Wenn Winterwunder wahr werden -  - E-Book

Wenn Winterwunder wahr werden E-Book

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Beschreibung

Klirrende Kälte, glitzernde Schneekristalle und ellenlange Eiszapfen oder brauner Matsch, Schneeregen und ekelhafte Nässe, die in alle Ritzen zieht. All das kann Winter sein. Genauso vielfältig ist die Palette an Wintergeschichten und Gedichten in diesem Büchlein. Ob das Mystische, Geheimnisvolle, das nicht von dieser Welt ist oder die kleinen Wunder des täglichen Lebens - jedes lädt auf seine ganz spezielle Weise ein, die Fantasie spielen zu lassen.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der Weihnachtswunsch Jana Heidler

Das Weihnachtswunder Sina Blackwood

Das Geschenk der Eisfee Matthias Albrecht

Die Alte Dame Jacqueline Zöllner

Gespräch mit einem Fisch Iris Fritzsche

Die Eisheiligen Jana Heidler

Urs, der Bär Sina Blackwood

Der Winter wird abgeschafft Matthias Albrecht

Alternatives Wintergedicht Michael Gimmel

Leben Jacqueline Zöllner

Der Frosch Iris Fritzsche

Die Geschichte vom kleinen Frost Jana Heidler

Bärenstark Sina Blackwood

Die Schneekugel Matthias Albrecht

Weihnachtswunder Jacqueline Zöllner

ES Michael Gimmel

Eine wunderbare Geschichte Matthias Albrecht

Die Wintermieze Jana Heidler

Weihnachtsbaum mal anders Sina Blackwood

Der Wintermuffel Iris Fritzsche

Die Legende der weißen Wölfe Jacqueline Zöllner

Weihnachten im Trollwald Jana Heidler

Saskia haut ab Susanne Weinsanto

Vitae

Klirrende Kälte, glitzernde Schneekristalle und ellenlange Eiszapfen oder brauner Matsch, Schneeregen und ekelhafte Nässe, die in alle Ritzen zieht. All das kann Winter sein.

Genauso vielfältig ist die Palette an Wintergeschichten und Gedichten in diesem Büchlein.

Ob das Mystische, Geheimnisvolle, das nicht von dieser Welt ist oder die kleinen Wunder des täglichen Lebens – jedes lädt auf seine ganz spezielle Weise ein, die Fantasie spielen zu lassen.

Früher wie damals, Winterzeit ist Geschichtenzeit. Die einen erzählen sie beim gemütlichen Handarbeitstreff am Kamin mit heißem Tee und Glühwein, andere schreiben die Geschichten auf, um damit jene zu erfreuen, die einfach nur in der warmen Stube etwas Zeitvertreib suchen, wenn draußen dichte Flocken fallen und das Land in der Kälte erstarrt.

Man kann dieses Buch natürlich auch mit einer hübschen Schleife unter den Weihnachtsbaum packen und warten, bis jemand neugierig eine Seite aufschlägt, um die Geschichten heraus zu lassen.

Jana Heidler

Der Weihnachtswunsch

Es war die Nacht vor Heiligabend, und er musste arbeiten. Er liebte seinen Beruf als Bäcker, kam im Allgemeinen sogar gut mit den unvorteilhaften Arbeitszeiten zurecht. Aber so kurz vor Jahresende hatte er keine Lust mehr, jede Nacht alleine in seiner Bäckerei zu verbringen. Er sehnte sich dann immer nach den gemütlichen Stunden mit seiner Familie und seinem behaglich weichen Bett. Wenigstens war es in der Backstube wohlig warm, während sich draußen der Winter austobte. Und es roch stets nach frisch Gebackenem, was ihn allerdings nach all den Jahren völlig kalt ließ.

Wie gewöhnlich schloss er die Haustür auf, aber hinter sich nicht wieder zu. Er dachte, dass bei diesem Wetter sowieso keine lebende Seele draußen sei. Außerdem war er ja da und würde es hören, wenn jemand hereinkäme. Als Erstes schaltete er das Radio an und machte sich anschließend ans Werk. Die Arbeit ging von Anfang an gut voran. Jeder Kuchen gelang einwandfrei. Das Brot und die Brötchen wurden ungemein lecker. Er war eben ein Meister auf seinem Gebiet.

Allerdings ahnte er nicht, dass er seit seiner Ankunft aufmerksam beobachtet wurde: Ein Wintergeist fand Gefallen an dem, was in der Backstube geschah, schaute ihm voller Sehnsucht zu und schlich sich schließlich lautlos in die Bäckerei hinein.

Die Arbeitszeit des Bäckers strich rasch dahin. Bald war es Morgen. Ein zartes Rosa am grauen Horizont kündete vom anstehenden Sonnenaufgang. Da vernahm er das Knarzen der Tür und ein fröhliches „Guten Morgen“. Er lächelte, wusste er doch, dass das Erscheinen seiner Kollegin für ihn den nahenden Feierabend bedeutete.

Aber plötzlich gellte ein markerschütternder Schrei durch das ganze Haus und ließ ihm den Schreck in die Glieder fahren. Sofort warf er seine Arbeit von sich und eilte dem Lärm nach, laut rufend: „Was ist los? Was ist passiert?“

Schließlich erreichte er seine Mitarbeiterin, die wie erstarrt im Flur stand und in einen kleinen Abstellraum starrte. Sie hatte aufgehört, zu schreien. Ihr Gesicht sah dafür aber kalkweiß aus. Ihre Augen waren aufgerissen, und auch ihr Mund stand offen, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Rasch lief er auf sie zu, befürchtete, sie könnte jeden Moment in Ohnmacht fallen. Dabei sprach er mit ihr, erhielt jedoch keinerlei Reaktion, sodass er sich nur selbst überzeugen konnte, was sie derart aus der Fassung brachte.

Als er bei ihr angelangt war, schaute er ebenfalls in den Raum und konnte kaum glauben, was er dort erblickte: In der hintersten Ecke saß jemand, vor Angst zusammengekauert. Zuerst konnte er nicht einmal erkennen, ob es ein Mensch oder ein großes Tier war, aber schnell schälten sich die Umrisse eines sehr schmutzig weißen Mannes heraus. Seine Kleidung war zerschlissen und hing teilweise in Fetzen von ihm herab. Vom Gesicht waren nur die Augen auszumachen, die furchtsam auf den Bäcker gerichtet waren. Der Rest war von verwilderten, frostdurchsetzten Haaren überwuchert. Um den Mann herum lagen ein paar alte Decken, die ebenfalls reifüberzogen schienen. Offenbar war er auf der Suche nach einem Platz zum Aufwärmen und Schlafen in die Bäckerei geraten und hatte sich gedacht, er würde in der Kammer keinem auffallen. Alles in allem sah er sehr erfroren aus, und es glich einem Wunder, dass er überhaupt noch lebte.

Der Bäcker überlegte kurz, was er tun sollte. Mit einem solchen Fund hatte er nicht gerechnet. Zunächst wollte er ihn hinauswerfen. Andererseits tat er ihm leid, denn der Obdachlose wirkte hilflos und krank. Außerdem herrschten draußen Minusgrade. Da konnte er ihn nicht des Hauses verweisen.

Also sprach er ihn in sanften Tonfall an: „Wer bist du? Wieso hast du dich hier hineingeschlichen?“ Die Antwort auf die zweite Frage war zwar offensichtlich, er wollte dennoch die Erklärung des Fremden erfahren.

„Ich ... ich ... bin ... Eddi“, stotterte dieser ängstlich: „Ich ... ich ... war ... so einsam ... da draußen ... und ... und ... hier ... drinnen ... war ... war ... es ... so ... so ... warm ... und ... und ... gemütlich. Und ... und ... ich ... dachte, es ... es ... würde ... niemand ... bemerken, wenn ... ich ... eine ... kurze ... Weile ... hier ... im ... im ... Paradies ... bleiben ... würde.“

Allmählich legte sich der Schrecken bei allen Beteiligten und machte Platz für ein weihnachtliches Gefühl voller Anteilnahme. Auf diese Weise hatten sie ihren Arbeitsplatz noch nie gesehen. Die beiden Arbeitskollegen gaben dem offenkundig hungrigen Obdachlosen Brot, welches er mit viel Genuss verzehrte. Nach einem intensiven, heißen Bad und einer Rasur stellte er sich als durchaus ansehnlicher, junger Mann heraus. Der eisige Charakter verschwand zusehends und machte mehr und mehr inniger Herzenswärme platz. Er liebte seine neue Existenz und wollte diese nicht mehr missen.

Dann kümmerten sie sich um eine längere Bleibe. In dem Haus war tatsächlich noch eine kleine Wohnung frei. Die Miete konnte Eddi mit dem Gehalt begleichen, welches er als helfende Hand in der Bäckerei verdiente. Auf diese Weise war nicht nur sein Weihnachten gerettet.

Im Laufe der Zeit erlernte er das Bäckerhandwerk und wurde zum Besten seines Faches in der ganzen Stadt. Die Menschen liebten seine Backwaren, denn sie hatten einen ganz besonderen Geschmack. Es war fast, als würde die Magie des Winters darin stecken. Doch kein Mensch ahnte, welche Zauberei tatsächlich in ihm schlummerte.

Sina Blackwood

Das Weihnachtswunder

Wir schreiben das Jahr 1418. Auf dem Feld vor der kleinen Kapelle liegt Schnee. Gern möchte ich ihn mit beiden Händen fassen, in die Luft werfen, jauchzen und dazu tanzen, wie es die jungen Leute im Dorf tun.

Doch ich kann es nicht. Ein Fluch hält mich gefangen. Also ziehe ich mich wieder ins Gebälk des kleinen Heiligtums zurück und warte auf Erlösung. Seit 200 langen Jahren.

Nein, ich habe nicht gesündigt. Man tat es mir an, weil ich menschlich war. Menschlich inmitten der Gräueltaten der Schlacht. Wäre ich ein Sünder, dann böte mir auch diese Kapelle keinen Schutz. Sie triebe mich mit der Kraft des geweihten Kreuzes davon.

Ruhe werde ich erst finden, wenn mich ein Mensch sieht, hört und noch dazu bereit ist, mir zu helfen. Aber das wird wohl nie geschehen. Ich bin körperlos und meine Stimme klingt für eure Ohren wie das Flüstern des Windes.

Hierher kommt man auch nur, um rasch ein kurzes Dankgebet zu sprechen, oder um Schutz für den Weg zu bitten. Niemand nimmt sich die Zeit, mein Refugium wirklich in Augenschein zu nehmen und somit vielleicht auch mich, den weißlichen Schemen auf dem Dachbalken, zu entdecken.

An den großen Feiertagen kann ich die Glocke der nahen Dorfkirche hören. Was gäbe ich, könnte ich nur noch ein einziges Mal zu Weihnachten den Orgelklängen und Sängerknaben lauschen!

Ach, ihr wollt wissen, wie es zu dem Fluch kam und wer ihn ausgesprochen hat? Dann vertraue ich meine Geschichte dem Wind an, ihr müsst ihm nur lauschen, um sie hören zu können.

Es war im Spätsommer 1217, als wir dem Aufruf Papst Honorius III. zum Kreuzzug nach Akkon folgten. Fast nur Fußvolk und kaum waffengewandt. Die meisten Ritter standen bereits seit 1209 im Albigenserkreuzzug im Felde. Auf sie konnten wir nicht zählen.

Ich war gerade den Kinderschuhen entwachsen und wollte Abenteuer erleben. Solche, wie man von unserem Burgherrn erzählte, der mit einigen Reichtümern aus der letzten Schlacht gekommen war. Wir schlossen uns Thomas Oliver aus Köln an und überwinterten in Portugal. Alles roch nach Abenteuern in fernen Ländern.

Was werde man nicht alles erzählen können, wenn man wieder zu Hause sei. Dass man irgendwo als Leiche enden konnte, kam uns dabei nicht in den Sinn.

Im April 1218 erreichten wir unter Johann von Brienne die ägyptische Hafenstadt Damiette. Die Belagerung war hart. Es gab unzählige Tote auf beiden Seiten. Trotz der Uneinigkeit unser eigenen Anführer, die sich erbittert stritten, wem die eroberte Stadt gehören solle, nahmen wir sie ein.

Die hiesigen Männer waren meist im Kampf gefallen und wer nicht mehr fliehen konnte oder an Krankheiten litt, wurde getötet oder versklavt. Ich verfolgte eine Gruppe Flüchtlinge, um sie zurückzubringen, weil wir Arbeitssklaven brauchten. Einer blieb immer weiter zurück und ich riss ihn an der Schulter zu Boden, bereit, ihm mit meinem Dolch, die Kehle durchzuschneiden, sollte er sich wehren.

Rabenschwarze Augen schauten mich in Todesangst an und auf den zweiten Blick bemerkte ich, dass es eine junge Frau war, die ein Neugeborenes schützend an sich drückte. Ich zog sie auf die Füße und brachte sie auf einen sicheren Weg außerhalb der Stadt …

Es war nicht unbemerkt geblieben, wie ich erst nach meiner Rückkehr aus dem Heiligen Krieg erfuhr. Mich verfluchte gerade einer jener Männer, die lauthals christliche Nächstenliebe predigten, und dass man seinem Feind verzeihen solle. Es war der Seelsorger unserer kleinen Gemeinde. Ein ehrloser, missgünstiger Mensch, der mehr in sein eigenes Säckel, als das der Kirche, steckte.

Dabei war es nicht mein Tun an sich, sondern seine Gier nach dem Ring, den sie mir zum Dank zugesteckt hatte. Seinetwegen wurde er sogar zum Mörder. Er lauerte mir ein paar Tage vor Weihnachten auf, als ich gerade vom Holzholen aus dem Wald kam.

„Dafür, dass du das Weib hast laufen lassen, sollst du im Höllenfeuer schmoren“, zischte er gehässig, als er mir das Messer in den Rücken stieß.

Er riss den Ring von meinem Hals, den ich stets an einer Kette getragen hatte und niemals ablegte, verscharrte meinen toten Leib gleich hier am Feldrand und rollte Felsbrocken darauf. Meiner Liebsten erzählte er, ich habe sie ohne Gruß verlassen, um wieder ins Gelobte Land zu ziehen.

Am Anfang hat sie um mich getrauert, doch noch schneller aus ihren Gedanken gelöscht.

Wäre ich wirklich ein schlechter Mensch gewesen, hätte mich wohl sein Fluch mit aller Kraft getroffen. So konnte nur meine Seele nicht ins Licht fliegen und wandert seitdem ruhelos zwischen der Stelle, wo er mich verscharrte, und der kleinen Kapelle umher.

Wenn der erste Schnee fällt, glaube ich noch heute, seine Klinge im Rücken zu spüren, obwohl ich keinen Körper habe.

Doch still! Da kommt jemand. Es ist der jetzige Pfarrer. Ein frommer Mann. Aus ganz anderen Holz geschnitzt, als sein Vorfahr, der wohl irgendwann an seiner Gier erstickt ist, als eines natürlichen Todes zu sterben.

Pfarrer Wenzel klopfte den Schnee von seinen Stiefeln, ehe er die kleine Kapelle betrat. Er bekreuzigte sich und zog ein Tuch hervor.

„Morgen ist Heiligabend, da soll es auch hier strahlen“, flüsterte er und putzte das geschnitzte Holzkreuz auf Hochglanz. „So, alles sauber und rein, wie es dem Herrn gefällt.“ Seufzend schaute er sich um. „Dabei ist mir, als ob ich etwas vergessen habe.“ Sein Blick streifte die Stelle, an der sich der einsame Geist fest an den Balken schmiegte.

Er stutzte und schaute genauer hin. Kopfschüttelnd näherte er sich, um sich endgültig zu vergewissern, denn der seltsame helle Nebelschein hatte sich bewegt.

Etwas berührte ihn tief im Inneren. Er glaubte, ein Flüstern zu hören. Dann kam es wie von selbst über seine Lippen: „Hast du Zuflucht vor Eis und Schnee gesucht? Oder ist es anderes, was dich hier hinein gelockt hat?“

Der weiße Schemen schwebte herab und Pfarrer Wenzel konnte einen jungen Mann erkennen, der ihn mit großen Augen musterte.

„Ich bin Wenzel“, stellte er sich ihm vor, als sei es das Normalste auf der Welt, mit einem Geist zu sprechen. Er hoffte nicht auf Antwort. Konnten Geister überhaupt sprechen? Gefährlich sah er nicht aus. Eher verzweifelt, verloren. Eine verlorene, ruhelose Seele?

„Ich bin Vincent“, wisperte es in diesem Augenblick.

„Was tust du hier?“

„Warten, hoffen, bangen – seit unendlich langen 200 Jahren.“

„Wer bist du, dass du dich sogar in einer geweihten Kapelle verstecken kannst?“, fragte der Pfarrer erstaunt.

Vincent berichtete über sein Leben. Auch darüber, dass ihn Wenzels Vorfahr vom Leben zum Tode befördert und wie ein Stück Aas vergraben habe.

„Dann weiß ich, was ich tun muss!“, rief der Pfarrer. „Wärest du bereit, mir zu vertrauen?“

„Ja“, entgegnete Vincent. „Ich habe dich oft hier gesehen und auch, wie du den Feldarbeitern stets mit Rat und Tat geholfen hast, wenn sie am Verzweifeln waren. Tu, was du für das Beste hältst.“

„Ich werde jetzt ins Dorf gehen, ein paar Männer holen, deine sterblichen Überreste bergen und christlich begraben lassen. Dann komme ich hierher und bringe dich in meine Kirche. Morgen ist Heiligabend, an dem das ganze Dorf versammelt sein wird. So es der Herr will, dann wird er mich zur rechten Zeit das Richtige tun lassen.“

„Ich bin bereit“, flüsterte Vincent hoffnungsvoll.

Er schaute Pfarrer Wenzel noch lange nach, der sich sehr beeilte, ins Dorf zu kommen. Zwei Stunden später nahte ein Pferdewagen. Vincent schwebte aufgeregt an der Tür hin und her. Besonders, als der Geistliche zielsicher auf jene Stelle zu schritt, an der vielleicht noch ein paar Knochen zu finden waren.

Der Pfarrer schaute sich nach der Kapelle um und glaubte, ein Nicken gesehen zu haben. Also stemmte er sich gegen den ersten Stein. Die anderen halfen sofort mit.

„Mein Gott! Da liegt ja wirklich ein Skelett!“, wunderte sich einer.

„Bringt den Sarg her! Ich bette den armen Kerl allein hinein!“ Pfarrer Wenzel hob vorsichtig den blanken Totenschädel hoch. Knochen für Knochen folgte. Zuletzt wischte er sich den Lehm von den Händen. „Wartet einen Moment. Ich möchte für die arme Seele beten.“

Rasch betrat er die Kapelle, wo Vincent sehnsüchtig ausharrte. Pfarrer Wenzel blinzelte ihm zu, sprach ein kurzes Gebet und flüsterte: „Schnell, halte dich an meinem Kruzifix auf der Brust fest. Lass um Himmel willen nicht los, bevor wir in der Kirche sind.“

Der erste Weg führte allerdings zum Friedhof, auf dem bereits ein Grab ausgehoben worden war. Vier Männer ließen den Sarg hinab, Wenzel sprach ein Gebet und ließ sofort, nachdem das Grab zugeschüttet worden war, ein schlichtes Holzkreuz aufstellen.

Er zahlte die Helfer aus und betrat durch eine Seitentür den Altarraum. „So, nun kannst du dir ein stilles Plätzchen suchen. Hoffentlich klappt morgen alles, damit du endlich deinen Frieden findest.“

„Danke. Du hast getan, was in deiner Macht stand.“ Vincent huschte zu einer Bank, um stumm und andächtig die Schnitzereien zu betrachten. Damals, als er noch lebte, gab es diese nicht.

Wenzel hatte viel für dieses Gotteshaus getan.

Vincent kniete vor dem Altar nieder, faltete die Hände. „Herr, wenn du mich hören kannst, dann bitte ich dich, Wenzel ein langes glückliches Leben zu schenken.“

Die kleine Sternschnuppe am Abendhimmel konnte er nicht sehen. Aber auch Wenzel sah sie nicht. Der flüsterte gerade: „Herr, erhöre meine Bitte, nimm die Seele dieses armen Menschen zu dir.“

Am nächsten Morgen begann der Schnee, in großen dichten Flocken zu fallen. Aus den Kaminen stieg Rauch auf. Alles wirkte still und friedlich. Vincent schwebte am Fenster, um das Dorf zu betrachten, in dem sich so viel verändert hatte. Wo steckten nur die Menschen?

„Es ist Sonntag“, hörte er Pfarrer Wenzels Stimme hinter sich.

„Oh! Für mich ist seit langer Zeit ein Tag wie der andere.“ Vincent verstand nun, weshalb niemand zu sehen war.

„In ein paar Stunden werden sie hierher kommen, Lieder singen und zu unserem Herrn beten“, erzählte Wenzel. „Vielleicht gelingt es uns, dir zu helfen.“

„Ja, das wäre schön“, seufzte Vincent. „Wenn es anders kommt, bringst du mich ganz einfach wieder in die kleine Kapelle zurück.“

„Dann darfst du gern hier bleiben, wenn du möchtest. Außer mir kann dich keiner sehen und hören. Wen solltest du stören?“

Mit dem Sonnenuntergang trafen die ersten Kirchgänger ein. Die begüterten Bauern trugen große Wachskerzen herbei, die Pfarrer Wenzel auf einer Steinplatte neben dem Altar entzündete. Das Licht spiegelte sich in neugierigen Kinderaugen.

Wenzel erzählte die Weihnachtsgeschichte so spannend, dass sogar die Ältesten andächtig lauschten. Vincent hockte in der Nähe der Kerzen und strahlte über das ganze Gesicht, als wolle er ihnen Konkurrenz machen.

„Lasst uns beten“, sprach Wenzel schließlich. „Bitten wir den Herrn, uns unsere Sünden zu vergeben und verlorenen Seelen, die noch gerettet werden können, einen Weg in sein Himmelreich zu zeigen.“

Alle falteten die Hände. Das Amen war noch nicht einmal verklungen, als ein kleiner Junge über die Kerzen zeigte und „Da! Da! Da fliegt der Heilige Geist!“, rief.

Doch außer dem Kleinen konnte nur Wenzel die Ursache dieses freudigen Ausrufs sehen. Vincent stieg mit einem dankbaren Lächeln, als goldener Lichtschweif zum Himmel auf.

Matthias Albrecht

Das Geschenk der Eisfee

Zu Ururgroßvaters Zeiten gab es noch strenge Winter mit lang anhaltendem Frost und jeder Menge Schnee. Die Menschen waren es gewohnt und klagten nicht, wie wir es heutzutage gern mal tun, wenn wir vor der Fahrt zur Arbeitsstelle noch den Gehweg freifegen und abstumpfen müssen.

Das Leben der Landbevölkerung vor über hundert Jahren war ohnehin kein Zuckerschlecken. Die Arbeit war hart und dauerte nicht selten zwölf bis sechzehn Stunden täglich, denn auch nach Einbruch der Abenddämmerung gab es noch genug zu tun. Im Schein der Öllampen und Kerzen wurden Socken gestopft, Schuhe geflickt, Werkzeuge geschärft und andere Arbeiten verrichtet.