Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Systemic parental coaching of nonviolent authority toward violent or self-destructive behavior in children and adolescents serves to re-establish parental presence and is based on a concept by Haim Omer. This path to deescalation speaks to therapists and counselors as well as to concerned parents. In professional contexts there are a number of questions surrounding its use; this workbook addresses these questions in 14 contributions concerning the fundamentals of this method, disorder-specific practical and applied aspects as well as research perspectives.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Arist von Schlippe / Michael Grabbe (Hg.)
Werkstattbuch Elterncoaching
Elterliche Präsenz und gewaltloser Widerstand in der Praxis
Mit 4 Abbildungen und 6 Tabellen
3. Auflage
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-525-49109-6
ISBN 978-3-647-49109-7 (E-Book)
Umschlagabbildung: Franz Marc, Abstraktes Aquarell I (Ausschnitt), 1913/14, Mischtechnik, 16,7 × 22 cm.
© 2012, 2004, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. – Printed in Germany.Satz: Satzspiegel, Nörten-HardenbergDruck und Bindung: Hubert & Co, Göttingen
Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.
Inhalt
Vorwort von Haim Omer
Vorwort der Herausgeber
Die Haltung der Gewaltlosigkeit
Arist von Schlippe
Der Mythos der Macht und Krankheiten der Erkenntnistheorie
Michael Grabbe
Bündnisrhetorik und Resilienz im gewaltlosen Widerstand
Praxis
Barbara Ollefs und Arist von Schlippe
Manual für das Elterncoaching auf der Basis des gewaltlosen Widerstands
Waltraud Danzeisen
Wie Eltern sich in Gruppen unterstützen können, wenn die elterliche Präsenz bedroht ist
Ursula Engelking
Grenzen setzen ist nicht schwer, sie einzuhalten um so mehr!
Manual zur Durchführung eines Elterncoachings zum bewussten Umgang mit elterlicher Präsenz
Erfahrungen in der Anwendung
Olaf Düring
»Ich habe immer mehr so ein Willkommensgefühl …«
Bruno Körner und Elisabeth Uschold-Meier
Pädagogische Präsenz in der Heimerziehung. Gewaltloser Widerstand – auch im Rahmen stationärer Jugendhilfe?
Martin Lemme, Ruth Tillner und Angela Eberding Präsenz schafft Autorität. Coaching von Lehrerinnen und Lehrern im gewaltlosen Widerstand gegen soziale Störungen und destruktive Verhaltensweisen in der Schule
Einbeziehung des Ansatzes in störungsspezifische Konzepte
Martin Lemme
Familie Aufmerksam. Ein integriertes Modell für Elterncoaching, Gruppen- und Einzeltherapie bei Kindern mit der Diagnose AD(H)S unter Einbeziehung des Konzepts der elterlichen Präsenz
Angela Eberding und Martin Lemme
Adipositas bei Kindern – Präsenz von Eltern. Coaching im Rahmen einer Adipositasschulung im Kindes- und Jugendalter
Forschung
Amelie Köllner, Barbara Ollefs und Arist von Schlippe
»Elterliche Präsenz« – Entwicklung eines Fragebogens für Eltern
Charlotte Kötter und Arist von Schlippe
»Coaching im gewaltlosen Widerstand« – was ist das eigentlich genau? Ein Kategoriensystem zur Untersuchung von Beratungsprozessen auf der Mikroebene
Kritische Auseinandersetzung
Arist von Schlippe
»Liebe Frau R.«, »Lieber Herr T.«, »Lieber Wolfgang« – Antworten auf kritische Briefe
Die Autorinnen und Autoren
Vorwort
In der modernen und pluralistischen Gesellschaft der Gegenwart kann man eine Krise des Autoritätsbegriffs feststellen. Traditionelle Bilder von Autorität sind verloren gegangen und es besteht keine Möglichkeit, sie wiederherzustellen. Man hört gelegentlich Aussagen wie: »Früher, da hatte der Lehrer noch Autorität!«, »Früher war ein Vater noch ein Vater!«, »Wir haben unsere Eltern noch respektiert!« Solche Äußerungen deuten auf die implizite Annahme hin, dass es, solange die Lage nicht wieder ist, wie sie einmal war, keine Lösung für die heutigen Probleme geben könne. Traditionelle Autorität – so zumindest die Verklärung im Nachhinein – basierte auf fast universeller Einhelligkeit und wurde von den meisten Kräften in der Gesellschaft unterstützt. Es war klar, dass Eltern und Lehrern Gehorsam gebührte, einfach weil sie Eltern und Lehrer waren. Bis auf einige Revolutionäre waren sich alle darin einig, dass auflehnende Neigungen unterdrückt werden sollten. Diese Bilder von Autorität haben ihre Gültigkeit verloren. Die Einhelligkeit zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft ist unwiderruflich abgeschafft und viele Merkmale traditioneller Autorität sind für uns heute nicht mehr akzeptabel, etwa die Anwendung körperlicher Strafen, die Forderung nach blindem Gehorsam und die Immunität gegen Kritik. Mithin kann es heute nicht mehr darum gehen, die traditionelle Autorität wiederherzustellen.
Die liberale Gesellschaft bot sozusagen den Gegenentwurf eines Bildes von Autorität, der sogar soweit ging, dass jegliche Autorität aus dem Bereich der Kindererziehung verbannt wurde. Autorität und autoritär wurden zu Schimpfworten, die Haltungen bezeichneten, die für alle Missstände des privaten und sozialen Lebens verantwortlich waren. Dieser Meinung nach würde ein autoritärer Erzieher unausweichlich die natürliche Entwicklung des Kindes entstellen. In den sechziger und siebziger Jahren wurde Permissivität zu einem höchst positiven Wert, so sehr, dass sie vielen Professionellen und Laien als Hauptrichtlinie der Kindererziehung galt. Dieser Vision nach beschränkte sich die Aufgabe von Eltern und Lehrern auf Aufmunterung, Liebe und Empathie. Kinder sollten in voller Freiheit aufwachsen, da jede Schrankensetzung oder Forderung die kindliche Seele beschädigen würde. Dieser Glaube gewann durch eine Reihe populärer Bücher breite Akzeptanz. Die Vision einer permissiven Erziehung wurde zu einem ehrgeizigen Traum pädagogischen Denkens. Man hoffte, dass eine Gesellschaft ohne Autorität kluge, kreative, neugierige, spontane und selbstgesteuerte Kinder hervorbringen würde. Durch die freie Erziehung sollte eine freie und heile Gesellschaft entstehen. Die Kur für jegliche Probleme, die Kinder aufwiesen, war, den beeinträchtigenden erzieherischen Einfluss zu beseitigen.
Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Seit den achtziger Jahren wies eine lange Reihe von Forschungen darauf hin, dass Kinder, die in einer ideologisch permissiven Atmosphäre aufgezogen waren, höhere Niveaus von Problemen zeigten, wie Gewalttätigkeit, Schuleschwänzen, Drogenmissbrauch und Delinquenz. Darüber hinaus zeichneten sich diese Kinder überraschenderweise durch einen eher niedrigeren Selbstwert aus. Wie das? Man hätte vielleicht erwarten können, dass Kinder, die ohne Schranken aufwuchsen, Schwierigkeiten mit organisierten Rahmen und mit Disziplin haben würden, aber wie ließ sich der niedrigere Selbstwert verstehen? Der permissiven Ideologie entsprechend hatten diese Kinder doch stets Aufmunterung und positive Rückmeldungen von ihrer Umgebung bekommen. Doch unser Selbstwert wird nicht nur durch Ermunterung und positive Rückmeldungen aufgebaut, so wichtig diese auch sein mögen, sondern auch durch die Erfahrung, Schwierigkeiten erfolgreich zu bestehen. Kinder sind im Alltag eigentlich oft damit konfrontiert. Sie stehen vor Aufgaben, die ihnen anfangs sehr schwer erscheinen mögen. So ist es in den ersten Tagen im Kindergarten für viele Kinder höchst schwierig, viele Stunden getrennt von den Eltern und weit weg von zu Hause zu sein. Nach einigen Tagen haben die meisten Kinder diese Probe bestanden. So wird der erfolgreiche Übergang zum Kindergarten zu einer Errungenschaft! In einer konsequent permissiven Atmosphäre werden dem Kind viele dieser Errungenschaften vorenthalten. Eine permissive Ideologie besagt, dass die Schwierigkeiten aus dem Weg geschafft werden müssten, um die spontane Entwicklung des Kindes nicht zu stören. Man könnte behaupten, dass diese Kinder an einem »Mangel an Mangel« leiden. Dadurch, dass ihnen jede Schwierigkeit aus dem Weg gefegt wird, fehlt ihnen sozusagen das »Kalzium«, das unentbehrlich für die Stärkung ihres »Selbstwertrückgrats« ist.
Der Untergang der traditionellen Autorität und das Scheitern des permissiven Traumes führen zu neuen Fragen in der Kindererziehung: Wie kann man das Vakuum ausfüllen, das durch das Ende der traditionellen Autorität entstanden ist? Wie können Kinder konstruktive Erfahrungen von Rahmenbedingungen, Grenzen und Herausforderungen machen, auf eine Weise, die akzeptabel ist für unsere Werte und unsere offene Gesellschaft? Eine Antwort ist die Ausbildung einer »neuen Autorität«. Eltern und Lehrer können nicht wieder zu den Autoritätsfiguren werden, die sie einmal waren, dafür ist keine Basis mehr vorhanden. Eine neue Autorität muss auf einer ganz anderen Basis beruhen. Es ist den meisten von uns ziemlich klar, welche autoritären Verhaltensweisen nicht mehr akzeptabel sind. Wie die »neue Autorität« aussehen soll, ist dagegen weniger klar. Kein Wunder, wir gehören wahrscheinlich zu der ersten Generation, die mit diesem Problem konfrontiert ist. Das Bild der neuen Autorität wird nicht fix und fertig wie Athene aus dem Kopf von Zeus zur Welt kommen, sondern wird sich erst nach und nach skizzieren lassen.
»Präsenz« wird ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang sein. Im Gegensatz zur traditionellen Autorität, die nach Distanz strebte und auf Furcht basierte, ist es unser Anliegen, eine neue Autorität auf Präsenz aufzubauen. Präsenz ist für viele Eltern eine neuartige Erfahrung. In unserer Arbeit mit mittlerweile sehr vielen Familien ist uns zunehmend klar geworden, dass nicht nur die Kinder ihre präsenten Eltern anders erleben, sondern dass Präsenz sich auf das Selbstgefühl der Eltern selbst auswirkt. So sagte uns eine Mutter, nachdem sie wieder und wieder in die Schule ihrer Tochter gegangen war, um zu verhindern, dass das Mädchen aus der Schule fortlief: »Am Anfang war es bloß ärgerlich. Nach und nach begann ich jedoch zu fühlen, dass ich als Mutter ›mehr Gewicht‹ hatte, seit ich in die Schule kam. Den Beweis dafür bekam ich, als wir beide letzte Woche von der Schule zurückfuhren. Sie hielt mich an der Hand und sagte: ›Mami, wir sind zwei starke Frauen!‹« Ein Vater berichtete, dass sein Sohn das Sit-in vereitelt hatte, indem er aus dem Fenster geklettert war. Der Vater war zuerst frustriert gewesen, hatte sich dann auf das Bett seines Sohnes gelegt und war eingeschlafen. Er hatte das »Lieg-in« erfunden. Diese Szene bringt uns das Märchen von Schneewittchen ins Gedächtnis, wo das Mädchen verblüfft ausruft: »Wer hat in meinem Bettchen geschlafen?«
Anders als bei der traditionellen Autorität sind die Begründungen der neuen Autorität nicht selbstverständlich. Da Autorität ohne Validierung nicht bestehen kann, braucht sie Unterstützung. In unserer Arbeit mit Eltern pflegen wir unsere Hilfe anzubieten und die Unterstützung von Verwandten, Bekannten, Lehrern und sogar von den Eltern der Freunde des Kindes zu mobilisieren. Ein solches Netzwerk ändert die elterliche Tätigkeit und das elterliche Gefühl gründlich. Von nun an sind die elterlichen Handlungen nicht Ausdruck des Willens oder gar der Willkür der Eltern. Nein, sie bekommen Widerhall und Bekräftigung durch das Netzwerk. In unserer Gesellschaft kann man keine breite Unterstützung für machtorientierte oder willkürliche Tätigkeiten ansammeln. Mithin bedeutet die Mobilisierung eines helfenden Netzwerks auch eine gewisse Kontrolle über die elterliche Haltung. In unserem Beratungskonzept bestehen wir darauf, dass die Eltern sich vor den Unterstützern verpflichten, jegliches gewalttätige oder demütigende Tun zu unterlassen. Dadurch wird die helfende Gruppe auch zu einer Garantie, dass die neue Autorität nicht willkürlich ist. Das Verfahren in Schulen, mit dem die Autorität des Lehrers wieder aufgebaut wird, beruht ebenfalls auf der Mobilisierung von Unterstützung, die zugleich als Kontrolle über die Art der Ausübung von Autorität fungiert. Unserer Meinung nach ist der Beweis der moralischen Gültigkeit dieser neuen Lehrerautorität letztendlich die Billigung der Schüler: Die Anerkennung, die nach den Ergebnissen unserer Schuluntersuchungen das Programm aufs Klarste bekommt, erhärtet die Vermutung, dass die neue Lehrerautorität keineswegs auf Willkür beruht.
Die breite Unterstützung hilft Eltern und Lehrern, eine zusätzliche Charakteristik der neuen Autorität zu verwirklichen: die Verhütung eskalierender Handlungen. Traditionelle Autoritätsfiguren fühlten keine Verantwortung für Eskalation. Falls die Interaktion mit dem Kind heftig oder gar gewalttätig wurde, pflegte man dies als Folge der Aufsässigkeit des Kindes anzusehen. Eltern und Lehrer reagierten nur mit »notwendiger« Gewalt auf die Gewalt des Kindes. Sie fühlten sich nicht nur genötigt, sondern auch verpflichtet, Gewalt mit Gewalt zu vergelten. Ansonsten würde das gewalttätige Kind mit einem Gewinn davonkommen, meinen, gewonnen zu haben, und so immer weiter machen. Eine solche Haltung kann heute nur über sehr wenig Unterstützung der Umwelt verfügen, so dass die Vertreter traditioneller Autorität sie nur durch kompromisslose Dominanz geltend machen können. Es ist, als ob ihre Stellung in der Familie oder in der Klasse durch und durch von dem Ausgang ihres »Duells« mit dem Kind abhinge. Wir hören es oft von frustrierten Eltern und Lehrern: »Wenn das Kind gewinnt, sind wir verloren!« Der Versuch, so weitermachen zu müssen, trotz des mulmigen Gefühls, dass die aufgezeigte Entschiedenheit sich ziemlich hohl anfühlt, wurde von einer Mutter folgendermaßen ausgedrückt: »Bislang, wenn ich meine böse Miene aufsetze, macht er, was ich befehle. Ich schaudere aber vor dem Tag, wo er entdeckt, dass er auf mich pfeifen kann!« Mit der neuen Autorität ist es anders bestellt. Die Erkenntnis, dass wir nur über unsere eigenen Handlungen, nicht aber über die des Gegenübers Kontrolle haben können, und dass es nicht um »Gewinnen« oder »Verlieren« geht, erlaubt Eltern und Lehrern, ihre Reaktion aufzuschieben und Widerstand zu zeigen, nachdem sie zunächst für Deeskalation und für Unterstützung gesorgt haben. Eigentlich gehen beide Hand in Hand: Man kann nur dann positiv deeskalieren, wenn man sich bewusst ist, dass man nicht allein vor der Gewalt steht. In der »Duell-Situation«, in der Elternteil oder Lehrer mit dem Kind va banque spielt, bleiben der Autoritätsfigur nur zwei Möglichkeiten übrig: eskalieren oder nachgeben.
Die neue Autorität unterscheidet sich in noch einer anderen Weise von der traditionellen Autorität. Letztere beruhte auf der schieren Tatsache, dass zum Beispiel Eltern Eltern und Lehrer Lehrer waren, so schuldete die Autoritätsfigur keinem eine Erläuterung oder Rechtfertigung ihrer disziplinarischen Maßnahmen. Der »Pater familias« war berechtigt, mit seiner Familie so umzugehen, wie er es für richtig hielt. Die Frage, warum und mit welchen Mitteln er seine Kinder zu maßregeln beschloss, wurde nicht einmal gestellt. Der schiere Versuch, die Frage zu stellen, galt als eine Herausforderung seiner Autorität. Aus dieser breit akzeptierten Annahme folgte, dass Familienmitglieder, die den geheimen Tatbestand innerhalb des Hauses offenlegten, als Verräter galten. Worte wie »Nestbeschmutzer« oder der jiddische Ausdruck »Stinker« (d. h. Leute, die den Gestank der Gruppe nach außen bringen) verkörpern dieses Urteil. Die Forderung der modernen Gesellschaft nach voller Transparenz steht im Gegensatz dazu. Für die neue Autorität ist Transparenz nicht nur eine Pflicht, sondern auch ein wichtiger Faktor ihrer Kraft. Transparenz und Öffentlichkeit erlauben nicht nur, die Tätigkeit einer Autoritätsfigur kritisch zu hinterfragen, sondern ermöglichen auch, Unterstützung und öffentlichen Druck gegenüber destruktiven Handlungen der Kinder zu mobilisieren. So wird Transparenz von einem Nachteil zu einer Kraft. Die Entscheidung von Eltern und Lehrern zugunsten der Transparenz ist alles andere als leicht. Vielleicht ziehen wir es deshalb manchmal vor, die »leichteren« Seiten des gewaltlosen Widerstands zu befördern, und vernachlässigen die Forderung nach Transparenz ebenso wie die schwerere Arbeit der aktiven Mobilisierung von Unterstützung. Wir laufen aber dann Gefahr, Eltern und Lehrer ihrer Hilflosigkeit zu überlassen, statt eine wirksame und akzeptable Autorität aufbauen zu helfen.
Das von Arist von Schlippe und Michael Grabbe herausgegebene Buch hilft betroffenen Eltern und Helfern, Beratern oder Therapeuten, die vielen Facetten der neuen Autorität kennen zu lernen und mehr und mehr zu verwirklichen. Ich freue mich, dass mit diesem Buch ein erster Sammelband über die vielfältigen Erfahrungen mit unserem Konzept der »neuen Autorität« in Deutschland herauskommt und wünsche ihm viele interessierte Leserinnen und Leser.
Haim Omer
Vorwort der Herausgeber
Gewaltloser Widerstand hat eine lange Tradition in politischen Auseinandersetzungen auf der ganzen Welt. Die Idee, das Gedankengut in die psychologische Beratung von Eltern einzuführen, wurde in Israel von Haim Omer in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts ausgearbeitet. 1999 stellte er das Konzept der »elterlichen Präsenz« erstmals in Deutschland1 vor. Zunächst langsam, doch mit zunehmender Geschwindigkeit zeigt sich im deutschsprachigen Raum eine enorme Resonanz auf seine Überlegungen und das daraus entstandene Konzept des »systemischen Elterncoachings«. Mittlerweile sind zahlreiche Bücher veröffentlicht und einige Tagungen abgehalten worden2 und der Kreis von interessierten Praktikern aus psychosozialen Arbeitsfeldern und auch engagierten Eltern vergrößert sich ständig, ebenso wie viele kreative Initiativen, die in den verschiedensten Praxisfeldern entstanden sind.
Viele Eltern haben die Erfahrung gemacht, dass sie in der Auseinandersetzung mit dem gewalttätigen Verhalten ihrer Kinder ihre Kompetenzen erweitern und Entscheidungssicherheit zurückgewinnen konnten, dass ihnen wieder möglich wurde, von einem inneren Ort aus zu handeln, der ihnen das Bewusstsein vermittelt, dass ihr Handeln mit ihren Werten übereinstimmt und dass sie sich von wichtigen anderen Menschen darin unterstützt fühlten. Doch Eltern und Berater haben auch oft die Erfahrung gemacht, dass die Dinge leichter gesagt, geschrieben und vorgestellt werden, als letztlich getan. Nicht selten war die Verführung groß – auch in der Rezeption der Konzepte durch die Fachwelt –, zu erwarten, dass nun endlich doch eine Methode gefunden sei, das Kind zu beeinflussen, dafür zu sorgen, dass es sich vernünftig verhalte, dass im Zweifelsfall ein Sit-in so lange durchgeführt werde, bis das Kind einen Vorschlag mache – ein verhängnisvolles Missverständnis.
Natürlich ist es nicht Sinn einer Beratungsmethode und der dahinter stehenden Theorie, dass die Klienten lernen, sich dazu passend zu verhalten, sondern es sollte umgekehrt sein: Konzepte sollten anschlussfähig an die Situation der Eltern sein. Doch geht es im systemischen Elterncoaching vor allem um die Frage, wie Menschen bei ihren Versuchen unterstützt werden können, aus Teufelskreisen auszusteigen: Welche Ideen helfen in eskalierten Situationen, in einer stimmigen und würdigen Art und Weise Autorität zu behalten oder zu bekommen, ohne die lebendige Beziehung zum Kind zu gefährden? Welche Schritte sind möglich und nötig? Welches Tempo ist hilfreich?
Verfährt man bei der Herstellung oder Wiedergewinnung der Präsenz nach einem grob strukturierten vorgegebenen Konzept, dann wird man oft der besonderen persönlichen Situation nicht gerecht und die Eltern verbinden die dann auftauchenden Schwierigkeiten schnell mit dem Gefühl zu versagen und nicht richtig zu sein. Was brauchen Eltern beziehungsweise Professionelle, um die zur Umsetzung wichtige Kraft und den nötigen Mut zu bekommen? Wird eine aufkommende Skepsis als berechtigt gewürdigt? Wie kann nachhaltig eine Entschlossenheit zurückgewonnen werden, die Elternrolle wieder einzunehmen, ohne sich wieder in Machtkämpfe zu verwickeln, in die Logik, dass es Sieger und Besiegte geben müsse? Der gewaltlose Widerstand kann dabei ein Weg sein, im Konflikt zu sein und trotzdem seine Werte zu leben. Es geht darum, eskalationsfördernde Konfrontationen zu beenden und konstruktive Bündnisse installieren zu können. Ziel der Beratung soll sein, dass sich die Eltern wieder kompetent in ihrem Elternsein fühlen, dass sie ihrem Kind Schutz und Stabilität gewähren können, dass die Beziehung zum Kind durch Aufmerksamkeit, Verbundenheit und Respekt bestimmt wird.
In der konkreten Praxis zeigt es sich, dass die so einleuchtenden Konzepte Eltern und Fachleute gleichermaßen auf der Ebene des konkreten Verhaltens in konkreten Situationen vor schwierige Fragen stellen, denn die enge Begleitung erfordert oft mikroskopische Feinarbeit. Das vorliegende Werkstattbuch soll helfen, konkrete Schritte in unterschiedlichen Anwendungsfeldern transparent zu machen. Es ist als Handbuch gedacht, daher haben wir bewusst bei der Darstellung darauf verzichtet, Aspekte, die doppelt genannt wurden, zu kürzen. Nicht jede Leserin, jeder Leser wird sofort alle Artikel lesen, sondern vielleicht nur die, die für den eigenen Bereich am attraktivsten erscheinen. Wir haben die verschiedenen Fachbeiträge in sechs große Kapitel zusammengefasst. Die erkenntnistheoretischen Grundlagen sehen wir als sehr wichtig an, um sich nicht in Missverständnissen zu verlieren, die sich daraus ergeben können, dass man denkt, es handele sich um eine besonders perfekte Form, Kontrolle über unkontrollierbare Kinder zu gewinnen. Im Praxisteil haben wir drei Versuche vorgestellt, das Instrumentarium des Elterncoachings, das mittlerweile sehr gut ausgearbeitet wurde, in gut nachvollziehbarer Weise zusammenzufassen. Der dritte und der vierte Teil befassen sich mit unterschiedlichen Formen der Anwendung des Konzepts, während der fünfte und sechste Teil sich mit Forschung und einer Reihe von kritischen Fragen beschäftigt. Wir hoffen, so ein breit konzipiertes Buch vorlegen zu können, das die Leserinnen und Leser anregt und unterstützt, weiter praktische Erfahrungen in unterschiedlichsten Kontexten mit dem Konzept zu sammeln.
Viele der Anregungen sind aus gemeinsamen Seminarveranstaltungen mit Uri Weinblatt entstanden, dem ehemaligen Mitarbeiter von Haim Omer in Tel Aviv, heute Philadelphia, ihm gebührt besonderer Dank. Doch natürlich geht das größte Dankeschön an unseren Freund, Lehrer und Kollegen Haim Omer, ohne dessen Originalität, Kreativität und Mut es das ganze Konzept nicht geben würde.
Arist von Schlippe
Michael Grabbe
1 Unter anderem auf einem Workshop für das Lehrtherapeutenteam des Instituts für Familientherapie Weinheim.
2 Eine Reihe dieser Tagungen wurden von uns Herausgebern in Osnabrück veranstaltet.
Die Haltung der Gewaltlosigkeit
Arist von Schlippe
Der Mythos der Macht und Krankheiten der Erkenntnistheorie
»Der Welt drohen drei Plagen, drei Seuchen.
Erstens – die Seuche des Nationalismus.
Zweitens – die Seuche des Rassismus.
Drittens – die Seuche des religiösen Fundamentalismus.
Diese drei Seuchen haben ein gemeinsames Merkmal, einen gemeinsamen Nenner: die aggressive, alles beherrschende, totale Irrationalität. Es ist unmöglich, in das Denken eines Menschen einzudringen, der von einer dieser Seuchen befallen ist. In seinem Kopf brennt ein heiliger Scheiterhaufen, der ständig auf Opfer wartet. Jeder Versuch eines ruhigen Gesprächs muss kläglich fehlschlagen. Es geht ihm nicht um ein Gespräch, sondern um eine Deklaration. Dass du ihm beipflichtest, zustimmst, deinen Beitritt erklärst. Sonst hast du in seinen Augen keine Bedeutung, existierst du nicht, denn er betrachtet dich nur als Werkzeug, als Instrument, als Waffe. Es gibt keine Menschen – nur die Sache. Ein Denken, das von dieser Seuche befallen wurde, ist in sich geschlossen, eindimensional, monothematisch, ein Denken, das sich stets nur um eines dreht – um den Feind. Der Gedanke an den Feind nährt uns, erlaubt uns zu existieren. Daher ist der Feind immer anwesend, immer dabei« (Kapuscinski, 1996, S. 324).
Fragen und Antwortversuche
Wer im Feld von Beratung, Supervision oder auch Therapie arbeitet, ist immer wieder mit einer bestimmten Klasse von Fragen konfrontiert. Klienten, Kunden, Patienten bringen Fragen mit, die jeweils zur Grundlage der Beziehungsgestaltung werden. Diese Fragen lassen sich meist im Wesentlichen um eine Emotion herum gruppieren: um Hilflosigkeit. Nur der, der die Idee hat, nicht aus eigener Kraft heraus die vor ihm liegenden Herausforderungen meistern zu können, wird um Hilfe nachsuchen – und zeigen, dass er oder sie in irgendeiner Form hilflos ist und ohne das Bewusstsein der eigenen Macht: ohnmächtig. Die Problembeschreibungen und die daraus erwachsenden Ideen, was zu tun sei, werden sich unterscheiden. Menschen mögen zwar alle Hilflosigkeit ähnlich empfinden, nämlich sehr aversiv, doch die Ideen über ihr Zustandekommen und über mögliche Abhilfen können sich in vielfältigen Beschreibungen verkleiden.
Vor diesem Hintergrund können sich Erzählstrukturen entwickeln, die den jeweils anderen dämonisieren (Omer et al., 2007). Die Hilflosigkeit kann mit ihrer »Affektlogik« (Ciompi, 1982) das Bild eines Kampfes entwickeln, der nur über die Ausschaltung oder völlige Unterwerfung des anderen zu gewinnen ist. Die affektiven Schemata legen die Verwendung von »Gut-Böse« und »Freund-Feind«-Unterscheidungen nahe und lassen für Ambivalenz keinen Raum mehr. Simon (2001, S. 188) schreibt dazu: »Wo dies festzustellen ist, sollte mit kriegerischen Auseinandersetzungen gerechnet werden.« Denn solche Entweder-Oder-Unterscheidungen mildern zwar die Spannung der Hilflosigkeit durch ihre komplexitätsreduzierende Wirkung, doch verschärfen sie sich gleichzeitig in einer Spirale von Frustration und Ärger zunehmend: »Wir sind ihm völlig ausgeliefert. Wenn sich nicht bald etwas ändert, geben wir ihn in ein Heim!«, »Er zwingt uns zum Äußersten!«, »Wenn nur der unser Team verließe, wäre alles in Ordnung …«, »Bringen Sie dieses Kind dazu, sich anders zu verhalten, es sprengt unsere Familie!«, »Mit mir ist alles o.k., ich will nur diese verflixten Symptome loswerden – um jeden Preis!«, »Alle sind gegen mich, ich verstehe nicht, was die von mir wollen, die sollen mich in Ruhe lassen!«
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
