Wer gehört dazu? -  - E-Book

Wer gehört dazu? E-Book

0,0

Beschreibung

Integration ist erfolgreich, wenn Menschen sich zugehörig fühlen und eine Chance bekommen, die Gesellschaft mitzugestalten. Einwanderungsgesellschaften wie zum Beispiel Kanada gelingen diese beiden Schritte. Sie ermöglichen Migranten, Teil der Gesellschaft zu werden und auf die Rahmenbedingungen aktiv Einfluss zu nehmen. Deutschland hat in diesem Feld Nachholbedarf. In "Wer gehört dazu?" erläutern die Autoren, wie in Deutschland die politische und gesellschaftliche Teilhabe von Zuwanderern verbessert werden kann. Im Mittelpunkt stehen dabei Themen wie Staatsbürgerschaft, gesellschaftliche Präsenz, Gleichstellungspolitik, politische Repräsentation und Zugänge zum Arbeitsmarkt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2011

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2011 E-Book-Ausgabe (EPUB)
© 2011 Verlag Bertelsmann Stiftung, GüterslohVerantwortlich: Dr. Orkan Kösemen, Canan YelaldiLektorat: Heike HerrbergHerstellung: Christiane RaffelUmschlaggestaltung: Nadine HumannUmschlagabbildung: acilo/iStockphotoSatz und Druck: Hans Kock Buch – und Offsetdruck GmbH, Bielefeld
ISBN : 978-3-86793-390-2
'www.bertelsmann-stiftung.de/verlag'
Vorwort
Im Oktober 2010 fand im Berliner Olympiastadion ein denkwürdiges Fußballländerspiel statt: Deutschland spielte gegen die Türkei in der Qualifikation zur Europameisterschaft. Bei den Deutschen kickte der gebürtige Gelsenkirchener Mesut Özil, bei den Türken die ebenfalls in Gelsenkirchen geborenen Brüder Altintop. Wenn Özil an den Ball kam, gab es ein gellendes Pfeifkonzert von vielen Berlinern mit türkischen Wurzeln, die im Stadion die Mehrheit waren. Am Ende schoss Özil das vorentscheidende Tor und die Fans der deutschen Nationalmannschaft skandierten: »Auswärtssieg«.
Die Frage, wer dazugehört und wie Zugehörigkeit erreicht wird, ist in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland nicht leicht zu beantworten. Doch die Antwort ist für die Zukunft unseres Landes von entscheidender Bedeutung. Viel zu lange wurden die Kinder und Enkel der »Gastarbeiter« als nicht zugehörig bzw. als »Ausländer« betrachtet. Und sie selbst sahen sich – obwohl in deutschen Städten und Gemeinden geboren und groß geworden – viel zu lange als Angehörige eines Landes, das sie oft nur aus den Ferien kannten. Das Jahr 2000 markierte mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts einen ersten Einschnitt in diese Entwicklung, die teils absurde Züge trug und mehr Konflikte schafft als löst.
Doch es braucht lange, bis rechtliche Änderungen auch in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommen und angenommen werden können. In den Medien ist immer noch von »den Türken« die Rede, wenn es um junge Deutsche mit türkischen Wurzeln geht. In weiten Teilen der Gesellschaft wird immer noch fein unterschieden zwischen den alteingesessenen Deutschen und denen, die zwar mittlerweile einen deutschen Pass haben, zugleich aber auch Türken, Griechen, Italiener oder Spanier sind, weil ihre Großeltern oder Eltern aus diesen Ländern einwanderten. Bei den Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion ist die Lage komplizierter, doch auch sie gelten in der Öffentlichkeit oft einfach nur als »Russen«.
Diese Etiketten sind nicht unbedingt Ausdruck intentionaler Diskriminierung, aber sie wirken sich auf die Selbst – und Fremdwahrnehmung aus. Denn gesellschaftliche Zuschreibungen prägen auch das Selbstbild junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte: Sie spüren, dass sie nicht richtig dazugehören. Wenn dann noch reale Benachteiligungen in Schule und Ausbildung, am Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder in der Freizeit dazukommen, ist das Entfremdungspotenzial groß. Wir riskieren, eine ganze Generation junger Menschen zu verlieren. Dabei brauchen wir sie als Menschen auf der Suche nach ihrer Identität in einem Land, das immer vielfältiger in seiner ethnischen und kulturellen Zusammensetzung geworden ist. In unseren Großstädten haben wir künftig mehr als 100 Nationalitäten aus aller Welt.
Identitätsprozesse gestalten sich hierzulande nicht einfach – aber sie sind auch nicht neu. Als Durchgangsland in der Mitte Europas gibt es hier viel Erfahrung in der Integration unterschiedlichster Stämme, Gruppen und Ethnien. Solche Prozesse sind auf diesem Hintergrund »normal«, aber immer auch langwierig und nicht konfliktfrei. Politik und Gesellschaft sind gefordert, wenn es darum geht, fair mit den Spannungen umzugehen und Lösungen zur Stärkung der Zugehörigkeit gerade junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu suchen. Deshalb haben wir Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verbänden, Migrantenorganisationen und Verwaltung in Diskussionsrunden zusammengebracht, um Antworten zu finden, wie die rechtliche, politische, sozioökonomische, kulturelle und emotionale Teilhabe von Menschen mit ausländischen Wurzeln gestärkt werden kann. Die Ideen und Anregungen dieser runden Tische zur Zukunft der Integration sind im vorliegenden Band dokumentiert. Wir hoffen, dass davon positive Impulse für die öffentliche Debatte ausgehen – die in den letzten Monaten für die Identifikation von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte mit unserem Land nicht besonders förderlich war.
Letztlich ist jeder und jede Einzelne gefragt, eine Antwort zu finden auf die Frage, wohin er oder sie gehört, wie die eigenen Wurzeln mit dem Leben in einem anderen Land verbunden werden. Alle in Deutschland lebenden Bürgerinnen und Bürger haben daran zu arbeiten, dass alle die lebenswichtige Zugehörigkeit finden und annehmen. Wir sind zuversichtlich, dass die jungen Menschen mit Migrationshintergrund ihren Platz in unserer Gesellschaft selbstbewusst einnehmen, sich nicht ausgrenzen lassen und unser Land aktiv mitgestalten – weil es auch ihr Land ist.
Dr. Jörg DrägerVorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung
Prof. Dr. Rita SüssmuthBundestagspräsidentin a. D.
Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Vorwort
Zugehörigkeit als Schlüssel zur Integration
Literatur
Zur politisch-sozialen Integration von Migranten in Nordamerika
Parallelgesellschaften avant la lettre
Ethnische Institutionalisierung
»Disziplinierung« von Immigranten
Kanadisch-amerikanische Unterschiede
Einwandererpatriotismus
Staatsbürgerschaft
Multikultur
Stiller Nationalismus
1. Schule
2. Andere Bereiche
Literatur
Staatsbürgerschaft, Teilhabe und Zugehörigkeit: Auf der Suche nach einem neuen ...
Der integrationspolitische Rahmen
Unklares Leitbild für Integration
Teilhabe als Integrationsziel
Einbürgerungen in Deutschland
Hürden der gegenwärtigen Staatsbürgerschaftspolitik
Doppelte Krise der Staatsbürgerschafts – und Migrationspolitik
Fazit: Eine kohärente Migrations-, Integrations – und ...
Literatur
Ein Stakeholder-Prinzip für Staatsbürgerschaft: Ist die Zeit reif?
Definition demokratischer Staatsbürgerschaft
Staatsangehörigkeit als Menschenrecht
Das Stakeholder-Prinzip der Staatsbürgerschaft
Drei Alternativen zum Stakeholder-Prinzip
Die Einbeziehung der Einwanderer und Auswanderer
Staatsbürgerschaft und globale Gerechtigkeit
Erwerb von Staatsangehörigkeit durch Geburt
Inkonsistenter Umgang mit mehrfacher Staatsangehörigkeit
Das Abstammungsprinzip und die Bevorzugung ethnisch Verwandter
Einbürgerungstests: Europas problematische Ausleseverfahren
Warum Wohnbürgerschaft nicht Staatsangehörigkeit ersetzen kann
Aussichten für Reformen der Staatsbürgerschaft nach dem Stakeholder-Prinzip
Literatur
Kritische Anmerkungen zum geltenden Staatsangehörigkeitsrecht in Deutschland
Ansprache
Wie smarte Kommunikation die Öffentlichkeit für eine smarte Politik gewinnen ...
Welche Argumente ziehen – und welche nicht?
Eine fortschrittliche Pro-Einwanderer-Agenda, die bei den meisten Wählern auf ...
Eine mehrheitsfähige Kommunikationsstrategie entwickeln
Mehr Raum für gute Politik
Wie kommunizieren? Doppelte Staatsbürgerschaft, Deutschland und die Integration
Der Geist ist aus der Flasche – was tun?
Die deutsche (Schein-)Lösung: entschieden handeln!
Auch keine Lösung: das Problem leugnen
The other side of the picture
Zwischenbilanz: Aus einer deutschen Wirklichkeit sind längst zwei geworden
Deutschland braucht Antidiskriminierung und einen Blick auf die gemeinsame Zukunft
»Frage nicht, was das Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst«
»Teilhabe« und doppelte Staatsbürgerschaft müssen praktisch umgesetzt werden
Literatur
Politische Repräsentation von Migranten im Vergleich: Die Rolle von Parteien
Analytischer Rahmen
Migrationsspezifische Befunde
Diskussion
Literatur
Der Stand der Antidiskriminierungsgesetze in Europa
Entwicklungen im Rahmen des Antidiskriminierungsgesetzes
Zehn Jahre nach der RED – Wo stehen wir heute?
Fazit
Literatur
Zugänge zum Arbeitsmarkt und Präsenz in der Gesellschaft – ...
Wer nimmt die Beratung in Anspruch?
Wie wird während des Bewerbungsverfahrens diskriminiert?
Erfahrungen mit (rassistischem) Mobbing am Arbeitsplatz
Diskriminierung zwischen subjektiver Wahrnehmung und empirischer Realität
Begriffe hinterfragen
Die Idee von Diversity am Arbeitsmarkt umsetzen
Rechtliche Grundlagen für Chancengleichheit schaffen
Literatur
Weitere Quellen
Gleichbehandlungspolitik in Deutschland: Ausschluss oder Teilhabe?
Wie kann man handeln?
Lösungsansätze der Antidiskriminierungsstelle
Fazit
Literatur
Migrantische Selbst – und Fremdplatzierungen
Sozialer Einfluss
Gruppennormen und Folgen gesellschaftlicher Statuszuweisungen
Faktische soziale Einflüsse von Minderheiten
Einbezug von Minderheiten
Erklärungen und Empfehlungen
Literatur
Wir sind Stuttgart
Literatur
Wer ist Oldenbürger? Zugehörigkeit von Zuwanderern und Zuwanderinnen aus ...
Literatur
Zugehörigkeit und gesellschaftliche Präsenz von Migranten in Deutschland
Staatsangehörigkeit
Politische Repräsentation
Arbeitsmarkt
Gesellschaftliche Definition des »Fremden« und Identität
Literatur
Die Autorinnen und Autoren
Zugehörigkeit als Schlüssel zur Integration
Ulrich Kober
Die »Ferienlagerexperimente« des türkischen Wissenschaftlers Muzafer Sherif in den 50er Jahren gelten als Klassiker in der Sozialpsychologie (vgl. Fischer und Wiswede 2002: 655 f.; Sherif 1967). Sherif teilte eine Gruppe von elf – und zwölfjährigen Jungen in einem Zeltlager in zwei gleich große, relativ willkürliche Gruppen und diese entwickelten in kürzester Zeit durch gemeinsame Aktivitäten wie Zelten im Wald ein starkes Gruppengefühl. Dann wurden die Gruppen durch Wettkampfspiele wie Fußball oder Seilziehen in Konkurrenzsituationen geführt und es kam zu starken Feindseligkeiten zwischen den Gruppen. Auch gemeinsame Aktionen der Großgruppe in der nächsten Phase konnten diese Aggressionen nicht abschwächen. Das gelang erst durch Aufgaben, die die beiden Gruppen nur gemeinsam lösen konnten.
Diese Experimente zeigen die Bedeutung und Kraft des Zugehörigkeitsgefühls in seiner ganzen Ambivalenz. Dass die Identifikation mit einer Gruppe relativ schnell erfolgt und stabil ist, macht deutlich, wie sehr jeder sich zugehörig fühlen möchte und auf Anerkennung von anderen angewiesen ist. Diese Gruppenzugehörigkeit bzw. soziale Identität scheint jedoch mit einer Abgrenzung von anderen einherzugehen, was wiederum den Zusammenhalt in der größeren Gemeinschaft gefährdet.
Natürlich sind solche sozialpsychologischen Experimente im Mikrobereich nur mit Vorsicht auf reale Situationen oder auf die Makroebene der Gesellschaft insgesamt zu übertragen. Aber die Mechanismen und Ambivalenzen der Zugehörigkeit lassen sich auch in den aktuellen Integrationsprozessen einer Einwanderungsgesellschaft wie Deutschland beobachten.
Fragt man Zuwanderer1 in Deutschland, wie sehr sie sich selbst als Teil der deutschen Gesellschaft sehen, so sagt ein knappes Viertel, dass das »voll und ganz« der Fall sei, ein Drittel sieht das eher so, ein Fünftel bewegt sich im Mittelfeld, knapp 15 Prozent sehen das eher nicht so und knapp fünf Prozent sehen sich »überhaupt nicht« als Teil der deutschen Gesellschaft. Eine Mehrheit von fast 60 Prozent der Migrantinnen und Migranten fühlt sich also eher als Teil der Gesellschaft (Institut für Demoskopie Allensbach 2009).
Es gibt allerdings bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Herkunftsgruppen. Zuwanderer mit türkischen Wurzeln oder aus der ehemaligen Sowjetunion fühlen sich mit rund 52 Prozent weniger zugehörig als andere: Bei den Menschen mit italienischem Migrationshintergrund fühlen sich rund 68 Prozent eher als Teil der deutschen Gesellschaft, bei denen mit spanischem Migrationshintergrund sind es 61 Prozent.
Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Auffällig ist zunächst, dass in der Umfrage das Zusammengehörigkeitsgefühl mit unterschiedlichen Erfahrungen im Umgang mit der Mehrheitsbevölkerung korreliert. So fühlt sich eine deutliche Mehrheit bei den Türkischstämmigen mit 61 Prozent und bei Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion mit 55 Prozent weniger anerkannt als einheimische Deutsche. Bei den Zuwanderern aus Italien sind es nur rund 28 Prozent und bei denen aus Spanien sogar nur 20 Prozent. Sich aufgrund ihrer Herkunft ungerecht behandelt gefühlt haben sich »häufiger« oder »ab und zu« 28 Prozent der Türkischstämmigen und 18 Prozent der Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, während es bei den Menschen mit italienischen Wurzeln nur rund neun Prozent und bei denen mit spanischen Wurzeln nur rund sechs Prozent sind. Je stärker die gefühlte Ablehnung seitens der Gruppe der Einheimischen, umso schwächer die gefühlte Zugehörigkeit zur Gesellschaft in Deutschland bei den jeweiligen Migrantengruppen.
Weitere aufschlussreiche Korrelationen lassen sich in der Umfrage zwischen dem Zugehörigkeitsgefühl und Faktoren wie Geburtsort, Staatsangehörigkeit, Bildung und Sprache sowie Arbeit und soziale Schicht feststellen.
Dass der Geburtsort für die Ausprägung des Zugehörigkeitsgefühls eine Rolle spielt, überrascht nicht. Menschen mit Migrationshintergrund der »zweiten Generation«, die in Deutschland geboren wurden und deren Eltern eingewandert sind, fühlen sich zu rund 79 Prozent »voll und ganz« oder »eher« als Teil der deutschen Gesellschaft. Bei denen, die in den letzten fünf Jahren zugewandert sind, sind es rund 20 Prozent. Je länger also jemand in Deutschland lebt, umso mehr fühlt er sich hier als Teil der Gesellschaft: Die emotionale Verwurzelung in Deutschland nimmt mit der Dauer des Aufenthaltes zu. Das bedeutet natürlich nicht, dass Integration ein automatischer und linearer Prozess und die Entstehung des Zugehörigkeitsgefühls ein Selbstläufer ist. Aber es weist darauf hin, dass das Integrationsklima im Land nicht so schlecht sein kann – wie das Integrationsbarometer des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Migration und Integration (2010) auch belegt.
Betrachtet man in der Umfrage die Korrelation zwischen Zugehörigkeit und Staatsangehörigkeit, so zeigt sich, dass Migranten, die einen deutschen Pass haben, sich mit rund 71 Prozent eher als Teil der deutschen Gesellschaft fühlen als diejenigen ohne deutschen Pass mit rund 50 Prozent.
Weiter spielt Bildung eine wichtige Rolle bei der Zugehörigkeit, vor allem in Bezug auf die Sprachkenntnisse: Diejenigen, die sehr gut deutsch sprechen, fühlen sich zu etwa 82 Prozent eher zugehörig, während es bei denen mit weniger guten Sprachkenntnissen nur rund 20 Prozent sind. Was den formalen Bildungsgrad angeht, so ist das Bild differenzierter: Zwar fühlen sich höher gebildete Migrantinnen und Migranten eher zugehörig als solche mit einfacher Bildung, aber die Werte sind bei denen mit mittlerer Bildung höher (65 %) als bei denen mit Studium (56 %).
Zwischen dem Faktor Arbeit und der Zugehörigkeit gibt es ebenfalls eine ausgeprägte Korrelation: Berufstätige fühlen sich mit etwa 62 Prozent eher als Teil der Gesellschaft als Nichtberufstätige mit rund 53 Prozent. Schließlich sind Unterschiede zwischen den sozialen Schichten auffällig: Migranten aus der gehobenen Schicht fühlen sich zu zirka 75 Prozent als Teil der deutschen Gesellschaft, diejenigen aus der niedrigen Schicht zu rund 37 Prozent.
Diese in der Umfrage festgestellten Zusammenhänge liefern natürlich keine empirisch belegten Erklärungen, geben aber Hinweise auf mögliche Ansatzpunkte, wie die Zugehörigkeit von Zuwanderern zur deutschen Gesellschaft gestärkt werden kann. Die vorliegende Publikation thematisiert deshalb Aspekte rechtlicher, politischer, sozioökonomischer und emotionaler bzw. identifikatorischer Teilhabe, die sich als »Treiber für Zugehörigkeit« erweisen können.
Bei der rechtlichen Teilhabe steht die Staatsangehörigkeit im Fokus: Sie ist die formale Conditio sine qua non für Zugehörigkeit und gleichberechtigte Teilhabe.
Bei der politischen Teilhabe steht die Repräsentation von Menschen mit Migrationshintergrund im Zentrum. Denn sie hat hohe symbolische Bedeutung für die mögliche Identifikation von Zuwanderern mit Deutschland. So zeigten in der Umfrage die türkischstämmigen Zuwanderer einen größeren Optimismus als andere Migranten, wie sich die Lage der Zuwanderer in zehn Jahren darstellt. Etwa 60 Prozent der Menschen mit türkischen Wurzeln meinten, dass Zuwanderer in zehn Jahren mehr wichtige Positionen in Politik und Wirtschaft einnehmen würden – bei den Migranten aus Italien waren es nur rund 48 Prozent, bei denen aus Spanien und der ehemaligen Sowjetunion etwa 40 Prozent. Dieser Unterschied kann möglicherweise mit einem »Cem-Özdemir-Effekt« erklärt werden: Der Vorsitzende der Partei der Grünen zeigt, dass auch Türkischstämmige wichtige Positionen in der Politik besetzen können.
Bei der sozioökonomischen Teilhabe liegt der Fokus auf dem Zugang zu Arbeit. Denn Arbeit ist der Königsweg für die gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung durch die Aufnahmegesellschaft. Wer arbeitet und für sich und seine Angehörigen den Lebensunterhalt verdient, kann sein Leben aktiv selbst bestimmen und am Leben der Gesellschaft partizipieren. Außerdem ist Arbeit in einer expliziten Leistungs – und Arbeitsgesellschaft wie der deutschen mit Anerkennung verbunden.
Zuletzt wird die Frage beleuchtet, wie sich Zuschreibungen durch die Mehrheitsgesellschaft auswirken. Ein stabiles Zugehörigkeitsgefühl bei Migrantinnen und Migranten wird nur dann entstehen können, wenn die »einheimischen« Deutschen die »neuen Deutschen« in ihre Solidargemeinschaft nicht nur rechtlich-formal, sondern auch »gefühlt« aufnehmen. Damit zeigt sich, dass Zugehörigkeit nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für identifikatorische Integration ist: Hinzukommen muss die Zusammengehörigkeit zwischen Einheimischen und Zuwanderern im Sinne einer »dritten deutschen Einheit«, die Armin Laschet, der erste Integrationsminister eines deutschen Bundeslandes, zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer forderte (Laschet 2009).
Kehren wir zurück zu den Experimenten im Ferienlager. Die partikulären Gruppenzugehörigkeiten schwächten sich erst wieder ab, als die Jungen Aufgaben nur in der Großgruppe gemeinsam lösen konnten. Übertragen auf die Integration in Deutschland könnte daraus der Schluss gezogen werden, dass Zuwanderer und Einheimische sich erst dann als zugehörig im Sinne einer Zusammengehörigkeit erfahren werden, wenn sie realisieren, dass sie sich gegenseitig brauchen, um die künftigen Herausforderungen in Deutschland zu bestehen – und das erfahren sie insbesondere vor Ort in den Kommunen. Deshalb wurden in die vorliegende Publikation Beispiele für das gelungene Miteinander in Stuttgart und Oldenburg aufgenommen. Es ist zu erwarten, dass das auf beiden Seiten notwendige Umdenken in Richtung Zusammengehörigkeit durch die demographische Entwicklung im Land beschleunigt wird. Die Erfahrungen in Städten, wo der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund bereits 50 Prozent unter allen Kindern ausmacht, werden dabei wegweisend sein.

Literatur

Fischer, Lorenz, und Günter Wiswede (Hrsg.). Grundlagen der Sozialpsychologie. München und Wien 2002.
Institut für Demoskopie Allensbach. Zuwanderer in Deutschland. Allensbach 2009.
Laschet, Armin. Die Aufsteiger-Republik. Köln 2009.
Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Einwanderungsgesellschaft 2010. Berlin 2010.
Sherif, Muzafer. Group Conflict and Co-operation. London 1967.
Zur politisch-sozialen Integration von Migranten in Nordamerika
Michal Bodemann
Die Formen der Integration von Migrantinnen und Migranten in die nordamerikanische Gesellschaft weisen beträchtliche Unterschiede auf zu Integrationsmodi in Deutschland. Einwanderung in die USA wird gern romantisiert, wie in dieser berühmten Strophe von Emma Lazarus:
Give me your tired, your poor,Your huddled masses yearning to breathe free,The wretched refuse of your teeming shore.Send these, the homeless, tempest-tossed to me:I lift my lamp beside the golden door.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!