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„Wenn Wurzeln Flügel tragen“ ist ein Hoffnungsbuch für Kinder und ihre Eltern. Es beinhaltet Geschichten, die das Fehlen von wichtigen Familienmitgliedern aufgegriffen haben und mit viel Einfühlungsvermögen und Hoffnung erzählen, dass es immer einen Lichtblick gibt. Wenn wir unsere Kinder auffangen und mit positiven Gedanken umgeben, können sie viel Schutz daraus schöpfen. „Wenn Wurzeln Flügel tragen“ verwandelt Traurigkeit in Hoffnung und vermittelt uns neben Auswegen auch das Wissen darum, dass unsere wunderschöne Welt viel Kraft und Zuversicht in sich trägt. In uns und auch in unserem Leben wird es immer Wege geben, die uns gedanklich oder durch kleine Inseln gemeinsamer Zeit nah beim fehlenden Papa, der abwesenden Mama oder den Großeltern sein lässt.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Tristan Rosenkranz (Hrsg.)
Wenn Wurzeln Flügel tragen
Ein Hoffnungsbuch für Kinder und Eltern
Impressum
© Telescope Verlag
www.telescope-verlag.de
Covergestaltung: Dana Wetzel
Liebe Kinder und Erwachsene, es ist mir nach langer Vorbereitung eine Ehre und Freude, Euch diese Anthologie „Wenn Wurzeln Flügel tragen“ für zahlreiche Lesestunden und Gespräche überreichen zu können.
In diesem Buch handelt es davon, wie sich der Verlust eines wichtigen Familienmitgliedes anfühlt, was Veränderungen oder „leere Stühle“ in der Familie für Kinder bedeuten und dass es immer einen Ausblick geben kann, wenn wir unseren Papa oder Opa, unsere Mama oder Oma nicht mehr so oft oder unter anderen Umständen sehen können.
„Wenn Wurzeln Flügel tragen“ schöpft somit aus der Traurigkeit Hoffnung und vermittelt uns neben Auswegen auch das Wissen darum, dass unsere wunderschöne Welt deutlich mehr an Kraft und Zuversicht in sich trägt, als wir erfassen können. Wenn wir unsere Kinder auffangen und mit positiven Gedanken umgeben, können sie viel Schutz daraus schöpfen.
Dieses Buch entstand als eine der von mir erdachten und umgesetzten Ideen, um das Thema Trennung in Familien künstlerisch aufzugreifen, Gedanken und Fantasien dazu anzuregen und Gespräche zu ermöglichen, dass jedes liebende und verantwortungsvolle Familienmitglied einen Platz in unserem Herzen und Leben verdient.
„Wenn Wurzeln Flügel tragen“ schöpft seine berührenden Geschichten und Verse aus dem Herzblut aller beteiligten Autoren* sowie dem Glauben meines Verlegers Danilo Schreiter an diese Idee. In diesem Zusammenhang verweise ich gern auf die Danksagung im Buch. Besonders freue ich mich, dass mit Emilia Wetzel und Paul (beide 12), Nibras Bischoff (13) und Sarah Prüfer (19) auch vier Kinder und Heranwachsende ihre Fantasie und Gefühle in dieses Buch einfließen ließen.
Das Buchprojekt habe ich als Nachfolgeidee für das 2010 erschienene Erwachsenenbuch „Kinderherz – Familien zwischen Ausgrenzung und Aufbruch“ und als Arbeit für den Verein „Gleichmaß e. V.“ ins Leben gerufen. Meine erwachsenen Leser* möchte ich in diesem Zusammenhang dazu ermuntern, unter dem dazugehörigen Link im Klappentext am Ende des Buches über eine Unterstützung dieser wichtigen Initiative nachzudenken.
Ich wünsche meinen Lesern anregende Lesestunden und Gespräche und würde mich über eine Weiterempfehlung des Buches sehr freuen.
Vielen herzlichen Dank!
Tristan Rosenkranz, Herausgeber
Jori ist jeden Tag einen Tag älter als gestern, er kann trinken, während er einen Handstand macht, und er weiß, wie man mit einer Lupe und einem Stück Papier ein Feuer entfachen kann. Jori weiß nicht alles, aber eine Menge, und wenn er etwas nicht weiß, dann fragt er und sucht nach dem Warum. Jori hat noch jedes Warum gefunden. Und wenn man es findet, löst sich das Warum auf und wird zum Darum.
Als er sich fragt, warum der Himmel blau ist, erklärt ihm sein Vater, dass das weisse Sonnenlicht aus ganz vielen Farben besteht, und wenn es durch die Atmosphäre scheint, welche die Erde umgibt, werden die blauen Teile des Lichts in alle Richtungen verstreut, wodurch eben der Eindruck entsteht, dass der Himmel blau ist.
Als Jori wissen will, warum die Sterne am Himmel nicht immer ruhig leuchten, sondern manchmal funkeln, sagt die Mutter, dass das Licht der Sterne auf dem Weg zu uns in der Atmosphäre von Winden sowie warmen und kalten Strömungen immer wieder abgelenkt wird, was unten auf der Erde als Flimmern wahrgenommen wird.
Die Frage, warum denn die Bananen krumm sind, beantwortet ihm die Grossmutter, und nun weiß auch Jori, dass sie zunächst zum Boden hin wachsen, weil sie von den grossen Bananenblätter verdeckt werden, doch dann, nachdem die Blätter abgefallen sind, ändern die Bananen beim Wachsen die Richtung und strecken sich nach dem Sonnenlicht.
Warum haben die Fische Schuppen? Um sich gegen Verletzungen zu schützen. Warum hat der Käse Löcher? Weil bei der Käseherstellung Kohledioxid entsteht, das sich in Blasen sammelt, die später zu den bekannten Löchern werden. Warum sehen wir zuerst den Blitz und hören erst dann den Donner? Weil das Licht viel schneller unterwegs ist als der Schall. Für jedes Warum, das Jori in den Sinn kommt, finden sein Vater, seine Mutter, die Grossmutter oder der Grossvater eine Antwort.
Eben. Jori hat noch jedes Warum gefunden, damit daraus ein Darum wird. Doch nun steht er ratlos in seinem Zimmer und schaut ganz traurig auf den hellen Holzboden. Natürlich findet er auch dort keine Antwort auf die Frage nach diesem einen Warum, diesem so grossen und fürchterlichen Warum.
Vor einigen Tagen sind sein Vater und seine Mutter in sein Zimmer gekommen, haben ihn ganz traurig angesehen und gesagt, sie müssten mit ihm reden. Dann haben sie Jori erzählt, dass sie sich trennen. Dass der Vater auszieht und Jori bei der Mutter bleibt. Dass er den Vater aber immer sehen kann, wenn er will. Und Jori hat gefragt, warum sie sich trennen. Zuerst ganz leise, dann laut und immer lauter. Irgendwann hat Jori geschrien, und das Warum ist so gross geworden wie die ganze Welt. Doch sein Vater, er hat keine Antwort gewusst. Die Mutter auch nicht. Irgendwann hat Jori die Grossmutter gefragt, doch die hat immer nur geweint.
Die Tage vergehen, und das grosse Warum ist immer da. Jori versteht seine Eltern nicht. Immer wieder fragt er nach dem Warum, doch weder sein Vater noch seine Mutter können dieses Mal eine Antwort geben. Das macht ihn traurig. Dann macht es ihn wütend. Dann wird er wieder traurig, noch trauriger als zuvor. Dann wieder wütend, noch wütender als zuvor.
An einem viel zu warmen und viel zu sonnigen Sonntag sitzt Jori auf der Schaukel vor dem Haus, als Anna auftaucht und sich neben ihn auf die zweite Schaukel setzt. Anna wohnt im Nachbarhaus. Sie ist drei oder vier Jahre älter, aber sie ist ziemlich nett, findet Jori.
„Was ist los?“ fragt Anna, denn sie merkt schnell, wenn jemand traurig oder wütend ist, und Jori ist beides.
„Ich bin traurig und wütend“, sagt Jori leise.
„Das weiß ich. Aber warum bist du traurig und wütend?“
Zuerst will Jori nichts sagen. Er schämt sich irgendwie, und weil er so traurig und wütend ist, glaubt er, dass seine Stimme merkwürdig klingt. Doch dann beginnt er trotzdem zu reden, erzählt von seinen Eltern und vom grossen Warum, zu dem er kein Darum findet.
„Ich verstehe“, sagt Anna, und Jori schüttelt den Kopf.
„Nein, du verstehst bestimmt nicht.“
„Doch, ich verstehe. Meine Eltern sind auch getrennt. Sie sind geschieden. Mein Vater hat jetzt eine neue Frau. Und meine Mutter hat einen Freund.“
„Oh. Und haben sie dir erklärt, warum sie sich trennen?“ will Jori wissen.
„Nein. Oder doch, ja. Irgendwie. Sie haben gesagt, dass sie sich nicht mehr so sehr leiden mögen. Sie haben sehr viel gestritten, immer wieder. Manchmal haben sie sogar das Geschirr kaputt gemacht, weil die Stimmen nicht laut genug waren. Irgendwann ist mein Vater dann ausgezogen. Seither sehen sie sich nur noch selten. Aber dafür streiten sie nicht mehr.“
Jori bewundert Anna, dass sie so ruhig erzählt. „Ist das nicht komisch? Wenn der Vater nicht mehr zu Hause wohnt, meine ich. Und wenn er eine neue Frau hat und die Mutter einen neuen Freund.“
„Das war ja am Anfang noch nicht so. Damals war es viel blöder. Ich habe oft geweint und war wütend auf meine Eltern. Einmal bin ich sogar von zu Hause weggelaufen und habe mich bei einer Freundin im Keller versteckt. Doch sie haben mich gefunden. Ich habe immer wieder gefragt, warum sie das machen. Warum sie sich trennen. Sie haben nie richtig antworten können. Einmal hat meine Mutter aber etwas gesagt. Das war sehr schön.“
„Was denn“, fragt Jori neugierig.
„Sie hat gesagt, dass mein Vater und sie sich nicht mehr lieben. Ich hab dann gefragt, ob sie mich noch lieben. Da hat meine Mutter gesagt, dass sie und auch mein Vater mich gar nicht nicht lieben können. Ich habe nicht sofort verstanden, was sie damit meint, dass sie mich gar nicht nicht lieben können. Sie hat dann lange erklärt, und mittlerweile verstehe ich es. Glaube ich.“
„Was hat sie denn gemeint?“
„Dass sie mich immer lieben werden, ganz egal, was passiert. Und dass sich manche Dinge, die passieren, nicht erklären lassen. Dass es manchmal kein Darum gibt, sondern nur ein grosses Warum.“
„Geht das irgendwann weg, das grosse Warum?“ flüstert Jori und starrt auf seine Füsse.
„Nicht ganz, aber fast. Es wird kleiner mit der Zeit, und es tut nicht mehr so weh. Bist du schon mal hingefallen, dass die Knie bluteten?“ fragt Anna.
„Ja, schon ganz oft.“
„Zuerst blutet es, oder? Dann trocknet das Blut und wird zu Schorf. Irgendwann löst sich der Schorf. Darunter ist frische Haut. Die ist am Anfang ganz dünn und empfindlich. Mit der Zeit wird sie immer dicker. Bis man schliesslich fast nicht mehr sieht, wo die Wunde war.“
Jori nickt, sagt aber nichts. Anna redet weiter. „Mit dem grossen Warum ist es ähnlich. Es braucht Zeit, bis die Wunde heilt. Man kann sie nicht einfach reparieren. Und was man auch tut, man kann sie nicht ungeschehen machen.“
„Ich hätte lieber hundert Mal ein blutiges Knie als dieses grosse Warum“, findet Jori.
Anna nickt. „Ja, ich weiß. Es ist ja auch nicht dasselbe. Wahrscheinlich kann man es einfach nicht erklären.“
Dann sitzen sie da, auf ihren Schaukeln, an diesem viel zu warmen und viel zu sonnigen Sonntag, schauen manchmal auf den Boden und dann wieder hinauf zum wolkenlosen Himmel.
Wir stehen im Treppenhaus vor einer Tür, die genauso aussieht wie unsere Tür. Nur das Schild auf dem der Name steht ist anders. Mama drückt meine Hand. „Sie ist sehr nett“, flüstert sie, als wäre das eine Antwort auf meine Frage, warum ich nicht mitkommen kann.
