Werte lernen und leben -  - E-Book

Werte lernen und leben E-Book

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Beschreibung

Werte spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle. Als Vorstellungen von Wünschenswertem geben sie uns Orientierung für unser Handeln und den Umgang miteinander. Für das Zusammenleben in einer offenen, vielfältigen und demokratischen Gesellschaft sind gemeinsam geteilte und gelebte Werte wie Gleichheit, Freiheit, Toleranz unverzichtbar. Zudem ist es für ein Leben in Vielfalt wichtig, mit unterschiedlichen Lebensstilen und Wertvorstellungen umgehen zu können. Wertebildung - als Prozess der Werteaneignung und Kompetenzentwicklung - ist daher für den Einzelnen und die Gesellschaft essenziell. Doch wie bilden sich Werte? Wie kann Wertebildung gezielt gefördert werden? Und wie sieht die gegenwärtige Praxis der Wertebildung in Deutschland aus? Die Beiträge in diesem Band antworten auf diese Fragen. Sie geben Einblicke in die Fachdebatte und in die Praxis der Wertebildung in Familie, Kita, Schule, Jugendarbeit und Peergroup. Pädagogische Konzepte und Methoden werden anhand von Praxisbeispielen vorgestellt und erläutert. Lebendige Einblicke in die Praxis geben fünf Interviews mit ausgewiesenen Experten. Aufbauend auf den Analysen und Beispielen formuliert der Band Empfehlungen für die Wertebildung in Deutschland. Ein Exkurs thematisiert die internationale Wertebildung.

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Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Werte lernen und leben

Theorie und Praxis der Wertebildung in Deutschland

Verlag BertelsmannStiftung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unterhttp://dnb.dnb.de abrufbar.

© E-Book-Ausgabe 2016 © 2016 Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh Verantwortlich: Julia Tegeler, Stephan Vopel Lektorat: Heike Herrberg, Bielefeld Herstellung: Sabine Reimann Umschlaggestaltung: Elisabeth Menke Umschlagabbildung: ispstock/Fotolia.com ISBN 978-3-86793-676-7 (Print) ISBN 978-3-86793-726-9 (E-Book PDF) ISBN 978-3-86793-727-6 (E-Book EPUB)

www.bertelsmann-stiftung.de/verlag

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Kapitel 1 Wertebildung in der Fachdebatte:

Theoretische Grundlagen und pädagogische Konzepte

Wilfried Schubarth

Kapitel 2 Wertebildung in der Familie:

Primäre Sozialisationsinstanz mit besonderen Herausforderungen

Margit Stein

Praxisbeispiele

»Die Weitergabe von Werten ist eines der wichtigsten Erziehungsziele«

Interview mit Ludger Oldeweme

Kapitel 3 Wertebildung in der Kita:

Frühkindlicher Bildungsort mit vielen Zusatzaufgaben

Frauke Hildebrandt, Christa Preissing

Praxisbeispiele

»Kinder können sehr gut ihre Meinung sagen!«

Interview mit Margit Franz

Kapitel 4 Wertebildung in der Schule:

Lern- und Erfahrungsraum mit klarem Erziehungsauftrag

Wilfried Schubarth, Birgitta Zylla

Praxisbeispiele

»Demokraten fallen nicht vom Himmel«

Interview mit Michael Rump-Räuber

Kapitel 5 Wertebildung in der Jugendarbeit:

Dynamischer außerschulischer Ort der Erziehung und Bildung

Benno Hafeneger

Praxisbeispiele

»Heimatverbundenheit mit Toleranz, Respekt, Gerechtigkeit und Solidarität verknüpfen«

Interview mit Johannes Zerger

Kapitel 6 Wertebildung in der Peergroup:

Informelles Lernen im zentralen Feld der Autonomie

Heinz Reinders

Praxisbeispiele

»Jugendliche als Experten wahrnehmen und mit ihren Anliegen ernst nehmen«

Interview mit Kathrin Demmler

Kapitel 7 Wertebildung im internationalen Vergleich:

Impulse und Konzepte aus anderen Ländern

Michael Alberg-Seberich, Wilfried Schubarth

Fazit Anregungen und Empfehlungen für eine offensive Wertebildung

Wilfried Schubarth, Julia Tegeler

Die Autorinnen und Autoren

Abstract

Vorwort

»Von der Welt lernen« – dieses Leitbild hat mich immer geprägt. Aber in was für einer Welt leben wir? Versetzen wir uns zehn Jahre zurück: Hätten wir uns damals unsere heutige Welt so vorgestellt? Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen. Zwei Fragen, die dabei für unser friedliches und kooperatives Zusammenleben bedeutend sind, beschäftigen mich seit vielen Jahren: Was gibt Menschen Orientierung und Halt und was verbindet sie miteinander?

Unsere Welt steckt voller Möglichkeiten. Lebens- und Arbeitswelten verändern sich durch die Digitalisierung rasant. Mit dem technologischen Wandel entstehen neue Geschäftsmodelle und der Zugang zu Bildung wird besser. Das ist eine großartige Chance für alle, die heute aufwachsen – aber es ist auch eine Herausforderung. Denn mit den Möglichkeiten wächst die Unübersichtlichkeit: Mehr denn je sind junge Menschen heute gefordert, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie müssen sich orientieren und unter vielen denkbaren Lebensentwürfen ihren eigenen Weg finden. Nur wenn sie sich ihrer eigenen Werte bewusst sind, eine Orientierung durch Vorbilder für ihr und in ihrem Leben erfahren und dann ihre Gestaltungsräume nutzen lernen, werden sie dies als Chance begreifen. Die Fähigkeit, fundierte Entscheidungen zu treffen und dem eigenen Leben eine Richtung zu geben, wird damit zur wichtigen Voraussetzung für Lebenszufriedenheit.

In unserem Land leben Menschen mit unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägung, mit unterschiedlichen Werten und Lebensstilen. Diese Vielfalt ist eine Bereicherung. Aber sie bringt auch Spannungen hervor, die den Zusammenhalt gefährden können. Wie wir damit umgehen, ist für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft entscheidend.

Werte sind ein Kompass, an dem wir unser Handeln ausrichten. Gerade in einer vielfältigen Gesellschaft können wir auf diese Orientierung nicht verzichten: Wir brauchen für ein friedliches Miteinander ein Fundament geteilter Grundwerte. Dazu gehören Freiheit und Gerechtigkeit, Respekt und Anerkennung, Toleranz und Offenheit, Friedfertigkeit und Menschlichkeit. Meiner Ansicht nach ist es entscheidend, dass schon Kinder diese für unser Zusammenleben zentralen Werte verinnerlichen und ein eigenes Wertegerüst herausbilden.

Wertebildung ist Persönlichkeitsbildung: Sie hilft Kindern und Jugendlichen dabei, sich zu gemeinschaftsfähigen, verantwortungsvollen und starken Persönlichkeiten zu entwickeln. Das gelingt aber nur, wenn wir alle bereit sind, unsere Werte vorzuleben, sie für die Kinder und Jugendlichen erfahrbar zu machen. Kurz: Wertebildung braucht Vorbilder.

Wertebildung hat viele Orte: In der Familie erleben Kinder ihre Eltern als Vorbilder und können in einem liebevollen Umfeld ihre eigene Persönlichkeit entfalten. In Kita und Schule lernen sie, respektvoll mit Anderssein umzugehen. Im ehrenamtlichen Engagement erfahren Kinder und Jugendliche, dass es sich lohnt, über alle Unterschiede hinweg gemeinsam für eine Sache einzutreten und Verantwortung zu übernehmen. Auch der Sport bietet vielfältige Möglichkeiten, Werte zu erfahren und zu leben.

Unser Ziel ist eine Wertebildung, die auf freiheitlich-demokratischen Grundwerten fußt und zum Umgang mit Vielfalt befähigt. Dabei richten wir unser Augenmerk auf diejenigen, die an der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen beteiligt sind: Eltern, Lehrer, Erzieher, Trainer und Jugendarbeiter. Diese Menschen prägen Werte. Sie sind Vorbilder und tragen somit eine große Verantwortung. Dafür stellen wir Wissen zur Verfügung, erarbeiten gemeinsam mit Praktikern und Experten Orientierungshilfen und unterstützen den Austausch zwischen den Akteuren im Feld. Auf diese Weise wollen wir wertvolle Erfahrungen bündeln und eine gute Praxis gezielt fördern. Um Wertebildung nachhaltig zu gestalten, müssen verschiedene gesellschaftliche Bereiche zusammenwirken: Nur gemeinsam können wir Kinder stark machen und ihnen die Werte mitgeben, die sie für ein erfülltes Leben brauchen.

Liz Mohn Stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung

Einleitung

Werte spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle. Als Vorstellungen von dem, was gesellschaftlich und persönlich wünschenswert ist, geben sie uns Orientierung und beeinflussen unser Handeln. Persönliche Wertvorstellungen sind maßgeblich dafür, wie wir unser Leben gestalten. Die in einer Gesellschaft geltenden Grundwerte wiederum bilden die Basis für das Miteinander und den sozialen Zusammenhalt.

Daher ist und bleibt Wertebildung für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft essenziell. Für das Individuum steht die Entwicklung eines stabilen handlungsleitenden und identitätsprägenden Wertesystems im Mittelpunkt. Für die Gesellschaft ist vor allem die Weitergabe der für das Zusammenleben erforderlichen Grundwerte an die heranwachsende Generation entscheidend. Doch wie gelingt Wertebildung? Wie entwickeln sich Kinder und Jugendliche zu gemeinschaftsfähigen, eigenständigen und verantwortungsvollen Persönlichkeiten? Und wie können die Bildungsinstitutionen sie dabei unterstützen und so ihrem Auftrag der Werteerziehung gerecht werden? Diese Fragen müssen angesichts der Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft neu beantwortet werden.

Wir diskutieren Wertefragen in unserer Gesellschaft heute zunehmend intensiv und kontrovers. Es scheint, als befänden wir uns gegenwärtig erneut in einer Phase, in der die Auseinandersetzung mit und über Werte an Relevanz und Brisanz gewinnt. Einwanderung und Integration werden etwa vermehrt unter dem Blickwinkel einer kulturellen Passung diskutiert und es wird darüber gestritten, ob der Islam überhaupt mit westlichen Werten vereinbar sei. Aber auch hinsichtlich des Status gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, des Beschneidungsverbots oder der Sterbehilfe prallen unterschiedliche Werte aufeinander und werden gegeneinander abgewogen. So wird beispielsweise einerseits mehr Toleranz gegenüber alternativen Lebensmodellen gefordert oder für Religionsfreiheit und Selbstbestimmung gestritten, andererseits wird auf die Unverletzlichkeit der Person verwiesen oder eine Rückbesinnung auf christliche Werte gefordert.

Aktuelle Herausforderungen im Bildungsbereich – Inklusion, wachsende soziokulturelle und religiöse Vielfalt in Klassenzimmern, die Einführung islamischen Religionsunterrichts oder Probleme des Sozialverhaltens wie Gewalt oder Extremismus – sind ebenfalls eng verbunden mit Fragen der Wertorientierung und Wertebildung sowie dem Beitrag, den Bildungseinrichtungen hier leisten können und sollten.

Die Ursachen für diese Aktualität und Brisanz von Wertefragen liegen in tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungsprozessen: Globalisierung, Migration, Individualisierung haben dazu beigetragen, dass unsere Gesellschaft heute deutlich vielfältiger ist als früher. Vor allem aber ist diese Vielfalt im Alltag sichtbar und fordert ihr Recht ein. Immer mehr Menschen nutzen ihre freiheitlich-demokratischen Grundrechte, um Beschränkungen, die sich aufgrund ihrer Lebensweise, ihrer Kultur, aber auch ihres Geschlechts ergeben haben, zu beseitigen. Heute leben in Deutschland Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen, mit unterschiedlichen Überzeugungen, Wertorientierungen und Lebensstilen zusammen. Entsprechend vielfältig sind die Vorstellungen davon, was persönlich oder gesellschaftlich wünschenswert ist und an welchen Werten der oder die Einzelne die eigene Lebensweise orientieren soll.

Fraglos bereichern diese Vielfalt und Wertepluralität unsere Gesellschaft. Zugleich fordern sie aber Gesellschaft und Individuum heraus: Das Leben der Menschen ist im Zuge von Modernisierungsprozessen komplexer und unübersichtlicher, chancen-, aber auch risikoreicher geworden. Zahlreiche Handlungsmöglichkeiten bieten Freiheiten, muten den Einzelnen aber auch größere Unsicherheiten und mehr Verantwortung zu. Die mitunter konkurrierenden Wertepräferenzen und Lebensstile führen zu Ambiguitäten, Spannungen und Konflikten, die Aushandlungsprozesse erforderlich machen und den sozialen Zusammenhalt gefährden können. In der Summe vergrößert sich dadurch der Bedarf an Orientierungshilfen und damit auch an Wertebildung.

Vor diesem Hintergrund ist eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber erforderlich, welche Werte wir als Basis für ein friedliches Zusammenleben brauchen. Wir benötigen ein Wertefundament, das ein respektvolles Miteinander unterschiedlicher Menschen ermöglicht und Vielfalt und Offenheit zulässt.

Von diesem Punkt ausgehend, müssen sich Wissenschaft und pädagogische Praxis der Frage stellen, wie Wertebildung – als Prozess der Wertaneignung und Entwicklung von Wertekompetenz – in Familie, Kita, Schule und Jugendarbeit unterstützt werden kann.

Heute muss der gelingende Umgang mit Wertevielfalt ein vorrangiges Ziel pädagogisch initiierter Wertebildung sein. Hierfür ist zunächst die Aneignung freiheitlich-demokratischer Grundwerte – wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und im Grundgesetz verankert sind – als gemeinsame Wertebasis der erste und wichtigste Schritt. Die Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Werten und die Vielfalt der Lebensstile sind nur dann möglich, wenn eine gemeinsam geteilte Wertebasis wechselseitigen Respekt und Anerkennung sicherstellt und zugleich einen Orientierungsrahmen bietet, der dort Grenzen setzt, wo Diskriminierung beginnt und ein friedliches Miteinander in einer heterogenen, pluralistischen Gesellschaft gefährdet ist.

Entscheidend ist als zweiter Schritt die Aneignung individueller Wertekompetenz. Sie hilft dem Individuum auch unter unübersichtlichen Bedingungen, den eigenen Lebensweg zu finden und mit der Vielfalt umzugehen. Wertekompetenz zeichnet sich dadurch aus, sich mit widersprüchlichen Werten auseinandersetzen zu können, eigene Werthaltungen ausbilden, wertorientiert urteilen (Werturteilskompetenz) und handeln sowie konstruktiv mit Wertekonflikten umgehen zu können. Sie setzt ein Bündel von Fähigkeiten voraus, die somit im Rahmen von Wertebildung zu stärken sind, wie Empathie und Mitgefühl, Perspektivübernahme, Reflexions- und Urteilsfähigkeit, Konflikt- und Kooperationsfähigkeit.

Wertebildung in diesem Sinne ist sowohl für die Persönlichkeitsentwicklung als auch für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft essenziell. Es gilt, Wertekompetenz als gleichberechtigt neben kognitiven Kompetenzen anzuerkennen und als weiteres Kernstück des Bildungsauftrags gezielt zu fördern.

Wissenschaft und Praxis in Deutschland haben den Bedarf erkannt und befassen sich seit einiger Zeit wieder zunehmend intensiv mit Werten und Wertebildung. Das vorliegende Handbuch soll einen fundierten Überblick über die vielfältigen Aktivitäten und Debatten geben und so die unterschiedlichen Entwicklungen zusammenfassen und nutzbar machen. Diese Gesamtschau soll Impulse sowohl in die akademische Forschung als auch in die pädagogische Praxis geben und der Auseinandersetzung um Wertebildung weiteren Schwung verleihen. So, hoffen wir, kann durch die Verknüpfung aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und vielversprechenden praktischen Ansätzen eine zeitgemäße und integrierte Gesamtkonzeption von Wertebildung entstehen. Der vorliegende Band liefert erste Anregungen für eine solche Gesamtkonzeption.

Zunächst ist es erforderlich, sich über grundlegende Begriffe und deren Bedeutung zu verständigen. Zudem basiert eine zeitgemäße Wertebildung auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ausgehend von der Klärung der Begriffe »Werte«, »Wertebildung« und »Wertekompetenz« gibt Wilfried Schubarth in Kapitel 1 einen Überblick über einschlägige Theorien und die in der Fachdebatte anerkannten Grundmodelle und pädagogischen Konzepte.

Auf dieser Grundlage wird die gegenwärtige Praxis der Wertebildung in Deutschland genauer untersucht. Als zentrale Sozialisationsinstanzen tragen vor allem Familie, Kita, Schule, Jugendarbeit sowie die Peergroup zur Wertebildung von Kindern und Jugendlichen bei. Fünf Beiträge beleuchten die gegenwärtige Praxis der Wertebildung in diesen Sozialisationsinstanzen. Die Beiträge gehen auf aktuelle Rahmenbedingungen, Konzepte und Methoden ein, zeigen Trends und bestehenden Bedarf auf und geben Hinweise zu guter Praxis. Interviews und ausgewählte Beispiele ergänzen die Ausführungen und geben Einblicke in die gegenwärtige Praxis.

Als primärer Sozialisationsinstanz kommt der Familie für die Wertebildung besondere Bedeutung zu. Im ersten Beitrag (Kapitel 2) widmet sich Margit Stein der Wertebildung in der Familie. Sie geht auf die besonderen Herausforderungen ein, vor denen Familien heute stehen, und stellt aktuelle Ansätze und Methoden zur Wertebildung in der Familienbildung vor.

Die erste pädagogische Instanz im Leben von Kindern ist die Kita. Mit der Wertebildung in der Kita befassen sich Frauke Hildebrandt und Christa Preissing im zweiten Beitrag (Kapitel 3). Sie zeigen die unterschiedlichen Möglichkeiten auf, die Kitas haben, um die Wertebildung von Kindern zu unterstützen, und skizzieren exemplarisch vielversprechende Ansätze in Kitas.

Eine Schlüsselrolle bei der Wertebildung kommt der Schule zu, weil sie Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum bilden und erziehen kann. Wilfried Schubarth und Birgitta Zylla beleuchten im dritten Beitrag (Kapitel 4) die Wertebildung in der Schule. Sie gehen auf Herausforderungen und Potenziale schulischer Wertebildung ein und stellen das breite Spektrum an Konzepten und Methoden vor, über das Schulen dabei verfügen. Davon ausgehend formulieren sie Empfehlungen für die schulische Wertebildung.

Als außerschulisches Erfahrungs-, Lern- und Bildungsfeld leistet die Jugendarbeit ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Wertebildung vieler junger Menschen. Im vierten Beitrag (Kapitel 5) widmet sich Benno Hafeneger der Wertebildung in der Jugendarbeit. Er verweist auf die vielfältigen Potenziale dieser Arbeit, skizziert Herausforderungen und leitet Empfehlungen für die Förderung von Wertebildung in der Jugendarbeit ab.

Neben der Familie, den pädagogischen Instanzen Kita und Schule sowie der Jugendarbeit hat die Peergroup für die Werteentwicklung Heranwachsender herausragende Bedeutung. Die Wertebildung in der Peergroup untersucht Heinz Reinders im fünften Beitrag (Kapitel 6). Er setzt sich mit den wertebildenden Einflüssen der Peergroup auseinander und befasst sich mit den Möglichkeiten und Grenzen, diesen Einfluss in Form von Peer-Involvement pädagogisch nutzbar zu machen.

Für die Konzeption einer zeitgemäßen Wertebildung kann auch ein Blick in andere Länder wertvolle Impulse und Anregungen geben. In Kapitel 7 beschäftigen sich daher Michael Alberg-Seberich und Wilfried Schubarth mit Wertebildung aus internationaler Perspektive. Dargestellt werden ausgewählte Ergebnisse einer im Auftrag der Bertelsmann Stiftung von Beyond Philanthropy GmbH durchgeführten Recherche zur Praxis der Wertebildung in Großbritannien, Schweden, Norwegen, Österreich, der Schweiz, den USA und Kanada. Die Recherche skizziert allgemeine Erkenntnisse zur Wertebildung in den genannten Ländern, geht auf ausgewählte Beispiele guter Praxis ein und macht auch auf einige für Deutschland relevante Entwicklungstrends aufmerksam.

Zusammengenommen geben die Beiträge in diesem Band vielfältige Anregungen für eine zeitgemäße Wertebildung. Im Fazit werden wesentliche Überlegungen aus den einzelnen Beiträgen zusammengefasst und übergreifende Empfehlungen für die Wertebildung in Deutschland formuliert.

Danken möchten wir vor allem Wilfried Schubarth, der wesentlich an der Entstehung des Bandes mitgewirkt, den gesamten Prozess beratend begleitet hat und als Autor tätig war. Ebenso danken wir den Autorinnen und Autoren Michael Alberg-Seberich, Benno Hafeneger, Frauke Hildebrandt, Christa Preissing, Heinz Reinders, Margit Stein und Birgitta Zylla. Für die redaktionelle Betreuung und die Erstellung der Interviews und Praxisbeispiele bedanken wir uns bei Beate Ramm. Unser besonderer Dank gilt zudem Kathrin Demmler, Margit Franz, Ludger Oldeweme, Michael Rump-Räuber und Johannes Zerger, die zu Interviews bereit waren und dadurch den Band um lebendige Einblicke in die Praxis bereichert haben. Schließlich danken wir allen Praktikerinnen und Praktikern sowie den Expertinnen und Experten, die uns für Austausch und Hintergrundgespräche bei der Erstellung der Praxisbeispiele zur Verfügung standen.

Stephan Vopel

Julia Tegeler

Director

Project Manager

Programm

Projekt Vorbilder fördern –

Lebendige Werte

Werte bilden

Kapitel 1

Wertebildung in der Fachdebatte:Theoretische Grundlagen und pädagogische Konzepte

Wilfried Schubarth

1. Begriffe: Was unter Werte, Wertebildung und Wertekompetenz zu verstehen ist

Was sind Werte?

Werte spielen im Leben von Menschen und Gemeinschaften eine große Rolle. Das zeigt sich schon in der Alltagssprache, wenn etwa davon die Rede ist, dass Dinge einen Wert haben, wenn etwas als wertvoll oder wertlos angesehen wird, wenn eine Person wertgeschätzt wird oder nicht. Neben solchen alltäglichen Wendungen begegnet man Werten auch in vielen Wortverbindungen. So geht es beispielsweise im ökonomischen oder im Finanzbereich um Geldwert, Güterwert, Aktienwert oder Wertpapiere. In diesen Bereichen hat das Wort »Wert« auch seinen Ursprung. Etymologisch leitet sich der Begriff aus dem althochdeutschen »werd« ab, womit der Wert bzw. der Kaufpreis eines Gegenstands bezeichnet wurde.

Zwischen dem Wert einer Sache an sich und dem Wert, den irgendetwas für jemanden hat, besteht jedoch ein Unterschied. So hat ein Auto oder Haus einen Verkaufswert, der sich nach bestimmten Kriterien wie Materialkosten und Aufwand bemessen lässt. Ob ein Auto für jemanden einen hohen oder geringen Wert hat, ist jedoch eine ganz andere Frage. Der Wert eines Autos für eine Person hängt vielmehr davon ab, welche Bedeutsamkeit sie einem Auto oder dem Autofahren, auch im Vergleich mit anderen Dingen, etwa dem Fahrradfahren oder Umweltschutz, zuschreibt. Dinge erhalten ihren Wert somit erst durch die Bedeutung, die die Menschen ihnen beimessen. Menschen vergleichen Dinge miteinander und (be)werten (diese). Das kann bewusst oder unbewusst erfolgen. Durch Reflexion können sich Menschen die Bedeutsamkeit von Dingen für sich bewusst machen.

Die Zuschreibung von Bedeutsamkeit und die damit verbundene Beimessung von Wert kann auch auf andere Lebensbereiche übertragen werden, etwa auf soziale bzw. gesellschaftliche Bereiche. So sind für viele Menschen soziale Beziehungen wie Familie, Freundschaft oder Liebe bedeutsam. Sie stellen für diese Menschen einen hohen Wert dar, sind demzufolge für sie wichtige persönliche Werte. Ähnlich ist es bei politischen und gesellschaftlichen Ideen oder Zielen: So haben im politischen Bereich Gerechtigkeit, Toleranz, Freiheit oder Demokratie einen hohen Stellenwert und sind somit anerkannte politische Werte. Im moralischen Bereich gilt das beispielsweise für Ehrlichkeit, Vertrauen, Treue, im religiösen Bereich für Glauben, Nächstenliebe und Ähnliches. Innerhalb der Bereiche kommt den sogenannten freiheitlich-demokratischen Grundwerten, wie sie in der UN-Menschenrechtskonvention oder dem Grundgesetz fixiert sind, besondere Bedeutung zu.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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