Wenn zwei sich streiten - Maeve Haran - E-Book

Wenn zwei sich streiten E-Book

Maeve Haran

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Beschreibung

Wenn zwei sich streiten, freut sich die Liebe …

Scheidungen sind Tess Briens Geschäft. Als Anwältin hat sie täglich mit streitenden Ehepaaren zu tun. So etwas, schwört sie sich, wird ihr nie passieren. Deshalb fällt sie auch aus allen Wolken, als ihr Mann sie eines Tages mit beiden Kindern sitzen lässt. Für die taffe Scheidungsanwältin gibt es da nicht viel zu überlegen: Sie nimmt einen ihrer härtesten Fälle in Angriff und holt zum großen Rettungsschlag aus …

Mit ihren turbulent-witzigen Geschichten über die Liebe, Freundschaft, Familie und die kleinen Tücken des Alltags erobert SPIEGEL-Bestsellerautorin Maeve Haran die Herzen ihrer Leser im Sturm!

»Maeve Haran erweist sich immer wieder als Spezialistin für locker-amüsante Geschichten mit Tiefgang!« Freundin

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Seitenzahl: 908

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Buch

Scheidungen sind Tess Briens Geschäft. Als Anwältin hat sie täglich mit streitenden Ehepaaren zu tun. So etwas, schwört sie sich, wird ihr nie passieren. Deshalb fällt sie auch aus allen Wolken, als ihr Mann sie eines Tages mit beiden Kindern sitzen lässt. Für die taffe Scheidungsanwältin gibt es da nicht viel zu überlegen: Sie nimmt einen ihrer härtesten Fälle in Angriff und holt zum großen Rettungsschlag aus …

Autorin

Maeve Haran hat in Oxford Jura studiert, arbeitete als Journalistin und in der Fernsehbranche, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichte. »Alles ist nicht genug« wurde zu einem weltweiten Bestseller, der in 26 Sprachen übersetzt wurde. Maeve Haran hat drei Kinder und lebt mit ihrem Mann in London.

Von Maeve Haran bereits erschienen

Liebling, vergiss die Socken nicht · Alles ist nicht genug · Wenn zwei sich streiten · Ich fang noch mal von vorne an · Schwanger macht lustig · Und sonntags aufs Land · Scheidungsdiät · Zwei Schwiegermütter und ein Baby · Ein Mann im Heuhaufen · Der Stoff, aus dem die Männer sind · Schokoladenküsse · Mein Mann ist eine Sünde wert · Die beste Zeit unseres Lebens · Das größte Glück meines Lebens · Der schönste Sommer unseres Lebens

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Maeve Haran

Wenn zwei sich streiten

Roman

Deutsch von Kirsten Sonntag

Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel »It Takes Two« bei Michael Joseph, Ltd., London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright dieser Ausgabe © 2020 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright der Originalausgabe © 1994 by Maeve Haran

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 1995 by Wilhelm Goldmann Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Buchgewand Coverdesign | www.buch-gewand.de unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © Vadymvdrobot

DN · Herstellung: sam

ISBN978-3-641-26301-0V001

www.blanvalet.de

1. Kapitel

Stephen Gilfillan liebkoste den Nacken seiner Frau Tess, während sie vor dem Spiegel im Schlafzimmer den letzten Knopf ihres marineblauen Kostüms schloss. Die Kostüme von Karrierefrauen hatten ihn schon immer angemacht. Tess behauptete zwar, sie trage sie, um die Richter nicht in Verlegenheit zu bringen, aber Stephen hatte den dumpfen Verdacht, dass die Richter eher beunruhigt als beruhigt waren, wenn Tess in ihrem strengen Kostüm, mit ihrem roten, weich über die Schultern fallenden Haar und ihren grünblauen, leidenschaftlich funkelnden Augen im Gerichtssaal auftrat; wahrscheinlich fühlten sie sich an ihre verlorene Jugend erinnert.

Bei ihrem bloßen Anblick wurde sein Schwanz hart und schlüpfte voller Vorfreude aus den karierten Boxer-Shorts, die sie ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte.

»Du hast nicht zufällig irgendwo meinen Smoking gesehen?«, fragte er und drehte sie zu sich herum und versuchte, den Knopf, den sie gerade geschlossen hatte, wieder zu öffnen. »Ich brauche ihn heute Abend.«

»Wann hast du ihn eigentlich zum letzten Mal angehabt?«, erkundigte sich Tess mit munterer Stimme, während sie die Demonstration seiner Männlichkeit, die sie eindrucksvoll an ihrem rechten Oberschenkel fühlte, geflissentlich ignorierte.

»Ungefähr neunzehnhundertdreiundsiebzig.« Stephen kannte diese Stimme. Tess war in Macher-Laune … und seine Gelüste hatten keine Aussicht auf Befriedigung. Aber ihr weißer Hals sah so verlockend aus, dass er nicht umhin konnte, ihn ein letztes Mal zu küssen. »Solche Veranstaltungen sind wirklich nicht mein Ding.«

Sie erwiderte sein Lächeln, wobei Stephens gutes Aussehen sie für einen Augenblick ablenkte; sie registrierte sein dunkles, gelocktes Haar, seine Augen, die die Farbe einer ausgewaschenen Jeans hatten, seinen durchtrainierten Körper, der vom letztjährigen Urlaub noch leicht gebräunt war. Er ging auf die vierzig zu und hätte die männlichen Wechseljahre drohend vor Augen haben können, aber er war einwandfrei in Schuss. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich losreißen. »Los, los. Wird Zeit, dass du dich anziehst.« Sie beobachtete, wie seine Erektion sich angesichts ihres mütterlichen Tones verflüchtigte und schob seinen Schwanz sanft, aber bestimmt in die Shorts zurück. »Dein Smoking hängt im Schrank. Ich habe ihn extra reinigen lassen. Sie meinten, er sähe sehr gut aus. Den letzten Smoking haben sie an George Raft gesehen. Und in der obersten Schublade findest du ein sauberes weißes Hemd.« Mit einer gönnerhaften, männlichen Geste gab sie ihm einen Klaps auf den Po. »Und behaupte nicht, ich würde dich nicht verwöhnen!«

»Ich wüsste nicht, was mit meinem Smoking nicht stimmen sollte«, verteidigte sich Stephen. »Mein Vater hat ihn dreißig Jahre lang zu allen großen Anlässen getragen. Und außerdem gibt es bessere Wege, einen Mann zu verwöhnen, als seinen Smoking aus der Reinigung zu holen.« Er startete einen letzten Versuch. »Ich denke da gerade an was Bestimmtes.«

»Nach der Preisverleihung heute Abend«, versprach Tess und drückte liebevoll den Inhalt seiner Boxer-Shorts, »aber natürlich nur, wenn du gewinnst.«

»Ich wette, Sex, geknüpft an Bedingungen, ist ein Scheidungsgrund. Fällt unter seelische Grausamkeit oder so was.«

»Nein, absolut nicht. Ich würde umgekehrt in deinem Fall auf sexuelle Unersättlichkeit klagen. Und ich wette, an einem Freitagmorgen, um acht Uhr dreizehn, würde mir jeder Richter zustimmen. Überlass das Scheidungsrecht also lieber mir, und bleib du bei deinen Werbespots.«

Stephen ließ sich auf der Bettkante nieder und zog seine Socken an. Sie waren ebenfalls kariert und passten zu seiner Unterhose. Aber das wird ohnehin niemand merken, dachte er verdrossen. Eine Locke seines dunklen Haares fiel ihm ins Gesicht. Es war inzwischen schon ziemlich lang geworden, aber Tess fand es so am schönsten. Sie sagte, er sähe damit so romantisch aus. Romantisch, du lieber Himmel. Er kam sich damit eher wie ein Zuhälter vor. Das lag wahrscheinlich auch an seinen Wimpern. Schon immer hatte er lange, verführerische Wimpern gehabt – so wie die Frauen sie liebten. Ganz zu schweigen von dem Schulsprecher seiner früheren Privatschule, der ihm »acht Kastanien«, die höchste Auszeichnung, und eine Empfehlung als Vertrauensschüler in Aussicht gestellt hatte, wenn Stephen sie nur oft genug für ihn klimpern ließ. Stephen hatte sich daraufhin im Box-Training angemeldet.

Romantik war nicht besonders gefragt, sinnierte er, wenn man in der Werbung arbeitete. Er zappte sich durch mehrere Programme, um zu sehen, ob irgendwo sein Waschmaschinen-Spot lief; er fragte sich, ob er heute Abend Chancen hatte zu gewinnen. Er war noch nie für einen Preis nominiert worden, und schon gar nicht für den Golden Apple als bester Artdirector. Er ließ einen Spot für den Sega Megadrive, einen für Super Mario, einen für Mortal Kombat und einen weiteren über sich ergehen, in dem ein grässliches kleines Mädchen aus pinkfarbenen Legosteinen einen Schönheitssalon baute. So klein konnten Kinder gar nicht sein, als dass nicht auch sie von der Werbung geködert wurden. Was hatten die Jesuiten gesagt? Gib mir die ersten sieben Jahre eines Kinderlebens, dann kannst du den Rest behalten. Ganz schön clever, diese Jesuiten. Hätten bestimmt eine tolle Agentur aufziehen können. Iggy Loyola & Company. Die hätten sicher alle einschlägigen Auszeichnungen abgesahnt.

Er stieg in seine unförmige Smokinghose und versuchte, seinen Zynismus zu unterdrücken. Heute war der große Tag, der Tag der Tage, heute musste er vor Aufregung zittern. Wenn er heute Abend den Preis holte, dann hatte er es geschafft. Aber war Werbung wirklich ein Job für einen erwachsenen Mann? Immer derselbe Mist, sagte er zu sich selbst, schüttelte den Kopf und versuchte, die defätistischen Gedanken zu verscheuchen. Glaub nur dieses eine Mal selbst an die ganze Scheiße.

Unten in der Halle bahnte sich Tess einen Weg zwischen Lukes Fahrrad und seinen Rollerblades, wobei ihr Blick auf den Stapel ungeöffneter Briefe fiel, die an Stephen adressiert waren – die meisten davon sicher Rechnungen. Sie öffnete den Reißverschluss des Plastiksacks, den sie an die Garderobe gehängt hatte. Darin waren die Klamotten, die sie extra für diesen Abend gekauft hatte. Der Blazer blitzte ihr in grellem Pink entgegen. Kurz kam ihr der Blick der Verkäuferin in den Sinn, als sie sich für dieses Teil entschieden hatte. Pink?, konnte sie in dem Gesicht des Mädchens lesen, mit Ihrer Haarfarbe? Tess hatte den Blazer trotzdem gekauft. Warum sollten sich Rothaarige mit neunundzwanzig Grüntönen zufriedengeben? Phil, ihre beste Freundin, hatte ihr schon tausendmal empfohlen, eine Farbberaterin zu konsultieren, aber Tess dachte gar nicht daran. Sie hatte keine Lust, wie ein welkes Herbstblatt durch die Gegend zu laufen und sich dann, wenn sie bei Next zu tun hatte, irgendeine bunte Swatch ums Handgelenk zu binden.

Pink war genau das Richtige. Nachdem sie den Reißverschluss wieder zugezogen hatte, drehte sie sich um und stolperte dabei über eine schwarze Tasche voller alter Kleider. Die sollte zu Oxfam, einem Secondhandladen, gebracht werden, aber wie das Leben so spielt, schien die Halle zu ihrem endgültigen Aufenthaltsort geworden zu sein. Tess fiel auf die unterste Treppenstufe, rieb ihr Fußgelenk und fluchte in einer Weise, die die Richter, die sie für ein nettes, liebes Mädchen hielten, zutiefst schockiert hätte.

Was sie brauchte, dachte Tess wütend, war keine Farbberaterin, sondern ein Entrümpelungsexperte. Jemand, der einmal heftig durch ihr Leben fegte und all das aussortierte, was sie nicht mehr brauchte – ohne Rücksicht auf sentimentale Erinnerungen oder die Überlegung, dass man das eine oder andere Stück eines Tages vielleicht doch noch mal brauchen könnte.

Manchmal träumte sie von einem Einbrecher, der bei Nacht und Nebel das Haus völlig ausräumte. Aber sie wusste, wie sich die Sache in Wirklichkeit abspielen würde. Der Dieb würde sich den Fernseher und den Videorecorder unter den Arm klemmen und die alten Zeitungen, die leeren Kassettenhüllen, die seit fünf Jahren nicht mehr getragenen Klamotten, von denen sie sich nie im Leben trennen konnte, zurücklassen – ganz zu schweigen von den seltsamen Plastikteilchen, die erst dann eine Bedeutung bekamen, wenn man sie weggeworfen hatte und urplötzlich lebenswichtig und unersetzlich wurden. Sie unterbrach ihre Gedanken, denn ihr fiel siedend heiß ein, dass sie noch das graue Seidentop brauchte, das sich vermutlich ihre sechzehnjährige Tochter unter den Nagel gerissen hatte. Sie lief die Treppe hinauf und streckte den Kopf in Ellies Zimmer.

Der Boden war verborgen unter einer dicken Schicht Kleider. In einer Ecke stapelten sich zahllose Ausgaben von Company, die Ellie als Schminktisch dienten. Darauf thronte der von Stephen bereits seit Längerem vermisste Rasierspiegel. In der Kaffeetasse neben dem Bett hatten sich schon so viele Penicillin-Pilze gebildet, dass man damit einen gesamten afrikanischen Stamm hätte retten können. Das Fenster stand sperrangelweit offen, und auf der Fensterbank hatte Ellie sorgfältig die schwarzen Springerstiefel drapiert, die sie – vom Badeanzug bis zu ihrem Party-Outfit – zu allem trug.

Die Badezimmertür öffnete sich, und Ellie tauchte im Plärren von Kiss FM auf. Die Luftfeuchtigkeit war höher als im Regenwald des Amazonas, was Tess zutiefst erstaunte, denn bei ihr kam das Wasser nur lauwarm aus den Hähnen.

»Wo ist mein Seidentop geblieben, du elende Tochter?«, fragte Tess.

»Also ehrlich, Mum.« Ellie legte die ganze Abscheu und Empörung an den Tag, die eine Punk-Rockerin nur aufbringen konnte, wenn man sie bezichtigte, sich an Mutters Perlen und Twinset vergangen zu haben. »Wie kommst du auf die Idee, dass ich mir irgendwas von dir ausgeliehen haben könnte?«

Tess merkte, dass sie langsam richtig wütend wurde. »Na wie wohl? Bittere Erfahrung.« Dann entdeckte sie das vermisste Top inmitten des Chaos unter einem kleinen weißen Häkel-Bolero; es erinnerte Tess an die kleinen Spitzendeckchen, die ihre Mutter zu häkeln pflegte. »Und was ist das?«

»Ach, der alte Fetzen.« Ellie zuckte gleichgültig die Schultern, während sie auf das sündhaft teure Designer-Top blickte, das Tess zu Weihnachten von Phil bekommen hatte. »Du willst doch wohl nicht, dass ich unter dem Häkelteil gar nichts trage, oder?«

Tess zog ihr Seidentop aus dem Kleiderberg. Nicht nur, dass es so hoffnungslos zerknittert war, dass wohl auch kein Bügeleisen mehr half, nein, es stank zu allem Übel auch noch entsetzlich nach Patschuli. Na prima. Nun würde sie wie eine Pennerin aussehen und wie ein Blumenkind riechen. Als sie wieder nach unten ging, fand sie Stephen und Luke in stiller Eintracht müsliessend vor dem Videorecorder. Tess schaltete das Gerät aus.

»Hey«, protestierte Stephen, »das war Kindergarten Cop. Mein Lieblingsvideo. Wenn ich schon keinen Sex bekomme, dann lass mich wenigstens ein bisschen Gewalt gucken.«

»Du hast keine Zeit mehr«, erklärte Tess ihm geduldig. »Ich muss jetzt los. Du musst heute die Kinder zur Schule bringen, und außerdem hat Inge ihren Tee noch nicht bekommen.« Noch bevor er protestieren konnte, drückte sie ihm einen Kuss auf seine Locken.

Stephen folgte ihr gereizt in die Küche. »Bitte, korrigier mich, falls ich mich täusche, aber sollte ein Au-pair-Mädchen nicht uns den Tee machen und nicht umgekehrt?«

»Normalerweise schon«, erwiderte Tess, »aber nicht in unserem Fall.«

»Und was ist in unserem Fall anders?«

»Unser Leben hängt von ihr ab.« Tess wusste, dass sie Inge auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren – und wie viele andere berufstätige Mütter war sie bereit, dafür auch mal ein Auge zuzudrücken und gewisse Launen des Au-pair-Mädchens in Kauf zu nehmen. »Weil die vorigen drei reif für das Guinnessbuch der Rekorde waren. Weil wir beide keine Zeit haben, Luke zum Computer-Club, zum Schach-Club und zu all seinen anderen Clubs zu bringen. Weil sie erst nach acht, anstatt zur teuersten Zeit zu Hause anruft. Weil Luke sie abgöttisch liebt. Stephen«, sie zeigte auf den Wasserkessel, »du hast den falschen Tee erwischt. Du weißt doch, dass sie nur Earl Grey trinkt.«

Zehn Minuten später packte Stephen Ellie und Luke in den Wagen, während Inge, die inzwischen aufgestanden war, in einem pastellfarbenen Jogginganzug dekorativ in der Einfahrt stand und ihnen nachwinkte. Dabei hing sie ihrer Lieblingsvorstellung von sich selbst nach: sie als Stephens Frau. Sie wäre ihm, sinnierte sie in Gedanken versunken, eine viel bessere Frau als Tess. Der arme Stephen, so gutaussehend und jugendlich, war mit einer Frau gestraft, die ihn wegen ihres eigenen Jobs vernachlässigte.

Seufzend ging Inge zurück ins Haus. Und jetzt musste sie den Frühstückskram wegräumen. Das Leben als Au-pair-Mädchen war hart.

In der Küche ignorierte sie das sich türmende schmutzige Geschirr und machte sich mit den kleinen Filtertüten, die Tess benutzte, wenn sie eine Dinner-Party gab, erst einmal einen Kaffee. Aus dem Poststapel lugte die neueste Ausgabe von Marie-Claire, adressiert an Mrs Tess Gilfillan, verführerisch hervor. Eine dicke Überschrift auf der Titelseite erregte ihre Aufmerksamkeit: WARUMAUCHTREUEEHEMÄNNERIHREFRAUENBETRÜGEN. Inge ließ sich nieder und öffnete vorsichtig die durchsichtige Plastikhülle. Wenn sie die Zeitschriften gelesen hatte, würde sie sie wieder in die Hülle stecken.

Nachdem sie es sich mit einem Kaffee und der Zeitschrift auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte, fühlte sie sich schon besser.

Tess bahnte sich ihren Weg durch die glanzvolle Menge, die den großen Ballsaal des Grosvenor House Hotels in der Park Lane bevölkerte. Und dabei wurde ihr wieder einmal der himmelweite Unterschied zwischen Stephens Welt und ihrer eigenen bewusst. Unter Juristen wurde man schon als äußerst ausgefallen eingestuft, wenn man andere als die üblichen gedeckten Farben trug. Hier, an diesem Abend, waren so viel Glitter, Flitter und Pailletten vertreten, dass auch dem wagemutigsten Transvestiten noch warm ums Herz wurde. Hier fiel man eher auf, wenn das Dekolleté nicht bis zum Bauchnabel reichte.

Vornehme Zurückhaltung war sicher nicht die Eigenschaft, durch die sich die Werbeleute auszeichneten. Aber unter all diesen Paradiesvögeln befanden sich auch einige ganz andere Exemplare: eher langweilige Gestalten in pastellfarbenen Polyesterabendkleidern – eindeutig als geradewegs aus den Vororten eingeflogene Gattinnen des »Kunden« zu identifizieren –, die sich krampfhaft an ihren Handtaschen festklammerten, als rechneten sie jeden Augenblick damit, sie hinterrücks von einem unflätigen Werbetypen weggerissen zu bekommen. Tess, der klar war, dass sie in ihrem pinkfarbenen Seidenblazer weder der einen noch der anderen Kategorie zuzuordnen war, reckte den Hals, um Stephen ausfindig zu machen.

Vor der Bühne, wo sich eine mittelmäßige, von keinem beachtete Combo abmühte, waren um die hundert Tische aufgestellt. Jede der Top-Agenturen setzte ihre ganze Ehre darein, einen Tisch möglichst weit vorne zu ergattern, und wenn sie nicht einen der begehrten Plätze in den ersten Reihen im Zentrum des Geschehens erhielten, schmollten sie und blieben ganz weg. Stephens Agentur war keine wirkliche Top-Agentur. Aber Stephen gefiel sie, weil sie klein und überschaubar war und außerdem fest in britischer Hand; die meisten großen Agenturen gehörten den durch Abwesenheit glänzenden Herren aus der Madison Avenue, die diese oft bis auf den letzten Tropfen Profit ausquetschten.

»Tess! Hier sind wir!« Tess drehte sich um und sah Stephen, der in dem betagten Smoking seines Vaters einfach umwerfend aussah und mit seinem Chef, Ted, neben einem der Tische in der ersten Reihe stand. Er nahm gerade eine Flasche Champagner aus dem Eiskübel, öffnete sie geschickt und reichte ihr ein Glas.

»Netter Tisch«, bemerkte sie.

Ted grinste Tess breit wie ein Kobold in einem feinen Moss Bros Outfit an. »Die Idioten von CCDO«, CCDO war die augenblicklich heißeste Agentur der Stadt, »haben uns doch einen Riesen angeboten, damit wir mit ihnen den Tisch tauschen, weil sie irgendwo am Ende der Welt sitzen. Wir haben ihnen gesagt, sie sollen ihn sich sonst wohin schieben.« Er lachte laut über seine gelungene Antwort.

»Du siehst toll aus«, murmelte Stephen Tess ins Ohr, als Ted sich umdrehte, um einem seiner größten Rivalen ein Glas Champagner anzubieten. »Pink steht dir ausgezeichnet. Es zeigt, dass du keine Sklavin der konventionellen Farbvorstellungen bist.«

»Du willst sagen, dass es sich mit meinem Haar beißt.«

Stephen grinste.

Sie legte ihre Hand an sein Ohr und flüsterte: »Dieser Tisch muss euch ein Vermögen gekostet haben.«

»Allerdings. Aber für uns steht heute Abend auch eine Menge auf dem Spiel.«

Tess strich eine dunkle Locke beiseite, die ihm über die Augen gefallen war. »Sei nicht zu enttäuscht, wenn du nicht gewinnst.« Sie war sich ihrer Beschützerhaltung bewusst, fast so als wäre er Ellie oder Luke.

»Mach dir keine Sorgen. Ich bin schon ein großer Junge. Die Agentur kann so oder so stolz auf mich sein. Viele neue Aufträge genau zum richtigen Zeitpunkt.« Über ihre Schulter hinweg bemerkte er ein Paar, das geradewegs auf ihn zusteuerte. »Oho«, flüsterte er leise, »da kommt der elende Ehebrecher. Mit seiner Trophäe im Schlepptau.«

Tess drehte sich um und sah Greg auf sie zukommen, bis vor Kurzem noch Phils Ehemann, und im Arm hielt er eine lebendige Barbie-Puppe (ja, sie konnte tatsächlich laufen und sprechen!). Sogar ihr Name klang wie die Erfindung eines Spielzeugherstellers.

»Tess, Stephen«, begrüßte Greg sie strahlend. »Ihr kennt Linzi schon, oder?«

Tess musterte das Mädchen, das die Ehe ihrer besten Freundin zerstört und Dan und Hattie den Vater geraubt hatte. »Ja, natürlich. Hallo, Sindy.«

»Linzi«, korrigierte sie Tess, während sie aus ihrem Plastikgesicht einen stahlharten Blick abfeuerte.

»Ihr seid die Ersten, die unsere Neuigkeit erfahren«, verkündete Greg noch immer strahlend.

In Tess regten sich teuflische Gelüste. »Sag bloß, ihr trennt euch schon wieder?«

Greg schenkte ihr einen vernichtenden Blick, aber Linzi ignorierte die Bemerkung. Sie lächelte glückselig. »Wir bekommen ein Kind. Greg ist ganz aus dem Häuschen.«

Tess fühlte stellvertretend für Phil kalte Wut in sich aufsteigen. Das Mädchen hatte einen widerlich selbstgefälligen Ton am Leib. Was, um alles in der Welt, sollte sie Phil erzählen? Ihre Freundin litt noch immer unter dem Trennungsschmerz, auch wenn die Scheidung schon ein Jahr zurücklag.

»Ach wirklich, Greg? Ich dachte, du hättest schon zwei?«

Stephen warf ihr einen warnenden Blick zu. »Ich glaube, wir setzen uns schon mal. Die gehen langsam alle zu ihren Tischen.«

Greg und Linzi warfen Stephen und Tess eine flüchtige Kusshand zu und bahnten sich ihren Weg durch die glitzernde Menge. »Du hättest nicht so unfreundlich zu sein brauchen«, tadelte Stephen sie sanft.

»Und warum nicht?«, gab Tess patzig zurück. »Es ist doch nicht verkehrt, seiner guten, alten Missbilligung ein bisschen Ausdruck zu verleihen, oder?«

»Wo ist Tess Brien, die große Liberale?«

Tess grinste. »Die verirrt sich manchmal ein bisschen, wenn jemand, den sie mag, betroffen ist.«

Das Ploppen eines Champagnerkorkens nur einige Zentimeter von Tess’ Ohr entfernt brachte eine willkommene Ablenkung, und sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die zahllosen Londoner Werbe-Profis, die sich auf dem Weg zu ihren Tischen mit schrillem Quietschen und Küsschen links, Küsschen rechts, begrüßten. Plötzlich flammten Millionen von Scheinwerfern auf, Musik setzte ein, und Richard Kaye, der bestbezahlte Talkmaster des Landes, erklomm unter tosendem Applaus die Bühne. Tess hatte ganz vergessen, dass die Veranstaltung im Fernsehen übertragen wurde. Sie fragte sich einen Augenblick lang, wen ein solches Spektakel wohl interessierte, doch dann fiel ihr ein, dass viele lieber Werbung sahen als die Programme.

Während die Spannung in der folgenden Stunde den Schweiß auch in die Achselhöhle unter dem teuersten Smoking trieb, beobachtete Tess, wie die versammelte Crème de la Crème der Werbebranche wartete und hoffte. Heute Abend einen Preis zu gewinnen, bedeutete sowohl einen ungeheuren Zuwachs an Prestige als auch einige gewaltige Schritte auf der Karriereleiter. In der Werbung bedeutete Image einfach alles. Eine Agentur, die heute noch »top« war, konnte morgen schon auf der Abschussliste stehen; das tägliche Geschäft bestand darin, Verträge über Millionenetats zu gewinnen oder zu verlieren.

Tess musste zugeben, dass die Clips ganz unterhaltsam waren. Humor war eine Eigenschaft, die die Engländer schon immer auszeichnete – obgleich ein oder zwei Spots so bizarr waren, dass sie sich fragte, was die Werbe-Typen zum Entstehungszeitpunkt wohl gerade eingeworfen hatten.

Und schließlich war Stephens Kategorie an der Reihe.

»Und nun«, setzte Richard Kaye mit ehrfurchtsvoller Stimme an, »kommen wir zu einem der wichtigsten Preise des Abends – zur Ehrung des besten Artdirectors. Es liegen vier Nominierungen vor.« Auf der riesigen Leinwand über ihren Köpfen lief ein Clip ab. »Erstens: Capel, Kramm, Robinson für ihre gefeierte Kampagne für Silvertip Filterzigaretten.«

Tess ertappte sich bei dem Gedanken – allerdings eher aus niedrigen Beweggründen, da sie selbst das Rauchen erst vor wenigen Jahren aufgegeben hatte –, dass es in den heutigen Zeiten des wachsenden Gesundheitsbewusstseins nicht angehen konnte, eine Zigarettenwerbung mit dem ersten Preis auszuzeichnen. Auf der anderen Seite, wie sie wohl wusste, betrachtete sich die Werbebranche kaum als Hüter der öffentlichen Gesundheit.

In den großen Saal war langsam Ruhe eingekehrt – die Anwesenden waren sich der weihevollen Natur der Angelegenheit bewusst geworden. Tess lächelte.

»Und als nächste: Butcher, Collins, Beckstein für Envy Jeans.« Vom Tisch der BCB-Agentur hörte man lautes Grölen und Johlen; sie wussten, dass sie ihre Sache – mit Hilfe eines erstklassigen Regisseurs und einem Budget, mit dem man in Hollywood einen Film hätte drehen können – ausgezeichnet gemacht und ihr Produkt zum Marktführer hochkatapultiert hatten.

Der Clip zeigte eine auf Bardot gestylte Blondine, die in einem dem Ritz ähnelnden Hotel die Jeans eines jungen Typen aufknöpfte. Der Spot stoppte knapp vor der Grenze zum Porno. Selbst Richard Kaye wirkte etwas verwirrt, als er mit seiner Ansage fortfuhr.

»Der dritte Clip stammt von Maxwell-Decourcey für British Water.« Der Ansage für den Spot des kürzlich privatisierten Wasserversorgungsunternehmens folgten Applaus und Jubel, und diesem folgte ein Spot, der den Verbrauchern klarmachen sollte, dass sie ab jetzt für etwas, das sie bislang umsonst, oder jedenfalls beinahe umsonst bekommen hatten, zahlen mussten – und zwar nicht zu knapp.

Tess rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und sah zu Stephen hinüber. Als Erwiderung hob er leicht eine Augenbraue und blickte sich dann in dem Saal um – zahllose gespannte Gesichter starrten auf die Bühne. Wie viel Geld und Kreativität war in diese Dreißig-Sekunden-Mini-Epen geflossen? Aber welchen Unterschied machte das schon? Die meisten Verbraucher würden sich nicht mal mehr an die Namen der Produkte erinnern.

Und dann war sein eigener Spot an der Reihe. Richard Kaye kündigte den letzten Titelaspiranten an – den Clip der D Agency für den Ultron-X-Wasch-Trocken-Automat, der mit einem Zehntel des den Konkurrenten zur Verfügung stehenden Budgets gedreht worden war. Der Spot, der nun über die gigantische Leinwand flimmerte, zeigte drei Seehunde, die sich über die Vor- und Nachteile des Ultron-X-Wasch-Trocken-Automaten unterhielten. Das Ganze war sehr witzig und schlagfertig – die Dialoge waren den possierlichen Tierchen sekundenbruchteilgenau in die Schnauze gelegt worden – und obwohl die Aufnahmen ein einziger Albtraum gewesen waren und er den Spot schon mindestens tausendmal gesehen hatte, musste er immer wieder lachen.

Trotz seines Zynismus spürte Stephen, wie die Atmosphäre auch auf ihn übersprang. Den Preis zu gewinnen und damit die größten Rivalen zu überflügeln, wäre großartig. Wenn auch – in Anbetracht der übermächtigen Konkurrenz – äußerst unwahrscheinlich.

»Und der Gewinner ist …« Richard Kaye legte eine bedeutungsvolle Pause ein, als würde er die Miss World ankündigen, dann lächelte er direkt in die Objektive der Kameras, um die Spannung auf den großen Augenblick noch weiter zu steigern, »Stephen Gilfillan von D Agency für den Ultron-X-Wasch-Trocken-Automat!«

In einem Sturm der Begeisterung stieg Stephen auf die Bühne, um seinen Preis in Empfang zu nehmen. Auf dem Weg zurück zu seinem Tisch küsste ihn der Geschäftsführer von Ultron, ein schüchterner Mann aus Wolverhampton, mit der Begeisterung eines Dickie Attenborough auf beide Wangen. Ted schüttelte seine Hand wie einen Pumpenschwengel. Freunde, Kunden und zukünftige Kunden kamen herbeigeströmt, um ihn auf die Schulter zu klopfen. Nur am Tisch von Envy Jeans murrten die Verantwortlichen von Butcher, Collins und Beckstein unzufrieden. Auch sie wussten, was Stephens Spot im Vergleich zu ihrem gekostet hatte. Der Präsident beugte sich zum Vizepräsidenten hinüber. »Widerlich, wie Stephen Gilfillan sich über die Branche mokiert, was?«

»Kann man wohl sagen«, pflichtete der andere bei. »Die Preise sollten an Leute gehen, die wirklich an die Werbung glauben, die sie machen.« Er lächelte. »Oder wenigstens ihre Klappe halten.«

Ein paar Meter entfernt grinste Stephens Freund Greg leise vor sich hin. Stephen würde heute Abend sicherlich ein paar Stufen hochfallen. Aber das machte ihm, Greg, nichts aus. Jede Branche brauchte ihr Enfant terrible, jemanden, der ein Gewissen hatte, sodass der ganze Rest keines mehr brauchte und sich einen feuchten Kehricht um Gewissensfragen scheren musste.

»Du hast es geschafft!«, schrie Tess begeistert. »Du hast es wirklich geschafft!«

»Willst du damit sagen, dass nicht mal meine eigene Frau daran geglaubt hat?«

Tess lachte, während ein Fotograf von Campaign ohne Unterbrechung ein Dutzend Mal auf den Auslöser drückte und ein Reporter von Marketing Week wissen wollte, wie man sich fühlte, wenn man als krasser Außenseiter den begehrten Preis gewann.

Und dann war alles vorbei. Alle Toasts waren ausgebracht, alle Champagnerflaschen geleert, und sie ließen sich in die Polster des mühsam ergatterten Taxis fallen, um wenig später, nachdem das Taxi von der King’s Road, allerdings am falschen Ende, abgebogen war, vor ihrem Haus auszusteigen.

In der Halle stolperte Tess wieder über die schwarze Tasche mit den ausrangierten Klamotten, aber anstelle zu fluchen kicherte sie diesmal nur. In der Küche zog sie Stephen an sich und küsste ihn. Sie platzte fast vor Stolz. »Wie wär’s mit einem Absacker für den siegreichen Helden? Ein Brandy? Oder lieber ein Whisky?«

»Ovomaltine«, erwiderte er standfest.

Sie lachte. Ein dunkles Lachen voll sexueller Verheißung.

»Das ist das Schöne am Verheiratetsein.« Stephen beobachtete sie, während sie den Milchtopf aus dem Schrank holte. »Man darf die Wahrheit sagen. Ovomaltine anstelle von Whisky.«

Tess schüttete Milch in den Topf und sah ihn dann herausfordernd an. »Na, Superstar, wie fühlt man sich als der Top-Werbemann der ganzen Stadt?«

»Komm her und find’s selbst raus.« Tess sah das Glitzern der Erregung in seinen halb geschlossenen Augen, während er langsam ihren pinkfarbenen Seidenblazer aufknöpfte, und diesmal ließ sie ihn machen. »Ich pfeif auf die Ovomaltine.«

In den folgenden Monaten sollte sich Tess immer wieder an diese Nacht erinnern und krampfhaft nach Hinweisen suchen, nach einem Zeichen, nach einem Anhaltspunkt, nach irgendetwas, das darauf hindeutete, was mit ihrer Ehe geschehen würde. Aber da war noch nichts. Noch nicht.

2. Kapitel

»Glückwunsch, Dad!« Beim Frühstück am nächsten Morgen umarmte Ellie ihren Vater und drückte ihm einen geräuschvollen Kuss auf die Wange.

»Herzlichen Glückwunsch, Stephen«, schloss sich Inge bewundernd an. »Das ist wie ein Oscar, nicht wahr?«

»Na ja, ein bisschen«, räumte Stephen bescheiden ein.

Luke blickte von seiner Wrestling-Zeitschrift auf. »Dad, ich frag mich schon die ganze Zeit …«

»Ja?« Beim Anblick des ernsten Gesichts seines zwölfjährigen Sohns musste Stephen lächeln.

»… wozu ist Werbung eigentlich da, Dad?«

Stephen lachte. »Frag mich was Leichteres. Ist nur mein Job.«

Seine Antwort überraschte Tess. In seiner Stimme lag ein Anflug von Sarkasmus und Abwehr, den sie an diesem Tag, dem wichtigsten in seiner gesamten Karriere, nicht erwartet hätte.

Sie beugte sich vor und fuhr ihm durchs Haar, dann stand sie auf und machte sich auf die Suche nach ihrer Aktentasche. Sie verließ normalerweise als Erste das Haus, außer wenn sie Ellie und Luke zur Schule bringen musste. Aber meistens tat Inge das.

»Mum, dürfen Lil und Penny heute Abend kommen?«, fragte Ellie; sie sprach von ihren beiden furchterregend coolen besten Freundinnen.

»Nur wenn ich bis dahin eine Anstandsdame habe«, schaltete sich Stephen ein. »Die beiden sind absolut schamlos.«

Ellie kicherte. »Sie finden dich halt geil, das ist alles.«

»Beruht jedenfalls nicht auf Gegenseitigkeit. Sie erschrecken mich jedes Mal zu Tode. Sie sind richtige Amazonen. Und an allem ist nur das Vollkornbrot und die Sonnenblumenmargarine schuld. Haben die beiden eigentlich noch nie was von Lolita gehört?«

»Aber natürlich«, erwiderte Ellie, »die beiden kommen gleich nach ihr. Außerdem ist es deine eigene Schuld.«

»Meine Schuld?« Verwirrt sah er seine Tochter an. »Wie kann das meine Schuld sein?«

»Du siehst eben nicht aus wie die anderen Väter.« Sie erhob sich und klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter. »Aber mach dir nichts draus, bald bist du alt und kahlköpfig.«

»Oh, vielen Dank.« Stephen gab ihr einen liebevollen Klaps. »Ich bin froh, dass ich mich in meinem Leben noch auf etwas freuen kann.«

»Soll ich dich bis zur U-Bahn mitnehmen?«, schaltete sich Tess ein, die meinte, ihm zu Hilfe kommen zu müssen. Noch bevor Tess die Haustür erreicht hatte, klingelte das Telefon in der Halle. Tess nahm ab; es war ihre Mutter.

»Hallo, Mum.« Sie warf einen Blick auf die Uhr und verdrehte die Augen. Ihre Mutter hatte die Angewohnheit, immer im unpassendsten Augenblick anzurufen, und wenn Tess dann kurz angebunden war, war sie tödlich beleidigt.

Stephen grinste ihr schadenfroh zu und formte mit den Lippen die Worte »Ich gehe«. Dymphna, Tess’ Mutter, war nur schwer zu stoppen, wenn sie einmal jemanden an der Strippe hatte.

»Was ist los bei euch in London?«, fragte Dymphna. »Offensichtlich eine ganze Menge, denn du hast dich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gemeldet.« Tess antwortete mit einem Seufzen. Es war erstaunlich, wie Dymphna es schaffte, schon im ersten Satz ihrer Missbilligung über Tess’ Weggang von Liverpool und ihr turbulentes Leben in London Ausdruck zu verleihen.

Ihre Mutter hatte nie verstanden, weshalb Tess ihre Heimatstadt verlassen hatte, wo doch ihre vier Schwestern ganz in der Nähe geblieben waren und Dymphna permanent mit seifenopernreifen Krisen und Katastrophen versorgten, in denen sie die Oberwahrsagerin und Chefberaterin spielte, eine Rolle, in der sie voll und ganz aufging. Und Tess musste zugeben, dass Dymphna ihre Sache ausgezeichnet machte; sie war immer zur Stelle, konnte innerhalb weniger Sekunden an ihrem voluminösen Busen jedes noch so laut schreiende Baby in den Schlaf wiegen, die Küche ihres Hauses war Anlaufstelle für jedermann, ständig tummelten sich dort Nachbarn und Freunde, immer gab es frischen Kaffee, während der neueste Klatsch ausgetauscht und die wildesten Schauergeschichten erzählt wurden, die Tess alle Haare zu Berge stehen ließen.

Aber Tess brauchte Freiraum für ihre eigenen Gehversuche. Den ersten Krach hatte es gegeben, als sie beschloss, in London und nicht in Liverpool zu studieren. »Sie werden sich über deinen Akzent lustig machen«, lautete Dymphnas unheilvolle Warnung.

Und tatsächlich hatte Tess den einen oder anderen Snob getroffen, der die Nase rümpfte, sobald sie den Mund aufmachte. Also hatte sie eines Tages beschlossen, ihren Akzent abzulegen. Und das tat sie auch. Sehr zum Missfallen ihrer Mutter.

Tess hielt es für besser, das Thema zu wechseln. »Hast du Stephen gestern Abend im Fernsehen gesehen?« Ihre Mutter hatte Stephen vom ersten Augenblick an gemocht, und das trotz der Tatsache, dass er aus besseren Kreisen stammte; Dymphna übersah dieses Manko geflissentlich, denn schließlich bildete er sich nichts darauf ein. »Er hat einen Preis für die Werbung mit den Seehunden gewonnen.«

Dymphna lachte glucksend. Zwar hielt sie überhaupt nichts von Werbung, weil sie ihrer Meinung nach die Menschen dazu verleitete, Dinge haben zu wollen, die sie sich weder leisten konnten noch brauchten, aber der Seehund-Spot gefiel ihr. »Breda hat’s gesehen«, sagte sie. »Und sie hatte nichts Besseres zu tun, als in der Klinik gleich allen auf die Nase zu binden, dass das ihr toller Schwager sei.«

Es hatte Tess schon immer gewundert, dass es ihre Mutter, eine überzeugte Katholikin, nicht im Geringsten störte, dass ihre älteste Tochter Breda in einer Klinik für Familienplanung arbeitete und Unmengen von Verhütungsmitteln unters Volk brachte. Aber Dymphna war der festen Überzeugung, dass sie einen ganz direkten Draht zu Gott hatte, der an Johannes Paul II. und seinen päpstlichen Sprüchen vorbeiführte. »Der ist auch nur ein Mann«, pflegte Dymphna zu sagen, »und was wissen Männer schon vom schwanger werden?« Der einzige Punkt, in dem sie mit Seiner Heiligkeit übereinstimmte, war das Thema Scheidung. Ein weiterer Grund, weshalb sie Tess’ Berufstätigkeit missbilligte.

»Und was habt ihr von dem Preis?«, fragte ihre Mutter, die immer an der praktischen Seite der Dinge interessiert war.

»Er bekommt möglicherweise mehr Geld.«

»Und wozu braucht ihr mehr Geld?« Tess hatte es bislang noch nicht geschafft, ihrer Mutter klarzumachen, dass sie in der engagierten, politisch links orientierten Anwaltskanzlei wesentlich weniger verdiente, als Dymphna sich vorstellte, und dass Stephen für eine kleine Agentur arbeitete und meilenweit entfernt war vom Kokain- und Kabrio-Lebensstil, den Dymphna für sämtliche Werbeleute als gegeben annahm.

»Ihr macht euch viel zu viele Gedanken um das Geld«, bemerkte ihre Mutter. »Wir sind doch auch immer über die Runden gekommen, mit fünf Kindern, und dein Vater, Gott hab ihn selig, hatte nicht immer einen Job.«

Tess lächelte säuerlich. Der Grund, weshalb ihr Vater, Gott hab ihn selig, öfter mal ohne Job dastand, lag in seinen ausgedehnten Sauftouren und seiner ausgesprochenen Wettleidenschaft; er zog nachts mit seinen Kumpels durch die Kneipen und verbrachte viele Tage im Wettbüro. Trotzdem waren sie nicht arm im eigentlichen Sinn gewesen, denn wenn er mal arbeitete, hatte er immer gute Jobs. Es hätte jedenfalls schlimmer sein können. Das, womit Tess nie zurechtgekommen war, war die ständige Ungewissheit gewesen. Nie zu wissen, ob sie das Essensgeld für die Schule bekam, ob sie an der Klassenfahrt teilnehmen konnte, ob es für die Geburtstagsfeier reichte, zu der sie ein paar Freunde einladen wollte. Normalerweise hatte sie immer alles im Vorfeld abgelehnt; so kam sie wenigstens nicht in die Verlegenheit, Ausreden erfinden zu müssen, wenn das Geld dann am Ende doch nicht langte. Aber eines hatte sie sich geschworen: Ihren eigenen Kindern sollte das nicht passieren.

»Wenn ihr so dringend Geld braucht, warum schießt euch dann Stephens selbstsüchtiger Vater nichts zu? Der ist doch reich wie ein Krösus, der elende Geizkragen.« Tess wusste sehr genau, dass ihre Mutter insgeheim eine Schwäche für Stephens Vater Julius hatte, seitdem er sie bei der Hochzeit mit Geschichten aus seiner bohemienhaften Jugendzeit unterhalten und ihr ein paar Gläschen Sherry zu viel eingeflößt hatte.

»Stephen würde ihn nie um Geld bitten. Du weißt doch, wie die Dinge zwischen den beiden stehen.« Sie winkte Ellie und Luke zum Abschied, die sich von Inge nur widerstrebend aus dem Haus treiben ließen, und bereitete sich seelisch darauf vor, das Gespräch zu beenden und sich hinterher nicht schuldig zu fühlen.

»Hör, Mum, ich muss jetzt wirklich gehen. Das Gespräch hat sicher schon ein Vermögen gekostet.«

»Ich weiß, ich weiß, und das bei meiner kleinen Rente.« Dymphna überging geflissentlich, dass Tess ihre Telefonrechnungen bezahlte. »Umarm meinen Schwiegersohn von mir und sag ihm, dass er ein kluger Bursche ist.«

Schließlich legte Tess auf; dabei bemerkte sie wieder einmal, dass sich hinter dem Garderobenständer die terrakottafarbene Tapete löste. Schon acht Jahre wohnten sie hier, und nie hatte das Geld gelangt, um einen Tapezierer kommen zu lassen. Natürlich hätten sie die Halle auch selbst tapezieren können, aber das eine Zimmer, in dem sie schon einmal die Tapeten von den Wänden gerissen hatten, war beinahe ein Jahr lang in diesem Zustand geblieben, weil sie beide immer zu beschäftigt gewesen waren.

Vielleicht hatte ihre Mutter ja recht. Vielleicht machten sie sich wirklich zu viele Gedanken um das Geld. Aber immerhin bekam Stephen möglicherweise bald eine Gehaltserhöhung, und Will Kingsmill, ihr Chef, hatte ihr die nächste frei werdende Stelle als Partner in der Sozietät versprochen. In einem Anflug von Optimismus riss Tess einen breiten Streifen Tapete herunter. Das wollte sie schon seit Jahren tun.

Fröhlich vor sich hin summend griff sie nach ihrer Aktentasche und verließ das Haus.

Ebenfalls gut gelaunt lief Stephen die Rolltreppenstufen der U-Bahn-Station Tottenham Court Road hoch. Ein bisschen Bewegung konnte nicht schaden.

Auf dem Soho Square begrüßte ihn der Penner wie jeden Morgen mit einem breiten Grinsen.

»Morgen, Sir.« Der Mann zeigte auf die Märzsonne, die am Himmel stand. »Schön, am Leben zu sein. Hätten Sie vielleicht ein Pfund für einen kleinen Whisky, Sir?«

Stephen gefiel die Offenheit des Mannes. Er erzählte wenigstens nicht die üblichen Geschichten von einer Tasse Tee oder ähnlich dummes Zeug. Stephen kramte in seiner Hosentasche und förderte fünfzig Pence zutage. Die fehlenden fünfzig würde er ein anderes Mal bekommen.

»Danke, Sir. Schönen Tag noch, Sir.«

Stephen verabschiedete sich mit einem Winken, und als er durch die Schwingtüren der D Agency trat, lächelte er immer noch. Wie so oft dachte er, dass ihm das Büro gefiel. Die Räume waren jedenfalls sehr viel freundlicher und ansprechender als die der meisten größeren, renommierteren Agenturen.

»Herzlichen Glückwunsch, Mister Gilfillan«, begrüßte ihn der Wachmann und kam angestürzt, um den Aufzug herbeizurufen, noch bevor Stephen die Hand nach dem Knopf ausstrecken konnte.

»Eine Ehre für die ganze Agentur.«

»Danke, George.«

Die Empfangsdame, eine Frau mittleren Alters, ignorierte die lange Schlange Besucher, fasste sich rückversichernd an ihre Frisur und rief dann über die Köpfe der Wartenden hinweg: »Fantastisch, Stephen, wirklich großartig. Wir haben es alle gesehen.« Und während sie die Besucherausweise ausstellte, entschied sie, dass sie auch für Stephen gestimmt hätte, wenn nicht der beste Werbespot, sondern der best aussehendste Mann gewählt worden wäre. Männer mit Locken und blauen Augen hatten ihr schon immer gefallen. Ein richtiger irischer Charmeur, obgleich er nur zur Hälfte irischen Ursprungs und in London aufgewachsen war. Aber es lag ihm im Blut. Sie liebte die Kelten. Sie hatten eine Seele. Ganz im Gegensatz zu den steifen, verklemmten Engländern. Und als sie den letzten Ausweis in die Plastikhülle schob, ertappte sie sich dabei, wie sie die Melodie von »The Wild Rover« summte.

Im dritten Stockwerk stand Teds Sekretärin wartend vor seiner Bürotür. »Nun«, sagte sie. »Seine Königliche Niederheit ist heute bester Laune. Dank der Auszeichnung – natürlich.« Lächelnd schloss Stephen die Tür zu seinem Büro auf. Heute Morgen schienen alle guter Laune zu sein. »Sie sollen gleich zu ihm kommen. Ich glaube, er hat Ihnen was Erfreuliches zu sagen.«

Tess eilte die Stufen zur Kanzlei hinauf; das Gebäude lag etwas versteckt am äußersten Ende von Paddington zwischen einem Wohnblock mit Sozialwohnungen aus den Fünfzigern und viktorianischen Reihenhäuschen, von denen der Putz abblätterte. Als sie in die Halle trat, schlug ihr Herz höher; sie liebte ihre Arbeit. Und manchmal hatte sie tatsächlich das Gefühl, anderen Menschen helfen zu können.

Im Gegensatz zu dem schäbigen Äußeren des Gebäudes war die Kanzlei erstaunlich elegant – sie hatte gerade eine Renovierung hinter sich. Davor hatten die Büros – ausgestattet mit abgetretenen olivgrünen Teppichen und Postern, auf denen linke Parolen zu lesen waren – eher wie die Geschäftsräume einer linksgerichteten Partei oder einer Dritte-Welt-Organisation ausgesehen. Aber all das war der frischen Eleganz zum Opfer gefallen, die dem kommerziellen Geist der neuen Zeit huldigte. Die Büroetage war durch fliederfarbene Trennwände neu aufgeteilt und das alte Mobiliar durch moderne Konstruktionselemente ersetzt worden. Die abgegriffenen Intellektuellen-Zeitschriften in den Wartezimmern der Anwälte waren neuen Hochglanzmagazinen gewichen. Außer in Tess’ Warteraum. Da sie auf Familienrecht spezialisiert war, hatte sie der schleichenden Versnobung die Stirn geboten und nach der Umgestaltung auf ihren alten bunten Kisten mit dem Kinderspielzeug und den zerlesenen Bilderbüchern sowie dem ramponierten Schaukelpferd, dem ein Ohr fehlte und das früher Ellie und Luke gehört hatte, bestanden. Vor ihrem Büro sah es mehr wie in einer Kinderarztpraxis als in einer Anwaltskanzlei aus – und genauso gefiel es Tess.

Kaum war sie angekommen – dank des Anrufs ihrer Mutter eine Viertelstunde später als sonst – überfiel sie auch schon ihre Sekretärin Jacqui mit einer Tasse Kaffee in der einen Hand und einem Stapel Aktenordnern in der anderen.

»Regen Sie sich nicht auf«, bemerkte Jacqui mit besänftigender Stimme, »das ist nur der Stapel für vormittags. Der Nachmittagsberg ist noch höher.«

Tess schenkte der attraktiven Schwarzen ein resigniertes Lächeln. Sie arbeitete außergewöhnlich effizient und war – das wusste Tess aus Erfahrung – um einiges intelligenter als die meisten Referendare.

»Jacqui?«

»Ja?«

»Warum geben Sie Ihren Sekretariatsjob nicht auf und studieren Jura? Sie wissen jetzt schon mehr als das Doppelte von dem, was eine Anwaltsgehilfin braucht.«

Jacqui antwortete mit einem Lachen. Diese Unterhaltung führten sie nicht zum ersten Mal.

»Soll ich eine Scheidungsexpertin werden wie Sie?« Sie deutete auf den schwindelerregend hohen Aktenberg, den Tess tagsüber abzuarbeiten hatte. »Oh, nein! Ich arbeite, um zu leben und nicht umgekehrt.« Sie schlug Tess’ Terminkalender auf – ein Termin nach dem anderen bis sechs Uhr abends. »Und nach der Arbeit will ich abschalten können und meinen Spaß haben.«

Tess zuckte mit den Achseln. »Okay, Sie haben gewonnen.«

»Soll ich die ersten reinschicken?«, fragte Jacqui, während sie Tess eine Akte reichte.

Janice Brown. Eine junge Mutter aus dem Wohnblock nebenan, die sich von ihrem Mann scheiden lassen wollte, weil dieser die Angewohnheit hatte, Frauenkleider zu tragen und sie zu verprügeln. Als die Polizei an der Haustür geklingelt und nach Mr Ivor Brown gefragt hatte, war den verdutzten Beamten von einer seltsamen Gestalt in schwarzem Ledermini und Strassohrringen erklärt worden, sie sei Mr Ivor Brown. Kam Tess alles ziemlich sonderbar vor. Der einzige Weg, mit den zum Teil bizarren Geschichten umzugehen, mit denen ihre Klienten sie konfrontierten, war, ab und an laut und herzlich zu lachen.

»Übrigens«, bemerkte Jacqui, als sie schon die Tür öffnete, um Tess’ erste Mandantin hereinzurufen, »Patricia Greene möchte nachher mit Ihnen sprechen.«

Tess zog eine Grimasse. Patricia Greene war Tess’ Rivalin bei Kingsmill. Sie war Expertin in Sachen Steuern und brachte der Kanzlei weit mehr Umsatz als Tess. Obgleich sie immer wieder betonte, nichts gegen die Unterprivilegierten zu haben, hatte Tess den Verdacht, dass sie sie verabscheute, weil sie ein ziemliches Durcheinander im Wartezimmer anrichteten. Und das war schlecht für das neue Image.

»Stephen, Stevie, kommen Sie doch rein.« Teds kleiner gedrungener Körper konnte kaum die ganze Energie im Zaum halten, vor der der Mann sprühte. Wie ein durchgedrehtes Känguru sprang er von einem Ort zum nächsten. »Raten Sie mal, wer mich heute früh als Erster angerufen hat? Sie erraten es nie!« Stephen bewunderte Teds einmalige Fähigkeit, gleichzeitig frohlockend und verschwörerisch dreinzuschauen. »Worldwide Motors! Sie wollen, dass wir für sie eine Werbekampagne ausarbeiten.«

Stephen zog eine Augenbraue hoch. Worldwide Motors war einer der größten US-amerikanischen Automobilhersteller – ein richtig dicker Fisch. »Ich dachte immer, Worldwide wäre mit CKR ganz zufrieden.«

»Waren sie auch – bis gestern Abend. Da haben sie nämlich dieses widerliche – und irrsinnig teure – Zigarettendrama neben Ihrer Waschmaschinenkomödie gesehen. Und wenn Sie so was mit einer Waschmaschine auf die Beine stellen, wieso nicht auch mit ihrem neuesten Modell?«

»Sie wollen also, dass wir ihr neues Modell am Markt einführen?«

Ted grinste so breit, dass Stephen glaubte, sein Gesicht würde jeden Augenblick platzen. »Das ist der größte Fisch, den wir seit Jahren an Land gezogen haben. Ein Etat von vier Millionen. Zwei davon allein für Fernsehspots. Jetzt müssen wir ihnen nur noch zeigen, dass neben den netten kleinen Seehunden noch viel mehr geniale Ideen schlummern.«

»Bis wann?«, erkundigte sich Stephen vorsichtig.

Ted setzte eine peinlich berührte Miene auf. »Nächste Woche?«

Stephen lachte. »Dann leg ich am besten gleich mal los.«

Ted schlug mit der Faust in die Handfläche. »Das ist mein Stephen!«, kommentierte er begeistert Stephens raschen Abgang.

Tess warf einen Blick in ihren Terminkalender und stellte fest, dass ihr nächster Mandant einer ihrer Lieblinge war – Terry Worth. Nachdem sie sich nun eine Stunde lang Geschichten über einen zum Transvestiten mutierten Ehemann angehört hatte, kam ihr der bodenständige, grundsolide Terry Worth gerade recht. Terry Worth war das klassische Beispiel eines Tellerwäschers, dessen unaufhaltsamem Aufstieg zum Millionär nur eines im Weg stand: ein Mädchen aus der Mittelklasse, in das er sich verliebt und das er auch geheiratet hatte; das Mädchen aber hatte nichts anderes im Sinn gehabt, als die eigenen Eltern ein bisschen zu ärgern. Sie hatten sich zwei Monate lang miteinander vergnügt, bevor sie entdeckten, dass sie doch recht unterschiedlich waren. Aber diese Zeit hatte Angela gereicht, um schwanger zu werden. Dann – nach ihrer Hochzeit – hatten sie versucht, die Sache durch ein zweites Kind zu retten.

Tess hatte Terry in der Scheidungsangelegenheit vertreten und sich über seine Großzügigkeit gewundert. Und Angela hatte es ihm gedankt, indem sie alles so schwer wie möglich machte. Verblüffend, dass sie sich überhaupt jemals ineinander verliebt hatten: Terry war begeisterter Steakesser und liebte nichts mehr, als mit den Kindern einen Big Mac zu verdrücken oder bei Toys ’R Us einzukaufen. Angela war überzeugte Vegetarierin, die ihr Geld lieber sparte. Tess wusste sofort, wem ihre Sympathien gehörten.

Jacqui führte Terry herein.

Angesichts der Wärme, die der Mann von der Statur eines Bären ausstrahlte, musste Tess lächeln. Auch seine maßgeschneiderten Anzüge konnten Terrys Herkunft nicht vertuschen, aber sie ließen ihn noch bulliger und lebendiger erscheinen.

»Hi, Tess.« Terry schüttelte ihr erfreut die Hand. »Wie geht’s Ihnen?«

»Danke, sehr gut, Terry.«

»Hab gestern Abend Ihren Göttergatten im Fernsehen gesehen. Hat er gut gemacht, der Bursche. Vielleicht hab ich demnächst ein kleines Geschäft für ihn. Wie wär’s, wenn Truthful Tel mit eigenen Spots werben würde?«

Tess lachte. Klar wäre das toll. »Worum geht’s denn heute, Terry?«

Schlagartig verschwand der freundliche Ausdruck aus seinem Gesicht. »Natürlich mal wieder um Angela. Sie will nicht, dass ich die Kinder sehe.«

Nachdem Terry gegangen war, fühlte Tess sich ausgequetscht wie ein nasser Schwamm. Liebe konnte die schönste Sache der Welt sein, aber die Menschen auch zur Weißglut treiben. Erfreulicherweise war sie mit Phil zum Mittagessen verabredet. Dann fiel ihr die schwangere Linzi ein. Was war nur in die Leute gefahren? War denn niemand mehr in der Lage, eine glückliche Ehe zu führen?

Sie griff nach dem gerahmten Foto, auf dem Stephen Ellie und Luke umarmte; es stand immer auf ihrem Schreibtisch. Während sie mit ihren Fingerspitzen zärtlich über sein Gesicht strich, erlaubte sie sich ein Lächeln. Gott sei Dank waren wenigstens sie glücklich.

Sie griff nach ihrem Mantel und verließ ihr Büro; Terry hielt noch ein kleines Schwätzchen mit Jacqui. »Müssen Sie in meine Richtung?«, fragte er sie. »Ich parke direkt vor dem Haus.« Das Angebot war zu verlockend, als dass Tess es hätte ablehnen können.

Als sie vor dem Forbo in Covent Garden anhielten, bot sich ihnen ein ungewöhnliches Bild. Ein Taxi blockierte die Exeter Street, aber niemand hupte und keiner der Fahrer ließ sich zu irgendwelchen Unmutsäußerungen hinreißen. Tess reckte den Hals und sah den Grund für dieses äußerst untypische Verhalten der Londoner Verkehrsteilnehmer. Aus dem Fond ragten schier endlose Beine, die in knappen Hotpants aus Samt steckten. Tess wusste sofort Bescheid. Phil suchte mal wieder eine Kontaktlinse.

Während sich Tess von Terry verabschiedete, tauchte auch Phils obere Hälfte mit triumphierender Miene aus dem Taxi auf. Sie warf den Gaffern eine Kusshand zu.

»Das ist meine Freundin Phil«, erklärte Tess. »Wir sind zum Lunch verabredet.«

Terry zwinkerte verschmitzt. »Na, so ›n Zufall. Hab‹ gerade überlegt, wo ich mit meinem Kunden zu Mittag essen könnte.«

Tess warf ihm einen ungläubigen Blick zu, während er die auf sie zusteuernde Phil musterte. Nur Phil brachte es fertig, scharlachrote Hot pants mit dicken Wollstrümpfen und karierten Doc Martens (für die Elli ihr letztes Hemd gegeben hätte) als passendes Outfit für eine fünfunddreißigjährige berufstätige Frau zu betrachten. Aber schließlich, sagte sich Tess, arbeitete sie in der Werbebranche.

Tess verabschiedete sich mit einem Winken von Terry und begrüßte Phil. Zusammen gingen sie die Stufen zu dem im Basement gelegenen Restaurant hinunter. »Hmm«, bemerkte Phil mit einem Blick zurück auf Terry, »nicht übel.«

»Der Typ oder der Wagen?«, fragte Tess amüsiert.

»Theresa Brien, wofür hältst du mich eigentlich?«

Tess beschloss, lieber nicht zu antworten. Als sie sich in die Schlange der Hungrigen einreihten, die darauf warteten, an einen freien Tisch geführt zu werden, wechselte sie das Thema. Das Forbo war das derzeit populärste Restaurant Londons. Und wie fast alle anderen Gäste studierte auch Tess interessiert Phils Aufmachung. »Original Sechzigerjahre, oder? Damals hatte ich auch solche Hotpants.«

Phil schüttelte den Kopf. »Absolut nicht original Sechziger. Höchstens ein witziger Kommentar auf die Sechziger, vielleicht eine Hommage oder eine Persiflage. Und solche Hotpants hattest du bestimmt nicht. Viel zu teuer.«

»Von wem sind die?«

»Von Gianni Versace.«

»Meine waren von C & A.«

»Siehst du.«

Schließlich waren sie die Ersten in der Schlange, und der Platzanweiser begrüßte Phil wie eine verlorengeglaubte Freundin mit exaltierten Küsschen auf beide Wangen.

»Du scheinst hier ja schon bekannt zu sein«, bemerkte Tess bewundernd, nachdem sie sich gesetzt hatten und die Karte in Augenschein nahmen. Tess entschied sich für Pasta mit Meeresfrüchten.

»Ach was«, erwiderte Phil. »Die kennen mich nicht besser als dich. Das ist hier einfach so.« Und im selben Augenblick sah Tess über Phils Schulter hinweg, wie die nächsten Gäste auf die gleiche überschwängliche Art begrüßt wurden. Sie schaute noch mal genau hin. Es war Terry.

Zwei Minuten später erschien die Bedienung, um die Bestellung aufzunehmen. Sie trug ein Tablett mit zwei Gläsern, in denen ein rosafarbenes Getränk sprudelte. Als die Bedienung die Gläser vor ihnen abstellte, sah Tess sie überrascht an. »Das muss ein Irrtum sein. Das haben wir nicht bestellt.«

Das Mädchen deutete mit dem Daumen vage hinter sich. »Ist von dem Herrn da drüben.«

Phil nahm einen Schluck. »Oh, wie aufmerksam. Kir Royal. Genau das Richtige, um unseren kleinen Lunch ein bisschen aufzupeppen. Wer ist der Typ überhaupt?«

»Ein Mandant.« Aus irgendeinem Grund klang ihre Antwort ausweichend.

»Und wie ist er?«

»Ganz nett«, räumte sie ein. »Und ganz witzig. Aber hat viel Ärger.«

»Klingt interessant.« Phil nippte an ihrem Drink.

»Verheiratet?« Phil suchte seit ihrer Scheidung zwanghaft nach einem Märchenprinzen.

»Geschieden. Ziemlich unangenehme Sache.«

»Mmm.« Phils Stimme hörte sich so genießerisch an, als betrachte sie gerade das Dessertbuffet. »Hört sich ja immer interessanter an.«

Glücklicherweise wurde in diesem Augenblick ihr Essen gebracht, und es gelang Tess, Phils Aufmerksamkeit auf andere Gebiete zu lenken. Sie unterhielten sich wie die meisten Frauen, die gemeinsam zu Mittag aßen, über ihre Arbeit und die Kinder. »Hey«, begann Tess, nachdem diese Themen erschöpft waren, »hast du schon von Stephens Preis gehört? Er ist zum Artdirector des Jahres gewählt worden.«

»Natürlich hab ich davon gehört. Wie unhöflich von mir, es nicht zu erwähnen. Er wird sich in der nächsten Zeit sicher kaum vor den Headhuntern retten können. So einen Preis zu gewinnen, dazu noch mit einem so geringen Budget … Der Kunde fühlt sich bestimmt wie im siebten Himmel. Und …« Phil legte eine Pause ein, und Tess wusste genau, was sie als Nächstes sagen würde. Phils Gedankengänge waren ungefähr so schwer zu entschlüsseln wie die Titelseite der Sun. »Und ich nehme an, du hast auch das Arschloch von Ex-Mann mit seinem schäbigen Flittchen getroffen. Entschuldige, ich meine natürlich: den Vizepräsidenten von External Relations. Ich hoffe, du hast ihr deinen Wein übers Kleid gekippt.«

Tess nahm die Hand ihrer Freundin. Sie wusste, wie weh es noch tat. Sollte sie ihr von dem Baby erzählen? Würde es für sie einfacher, wenn sie es von ihr erfuhr? Tess nahm all ihren Mut zusammen. »Phil, ich muss dir was sagen …«

Aber Phil beachtete sie schon gar nicht mehr. Stattdessen lächelte sie verführerisch über Tess’ Schulter hinweg. Tess drehte sich um.

Terry Worth stand unmittelbar hinter ihr, ausgerüstet mit einer Flasche Champagner und drei Gläsern. »Mein Kunde ist schon wieder weg und hat mich hier allein sitzenlassen. Darf ich die Damen auf ein Gläschen einladen?«

Tess warf einen Blick auf ihre Uhr. Es war kurz nach zwei. Um halb drei hatte sie den nächsten Termin. »Danke, Terry, aber ich fürchte, ich muss zurück ins Büro.« Sie warf Phil einen beschwörenden Blick zu. »Du doch sicher auch, Phil, nicht wahr?«

»Ich?«, fragte Phil mit unschuldiger Stimme. »Nein«, log sie, »bei mir liegt heute Nachmittag nichts Besonderes an.«

»Ich dachte, du hättest Freitagnachmittag immer deine Budgetbesprechung?« Tess konnte sich die Frage nicht verkneifen.

»Ach, die«, erwiderte Phil mit einem Lächeln, während sie daran dachte, dass zehn Leute auf sie warteten, weil sie die Besprechung leitete. »Die kann warten.«

Tess erhob sich. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich geschlagen zu geben. Sie fügte sich ins Unvermeidliche. »Philomena Doyle, das ist Terry Worth.«

»Ich merkte ziemlich schnell, dass mein Mann fremdging. Aber mit wem?«

Tess musterte die Frau, die ihr gegenübersaß, und versuchte, nicht daran zu denken, was zwischen Phil und Terry in dem Restaurant ablief. Die Frau unterschied sich nicht wesentlich von Tess. Ende dreißig, lebhaft, versuchte Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

»Zuerst dachte ich, es sei eine Kollegin. Das sind die schlimmsten. Zuerst gehen sie zusammen ins Bett, und danach reden sie über die Firma. Tödlich. Aber dann hab ich die Sache ein bisschen genauer unter die Lupe genommen. Schließlich kam nur noch eine Person infrage. Das Kindermädchen.« Jetzt konnte sie sich Tess’ ungeteilter Aufmerksamkeit sicher sein. »Stellen Sie sich vor: das Kindermädchen. Ein unsägliches Klischee, nicht wahr? Natürlich hat er erst mal alles abgestritten. Und wissen Sie, was ich getan habe?«

Tess schüttelte den Kopf, während sie sich vorstellte, dass die gepflegte und gut gekleidete Dame ihr gegenüber ausgerüstet mit einer Polaroid-Kamera im Kleiderschrank saß, um im richtigen Augenblick herauszuspringen und die Beweissicherung in Angriff zu nehmen.

»Ich hab ihn aufgenommen.« Mit einer triumphierenden Geste zog sie einen kleinen Kassettenrecorder aus ihrer eleganten Handtasche und schaltete ihn ein.

Aus dem Gerät drang ein blechernes Stöhnen und Ächzen, das sich unaufhaltsam seinem Höhepunkt näherte. Peinlich berührt rutschte Tess auf ihrem Stuhl hin und her und starrte entsetzt auf den Rekorder. Das, was sie hörte, ließ Serge Gainsbourg und Jane Birkin geradezu harmlos erscheinen.

Die Frau des Hauptdarstellers in dieser schäbigen Schmierenkomödie schien keinerlei Schmerz zu verspüren; im Gegenteil: Ihr Gesicht erstrahlte in dem Triumph, die beiden auf frischer Tat ertappt zu haben.

Wenige Sekunden vor dem Orgasmus entschied Tess, dass es reichte. Mit einem entschlossenen Griff schaltete sie das Gerät ab, wodurch sie sich einen beinahe beleidigten Blick ihrer Klientin einhandelte. Es verblüffte Tess immer wieder aufs Neue, was Menschen einander antun konnten, wenn die Liebe zwischen ihnen erst einmal gestorben war.

»Nun gut.« Trotz ihrer ehrlichen Bemühung, neutral und objektiv zu bleiben, war sie fasziniert. »Was hat er gesagt, als sie ihm das Band vorgespielt haben?«

Die Frau beugte sich vor, und machte einen ausgesprochen selbstgefälligen Eindruck. »Oh, ich habe es ihm noch nicht vorgespielt.« Vorsichtig verstaute sie den Kassettenrekorder wieder in ihrer Handtasche. »Ich dachte, ich hebe es mir für die Verhandlung auf.«

Nach dieser Softporno-Veranstaltung gelüstete es Tess nach einer starken Tasse Tee, bevor sie sich dem nächsten Akt der Ehebruch-Tragödie würde widmen können. Manchmal wünschte sie sich, sie wäre bei Landlord & Tenant geblieben.

Jacqui war nirgends zu sehen, also schaltete Tess selbst den elektrischen Wasserkocher ein und öffnete den Hängeschrank, in dem Jacqui Tee und Kaffee aufbewahrte. Von der Innenseite der Schranktür starrte ihr Lyall Gibson, der Wunderknabe der Kanzlei, entgegen; es handelte sich um ein Foto aus der Law Society Gazette. Tess musste grinsen. Daher also wehte der Wind.

Plötzlich bemerkte sie, dass Jacqui hinter ihr stand; ihre karamellbraune Haut war von einer tiefen Röte überzogen.

»So, so. Der gute Lyall Gibson, was?«, zog Tess sie auf. »Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Schwäche für Mister L.A. Law haben.«

Mit einer brüsken Handbewegung nahm Jacqui Tess die Teedose aus der Hand. »Machen Sie sich nicht lächerlich«, fuhr sie Tess an und schlug die Schranktür zu.

Tess versuchte, ihr Grinsen zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht besonders gut. »Einen Löffel bekomme ich von Ihnen wohl nicht mehr?«

Jacqui öffnete wieder die Schranktür und reichte Tess einen Teelöffel. Tess warf nochmals einen kurzen Blick auf das Bild. »Ich kann Sie gut verstehen.« Ihr Gesicht nahm einen weichen Ausdruck an. »Er sieht ein bisschen aus wie Harry Hamlin, stimmt’s? Nur noch viel besser!«

Als Tess eine halbe Stunde später eine kleine Verschnaufpause zwischen zwei Mandanten genoss, klopfte es an ihrer Tür, und Jacqui steckte den Kopf rein. »Patricia Green ist da. Kann Sie mit Ihnen sprechen?«

Tess zog eine Grimasse. Wenn sich Patricia zu ihr bemühte, konnte das nur Schlechtes bedeuten. Patricia betrachtete sich mit ihrem Wirtschaftsdiplom, das sie noch an ihr Jura-Examen gehängt hatte, als Klassenprimus, während sie Tess in der Rolle des ungezogenen Mädchens sah, das sich in den hintersten Ecken des Schulzimmers herumdrückte und den Unterricht durch ständiges Kichern störte. Nach Meinung Patricias lag ihre soziale Verantwortung als Anwältin nicht darin, Klienten anzunehmen, von denen man schon vorher wusste, dass sie das Honorar nicht würden zahlen können, und ihnen daher eine niedrigere Rechnung stellte, wie Tess es häufig tat. Patricias Ansicht nach sollte man nur solche Klienten annehmen, an denen die Kanzlei verdiente, und ihnen so schnell wie möglich eine Endabrechnung schicken.

Tess seufzte.

»Sie soll reinkommen.«

Bevor Tess Patricia zu Gesicht bekam, hörte sie sie. Patricia schwamm gerade auf der Accessoire-Welle. Ohrringe, Armbänder, Halsketten; sogar an ihren Schuhen und an ihrem Haarreif klirrten Kettchen. Patricia schleppte mehr Klimperzeug mit sich herum, als die Schmuckabteilung eines großen Kaufhauses zu bieten hatte. Tess hatte nicht übel Lust, ihr vorzuschlagen, sich doch auch noch Löcher durch die Nase stechen zu lassen, wo man noch einige weitere Ringe unterbringen könnte.

»Schön, dass Sie etwas Zeit für mich erübrigen können.« Patricia ließ sich auf dem Stuhl vor Tess’ Schreibtisch nieder und setzte ihr aristokratischstes Lächeln auf. »Im Wartezimmer hat sich übrigens gerade ein Kind übergeben.«

»O Gott!« rief Tess entsetzt und sprang auf.

»Regen Sie sich nicht auf«, beruhigte sie Jacqui, »ich kümmere mich schon drum.«

Tess schenkte ihr ein dankbares Lächeln und entschied dann, gleich zum Punkt zu kommen, damit Patricias Besuch so kurz wie möglich ausfiel. Sie wollte das Büro pünktlich verlassen und war schon gespannt zu hören, wie Stephens Tag gelaufen war. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich wollte eigentlich nur wissen, ob Sie schon von dem Gerücht gehört haben?«

»Von welchem Gerücht?«

»Man denkt darüber nach, einen neuen Partner zu wählen.«

Tess verzog keine Miene. Nein, dieses Gerücht war ihr noch nicht zu Ohren gekommen, auch wenn ihr der Seniorpartner der Kanzlei bereits vor einiger Zeit hoch und heilig versichert hatte, dass sie definitiv die nächste freiwerdende Partnerstelle bekäme. Hatten sie eine neue Partnerstelle beschlossen und es ihr noch nicht gesagt? Tess wurde plötzlich ganz aufgeregt. Das wäre ja großartig! Und gerade jetzt, unmittelbar nach Stephens Erfolg.

Aber Patricia war noch nicht fertig.

»Wenn Sie noch nichts davon wissen, kläre ich Sie lieber auf, bevor Sie es von anderen hören. Tatsache ist, dass es definitiv einen neuen Partner geben wird.« Sie lächelte Tess mit der gewissen Selbstsicherheit an, die Menschen an den Tag legen, die es sich leisten können, großzügig zu sein. »Aber sie können sich nicht entscheiden, wer es sein wird – Sie oder ich.«

3. Kapitel

Stephen kaute auf seinem Zeichenstift herum und starrte auf den vor ihm liegenden Block. Eine halbe Stunde saß er nun schon da und überlegte sich Geschichten, die die Bosse von Worldwide Motors in Begeisterungsstürme versetzen und sie restlos davon überzeugen würden, ihrer bisherigen Agentur den Laufpass zu geben und ihnen, der D Agency, ihren gigantischen Werbe-Etat anzuvertrauen. Aber ihm fiel nichts Gescheites ein. Er wusste, wo das Problem lag: im Briefing. Worldwide Motors brachte eine neue Serie Spritschlucker der Luxusklasse auf den Markt, und Stephen überlegte, ob es wirklich das war, was die Menschen mitten in der schlimmsten Rezession nach dem Krieg brauchten (es sei denn, man schenkte der Regierung Glauben, die allen weismachen wollte, dass das Schlimmste überstanden sei).