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Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. »Mit Ihrem Besuch habe ich nicht gerechnet, meine Liebe«, sagte Leonie von Avensberg. »Umso mehr freue ich mich darüber.« Nach einer kurzen Pause setzte sie mit spitzbübischem Lächeln hinzu: »Ich hoffe, Sie sind nicht nur gekommen, um sich für meine Spende zu bedanken?« Baronin Sofia von Kant, eine Frau mit blonden Locken und einem hübschen runden Gesicht, etwa halb so alt wie Leonie, lachte. »Oh nein, vor allem bin ich wegen Ihres exzellenten Sherrys hier, den Sie von einem geheimen Lieferanten beziehen, dessen Namen ich auch gern wüsste.« Leonie stimmte in das Lachen ein. »Nichts zu machen, den verrate ich Ihnen nicht.« Die Sherryflasche stand vor ihnen auf dem eleganten kleinen Tisch. Sofia hatte ein Glas akzeptiert, denn sie musste nicht selbst fahren. Das tat sie sonst oft, aber die Witterungsverhältnisse waren so unfreundlich, dass Per Wiedemann, der Chauffeur im Sternberger Schloss, darauf bestanden hatte, dass sie seine Dienste in Anspruch nahm. Leonie war dreiundachtzig Jahre alt und sah zart und zerbrechlich aus. Die weißen Haare lagen in sanften Wellen um ihren Kopf, das Gesicht war im Alter spitz und faltig geworden, aber die blauen Augen blickten noch immer wach und neugierig in die Welt. Sie trug ein hellblaues, elegantes Kostüm, dazu eine weiße Seidenbluse, und sie saß so mühelos aufrecht in ihrem Sessel, dass man ihr die frühere Ballerina immer noch ansah. Sie hatte Sofia einmal erzählt, dass sie für ihr Leben gern Tanz studiert hätte, aber ihre Eltern hatten das für eine Frau ihres Standes unpassend gefunden. Zierlich war sie immer gewesen, aber doch nicht so wie zurzeit. Sofia hatte Mühe gehabt, sich nicht anmerken zu lassen, wie erschrocken sie bei Leonies Anblick gewesen war. Die alte Dame war gerade erst dabei, sich von einer hartnäckigen Grippe wieder zu erholen. Immerhin, hatte sie erzählt, sei sie schon einmal draußen gewesen und habe ihren ersten Spaziergang nach der langen Krankheit sehr genossen. Die beiden Frauen hatten sich kennengelernt, weil Sofia für mehrere ehrenamtliche Organisationen in Sternberg tätig war, von denen Leonie einige seit ihrem Umzug in die kleine Stadt durch überaus großzügige Spenden förderte.
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2020
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»Mit Ihrem Besuch habe ich nicht gerechnet, meine Liebe«, sagte Leonie von Avensberg. »Umso mehr freue ich mich darüber.« Nach einer kurzen Pause setzte sie mit spitzbübischem Lächeln hinzu: »Ich hoffe, Sie sind nicht nur gekommen, um sich für meine Spende zu bedanken?«
Baronin Sofia von Kant, eine Frau mit blonden Locken und einem hübschen runden Gesicht, etwa halb so alt wie Leonie, lachte. »Oh nein, vor allem bin ich wegen Ihres exzellenten Sherrys hier, den Sie von einem geheimen Lieferanten beziehen, dessen Namen ich auch gern wüsste.«
Leonie stimmte in das Lachen ein. »Nichts zu machen, den verrate ich Ihnen nicht.«
Die Sherryflasche stand vor ihnen auf dem eleganten kleinen Tisch. Sofia hatte ein Glas akzeptiert, denn sie musste nicht selbst fahren. Das tat sie sonst oft, aber die Witterungsverhältnisse waren so unfreundlich, dass Per Wiedemann, der Chauffeur im Sternberger Schloss, darauf bestanden hatte, dass sie seine Dienste in Anspruch nahm.
Leonie war dreiundachtzig Jahre alt und sah zart und zerbrechlich aus. Die weißen Haare lagen in sanften Wellen um ihren Kopf, das Gesicht war im Alter spitz und faltig geworden, aber die blauen Augen blickten noch immer wach und neugierig in die Welt. Sie trug ein hellblaues, elegantes Kostüm, dazu eine weiße Seidenbluse, und sie saß so mühelos aufrecht in ihrem Sessel, dass man ihr die frühere Ballerina immer noch ansah. Sie hatte Sofia einmal erzählt, dass sie für ihr Leben gern Tanz studiert hätte, aber ihre Eltern hatten das für eine Frau ihres Standes unpassend gefunden.
Zierlich war sie immer gewesen, aber doch nicht so wie zurzeit. Sofia hatte Mühe gehabt, sich nicht anmerken zu lassen, wie erschrocken sie bei Leonies Anblick gewesen war. Die alte Dame war gerade erst dabei, sich von einer hartnäckigen Grippe wieder zu erholen. Immerhin, hatte sie erzählt, sei sie schon einmal draußen gewesen und habe ihren ersten Spaziergang nach der langen Krankheit sehr genossen.
Die beiden Frauen hatten sich kennengelernt, weil Sofia für mehrere ehrenamtliche Organisationen in Sternberg tätig war, von denen Leonie einige seit ihrem Umzug in die kleine Stadt durch überaus großzügige Spenden förderte. Sofia unterhielt sich gern mit ihr. Leonie war eine kluge, gebildete Frau, die freilich von sich persönlich wenig preisgab. Aber offenbar war sie in jüngeren Jahren viel gereist, davon konnte sie lebhaft und interessant erzählen. Und sie war noch immer vielseitig interessiert. Man konnte mit ihr über Bücher, Filme, Theater und Oper sprechen, ihre Meinungen waren immer wohldurchdacht.
»Und wie läuft es bei Ihnen im Schloss?«, erkundigte sich Leonie. »Ich hoffe, Sie sind alle gesund und munter.«
»Wir können nicht klagen«, antwortete Sofia, sie konnte jedoch nicht verhindern, dass sich ein Schatten über ihr Gesicht legte.
Leonie begriff sofort, woran sie dachte. Sie beugte sich vor und legte ihre Hand auf Sofias Arm. »Ein solches Unglück wirkt natürlich lange nach«, sagte sie behutsam. Auch auf ihrem Gesicht lag jetzt ein Schatten, den Sofia jedoch nicht bemerkte.
Sie nickte. Wie immer, wenn die Sprache darauf kam, musste sie gegen aufsteigende Tränen ankämpfen. Im Jahr zuvor waren Fürstin Elisabeth und Fürst Leopold von Sternberg bei einem Hubschrauberabsturz gemeinsam mit dem Piloten ums Leben gekommen. Elisabeth war Sofias Schwester und engste Vertraute gewesen. Sie trug schwer an dem Verlust, noch immer verging kein Tag, an dem sie nicht heimlich ein paar Tränen vergoss.
Elisabeth und Leopold hatten Sofia und ihrem Mann Friedrich ihren Sohn hinterlassen: Prinz Christian von Sternberg, besser bekannt als ›der kleine Fürst‹. So wurde er genannt, seit sein Vater den zweijährigen Christian mit auf seine erste Reise genommen hatte. Schnell hatte man das ungleiche Paar getauft: ›der große und der kleine Fürst‹. Christian, obwohl längst groß gewachsen, war der Name geblieben, und er sah ihn als Verpflichtung an, seinen Eltern, die für ihre Großherzigkeit geliebt worden waren, nachzueifern.
Jetzt war er Sofias und Friedrichs drittes Kind, neben ihren beiden eigenen Kindern Konrad und Anna. Die drei waren ›die Sternberger Teenager‹. Konrad mit seinen siebzehn Jahren war der Älteste, dann folgte Christian mit einem Jahr Abstand. Anna war die Jüngste, sie war jetzt vierzehn. Sie waren schon vor dem tödlichen Unfall wie Geschwister aufgewachsen, danach war das Band zwischen ihnen noch enger geworden.
Christian ging mit dem Verlust seiner Eltern auf ganz eigene Weise um: Er besuchte sie jeden Tag auf dem Familienfriedhof und ›sprach‹ mit ihnen. Das half ihm, sich seine Lebensfreude zu bewahren, so wie es ihm auch half, dass er nach wie vor in einem vertrauten Familienverbund lebte.
Er hatte es, dachte Sofia nicht zum ersten Mal, besser als sie geschafft, seine Trauer zu verarbeiten.
»Lisa fehlt mir so«, sagte sie leise zu Leonie. »Ich habe jedes noch so kleine Geheimnis mit ihr teilen können. Wir hatten immer so viel Spaß miteinander! Aber auch wenn wir Kummer hatten, konnten wir darüber reden. Ich werde nie mehr eine Freundin wie sie finden. Oft musste ich gar nichts sagen, weil sie wusste, was ich dachte – und umgekehrt war es genau so. Können Sie sich vorstellen, dass ich es noch immer nur mit größter Überwindung fertig bringe, ihr Grab aufzusuchen? Wenn ich ihren Namen sehe, wie er da in Marmor gemeißelt steht, habe ich jedes Mal das Gefühl, dass mir jemand den Boden unter den Füßen wegzieht. Ich trauere natürlich auch um meinen Schwager, aber wenn ich an Lisa denke, ist der Schmerz unerträglich.«
Leonie zog ihre Hand zurück. Sie nickte nur.
Jetzt erst bemerkte Sofia ihr verschlossenes Gesicht. »Es tut mir leid«, sagte sie stockend. »Sie haben ja Ihren Mann verloren, also wissen Sie, was ich fühle. Wir alle müssen wohl irgendwann geliebte Menschen beweinen.«
Wieder nickte Leonie. Sie sah aus, als wäre sie in Gedanken weit weg.
»Ich bin zu lange geblieben, Frau von Avensberg«, sagte Sofia reumütig. »Mein Besuch hat Sie angestrengt, entschuldigen Sie bitte.«
Die alte Dame richtete ihren Blick auf Sofia, der abwesende Ausdruck verschwand, sie war wieder voll da. »Aber nein«, sagte sie. »Es ist nur manchmal so, dass meine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, so dass ich die Gegenwart vergesse. Bestimmte Themen verleiten mich besonders dazu.«
Sofia wollte nicht neugierig erscheinen und stellte deshalb keine Fragen. So lebhaft die alte Dame auch von ihren Reisen in ferne Länder erzählen konnte, so zurückhaltend war sie mit Informationen aus ihrem Privatleben. Man wusste über sie nicht viel mehr, als dass sie ihren Mann schon vor fast fünfundzwanzig Jahren verloren hatte und dass aus der Ehe keine Kinder hervorgegangen waren. Die Avensbergs hatten zwar im Sternberger Land gelebt, aber nicht in Sternberg selbst. Leonie war erst in die kleine Stadt gezogen, als sie schon mehrere Jahre Witwe gewesen war.
»Ich sollte trotzdem gehen«, sagte Sofia. »Es war wie immer schön, sich mit Ihnen zu unterhalten, Frau von Avensberg. Möchten Sie nicht, sobald Sie sich besser fühlen, wieder einmal bei uns im Schloss zu Abend essen? Herr Wiedemann würde Sie abholen und auch zurückfahren. Sie wissen, unsere Kinder lieben Besuch, und unserer Köchin können wir sowieso keinen größeren Gefallen tun, als Gäste einzuladen. Sie fühlt sich bei uns gelegentlich unterfordert. Am liebsten würde sie jede Woche mindestens ein Festessen auf die Beine stellen.«
»Ich komme sehr gern«, erwiderte Leonie, »aber um die Kunst Ihrer Köchin richtig würdigen zu können, muss ich noch etwas besser beieinander sein. Zum Leidwesen meiner Ärzte habe ich noch keinen richtigen Appetit, dabei müsste ich dringend etwas zunehmen.«
»Vielleicht käme der Appetit beim Essen?«
Leonie lachte. »Das ist eine hübsche Idee, aber ich möchte lieber warten, bis ich mich so richtig auf einen Abend im Schloss freuen kann, und so weit ist es leider noch nicht. Wirklich, das Essen quält mich im Augenblick beinahe.«
»Dann wäre es allerdings schade, und wir könnten Frau Falkner das auch kaum erklären. Sie ist es gewöhnt, dass unsere Gäste von ihrem Essen nie genug bekommen können.« Sofia erhob sich. »Bitte, bleiben Sie sitzen, Frau von Avensberg, ich finde allein hinaus.«
»So weit kommt es noch!«, entgegnete die alte Dame, obgleich ihr das Aufstehen schwer fiel. »Wie gesagt, ich habe schon einen kleinen Spaziergang gemacht, da werde ich doch wohl die wenigen Schritte bis zur Tür schaffen.«
»Haben Sie denn auch genug Hilfe?«
»Aber ja, meine Haushälterin ist jeden Tag hier, und sie regelt alles mit den anderen Angestellten. Ab und zu bin ich mal ein Wochenende allein, aber ehrlich gesagt finde ich das meistens sehr erholsam. Ich kann nicht mehr ständig Menschen um mich haben. Ich bin gern für mich, und da ich noch lesen kann und viel Musik höre, habe ich auch keine Langeweile.«
»Bekommen Sie denn auch noch viel Besuch?«
»Nein, eigentlich gar nicht, aber das liegt an mir. Ich lebe zurückgezogen, seit ich nicht mehr aktiv ehrenamtlich tätig sein kann. Aber es ist gut so, mir fehlt nichts. Über so lieben Besuch wie Ihren freue ich mich aber jederzeit sehr.« Sie ergriff bereitwillig Sofias Arm, und so gingen sie langsam zur Tür der großzügigen Wohnung. Sonst schien niemand anwesend zu sein.
Leonie von Avensberg erriet Sofias Gedanken. »Frau Steiner ist zum Einkaufen gefahren«, sagte sie. »Sie kommt sicherlich bald zurück, sie ist schon länger unterwegs.«
»Rufen Sie an, wenn Sie gerne zum Essen kommen möchten. Oder soll ich bei Gelegenheit noch einmal nachfragen, ob Ihr Appetit zurückgekehrt ist?«, fragte Sofia zum Abschied.
»Ach, rufen Sie mich ruhig an, ich freue mich immer, von Ihnen zu hören«, erwiderte Leonie. »Danke für Ihren Besuch, Frau von Kant.«
»Ich habe zu danken.«
Als Sofia in der Limousine Platz genommen hatte, warf Per Wiedemann ihr nur einen kurzen Blick zu, dann wusste er, dass sie sich nicht unterhalten wollte. Sie war in Gedanken offenbar sehr weit weg.
Tatsächlich kehrte sie erst in die Gegenwart zurück, als sie bereits auf der Straße zum Schloss waren, die sich in engen Kurven den Schlossberg hinaufschlängelte. »Wir sind ja schon gleich zu Hause«, sagte sie ehrlich erstaunt.
Der junge Chauffeur lächelte. »Wir sind ja auch schon eine ganze Weile unterwegs, Frau Baronin.«
»Entschuldigen Sie, ich … ich war in Gedanken.«
»Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich habe ja gesehen, dass Sie nachgedacht haben.«
»Danke, dass Sie mich gefahren haben. Ich habe bei Frau von Avensberg ein Glas ihres berühmten Sherrys getrunken. Ich glaube fast, der ist mir ein bisschen zu Kopfe gestiegen.«
»Ein einziges Glas, Frau Baronin? Das kann ich mir kaum vorstellen.«
»Sie hat sehr reichlich eingeschenkt, und es ist ziemlich schwerer Sherry.« Sie sah aus dem Fenster und rief: »Und es schneit! Davon habe ich bei Frau von Avensberg überhaupt nichts mitbekommen und auf der bisherigen Fahrt auch nicht! Ich muss wirklich tief in Gedanken gewesen sein.«
»Es hat angefangen, nachdem ich Sie abgesetzt hatte, und seitdem schneit es. Wir werden die Straße zum Schloss räumen lassen müssen, wenn das so weitergeht.« Per Wiedemann hielt vor dem Hauptportal des Schlosses und ließ es sich nicht nehmen, Sofia die Tür auf der Beifahrerseite zu öffnen.
»Danke, Herr Wiedemann, ich bin wirklich froh, dass Sie darauf bestanden haben, mich zu fahren.«
Der junge Chauffeur grüßte Eberhard Hagedorn, den alten Butler, der das Hauptportal in dem Moment geöffnet hatte, da die Limousine vorgefahren war, dann setzte er sich wieder hinters Steuer und fuhr den Wagen in die Garage.
»Es war gut, dass Sie nicht allein unterwegs waren, Frau Baronin«, stellte auch Eberhard Hagedorn fest, als er das Portal wieder schloss. »Es soll noch viel mehr Schnee geben. Geht es Frau von Avensberg besser?«
»Ja, viel besser, obwohl sie so schmal ist, dass man denkt, ein Windhauch würde genügen, um sie umzuwehen. Sobald ihr Appetit zurückgekehrt ist, wird sie zu uns zum Essen kommen. Sie meint, im Augenblick wäre Frau Falkners Kunst an sie verschwendet, also warten wir noch ein bisschen ab, bevor wir eine offizielle Einladung aussprechen. Ist mein Mann noch im Büro?«
»Nein, der Herr Baron erwartet Sie in der Bibliothek. Die jungen Herrschaften sind noch nicht aus der Schule zurück. Sie haben aber angerufen, dass Herr Wiedemann sie auf keinen Fall abholen soll.«
»Sie übertreiben es manchmal mit ihrem sportlichen Ehrgeiz«, stellte Sofia kopfschüttelnd fest. »Den ganzen Sternberg hinaufzulaufen bei diesem Wetter, das ist schon ziemlich verrückt.«
»Sie sind jung, Frau Baronin, und sie sind es gewohnt, schließlich bewältigen sie den Aufstieg fast jeden Tag.«
»Na ja, so lange es nur Schnee ist, mag das gehen, aber wenn es glatt wird …«
»Das ist erst heute Nacht zu erwarten.«
Wie üblich war Eberhard Hagedorn auch über die Wetteraussichten bestens informiert. Es gab ohnehin fast nichts, was er nicht wusste. Nicht umsonst galt er als perfekter Butler. Schon viele Familien hatten versucht, ihn abzuwerben, doch er hatte allen Verlockungen widerstanden. Für ihn war das Sternberger Schloss seine Heimat, sein Zuhause.
Auch Marie-Luise Falkner bekam immer wieder Angebote von anderen Häusern, aber auch sie zeigte bislang wenig Neigung, Sternberg zu verlassen. »Ich bin gern hier«, sagte sie oft, »ich kann alles ausprobieren, was ich möchte. Einer Köchin kann nichts Besseres passieren. Und dann gibt es ja auch immer mal wieder Gelegenheiten, für viele Leute zu kochen – und das noch in festlichem Rahmen. Nein, nein, ich bleibe lieber hier, wo ich meine eigene Chefin bin.«
Sofia betrat die Schlossbibliothek, einen der gemütlichsten Räume des gesamten Gebäudes. Das lag nicht nur an den Bücherregalen aus dunklem Holz, die bis zur Decke reichten, so dass man die obersten Fächer nur mit fahrbaren Leitern erreichen konnte, sondern auch an den kleinen Lesetischen, von denen jeder eine eigene Lampe hatte und die überall in den Räumen verteilt waren. Im größten Raum der Bibliothek gab es einen Kamin, vor dem einige der schweren alten Ledersessel standen, die sich auch bei den kleinen Tischen fanden. Dort, vor dem Kamin, saß Baron Friedrich von Kant, trank Tee und las Zeitung.
