Wettlauf mit dem Tod - Geert Zebothsen - E-Book

Wettlauf mit dem Tod E-Book

Geert Zebothsen

0,0

Beschreibung

"Da verliefen sich die Wasser von der Erde und nahmen ab nach hundertundfünfzig Tagen. Und am siebzehnten Tag des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf dem Gebirge Ararat." Zunächst fühlt sich der Journalist Herbert Hensmann auf den Arm genommen, als man ihm ein altes Stück Holz präsentiert, bei dem es sich um ein Stück der Arche Noah handeln soll. Doch der vermeintliche Scherz entpuppt sich als ernste Angelegenheit. Trotz seiner Zweifel lässt sich Hensmann in das Team aufnehmen, das auf dem Berg Ararat mitten im türkischen Kurdistan nach den Überresten der biblischen Arche sucht. Doch dann wird ein Bombenanschlag auf die Villa des Auftraggebers verübt, der Geheimdienst mischt sich ein, und eine dubiose Sekte tritt auf den Plan – die Arche-Noah-Expedition wird zu einem Wettlauf mit dem Tod. »Ein deutscher Thriller, der das Unvorstellbare plausibel erscheinen lässt.« FAZ Jetzt als eBook: "Wettlauf mit dem Tod" von Geert Zebothsen. dotbooks – der eBook-Verlag.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 729

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch:

Zunächst fühlt sich der Journalist Herbert Hensmann auf den Arm genommen, als man ihm ein altes Stück Holz präsentiert, bei dem es sich um ein Stück der Arche Noah handeln soll. Doch der vermeintliche Scherz entpuppt sich als ernste Angelegenheit. Trotz seiner Zweifel lässt sich Hensmann in das Team aufnehmen, das auf dem Berg Ararat mitten im türkischen Kurdistan nach den Überresten der biblischen Arche sucht. Doch dann wird ein Bombenanschlag auf die Villa des Auftraggebers verübt, der Geheimdienst mischt sich ein, und eine dubiose Sekte tritt auf den Plan – die Arche-Noah-Expedition wird zu einem Wettlauf mit dem Tod.

»Ein deutscher Thriller, der das Unvorstellbare plausibel erscheinen lässt.« FAZ

Über den Autor:

Geert Zebothsen zählt zu den erfolgreichsten Journalisten Deutschlands. So arbeitete er als Projektentwickler im Bereich Neue Medien im Jahreszeiten-Verlag, SPIEGEL-Ressortleiter, Berater für das Journal für die Frau im Springer Verlag und Chefredakteur der FÜR SIE. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in seinen Büchern wieder, die er als freier Autor in den unterschiedlichsten Genres ansiedelt – vom Thriller über Ratgeber bis hin zur gefühlvollen und humorvollen Belletristik. Der Autor lebt zusammen mit seiner Frau und drei Töchtern in Hamburg.

Bei dotbooks erschien von Geert Zebothsen bereits Das Mutter-Vater-Kinder-Chaos-Buch.

***

Neuausgabe Dezember 2013

Copyright © der Originalausgabe 1987 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de

Titelbildabbildung: © Thinkstockphoto; istockphoto

ISBN 978-3-95520-445-7

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Wettlauf mit dem Tod an: [email protected]

Gerne informieren wir Sie über unsere aktuellen Neuerscheinungen und attraktive Preisaktionen – melden Sie sich einfach für unseren Newsletter an: http://www.dotbooks.de/newsletter.html

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.twitter.com/dotbooks_verlag

www.gplus.to/dotbooks

Geert Zebothsen

Wettlauf mit dem Tod

Roman

dotbooks.

TEIL I

DER KILLER

Im Jahr 1986 nach Christi Geburt

1. KAPITEL

Die Maschine war nicht mal zur Hälfte besetzt. Ich schlief ein, als man den Lunch servierte, wachte auf, als der Film anfing, irgendeine fürchterliche Plotte mit Dean Martin. Mein Zahn fühlte sich immer noch taub an. Ich versuchte wieder ein bißchen am Leben teilzunehmen, bat die Stewardeß um ein paar Zeitungen, stierte aber nur minutenlang auf die Schlagzeilen, ohne sie wahrzunehmen.

»Einen Drink, Sir?« Das Mädchen mit dem professionellen Charme beugte sich zu mir herab und verströmte Duty-free-Parfum.

»Aspirin«, sagte ich, »und wenn Ihr Käpt'n ein netter Mensch ist, spendiert er mir gleich 'n halbes Dutzend.« Ich sah noch, wie die Stewardeß mitleidig nickte, dann dämmerte ich wieder weg.

Es war ein Zustand zwischen Wachen und Träumen, und mir ging eine Menge unangenehmer Gedanken durch den Kopf. Ich war unterwegs nach Hawaii. Aber glaubte ich im Ernst, dieser Flug sei wirklich nur ein spontaner Entschluß am Ende eines ziemlich verkorksten Tages gewesen? Wollte ich mir tatsächlich immer noch einreden, die gestrigen Ereignisse hätten genügt, die Flinte ins Korn und mich ins erstbeste Flugzeug nach Honolulu zu werfen?

Einfach so?

Na schön, Jennifers Abschiedsbrief. Wollte dir nur mitteilen, daß du in Zukunft ohne mich auskommen mußt. Bitter. Aber lag bei uns nicht schon seit geraumer Zeit Trennung in der Luft?

Dann der Anruf aus München. Die Redaktion konnte meine Story nicht gebrauchen. Drei Nächte hatte ich mir für die Recherchen um die Ohren geschlagen! Okay, angeblich waren Johns kümmerliche Fotos schuld daran, daß sie die Geschichte kippen mußten. Bloß: Hatte ich nicht schon monatelang Probleme, genügend Manuskripte loszuwerden? Schließlich die Plombe, die mir spätabends bei Luigi's rausbrach. Verdammte Pizza! Der Zahn unten links war sofort rabiat geworden und nur noch mit Bourbon zu beruhigen. Viel Bourbon, versteht sich. Hatte ich in der Verfassung eigentlich noch bei meinem Auftragsdienst angerufen und die Telefonnummer von Mrs. Maunalani auf Oahu hinterlassen?

Keine Ahnung.

Ich war bloß wild entschlossen gewesen, abzuhauen. Hals über Kopf. Los Angeles konnte mich mal. Jedenfalls für einige Tage. Statt dessen Surfen in Kailua oder sonstwo. Alles andere würde sich dann schon von selbst ergeben.

Alles andere?

Nicht sehr heldenhaft, diese Flucht, bei Gott nicht. Warum konnte ich mir nicht ganz einfach eingestehen: Herbert Hensmann, du steckst in einer Krise – privat, beruflich – generell. Warum mußte erst ein mittlerer Katastrophentag her? Wozu brauchte ich all diese vermeintlichen Gründe – hatte ich etwa Angst, Mißerfolge als das zu sehen, was sie waren?

»Ihr Aspirin, Sir.«

Ich schreckte hoch, heilfroh, wieder halbwegs wach zu sein. Die Stewardeß hielt mir die Schachtel vor die Nase, stellte ein Glas Wasser auf das Klapptischchen neben mir und sagte strahlend: »Wenn es Sie tröstet, Sir, wir sind gleich am Ziel.«

Ich warf zwei Pillen ein und sah aus dem Fenster. Der PanAm-Jumbo hing im Sinkflug über Honolulu, linker Hand spiegelte sich die Sonne in den Aufbauten der Marine-Einheiten vor Pearl Harbour. Es rumpelte heftig, als die Maschine aufsetzte, dann rollte sie noch minutenlang weiter Richtung Festland-Terminal, bis die Triebwerke endgültig verstummten.

Herrgott, Hawaii! Es wehte ein warmer, weicher Wind, der den Duft von tausend Blüten vor sich hertrug – Bougainvillea, Hibiskus, Plumeria.

Das erste Mal hatte ich diese sanfte Luft vor drei Jahren eingeatmet. Es war ein unbeschreibliches Gefühl gewesen, und auch jetzt empfand ich wieder diesen Zustand innerer Ergriffenheit, der mir die Kehle zuschnürte. Mann, tat diese Gegend gut!

Das erste Mal ...

Ich war gerade in West-Hollywood seßhaft geworden und fasziniert von Los Angeles, Kalifornien, von all den verrückten Leuten, die so taten, als sei das Leben ein einziger Film. Anfangs liefen die Geschäfte ganz ordentlich. Ich hatte Aufträge von mehreren Blättern, die Dollars rollten an, mein Konto bei der Chase Manhattan sah richtig nach was aus. Das gab sich dann aber allmählich. Mit der Zeit blieben die Rückrufe aus. Saisonale Schwankungen, beschwichtige ich mich selbst. Erst nach der zweiten Saison kam ich etwas ins Grübeln. Aber ich war ja schon immer perfekt im Verdrängen.

Hawaii ... Ein französisches Sportmagazin hatte mich damals von L. A. herübergeschickt, um die Surfszene auf Oahu und Maui abzuschildern. In Europa grassierte das Windsurf-Fieber, und die entscheidenden Impulse für diesen neuen Freizeitsport lieferten Hawaii-Leute wie Rick Naish, Ed Angelo oder Charlie Wong. Sie kreierten immer raffiniertere Board-Shapes, Segelschnitte, Finnenformen, und ein paar Sonnyboys – allen voran Ricks Sohn Robby – führten an der Beach von Kailua rund um die Uhr vor, was man mit solchen Brettern alles veranstalten konnte.

Ich war sofort selbst in diesen Rausch geraten.

Die Wellenreiterei vorher hatte mich nie gereizt. Ich fand es lächerlich, mühsam bäuchlings hinauspaddeln zu müssen, um anschließend von der Welle wieder ans Land gespült zu werden.

Mit dem Segelsurfen war das etwas ganz anderes. Da kannst du am Strand aufsteigen, dich vom Wind aufs Meer katapultieren lassen, an den Wellenhängen hinauf- und hinunterkurven, vor und zurück, pausenlos, und wenn du einen guten Tag hast, funktionierst du die Welle zur Startrampe um und zelebrierst mit Board und Segel meterhohe Sprünge.

Die kurze Erinnerung genügte, und schlagartig war diese Faszination wieder hellwach in mir. Da stand ich am Honolulu-Airport herum und träumte von alten Zeiten, statt zu sehen, daß ich aufs Wasser kam! Bewegung, Herbert Hensmann, Bewegung!

Der freundliche Chinese am Counter von Budget Car Rental übergab mir die Schlüssel für den Honda Civic mit einer Verbeugung und sagte: »Aloha, Mister.« Es war erst fünf Uhr Ortszeit und absoluter Unsinn, gleich zu Mrs. Maunalani zu fahren. Ich konnte bestimmt noch irgendwo ein Board auftreiben und am Diamond Head schon mal ein paar Ins und Outs probieren. »Das Leben ist kurz, Herbie.« Mrs. Maunalani hatte ja so recht.

Ich erinnerte mich, wenn auch vage, an den kleinen Surf-Shop in einer Nebenstraße am Ala Wai Canal hinter dem International Market Place in Downtown Honolulu, dessen Besitzer, ein Eurasier, die tollsten Boards selber shapte. Ich wußte nicht mehr, wie der Laden hieß, aber möglicherweise gab es ihn noch. Warum also nicht sofort mal nachschauen?

Über den Kamehameha Highway brauchte ich nicht mehr als 30 Minuten bis ins Zentrum Honolulus, das auf den ersten Blick wie eine Miniaturausgabe von Manhattan aussieht – wenn's da nicht diese herrlich bunt, phantasievoll und leger gekleideten Menschen gäbe, die noch schlendern, lächeln, genießen können, und das auch, Gott sei Dank, unentwegt praktizieren.

Ich suchte den Laden vergeblich, einer dieser schlendernden, lächelnden, genießenden Menschen mußte mir weiterhelfen, aber dann entpuppte sich der Shop meiner Erinnerung tatsächlich als eine Art Wundertüte!

Der Eurasier trat aus der Werkstatt, eine Atemschutzmaske vor dem Mund, verschwitzt, weiße Kunststoffpartikel im Haar. »Ich hab ein Asymetric in Arbeit«, entschuldigte er sich, »ist bestellt, kriegt den letzten Schliff. Was kann ich für dich tun?«

Ich erzählte ihm, daß ich nur für ein paar Tage auf der Insel sei und gern eines seiner Custom-made-Boards leihen würde.

Er schaute mich kritisch von oben bis unten an.

»Wie gut fährst du?«

»Powerhalse, Wasserstart. Ich hab mein Brett zu Hause gelassen, und am liebsten wär mir, ich könnt mal eine von diesen netten Guns versuchen.«

»Na schön, 15 Dollar pro Tag, Versicherung ist mit drin. Komm, ich zeig sie dir.«

In einem Nebenraum lehnten gut ein Dutzend Windsurfbretter an den Wänden, kurze Sinker, ältere Planken mit viel Volumen und zwei dieser schönen, schlanken 3,15-Meter-Raketen, die – einmal ins Gleiten geraten – so gut wie alles hinter sich lassen, was Segel trägt.

»Schwerer als die üblichen Funboards zu händeln?«

»Erst denkst du, die Dinger fahren nur geradeaus. Aber wenn du den Bogen raus hast, sind Halsen kinderleicht, und du willst nie wieder runter.«

Ich merkte, wie mein Puls beschleunigte. Das klang verteufelt gut! »Und wie gehen die Guns in der Welle?«

»Problemlos. Laß dir einfach 'n bißchen Zeit beim Einfahren.« Ich hatte es plötzlich wahnsinnig eilig. Wenn ich mich ranhielt, konnte ich in gut einer Stunde auf dem Wasser sein!

»Übrigens, wieviel Wind habt ihr heute?«

Er sah auf die Uhr. »Ist gleich soweit. Komm, hör selber.« Im Laden stand ein Uraltradio. Er drehte es an, Kenny Rodgers lag in den letzten Zügen, dann Werbung, anschließend eine hektische Männerstimme, die Surfdaten für die gesamte Küste hervorsprudelte: Windstärke, Wellenhöhe, die Aussichten für den nächsten Tag.

Mir ging's im Grunde nur um eine einzige Information – am Diamond Head bliesen satte sieben Beaufort!

Keine drei Minuten später hatte ich die Kaution – hundert Dollar – gezahlt, eine Schaumstoffmatte auf dem Autodach ausgebreitet, das Board samt Mast und Gabelbaum draufgeschnallt und den Segelsack auf den Rücksitz geworfen. »Ich geb dir ein Wave-Segel mit«, rief der Eurasier, »durchgelattet, fünf Quadratmeter. Aloha.«

Es war mittlerweile fast 17.45 Uhr, und die Rush-hour lief auf vollen Touren. Ich quälte mich im Schrittempo über die Kalakaua Avenue, wurde langsam immer unruhiger. Eigentlich hätte ich die spektakuläre Pracht von Waikiki Beach bewundern müssen, die sich rechter Hand entfaltete, aber ich war so aufs Surfen aus, daß mich das ganze palmenselige Getümmel im Augenblick nicht im geringsten interessierte.

Eine Meile später, in Höhe des Kapiolani Parks, lösten sich die Blechlawinen allmählich auf, dafür stürmten nun dauernd ganze Jogger-Rudel wie Lemminge über die Straße. Ich stand mehr auf der Bremse als auf dem Gas und fluchte lauthals. Vielleicht sollte ich doch besser rechts ranfahren und schauen, ob man nicht hier schon irgendwo aufs Wasser ...? Kommt überhaupt nicht in Frage, blockte ich den Gedanken gleich im Ansatz ab. Gesurft wird am Diamond Head!

Diamond Head.

Wo immer auf der Welt unter Surfern dieses Stichwort fällt, glitzert's in den Augen. An seiner Schönheit liegt das bestimmt nicht. Diamond Head ist ein Kraterberg, der von weitem geradezu unerträglich kitschig aussieht, als sei er aus billigem Pappmaché geformt und künstlerisch wertvoll bemalt worden.

Zu seinen Füßen aber liegt das absolute Traumrevier: Die Brandung wütet nicht am Ufer, sondern eine viertel Meile weiter draußen, die Wellen laufen parallel zum Strand, brechen ohne große Unregelmäßigkeiten, der Wind bläst konstant und verzichtet zumeist auf tückische Böen, und das Wasser schimmert vom hellsten Grün bis zum dunkelsten Blau in allen nur denkbaren Schattierungen, wie es keine Hochglanz-Ansichtskarte prächtiger vorgaukeln könnte. Der einzige Schönheitsfehler sind ein paar Korallenbänke, die stellenweise nur knapp fünf Fuß unter der Wasseroberfläche lauern. Wer dort draufknallt, kommt nicht ohne ordentliche Kratzer davon.

Na schön.

Um 18.17 Uhr, endlich, kurvte ich in die Parkbucht der Diamond Head Road, die auf halber Höhe des Kraterberges eine Art Aussichtsplattform bildet. Ich sprang aus dem Wagen, um mich kurz zu orientieren, und während der Wind an der offenen Autotür zerrte, rannte ich zu der niedrigen Mauer, hinter der der Hang ziemlich steil abfällt, und starrte hinunter aufs Wasser. Drei, vier – fünf Segel sah ich draußen. Warum war hier so wenig los? Halt, nein, mitten in der Brandung bolzte noch ein sechster Surfer herum! Die Sprünge, die er da scheinbar mühelos vollführte und sicher stand, ließen auf einen echten Könner schließen. Sein pinkrotes Mistral-Segel trug den Aufdruck »US 1111« – na bitte, da war der Meister persönlich am Werk: Robby Naish, weltweit die Nummer Eins im Surfgeschäft.

Hier oben hielt mich nichts mehr. Ich wendete, rollte ein Stück zurück und tauchte dann links einen schmalen, stark abschüssigen Weg hinunter, der bis an den engen Strandstreifen führt. Der Parkplatz davor ist winzig, zum Glück standen lediglich vier Wagen dort, und ich konnte meinen Honda problemlos dazwischenquetschen.

Die Sonne schwebte nur noch zwei Daumenbreit über dem Horizont. Höchstens eine Dreiviertelstunde, dann würde es rapide schnell dunkel werden. Herrjeh, das war knapp.

Im Laufschritt schleppte ich die Ausrüstung ans Wasser, trimmte das Segel, so sauber das mit wenigen Handgriffen möglich war, stieg in die Badehose, schnallte den Trapezgurt um die Brust und versteckte zu guter Letzt die Wagenschlüssel im feinen Sand hinter dem linken Vorderreifen.

Tempo, rauf aufs Board!

Zugegeben, einen Hauch von Besessenheit hatte das Ganze schon. Morgen war schließlich auch noch ein Tag warum wollte ich bloß mit aller Gewalt jetzt noch für'n paar Augenblicke raus aufs Wasser?

Weil der Wind phantastisch war, darum!

Ich zögerte trotzdem, setzte das Brett ab. Ich hatte nicht mal die Weite der Fußschlaufen überprüft. Die Dinger sahen ziemlich groß aus, vermutlich war's ein unnötiges Risiko, sie zu benutzen: Man rutscht zu tief hinein und kommt zu langsam wieder heraus, im Falle eines Falles. Dann benutze ich sie eben nicht, entschied kurzerhand der Fanatiker in mir, geht genauso ohne!

Auch bei Windstärke sieben am Diamond Head?

Andererseits: Wieder alles einpacken – einfach die Segel streichen –, ich würde es mir ein Leben lang übelnehmen! Also?

Also schob ich das Board ins Wasser, stieg auf und luvte an, daß der Wind losfetzen konnte.

Whow!

Die Gun zog wahnsinnig ab, und ehe ich mich versah, ging ich baden. Das Wasser war wunderbar warm und hier vorn noch relativ flach; ich schaffte es, das Segel sofort aufzurichten und mich von ihm wieder aufs Brett hieven zu lassen. Beim zweiten Start überraschte mich die Beschleunigung nicht mehr so sehr, Sekunden später sprintete das Board los, ich hängte mich voll ins Trapez und zog den Gabelbaum noch etwas mehr herüber. Diesmal ging die Post ab, und es war ein unglaubliches, unbeschreibliches, unendlich gutes Gefühl in mir!

Die Gun lief höllisch. Kibbelig? Kaum. Auch kein Wunder bei soviel Fahrt. Mal sehen, wie das bei der Halse werden würde.

Ich ließ das Board raumschots powern und riskierte zum ersten Mal einen ausführlicheren Rundblick. Der Brandungsgürtel war nur noch hundertfünfzig Yards entfernt. Robby Naish kam mir entgegen, hing lässig im Trapez, die linke Hand baumelte dabei im Wasser, er hob sie zum Gruß und schoß vorbei. Ob er mich wiedererkannt hatte? Mir war vorher nie aufgefallen, was für breite Füße der Junge besaß. Wie Schwimmflossen. Kunststück, damit mußte man wie angeleimt auf dem Surfboard stehen.

Die Brandungsbrecher wirkten aus der Nähe gewaltig und erreichten gut und gern Masthöhe. Für einen kurzen Augenblick wurde mir flau im Magen. Vielleicht war's doch zu riskant, gleich im ersten Anlauf hineinzudüsen? Ich zog die Gun mit Fußdruck in eine enge Kehre, ließ das Segel erst im letzten Moment herumschwenken und lag erneut im Wasser.

Diesmal dauerte es wesentlich länger, bis ich das Rigg hochgedrückt und in eine neue Startposition gewinkelt hatte. Der Wasserstart klappte erst beim dritten Mal. Verdammt, war ich so aus der Übung, oder reagierte die Gun doch wesentlich anders als normale Boards?

Ich fuhr jetzt auflandig, verunsichert, ziemlich außer Atem. Wo blieben die anderen? Ich hielt vergeblich Ausschau nach ihren Segeln, bis ich merkte, daß sie längst am Strand waren und abbauten. Als einer von ihnen zu mir herüberschaute, dachte ich: Mach' gefälligst eine anständige Powerhalse, sonst lacht der sich tot, und sie klappte dann auch wirklich ganz ordentlich, doch ich spürte es selbst: viel zu steifbeinig, viel zu verkrampft das Ganze.

Ich kachelte noch einmal zur Brandung hinaus, der Sonne entgegen, die glutrot am Horizont wegzutauchen begann. Nur mal eben rein in die Gischt, dann ist Schluß für heute, entschied ich, glitt wie automatisch in die Fußschlaufen, um besseren Kontakt zum Board zu bekommen, und da hebelte mich auch schon die erste Riesenwelle senkrecht hoch. Ich hatte vor, das Brett knapp unterhalb des Kamms abzufangen und seitlich am Hang wieder Tempo zu machen. Dabei rutschte mein rechter Fuß bis zum Knöchel in die Schlaufe. Oh, verdammt, das Ding saß tatsächlich viel zu weit! Mit Müh und Not behielt ich die Balance. Schon war der nächste Brecher heran, und ich hatte viel zu wenig Fahrt, um ihn abreiten zu können, fing an zu schwanken, versuchte vergeblich, mich aus der verflixten Fußfessel zu befreien, und schrie mir zu: »Absteigen! Steig doch ab, Herrgott! Das wird so nichts!«

Die Welle krachte herunter. Wie im Zeitlupentempo sah ich den Mast kurz über dem Gabelbaum brechen. Das Segel knickte weg. Ich hing mit dem Trapez am Rigg, riß den Oberkörper mit einem Ruck zurück, aber da warf mich der Wasserberg auch schon um, begrub mich samt Board unter sich und schleuderte mich in die Tiefe.

Meine Sinne explodierten. Die Korallenbänke! Plötzlich durchzuckte mich rasender Schmerz im Rücken. Mir wurde schwarz vor Augen. Woran lag es, daß ich so schnell wieder hochkam? Wahrscheinlich daran, daß mein Fuß noch immer in der Schlaufe hing, und der Auftrieb des Brettes mich mit ans Tageslicht geliftet hatte. Mastteile und Segel trieben ein Stück weiter vorn. Ich konnte meinen Oberkörper kaum bewegen und schaffte es noch immer nicht, den Fuß aus der Öse herauszuwinden.

Mein Rücken mußte total zerschunden sein. Vermutlich war ich an einer Korallenbank entlanggeschrammt und schien auch heftig zu bluten. Mit letzter Kraft wälzte ich mich aufs Board, quälte den Fuß aus der Umklammerung, lag minutenlang wie tot da.

Wahnsinn. Totaler Wahnsinn. Und ich hatte das Schicksal selbst herausgefordert!

Treiben, bloß erst mal treiben lassen! Das Ufer war zum Glück näher, als ich vermutet hatte, und auch der Wind flaute merklich ab. Offenbar ging hier eine leichte Strömung, denn der Parkplatz wanderte im Blickfeld immer weiter nach rechts. Da stand nur noch ein Wagen – meiner. Kein Mensch weit und breit, der mir helfen konnte.

Ich mußte schnellstens ans Ufer. Wer weiß, was ich mir in der Brandung gebrochen hatte.

Ich hob die Schultern. Es tat höllisch weh. Die Sonne war längst untergegangen. Dämmerung ließ die Uferkonturen verschwimmen. Ich versuchte mit paddelnden Armbewegungen, das Surfbrett in Richtung Land zu lenken. Die Strömung kam mir dabei ein wenig zur Hilfe, dennoch mußte ich immer wieder Pausen einlegen und verschnaufen.

Schräg vorn schimmerte Licht durch einen Palmenhain, und grenzenlose Erleichterung umschloß mich.

Es dauerte allerdings noch mehr als zehn Minuten, bis ich so dicht unter Land war, daß ich mich vom Brett hinunterrollen und ans Ufer schleppen konnte.

Ich fühlte mich zerschlagen wie noch nie im Leben.

Immerhin: Meine Beine funktionierten, wenn auch zögernd. Mit Mühe schob ich das Board aus dem Wasser und kroch einen steinigen Uferstreifen hinauf. Wo war das Licht? Eine schmale Straße, ein Schild mit der Aufschrift »Coconut Ave«. Ich taumelte wie ein Betrunkener. Da lag der Palmenhain, dahinter eine Mauer, aber sie nahm kein Ende, und es gab weder Tür noch Tor, nur lichtstarke Lampen, die in regelmäßigen Abständen obendrauf saßen und das gesamte Areal hell erleuchteten. Resignation beschlich mich, ich merkte mit einem Mal, daß mir kalt war. Kaum verwunderlich, wenn man außer einer nassen Badehose und einem Trapezgurt nichts weiter anhat ...

Ich gab mir einen Ruck. Wo eine Mauer war, waren auch Menschen, die sich hinter ihr sicherer fühlten. Also schleppte ich mich weiter bis zu einer Biegung.

Ein paar Schritte dahinter entdeckte ich eine Nische und stand kurz darauf vor einer Pforte, die sich in dieser Nische verbarg.

Merkwürdig: Keine Klinke, keine Klingel, kein Namensschild.

Schweratmend lehnte ich mich an die Mauer, bis ich wieder genug Kraft hatte, um gegen die Pforte zu pochen, mit beiden Händen, gut ein dutzendmal.

Dann lauschte ich.

Ob mich niemand hörte? Ich hob einen Stein auf und schlug damit erneut gegen die Pforte. Bang, bang, bang! Dieser Krach dürfte sogar Tote aufwecken.

Stille. Waren da nicht Schritte? Scharniere knarrten, langsam schwenkte die Pforte auf, und ein Mann stand in der Maueröffnung, breitschultrig, unbeweglich. Er hatte einen kantigen Schädel mit buschigem Schnauzbart und starrte mich einfach nur an.

Ich sagte keuchend: »Hören Sie, ich bin da draußen ...«. Der Mann schüttelte, noch immer schweigend, seinen Kopf, hob die Rechte und schlug mir seine Faust mitten ins Gesicht.

2. KAPITEL

Jennifer lag im Sand, nackt bis auf die Sonnenbrille, weit und breit keine Menschenseele. Außer mir. Ich saß ein Stück abseits. Unbehaglich, unruhig, verwirrt. »Wir sind hier wirklich ganz allein«, sagte Jennifer vorwurfsvoll. Sie schien meine Beklommenheit nicht zu spüren. »Wir wär's, wenn du ein bißchen näherrücktest?« Ich wollte nicht nur näherrücken, ich wollte ihre Haut berühren, ihren Duft einatmen, sie küssen und lieben, und allein der Gedanke beflügelte mich – aber irgendwie schien ich wie erstarrt, unfähig, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

»Herbie«, hörte ich Jennifers Stimme, »ich geb dir noch genau dreißig Sekunden, dann komm ich zu dir, und dann gnade dir Gott!« Ich versuchte aufzustehen – vergeblich. Sie fing an zu zählen. Bei 15 erhob sie sich langsam, bei 20 tat sie den ersten Schritt, bei 28 stand sie unmittelbar vor mir, mit funkelnden Augen und leicht geöffnetem Mund.

Ich hatte die merkwürdige Gewißheit, diese ganze Szene mit fremden Augen zu beobachten, aus dem Parkett gewissermaßen, und trotzdem wollte ich meine Arme ausstrecken und Jennifer zu mir in den Sand ziehen, ihre Schenkel streicheln, ihre Brüste. Doch ich fühlte mich wie versteinert, grenzenlos hilflos, kaum fähig, ihren Namen zu flüstern: »Jennif...«

Dieser Mensch am Strand, der ich war, glaubte sich jetzt und hier und weit weg zugleich, lebendig und tot in ein und demselben Atemzug.

»Er müßte nun aber allmählich aufwachen.«

Jennifers Stimme klang plötzlich viel heller.

»Und ich sag's Ihnen noch einmal: Er ist draußen am Riff in die Mangel geraten, so wie er aussieht.«

Was redete Jennifer da?

»Nein, glaub ich nicht. Der Bursche hält sich bloß für besonders clever. Pah! Ich laß mich nicht so leicht linken!«

Eine Männerstimme. Dunkel und rauh.

Da war also noch jemand am Strand.

Aber was wollte der Kerl?

»Sie irren.« Jennifer wirkte jetzt ziemlich ungehalten.

»Er ist anders als die anderen. Ich bin sicher, Sie haben ihn zu Unrecht niedergeschlagen, Mister Dogan, einen Surfer, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Denken Sie schnell darüber nach, wie Sie das wieder in Ordnung bringen wollen. Mein Vater mag keine unnötigen Scherereien!«

»Ich bin hier für die Sicherheit verantwortlich«, antwortete der Mann, noch einen Zahn aggressiver als zuvor. »Ich soll jedes Risiko ausschließen. Vergessen Sie das nicht. Nur dafür bezahlt mich Ihr Vater. Nicht für irgendwelche Samariterdienste. Ich sag's noch mal: Dieser Typ ist alles andere als harmlos, Miss Turner.«

Miss Turner? Jennifer hieß doch nie im Leben Turner. Worüber stritten die da überhaupt?

Meine Lähmung lockerte sich, ging über in ein diffuses Schmerzgefühl, kroch vom Gesicht über den Rücken bis in die Beine. Ich stöhnte auf. »Er wird wach.« Jennifers Stimme kam näher, aber sie klang ganz anders. Ich versuchte mit aller Gewalt, die Augen zu öffnen. Es gelang erst nach mehreren Versuchen. Ich hob den Kopf und suchte ihren Blick.

Ich stemmte mich hoch, doch die fremde Frau neben mir drückte mich sanft zurück in den Sand. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ich begriff, daß auch der Sand kein Sand, sondern ein Laken war.

»He, Sie.« Die junge Frau hockte auf der Bettkante. »Sie haben sich ganz schön Zeit gelassen mit Ihrer Rückkehr aus Nirwana. Ich fing schon an, mir Sorgen zu machen.«

»Wer sind ... wo ... ich meine, was ...« Sonderlich präzise klangen die Fragen, die mir durch den Kopf wirbelten, nicht.

»Ruhn Sie sich noch ein wenig aus. Ich bin gleich zurück.« Sie nickte mir zu und verschwand. Ich versuchte, ihr nachzublicken, aber vor meinen Augen verschwamm alles, und eine neue Schmerzwelle tobte in mir mehrmals hinauf und hinunter. Immerhin brachte sie mich einen ordentlichen Schritt in Richtung Realität voran.

»Mich legst du nicht aufs Kreuz, Freundchen! Ich durchschau dich! Mich kannst du nicht bluffen!«

Schemenhaft sah ich den Mann, der im Türrahmen lehnte. Die gedrungene, kräftige Figur. Die breiten Schultern. Aber erst, als er sich über mich beugte, erkannte ich ihn wieder – der riesige Schnauzbart gehörte zu dem Kerl, der mich niedergeschlagen hatte.

»Mister Dogan, bitte!« Die junge Frau hielt eine Tasse in der rechten Hand. Mit der linken schob sie den Mann zur Seite. »Sie können sich mit ihm unterhalten, wenn er sich erholt hat. Das ist der ausdrückliche Wunsch meines Vaters, haben Sie verstanden?«

Der Mann schnaubte verächtlich, allerdings ging er dann doch, aber nicht ohne laut und deutlich zu murren: »Ich bleib' lieber in der Nähe. Oder wünscht Ihr Vater das auch nicht?«

Meine Gastgeberin schien die Frage zu überhören, drückte mir statt dessen die Tasse aufs Kissen. »Tee, möchten Sie?« Ich nickte, und diesmal hielt sich der Schmerz im Kopf in Grenzen. Ich schlürfte in kurzen Intervallen, setzte die Tasse ab, drehte mich so, daß ich ihr voll ins Gesicht blicken konnte und fragte mit einer Stimme, die mir beherrscht genug schien: »Wie komme ich in dieses Bett?«

Sie atmete pustend aus und ließ ihren Blick zur Decke wandern. »Oh, Sie sind vor unserem Haus ... gestürzt oder so, und dort konnten wir Sie wohl kaum liegenlassen, nicht wahr?«

»Gestürzt oder so?« Unwillkürlich mußte ich lachen, wenn's auch weh tat. »Das hab ich ganz anders in Erinnerung, Miss.«

»Ach?«

Hundertprozentig funktionierte mein Gedächtnis noch nicht, aber das mußte ich ihr ja nicht gerade auf die Nase binden. Mal sehen, vielleicht würde sie meinem Kleinhirn auf die Sprünge helfen können.

»Sagen Sie, wie lange bin ich denn schon Ihr Untermieter?« Sie schaute auf die Uhr. »Heute ist Dienstag, der 21. Mai. Und in diesem Bett liegen Sie, Moment, genau 21 Stunden, 17 Minuten und ... ja, 30 Sekunden. Präzise genug?«

Zum ersten Mal sah ich ihr Profil vor dem hellen Fenster. Ich nahm mir vor, ein bißchen genauer hinzugucken, falls mein Zustand das je wieder erlauben sollte.

»Das Ganze ist natürlich ein dummes Mißverständnis«, sagte sie zögernd, »auch wenn Mister Dogan behauptet, Sie...«, ihre Hände zupften irgendwelche imaginären Fusseln von der Bettdecke, »... Sie wollten hier eindringen.«

Ich konnte nur erbost schnauben.

»Regen Sie sich nicht auf, mir ist das von gestern abend völlig klar. Wollen Sie's hören?«

Ich nickte Zustimmung.

Sie zog einen Stuhl heran und strich sich Strähnen ihres langen blonden Haares aus dem Gesicht. »Sie haben in der Brandung Bruch gemacht und hier versucht, Hilfe zu finden, richtig?«

Ich nickte erneut.

»An der Seitenpforte hat sie dann Mister Dogan empfangen. Naja, tut mir leid, wirklich. Ich war zufällig so 'ne Art Augenzeuge, müssen Sie wissen.«

Sie nahm die leere Teetasse von meinem Kopfkissen.

»Ich hatte Mister Dogan gesucht, um ihm zu sagen, daß ich noch mal nach Honolulu rüberfahre, aber er war nicht in seinem Zimmer. Nun, die Monitore liefen alle, und auf Bild drei – die kleine Pforte an der Westmauer – fand gerade Ihr Knockout statt.«

Sie schwieg. Ich schwieg mit. Schließlich fragte ich gedehnt: »Werden bei Ihnen alle Leute, die dem Haus zu nahe treten, so empfangen?«

»Unsinn. Wir haben hier bloß schon einige Einbrüche gehabt, und da mein Vater der Polizei nicht viel zutraut, müssen wir schon selbst sehn, wie wir uns schützen.«

»Fernsehkameras, Alarmanlagen, Lichtkaskaden?«

»Ja.«

»Selbstschüsse?«

»Nein.« Sie verschränkte die Arme hinterm Kopf. »Das hält Dad für übertrieben. Hier schießt nur einer: Mister Dogan.«

»Der Hauskiller.«

Ich fühlte mich allmählich besser, und zum Glück reagierte das Mädchen verständnisvoll auf meine Bemerkung – es lachte.

»Ich bin rausgerannt, weil Mister Dogan Sie vor der Mauer Ihrem Schicksal überlassen wollte. Sie hätten sich mal sehen müssen: Ihr Rücken war überall aufgerissen! Okay, wir haben Sie reingeschleppt, und ich hatte eine Stunde lang zu tun, die Wunden zu bepflastern.«

»Danke für den Samaritereinsatz. Tut mir leid, daß ...«

»You are welcome, Sir.«

Diesmal lachten wir beide.

Ich versuchte aufzustehen. Schwindel ließ mich schwanken. Sie ergriff meinen rechten Arm, und da ging es.

Sie war nur einen halben Kopf kleiner als ich, mußte also knapp einsachtzig sein, stellte ich fest, als sie einige Schritte zurücktrat und, die Hände in die Hüften gestemmt, voller Skepsis mich und meine ersten Gehübungen beobachtete.

Ob sie das, was sie da sah, halbwegs akzeptieren konnte? Meine Einmeterneunzig gehören nun mal nicht unbedingt zur fettarmen Sorte. Die leichten Wölbungen an Hüfte und Bauch ließen sich durch taillenferne Hemden gerade noch tarnen. Aber schließlich bin ich 39 und habe 85 Kilo Lebendgewicht. Trotz der Schmerzen im Rücken hielt ich mich betont aufrecht.

»Stehen Sie doch bequem, Mister«, murmelte sie und schaute mich immer noch an.

Unsicher fuhr ich mir durchs Haar. Was sie jetzt wohl dachte? Bestimmt: Ein Typ wie jeder andere, nur alles etwas ausgeprägter. Braune Haare, mittellang. Braune Augen, leicht umschattet. Kräftige Nase mit deutlichem Linksdrall. Falten um den Mund. Ein Mund übrigens, der viel zu breit war, um anziehend zu wirken. Hatte Jennifer jedenfalls behauptet, zu guter Letzt.

Ich tastete vorsichtig über mein Gesicht. Kinn und Nase fühlten sich noch etwas taub an. Das war die Handschrift dieses Dogan. Immerhin, alles saß noch dort, wo's hingehörte. Der Rücken brannte ziemlich stark. Schöne Grüße vom Diamond Head.

Diamond Head? Herrjeh, was war wohl aus dem Leihboard geworden? Hastig wandte ich mich zur Tür, sagte: »Tschuldigung, ich muß raus und nachsehn, ob die Gun noch am Strand liegt, ich hab ...«

Die junge Frau unterbrach mich. »Nichts da, Sie bleiben hübsch hier! Wir werden Mister McCullum fragen, ob er Ihr Brett gefunden hat. Er wollte sich sowieso am Wasser umsehen.«

Wer war nun wieder Mr. McCullum?

»Wir essen rechtzeitig zu Abend. Möchten Sie lieber auf Ihrem Zimmer oder gemeinsam mit meinem Vater und mir speisen? Natürlich nur, wenn Sie's nicht zu sehr anstrengt.« Ohne eine Antwort abzuwarten, fügte sie hinzu: »Gut, dann sagt Hannah Ihnen kurz vor sieben Bescheid?« Personalmangel kannte dieses Haus offensichtlich nicht. Sie lächelte mir noch einmal zu, dann fiel die Tür ins Schloß.

Nachdenken, analysieren wäre nun nötig gewesen, denn solche Situationen kennzeichneten bislang nicht unbedingt den Job des Journalisten Herbert Hensmann. Aber ich ließ mich einfach ins Bett zurücksinken, wälzte mich auf den Bauch, weil der Rücken das vermutlich lieber hatte, und war schon fast eingenickt, als ich es plötzlich spürte – unsicher tastete ich meinen Oberkörper ab: kein Hemd. Ich tastete tiefer: keine Hose. Ich war nackt.

»Mister?«

Ich schlug die Augen auf. Vor mir stand eine zierliche Asiatin, zögernde Neugier im Blick. »Ich bin Hannah«, wisperte sie, »die Köchin.«

»Hensmann«, sagte ich, »Herb Hensmann. Hallo.«

Über ihren fast hageren Armen hingen Jeans, ein großes rotes Polohemd, gelbe Socken. In der rechten Hand hielt sie weiße Leinenschuhe, in der linken einen wild gemusterten Slip.

»Das möchten Sie bitte anziehen, läßt Miss Turner ausrichten.«

Dann knickste sie und zog sich zurück.

Als sie draußen war, probierte ich's über. Es paßte alles. Miss Turner hatte Augenmaß.

Gleich darauf platzte sie, ohne anzuklopfen, ins Zimmer, rief: »Gut sehen Sie aus«, ergriff meine Hand und zog mich auf den Flur und eine breite geschwungene Treppe hinunter. Mir ging das fast etwas zu schnell, so ganz in Ordnung schien mein Kreislauf noch immer nicht zu sein – oder lag es daran, daß diese Person neben mir so ungewöhnlich direkt war? Sie trug jetzt einen nachtblauen Overall, der oben viel braune Haut erkennen ließ, und bei genauerem Hinsehen – aber wie sollte ich genauer hinsehen, wenn sie in diesem Tempo mit mir durch die Halle schoß und erst vor einer geschlossenen Tür stoppte?

»Dad bespricht sich noch mit Mister McCullum, aber das macht nichts, wir stören nicht.«

Sie öffnete die Tür, winkte mir, und drinnen hörte ich jemanden sagen: »... Ende dreißig und arbeitet drüben in L. A. angeblich als Journalist. Scheint nicht sehr erfolgreich zu sein, jedenfalls sind nur knapp über 1000 Dollar auf seinem Konto, und das Appartement wirkt erschreckend karg, um es zurückhaltend auszudrücken.« Die Stimme verstummte. Ich stand wie vom Donner gerührt – da war doch von mir die Rede, verdammt noch mal!

»Oh, kommen Sie herein. Alice, machst du uns ein paar Drinks? Mister McCullum bleibt noch einige Minuten.«

An der Stirnseite des riesigen Eßtisches saß ein weißhaariger Mann in einem weißen Dinnerjacket, breitschultrig, höchstens Mitte fünfzig. Er hatte einen dieser Charakterköpfe, wie Hollywood sie schätzt: jedes Detail ausgeprägt, Nase, Kinnpartie, Mund. Nur die Stirn war fast zu hoch. Für einen Filmhelden wirkte er dadurch intellektueller als erlaubt. Irgend etwas irritierte mich, ich wußte nur nicht, was.

»Dad, dies ist unsere Wasserleiche«, sagte meine Retterin, schob mich weiter in den Raum und fragte: »Pan Tai für alle?«

Der gepflegte Gentleman nickte, bot mir mit einer ausholenden Armbewegung Platz an, sagte heiter: »Wir reden gerade über Sie, Mister Hensmann«, und deutete dann auf sein Gegenüber: »Darf ich bekanntmachen: Mister McCullum.«

Dieser McCullum, grauer City-Anzug, Hornbrille, Bauchansatz, Samsonite-Aktenkoffer zwischen den Beinen, sah wie ein mittlerer Behördenangestellter aus. Das schüttere Haar wirkte sauber betoniert. Die schwarzen Halbschuhe unter den Hochwasserhosen waren makellos blank. In seinem schwammigen Gesicht beeindruckten nur die Augen: hellwach, ständig in Bewegung.

Turners Tochter schien die Szene nicht im geringsten ungewöhnlich zu finden. Sie bot uns allen einen dieser farbenprächtigen Hawaii-Cocktails an und setzte sich dann neben ihren Vater, strich ihm übers weiße Haar, zwei-, dreimal.

McCullum blickte betont gleichmütig drein, während ich meine aufsteigende Wut nicht länger zurückhalten konnte: »Darf ich fragen, was das Ganze soll? Woher nehmen Sie das Recht, Erkundigungen über mich einzuziehen? Ich hab niemandem etwas getan, im Gegenteil, mir wurde ...«

»Aber, hören Sie.« Mr. Turner schaute mich lächelnd an. »Sie sind in meinem Haus, auf das besondere Betreiben meiner Tochter zwar und gegen den ausdrücklichen Rat meines Sicherheitsbeauftragten, da werden Sie mir doch gestatten, festzustellen, mit wem wir die Ehre haben, oder?«

Er sprach bedächtig, als genösse er es, gefällig zu formulieren.

»Das hätte ich Ihnen auch selbst erzählen können!«

»Vielleicht lügen Sie?«

»Also wirklich!« Ich sprang auf und wollte raus aus dem Zimmer. Miss Turner war schneller. Vor der Tür ergriff sie meinen Arm. »Sie werden das schon noch verstehen«, raunte sie, »bitte.«

Wir kehrten an den Riesentisch zurück; kaum saßen wir – diesmal nahm sie neben mir Platz –, sagte dieser McCullum, und es klang entschuldigend: »Sehr viel kann ich über ihn«, er deutete mit einem Daumenschlenker auf mich, »natürlich in der Kürze der Zeit noch nicht sagen. Fest steht: er kommt aus Westdeutschland, Hamburg, ist 39 Jahre alt, nicht vorbestraft. Seine Aufenthaltserlaubnis in Kalifornien gilt noch drei Monate, kann aber verlängert werden.«

Turner wandte sich mir zu: »Stimmt das bisher so?«

Ich zog nur eine Grimasse.

»Seit wann ist Mister Hensmann denn hier auf Oahu?«

McCullum zerrte an seinem Kragen. »Seit gestern.«

»Und dann geht er Hals über Kopf ins Wasser?«

Turner schüttelte den Kopf. »Kaum zu glauben.«

Schweigen.

»Woher weiß er das alles?« fragte ich in die Stille hinein, »ich meine: wie kriegt man so was in so kurzer Zeit heraus? Ist Ihr Mister McCullum etwa von der CIA, Mister Turner?«

Ich lachte als einziger.

»Wenn man so will«, antwortete Mr. Turner mit fröhlicher Miene.

Das Dinner bestand aus fünf Gängen, und einer schmeckte köstlicher als der andere.

»Unsere Hannah war lange auf Tahiti, sie versteht was von der französischen Küche, ich finde, man merkt's«, plauderte Miss Turner. Ihr Vater wurde erst beim Dessert gesprächig. »Ich verstehe durchaus, Mister Hensmann, daß Sie über meine Vorgehensweise erstaunt sind. Aber ich muß mich, notgedrungen, absichern. Schauen Sie, hier im Haus gibt es einige durchaus wertvolle Gegenstände, deren Existenz dummerweise auch Leuten bekannt ist, die in der Wahl ihrer Mittel nicht sonderlich wählerisch zu sein scheinen.«

»Mit anderen Worten: Sie fürchten, beraubt zu werden?«

Turner lächelte mal wieder. »Ich fürchte nicht nur – ich wurde bereits. Aber seit ich hier ein besonders kostbares, weil auf der ganzen Welt einmaliges Stück habe, gilt es, jedes Risiko auszuschließen.«

Das mit dem Risikoausschluß hatte ich doch schon mal gehört. Dieser Dogan sprach davon, als er mit Miss Turner stritt.

»Darf man erfahren, worum es sich dabei handelt?«

»Nein.«

Seine Tochter schlug plötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch. »Vater! Das ist nicht fair! Mister Hensmann muß sich vor unserer Tür verprügeln lassen und soll nicht einmal wissen, wofür? Ich sag's ihm!«

»Alice!«

Ich dachte, jetzt springt er auf und hält ihr den Mund zu, doch Turner lehnte sich weit zurück und fuhr betont langsam fort: »Al, er ist Journalist, laß es, bitte.«

Sie dachte nicht daran. »Vater, ich finde ihn okay. Vielleicht kann er uns sogar helfen. Glaub mir; du weißt, Mutter hat immer gesagt, ich hätte ein besonderes Gespür.«

Bei dem Wort »Mutter« war der Vater blaß geworden.

»Alice, wir kennen Mister Hensmann nicht. Und wir sollten ihn auch nicht mit dem Wissen um etwas belasten, das er vielleicht nicht verkraften kann.«

Sein Blick glitt zur Seite.

Die Diskussion der beiden kam mir vor wie der Dialog in einem dieser modernen Stücke, bei denen nicht mal der Autor durchblickt. Dabei war ich mittlerweile neugierig wie ein Kind, das wissen will, wie der Weihnachtsmann von innen aussieht.

Miss Alice schüttelte heftig den Kopf. »Ich denke, du bist es ihm schuldig, Dad.« Sie erhob sich, tippte mir auf die Schulter und ging zur Tür. Ich folgte ihr, und als ich mich umdrehte, um die Reaktion ihres Vaters abzuwarten, raunte sie: »Kommen Sie, er wird es sich schon nicht nehmen lassen, dabeizusein.«

Wir marschierten also los, durchquerten die Halle, passierten einen kleinen Vorraum, dann versperrte uns ein vergitterter Torbogen den weiteren Weg. Der schummrige Raum dahinter war eine Bibliothek mit Regalen bis unter die Decke, und mittendrin stand eine halbhohe Vitrine. Ein surrendes Geräusch ließ mich herumfahren. Mr. Turner folgte uns tatsächlich – in einem Rollstuhl.

»Wie ich sehe, hat Ihnen meine Tochter unterschlagen, daß ich behindert bin«, sagte der Hausherr. »Ein Unfall, vor ein paar Jahren, beim Segeln.«

Ich wollte Anteilnahme bekunden, der töchterliche Blick aber ließ mich schweigen. Wer wußte, was da nun wieder dahinterstecken mochte.

»Willst du öffnen, Dad?«

Wortlos rollte Turner an uns vorbei und drückte auf einen roten Knopf in der Mitte einer Konsole, die neben der rechten Armlehne seines Gefährts montiert war. Lautlos glitt das Gitter seitlich in die Wand. Ehe wir auch nur einen Schritt gemacht hatten, stellte er den Rollstuhl quer in den Torbogen.

»Mister Hensmann«, sagte Turner und verzichtete diesmal auf sein Lächeln, »kein Journalist hat bisher zu sehen bekommen, was dort in der Vitrine liegt. Ich zeige es Ihnen nur dann, wenn Sie mir versprechen, daß Sie kein Wort darüber schreiben werden.«

»Es sei denn, du erlaubst es ihm irgendwann einmal, Daddy«, fügte Miss Alice bedeutungsvoll hinzu.

Was für ein Spielchen spielten die beiden mit mir?

»Sie halten mich doch für einen Lügner, Mister Turner«, antwortete ich, »was wäre mein Wort also wert?«

»Oh, Alice glaubt Ihnen.«

Plötzlich wollte ich da rein, und zwar sofort.

»Gut, Sie haben es.«

Vater und Tochter sahen sich an.

Er dirigierte seinen Rollstuhl Richtung Vitrine, sie drückte einen Schalter, und über der Vitrine ging ein Spot an, der einen enggebündelten Lichtstrahl hineinwarf.

Meine Güte, was für ein Aufwand! Wie für die britischen Kronjuwelen. Und was lag in der Vitrine: ein Holzblock.

Ich starrte erst das Holz, dann Turner, zuletzt Miss Alice an und dachte: Gleich brechen die in schallendes Gelächter aus, weil sie mich mit Erfolg verkohlen konnten.

Doch niemand lachte.

»Schauen Sie's ruhig ein bißchen genauer an«, ermunterte mich Turner, »was Sie da sehen, ist fünftausend Jahre alt.«

Der Block war fast schwarz, stark rissig. An der linken Seite wies er eine noch dunklere Beschichtung auf. Das Nichts in der Mitte mußte so etwas wie ein Zapfenloch sein. Irgend jemand hatte dem Holz eine Vierkantform verpassen wollen, ganz exakt war ihm das allerdings nicht gelungen.

»Und warum, wenn ich fragen darf, stellen Sie das Ding hier aus?«

»Es ist ein Stück der Arche Noah, Mister Hensmann«, antwortete Turner.

Es geschieht eigentlich ganz selten, daß ich überhaupt nicht weiß, was ich sagen soll. Dies war eine solche Situation. Bevor ich auch nur einen einzigen Gedanken in Gang setzen konnte, hakte Alice Turner mich unter und steuerte mit mir eine Sitzecke an, während ihr Vater im Rollstuhl hinterherschnurrte und von einem Bartischchen im Vorbeifahren drei Gläser und eine Flasche französischen Cognac mitnahm. Ich sah bestimmt so ratlos aus, wie ich mich fühlte.

»Sie denken vermutlich, wir haben den Verstand verloren, stimmt's?« erkundigte sich Miss Alice.

Ich wollte gehorsam nicken, unterließ es aber.

»Ich war genauso platt, als Dad mir damals das Holz zum ersten Mal präsentierte, das können Sie mir glauben.«

Ich reagierte immer noch nicht.

»Sie wollte mich entmündigen lassen«, amüsierte sich Turner und schenkte den Cognac ein, »ich habe eine ganze Nacht lang auf Alice einreden müssen, bis sie mir endlich glaubte.«

Ich räusperte mich und blickte sie entgeistert an. »Sie glauben das wirklich? Das ist der größte Schwachsinn aller Zeiten!«

Alice lächelte wieder. Schwachsinnig sah sie dabei wirklich nicht aus. »Genaugenommen hat das mit Glauben nichts zu tun«, sagte sie, ernster werdend. »Ich kenne ja inzwischen die Fakten, die Untersuchungsergebnisse von Universitäten und Instituten, die Labordaten, alles. Es ist Holz vom Rumpf der Arche, zweifellos.«

»Wollen Sie mir bitte mal erklären, warum ich darüber nicht eine einzige Zeile gelesen habe?« Ich trank den Cognac in einem Zug. »Wenn das wirklich stimmt, wär's die Sensation, und die Nachricht liefe binnen Stunden um die ganze Welt! Also ehrlich: Haben Sie nicht noch was Älteres auf Lager als diese biblische Ente?«

Alice lehnte sich entspannt zurück. Verdammt gelassen sah sie aus, dachte ich. Wieso beeindruckte sie meine Verbalattacke nicht im geringsten? Und auch Turner senior blinzelte nur sinnend in seinen Cognacschwenker.

»'ne biblische Ente«, wiederholte ich, schon ein bißchen moderater. Alice erhob sich, ging zur Vitrine hinüber, stützte sich auf. »Daddy«, sagte sie sanft, »erzähl's ihm bitte. Er soll sich nicht länger unter Spinnern fühlen.«

Turner nippte an seinem Glas. »Vielleicht interessiert ihn das Ganze ja gar nicht?« Er sah mich an, und ich bemühte mich um ein waschechtes Pokerface.

»All right. Mister Hensmann, dieses Artefakt befindet sich seit etwa einem Jahr in meinem Besitz. Ich habe dafür eine halbe Million Dollar bezahlt.«

Mein Pokerface zeigte augenblicklich erste Risse.

»Es wurde am 8. August 1971 von dem norwegischen Hobby-Archäologen Dr. Sören Ingwersson gefunden. In einem Gletscherhang, knapp 4200 Meter hoch. Dort, wo schon die Bibel die Arche lokalisiert: auf dem Ararat. Der Name sagt Ihnen doch etwas? Der Ararat ist mit 5156 Metern der höchste Berg der Türkei.«

»Und dieser Mensch hat das Holz da eingesammelt, in seinen Rucksack gesteckt und anschließend weltweit rumgefragt: ›Wer, bitte, löhnt dafür 'ne halbe Million‹?«

Es sollte eigentlich ironisch klingen.

Turner tat, als hätte er nicht zugehört.

»Ingwersson ließ seinen Fund untersuchen. Im Nationalen Naturwissenschaftlichen Forschungszentrum Oslo, in der Forstwissenschaftlichen Forschungs- und Versuchsanstalt Madrid, aber auch im Prähistorischen Institut der Universität von Paris. Ich will es kurz machen: Alle konsultierten Wissenschaftler waren sich in ihrem Urteil einig. Unabhängig voneinander. Ihr Fazit: Weißeiche, vor 5000 Jahren mit einer bitumenähnlichen Masse behandelt, Zweifel nahezu ausgeschlossen.«

»Und warum, ich hab das eben schon mal gefragt, ist von alledem nicht eine einzige Silbe an die Öffentlichkeit gedrungen?«

»Einschlägige Kreise sind natürlich informiert. Aber was meinen Sie, was geschehen wäre, wenn Ingwersson oder eines der Institute sofort die Presse, das Fernsehen alarmiert hätten? Die Leute reagieren auf eine derartige Nachricht doch fast ausnahmslos so wie Sie – mit Skepsis, günstigstenfalls. Vermutlich aber eher noch mit Hohn und Entrüstung. Nein, Mister Hensmann, man hat richtig gehandelt und bis heute geschwiegen.«

Nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn ich meine eigene Reaktion bedachte.

»Nun ja«, überlegte ich laut, »klar, so 'ne Wahnsinnsgeschichte muß man absolut professionell verkaufen, davon hängt's ab, ob die Menschheit dran glaubt oder drüber lacht. Aber trotzdem ...«

Ich goß mir unaufgefordert einen Cognac nach. »Verraten Sie mir bitte noch eines, Mister Turner: Warum geben Sie derartig viel Geld für sowas aus?«

Er schaute zu Alice hinüber. »Ich weiß nicht, ob ...«, begann er. Alice starrte nur versonnen auf das dunkle Holz unter dem Glas.

»... Ob ich Ihnen das verdeutlichen kann.« Turner räusperte sich mehrmals. »Mein Leben verläuft seit dem Unfall«, und unwillkürlich zog er an seinen Hosenbeinen, »wesentlich anders, als ich es mir für die zweite Halbzeit vorgenommen hatte. Ich bin immer ein ... zupackender Mensch gewesen, aktiv, umtriebig, und auf einmal ...«

Er brach ab. Alice trat wortlos zu ihm und strich ihrem Vater übers Haar. »Ich glaube, Mister Hensmann kann durchaus nachempfinden, was in einem vorgeht, wenn man von einer Sekunde auf die andere wie gelähmt ist. Schau, Dad, er ist draußen in der Brandung gestürzt, und ihm hätte Ähnliches widerfahren können wie dir, nicht wahr?«

Turner zog ihre Hand vor sein Gesicht, küßte ihre Fingerspitzen. »Danke, Al.« Es war fast ein Flüstern.

»Dad und Mam sind damals beim Trans-Pacific-Yacht-Race gestartet«, sagte sie behutsam, »die Ziellinie ist direkt unten vor Diamond Head. Beim Endspurt gab es eine fürchterliche Kollision. Mutter ertrank, und Vater ist seitdem ... gehandicapt.«

Ich blickte Alice versonnen an.

»Und seitdem leben wir hier. Früher ...« sie lachte plötzlich auf, »ja, früher gehörte mein Vater zu den harten Burschen, müssen Sie wissen. Zwar weich zu den Seinen, aber im Business wie eine Stahlfeder. Mutter war jedesmal entsetzt, wenn in den Zeitungen berichtet wurde, wie Dad die Ölbranche durcheinanderwirbelte.

›Das sind doch seine Geschäftsfreunde‹, sorgte sie sich dann, ›zu denen muß er doch freundlich sein.‹ Ich habe ihr erklärt, daß Geschäftsfreunde eine besondere Spezies von Konkurrenten sind, doch sie hat das nie verstanden.«

Ich hörte ihr schweigend zu. Turner war in tiefes Brüten versunken.

»Nach dem Unglück war auf einmal alles anders. Dad konnte weder Mutters Tod noch seine Lähmung akzeptieren, und wenn nicht ...«

Das Telefon neben der Sitzecke summte. Alice hob ab, horchte, reagierte plötzlich aufgeregt: »Tatsächlich? Moment, Mister Chesterfield, ich gebe Ihnen meinen Vater.«

Sie klatschte in die Hände. »Daddy, Washington!« Mit drei Schritten war sie bei ihm. »Sie haben die Aufnahmen, Dad!«, und während sie das sagte, schob sie ihn und seinen Rollstuhl eilig um zwei Sessel bis vors Telefon.

Turner hatte sich von ihrer Aufregung anstecken lassen.

»Hallo Frederick, meine Tochter sagt, Sie ... wie viele ...? Und was kann man ...? Im Ernst ...? Können Sie die Fotos nicht selber ...? Einverstanden ... ja, McCullum wird ... Bis morgen, Frederick.«

Er legte den Hörer ganz langsam auf. »Es ist soweit, Al!« Der Mann, der eben noch in düsteren Gedanken befangen war, strahlte auf einmal voller Zuversicht. »Es geht los! Chesterfield behauptet, die Aufnahmen wären erstklassig!«

Ich saß da, verstand nicht ein Wort, und die beiden machten keinerlei Anstalten, mich den Grund ihrer Begeisterung wissen zu lassen. Warum sollten sie auch? Schließlich war ich ein Fremder im Haus der Turners, dem sie in den letzten Stunden weiß Gott schon genug erzählt hatten. Es war albern – aber irgendwie ärgerte es mich.

Ich beschloß, ab sofort verstimmt zu sein, stand abrupt auf und stiefelte schnurstracks Richtung Halle, jederzeit bereit, auf Zuruf umzudrehen und mich wieder zu ihnen zu setzen.

Aber weder Turner noch Tochter kümmerten sich um meinen Abgang. Euphorisch redeten sie aufeinander ein. Und das alles wegen eines Dreißig-Sekunden-Telefonats. Als ich in die Halle trat, verschwand Dogan gerade hinter einer Tür.

Ich kroch ins Bett, und prompt tat mir der Rücken wieder weh, ein leichter Schwindel erfaßte meinen Kopf. Fehlte bloß noch, daß auch der tückische Zahn – nein, lieber nicht dran denken.

Lieber an Alice.

Wie alt mochte sie sein? Mitte Zwanzig? Wahrscheinlich. Ich versuchte mir ihr Gesicht vorzustellen. Ein weicher, voller Mund. Eine Nase, genaugenommen etwas groß geraten. Hohe Stirn wie ihr Vater. Die Augen? Graublaubraungrün. Das Kinn hatte einen energischen Schwung. Und ein winziges Grübchen, nicht in der Mitte, sondern ein bißchen mehr links. Könnte auch eine Narbe sein.

Ob sie mich mochte? Vermutlich. Sie hätte mich ja nach der Sanitätsaktion wieder hinauskomplimentieren können. Aber nein, sie sagte ihrem alten Herrn, und das auch noch in meiner Gegenwart: ›Ich find ihn ganz okay.‹ Und dann verriet sie mir sogar noch diesen Arche-Noah-Quatsch. Unglaublich!

Und ich? Natürlich hatte sie mir auf Anhieb gefallen. Ganz anders als Jennifer. Mädchenhafter, doch ungeheuer souverän. Eins von diesen Herrschaftskindern, die in einer Welt ohne echte Probleme leben. Doch das Schicksal der Familie Turner, das tragische Unglück, das ihr die Mutter nahm und den Vater zum Krüppel machte? Kummer und Leid waren Alice bei Gott nicht erspart geblieben. Also kein Herrschaftskind? Ein Herrschaftskind mit Lebenserfahrung!

Ärgerliche Überlegungen begannen meine Gedanken an Turners Tochter zu verdrängen, kräftige Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Arche-und-Ararat-Geschichte, Vorwürfe, weil ich mich bisher nicht die Bohne um das Board am Strand und um den Wagen auf dem Parkplatz gekümmert hatte. Verdammt, statt dessen war ich drauf und dran, diese Alice anzuhimmeln!

Der Schlaf bewahrte mich vor weiteren Gedanken.

Anderntags überschlugen sich die Ereignisse.

Um acht Uhr flatterte Hannah herein, ein Riesenfrühstück auf dem Tablett, den Honolulu Star unterm Arm.

Und während ich Ham and Eggs, Toast und Ananas-Juice genoß, zur Morgenzeitung griff und mir Alice ans Bett wünschte, jagte irgendwo draußen ein schwerer Wagen mit jaulenden Reifen los.

Wie konnte man's an einem wunderbaren Morgen bloß so eilig haben? Im nächsten Augenblick wußte ich es. Es krachte ungeheuer, das Haus bebte bis auf den Grund, und ich flog fast aus dem Bett. Zwei weitere Explosionen folgten im Sekunden-Takt. Tödliche Stille.

Dann erst drang lautes Geschrei von unten herauf. Benommen rappelte ich mich hoch, fuhr in Hemd und Hose, rannte auf den Flur. Grauschwarze Rauchschwaden hüllten die Halle ein. Anstatt mich die Freitreppe vorsichtig abwärts zu tasten, sprang ich mehrere Stufen auf einmal hinunter, rutschte aus, flog der Länge nach hin. Himmel! Am unteren Ende der Treppe versperrten Stein- und Mörtelbrocken den Weg, zerfetzte Möbelteile lagen kreuz und quer.

Alice.

Was war mit Alice?

Hier unten hatte sich der Rauch zum Glück schon ein wenig verzogen. Ich stieg über Hindernisse, da stolperte dieser Dogan an mir vorbei, stutzte, verwirrt, drohte mit der Faust, stolperte weiter.

»Alice!« Meine Stimme überschlug sich. »Mister Turner!«

Keine Antwort.

Ich riß die erstbeste Tür auf. Das Eßzimmer war leer und offensichtlich unbeschädigt. Die nächste Tür. Dahinter lag eine Art Garderobe. Kein Mensch. Tür Nummer drei. Der Durchgang zur Küche. Von dort kamen undefinierbare Laute, ich lauschte kurz, stürmte dann aber los, und vor mir lag Hannah: zusammengesunken, die Arme im Nacken verschlungen, am ganzen Körper bebend.

»Wo sind die Turners?« schrie ich, sie aber bibberte weiter vor sich hin und hob nicht mal den Kopf.

Ich ließ sie liegen und rannte zurück in die Halle. Vielleicht waren Vater und Tochter in der Bibliothek? Als ich um die Ecke zum Vorraum bog – auch hier hatten die Explosionen das Mauerwerk beschädigt –, fuhr es mir heiß in die Glieder: Hinter der ziemlich verbogenen Gittertür ragte der Rollstuhl vor, umgekippt, das linke Hinterrad drehte sich langsam mit scharrendem Schleifen.

»Mister Turner? Sind Sie verletzt?«

Ich rüttelte an dem Gitter. Umsonst, das Ding schien verschlossen oder verklemmt. Der Rauchschleier in der Bibliothek zog zu den Fenstern, ich konnte jetzt immerhin einige Einzelheiten erkennen.

Die Vitrine mit dem 500 000-Dollar-Holz war umgekippt. Ein paar Quadratmeter Bücher lagen am Boden. Aber wo war Alices Vater? Und wo war Alice?

Durch die Gittertür ließ sich nur ein bestimmter Teil des Raumes einsehen. Hatte man von draußen, durch eins der Fenster, eine bessere Chance? Ich spurtete im Zickzack durch die verwüstete Halle, riß die Haustür auf – und prallte mit Alice zusammen. Sie trug einen gelben Jogginganzug, schwitzte, war aber offenbar völlig unverletzt. Ihre Augen verrieten Angst und völlige Ratlosigkeit.

Atemlos lehnte sie sich gegen die linke Säule des Portals und rang nah Luft. »Was ist passiert?« keuchte sie dann. »Ich komme gerade vom Strand, da hör ich Explosionen, und über unserem Haus steigt ein Rauchpilz auf und ... Mister Hensmann, was ist geschehen? Wo ist Daddy?«

Ich nahm sie einfach in den Arm. Für einen Moment ließ sie es geschehen, dann stemmte sie sich ab, wollte ins Haus. Ich hielt sie fest, zog sie wieder vor den Eingang.

»Wir müssen durchs Fenster in die Bibliothek!«

»Warum?«

»Der Rollstuhl Ihres Vaters! Er liegt da leer am Boden, aber wir kommen so nicht rein – das Gitter!«

»Ich hab doch einen Öffner«, schrie sie, riß sich erneut los.

»Das Gitter ist vermutlich verbogen. Gehn wir zu den Fenstern, los jetzt!«

Ich rannte die drei Stufen des Portals hinunter. Alice folgte ohne Zögern. Zwanzig Yards weiter blieb ich stehen, sie aber trieb mich voran: »Das dritte und vierte Fenster gehören zur Bibliothek, schnell!«

Wir hechelten weiter. Glasscherben lagen auf dem Sandboden, alle Scheiben dieser Hausfront waren zu Bruch gegangen. Nach Atem ringend stoppten wir unter den leeren Fensterhöhlen drei und vier. Zwei Zoll dicke Eisenstäbe saßen davor.

»Nein!! Auch das noch!!« stammelte Alice, »hab ich völlig vergessen. Wir mußten sie anbringen lassen, als Vater das Holz ... Vater! Bitte antworte doch!«

Sie hüpfte ein paarmal an der Hauswand hoch, aber bis zu den Stäben fehlten noch mindestens 50 Zentimeter.

Ich nahm einen kurzen Anlauf, sprang mit dem rechten Fuß gegen das Mauerwerk, spreizte die Finger – und hing an der Fensterbank. Wortlos stellte sich Alice direkt darunter und drückte ihre Schultern gegen meine Füße. Ich holte tief Luft, versuchte einen schnellen Klimmzug, schaffte es, mit einer Hand einen Stab zu packen und mich hinaufzuziehen. Alice schob von unten nach. »Was ist? Sehen Sie meinen Vater?«

»Augenblick.« Ich griff ein Stückchen höher ans Eisen und konnte endlich in den Raum hineinblicken. Da war die umgestürzte Vitrine, schräg davor der gekippte Rollstuhl. Und Turner?

Turner lag neben dem Barwagen.

»Ja, er ist hier«, rief ich zu Alice hinunter, »aber er bewegt sich nicht!« Unter mir stöhnte es auf.

»Mister Turner«, brüllte ich, »hören Sie mich?« Er reagierte nicht.

»Wir müssen da rein.« Ich ließ den Sims los und sprang von Alices Schultern. »Gibt's denn keinen anderen Zugang zur Bibliothek?«

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. »Nein, aber sind Sie sicher, daß die Gittertür nicht mehr funktioniert? Wenn sie verbogen ist, muß das ja nicht unbedingt heißen ...« Sie hatte recht, natürlich.

»Okay, okay, probieren wir's mal.« Alice gab sich einen Ruck. Wieder rannten wir los, die Portalstufen hinauf, durch die völlig demolierte Halle, in den Vorraum zur Bibliothek. Ich hatte den Eindruck, daß Alice das ganze Ausmaß der Zerstörung rings herum gar nicht recht wahrnahm – sie wollte nur zu ihrem Vater.

Alice fingerte ein winziges Gehäuse, das sie an einer Kette um den Hals trug, unter ihrem Jogginganzug hervor. Ein Knopfdruck, prompt summte es im Torbogen, aber die Gittertür ruckte nur einige Male, gab einen höchstens zwei Handbreit großen Spalt frei. Alice drückte verbissen weiter. Da erstarb das Summen, die Sicherheitstür verharrte in dieser Position.

»Shit!« Sie sprang vor, rüttelte am Gitterwerk. Ich versuchte, den Spalt mit der Schulter weiter aufzudrücken. Erst als meine Schläfen zu zerspringen drohten, ruckte es ein paar Zentimeter.

»Wo ist überhaupt Dogan?« schrie Alice. »Dad braucht schnellstens Hilfe, und sein Bodyguard hat sich in Luft aufgelöst!«

»Dogan tapste vorhin durch die Halle, hat mir mit der Faust gedroht und weg war er«, stieß ich zwischen den Zähnen hervor. Und noch einmal schaffte ich gute zehn Zentimeter.

Alice beobachtete meine Aktion, ohne ein Wort zu sagen. Als ich, unter Aufbietung allerletzter Kräfte, den Spalt der Gittertür abermals ein bißchen vergrößern konnte, schob sie mich beiseite. »Verschnaufen Sie ein bißchen, ich glaube fast, das reicht.«

Und ehe ich mich versah, zwängte sie sich in die Türöffnung, ruckelte, ging in die Knie, bewegte ihren Körper wie ein Schlangenmensch, verbissen kämpfend und ohne einen Laut von sich zu geben. Dann war sie drin.

Mit fünf Schritten erreichte sie ihren Vater. Mehr konnte ich nicht sehen, so sehr ich mein Gesicht auch zwischen das Gitterwerk preßte. Um mich selbst durch den Spalt zu quetschen, hätte ich ihn noch um gut fünf Zoll verbreitern müssen. Ich probierte es.

Während Alice drinnen an einer offenbar noch unversehrten Flasche aus der Minibar hantierte, lief mir der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Ich drückte mit der Schulter, mit dem Rücken, und ein heftiger Schmerz überkam mich. Wahrscheinlich platzte ein Teil der Wunden wieder auf. Doch es gelang. Als ich neben Alice kniete und den Oberkörper ihres Vaters anhob, setzte sie ihm den Hals der Whiskeyflasche an die Unterlippen, ließ einige Tropfen Bourbon in seinen Mund rinnen und biß sich vor Aufregung auf die Lippen.

»Bitte, Dad , bitte!«

Turners Lider zuckten. Auf einmal bäumte er sich auf, hustete fürchterlich und schaute uns beide an – erstaunt, nicht etwa entsetzt oder gar zu Tode erschrocken.

»Was ... ist passiert?« fragte er. Aber dann schien ihm zu dämmern, daß Schlimmes geschehen sein mußte. Er sah sich im Raum um, registrierte kopfschüttelnd die Verwüstung. »Hat das Holz etwas abgekriegt?«

Alice und ich sahen uns an, hoben die Schultern. »Schaut bitte nach.« Turner versuchte sich aufzurichten, doch seine gelähmten Beine ließen nicht mal eine Körperdrehung zu. Ich zog den umgekippten Rollstuhl heran, stellte ihn auf die Räder und hob den Mann auf den Sitz. Alice war zur Vitrine hinübergegangen. »Nur eine der Glasscheiben ist kaputt. Das Holz ist heil geblieben.«

Turner atmete tief durch, es klang, als sei er überaus zufrieden. »Zeigt mir, was alles zu Bruch gegangen ist«, befahl er dann und wirkte sehr beherrscht. »Ist die Polizei schon da?«

Als wäre es das Stichwort, drang von draußen Sirenengeheul herein. Die Ordnungshüter hatten sich viel Zeit gelassen. »Sie kommt erst jetzt. Sehr gut.« Turner schien fast heiter. »Dann haben wir ja noch die Chance, die Vitrine samt Inhalt in Sicherheit zu bringen.«

Ich verstand nicht. Alice aber nickte, trat vor die ausladende Bücherwand, schob einige der herausgeschleuderten Bände mit den Füßen beiseite und schwenkte einen Teil der Wand soweit auf, daß die Vitrine wie nach Maß hineinpaßte. »Fassen Sie mal mit an?« bat sie mich, und in wenigen Augenblicken hatten wir das schwarze Holz samt gläsernem Drumherum in einer hinter dem geöffneten Regal verborgenen Nische verstaut.

Ich war sprachlos.

Alice schloß die Bücherwand wieder, und kein Mensch würde je auf die Idee verfallen, dahinter irgend etwas anderes als Mauerwerk zu vermuten.

Turner sagte: »Vielen Dank für Ihre Hilfe, Mister Hensmann. Jetzt sind Sie sogar Geheimnisträger.« Er brachte schon wieder sein Lächeln zustande. »Sie sagen den Beamten gegenüber nichts von dem Artefakt, nicht wahr? Es sind einfache Menschen, wir wollen Sie nicht mit Dingen überfordern, für die sie kein Verständnis haben können.«

Im nächsten Augenblick stürmte ein halbes Dutzend Polizisten in den Vorraum, zwei rüttelten an der Gittertür, ein dritter kommandierte: »Öffnen Sie unverzüglich!«, aber weder Alice noch Turner noch ich konnten dieser Aufforderung Folge leisten. Wir wußten warum, die aber nicht, und entsprechend ungehalten gebärdeten sich die Beamten.

»Die Gittertür ist verklemmt«, sagte ich schließlich höflich.

»Vielleicht geht's mit vereinten Kräften?« Zu sechst brauchten sie nur wenige Sekunden, um den Spalt so zu vergrößern, daß sie bequem hindurchpaßten. Turner verfolgte das Schauspiel mit stiller Gelassenheit. War er innerlich so abgestumpft, daß ihn der Bombenanschlag – und darum mußte es sich handeln –, nicht im geringsten aus der Fassung brachte? Oder hatte ihn sein Sturz vom Rollstuhl derart verwirrt, daß er noch nicht wieder ganz klar war?