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Werkschau E-Book

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Beschreibung

Der Diplomlehrgang Literarisches Schreiben der Schreibszene Schweiz stellt in seiner Werkschau die Resultate elf engagierter Autorinnen und Autoren vor, die sich über eineinhalb Jahre mit dem Handwerk des Schreibens beschäftigten, um es gezielt auf ihr eigenes literarisches Projekt anzuwenden. Entstanden ist ein spannender Einblick in die Vielfalt des literarischen Nachwuchses in der Schweiz.

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Ruth Bollinger

ELSAS ALBEN

Thomas Brodbeck

SÄTZE DRECHSELN

Petra Haas

VERTRAUEN

Manfred Kieber

VERHÄNGNISVOLLE ENTHÜLLUNG

Renate Leukert

HELDENTODE

Isabelle Leutenegger

KURZGESCHICHTEN

Alice Mohn

WAS UNS BLEIBT

Beatrice Portmann

SIE – RHEA

Monica Voldan

DAS TAGEBUCH

Franz-Josef Zepezauer

ELLA

Daniel Zürcher

DIE ABERWITZIGEN REISEN DES JAKOB BRUNNER ZWISCHEN WILLE UND WAHN

Vorwort

Als diese verwegenen elf aufbrachen, wussten sie noch nicht, wo sie ankommen würden. Es war ein Sprung ins Kaninchenloch der virtuellen Realität, und mutig und auf sich selbst gestellt und beherzt behaupteten sie sich zweiundzwanzig Monate lang gegen eigene und fremde Ängste, erlernten die neuen Spielregeln im Wunderland und vertraten ihre Ansichten mit Kühnheit und Respekt. Sie wussten, nur wenn sie schrieben, würden sie da anlangen, wo einst auch ein mutiges kleines Mädchen angelangt war, nämlich sicher zurück zu Hause in ihrem Daheim und der Erkenntnis, wie traurig sie einst gewesen waren mit all ihren Schmerzen und wie fröhlich mit all ihren Freuden in Gedanken an das, was diese zweiundzwanzig Monate des Durchhaltens und des Schreibens ihnen gebracht hatten: dieses Buch.

Elf wunderbare Einblicke in elf kontrastierende Makrokosmen. Eigentliche Einladungen zu Reisen, oder die Hand, die durch den Spiegel reicht, damit Sie, liebe Leserin, lieber Leser, – verwegen, mutig und beherzt –, durch eben diesen Spiegel steigen.

In diesem Sinne: Bon Voyage und sicheres Ankommen in der neu zu entdeckenden Welt!

Schriftstellerin und Lehrgangsleiterin

Michèle Minelli

Ruth Bollinger

ELSAS ALBEN

Biografischer Roman (Leseprobe)

Ruth Bollinger, geb. 1951, lebt in Dekaden:

50er: Grundstudium im Wald. Buch: Heidi

60er: Zwischen Karl May und Karl Marx. Buch: Gedichte von Bert Brecht

70er: Mao. Buch: Proletarisch-revolutionäre Romane

80er: Als Mutter im Leben angekommen. Buch: Jahrestage, Uwe Johnson

90er: Beruf, Tod, Verlusterfahrung. Buch: Krimis von Amanda Cross

00er: Viel Arbeit

10er: Seniorenfreiheit, Lieblingsneffe und Enkeltöchter. Buch: Der Himmel unter der Stadt, Colum McCann

In den Zwanzigern schreibt sie selbst ein Buch.

ELSAS ALBEN

Die junge Frau auf den alten Fotos – das war meine Grossmutter? Die knöchellangen Kleider und rüschenverzierten Blusen und immer einen Hut, das hat sie getragen?

Ich muss mir eingestehen, dass ich von der Frau, die ich als Grossmutter gekannt habe, keine Vorstellung als junges Mädchen habe. Was sind ihre Erwartungen an das Leben gewesen, wovon hat sie geträumt?

Ich will Elsa kennenlernen.

Böhmisch-Trübau, vielleicht 1907

«Else, komm. Wir fahren los.» Elsa hörte den Ruf der Schwester. Sie hüpfte über die Wiese und das Strässchen, das ihr Geburtshaus mit der Hauptstrasse verband. Von den Molchen am Bach hatte sie sich verabschiedet und von den Kaninchen hinter dem Haus – und von der Kindheit. In der Hand hielt sie einen Strauss mit Gänseblümchen, Klee und Günsel.

Sie lief zur Grossmutter, die vor der Küchentür stand, und streckte ihr wortlos die Hand mit den Blumen entgegen.

«Ich werde sie in das Buch legen und pressen, fürs Album. So habe ich ein Andenken an dich», sagte die Grossmutter leise und streichelte dem Mädchen über den Kopf. Elsa blickte sie einige Sekunden ernst an, als wollte sie sich ihr faltiges Gesicht einprägen, dann sprang sie auf dem Strässchen ein paar Schritte zurück und richtete ihren Blick suchend auf den Boden. In der Mitte, zwischen den von Fahrzeugen und Pferdewagen festgefahrenen Mergelbahnen, zog sich ein grasbewachsener Streifen Grün. Dort, halb verdeckt von einem hochgewachsenen Büschel Seggengras, entdeckte sie einen fast runden, grauen Stein, der von zwei weissen Ringen durchzogen war wie mit einer Verzierung.

«Ich nehme diesen mit!», rief Elsa, bückte sich und streckte der Grossmutter, die ihr einige Schritte entgegengekommen war, den Stein entgegen. «Dann habe ich auch ein Andenken.»

Ein Lächeln lief über das Gesicht der Grossmutter, und an dieses Bild würde Elsa ihr Leben lang denken, wenn sie sich an die alte Frau erinnerte. Die liebevollen Augen, der fast zahnlose Mund, den die Grossmutter sonst kaum öffnete, weil ihr ihre Zahnlücken unangenehm waren. Das lächelnde Gesicht erschien Elsa wie ein Geheimnis, das sie miteinander teilten, und das sie nun mitnehmen würde in die fremde Welt.

Elsa wandte sich um und rannte zu den Eltern und Geschwistern, die sich alle schon verabschiedet hatten und auf der Hauptstrasse um den Wagen versammelt standen, auf sie wartend.

Sie kletterte auf die Brücke, der Vater gab dem Pferd mit den Zügeln das Zeichen. Elsa sann darüber nach, ob sie traurig sein müsste.

Aber nein, entschied sie. Ihr Lebensgefühl war Zuversicht und Neugierde. Mit dem Pferdewagen fuhren sie zum Bahnhof. Dort stiegen sie um in die Eisenbahn, die sie nach Neurode bringen würde. In Schlesien. Eine neue Heimat in einem neuen Land.

Recherche I

«Ein Buch! Du willst ein Buch schreiben? Das ist gut!», ruft Marie-Jeanne und blättert in einem alten Fotoalbum, das ich aus dem Nachlass meiner Grossmutter erhalten habe.

«Auf Fotografien halten die Menschen inne», fährt sie nachdenklich fort, «in einem Buch fangen sie wieder an zu leben. – Du», sagt sie ernsthaft, «ich mache mit! Ich helfe dir bei der Arbeit. Das gibt doch eine Menge zu tun.»

Marie-Jeanne Silva habe ich vor ein paar Jahren auf einer Wanderreise kennengelernt. Bald stellten wir fest, dass uns gleiche Interessen verbinden und wir über wesentliche Geschehnisse ähnlich denken. Wir teilen Erfahrungen, die uns ein tiefes gegenseitiges Verständnis anzeigen, auch wenn wir längst nicht immer einer Meinung sind. Marie-Jeanne ist diejenige, die ohne aufdringlich zu sein auch schwierige Themen anspricht, und mich dazu verführt, Geschehen oder Gefühle zu hinterfragen, die ich vielleicht lieber vergessen oder in der Versenkung halten würde. Zwischen uns ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Ich freue mich über ihr Angebot, weil ich weiss, dass sie kritisch und loyal ist.

Marie-Jeanne schaut sich ein Foto der jungen Elsa an. Sie hakt sofort ein mit ihren Fragen:

«Das ist Elsa? Wie alt war sie da, 1913? Sie sieht so schön aus. Diese feinen Züge. Und du hast diese Fotos früher nie gesehen? Was weisst du denn von Elsa, von ihrer Jugend?»

«In unserer Familie wurde kaum etwas aus dem Leben der Grossmutter erzählt. Sie stammte aus der Tschechoslowakei. Sie hat zwei Jahre in Duisburg gelebt. Sie war, bevor sie Grossvater geheiratet hat, bereits einmal verheiratet, mit einem Tschechen, Polack.»

«Polack? War das sein richtiger Name? Oder ein Übername?»

«Nicht einmal das weiss ich genau! Es war einfach kein Thema …»

Ich versinke in eine merkwürdige Stimmung. Die Erinnerung legt sich bleischwer über mich und zieht mich weit weg. Der Vater konnte nicht diskutieren, er führte Monologe. Und das in einem Tonfall, der anzeigte, man solle bloss nicht auf die Idee kommen, eine Frage zu stellen oder eine andere Ansicht zu äussern. Man würde sich selbst blossstellen, wenn man das alles nicht wüsste, was er als bekannt voraussetzte. Am Höhepunkt seiner Ausführungen stand meistens ein Zitat, zum Beispiel von Alfons Meier-Sax, und dann folgte die rhetorische Frage: ‹Kennst du Alfons Meier-Sax nicht?› Das Gegenüber war augenblicklich mundtot. Jedenfalls ich, wenn ich selbst das Gegenüber war. Dabei hatte ich ihn durchschaut, hatte längst gemerkt, dass es seine eigene Angst vor der Diskussion war, die ihn so agieren hiess. Angst vor Ungenügen, Angst vor unangenehmen Fragen. Nur half dieses Wissen nicht, der Mund blieb tot, immer in der schrecklichen Verlegenheit, ob das, was ich sagen wollte, vielleicht ungebührlich war, oder obszön, oder einfach meine Dummheit offenbarte.

Einmal habe ich doch eine Frage gestellt, die die Vergangenheit der Grossmutter betraf. Da antwortete er abweisend, man solle nicht herumgrübeln. Sonst könnten Dinge ans Licht kommen, die man lieber nicht wissen wolle.

«Weisst du», wende ich mich wieder Marie-Jeanne zu, «es scheint da ein Geheimnis gegeben zu haben um Elsa, das vielleicht mit ihrer ersten Ehe zu tun hat. Es wurde nur gesagt, dass ihr Mann, dieser Polack, in die Tschechoslowakei zurückgegangen sei, und sie habe in der Schweiz bleiben wollen. Punkt. Als würde so eine Entscheidung in voller Harmonie getroffen.»

«Hm», sinniert Marie-Jeanne, «für Elsa muss das eine schlimme Entscheidung gewesen sein. Eine Scheidung in jenen Jahren … wann war das eigentlich?»

Mir geht vieles durch den Kopf. In den 60er-Jahren hat die Grossmutter ihren ersten Mann, diesen Polack, besucht, in der Tschechoslowakei, hinter dem Eisernen Vorhang. Mein Vater und sein ältester Bruder Willy waren auf dieser Reise dabei. Auch im Bericht von dieser Reise tönte alles nach gewöhnlichem Verwandtenbesuch. Als sei der Grund für die Trennung damals, vor Jahrzehnten, ganz einfach der gewesen, dass der Mann in sein Heimatland zurückgehen wollte, und die Frau wollte lieber hierbleiben, in Schaffhausen. Als sei es das Normalste der Welt.

Mein Vater, Marcel, war der jüngste von drei Söhnen von Elsa und Konrad, ihrem zweiten Mann. Auch diese Ehe wurde geschieden.

Mir wird plötzlich bewusst, dass mein Vater als kleiner Bub die Scheidung seiner Eltern miterlebt hat, und dass er es wohl wegen der schlimmen Erinnerungen vermied, darüber zu sprechen.

Das sage ich auch zu Marie-Jeanne.

«Ja», bestätigt sie. «Stell dir mal seine Situation vor, in einer Zeit, als Scheidungskinder so stark stigmatisiert wurden. Aus heutiger Sicht ist das Familiengeheimnis vielleicht gar nicht schlimm. Aber für ein Kind damals? Dein Vater hat sich für seine Eltern geschämt, wenn du mich fragst. Und Stillschweigen galt noch lange als die beste Lösung, um über Schwierigkeiten hinwegzukommen. Wie auch immer», gibt sich Marie-Jeanne einen Ruck, «zurück zu den Fakten. Weisst du denn, wann Elsa und Polack geschieden wurden?»

«Konkrete Daten kenne ich nicht. Ich frage mich gerade, wann eigentlich meine Grosseltern geheiratet haben. Ihr ältester Sohn kam 1920 zur Welt, also muss das wohl 1919 oder 1920 gewesen sein. Was ich noch gehört habe, war, dass sie ein Mädchen geboren hat, das aber nicht lange lebte und in Feuerthalen begraben wurde. Ein Bruder ist im Krieg gefallen. Und sie sei Kommunistin gewesen und habe eine kommunistische Kindergruppe geleitet. Einmal habe sie Lenin getroffen und eine Rede von ihm ins Tschechische übersetzt. Das ist alles.»

Und das alles führt zu einer Reihe weiterer Fragen, die ich mir stelle, ohne sie laut auszusprechen:

Elsa ist 1893 geboren. Die Tschechoslowakei wurde 1918 gegründet, bis dahin gehörten Böhmen und die Slowakei zum österreichisch-ungarischen Kaiserreich. Woher stammte Elsa genau? Wann und warum kam sie nach Schaffhausen? Warum hat sie sich scheiden lassen und wie hat sie Grossvater kennengelernt? Wie war das mit der Rede Lenins und was bedeutete das: Kommunistin sein?

«Was hat Elsa in jungen Jahren erlebt?», frage ich noch immer mehr mich selbst als Marie-Jeanne. «Sie ist mit knapp vierzig Jahren eine zweimal geschiedene Frau, Mutter von drei schulpflichtigen Kindern. Sie muss arbeiten, um ihre Familie über die Runden zu bringen, sie ist Kommunistin und Atheistin. Sie hat ein Kind verloren. Ihre Familie lebt fern von ihr, nur ihre Schwester ist ebenfalls in die Schweiz gezogen. Der älteste Bruder ist im Ersten Weltkrieg gefallen.

Wie lebt eine Frau mit all diesen Erfahrungen und Schicksalsschlägen in den 1920er-, 1930er-Jahren in der Schweiz, in der Kleinstadt Schaffhausen? Wie geht sie mit ihrer Situation um? Hatte sie Freunde?»

«Das sind viele Fragen», wirft Marie-Jeanne ein, aber ich hole noch weiter aus. «Wenn sie Lenin begegnet ist, muss das in der Zeit zwischen 1914 und 1917 gewesen sein, als er in der Schweiz im Exil gelebt hat. Dann kam die Revolution in Russland, und er kehrte zurück.»

«War da nicht etwas mit einem Eisenbahnzug? Irgend so etwas hatten wir in der Schule?»

«Genau. Ein Schweizer Kommunist, Fritz Platten, hat diese Reise organisiert. In einem plombierten Eisenbahnwagen fuhr Lenin durch Deutschland, das mit Russland im Krieg stand …»

Marie-Jeanne schaut mich an, als wolle sie Anlauf nehmen.

«Elsa muss das doch alles miterlebt haben! Wie stand sie denn dazu? Wenn sie Kommunistin war, was hat sie gesagt zu dieser russischen Revolution? Ist sie Kommunistin geblieben? Oder ist sie erst wegen Lenin zum Kommunismus gekommen? Stalin, hat sie den unterstützt? Und ihr erster Mann, war der auch Kommunist? Und Konrad, dein Grossvater?»

Ich seufze.

«Jetzt werden mir die Fragen zu viel! Wo sollen wir nur anfangen? Du siehst selbst, wie wenig ich weiss von Elsa.»

Aber Marie-Jeanne gibt nicht auf. Sie sinnt immer nach einem Lösungsansatz.

«Es muss doch irgendwelche Dokumente geben. Todesanzeigen, Ausweise, Pass. Vielleicht ein Nachruf in einer Zeitung. Solche Sachen. Wenn du mal ein paar Angaben hast, gibt es sicher Archive, zum Beispiel bei den Gemeinden, wo du weiter nachfragen kannst.»

Recherche II

Marie-Jeannes ruhige und sichere Ermutigung hat mir neuen Ansporn gegeben.

Ich erinnere mich an eine Schachtel, die ich aus dem Nachlass meines Vater mitgenommen habe und in der alte Ausweise, Fotografien und weitere Schriftstücke aufbewahrt sind. Als Marie-Jeanne am nächsten Tag kommt, suchen wir in meinem Keller, in einem Schrank voller alter Schätze – Schulhefte, Kinderzeichnungen, Fotonegative, Handarbeitsanleitungen – nach der Schachtel mit den Dokumenten.

Hier, das muss sie sein, ich habe sie selbst mit buntem Papier überzogen, vor vielen Jahren. Wir nehmen sie mit nach oben. Es müffelt beim Öffnen. Ich krame in den vergilbten Dokumenten. Fast widerstrebend nehme ich die leinengebundenen, mit Schimmelflecken bedeckten Büchlein in die Hände. Dann die losen Papiere, die in den Falzen schon auseinanderzufallen beginnen.

Ein Halbtaxabonnement klebt im Plastiketui fest, ausgestellt 1975 auf Elisabeth Hoffmann. Ein Schiessbüchlein von Willy, maschinengeschriebene Arbeitszeugnisse in französischer Sprache von ihm, er hat mal in Genf gearbeitet. Über allem dieser Modergeruch. Das Familienbüchlein von Konrad Bollinger. Ich öffne es. Was ist denn das? Im Familienbüchlein meines Grossvaters Konrad ist ein Familienschein für ‹Karl Polák, Schlosser, von Zasmuky, Böhmen› eingeklebt.

Nachdem ich es überflogen habe, reiche ich das Büchlein wortlos an Marie-Jeanne, blicke erwartungsvoll in ihr Gesicht, als sie die beiden Dokumente liest. In ihrer Mimik spiegeln sich meine eigenen Reaktionen.

Staunen, Stirnrunzeln, Strahlen.

«Hey, das sind Informationen! Da haben wir ein ganzes Gerüst mit Daten, aus denen wir eine Menge ableiten können!»

«Und das Rätsel um Poláks Namen ist gelöst! Er heisst wirklich Polák mit Nachnamen», antworte ich beschwingt. «Am besten, wir erstellen eine chronologische Liste. Ich hole das Notebook.»

16. Januar 1886:

Karl Polák wird geboren in Ceperka/Padubitz, Schlosser, von Zasmuky, Bezirk Colin, Sohn des Wenzel Polák und der Anna Lankas.

4. Januar 1893:

Elisabeth Hoffmann wird geboren in Böhmisch-Trübau, von Südkov-Zautke, Mähren, Tochter des Johann Hoffmann und der Maria Rotter.

27. Januar 1913:

Elisabeth Hoffmann heiratet Karl Polák in Schaffhausen.

9. März 1917:

Vlasta Jaroslava, Tochter von Elsa und Karl, wird in Feuerthalen geboren und stirbt am 14. April 1917.

26. September 1920:

Elsas Sohn Willy wird geboren.

5. Oktober 1921

Elsas Sohn Walter wird geboren.

15. Dezember 1921:

Die Ehe von Elisabeth Hoffmann und Karl Polák wird vor dem Gericht in Bistrici, Tschechoslowakei, geschieden.

7. Dezember 1922:

Elisabeth Hoffmann heiratet Konrad Bollinger. Willy und Walter sind als aussereheliche Knaben der Elisabeth Hoffmann geschiedene Polák aufgeführt. (Legitimiert als eheliche Söhne von Elisabeth Hoffmann und Konrad Bollinger am 9. Dezember 1922.)

Die Geburtsjahrgänge meiner beiden Onkel kenne ich. Aber zum ersten Mal realisiere ich, dass meine Grosseltern erst ein bzw. zwei Jahre nach der Geburt der beiden Kinder heirateten. Auch Marie-Jeanne ist die Reihenfolge der Daten aufgefallen. Sie zögert, sucht offensichtlich nach einer Formulierung:

«So knapp aufeinanderfolgende Geburts-, Scheidungs- und Heiratsdaten. Könnte das bedeuten …?» Sie rekapituliert: «Die Ehe von Elsa und Karl wurde 1921 geschieden. Die Söhne Willy und Walter wurden 1920 und 1921 geboren. 1922 hat sie Konrad geheiratet.»

«Vielleicht ist das dieses Geheimnis, auf das mein Vater angespielt hat, ich habe dir davon erzählt. Willy könnte demnach ein Sohn von Polák gewesen sein, vielleicht auch Walter?», antworte ich nachdenklich. «Oder Elsa hatte ein Verhältnis mit Konrad und wurde schwanger?»

«Und Polák hat daraufhin die Scheidung eingereicht und ist zurück nach Böhmen?», spekuliert Marie-Jeanne.

Diese Datenfolge lässt uns keine Ruhe. Ich erinnere mich an eine Bemerkung meines Vaters, Elsa habe mit ihrem ersten Mann in Feuerthalen gewohnt. Ich wende ich mich daher an die dortige Gemeindekanzlei mit der Anfrage, wann und wohin sich Karl Polák abgemeldet hat. Umgehend trifft die entscheidende Information ein: Polák hat die Schweiz am 1. Oktober 1919 verlassen.

Die Söhne sind somit definitiv nicht von ihm, denn Willy ist erst im September 1920 zur Welt gekommen. Die nahe aufeinanderfolgenden Daten führen aber zu vielen weiteren Fragen. Warum wurde die Ehe in Böhmen geschieden und nicht in der Schweiz? Wann hat Elsa Konrad kennengelernt? War er der Grund für die Scheidung? Was war das für eine Ehe, die Elsa mit zwanzig Jahren eingegangen ist?

Duisburg, 1909

Elsa sass am Küchentisch und versuchte im Schein der Petroleumlampe, ihrer Freundin Martha in Neurode einen Brief zu schreiben.

Vor Kurzem war sie mit den Eltern und den Geschwistern Mařie, Johann und Willy hierher nach Duisburg gezogen. Der Vater hatte in Schlesien seine Arbeit verloren. Kutscher war er gewesen. Aber Kutscher brauchte es kaum mehr. Im Ruhrpott, wo grosse Industriebetriebe im Entstehen waren, wurden Arbeitskräfte gesucht. Einmal mehr hatten sie ihre Heimat verlassen und waren in eine unbekannte Gegend aufgebrochen.

«Jetzt werden wir eben Brieffreundinnen!», hatte Martha beim Abschiednehmen insistiert, «du musst mir immer schreiben, wie es dir geht, und ich schreibe dir auch und erzähle dir alles über unsere Schulkameradinnen.» Martha hatte Wort gehalten und ihr geschrieben, dass sie auf Berta böse sei, und Anna sei schon eine Braut. Und wie es ihr, Elsa, ergehe, in der neuen Heimat? Ob sie schon Freundinnen gefunden habe, oder vielleicht einen jungen Herrn?

Elsa musste lächeln. Erst wenige Wochen war sie weg von Neurode, und doch waren ihr die Mädchen recht fremd geworden.

Was sollte sie Martha antworten? Früher hatte sie sich kaum Gedanken darüber gemacht, warum man fortging von einem Ort. Sie war fasziniert gewesen, etwas Neues zu erleben. Doch mit ihren sechzehn Jahren begann sie sich dafür zu interessieren, warum man sein Leben veränderte. Sie verschonte Vater und Mutter nicht mit ihren Fragen. Gerade gestern war sie sehr impulsiv geworden: «Warum mussten wir Neurode verlassen und hierher nach Duisburg ziehen, wenn es dir in der Grossstadt so gar nicht gefällt?», hatte sie heftig ausgerufen. Der Vater wollte sie unwirsch zurechtweisen, doch unter den Blicken seiner Frau und ihrer sanften Bemerkung: «Elsa ist kein Kind mehr», begann er stockend zu erklären, warum er gezwungen gewesen war, den Wohnort zu wechseln. Zuerst hatten sie Böhmen verlassen müssen, dann auch Schlesien.

In Böhmen, das zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte, waren es die nationalen Konflikte gewesen, die den Eltern das Leben schwergemacht hatten.

Obwohl sie tschechisch sprachen und sich als Tschechen fühlten, waren sie mit ihrem deutschen Namen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, oder dem Vater wurde unter fadenscheinigen Begründungen eine Anstellung verweigert. Als Sozialdemokrat hatte er ausserdem innere Konflikte auszutragen, da die Fragen sozialer Gerechtigkeit, die für ihn eine Herzensangelegenheit waren, zunehmend verdrängt wurden von nationalistischen und sogar antisemitischen Strömungen, die immer wieder zu neuen Streitigkeiten und politischen Splitterorganisationen geführt hatten. Es wurde versucht, Druck auf ihn auszuüben – dagegen wollte er gar nicht erst ankämpfen. Die konfliktreiche politische Situation hatte ihn schliesslich so angewidert, dass er beschlossen hatte, Böhmen zu verlassen und sich in Schlesien niederzulassen. In Neurode hatte er eine Anstellung als Kutscher innegehabt. Aber dann hatte ihn die radikale Veränderung des Verkehrswesens um seine Arbeit gebracht. Eisenbahnen und sogar Automobile bestimmten die Transportmöglichkeiten der Menschen. Wer brauchte da noch einen Kutscher?

So waren sie schliesslich nach Duisburg gekommen.

Elsa drehte ihren Federhalter hin und her. Was konnte sie Martha über all das schreiben? Dass sie jetzt lieber Zeitungen las und das Grossstadtleben sie mit ganz anderen Menschen in Verbindung brachte als mit solchen, die sie von Neurode her kannte? Sie fand kaum für sich selbst die passenden Worte für ihre Gedanken. Noch schwieriger fand sie es, einen Brief zu formulieren. Schliesslich brachte sie einige langweilige Sätze zu Papier, dass es ihr hier gefalle und sie viel Neues kennenlerne. Sie war mit sich nicht zufrieden und verschloss lustlos den Brief mit einer hübschen Klebemarke. Dann löschte sie die Petroleumlampe und ging hinüber in ihre Kammer.

Recherche III

«Gibt es keine Briefe von Elsa, oder Tagebücher?» fragt Marie-Jeanne beim nächsten Treffen.

«Ich habe nur ihre Fotoalben. Leider lässt die Ordnung darin zu wünschen übrig. Eine chronologische Reihenfolge ist das nicht, eher ein Durcheinander. Manchmal sind die Bilder beschriftet, aber längst nicht immer. Manchmal wurde wohl ein Foto herausgenommen und an einer anderen Stelle eingefügt. Hier steht zum Beispiel ‹Lola Linhart›. Kein Foto dabei. Doch es klingt etwas an bei mir. Als hörte ich Grossmutter den Namen aussprechen. Aber in welchem Zusammenhang?»

Die beiden ältesten Alben, die ich besitze, sind Steckalben, wie sie im 19. Jahrhundert und bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges benutzt wurden. Bei dem einen bestehen die Seiten aus doppelt zusammengefügtem Karton, wobei auf jeder Seite ein bis vier Aussparungen gestanzt sind, in welche die Fotografien eingeschoben werden. Das andere Album besteht aus etwas dünneren Kartonseiten. Dort, wo die Fotos eingesteckt werden, sind bei jeder Ecke zwei diagonale Schlitze in den Karton gestanzt worden, sodass ein Steg entstand, der die Fotografie festhält. Die Stege sind teilweise eingerissen und die Seiten schon ganz abgegriffen.

«Das ist eine raffinierte Machart, mit diesen Schlitzen», sagt Marie-Jeanne, nimmt mir das Album aus der Hand und blättert weiter.

«Ansichtskarten. Gotthardpass, mit Murmeltier. Eine Tessinerin mit Zoccoli an den Füssen, handkoloriert.» Marie-Jeanne lächelt ein bisschen arrogant. Ich nehme das Album wieder an mich.

«Hier kommen nur noch Ansichtskarten. Berge, Seen, Stadtansichten. Wohl aus den Vierziger-, Fünfzigerjahren. Das können wir uns einstweilen sparen», bestimme ich und zeige auf ein Bild, auf dem sechs erwachsene Menschen um eine sehr alte Frau gruppiert sind.

«Das ist das älteste Foto.»

‹Grossmutter im Kreise ihrer Kinder›, ist unter dem Bild notiert, und bei den einzelnen Personen die Namen: ‹Margarete Rotter› – das ist Elsas Grossmutter –, ‹Mutter, Leo, Fanny, Berta, Anna, Hugo›.

Marie-Jeanne schaut auf und fragt sinnend:

«In welche Zeit zeigt die Fotografie wohl zurück?»

«Margarete Rotter könnte in den Dreissiger- oder Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts geboren sein», antworte ich und krame innerlich meine Geschichtskenntnisse zusammen.

Wo hat sie gelebt? Was hat sie erlebt? Hat ihre Familie die Wirren der 1848er-Revolution miterlebt? Ob es weitere Nachkommen von Margarete Rotter gibt, irgendwo auf der Welt?

Recherche IV

Um die alten Alben zu schonen, fotografiere ich die Seiten und nehme dann die Bilder aus den Alben heraus, um sie einzeln zu fotografieren und mir die Rückseite anzusehen. Nicht wenige Fotografien waren als Postkarten verschickt worden, die meisten an Elsa adressiert. Viele sind in tschechischer Sprache geschrieben, und diese stammen fast alle von Josef und Lola Linhart. Wieder dieser Name. Da scheint eine enge Beziehung bestanden zu haben. Eine Erinnerung steigt in mir auf.

Erinnerung: 1968, August

Panzer rollen durch Prag. Sowjetische Panzer. Die Hoffnungen sind zerstört. Plötzlich hallen mir die Parolen im Ohr: Dubček, Svoboda. Dubček Svoboda!!! Auch an der Kantonsschule hatten wir demonstriert und diese Parole gerufen.

Das Telefon schellt. Vater nimmt den Hörer ab. Grossmutter. Sie habe Besuch, sie wollen vorbeikommen. Mein Bruder und ich schauen immer wieder aus dem Fenster. Es dauert nicht lange, da fährt ein Auto vor, langsam, als würde der Fahrer etwas suchen. Dann hält er bei uns an. Grossmutter steigt aus und klappt die Rückenlehne des Vordersitzes nach vorne, damit die hinten sitzende Frau auch aussteigen kann. Auf der anderen Seite ist der Fahrer ausgestiegen und ein zweiter Mann.

«Das ist der Jaro», sagt mein Bruder, und ich erinnere mich, dass dieser Jaro schon einmal zu Besuch war bei uns, mit seiner Frau und einem Sohn. Er lebt in der Tschechoslowakei. Er heisst mit Nachnamen Cimrman und ist der Sohn von Freunden aus Grossmutters Jugendzeit. Ich muss grinsen, weil mir einfällt, dass Grossmutter einmal einen Wellensittich hatte, der auf den Namen Jaro hörte.

Es stellt sich heraus, dass Jaro einen Freund über die Grenze gebracht hat. Der Freund heisst Pepi Lienhard, seine Frau Anica.

Pepi erzählt, er spricht tschechisch, Jaro übersetzt. Alle hörten wir gebannt zu, die Spannung in der Luft, ich kann sie fast wieder fühlen. Doch vom Inhalt der Erzählung sind mir nur Bruchstücke in der Erinnerung haften geblieben. Pepi und Anica ist im letzten Moment die Flucht aus der Tschechoslowakei gelungen, nachdem die Sowjetunion einmarschiert ist, um die Dubček-Regierung zu stürzen. Diese wollte Reformen im Land durchsetzen, ‹Demokratischer Sozialismus›, das war die Losung. Pepi Lienhard hatte beim staatlichen Radio gearbeitet und sich vermutlich kritisch über die SU geäussert. Jedenfalls war sein Name auf einer schwarzen Liste der Sicherheitsbehörde aufgeführt. Einer seiner Freunde hatte Zugang zu dieser Liste und warnte ihn umgehend. Jaro hatte ihnen seine Hilfe zugesichert, und Pepi und Anica zögerten keine Sekunde, das Land zu verlassen.

Aus Jaros Erzählung ist mir die starke, bildhafte Erinnerung geblieben, wie die sowjetischen Panzer direkt vor seinem Haus vorbeirollten und sein kleiner Sohn danach nur noch Panzer zeichnete.

Pepi und Anica Lienhard blieben in der Schweiz. Es gibt Fotos von ihnen aus den 70er-Jahren. Was hat dieses Paar zu tun mit der Lola Linhart in Elsas Album?

Duisburg, Herbst 1911

Elsa ging mit langsamen Schritten durch den Lerchenweg. Sie trat auf das trockene Laub, das zentimeterhoch auf dem Gehsteig lag, sodass die gelben und braunen Blätter raschelnd herumwirbelten. Wie als Kind, dachte sie. Ich freue mich über das Rascheln der trockenen Blätter immer noch wie früher. Als Mařie und ich nicht genug bekommen konnten vom Herumhüpfen in den dicken Laubschichten, die sich auf der Erde sammelten. Elsa war auf dem Heimweg von der kleinen Textilfabrik, wo sie den ganzen Tag gearbeitet hatte. Seit Kurzem bewohnte sie ein eigenes Zimmer. Zur Untermiete, bei Fräulein Bifang.

Elsa öffnete die Haustür und trat in den düsteren Korridor. Ohne etwas Bestimmtes zu erwarten, nahm sie die Post aus dem verbeulten Briefkasten. Doch da, diese fremdländische Briefmarke kannte sie mittlerweile. Eine Karte von Karel!

Ihre Familie hatte noch nicht lange in Duisburg gelebt, als der Vater einem Verein von Ausland-Tschechen beigetreten war. Elsa und Mařie hatten damals auch an den Versammlungen des Vereins teilgenommen. Am liebsten waren ihnen die Tanzveranstaltungen und Karnevalsfeiern.

Beim Tanzen hatte Elsa Karel kennengelernt, der sich bald heftig um sie bemühte. Sie liess es sich gerne gefallen.

Dieses Frühjahr war er dann aber abgereist in die Schweiz, um an der Hochzeitsfeier seiner Schwester teilzunehmen.

Schaffhausen war eine kleine Stadt am Rhein, fast noch in Deutschland gelegen. Dort lebte seine Schwester Luise, mit Mann und Kind. Karel hatte Elsa im Sommer euphorisch geschrieben, dass er mit seinen Verwandten einen Ausflug nach Konstanz gemacht hatte. Mit Tränen in den Augen sei er vor dem Denkmal des grossen tschechischen Nationalhelden Jan Hus gestanden.

Als er für kurze Zeit zurückgekommen war nach Duisburg, hatte er ihr seinen Entschluss mitgeteilt, in die Schweiz zu übersiedeln. Zu seiner Schwester und ihrem Mann, einem Redaktor, der für eine Organisation von Ausland-Tschechen arbeitete. Der würde ihm auch eine Arbeit besorgen, und so könnte er sich in den Dienst des tschechischen Volkes stellen und gegen die Habsburger Monarchie kämpfen. Karel war ein leidenschaftlicher Mensch, jedenfalls was seine nationalen Gefühle betraf. Wie stand es mit der Liebe? Von Liebe hatte er auch gesprochen. Zwar in pathetischen Phrasen, bei denen Elsa nie sicher war, ob er sie nicht in einem Abenteuerroman gelesen hatte. Und doch hatte er angedeutet, dass er für sie beide eine gemeinsame Zukunft sehe. Dass Elsa ihm so bald als möglich nach Schaffhausen nachfolgen sollte …

Und sie? Was wollte sie? Elsa barg mit ihren achtzehn Jahren eine grosse Kraft und Lebenslust in sich, und die Welt wartete darauf, dass sie diese Kraft mit ihr teilte, sie spürte es!

Der Vater war seit einiger Zeit immer unzufriedener und strenger geworden und hatte gefordert, dass sie und Mařie endlich auf eigenen Beinen stehen und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen sollten. In Duisburg war das Brüderchen Leo zur Welt gekommen. Vater hatte zwar eine Anstellung in einem Industriebetrieb gefunden, aber der Lohn war klein und in seinem Alter musste er zufrieden sein, überhaupt eine Arbeit zu haben. Die erwachsenen Töchter wollte er nicht länger miternähren müssen. Mařie hatte deshalb eine Anstellung als Köchin angenommen und war nach Krefeld gezogen. Und Elsa arbeitete als Weberin in einer Textilfabrik. Sie wollte dem Vater beweisen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen konnte! Eine Zukunft mit Karel war eine Möglichkeit. Zuerst war es nur eine verschwommene Phantasterei von ihr gewesen, die sie sich insgeheim ausmalte. Ob sie verliebt war? Das wollte sie gar nicht so genau wissen, wahrscheinlich hätte es auch ein anderer Mann sein können. So ein Flügelschlagen im Bauch wie damals in Neurode, wenn ihr unversehens der blondlockige Josef auf der Strasse begegnet war, und sie kein Wort herausbrachte vor Scheu, so einen Zustand fühlte sie jedenfalls nicht. Aber Karel, der hatte nicht lockergelassen. Jeden Samstag hatte er sie zum Tanz eingeladen oder sogar in ein Lichtspieltheater. Das war Grossstadtleben! Das war Aufbruch, eine neue Zeit. Das Lebensgefühl, von dem sie erfasst wurde, war auch geprägt von politischen Zukunftsvisionen, mit denen Elsa sich je länger je mehr beschäftigte.

Die Grossstadt bot nicht nur Zerstreuungen, Musik, Lichtspieltheater, pulsierendes Leben in den Strassen. Elsa verschloss auch nicht die Augen vor der Not der Menschen. Die beengten Verhältnisse der Eltern, die riesigen Massen von Industrie- und Bergwerksarbeitern, die Wohnungsnot und die schlimmen hygienischen Verhältnisse, die man nicht nur sehen, sondern auch riechen konnte, hatten ihr Interesse für das politische Geschehen geweckt.

Sie las nun vor allem die Zeitungen der Sozialisten. August Bebel, Karl Kautsky, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin. Sprang ihr beim Blättern in der Niederrheinischen Arbeiterzeitung einer dieser Namen ins Auge, wurde sie wie von einer magischen Kraft angezogen. Sie las den Artikel wieder und wieder, bis sie sicher war, dass sie ihn verstanden hatte. Elsa und Mařie, die an ihrem freien Abend von Krefeld herüberkam, hatten sich mit einer Gruppe junger Arbeiter und Arbeitermädchen angefreundet, die sie in einem Tanzlokal trafen. Karel war oft dabei gewesen und Petar, ein junger Arbeiter, der Mařie schöne Augen machte, wie man so sagte. Elsa neckte Mařie, indem sie sie fragte, wessen Augen eigentlich schöner waren: die von Mařie oder die von Petar. Die Schwestern liessen sich von ihren Tänzern herumwirbeln, lachten und scherzten, bis ihnen fast der Atem ausging. Nachdem sie aber erhitzt und erschöpft an ihren Tisch zurückkehrten und mit verstohlenen Blicken feststellten, dass kein verdächtiger Geselle in der Nähe war, dominierte für eine Weile ein ernsthaftes Thema ihr Gespräch.

Wenn Elsa Petar etwa sagen hörte: ‹Der Alte hat es wieder einmal auf den Punkt gebracht auf dem Parteitag. Habt ihr seine Rede gelesen?›, dann spitzte sie die Ohren, um kein Wort der Diskussion zu verpassen. ‹Der Alte›, das hatte sie mitbekommen, das war August Bebel, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei. In einem der Tanzlokale, die sie besuchten, hing sein Porträt an der Wand. Für den Wirt war das nicht ungefährlich. Einmal war Elsa dabei gewesen, als er von der Polizei kontrolliert und rüde schikaniert wurde. Man musste höllisch aufpassen, wenn das Gespräch sich politischen Themen zuwandte.

Als Karel dann weggezogen war nach Schaffhausen, hatte sie sein Zimmer übernehmen können, in der Lerchenstrasse.

«Und Elsa! Du kommst mir nach, versprochen? Ich kann es nicht lange aushalten ohne dich!»

Eine Antwort hatte er nicht abgewartet. Für ihn war die Sache klar. Und jetzt schrieb er ihr diese Karten, die durchblicken liessen, dass ihre gemeinsame Zukunft für ihn schon eine Selbstverständlichkeit war.

Während sie die Treppe hochstieg in ihr Zimmer, rasten ihre Gedanken. War Karel ihre Liebe? Oder war er einfach die Möglichkeit, einen neuen Weg zu gehen? Vor ihr lag das Leben mit all seinen Verheissungen.

Von Josef hatte sie nichts mehr gehört, seit sie in Duisburg lebte.

Recherche V

«Wer ist Josef? Ich habe von ihm überhaupt noch nie etwas gehört!» Marie-Jeanne tönt entrüstet.

«Josef Schier. Schau, dieses Foto. Einfach nur dieses eine Foto, mit dem Namen und der Jahreszahl. 1909. Es wurde in Neurode aufgenommen. Er könnte ein Jugendfreund von Elsa gewesen sein. Ein junger Mann, von dem sie heimlich träumte. Der aber aus ihrem Leben wieder verschwand. Ich weiss nichts über ihn.»

«Und Karel in Duisburg? Hast du das erfunden? Oder wie kommst du darauf, dass Elsa ihn in Duisburg kennengelernt hat? Und warum nennst du ihn jetzt Karel? Im Familienschein stand doch ‹Karl›!?»

«Ich habe dir noch nicht alles erzählt, was ich seit unserem letzten Treffen herausgefunden habe. Ich habe die Fotos aus den Alben genommen und fotografiert. Ein Foto ist auf der Rückseite beschriftet: ‹Karel›. Ich habe mich entschieden, für das Buch diesen Namen zu verwenden, obwohl in den Dokumenten und auch auf den Fotos verschiedene Varianten verwendet werden. Karl, Carl, Karel.»

«Aber was ist mit Duisburg?», fragt Marie-Jeanne ungeduldig.

«Ich habe die tschechischen Texte auf den Rückseiten der Fotos übersetzen lassen. Viele wurden als Postkarten versandt. Und jetzt kommts: Karel hat Elsa eine Karte aus Schaffhausen nach Duisburg geschickt, und darin fragt er, wie es ihr in seiner früheren Wohnstube gefällt!»

Marie-Jeanne strahlt und streckt mir ihre beiden erhobenen Daumen entgegen.

«Das ist doch ein Erfolg!», ruft sie. «Und jetzt? Fährt Elsa nach Schaffhausen?»

Reise, März 1912

Der Rauch, der aus dem Heizkessel der Lokomotive den Weg durch den Kamin ins Freie fand, wurde durch den starken Regen sogleich niedergedrückt und zog in schmutzig-weissen, russigen Schwaden am Fenster vorbei.

Vor Stunden war Elsa in Duisburg in den Zug gestiegen, um einem neuen Abschnitt in ihrem Leben entgegenzufahren. Alle waren sie zum Bahnsteig gekommen, um Abschied zu nehmen. Mutter, Vater, Johann, Willy und Mařie mit dem kleinen Leonžek auf dem Arm, der ihr seine versabberten Patschhändchen ins Gesicht gedrückt hatte. Mutters Umarmung war ungewohnt fest gewesen.

«Bleib du selbst, Else», hatte sie gemurmelt, «und wenn du Sorgen hast, ich bin für dich da.» Als wüsste sie schon alles über das Frauenleben, das auf Elsa wartete.

Sie spürte Tränen aufsteigen, aber sie wollte jetzt nicht wehmütig sein. Sie war die neunzehnjährige Elsa auf der Fahrt in die Zukunft.

Sie hatte eine neue Gedankenwelt kennengelernt und einen Mann, von dem sie sich versprach, dass er ihr Gefährte sein würde. Wie würde ihr neues Leben aussehen? Vorstellen konnte sie sich das noch nicht. Aber für sie war Zukunft verbunden mit den Ideen der Sozialisten für eine gerechtere Gesellschaft. Eigentlich bin ich eine Sozialistin geworden, dachte sie, nur wusste sie noch nicht, was eine Sozialistin tat, wie sie lebte. Zum Beispiel diese Rosa Luxemburg, die neben August Bebel zu den bekannten Führern der Sozialdemokratie gehörte. Die schrieb mit spitzer Feder scharfsinnige Artikel zum Internationalismus der Arbeiterbewegung. Elsa war besonders beeindruckt von der Idee, dass sich die Arbeiterklasse nicht durch die nationalen Grenzen trennen lassen sollte. ‹Die Arbeiter haben kein Vaterland!› Diese Losung wollte sie sich merken.

Rosa. Hatte sie nicht auch in der Schweiz gelebt? Und August Bebel, der grosse, alte Sozialistenführer, wohnte der nicht in Zürich? Ist das vielleicht auch ein Grund, weshalb mich dieses Land anzieht? Elsa mochte diesem Gedanken jetzt nicht weiter nachgehen.

Die junge Reisende war schläfrig geworden und verschwitzt von dem feuchten Klima im Abteil. Die lange Fahrt und das unwirtliche Wetter draussen liessen Ungeduld aufkommen. Ohne an etwas zu denken, verfolgte sie die Wassertropfen, die an der Scheibe entlang nach unten rannen, manchmal rhythmisch, dann wieder in ruppigen Bewegungen, wenn der Wind sich ihrem Lauf entgegensetzte, als wollte er für Abwechslung sorgen auf der eintönigen Reise. Tief hingen die Wolken, sodass Elsa fast nichts wahrnahm von der Gegend, durch die sie fuhr, und auf die sie sich mit gespannter Neugierde gefreut hatte. Vielleicht ein wenig grüner war es geworden, vielleicht war der Horizont ein wenig näher gerückt. Hügel habe es hier, hatte Karel geschrieben, es erinnere einen an Böhmen. Aber Elsa fuhr nicht zurück nach Böhmen. Was würde sie erwarten am neuen Ort? Wer würde sie erwarten? Der Zug hielt einige Zeit an der Grenze, bald würde sie an ihrem Ziel ankommen. Schaffhausen hiess das Städtchen. In der Nähe lag der berühmte Rheinfall. So weit war sie gefahren seit Duisburg, und wieder sollte sie am Rhein wohnen. Würde sie wieder mit Karel am Ufer sitzen und auf das träge dahinfliessende Wasser hinausschauen? Oder floss hier das Wasser gar nicht träge, so nahe bei den Bergen? Am Rheinfall sicher nicht, da gischtet und spritzt es sicher fürchterlich!, dachte sie und war plötzlich voller Vorfreude. Sie stand auf, streckte sich, bewegte ihre Arme, die ganz klamm geworden waren, liess ihren Rumpf ein wenig kreisen. Das tat gut nach dem langen Sitzen, sie spürte, wie die Lebendigkeit zurückkam. Sie zog ihren Mantel an und setzte den Hut auf.

«Steigen Sie auch aus, Fräulein? Ist das Ihr Koffer? Darf ich Ihnen helfen?», fragte ein freundlicher Mann. Elsa war dankbar, dass er ihren Koffer von der Gepäckablage herunterhievte und zur Tür schleppte.

Recherche VI

«Sensation!», rufe ich ins Telefon. Es ist sieben Uhr morgens, Marie-Jeanne hat sicher noch nicht mal Kaffee getrunken. Aber ich habe wenigstens bis am Morgen gewartet mit dem Anruf, nachdem ich von einem intensiven Recherchetag spät nach Hause gekommen bin und kaum ein Auge zubekommen habe.

«Das muss aber etwas Aussergewöhnliches sein. Sonst nehme ich dir das übel. Ich bin gerade aus der Dusche gerannt und musste zuerst mühsam das Handy aus der Handtasche kramen», sagt Marie-Jeanne vorwurfsvoll.

«Hör mal zu! Ich bin in der Zentralbibliothek auf eine Lizenziatsarbeit gestossen, mit dem Titel: ‹Die Schweiz und die tschechoslowakische Auslandaktion während des Ersten Weltkrieges›!»

«Super. Das ist genau, was wir brauchen!», ruft jetzt auch Marie-Jeanne. «Eine Verbindung zwischen der Schweiz und der Tschechoslowakei, und das zur Zeit des Ersten Weltkrieges, der Zeit also, da Elsa in die Schweiz kam!»

«Das ist noch nicht alles!»

Unnötig laut rufe ich ins Telefon: «Ich habe das Linhart-Geheimnis gelüftet!» Als befänden wir uns in einem Roman von Alexandre Dumas.

Dann fasse ich das Highlight der Lektüre zusammen, auf die ich bei der Recherche aufmerksam wurde. Ich traf nämlich wieder auf diesen Namen: Ein Josef Linhart war in Schaffhausen Präsident des Hus-Vereins. In den 1910er-Jahren.

Und ohne auf eine Reaktion von Marie-Jeanne zu warten, erzähle ich weiter von Jan Hus, dem grossen Reformator aus Prag. Er hatte gegen den Ablasshandel gepredigt. Für die Teilnahme am Konzil in Konstanz 1415 war ihm freies Geleit zugesichert worden, trotzdem wurde er festgenommen und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Für die Tschechen ist er ein Nationalheld geworden, daher beziehen sich die Ausland-Tschechen auf ihn, unabhängig von ihrer Religion.

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand eine Bewegung, die ursprünglich mehr Autonomie der böhmischen Kronländer unter der österreichisch-ungarischen Monarchie verlangte. Nach dem Ausbruch des Krieges setzte sie sich aber für eine totale Loslösung und einen unabhängigen Staat ein. Tomas G. Masaryk, der 1918 erster Präsident der Tschechoslowakischen Republik wurde, war der Kopf dieser Bewegung. 1914 musste er aus Prag fliehen und gründete die tschechoslowakische Auslandaktion, die er von Genf aus leitete. Die Organisation hatte Verbindungen zu Politikern in Prag, musste diese aber geheim halten, da sie von der österreichischen Staatspolizei verfolgt wurde.

Josef Linhart aus Schaffhausen gehörte dieser Organisation an. Und eine Frau Linhart überbrachte geheime Nachrichten nach Prag, eingenäht in ihren Mantelknopf. Sie wurde aber verraten und verhaftet.

«Der Vorfall ging als Knopf-Affäre in die Geschichte ein», fahre ich fort. «Bist du jetzt sprachlos? Ich höre dich gar nicht mehr! Also ich bin sicher, dass das unsere Linharts sind.»

«Ich bin tatsächlich sprachlos …»

«Es geht noch weiter», sage ich trocken, obwohl ich innerlich triumphiere: «Ich war noch in Schaffhausen im Stadtarchiv und konnte das Eheregister aus dem Jahr 1911 einsehen. Luise Linhart hiess ledig Polák und ist die Schwester von Karel! Lola!»

Marie-Jeanne muss diese Information wohl auch erst verdauen. Hörbar atmet sie aus, fast ein leises Pfeifen.

«Endlich haben wir die Verbindung von Elsa zu diesen Linharts entdeckt. Sie hat auch nach der Scheidung jahrelang mit Lola und Josef korrespondiert», stelle ich immer noch aufgeregt fest.

Marie-Jeanne meint nachdenklich:

«Das muss eine bemerkenswerte Frau gewesen sein, diese Lola.»

«Die übrigen Informationen, die ich im Stadtarchiv gefunden habe, sind ebenfalls ergiebig: Elsa hat bei ihrer Ankunft in Schaffhausen bei Rudolf und Scholastika Cimrman gewohnt, am Münsterplatz. Rudolf stammte auch aus Böhmisch-Trübau wie Elsa und ihre Familie. Vielleicht haben sich die Familien von früher gekannt? Jetzt ist mir auch klar, woher der merkwürdige Name ‹Skoli› stammt, der in den Fotoalben einige Male auftaucht. Es ist die Kurzform für Scholastika. Diese beiden waren die Trauzeugen von Elsa und Karel, als sie 1913 geheiratet haben. Und es sind die Eltern jenes Jaro, von dem ich dir schon erzählt habe, der 1968, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, das Ehepaar Pepi und Anica Linhart in die Schweiz gebracht hat.»

«Dann war dieser Pepi ein Sohn von Josef und Lola Linhart?»

«Ja. Offenbar waren die Linharts und die Cimrmans, oder Zimmermanns, eng befreundet, als sie in Schaffhausen lebten. Und sie wurden auch Elsas beste Freunde.»

Ankunft in Schaffhausen, 12. März 1912

Der Zug hielt, der Schaffner öffnete die Tür. Elsa kletterte die drei Stufen hinunter, der Mann, der ihr mit dem Koffer geholfen hatte, stellte ihn neben sie, verabschiedete sich und wünschte ihr einen schönen Aufenthalt.

Elsa schaute sich um. Mit ihr waren viele Leute ausgestiegen, andere warteten, bis sie einsteigen konnten. Aber dort! Diese kleine Gruppe, dort war Karel, hob die Hand, winkte, kam auf sie zu.

«Elusko, endlich bist du da!» Er strahlte über das ganze Gesicht, umarmte sie, drückte sie an sich. Sie spürte eine Wärme, seine Wangen an ihrem Gesicht, Küsse auf ihren Wangen, ihren Augen, er küsste sie auf den Mund.

«Elusko, Elschen, meine Geliebte!»

Karel hielt sie eine Armlänge von sich und schaute sie an. «Wie habe ich mich nach dir gesehnt! Komm. Lass mich dir meine Freunde vorstellen.» Er zog sie ein wenig mit sich, seine Gruppe hatte sich inzwischen genähert, ein Mann und zwei Frauen, ein Kinderwagen mit einem Säugling, und auf dem Sitzchen ein Kleinkind. Karel kam kaum zu Atem.

«Hier, das ist meine Schwester Luise. Wir nennen sie Lola. Und ihr Kleiner da, das ist unser Pepi. Und der Winzling, der immer schläft, ist Zdenko. Und das ist Skoli, und Rudolf, ihr Mann. Du wirst bei ihnen wohnen, die erste Zeit. Liebe Schwester, liebe Freunde, darf ich euch meine Verlobte vorstellen: meine geliebte Elsa!»

Die drei gaben ihr nacheinander die Hand, jeder schaute ihr einen Moment lang in die Augen, alle begrüssten sie herzlich. Elsa hatte bis jetzt kein Wort herausgebracht. Sie fühlte sich wie ein Fluss, der nach einer langen, gleichförmigen Strecke unversehens in eine Zone reissender Stromschnellen geraten war; Gedanken und Gefühle wirbelten in gegenläufigen Strudeln durcheinander, sie wusste nicht, was zuerst kam. Aber dann fasste sie sich, freute sich über die Herzlichkeit, mit der sie empfangen wurde und die sich jetzt auch in ihr ausbreitete. Ihr Gesicht leuchtete, als sie endlich in der Lage war, alle der Reihe nach ebenso herzlich zu begrüssen, und am Schluss sogar Karels Küsse wenigstens mit einem Schmatz zu erwidern.

«Josef, mein Mann, arbeitet in Bern. Du wirst ihn erst am Wochenende kennenlernen», sagte Lola bedauernd.

«Kommt, wir gehen jetzt erst mal nach Hause. Elsa wird müde sein nach der langen Reise», sagte Rudolf und organisierte, dass ein Träger Elsas Koffer in die Wohnung am Münsterplatz brachte.

Karel nahm Elsas Arm, und die Gruppe ging zu Fuss durch das kleine Städtchen, weit war der Weg nicht. Durch die Vorstadt, über den Fronwagplatz und die Vordergasse hinunter, am St. Johann vorbei und hinüber zum Münsterplatz, wo Skoli und Rudolf in einem schmalen Häuschen wohnten, und wo Elsa für die ersten Wochen ihr Zimmer fand.

Elsa ging an Karels Arm. Sie vergewisserte sich, dass sie genügend Abstand von den andern hatten, sodass man sie nicht hören konnte. «Warum hast du mich als deine Verlobte vorgestellt? Wir sind doch gar nicht richtig verlobt?», fragte sie dann.

«Aber Elusko! Das ist doch abgemacht. Deswegen bist du doch hierhergekommen, zu mir, in dieses Land, in diese Stadt! Das war doch so geplant, dass wir zusammen eine Zukunft aufbauen, sobald du mir nachfolgst!»

«Ja, schon. Aber du hast mich nie richtig gefragt, ob ich dich heiraten will. Jetzt hast du mich einfach überrumpelt. Du hast mir nie Gelegenheit gegeben, ‹ja› zu sagen!»

«Aber ...»

«Ich hätte gerne ‹ja› gesagt», flüsterte Elsa, «romantisch und freiwillig.»

Karel wandte sich Elsa zu und sah sie mit einem neuen Gesichtsausdruck an, seine Stimme wurde unwillkürlich tiefer:

«Du bist mir eine», sagte er, und nach einer Pause:

«Elsa, willst du mich heiraten?»

Elsa schluckte, aber nach einem kurzen Moment begann sie zu lachen.

«Ja», sagte sie und schmiegte sich an ihn. Es war nicht ganz so, wie sie sich einen Heiratsantrag vorgestellt hatte, aber es passte irgendwie zu dem diesigen Grau in den Gassen einer fremden Stadt, die nun die ihre werden sollte.

Einige Tage später

«Meine Kleider», sagte Elsa, als sie mit Skoli noch am Küchentisch sass, und Rudolf schon aus dem Haus gegangen war. Er arbeitete in der Kammgarnspinnerei, der grössten Textilfabrik der Stadt, die gleich auf der anderen Seite des Münsters und der Museumsanlage am Rhein lag. «Ich sollte mal waschen können.»

«Natürlich», antwortete Skoli eifrig. «Wir gehen heute aufs Waschschiff, ich habe auch einige Hemden und Unterwäsche, die gewaschen werden müssen. Wirf einfach deine Schmutzwäsche in den Korb dort hinter dem Vorhang.»

Elsa hatte ihre schmutzigen Sachen zu einem Bündel geformt und warf es in den Wäschekorb. Beide Frauen fassten den Korb auf jeweils einer Seite und trugen ihn die Treppe hinunter. Skoli schloss die Tür hinter sich. Elsa war neugierig. Waschschiff? Was das wohl sein mochte? Aber sie würde es gleich selbst sehen, sie ersparte Skoli eine überflüssige Erklärung. Quer über den Mosergarten trugen die zwei Frauen jetzt ihren Korb, überquerten das Brücklein über den Gerberbach und kamen am Rheinufer an.

«Was ist das für ein Gebäude, draussen im Rhein?», fragte Elsa verwundert. «Ist das das Waschschiff?»

«Nein», antwortete Skoli lachend. «Das ist die Badeanstalt. Das Waschschiff ist dort flussaufwärts. Hier, dieses Treppchen führt hinab zum Quai.»

Elsa folgte Skoli die Stufen hinunter, darauf bedacht, dass der Wäschekorb, den sie beide zwischen sich trugen, nicht kippte. Das Waschschiff lag fest verankert im Wasser. Sie erreichten es über einen kleinen Steg.

Schon einige Frauen waren da. Arbeiterfrauen und Dienstmädchen der besseren Familien schöpften Wasser aus dem Rhein, schrubbten dann auf dem grobgezimmerten Tisch in der Mitte ihre Wäschestücke und spülten sie im fliessenden Wasser des Rheins aus.

Auch Skoli und Elsa machten sich an die Arbeit. Skoli reichte Elsa eine Kernseife. Elsa beobachtete zuerst eine Weile Skoli und die anderen Frauen bei der Arbeit. Dann nahm sie einen Unterrock aus ihrem Bündel im Wäschekorb, tauchte ihn in den Rhein und zog ihn triefend wieder heraus. Bevor sie den Rock auf dem Waschtisch ausbreitete, beobachtete sie versunken die Wassertropfen, die vom Stoff herunterrannen und sich wieder mit den Wellen vermischten. Danach schrubbte sie ihn kräftig mit der Seife. So verfuhr sie mit all ihren Wäschestücken. Sie tauchte ihre Blusen, Hemden, Unterhosen und das Kleid, das sie auf der Reise getragen hatte, wieder ins Wasser und wrang sie mehrmals aus, bis alle Seife aus dem Stoff herausgespült war. Danach wrang sie jedes Stück nochmals kräftig aus und legte es wieder in den Korb, genau wie Skoli.

Merkwürdig, sinnierte Elsa, jetzt fliesst mein Schweiss, der sich in den Kleidern festgesetzt hat, den Rhein hinunter. Ob es die Atome schaffen und bis nach Duisburg gelangen? Schweiss war auch Materie und Materie bestand aus Atomen. Die Zusammensetzung der Materie interessierte sie, der Gang der Welt und ihre Entstehung. Sie dachte an die Gruppierung von Freidenkern, mit der sie in Duisburg zusammengekommen war. Sie hatten ihr von Charles Darwin erzählt. Er bezweifelte radikal die religiöse Erklärung der Entstehungsgeschichte der Menschheit. Seine Theorie besagte, dass die Entstehung der Welt und der Menschheit eine Entwicklung von Jahrmillionen gewesen sei und das Leben sich von ganz einfachen Formen bis schliesslich zum Menschen, als dem höchsten Entwicklungsniveau der Tiere, herausgebildet hatte. Und dass alles Materie war, was es auf der Welt gab. Seither war Elsa Feuer und Flamme für dieses Thema; die Geschichten der Kirche hatte sie schon lange als fade, freudlos und unstimmig empfunden. Freidenker und Sozialisten, das war ihre neue Welt. Hier fand sie schlüssigere Antworten auf die Fragen, die sie umtrieben.

«Beim Arbeiten komme ich immer ins Nachdenken», flüsterte sie Skoli zu, die sie mit einem belustigten Blick bedachte.

Elsa schaute wieder aufs Wasser und sah den feinen Wellen zu, die sich in immer gleichen und doch immer anderen Formen leise am Schiff vorbeibewegten, und für einen Moment vergass sie, dass das Schiff fest verankert war. Sie griff nach einer weiten, weissen Bluse, streckte sie mit beiden Händen hinaus und liess sie flattern wie ein Segel. Lachend sah sie sich nach Skoli um und rief übermütig: «Ahoi: Ich bin der Käpt’n!»

Die Waschfrauen blickten auf und lachten. Es waren stets diese jungen Gemüse, die so ausgelassene Scherze trieben.

«Wohin segelt denn dein Schiff?», fragte Skoli auf dem Rückweg. Der Korb war durch die nasse Wäsche schwerer geworden. Elsa stellte ihn auf ihrer Seite zu Boden, wodurch sie Skoli zwang, es ihr gleichzutun. Sie streckte Kopf und Arme in die Höhe:

«In den Sozialismus! In die Zukunft!»

«Du bist eine Träumerin!», sagte Skoli. Es klang wie eine Berufsbezeichnung und Bewunderung schwang mit.

Thomas Brodbeck

SÄTZE DRECHSELN

Thomas Brodbeck (*1963), wohnhaft in Bern und Madrid. Ist gerne unterwegs. Früher trübte oft die falsche Auswahl an Büchern, die er mit sich trug, seine Reisefreude. Deshalb hat er mit dem Schreiben eigener Texte begonnen. Dadurch fällt ihm das Reisen neuerdings wieder leicht.

SÄTZE DRECHSELN

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Begebenheiten wären rein zufälliger Natur.

1

David, du dreckiger, du. Vor Kurzem noch maltest du mir aus, wie es wäre, wenn wir heiraten würden, Kinder hätten. Und jetzt? Verraten für dieses kleine Licht. Der Mann von Welt schmückt sich mit dem Töchterchen aus gutem Haus. Die schmiegt sich gerne an grau melierte Herren. Und jetzt an dich. Strahlst wie ein armer Vogel, der ein Korn gefunden, und merkst nicht, wie die lachen über dich. Ja, lachen. Und ich? Die Proletin, zu wenig distinguiert für deine Freunde? Aber für ihre schmutzigen Fantasien gut genug: zum Ficken ja, aber mehr ist nicht. Speiübel wird mir, wenn ich daran denke. Wie schwanger. Ha, David, das kann ja nicht sein, du fickst ja nicht mehr, seit Ewigkeiten nicht. Kippst nur teuren Whiskey in dich rein, so einer bist du. Aber nicht mehr meiner.

Doch taube Nüsse nur / was sie gebären / entmystifiziert / das Patriarchat