Wenn Vögel träumen - Jo Moe - E-Book

Wenn Vögel träumen E-Book

Jo Moe

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Beschreibung

Zwischen Freiheit und Gefangenschaft – Eine Reise ins Ungewisse Im Spätsommer 1988 verabschiedet sich Sebastian frühmorgens von seiner Partnerin Marlen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Andreas fährt er nach Dresden, wo er in einer Kneipe eine Mitfahrgelegenheit nach Prag finden soll. Doch noch in derselben Nacht verschwindet er spurlos. Andreas muss die erschütternde Nachricht nach Hause bringen. Kurz darauf meldet Sebastians Mutter Monika ihn als vermisst – und stellt mit Schrecken fest, dass nicht nur ihr Sohn, sondern auch ihr Tagebuch verschwunden ist. Nach dem Fall der Mauer reist Marlen nach Ungarn, in der Hoffnung, dort eine Spur ihres Geliebten zu finden. In dieser Zeit erreicht sie eine Nachricht: Man hat Sebastian in Tschechien gefunden – neben ihm das Tagebuch seiner Mutter. Doch der junge Mann liegt im Koma. Marlen macht sich sofort auf den Weg, um seine Identität zu bestätigen. Parallel dazu erlebt Sebastian eine andere Form der Gefangenschaft: In einem DDR-Gefängnis wird er brutal festgehalten. Die Szenen seiner Haft werfen einen düsteren Schatten auf sein Schicksal und lassen keinen Zweifel daran, dass ihm Unvorstellbares widerfahren ist. Während sein Körper leidet, begibt sich sein Bewusstsein auf eine Reise in eine andere Welt. Dort begegnet er einem mystischen Vogel – seiner Seele? –, der ihn in die verborgenen Geheimnisse des Lebens einweiht. Als Marlen Sebastian im Krankenhaus endlich wieder sieht, beschließt sie, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen, um ihn während seines langen Komas zu begleiten. Über Monikas Tagebuch entwickelt sie eine geheimnisvolle Verbindung zu ihm – bis Sebastian sie eines Tages dazu auffordert, ihr eigenes Leben weiterzuleben. Nach langem Zögern folgt Marlen diesem Ruf und erfüllt den Reisetraum, den Sebastian einst für sich erdacht hatte. Drei Jahrzehnte nach seinem Verschwinden geschieht das Unfassbare: Sebastian erwacht. Doch kaum ist er bereit, die Welt neu zu entdecken, bricht die Corona-Pandemie aus – und er findet sich erneut in einem Käfig wieder. Schließlich begegnet er auf einer Parkbank einem geheimnisvollen alten Mann, mit dem er ein tiefgründiges Gespräch über das Leben führt. Dieser gibt ihm den entscheidenden Rat: Er soll sich auf die Suche nach seiner großen Liebe begeben. Wird Sebastian Marlen nach all den Jahren wiederfinden? Ein bewegender Roman über Freiheit, Liebe und Gefangenschaft, über die verborgenen Tiefen der Seele und die Zeichen, die uns das Leben sendet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wenn Vögel

träumen

Roman von

Jo Moe

„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“ (Albert Einstein, Physiker 1879-1955)

JO MOE

Jahrgang 1980, stammt ursprünglich aus Jena, Deutschland. Abenteuerer, Autor, Wahrheitssuchender und Gesundheitsforschender,

seit 2018 Nomade.

„Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.“ (c) Carl Gustav Jung

Jo Moe

Wenn Vögel träumen

Roman

© 2025 Jo Moe

Autor: Jo Moe

Lektorat, Korrektorat: Anne Schönemann

Umschlaggestaltung und Satz: Elena Ischtschenko

Illustrator: Francesca Jouaux

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN Paperback: 978-3-384-52515-4

ISBN E-Book: 978-3-384-52876-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Friedrichswerth, Thüringen im Spätsommer 1988

„Ich verstehe dich einfach nicht. Wir haben doch nun schon unzählige Male darüber gesprochen und erst gestern Abend warst du noch so viel friedlicher gestimmt.“

Marlen wendete ihren finsteren Blick von Sebastian ab und versteckte sich hinter ihrer dichten Haarmähne.

„Warum regst du dich denn jetzt wieder so auf?“

„Darum!“, grummelte trotzig seine Freundin ihm entgegen.

„Bitte, ich möchte mich nicht im Clinch von dir verabschieden. Sei lieb mit mir, sonst plagt mich das schlechte Gewissen, Spatzi.“

Und kaum hatte Sebastian das letzte Wort über seine Lippen geschnippt, schon löste sich Marlen aus ihrer verkrampften Haltung, die währenddessen er noch zaghaft sprach, eisern vor dem Küchenfenster ihre kleinen Füße in den Boden stampfte.

Und gleichermaßen ihren, im Haar versteckten Blick Richtung Hinterhof richtete, bis sie schlagartig in einer ballettreifen Drehung ihre Arme um ihn schlang.

Nein, ein schlechtes Gewissen wollte sie bei ihrem Liebsten auf keinen Fall hinterlassen.

Nun, so richtig streiten konnten die beiden einfach nicht miteinander.

Also bevor sich solch ein Gefühlsausbruch, sprich das Fass überzulaufen drohte, sprang derjenige, der in diesem Moment der Deckel war, an die richtige Position und bereinigte mit einer innigen Umarmung die Situation.

Ganze vier Mal passierte es, dass sich die noch immer schwer Verliebten, in den vergangenen drei Jahren, seitdem sie zusammen durch die meist grauen DDR Tage hüpften, sich für ein paar winzige Augenblicke nicht Grün in irgendeiner belanglosen Situation waren.

Aber auch in vielen, vielen anderen wichtigeren bis bedeutsamen Momenten, kam das so gut wie überhaupt nicht vor.

Selbst Rita, die Mutti von Marlen, behauptete öfters etwas genervt:

„Ihr benehmt euch ja gerade so, als wärt ihr eineiige Zwillinge.

Wenn ich nicht deine Mutter wäre Marlen, dann würde ich felsenfest behaupten, dass man euch bei der Geburt getrennt hat.“

Rita meinte das nie böswillig, aber öfters schwang die Musik in ihrem Tonfall doch etwas verstimmt.

Da sie eigentlich immer zwei im Gleichtakt klingende Münder gegen sich hatte.

Das heißt, wenn es um Meinungsverschiedenheiten ging, bei einer hitzigen Abendessenunterhaltung oder sonst wann.

Natürlich konnte das auch hin und wieder etwas anstrengend für einen Dritten im Bunde sein, der sich zufällig oder auch nicht, in der Nähe der Turteltauben aufhielt.

Weil so, wie sich die zwei gegenseitig schützen sowie einer für den anderen im entscheidenden Atemzug dazwischen zu springen wusste, ja das war schon etwas auffällig. Besonderes bis Sebastian, vor gut zwei Wochen, Marlen in sein verrücktes Vorhaben eingeweiht hatte und das ausgerechnet in einem vergnügten Moment, als sich nur wenige Augenblicke zuvor, Rita nach ihrem sehnsüchtig erwarteten Freitagfeierabendgong für das komplette Wochenende dann endlich ins Bootshaus nach Meck-Pomm verabschiedet hatte.

Und Sebastian den für sich richtig geglaubten Zeitpunkt noch bis zum Abendessen von sich schob – sich diesem vorweggenommen – für Marlen in die Küche, vor den Herd geschmissen hatte und unter einer Schweißperlenstirn ein Überraschungsessen zubereitete.

„Tote Oma“ ihre absolute Lieblingsspeise, stand auf dem Überrumpelungsspeiseplan.

Die dann auch gleich doppelt ihre Wirkung zeigte.

„Ach Basti bist du süß, das sieht nicht nur so aus, sondern schmeckt ja auch genauso gut wie von Mutti.“

Sebastian fühlte sich nach dieser Würdigung, als sei er ganze zwei Zentimeter größer geworden, da Rita wirklich die zauberhafteste Köchin war, dir er kannte.

Völlig klar, dass er nach der Bemerkung ferkelrot anlief, aber dennoch sofort nach jenen Lobesworten seiner Freundin, seine ganze frühreife Manneskraft aus einigen versteckten Winkeln seines Selbst, zusammennehmen musste.

Ja, den folgenden Augenblick, als Marlen ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Lieblingsmahl widmete, wollte er für sich nutzen.

Zunächst aber ließ er sie noch drei, vier weitere volle Gabeln gänzlich in den Mund stopfen und wenn diese durch die Bewegung des Kehlkopfes auch bereit zum Verdauen im Magen von Marlen landen würden sowie in ihr ein zunehmend zufriedeneres Lächeln in das – von mehreren Sommersprossen überpunktete Gesicht, das sogar die beiden Grübchen um ihre Mundwinkel herum in zwei tiefe Krater verwandeln ließen dann wollte er es sich einen Ruck geben.

Für Sebastian musste also jene friedliebende Gegebenheit mit genau diesem Antlitz geschaffen sein, die er glaubte zu gebrauchen, um sich überwinden zu können.

„Du Specki“, begann Sebastian seinen Satz mit Marlens Gelegenheitsspitzname, den er ihr wegen der „Toten Oma“ einst beschert hatte, einzuleiten „ich muss dir was beichten. Etwas, was dir garantiert nicht schmecken wird. Mir ist natürlich bewusst, dass das sehr egoistisch ist, was ich dir jetzt sagen werde, aber ich muss es einfach tun.“

„Basta Basti! Nun halt mal bitte die Luft …“ Marlen schluckte gierig einen Bissen runter und mit ihm auch noch das letzte Wort.

„Warum musst du immer bei meinem Lieblingsessen mit irgendwelchen ernsten Themen ankommen? Du könntest ja wenigstens noch bis nach dem Essen damit warten.“

„Oh Mann, ja ich weiß, aber ich muss es jetzt einfach loswerden. Tut mir leid.“

Marlen aber senkte ihren Kopf und vergrub sich in ihrer Speise.

„Also, du weißt doch, dass ich mich schon seit längerem nach Abenteuer und Freiheit sehne …“

„Ja und wer nicht?“

„Ich möchte unterwegs sein, am liebsten jeden Tag irgendwo anders aufwachen und dann wieder irgendwohin weiterziehen. Mich dabei einfach ins Ungewisse stürzen und … ja genau so, also ohne dabei ständig darüber nachdenken zu müssen, ob ich damit etwas Falsches anstelle.“

Marlen hockte nun kerzengerade in ihrem Hocker und raufte sich durch ihre dichten, dunklen Haare.

„Ich mag mich treiben lassen und in viele andere Länder meine neugierigen Füße setzen.

Du kennst meine Gedanken Marlen. Also, genau das, ja das schlummert so tief in mir und lässt mich auch immer unruhiger im Hier und Jetzt zappeln. Und weil ich spüre, dass wenn ich das jetzt nicht einfach durchziehe – also all die mich umklammernden Leinen, die mich hier aufhalten – nicht einfach selbst durchtrenne, dass mich das sehr unglücklich machen wird und wahrscheinlich du und unsere Beziehung die Leidtragenden sein werden. Ja und um das zu verhindern, werde ich in den nächsten Tagen aufbrechen.“

„Aber?“, doch jedes weitere Wort blieb ihr im Halse stecken und gleichzeitig fühlte sie, wie ihre Beine immer weicher wurden.

„Ich muss einfach los … weit weg von hier. Bitte, bitte verstehe und akzeptiere das mein Engelchen.“

Wie ein übermächtiger D-Zug schmetterten all die Worte auf Marlen ein, die sie dennoch für nur zwei Atemzüge wie eingefroren vor Sebastian sitzen ließ, bis sie wie von einem Magneten in die aufrechte Position gehoben wurde, auf ihn zuging und ihm beide Hände auf die seinen legte und sagte: „Was? Was soll das denn bitte heißen? Du willst aufbrechen?

Wohin? Wie lange denn? Und wie? Ganz alleine, oder wie?“

„Ja, ich glaub ich muss das alleine durchziehen. Hmm, wo fang ich am besten an …

Also, dir ist doch bekannt, wie sehr mich die Geschichte von Dschingis Khan interessiert und du kennst doch auch ein paar meiner Bücher in meinem selbst zusammengezimmerten Bücherregal neben dem Hochbett?“

Marlen rollte während der aufgeregten Worte ihres Freundes mit den Augen und richtete diese anschließend auf den kalten Fußboden.

„Ach komm Marlen, schau mich bitte an. Mich reizt einfach so sehr, nachdem ich nun schon so oft in die Geschichten von Dschingis eingetaucht bin, mich von Ungarn aus auf den Spuren von diesem Khan zu bewegen, also diesen vielleicht sogar bis in die Mongolei zu folgen.

Aber so richtig hundertprozentig weiß ich das noch nicht. Also vielleicht gestalte ich meinen Weg dann doch noch völlig anders.“

„Basti, du träumst doch nur, oder? Du weißt schon, dass das eine Republikflucht ist?“

„Nein, das ist mein purer Ernst. In erster Linie aber möchte ich mich einfach gern von mir selbst und den Umständen, die auf mich garantiert zukommen werden, treiben lassen.

Ja, ich weiß, das klingt alles völlig verrückt, aber so ist es. So nun ist es endlich raus, jetzt weißt du es. Und ja, ich werde aus dieser Schweinerepublik flüchten.“

„Mann, Mann, Mann! Sebastian, du bist echt noch viel naiver als ich dachte!“

„Ich weiß und das ist auch gut so.“

„Ach, gar nichts weißt du.“

„Doch weiß ich. Ich will meinen Traum einfach leben und nicht nur bitterlich davon träumen. Ich möchte mein knappes Dasein nicht bloß aufblitzen lassen, wie eine eiförmige Seifenblase. Ich sehe mein Leben als Reise, eine Reise, die ich geschenkt bekommen habe. Eine, die natürlich auch nicht unbedingt eine runde Sache sein muss.

Aber jetzt bin ich an der Reihe das Geschenk nicht einfach nur ausgepackt zu haben und nach kurzem Gebrauch irgendwo in einer dunklen Ecke im Keller abzuparken. Nein, ich möchte doch bitte mein Leben selbst gestalten dürfen und mir nicht alles vorschreiben lassen.

Also wie ich zu leben habe. Das ist doch völlig irre!“

Als dann Sebastian Marlen seine Fantasievorstellung offenbart hatte, ja seitdem brodelte es zwischen den beiden doch häufiger.

Klar, auch gerade deshalb, da Marlen sich zunehmend einredete, dass Sebastian ihr nicht die ganze Wahrheit erzählen würde.

Natürlich wusste sie um seine Abenteuerlust, aber dass er das so ganz alleine auf Teufel komm raus, über die Grenze hinweg, durchziehen wollte „nein, das ist einfach nicht deine Art“, sagte Marlen ein ums andere Mal.

Das sturmfreie Wochenende und die feierliche Stimmung, die diese muttibefreite Situation schließlich hergab, waren sogleich umhüllt von einer dunklen Wolke, die über dem jungen Glück seit diesem Momentum am Wohnzimmeresstisch, schwebte.

Egal wohin sie sich fortan bewegten, ja diese unangenehme Atmosphäre hechelte ihnen wie ein dunkler Schleier überallhin nach und mündete schlussendlich in diesen Twist, an eben diesen letzten gemeinsamen Abend.

„Spatzi, ich will mich einfach nicht länger einsperren lassen. Ich will endlich andere Länder bereisen und es ist mir scheißegal, dass mir das dieser dämliche Gevatter Staat verbietet.

Ich bin doch kein lausiger Affe in irgendeinem alten, verlassenen, verrosteten Zookäfig!“

Im Anschluss an jene Sorte Worte, berichtete Sebastian abermals von seinem etwas krummen Plan, welchen er sich zurechtgebastelt hatte und jenen noch viel undurchsichtigeren Punkt, woher er überhaupt die vielen Kröten für seine Reise herhatte.

Marlen überschüttete ihren Freund wegen all jener Fragwürdigkeiten wiederum mit vielen Fragen.

„Was soll aus deiner Mutter werden? Weißt du denn nicht welche Konsequenzen dein egoistisches Verhalten auch für sie haben wird?“

Doch die meisten jener Fragen, die sie stellte, blieben unbeantwortet. Aber nicht deshalb, weil Sebastian seine Freundin nicht ernst nahm, sondern weil er schlichtweg eingeschlafen war.

4.30 Uhr in der Früh riss der orangenfarbene Wecker mit seinem fürchterlichen Gedudel das junge Paar aus seinen unterschiedlichen Träumen.

Das Fenster zum Hof stand noch immer sperrangelweit offen und hatte eine unangenehme Kälte einkehren lassen.

Sogleich sprang Sebastian wie von einem Rochen gestochen aus dem warmen Nest, hechtete in seine verschlissene Jogginghose und hoppelte mit dem einen Bein, das noch nicht von der Hose überstülpt war, ins geflieste Bad.

Marlen beobachtet ihn währenddessen er mit seiner Buxe kämpfte mit Argusaugen und musste sich zudem mehrmals und das auch noch in viel zu knapper Reihenfolge, heftig auf die Zunge beißen.

Er zieht es wirklich durch.

Klar, in diesem Augenblick piekste sie Marlen; die gewaltige Gewissheit, dass Sebastian seinem riskanten Wunschdenken Wirklichkeit walten lassen würde.

Sie wusste, dass es kein Zurück mehr geben würde, schmeckte gleichzeitig das Blut auf der Zunge, verkroch sich unter der Bettdecke mit Eisbärenmotiv und weinte.

Wenige Augenblicke und Schritte später, verharrten die beiden im kahlen Flur, vor der ocker bestrichenen Haustür und blickten lange einander in die Augen, ohne dabei einen Ton zu verlieren, bis Marlen diejenige war, die sich beherzt ihren Mut fasste:

„Ich merke doch, dass dich was bedrückt. Warum glaubst du nur, dass du irgendwas vor mir verbergen kannst? Ich spüre doch, dass dich noch etwas völlig anderes anfeuert von hier abzuhauen.“

Sebastian aber blieb stumm und wusste sich leicht beschämt abzulenken, indem er in diesem Augenblick lieber die Fliegen zählte, die linkisch durch den bereits offenstehenden Türspalt geflogen kamen.

Du hast so ein unglaubliches Gespür, aber ich kann es dir nicht verraten.

„Eigentlich müsste ich dir auch sehr sauer deshalb sein, gerade weil wir uns doch geschworen haben, dass wir uns alles erzählen.“

„Ja, aber …“

„Nein, du brauchst jetzt nichts dazu zu sagen. Und trotz alledem bin ich dir nicht böse. Das heißt, ehrlich gesagt bin ich ziemlich stark am Kämpfen mit mir, dir gegenüber nicht mürrisch gestimmt zu sein. Ich versuche es halt einfach zu akzeptieren, dass du mich nicht in dein Geheimnis einweihen willst oder kannst. Aber ich wünsche mir von Herzen, dass du weißt, was du tust und das du weißt, dass du mir zu jeder Zeit davon erzählen darfst.“

Daraufhin blickt Sebastian seine Freundin erneut sehr tief in die Augen und legte ihr beide Arme auf ihre Schultern.

Also schon irgendwie so, als würde er sie nach unten drücken wollen.

„Sei bitte vorsichtig und immer wachsam und versprich mir bitte, dass du dich gerade dann, wenn du in Ungarn bist, so unauffällig wie nur möglich bewegen wirst. Vergiss bitte in keiner müden Sekunde, dass die Ungarn ein für ihre Verhältnisse ordentliches Kopfgeld bekommen, wenn sie einen DDR-Flüchtling erwischen.“

„Ja ja, meine Güte, ich weiß, ich weiß, das hast du mir doch schon achtzig Mal erzählt.“

„Wie du das letzten Endes hinbekommen willst, da du ja kein ungarisch sprichst, ist mir ehrlich gesagt noch immer nicht klar geworden, wenn ich ehrlich bin. Aber solch Tatsachen willst du ja nicht hören und dennoch hoffe ich sehr, dass du eine Lösung finden wirst.“

Erneut misslang es Sebastian in diesem Augenblick, in welchem er sich so jämmerlich winzig vorkam, irgendeine einigermaßen vernünftige Silbe der Erklärung zu verkünden.

Einfach ein paar Worte, bei welchen er sich wieder etwas größer vorkommen würde.

Ja solch angebrachte Rechtfertigungsausdrücke stießen ihm zwar ruckartig bis in seinen Hals, verklemmten sich aber genau an diesem schmalen Ort und verhinderten somit jeden dadurch vielleicht entstehenden Anti-Zweifel-Gedanken von seiner Freundin.

Dafür fühlte er aber umso stärker, wie sich sein Magen im Kreis verdrehen wollte.

Wie ihm, die noch vereinzelt, verbliebenen Farbtupfer nun gänzlich aus seinem Gesicht flüchteten und dass ihm zugleich zunehmend schwummriger wurde.

Bevor ihm bei all jenem äußerst mulmigen Gefühlschaos, gänzlich sein Halt zu verlieren drohte, ließ er einfach seine Arme fallen und sich von seiner Freundin auffangen.

Und dann standen sie da wie zwei ängstliche Äffchen.

Ganz fest ineinander geklammert und irgendwie auch etwas verloren bis Sebastian sich einen winzigen Ruck gab und seiner Liebsten ins rechte Ohr flüsterte: „Marlen, bitte vertraue mir.

Ich muss erstmal alleine mit mir klarkommen. Aber ich melde mich sofort, wenn ich bei deiner Oma bin, ja?“

„Was? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Du meldest dich bitte, wenn du heute Abend in Dresden bist. Die werden doch auch im Tal der Ahnungslosen irgendwo ein Telefon herumstehen haben.“

„Ja, hast Recht, natürlich. Versprochen.“

„Ach, da fällt mir noch ein: Hast du auch die Adresse von meiner Oma eingesteckt?“

Nickend küsst er dann Marlen sanft auf die Stirn und war gerade im Begriff durch die Tür zu flüchten.

„Warte, geh noch nicht. Ich habe noch einen kleinen Ausreißer für dich, einen der dich begleiten und beschützen soll.“

Und schon griff sie in eine der beiden Bademanteltaschen, zog einen alten, zusammengefalteten krokodilgrünen Strumpf heraus, stülpte geschwind den Stoff über ihre Finger, fordert Sebastian auf seine Hände wie eine Schale zu falten und ließ dann den Inhalt in sein Nest plumpsen.

„Ein Vogel?“

„Ja, ein kleiner Kranich. Hab ich selbst geschnitzt mit dem Messer, das du mir mal geschenkt hast. Gefällt er dir etwa nicht?“

„Quatsch, er ist wunderschön. Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

„Ein Kranich kann zwar fliegen und das auch sehr weit, aber er kann seine Flügel niemals dafür benutzen um einen anderen Vogel zu umarmen. Freilich freue ich mich auch für dich, wenn du weit auf deiner Reise kommen, viel sehen und erfahren wirst, aber ich hoffe auch darauf, dass dich die Sehnsucht und das Verlangen, mich wieder in deine Arme zu schließen, nicht allzu lange auf sich warten lässt. Und ich kann mir es auch jetzt nicht verdrücken zu sagen, dass ich natürlich auch große Angst um dich habe, dass dir irgendetwas Böses passiert.“

„Schatzi, bitte glaub mir, ich werde alles unter Kontrolle haben. Das spüre ich. Versprochen!

Fahrt nach Dresden (Sebastians kurze Reise)

Ab jetzt war Sebastian auf sich allein gestellt, er zitterte leicht und sprach dabei zu sich selbst, auch um sich zu beruhigen.

Jetzt bin ich alleine.

Warum zittere ich nur so bekloppt. Was soll das?

Schluss jetzt mit dem Quark.

Ich muss stark sein und ab jetzt nur versuchen, an das Abenteuer zu denken.

Daran zu glauben.

Ja genau. Das ist es doch, was ich wirklich will. Ich muss versuchen, bis ich in Ungarn bin, nicht noch einmal an das Tagebuch von Mutti zu denken.

Tief durchatmen.

Oh Mann, diese Gedanken. Ich werde noch bekloppt.

So jetzt aber Ende mit dem Gedenke. Ich darf nicht zu viel denken, einfach machen.

Gut ich laufe ja schon.

Ich muss schneller laufen. Es ist schon 4.55 Uhr.

Mist, ich komm zu spät.

Andi wird sauer sein, aber vielleicht hat er ja auch verpennt und ich würde nur blöd am Straßengraben auf ihn warten müssen.

Rund zwölf Minuten später, sprich sieben Minuten zu spät, erreichte Sebastian den zwischen ihm und seinem besten Freund, ausgemachten Ausgangspunkt, der ungefähr einen halben Kilometer hinter dem Ortsschild, hinter den Schienen in Richtung Gotha, auf der rechten Fahrbahnseite, vor einem, von dichten Hecken verstecktem Grabstein lag.

Dort entdeckt Sebastian den grau-hellblauen Trabi schon von weitem.

„Tach, du Clown.“

„Tach, du Hund.“

„Hast dich wohl von deiner Ollen nicht verabschieden können oder was?“, plauzte ihn sein Kumpel an, als Sebastian noch mindestens acht Meter entfernt, ihm entgegenhetzte.

Seit dem Kindergarten waren die zwei beste Freunde.

Diese Freundschaft begann zu jenen endlos scheinenden Sandkastentagen und festigte sich so richtig beim Kleckerburgen bauen.

Sie verstanden sich blind und Andi war auch der Einzige, der Marlen mit diesem derben für Sebastian doch eigentlich verachtendem Wort, betiteln durfte.

Natürlich aber auch nur dann, wenn die beiden unter sich waren.

Die zwei stichelten sich einfach liebend gerne und dabei war der Tonfall hin und wieder auch von schroffer Natur.

Doch die beiden Freunde mochten genau das und zudem war sich Sebastian sicher, dass sein bester Kumpel am liebsten auch mit seiner Freundin gehen würde.

Gesagt hatte er ihm das aber noch nie.

„Ja, na klar, war schon nicht einfach. Logo. Was glaubst du? Werde Marlen ja wahrscheinlich jetzt ein Jahr lang nicht sehen. Fühlt sich schon komisch an.“

Sebastian klammerte sich während er sprach an seinen kleinen Vogel, den er versteckt in seiner Hosentasche festhielt.

„Ach, jammer nicht. Du willst es doch so. Also los steig ein.“

Und schon konnte das Abenteuer beginnen.

Mit dem alten Trabant 601, Baujahr 1980, den sich Andreas nur durch hartnäckigste Überredungskünste von seinem Vater hat ausleihen dürfen.

Natürlich wollte Helmut wissen, wofür sein Sohn, sein Auto zu missbrauchen gedachte.

„Oh Mann, Andi, das stinkt hier ja schlimmer wie fünfzig nasse, zusammengeschüttete Aschenbecher! Was macht dein Vater bloß mit der Kiste? Ach egal. Was hast ihm nun eigentlich erzählt?“

„Naja, so einfach war das Ganze nun wirklich nicht. Das kannst mir glauben. Hätte mich in einer Situation auch beinahe verplappert. Kennst ihn ja mit seinen vielen hinterlistigen Fragen und seiner permanenten Skepsis allem gegenüber.“

„Hm, da hast du wohl leider recht.“

„Also klar, die Wahrheit wäre hundert pro Tabu gewesen und er hätte sich auch nicht überreden lassen, wenn ich ihm bloß einen von mir beabsichtigten sowie eigennützigen Grund genannt hätte und so hab ich ihm einfach einen Bären auftischen müssen. Dass ich meine Tante Gisela, die seine Schwester ist, besuchen will, zu der er schon länger keinen Draht mehr hat, er aber wieder gerne Kontakt aufbauen möchte. Nur eben überhaupt keine Ahnung davon hat, wie er das anstellen soll. Und so hab ich ihm halt erzählt, dass ich mit meinen Überredungskünsten seine Schwester schon dazu bekommen werde, dass die beiden sich schon wieder versöhnen werden. Er wird es ja auch nicht überprüfen, dass ich mich bei ihr nicht gemeldet habe und mich danach erkundigt habe, ob sie was dagegen hätte, dass ich sie besuchen will. Weiß du wie ich meine? Nur wenn ich wieder zurück bin. ja dann muss ich mir noch was Gescheites einfallen lassen. Ein Glück mag mich meine Patentante und ruft mich ja ohnehin gelegentlich an. Also war das der beste Einfall, der mir in den Sinn gesprungen kam.

Und besuchen kann ich sie ja sowieso auch noch.“

„Ja, super Andi. Ich wusste, dass ich mich eben auf dich verlassen kann.“

„Schon gut, schon gut. Schau mal was ich mitgenommen habe, damit uns nicht langweilig wird.“

„Ach klasse.“

„So müssen wir uns diesen Unfug im Radio nicht reingezerr.“

„Du bist nen Kunde, hättest ja mal was sagen können. Dann hätt ich meine Chaka Khan Kassette eingesteckt.“

„Haha, na ein Glück hab ichs vergessen dir zu erzählen. So und jetzt entspann dich, hau dich in die Lehne und ich zeig dir mal was ordentliche Mukke ist.“

Dazu musste sich Andreas etwas verbiegen, um den auf dem Rücksitz abgeparkten Gettoblaster zu gelangen. Nach einem grummeligen Seufzer, der durch das Ergebnis des krummen Rückgrats und des verbogenen Arms mit dem Bestreben von Zeigefinger und Daumen den Lautstärkeregler nach rechts zu drehen zustande kam, konnte nach jener Verwirklichung die Dachpappendisko gestartet werden. Der Ofen lief sozusagen.

Und dann schepperte es im Inneren des Trabis aus vollen Tönen mit dem Lied „Guten Morgen liebe Sorgen“.

„Ich krach mich weg. Wo hast den Käse denn her?“

„Da staunst was? Ist ne Doppelkassette mit den Best of Titeln vom letzten Jahr 1987. Kam vor zwei Tagen mit einem Westpaket von Onkel Rainer aus Kassel.“

Und schon pfiffen die beiden zu den bassgetränkten Klängen von Jürgen von der Lippe und Co.

Bei der Kreisstadt Gotha ging es dann auf die Autobahn A7, auf die ehemalige Reichsautobahn Dresden-Frankfurt/Main, mit dem Ziel Dresden.

Den Volumenregler des Radiorekorders hatte Sebastian inzwischen auf volle Lautstärke gedreht.

Das lag zum einen an dem Song „Land of Confusion“ von Genesis, aber auch daran, dass er keine Lust auf eine Unterhaltung hatte, da die vielen dunklen Gedanken, die alle um Marlen kreisten, ihm beinah den Magen umzudrehen drohten.

Und so wechselten sie nur ein paar Worthülsen, wie: „Hammer Lied“ oder „Scheiß Song, spul mal vor“, „sei doch mal ruhig“, welche sie sich gegenseitig zubrüllten.

Die Dachpappe aber hielt stand.

Mit der Höchstgeschwindigkeit von knapp neunzig Kilometern pro Stunde rollten sie auf Erfurt zu. Es folgten Lieder wie „La Bamba“, „Everybody have fun tonight“, „Mony-Mony“ oder „Lady in Red“, bis sie nach etwa einer Stunde Fahrtzeit die Stadt Jena erreichten und die hässlichen Plattenbauten ohne Beachtung rechts und links liegen ließen.

Zu diesem Zeitpunkt schepperte es noch immer aus dem Gettoblaster.

Andreas hatte vorgesorgt und ausreichend Batterien an Bord, sodass gewährleistet war, dass sie sich bis Dresden keine Sorgen um die Musik machen mussten.

Er schaute starr in die Ferne und hoffte, dass bald die Sonne aufgehen würde, denn im Dunkeln durch die Botanik eiern, war überhaupt nicht sein Ding.

Sebastian lauschte mit nach unten geklappten Augenlidern der bunten Mischung.

„Ein Glück rieche ich diesen abartigen Zigarettengestank nicht mehr“, sagte er nach einer längeren Schweigephase und wie aus heiterem Himmel.

„Warte, das lässt sich schnell ändern.“

Im Radiorecorder lief gerade Whitney Houston mit „I Wanna Dance with Somebody“.

Währenddessen kicherte derjenige, der das Lenkrad festhielt, schon etwas zu auffällig in seine linkische Grimasse.

An dem Titel lag es aber nicht, wie er seinem Kumpel zu verstehen gab und wartete mit nach vorne gebeugtem Kopf und lauernd wie ein Luchs, bis Houston folgende Silben über ihre Lippen bließ „when the night falls“.

In dem Moment, als in der Folge eine winzige Pause entstand, ließ er dermaßen einen fahren, dass Sebastian kaum verstand, mit welch weiteren Wörtern Whitney ihren Text fortsetzte.

„Igittigitt! Du Mistkäfer, du. Das kannst vielleicht bei Heino bringen, doch aber nicht bei ‚Whitney‘.“

Hastig suchte Sebastian nach der Kurbel in der Beifahrertür, um das Fenster runterzuleiern, damit er der nahenden Gaswolke entfliehen konnte.

„Na sag mal, hat die Mühle keine Kurbel oder wie?“

„Ich hau mich weg. Nee, da hast Pech, die is schon vor Längerem weggebrochen.“

„Dann mach halt du das Fenster runter oder willst uns vergasen?“

Natürlich erfüllte er seinem besten Kumpel diesen Gefallen und kurbelte für ganze fünf Zentimeter die trübe Scheibe ins Gummi.

Aber auch das war vollkommen sinnlos, denn es war schon zu spät und das Übel hatte bereits seinen unsichtbaren Lauf genommen.

„Oh Mann, mir kommt gleich das Kotzen, was hast du gestern denn gefressen? Ne vergammelte Ziege, oder was?“

Doch Andreas krümmte sich noch immer vor Lachen und brachte kein Wort heraus.

„Idiot“, plauzte ihm Sebastian entgegen und schloss auch sofort wieder seine Augen.

„Juhu, ich wusste es doch, im Osten geht die Sonne … Junge, mach doch mal schnell deine Klüsen auf. Schau wie schön sich der gelbrote Planet gerade durch den Himmel kämpft.“

Inzwischen waren sie bis kurz vor Glauchau angelangt.

Die Zeiger der Zeit verrieten Sebastian, dass es bereits zehn vor sieben Uhr war.

„Ja schön. Wollen wir nen kleines Päuschen machen? Frühstücken? Hast Hunger?“

„Klar, können ja bei Glauchau runterfahren und uns irgendwo nach der Abfahrt ein gemütliches Fleckchen suchen?“

„Genau, so machen wir‘s.“

Dann passierten sie die Unterstadt Glauchaus mitsamt seinen kühlen, von der Textilindustrie eingenommenen, sowie davon äußerlich geprägten kahlen Bauten. Auf Stadtfeeling verspürten die Freunde keinerlei Lust und rollten lieber weiter. Raus aus der tristen Einöde.

Bis sie ein kleines Dörfchen namens St. Egidien erreichten. Auf einem Hügel gelegen, erblickten sie eine alte Kirche und weil sie sich dort eine gute Aussicht und Ruhe versprachen, beschlossen sie eine Rast einzulegen.

„Ach, schau mal, das Gotteshaus heißt ‚Kirche unserer lieben Frauen‘, sagte Sebastian kurz nachdem sie den Trabi neben einer Mauer aus Scheinzypressen abstellten und eine Runde zu Fuß um das Grundstück der Kirche spazierten.

„Hast du das gehört?“

„Was?“

„Hat doch gerade so komisch geknatscht, oder etwa nicht?“

„Hab nix gehört. Du hörst doch Gespenster.“

„Komm, lass mal schauen ob die Tür verriegelt ist oder nicht. Würde mir gern mal das alte Gemäuer von innen anschauen.“

Tatsächlich, der faustgroße, leicht angerostete Türknauf ließ sich nicht nur nach unten drücken, sondern signalisierte den beiden mit einem stumpfen Klacken, dass ihnen der Eintritt durch die mausgraue Pforte nicht versperrt war.

„Willst dein Pausenbrot etwa auf einer der Holzbänke verspeisen?“

Aber Andreas antwortete nicht, schlängelte seine Plauze äußerst galant durch den offenen Spalt und schien plötzlich wie ins Innere eingesaugt worden zu sein.

Sebastian folgte ihm wortlos.

Und kaum, dass sie sich von der Schlichtheit der Kapelle überzeugt, ein paar Fingerabdrücke auf den Holzbänken hinterließen und gerade im Begriff waren wieder kehrt zu machen, blieb ihnen, wie auf Kommando, die Spuke im Hals stecken.

„Mann, Mann, Mann! Hab ich mich jetzt erschrocken.“

Andreas ließ es sich natürlich nicht anmerken, dass in dem Augenblick, als völlig unverhofft die Orgel zum Leben erweckt wurde, natürlich auch sein Puls gehörig an die von wenigen Fresken bedeckte Kirchendecke schlug.

„Ist das nicht … Ja das Stück kenne ich. Das heißt ‚Jenseits der Worte‘, glaub ich.“

„Woher kennst du dich denn mit Orgelmusik aus?“, fragte Andi beinah etwas abfällig.

Aber sein Freund reagierte nicht darauf und hockte sich auf ein einziges hinterbliebenes Kissen, das in der letzten Reihe auf der Bank neben dem Ausgang lag, schloss seine Augen und wirkte völlig vertieft.

Andi setzte sich kopfschüttelnd neben ihn.

Und dann lauschte auch er den tiefen Klängen, die rhythmisch aus bestimmt um die hundert silbernen Pfeifen geblasen kamen, bis sich nahezu gleichzeitig ihre knurrenden Mägen meldeten und damit die heitere Orgelmusik aus dem Takt zu bringen schienen.

Also verließen sie die Kapelle und hockten sich vor das Kirchentor auf eine moosbedeckte Steinbank unter eine Rotbuche und wickelten, ohne dass sie es merkten, völlig synchron ihr Butterbrotpapier von ihren Schnitten. Schmatzend blickten sie in die kurzsichtige Ferne.

„Herrlich, oder? Niemand hier, der uns auf den Sack geht.“

Sebastian nickte und schmiss zum Anstoßen bereit, sein Käsebrot in die Luft.

Diese Gelegenheit ließ sich sein Kumpel natürlich nicht nehmen, presst eine Hälfte seines Knackwurstbrotes wie den Griff einer Fackel zwischen seinen Pfoten zusammen, hisste dann jenes Kunstwerk auf Kopfhöhe und donnerte dieses mit einem beherzten Schwung auf das Käsebrot zu.

„Prost mein Freund. Ich hoffe du wirst ne fetzige Zeit haben.“

Und wie sie noch so vergnügt dahockten, in ihren unterschiedlichen Träumen vertieft, hüpfte plötzlich ein kleiner Mann mit Schnurrbart, Nickelbrille und Halbglatze vor ihre Nasen.

Er stellte sich als der Organist der Kirche vor und steckte sich eine Zigarette in den Mund.

Zumindest auf den ersten Blick schien er ein sehr lebhafter Typ, in der Mitte seines Lebens, zu sein. Er berichtete von dem baldigen Konzert für das er täglich probt und erzählte ohne Punkt und Komma von seinem einseitigen Leben und warum die Kirche diesen seltsamen Namen trägt.

Fragen aber stellte er den Jungs keine Einzige.

„Sagen Sie, gibt es hier in der Nähe irgendwo einen See? Wir hatten gerade überlegt, eventuell baden zu gehen. Sieht ja so aus, als würden wir heute fantastisches Wetter bekommen.“

„Ja, da habt ihr tatsächlich Glück. Wir haben hier einen schmucken, aber kleinen Stausee, der auch nur zwei Kilometer entfernt liegt. Es ist auch überhaupt nicht kompliziert dahin zu kommen. Ihr fahrt die Hauptstraße runter bis zur ersten Ampel, dort biegt ihr links auf die Bahnhofstraße ab, haltet euch auf dieser für die nächsten anderthalb Kilometer, bis ihr dann den Stausee auf der rechten Seite liegen seht.“

Die zwei bedankten sich herzlich bei dem Organisten und sahen zu, dass sie schnell die Trabitüren zugeknallt bekamen um sich vom Acker zu machen.

„Mann, der hätte uns doch garantiert am liebsten noch den ganzen Tag die Ohren abgekaut, oder?“

„Ja, aber war doch trotzdem interessant was er uns erzählt hat“, meinte Sebastian.

„Vergess nicht, dass du quasi auf der Flucht bist.

Wir sind hier nicht auf einem lustigen Wochenendausflug. Auch wenn es tatsächlich gerade so aussieht.

Außerdem können wir nie wissen, wer uns letzten Endes alles anscheißen wird.“

Es wurde ein wunderschöner Spätsommertag, an dem sich keiner der zwei, eine sie beide begleitende, unterschwellige Unruhe, hat anmerken lassen.

Nach außen hin, wurde es ein Tag, an dem die Zeit stehen zu bleiben schien und keiner von den beiden ans Aufbrechen dachte, bis es erneut ihre Bäuche waren, die mit ihren wilden Tönen den Takt der beiden bestimmten und sie zur Bewegung in die Spur zum Zweitakter anstifteten.

„Komm lass uns nach Dresden fahren. Hab langsam wieder Hunger“, sagte Andi und erhob sich aus dem plattgedrückten Gras, während Sebastian gedankenverloren in den Himmel starrte und noch damit zu kämpfen hatte, sich aus seiner Mulde zu wühlen.

Inzwischen hatte sich über ihren Köpfen auch eine kleine Schafsherde an Wolken versammelt, so dass diese zunehmend den Sonnenstrahlen den Weg versperrten.

Ein Grund mehr die Biege zu machen.

„Müssten noch um die einhundert Kilometer sein, bis wir in Dresden sind. Also, Punkt sieben Uhr will ich mein Abendessen auf dem Tisch haben“, scherzte Andi.

Doch daraus sollte nichts werden, denn kurz nachdem sie losrollten, bohrte sich ein rostiger Nagel in den linken Hinterreifen, als sie sich gerade über die Schotterpiste zurück zur Hauptstraße bewegten.

Sofort hatte das natürlich keiner der beiden gemerkt, aber nachdem sie ein kurzes Stück über die nachfolgende Panzerstraße tuckerten, zog plötzlich das Lenkrad Richtung Straßengraben.

„Das darf doch jetzt nicht wahr sein. Ich glaub wir haben nen Platten. Eine Scheiße!“

Andreas fluchte.

Währenddessen hüpfte sein Kumpel aus der Pappe und nahm den Nagel unter die Lupe, der sich ziemlich schräg in den Reifen gestochen hatte.

„Hoffe du hast ein Ersatzrad am Start?“

„Kein Plan“, schimpfte Andi und hetzte zum Kofferraum.

„Puh, Schwein gehabt“ und krallt sich das Rad.

Basti schnappte sich den Wagenheber und den Drehmomentschlüssel, die ebenfalls an Bord waren.

„Na, dann wollen wir mal.“

Eigentlich sollte die folgende Prozedur für die zwei auch zu keinem größeren Akt werden, besonders für Andreas.

Für ihn müsste es ein Kinderspiel sein, da er sich im dritten Lehrjahr zum Automechaniker befand.

Doch die Schrauben des Rades hatten sich mehr als hartnäckig ins Gewinde verbissen, ja sie waren völlig verrostet, sodass der Spaß zu einer Darbietung der Unmöglichkeit mutierte.

„Scheißdreck, ich krieg nicht eine Schraube locker.“

Sebastian aber blieb ruhig und schlug vor ins nahegelegene Dorf zu gehen und sich nach einem Radkreuz zu erkundigen.

„Kein Ding, ich marschiere dann mal los und du prügelst dir mal lieber drei Zigaretten rein.

Am besten eine nach der anderen, damit du wieder runterkommst, Junge. Also bis gleich.“

Andreas hockte sich an den Straßenrand und begann den Wink von seinem Kumpel in die Tat umzusetzen.

Nach etwa vierzig Minuten war dieser zurück und hechtete aus der Beifahrertür eines weißen Wartburgs. In der Hand präsentierte er stolz das passende Werkzeug, das sich auch gleich sein Kumpel schnappte.

Keine fünf Minuten später war das Rad montiert und das Radkreuz wechselte wieder den Besitzer.

Die beiden bedanken sich nochmal herzlich bei dem hilfsbereiten Herrn, den Sebastian bei seiner Fragerunde durchs Dorf dann schließlich in einem der Vorgärten aufgegabelt hatte.

„Also Jungs, dann macht‘s mal gut und viel Glück“, sagte er und düste wieder davon.

„Ich hab nen Vorschlag. Ich sehe doch wie verhungert du aussiehst. Also, der Radkreuzkollege erzählte mir eben, nachdem ich ihn fragte wo man hier in der Gegend ein gescheites Abendessen bekommen kann, dass wir zum Waldgasthof Alberthöhe bei Lichtenstein fahren sollten. Dort soll es wohl hervorragende Speisen geben. Was meinst du?

Oder willst noch warten bis wir in Dresden sind?“

„Nee auf keinen Fall. Mir fliegt gleich mein Wanst weg. Also dann, lass uns da mal hinfahren.“

„Perfekt, liegt auch nur etwa sieben Kilometer entfernt von hier.“

Eigentlich wollten die beiden am Abend in Dresden sein und bei einem Kumpel von Andreas übernachten. Doch selbst aus diesem dürren Plan, den sie sich zurechtgebogen hatten, sollte nichts werden.

Ein Schuldiger war für sie schnell gefunden, nämlich das köstliche Mahl, was sie träge hat werden lassen.

Nachdem sie also ihre Mägen mit Thüringer Klößen vollgestopft hatten, mühten sie ihre schlaffen Körper noch zu einem Aussichtspunkt mit atemberaubender Sicht bis Leipzig und schauten zu, wie die Sonne hinter den Weizenfeldern das Weite suchte.

Dass sie so entspannt sein konnten, hatten sie dem Restaurantbesitzer zu verdanken, der ihnen für einen schmalen Taler ein Gästezimmer offeriert hatte.

So verweilten sie für die eine Nacht in einer gemütlichen Kammer in der Scheune, schliefen beide wie die Engel, speisten am Morgen zwei Frühstückseier und begaben sich im Anschluss über Burg Rabenstein zurück auf die A7.

Es war Samstagmittag als die zwei Thüringer vor der Wohnung von Thomas, direkt am Albertplatz, in der Theresienstraße standen und sich die Finger wund pochten, bis nach einer gefühlten Ewigkeit sich die Tür einen Spalt nach innen öffnete.

„Ihr seid mir zwei Schnarchnasen. Wahnsinn.“

„Moin erstmal. Was ist das denn für ein Empfang“, sagte Andi und drückt den Türspalt etwas weiter auf. „Willst uns wohl nicht reinlassen?“

Doch Thomas ignorierte die beiden, verschwand im Flur und brüllte: „Ihr habt mich versetzt, ihr Ochsen.“

Der Kumpel von Andreas war sichtlich sauer, da er von einer jungen Frau, die er im Konsum kennengelernt hatte, ein spontanes Date für den Abend nicht annehmen konnte, weil er mit den zwei Typen aus Friedrichswerth gerechnet hatte.

„Nu kommt rein, es wird kalt.“

Andreas ging vor und musste Sebastian regelrecht in die Wohnung schleifen, dem nun die Lust komplett vergangen war bei diesem Typen zu übernachten.

„Bis um drei Uhr nachts hab ich auf euch gewartet! Na dann erzählt mal. Was für ne Ausrede habt ihr euch zurechtgelegt?“

Als die beiden dann schließlich zu Wort kamen und Thomas davon unterrichteten, dass der Grund ihrer Unlust sich auf dem Weg zu machen, ein Sonnenuntergang war, blieb dem Dresdner die Spuke im Halse stecken.

Mit feuerrotem Kopf plustert er sich vor den beiden auf und rammte urplötzlich eine Faust in die verbeulte Wand zur Küche.

Das sah nach Schmerzen aus, aber der Typ schien das zu brauchen, dachte Sebastian und blickte lieber auf den Fußboden, als auch noch ins Fadenkreuz zu geraten.

„Junge, ruhig Blut“, sagte Andi und pochte seinem Kumpel leicht auf die Schulter, der völlig entspannt seine Hand ausschüttelte, als wäre sie aus Knetmasse und grinste dabei breit über sein ganzes Gesicht.

„Jetzt seid ihr mir aber nicht bloß ein Pils schuldig.“

Seine beiden Nachtgäste nickten.

„Da habt ihr eben Pech gehabt. So bleibt uns nur noch heute Abend, ihr Kloßköppe.“

„Na, na, na“, schnaubte Andi und sagte: „Hast denn ne Idee wohin wir gehen könnten?“

„Na selbstverfreilich. Hab da mal was für euch klargemacht, damit ihr zwei Dorfheinis auch mal was erlebt. Heute Abend steppt der Bär in der legendären ‚Kakadu Bar‘.“

„Sauber“, sagte Andi und lächelte über beide Ohren.

Aber Sebastian schüttelte innerlich noch immer seinen Kopf, da er einfach nicht verstehen konnte, warum sich sein bester Kumpel zu diesem abwegigen Typen offenbar irgendwie hingezogen zu fühlen schien.

Andreas konnte auch gelegentlich mal in der Öffentlichkeit ins harte Typenkostüm schlüpfen. Eine Tatsache, die Bastis Ansicht nach vielleicht die einzige Ähnlichkeit zu Thomas darstellte.

Er wusste jedoch auch, dass sein bester Freund eigentlich im Kern seines Selbst überhaupt kein Machotyp war, aber dessen Dresdner Kumpel verkörperte einen wirklich bissigen Hund und tendierte durch viele seiner Handlungen schon eher dazu ein Kleinkrimineller zu sein.

Das hatte Sebastian aus den vielen schrägen Geschichten leicht herausfiltern können, die Andreas von ihm erzählte und deshalb war er auch zuerst strikt dagegen gewesen, bei solch einer Figur für zwei Nächte Unterschlupf zu suchen.

Da sie aber ansonsten bloß die Patentante von Andreas zu ihren Bekannten zählen konnten und sonst niemanden, gab er es schließlich auf, sich gegen den Vorschlag zu wehren und begnügte sich in seinem Inneren mit dem Gedanken, dass es ihm zu Beginn seiner Reise natürlich sehr entgegenkam, wenn er jede müde Mark sparen konnte, wo es eben möglich war.

Dennoch hatte er sich insgeheim gefreut, als die Sonnenuntergangsidee letztlich auch Andreas bekehren konnte, die Nacht doch besser im Waldgasthof zu bleiben und sie dadurch nur eine Nacht bei diesem Kauz schlafen würden.

Sebastian hatte Thomas bereits ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, als er im vergangenen Jahr zum achtzehnten Geburtstag von Andreas großer Feier zu Besuch war. Und seitdem konnte er diesen sonderlich schroffen Spinner nicht leiden.

Auch deshalb nicht, da Andi in der Gegenwart von Thomas sein „harter Mann“-Kostüm extra dick und völlig überkandidelt auftrug.

Und trotzdem erhoffte sich Sebastian einen großen Gefallen, den dieser Kojote ihm entgegenbringen könnte. Doch das hatte noch etwas Zeit.

Nach dem Mittagessen, der Hausherr hatte sich dazu bereit erklärt Strammen Max zuzubereiten, war eine kleine Besichtigungstour durch Dresdens Neustadt geplant.

Und noch bevor sie all ihre Füße vor die Tür setzten, hatte nicht nur ein jeder einen fettigen Max im Bauch geparkt, sondern dazu auch noch zwei Pils intus.

Also sechs halbe Feldschlößchen waren bereits in drei verschiedene Mägen geflossen.

Na, das kann ja heute nur böse enden, dachte Sebastian beinah etwas zu laut.

Doch sagte er lieber nichts weiter dazu und hängte sich an die Fersen der beiden Draufgänger.

Nachdem sie das Hechtviertel abgegrast hatten, marschierten sie über die Louisen-, sowie die Alaunstraße – das berüchtigte Kneipenviertel Dresdens – entlang bis an die Elbe über das Carusufer und hockten sich in die Nähe des Rosengartens mit Blick auf die Albertbrücke.

Von dort genossen sie eine gute Sicht auf Dresdens Altstadt und zugleich auf die traurigen Ruinen um die Frauenkirche herum.

„Mann, wie würde das hier wohl aussehen, wenn es den Krieg nicht gegeben hätte“, knurrte Andreas in seinen Flaumschnurrbart.

Bevor sie sich breitbeinig ins hohe Gras ans Wasser hockten, hatte sich Sebastian dazu bereit erklärt in den Konsum zu gehen und für die Jungs ein paar Bier zu organisieren.

Ihm war das nur recht.

Er wollte jede freie Minute und Gelegenheit nutzen, die sich ihm bieten würde, um nicht permanent diesem hohlen Geschnatter von diesem Typen ausgesetzt zu sein.

„Prostata, auf nen mega Abend Jungs“, posaunte Thomas in die Luft und rülpste folgend wie ein kranker Elch und das noch bevor er überhaupt einen Schluck getrunken hatte.

Er mochte zwar ein ziemlicher Prolet sein, aber er hatte sein Versprechen gehalten, dass er Andi gegeben hatte, als dieser ihn fragte, ob er denn wüsste wie Sebastian bis nach Prag gelangen könnte.

„Ich stell dir den Hasen heute Abend vor, der dich mitnehmen kann, okay?

Der kommt nämlich auch ins Kakadu.“

„Ja super. Vielen Dank schon mal für die Vermittlung.“

„Kein Ding. Eine Vermittlungsgebühr brauchst mir keine zahlen, dafür gibst mir aber nachher mal ganz gepflegt einen aus.“

„Freilich. Ist das sein Spitzname? Hase?“

„Sei mal nicht so neugierig Junge. Spaß. Natürlich ist das nicht sein richtiger Name. Er heißt glaub Haas, und wird deshalb Hase genannt. Lustig was?“

***

„Ey Rakete, bist du wach?“

Doch der Kojote reagierte nicht und Andreas wollte ihn auch nicht unbedingt wecken.

Da er wusste, wie sehr das sein Kumpel hasste, einfach geweckt zu werden und dann auch noch ohne triftigen Grund. Ganz besonders nach solch einer durchzechten Nacht.

Andreas schaute sich erneut im Zimmer um, aber konnte noch immer Basti in keiner Ecke herumkullern sehen und murmelte: „Vielleicht pennt er in der Badewanne?“

Von seinem Platz aus, auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers, hatte er Einblick in die röhrenförmige, winzige Küche.

Und dort lag sein Kumpel schon mal nicht, aber Andreas war nicht einfach bloß zu faul um nachzusehen.

Zumal das Bad auch keine drei Schritte entfernt gelegen war. Nein, ihm war noch total schwummrig und das spürte er besonders dann, wenn er versuchte seinen Oberkörper in die Sitzposition zu klappen.

Also blieb er einfach liegen und versuchte sich an die Nacht zu erinnern.

Bei seinen Grübeleien durchbohrte er die kahle Decke.

Aber auch auf diese Weise wollte ihm partout keine einzige Szene ins Bewusstsein fallen.

Klar, er hatte einen Filmriss und kann sich nur an die ersten Minuten des Abends erinnern. Daran, dass sie in den Kakadu marschiert waren und sich zwei Runden echten Absinth aus der Tschechoslowakei in den Rachen geschüttet hatten.

Er, Sebastian und der Kojote.

Und was war danach?

Je öfter er sich aber die Frage stellte, umso schwindeliger wurde ihm.

Also entschied er sich dazu die Augen wieder zuzuklappen und noch etwas zu pennen.

Da sein Herz abermals anfing schneller zu pochen, als er für gewöhnlich mit seinem Trabi über die Autobahn „brettert“, war das natürlich alles andere, als eine leichte Angelegenheit.

So schlummerte er in einem seltsamen Zustand, ohne zu träumen oder Schlaf zu finden.

Aber so richtig wach fühlte er sich auch nicht.

Zu diesem Zeitpunkt war es schon kurz nach halb eins am Nachmittag.

Und so haderte er mit sich und der Welt.

Einerseits beschlich ihn ein immer größer werdendes, schlechtes Gewissen gegenüber seinem besten Kumpel und andererseits hatte auch seine Blase keinen Bock mehr die wütende Flüssigkeit noch länger zurückzuhalten.

Kurz nach ein Uhr und vier unglücklichen Versuchen seinen Oberkörper in die aufrechte Position zu hieven, ohne dass ihm abermals schwarz vor Augen werden würde, schafft er es dann letzten Endes doch auf zwei Beinen zu stehen und schleppte sich dann nach einem kurzen Wankler und wie ein Vormensch des Homo neanderthalensis mit gekrümmtem Rücken über den pioniertuchblauen Teppichbelag bis zum Bad.

Dort lehnte er sich zunächst an den Türrahmen und unkte wie ein plattgedrückter Laubfrosch durch das komplett geflieste Badezimmer, das auf der Seite der Wanne mintfarbene, und im Rest der Waschhöhle mit furchtbar hässlich braunen, sternenförmig gemusterten Kacheln umhüllt war.

Ihm wurde schlecht.

Dann quälte er sich noch ein paar Schritte weiter, riss den Klodeckel nach oben, schmiss sich auf die Knie und spuckte in die Toilette, aber so richtig wollte nichts kommen.

Also rollte er sich auf die Seite, lehnte sich an die Badewanne und suchte mit seinen Blicken vergeblich einen Spiegel. Sebastian sah er nirgends.

Nun war eins klar, sein Nachtlager hatte Sebastian auch nicht in der Wanne aufgeschlagen.

So viel war sicher.

Es war gegen halb drei Uhr, als dann der Kojote wach wurde.

Nach einem elchgleichen Rülpser und einem knappen „Moin“, das er in den Raum brüllte, bemühten sich beide gemeinsam Licht ins Dunkel vom Kakadu zu bringen und versuchten aus den unterschiedlich erlebten Sequenzen an Erinnerungen, sich irgendwie eine realitätsnahe Rolle aus dem gemeinsamen Filmriss zurecht zu formen um allenfalls doch noch ein einigermaßen vernünftiges Drehbuch vom Abend zuvor gestaltet zu bekommen.

Woran sie aber nach einigen Lachern mit Blick auf ihren Filmriss und ihr Saufgelage kläglich scheiterten.

Andreas aber knirschte klammheimlich mit den Zähnen, da er sich darüber ärgerte, dass ihn sein Hirn weiterhin im Dunkeln umherirren ließ, er sich an nichts mehr erinnern konnte und er fragte sich zugleich auch nach dem Sinn der Tour.

Basti war verschwunden.

Also empfand er eher frostige Leere, statt mit tollen Momenten im Gepäck wieder zurück ins Dorf zu rollen.

„Wer sich erinnert war nicht dabei“, scherzte der Kojote in den faden, liederlichen Raum ohne Poster, als hätte er Andreas Gedanken lesen können.

Mit dieser Aussage war für den Haudegen auch wieder das Thema vom Tisch.

Er schleppte sich lieber an den Herd, schmiss zwei Spiegeleier in eine versiffte Pfanne und sagte: “Ach Junge, du machst dir viel zu viele Gedanken. Bist du etwa weich, wie so nen altes Waschweib oder was? Dein Kumpel wird bestimmt bei irgendeiner Alten sein. Würde sagen, dass er dann wohl einiges besser gemacht hat als wir, oder?“

Andreas aber schlüpfte aus seinem Schlafsack, brummelte bloß etwas Unverständliches in seinen Bart, stolperte erneut ins Bad und schruppte sich sein Zahnfleisch blutig.

„Na, sag mal, willst mir wohl nicht antworten?“

„Ja was‘n? Ich hab mit tierischen Kopfschmerzen zu kämpfen und fühl mich einfach Scheiße.

Das ist alles.“

Und stopfte sogleich ratzfatz seinen Kram in seinen Rucksack aus Kindertagen.

„Iss du mal in Ruhe deine Eier. Ich will mir noch etwas die Beine vertreten, vielleicht kurz an die Elbe und mich dann wieder vom Acker machen.“

„Wie? Watt jetzt, du willst schon los? Was geht mit dir?“

„Ja, tschuldjung, hab aber meinem Vater versprochen, nicht allzu spät zurück zu sein und muss ja auch morgen wieder malochen.“

„Tja, selber schuld.“

„Ja ja, egal. War trotzdem ein klasse Abend und so weiter und vielen Dank, dass wir hier bei dir pennen konnten.“

„Nun schleim dich mal nicht ein.“

Doch Andreas hatte keine Lust auf jede Bemerkung einzugehen, warf sich den Rucksack über die Schulter und ging zur Tür.

„Ach, eins noch. Vergiss bitte nicht sofort bei mir zu Hause anzurufen, falls du was von Sebastian erfahren hast oder er ganz und gar hier bei dir wieder aufgekreuzt ist. Egal wann, ja?“

„Oh Mann, seid ihr verheiratet, oder was?“

„Sag auch dann Bescheid, wenn ich noch nicht zu Hause bin. Meine Eltern werden aber da sein und können es mir ja dann später erzählen, okay?“

Irgendeinen Senf schien der Kojote daraufhin noch von sich zu lassen, doch Andreas hatte bereits die Tür zugeknallt, bevor sein Gehirn das Gesabbel hätte entziffern können. Er fühlte sich äußerst erleichtert, als er schließlich auf dem Bürgersteig trat und frische Luft in seine Lungen einsog.

„Eine Scheiße aber auch. Hoffentlich ist Basti nix passiert“, sagte er vorsichtig zu sich selbst. Dabei bemerkte er ein seltsames, unangenehmes Gefühl in der Magengrube, das nicht etwa erneut daher rührte, dass er die letzte Nacht zu tief ins Glas geschaut sowie seit dem Aufstehen auch noch nichts gegessen hatte, nein, Appetit auf irgendwas hatte er absolut nicht.

Man hätte ihn noch nicht mal mit einer gegrillten Schweinshaxe mit Sauerkraut und Klößen begeistern können.

Er fühlte sich eher völlig ausgelaugt, machte sich Vorwürfe wegen Sebastian und sein Alkohol verseuchtes Blut beginnt mehr und mehr einen siedezustandsnahen Bereich zu erreichen.

Eben deshalb, weil er seinem Dresdner Kumpel beauftragt hatte, dass dieser sich in seinem Freundeskreis erkundigen solle, ob es dort denn jemanden gab, der eventuell Basti nach Prag chauffieren würde.

Zudem nervte es ihn, dass der Kojote ihm auch nicht viel mehr über seinen geheimnisvollen Kumpel verraten konnte oder verraten wollte?

Dass er lediglich wusste, dass er Hase genannt wurde, ab und zu nach Prag fuhr und ihn im Prinzip auch nur durch Bekannte kannte sowie durch ein paar oberflächliche Begegnungen im Kakadu.

Mit zittrigen Fingern steckte er sich seine vorletzte Karo in die Rübe und schlich förmlich entlang der rauen, grau verputzten Hauswände zur Elbe und beendete seine lahmen, behäbigen Schritte an der Stelle, als er glaubte, sich mittig auf der Albertbrücke zu befinden.

Dann starrte er minutenlang nach unten in die Fluten und krallte dabei seine Fingernägel ins Geländer bis es weh tat.

Er musste zurück nach Friedrichswerth.

Sein Vater würde ihn lynchen, wenn er noch mehr Zeit verstreichen lassen und sich auf eine ausweglose Suche nach Sebastian begeben würde.

„Denk dran, neunzehn Uhr steht die Mühle wieder hier auf dem Hof. Hast du mich verstanden?“

Genau jene Worte seines autoritären Erzeugers, wie er ihn oft selbst nannte, rasselten nun permanent durch seine Löffel.

Von links nach rechts und wieder zurück.

Und das in diesen ohnehin schon gezeichneten Schädel, wo hinter der inneren Wand irgendwer einen ziemlich großen Vorschlaghammer gegen seine Stirn klopfte, so dass ihm seine Augen brannten. Aber all das durfte ihn nicht daran hindern, sich auf schnellstem Wege wieder Richtung Heimat zu bewegen.

So viel stand fest.

Er begann leicht zu taumeln und setzte aus dieser ungewollten Schwingung eher widerwillig seine Füße auf die kürzeste Route um zur Pappelallee zu kommen, in der er die Dachpappe seines Vaters abgeparkt hatte.

Er fühlte sich zunehmend schäbiger und auch so, als ob er seinen besten Freund im Stich lassen würde.

Die Fahrt zurück kam ihm nicht nur falsch vor, sondern auch so, als würde diese niemals enden wollen. Kurz nachdem er dann das Ortsschild seines Dorfes erreichte, bog er nicht in die Senkung auf den Panzerweg zu seinem Elternhaus ein, sondern tuckerte die Hauptstraße geradewegs den Hügel runter.

Noch immer hatte er mit hämmernden Kopfschmerzen zu kämpfen, als er mit schweißgebadeter Hand gegen das Holz pochte.

Und kaum, dass Marlen hinter der sich öffnenden Haustür sichtbar wurde, schon brüllte Andi ihr völlig hastig entgegen und das auch noch ohne eine Silbe eines Begrüßungswortes zu verlieren: „Hat Basti bei dir angerufen?“

„Nee. Das wollte er ja am Freitag eigentlich schon tun. Was ist passiert? Wo ist Basti?“

Und schon sah sich Andreas zunächst erstmal in der Pflicht den gestrigen Abend so grob wie er nur konnte, zusammenzufassen.

„Kennst du denn diesen Kerl, mit dem Basti nach Prag fahren wollte?“

„Nein leider nicht. Ich kann dir auch echt nicht sagen, ob ich mich gestern Abend mit ihm unterhalten hab. Wirklich nicht. Ach warte. Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Er heißt mit Familiennamen Haas und wird Hase genannt.“

„Hm. Mehr also nicht?“

„Nein. Weiß nicht wie er mit Vornamen heißt.“

„Und dein Dresdener Kumpel, weiß also auch absolut nichts mehr oder wie?“

„Nein, das sagte ich doch gerade. Thomas konnte sich auch an nichts mehr erinnern. Er wusste nur noch so viel, dass er Sebastian und diesen Hase miteinander bekannt gemacht hatte. Zu einem Zeitpunkt wohl, als Sebastian den beiden einen ausgegeben hatte.

Das letzte Mal, wie gesagt, hab ich Basti an der Theke gesehen, ganz am Anfang, als wir im Kakadu ankamen.“

„Ihr Suffköppe, ihr. Also echt! Was habt ihr denn alles getrunken?“

Aber Andreas verschwieg Marlen lieber, dass sie Absinth getrunken hatten und antworte bloß: „Ach, nur paar Bier und das war‘s. Tut mir leid, Marlen, mehr kann ich dir zu dem Abend echt nicht sagen. Aber das Schrägste von allem ist, dass Bastis Klamotten nicht mehr da waren. Wir hatten sie gleich in dem Moment, als wir in Dresden ankamen, bei Thomas ins Zimmer geschmissen. Wie gesagt, wohnen tut er in einer Einraumwohnung. Somit haben wir heute früh schnell feststellen können, dass seine Sachen nicht mehr da waren.“

„Ja, aber wie soll das denn gehen, wenn er seinen Kram nicht in diese bekloppte Bar mitgenommen hat? Kannst mir das mal bitte verraten? Seine Sachen können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Und Basti schon erst recht nicht. Das is doch alles Mist, was du mir hier erzählst. Hat Basti denn ne andere Frau kennengelernt, die ihn dann mit zu sich nach Hause geschleppt hat? Sag es!“

Marlens Blicke konnten finsterer wie der tiefste Brunnen ohne Wasser sein. Und das gab Andreas jedes Mal von Neuem ein unsägliches Gefühl, ungefähr so, als würde er in diesem Augenblick zu einem versteinerten Ziegel des Brunnens mutieren.

Doch dieses Mal konnte er zumindest als erste Reaktion seinen schweren Kopf für ein paar wenige Zentimeter von links nach rechts kippen.

„Nein, nein, nein, so ein Blödsinn. Das kann ich dir versichern. Niemals. Niemals, würde er so was tun, davon bin ich mehr als alles andere was mir recht ist, überzeugt. Er liebt dich abgöttisch. Das weiß ich. Das hat er mir selbst schon mehr als oft erzählt. Und auch einige Male, als wir vorgestern Abend den tollen Sonnenuntergang betrachtet haben. Ja, da hat er ständig von dir erzählt und wie sehr er dich jetzt schon vermisst. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer Marlen, dass er nie und nimmer was mit einer anderen hat, geschweige denn bei einer anderen übernachtet hat!“

Marlen aber blieb stumm, fummelte sich ständig durch ihr dichtes Haar und ließ dabei hin und wieder eine dicke Strähne vor ihre Augen fallen.

„Und was, wenn er euch nicht mehr gefunden hat? Ihr schon weg wart und er aus diesem Grund mit jemand anderen mitgegangen ist, vielleicht auch mit diesem Prag-Typen?“

„Hm, klar, könnte sein. Aber verdammt nochmal, wieso sind denn seine Sachen dann nicht mehr da gewesen?“

Marlen stemmte ihre Schulter gegen den Türrahmen. Beide verharrten etwas länger an ihren Fleck, blickten aneinander vorbei und schwiegen bis Marlen wieder ein paar Worte zusammenkramte.

„Ja, und was machen wir jetzt bitteschön?“

Marlens Suche

In dem Moment, als Andreas das Gartentor etwas zu laut hinter sich zuschlug und er ohne einen letzten Blick zurück in seinen Trabi sprang, passierte es wieder einmal.

Marlen hatte Andi noch so lang nachgeschaut, bis er den ersten Gang in die Pappe reinwürgte und schließlich mit diesem typischen, krächzenden Geräusch, wozu dieses Fahrzeug im Stande war, davonheulte, als ein tiefschwarzer Rabe auf dem Briefkasten landete.

Nee, oder? Hab ich denn jemals zuvor auf diesem spitzen Kasten einen Vogel hocken sehen?

Marlen hätte unter anderen Umständen, da sie es liebte Tiere zu beobachten, den Raben bei seinem weiteren Vorhaben auch noch länger belauert, nicht so aber in dieser Situation. Sie beendete auch gleich ihre Beschattung, indem sie zaghaft die Tür ins Schloss fallen ließ.

„Bitte, bitte lass das kein böses Zeichen sein“, sagte sie zu sich selbst und folgte wie im Rausch und mit zusammengepressten Lippen ihren Schritten ins Wohnzimmer. Dabei wurde sie genötigt ihren Herzschlag zuhören zu müssen, der ihr etwas zu penetrant in beiden Ohren hin und her klopfte.

Marlen glaubte schon seit einigen Jahren an Zeichen.

Dieser Spuk fand seinen Anfang, als ihr über alles geliebter Opa Anton völlig unerwartet aus seinem Leben gerissen wurde.

Sie war an diesem Tag, der sie immer mal wieder in ihren Träumen verfolgte, sechs Jahre, zwei Monate und vier Tage alt gewesen.

Das wusste sie bis heute.

Und besonders dann, wenn es ihr nicht sonderlich gut ging, vernebelte ihr dieser Rückblick ihr gegenwärtiges Dasein.

Sie musste auch nicht lange nach diesem Tag in ihrem Gedächtnis kramen, als sie von ihrer Freundin aus der Nachbarschaft, die schräg gegenüber wohnte, vom Spielen zurück über die Straße im Gleichschritt hüpfte und in jenem Augenblick, sage und schreibe vier schwarze Katzen ihren Weg kreuzten.

Alle vier waren pechschwarz und sie sahen sich, bis auf ein buschiges Merkmal am Ende einer jeden Katze, verdammt ähnlich.