsste. Von ihm habe ich enorm viel gelernt. Und ich wusste, dass er meine Arbeit schätzt.«
»Das ist schade, dass du gehen willst.« Bedauernd schaute ich sie an. »Aber ich verstehe dich. Ich werde dich sehr vermissen.«
Wieder lachte sie. »Noch bin ich ja nicht weg. Vielleicht tut sich bei der Sitzung gleich ja doch was.«
Ich merkte, wie meine Lippen ironisch zuckten. »Du bist eindeutig die größere Optimistin von uns beiden. Anscheinend gibst du die Hoffnung nie auf.«
Sie hob die Schultern und ließ sie gleich wieder sinken. »Deshalb habe ich bis jetzt noch nicht gekündigt.« Wieder legte sich ihr Kopf leicht auf eine Seite, als sie mich ansah. »Und du lächelst, obwohl es nach allem, was du eben gesagt hast, keinen Grund dazu gibt.«
Da hatte sie mich jetzt kalt erwischt. Sollte ich ihr etwas sagen oder nicht? Sie war eine sehr gute Kollegin. Aber eine Freundin war sie eigentlich nicht. Wir hatten nur im selben Team zusammengearbeitet, bevor ich befördert worden war.
Meine ironisch zuckenden Lippen verbreiterten sich zu einem Schmunzeln. »Ich habe auch noch ein Leben außerhalb der Firma, Julia. Obwohl das viele nicht glauben.«
»Aha.« Möglicherweise hätte ich das nicht sagen sollen. Jetzt hatte ich ihr Interesse geweckt. Ihre Augen blitzten neugierig. »Wenn jemand so etwas sagt, heißt das meistens, dass sich etwas an der Liebesfront tut. Habe ich recht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Ohne dir etwas verheimlichen zu wollen, aber das könnte ich dir noch nicht einmal sagen. Ich weiß es selbst noch nicht.«
Was erzählte ich denn da? Ich hatte doch schon beschlossen, dass Gila Burckhardt hetero war. Also war es völlig egal, was ich wusste oder nicht wusste. Die Aussichten waren einfach gleich null. Egal, was ich mir wünschte oder einbildete.
Julias Schmunzeln kehrte auf eine höhere Ebene gehoben zurück. »Dann halt mich bitte auf dem Laufenden. Was gibt es Schöneres als eine junge Liebe? Besonders für eine alte Ehefrau wie mich.«
Und auf ihre sympathische Art leise lachend bog sie nach rechts ab, während ich den Gang hinunter links zum Besprechungszimmer musste.
Der Tag war lang gewesen, da ich noch einiges an Arbeit nach der Sitzung hatte nachholen müssen, und so war ich auf meinem Heimweg schnell noch bei einem meiner Lieblingsrestaurants vorbeigefahren, um mir ein Abendessen – oder eher wohl ein Nachtessen – für Zuhause mitzunehmen.
Es direkt im Restaurant zu verspeisen war mir zu aufwendig gewesen. Ich wollte mich beim Essen auf meine Couch lümmeln.
Couch. Das war das Stichwort. Schon als ich an der Wohnungstür von Gila Burckhardt vorbeiging, musste ich wieder daran denken, was der Anlass für unsere erste Begegnung gewesen war. Eben diese rehbraune, asymmetrische Couch, die scheinbar nicht durch ihre Wohnungstür gepasst hatte.
Eine schöne Couch, auf der ich gern einmal neben ihr gesessen hätte. Oder vielleicht nicht nur gesessen . . .
Ich schüttelte über mich selbst den Kopf, als ich ihren Treppenabsatz hinter mir ließ und weiter hinaufstieg. Hatte ich mich nicht schon selbst davon überzeugt, dass das nur eine Illusion war? Eine unerfüllbare Wunschvorstellung?
So richtig überzeugt wohl nicht. Ich hatte es mir einreden wollen. Und die Erfahrung sprach auch dafür. Nicht aber dieses kleine Teufelchen – oder war es ein Engelchen? – in meinem Kopf, das mir zunehmend zu schaffen machte.
Gila Burckhardt hatte den Fokus meines Denkens verschoben, der zuvor immer noch ziemlich auf Sandra gerichtet gewesen war.
Es stand ja auch niemand anderer zur Verfügung. Mich in einer Dating-App nach einer neuen Frau umzusehen, war nicht so ganz mein Ding. Und außerdem hatte ich sowieso die Nase voll.
Von Frauen, von Beziehungen, von allem, was damit zusammenhing.
Meine neue Wohnung hatte einen Schlussstrich unter all das ziehen sollen.
Was sie auch getan hatte. Bis Gila Burckhardt eingezogen war. Beziehungsweise angekündigt hatte einzuziehen.
Endlich hatte ich mich all meiner Bürokleidung entledigt und mich mit meinem Restaurantessen, das ich auf einem Tablett platziert hatte, damit ich es ins Wohnzimmer tragen konnte, auf der Couch niedergelassen.
Es wäre auch ganz okay gewesen, wenn Gila sich neben mir auf dieser Couch niedergelassen hätte, dachte ich während eines schelmischen Augenblicks, bevor ich anfing zu essen.
Warum konnte ich diese Gedanken einfach nicht loswerden?
Kaum hatte ich mir den ersten Bissen in den Mund geschoben, klingelte mein Handy.
Ich blickte aufs Display. Sandra.
Was wollte die denn noch von mir? Seit einem Vierteljahr hatte sie sich nicht gemeldet. Und das war auch gut so.
Ein paar Sekunden lang überlegte ich, ob ich den Anruf überhaupt annehmen sollte. Schließlich war es weit nach elf Uhr nachts. Das war überhaupt keine Zeit, zu der mich irgendjemand noch mit einem Anruf hätte belästigen sollen. Schon gar nicht Sandra.
Aber wie so oft ließen mich meine guten Vorsätze bezüglich ihrer Person schnell im Stich. Ich nahm den Anruf an und legte das Handy mit aufs Tablett.
Sandra hatte einen Videoanruf gewählt, aber ich hatte es nur als Audioanruf angenommen. Sehen wollte ich sie nicht auch noch.
»Ich kann dich nicht sehen«, war dann auch ihre erste Reaktion, bevor sie mich überhaupt begrüßte.
»Weil es nur ein Telefongespräch ist«, erklärte ich ihr etwas kurz angebunden, »kein Video.«
»Du willst mich nicht sehen.« Erstaunlich, wie scharfsinnig sie sein konnte.
»Nein.« Ich aß weiter. Wenn sie mich schon gestört hatte, sollte sie mich nicht auch noch daran hindern.
»Ich habe dich heute schon mal gesehen«, setzte sie das Gespräch fort, das ich eigentlich lieber beendet hätte.
Aber dann hätte ich es gar nicht erst annehmen sollen.
»Hm?« Ich machte nur ein undeutliches Geräusch, weil ich kaute.
»In der Firma«, sagte sie. »Du kamst aus einer Sitzung und hast dich mit Leuten unterhalten. Schienst schwer beschäftigt zu sein.«
Da ich runtergeschluckt hatte, konnte ich jetzt deutlicher antworten. »Die Abteilungsleitersitzung«, nickte ich. »Ich hatte Vorschläge gemacht. Die haben wir diskutiert.«
»Ja, du bist jetzt Abteilungsleiterin«, stellte sie fest, als wäre das eine völlig neue Tatsache, die ihr bisher unbekannt gewesen war.
»Seit einem halben Jahr.« Ich hätte fast die Augen gerollt. »Das weißt du doch.«
Schließlich hatte sie meine Beförderung sogar noch hautnah miterlebt. Da hatten wir noch zusammen gewohnt. Und es sogar gefeiert.
»Ich . . .« Wenn ich das richtig interpretierte, schluckte sie. »Ich wusste nicht, dass ich dich so vermisse.«
Meine Augenbrauen schossen nach oben. Wie bitte? Ich war nicht gegangen. Sie hatte mich praktisch rausgeworfen.
»Das ist ja ganz etwas Neues.« Weil ich aß und es deshalb nicht währenddessen tun wollte, schüttelte ich nur innerlich den Kopf.
»Nein, das war schon immer so«, behauptete sie auf einmal.
Nicht dass sie mich das hätte spüren lassen.
»Kann ich kaum glauben.« Warum hatte ich diesen Anruf noch mal angenommen?
»Doch.« Ihre Stimme klang drängend. »Das musst du mir glauben.«
Wenn ich nicht gerade den nächsten Bissen im Mund gehabt hätte, hätte ich gelacht. Nachdem ich runtergeschluckt hatte, sagte ich: »Ich muss gar nichts.«
»Kann ich dich sehen?« Noch drängender klang der Ton, der aus dem kleinen Lautsprecher kam. »Ich würde gern zu dir kommen.«
»Zu mir?« Mein Erstaunen war so groß, dass ich diesmal sogar mit vollem Mund sprach.
»Du hast doch eine neue Wohnung«, sagte sie.
Tja, warum wohl?
»Hmhm«, machte ich.
»Isst du etwa?« Schrill schnitt nun der kleine Lautsprecher wie der Ton einer Quietschente durch mein Wohnzimmer.
»Ich habe fast den ganzen Tag noch nichts gegessen.«
Das musste ich ihr nicht erklären. Ich musste mich doch nicht rechtfertigen. Warum tat ich das? Sie hatte um diese nachtschlafende Zeit angerufen, nicht ich.
»Schon gut.« Auf einmal klang ihre Stimme besänftigend.
Was höchst untypisch für sie war. Was hatte das wieder zu bedeuten?
»Ich muss dich sehen«, flehte sie mich geradezu an. »Bitte. Ich muss einfach.«
»Morgen in der Firma –«, setzte ich an, wurde aber sofort von ihr unterbrochen.
»Nicht in der Firma. Privat. Ich muss dich privat sehen.«
»Sandra . . .« Ich legte mein Besteck hin. Das hatte ja doch keinen Sinn. »Was willst du?«
»Ich brauche dich.« Es war nur noch ein Flüstern, das vom Tablett zu mir heraufstieg. »Bitte. Ich habe einen großen Fehler gemacht.«
Das merkte sie erst jetzt?
Aber vielleicht war der Fehler auch gar nicht so groß, wie sie dachte. Jedenfalls nicht für mich.
Statt Sandras Bild, das ich auf dem Display des Handys unterdrückt hatte, stieg das Bild von Gila Burckhardt vor mir auf. Wenn sie jetzt angerufen hätte . . .
Aber das stand gar nicht zur Debatte.
»Wofür brauchst du mich?«, fragte ich sarkastisch. »Soll ich einen Nagel in die Wand schlagen?«
So etwas hatte sie nämlich immer gern auf mich abgeschoben.
»Bitte, Lucie . . .«
War das ein Schluchzen? Weinte sie?
Sandra und Weinen. Das war fast undenkbar. Dass ihr wirklich etwas naheging.
»Es ist gleich Mitternacht, Sandra«, klärte ich sie ungeduldig auf. »Und ich habe einen harten Tag hinter mir. Der morgen wird vielleicht noch härter. Ich muss jetzt schlafen.«
»Ja. Ja.« Es gluckste, als würde sie das Schluchzen nun unterdrücken. »Natürlich musst du das. Ich habe dich gestört. Entschuldige bitte.«
In mir drehte sich ein Kaleidoskop von Verwirrung. Wer war das, der mich da anrief? Das war doch nicht Sandra. Nichts davon passte zu ihr.
»Schon okay«, entgegnete ich. Viel zu zuvorkommend in Anbetracht der Umstände. »Aber wenn du mir nicht sagst, was du willst . . .«
»Das habe ich dir gesagt. Ich will . . . ich muss dich sehen.«
»Und ich würde gern wissen, warum.« Wollte ich das wirklich wissen? Warum legte ich nicht einfach auf?
Aber Sandra war . . . na ja, eben Sandra. Immer schon hatte ich ihr schlecht widerstehen können. So auch jetzt.
»Ich fühle mich so allein!«, brach es plötzlich aus dem Lautsprecher genauso wie aus Sandra heraus. »Lisa hat mich verlassen!«
Na so was. Soll vorkommen. Was hatte sie schließlich mit mir getan?
»Willst du jetzt ausgerechnet mir dein Liebesleid klagen?«, fragte ich sie deshalb leicht indigniert. »Findest du das nicht etwas unpassend?«
»Du bist meine beste Freundin«, kam es geradezu vorwurfsvoll zurück. »Mit wem sollte ich sonst sprechen?«
Tja, Freundschaften, die nichts mit Sex zu tun hatten, hielten bei ihr kaum je lange. Was war wohl der Grund?
So war ich nun also von Lebensgefährtin auf beste Freundin zurückgestuft worden. Obwohl wir das eigentlich nie gewesen waren.
Und deshalb stand ich auch nicht zur Verfügung.
»Nicht mit mir«, entgegnete ich und legte auf.
Danach blockierte ich ihre Nummer.
Schluss jetzt. Das hatte ich lange genug mitgemacht.
Und was hatte ich davon gehabt?
Gar nichts.
Die Tage bis zum Wochenende verliefen vergleichsweise ungestört. Doch am Samstagmorgen ging schon früh ein Gerumpel im Hausflur los, dass ich nur einem Umzugskommando zuordnen konnte.
Nachdem ich aufgewacht war, war deshalb an noch einmal umdrehen und weiterschlafen nicht mehr zu denken.
Nach einer kurzen Verzögerung, die mein Gehirn brauchte, um sich auf die Situation einzustellen, schoss mir heiß und feurig der Name Gila durch den Kopf. Es war ihr Einzugstag. Natürlich.
Schon war ich hellwach und wollte gar nicht mehr weiterschlafen. Doch hinuntergehen und sie einfach mit meiner Gegenwart überfallen konnte ich auch nicht. Das wäre zu aufdringlich gewesen.
Andererseits, ich hätte ihr meine Hilfe anbieten können. Ob sie die brauchte?
Daran zweifelte ich doch sehr. Für den Transport der Couch hatte sie ja auch zwei starke Männer herangezogen. Warum sollte sie dasselbe nicht bei dem viel größeren Projekt ihres Umzugs tun?
Nicht mein Problem und auch nicht mein Thema. Ich schnappte mir meine Overnight Oats aus dem Kühlschrank, setzte die Kaffeemaschine in Gang und bereitete mein Frühstück vor.
Währenddessen ging das Gerumpel im unteren Teil des Hauses weiter. Verschiedene Stimmen mischten sich im Echo des Hausflurs.
Es waren hauptsächlich männliche Stimmen, die ich hörte. Wenn eine weibliche Stimme dabei war, konnte es höchstens die von Gila sein. Richtig heraushören konnte ich das nicht, selbst wenn meine Ohren gespitzt blieben.
Auf einmal meldete sich meine Wohnungsklingel. Gila? Benötigte sie vielleicht doch meine Hilfe? Oder wollte sie mir jetzt den Kaffee offerieren, den sie mir das letzte Mal nicht hatte anbieten können?
Die Geräuschkulisse im Hausflur sprach dagegen, denn der Umzug war sicherlich noch nicht beendet.
Es klingelte wieder, und ich sprang auf. Wie hatte ich überhaupt so ruhig sitzenbleiben können beim ersten Klingeln? Das musste eine Art Schockstarre gewesen sein.
Mit einem Lächeln im Gesicht riss ich die Tür auf. »Kann ich –«
Doch mein Lächeln erstarrte genauso, wie meine Stimme abrupt abbrach.
»Sandra?«, brachte ich gerade noch so atemlos hervor.
»Ich sagte doch, ich muss dich sehen.« Sandra wirkte in keiner Weise erstarrt, sondern betrat mit einem entschlossenen Schritt meine Wohnung, als ob sie dort hineingehörte. »Und da du mich blockiert hast . . .«
Das hatte seinen Grund. Aber den akzeptierte sie natürlich nicht. Typisch Sandra.
»Ich frühstücke«, erwiderte ich perplex. »Bin gerade erst aufgestanden.«
»Gut.« Ein selbstgewisses Lächeln überzog ihr Gesicht. »Eine Tasse Kaffee nehme ich gern. Hast du auch Brötchen da?« Ihr Blick schweifte durch die Diele. »Hier geht’s in die Küche?«
Bevor ich sie zurückhalten konnte, war sie schon unterwegs zu ihrem Ziel.
Mir blieb nichts anderes übrig, als die Wohnungstür zu schließen und ihr zu folgen.
»Ich habe keine Brötchen«, informierte ich sie. »Ich habe keinen Besuch erwartet. Und du weißt, dass ich morgens immer meine Overnight Oats esse.«
»Dieser Brei.« Angeekelt verzog sie das Gesicht. »Wie du so was runterkriegst . . .«
Das Lamento kannte ich schon. Sandra war nicht für gesundes Essen. Pizza zum Frühstück, Chips oder Schokoriegel waren hingegen in Ordnung. Das aß sie nämlich üblicherweise.
»Mir schmeckt’s.« Ich zuckte die Schultern. »Und das ist meine Wohnung. Da kann ich ja wohl essen, was ich will.«
Warum rechtfertigte ich mich schon wieder? Kopfschüttelnd setzte ich mich an meinen Platz zurück.
Ohne dass ich ihn ihr angeboten hatte, zog Sandra sich den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches hervor und ließ sich mir gegenüber nieder.
»Warum hast du mich blockiert?«, fragte sie indigniert. »Ich habe dir doch gesagt, ich muss mit dir reden.«
Dass das ausschließlich ihr Wunsch gewesen war, aber nicht meiner sein konnte, schon gar nicht bei dem Thema, über das sie wahrscheinlich sprechen wollte, schien ihr überhaupt nicht in den Sinn zu kommen.
»Und wenn ich nicht mit dir reden will?« Ich versuchte, mich auf mein Frühstück zu konzentrieren, aber das war schwierig, seit Sandra gekommen war. Also schob ich die Schale von mir weg.
»Du musst! Du bist meine Freundin! Und Freunde helfen sich gegenseitig!« Empört starrte sie mich an.
Gut, dass ich nicht weitergegessen hatte, denn jetzt hätte ich alles, was ich im Mund gehabt hätte, wahrscheinlich vor Überraschung über den Tisch gespuckt.
»Gegenseitig ist ein gutes Stichwort«, entgegnete ich trocken. »Wann hast du mir je geholfen?«
»Ich habe dir immer geholfen!« Sie sah so aus, als wäre das tatsächlich ihre feste Überzeugung.
»Nenn mir ein Beispiel«, gab ich zurück. »Ein einziges.«
Auf einmal starrte sie mich an, als hielte sie mich für verrückt. Aber ein Beispiel nannte sie nicht.
Stattdessen wiederholte sie: »Ich muss mit dir reden.«
Gleichgültig zuckte ich die Schultern. »Ich muss ein Problem lösen, das ich gerade in der Firma habe. Wollen wir darüber reden?«
»Willst du mich auf den Arm nehmen?« Ihre Augenbrauen hoben sich fast bis zu ihrem Haaransatz. »Wen interessiert denn deine Firma?«
»Dich offensichtlich nicht.« Beinah belustigt, auch wenn ich das nicht wirklich war, musterte ich ihr Gesicht. »Hat es noch nie getan.«
»Weil es unwichtig ist.« Sie stellte das auf eine Art klar, von der sie wohl dachte, dass sie mich überzeugen müsste. »Oder hast du vergessen, dass Lisa mich verlassen hat? Das habe ich dir doch erzählt!«
Und das war natürlich erheblich wichtiger als meine beruflichen Probleme, das war mir schon klar.
»Das war abzusehen.« Erneut zuckte ich die Schultern. »Lisa ist wie du. Sie sucht den kurzfristigen Kick, nicht die langfristige Beziehung.«
»Natürlich will ich eine Beziehung!« Wütend sprang Sandra auf, und ich dachte schon, sie wollte meine Wohnung verlassen. Aber weit gefehlt. »Wo sind deine Tassen?« Ganz selbstverständlich wartete sie meine Antwort nicht ab, sondern riss den ersten Schrank in der Küche auf. »Ich brauche jetzt einen Kaffee!«
Sie sprach nur in Ausrufezeichen, was ganz eindeutig ein Symptom für ihre Erregung war. Leider nicht die richtige.
Aber auch mit der hätte ich im Moment nichts anfangen können. Oder wollen.
»Wir haben nichts zu besprechen, Sandra«, erinnerte ich sie. »Du musst jetzt keinen Kaffee trinken. Du musst gehen.«
»Ah, da sind sie ja!«
So viele Schränke hatte ich nicht, und Sandra hatte die Tassen gefunden, nahm sich eine und stellte sie unter den Auslauf der Kaffeemaschine, drückte auf den Knopf.
Es war dieselbe Kaffeemaschine, die ich schon immer gehabt hatte und die sie kannte. Die hatte ich natürlich mitgenommen.
Was hätte ich machen sollen? Sie am Kragen packen und hinauswerfen? So gewalttätig war ich nicht.
Nachdem ihr Cappuccino durchgelaufen war, brachte sie ihn mit zum Tisch und setzte sich wieder.
»Dein Zimmer ist frei«, setzte sie die Unterhaltung dort fort, wo sie sie verlassen hatte, und mit dem Thema, das allein sie interessierte. »Du kannst wieder bei mir einziehen.«
Laut lachte ich auf. Es ging gar nicht anders, so frappiert war ich. »Bis zum nächsten Mal?« Ich gluckste. »Wenn du wieder eine Lisa findest, für die du mich rauswirfst?«
»Blödsinn.« Sie runzelte die Stirn und sah mich strafend an, bevor sie einen Schluck von ihrem Cappuccino nahm. »Wie kommst du darauf?«
»Das fragst du mich jetzt nicht im Ernst, oder?« Ich schüttelte den Kopf. »So lange ist das noch nicht her, dass du mich von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt hast.«
»Das bildest du dir ein.« Mein Kaffee schmeckte ihr offensichtlich gut. Hatte er immer getan.
»Also, Sandra . . .« Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme. »Wenn wir schon miteinander reden, dann bitte vernünftig. Tatsachen zu leugnen, bringt doch nichts.«
Endlich hatte ich meine professionelle Art wiedergefunden. Eigentlich war ich gut im Verhandlungen führen. Allerdings auf einer anderen Ebene.
»Deine Tatsachen«, behauptete sie. »Nur weil du ausgezogen bist –«
»Ich bin nicht ausgezogen«, korrigierte ich sie, indem ich sie unterbrach. »Jedenfalls nicht freiwillig. Dennoch war das kein Fehler. Der Fehler war, dass ich überhaupt bei dir eingezogen bin, meine eigene Wohnung aufgegeben habe. Da muss mich wirklich der Teufel geritten haben.«
Wie immer sorgte ihre selektive Wahrnehmung dafür, dass sie nur das hörte, was sie hören wollte.
»Oder ich?« Sie grinste, bevor dieses Grinsen in einen verführerischen Gesichtsausdruck überging. »Das hast du doch immer gemocht, oder nicht?«
Mit einer fließenden Bewegung erhob sie sich und schaffte es irgendwie, sich zwischen dem Tisch und meinen verschränkten Armen auf meinen Schoß zu zwängen.
Zu spät bekam ich meine Arme frei. Da hing sie schon an meinem Hals und küsste mich.
