When the Movie ends - Lisa Gerland - E-Book
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Lisa Gerland

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Beschreibung

Um die Reichweite ihres True-Crime-YouTube-Kanals auszubauen, will Imogen selbst einen Todesfall aufklären. Damit, dass sie sich in einen möglichen Verdächtigen verliebt und viel zu tief in Intrigen verwickelt wird, hat sie nicht gerechnet.   Vor drei Jahren starb die Schülerin Caroline beim Sturz vom Dach eines alten Kinos. Um mehr über den rätselhaften Tod herauszufinden, reist Imogen selbst in die Kleinstadt Saltcreek. Schnell findet sie Anschluss bei Carolines ehemaliger Freundesgruppe und auf diesem Weg einen Job in dem alten Kino. Perfekte Voraussetzungen, um ihre Ermittlung auf YouTube zu teilen. Doch ihre neuen Bekanntschaften scheinen mehr über Carolines Tod zu wissen, als sie zugeben wollen – allen voran der attraktive Dash, der sich gegenüber Imogen von Anfang an feindselig verhält. Und ihr dann wieder verwirrend nah kommt …   Spannende True-Crime Romance mit idyllischem Kleinstadt-Setting und einer geheimen Mordermittlung.   //»When the Movie Ends « ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.// 

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impress

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Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

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Lisa Gerland

When the Movie ends

Um die Reichweite ihres True-Crime-YouTube-Kanals auszubauen, will Imogen selbst einen Todesfall aufklären. Damit, dass sie sich in einen möglichen Verdächtigen verliebt und viel zu tief in Intrigen verwickelt wird, hat sie nicht gerechnet.

Vor drei Jahren starb die Schülerin Caroline beim Sturz vom Dach eines alten Kinos. Um mehr über den rätselhaften Tod herauszufinden, reist Imogen selbst in die Kleinstadt Saltcreek. Schnell findet sie Anschluss bei Carolines ehemaliger Freundesgruppe und auf diesem Weg einen Job in dem alten Kino. Perfekte Voraussetzungen, um ihre Ermittlung auf YouTube zu teilen. Doch ihre neuen Bekanntschaften scheinen mehr über Carolines Tod zu wissen, als sie zugeben wollen – allen voran der attraktive Dash, der sich gegenüber Imogen von Anfang an feindselig verhält. Und ihr dann wieder verwirrend nah kommt …

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Vita

Danksagung

© privat

Lisa Gerland wurde 1997 in einem Dorf in NRW geboren und lebt dort mit ihrem Mann und Sohn. Ideen zu neuen Geschichten sammelt sie am liebsten bei langen Spaziergängen. Ihre Bücher leben von unvollkommenen Figuren, atmosphärischen Settings, Drama und einer Prise Spice. Wenn sie nicht schreibt, bloggt sie auf ihrem Instagram-Account @lisascupoftea über Bücher, fotografiert oder postet auf ihrem TikTok-Kanal @lisagerland Videos.

Vorbemerkung für die Leser*innen

Liebe*r Leser*in,

dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Triggerwarnung. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler für den Roman enthält.

Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens achtsam mit dir um. Falls du während des Lesens auf Probleme stößt und/oder betroffen bist, bleib damit nicht allein. Wende dich an deine Familie, Freund*innen oder auch professionelle Hilfestellen.

Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.

Lisa Gerland und das Impress-Team

Für N. – mein persönlicher Bittersüßer Nachtschatten –, weil du meine größte Inspiration bist und es ohne dich dieses Buch nicht geben würde.

Kapitel1

Das flackernde Licht einer Kerze erhellt meine ansonsten stockfinstere Wohnung. Ich ziehe meine Beine an die Brust, als die schaurig-schöne Melodie einsetzt, die mir eine Gänsehaut verursacht. Ich liebe mein Intro. Verschiedene Schwarz-Weiß-Bilder wechseln sich ab, bis der Bildschirm meines Laptops schwarz bleibt. Wie ein Blitz in einer sternlosen Nacht taucht plötzlich mein Gesicht auf. Mein verschwörerisches Lächeln habe ich zuvor wochenlang im Spiegel geübt.

»Hallo und herzlich willkommen bei einer neuen Folge von Mord bei Kerzenschein«, säuselt mein Video-Ich. Hinter mir brennen zahlreiche künstliche Kerzen – die Namensgeber für mein True-Crime-Format. »Ich bin Imogen und habe auch diesen Donnerstag wieder einen Kriminalfall herausgesucht, bei dem euch das Blu-«

Ich stoppe die Aufnahme und sehe fragend zu Aurora. »Wie findest du mein neues Intro?«

Meine Schwester und Mitbewohnerin verzieht den Mund. »Ich denke, dass du mir irgendwann einen Herzinfarkt bescheren wirst, wenn du mich weiterhin zwingst, mir um ein Uhr morgens so gruselige Sachen anzusehen.«

»Da ist doch gar nichts Gruseliges passiert«, ziehe ich sie auf. »Da waren nur ein paar Bilder von Friedhöfen, Polizeiabsperrband, Wäldern und Fingerabdrücken.«

Sie grinst. »Müsste ich, als deine dich liebende kleine Schwester, jetzt antworten: Dein Gesicht ist schon gruselig genug?«

»Ha Ha«, gebe ich freudlos von mir, kann jedoch ein Grinsen nicht unterdrücken. »Aber jetzt mal im Ernst: Findest du das Intro ansprechend?«

Aurora schiebt sich seufzend eine ihrer schwarzen Haarsträhnen hinter das Ohr. Die glatten, dunklen Haare haben wir beide von unserer Mom geerbt. »Es wirkt professionell und wird bestimmt die Leute ansprechen, die auf so was stehen.«

Ich atme erleichtert auf. Nachdem ich die ganze Woche damit zugebracht habe, mein neues Intro zu perfektionieren, hätte ich mir nicht leisten können, noch mehr Arbeit darein stecken zu müssen. Schließlich soll bereits morgen mein wöchentliches Video auf YouTube online kommen. Allerdings habe ich das erst zur Hälfte geschnitten.

»Ich kann mit diesen Gruselgeschichten trotzdem nichts anfangen.« Sie nimmt sich die Fernbedienung vom Couchtisch und schaltet die Deckenlampe wieder ein.

Wie ein Vampir, der vor der Sonne zurückschreckt, kneife ich die Augen zusammen, als das Licht unser in Beige und Weiß eingerichtetes Wohnzimmer erhellt. Wie konnte ich es nur zulassen, dass Aurora freie Hand über die Einrichtung unserer WG bekommt?

»Das sind keine Gruselgeschichten«, belehre ich sie, während sich meine Augen langsam an die Helligkeit gewöhnen und ich die Holzpaneele an der uns gegenüberliegenden Wand erkenne, die Aurora unbedingt hat anbringen wollen. »Bloody Mary wäre beispielsweise eine Gruselgeschichte. Ich hingegen berichte von realen Kriminalfällen.«

Meine Zwillingsschwester verdreht die Augen. »Jedenfalls ist beides zu gruselig für mich.«

Ich klappe meinen Laptop zu und lasse mich auf dem beigen Monster von Couch zurücksinken. »Wieso bist du bloß so ein Angsthase?«

»Weil du unsere gesamte Kindheit lang immer auf dumme, waghalsige Ideen gekommen bist, von denen ich dich abhalten musste. Weißt du noch, als wir zwölf waren und du dich unbedingt nachts aus unserem Zimmer schleichen wolltest, um zu dieser gruseligen verlassenen Lagerhalle zu gehen? Mann, Imogen, das war dämlich.«

»Natürlich weiß ich das noch.« Ich knirsche missmutig mit den Zähnen. »Deinetwegen hatte ich eine Woche Hausarrest. Du musstest es ja unbedingt Mom und Dad erzählen.«

»Ohne mich wärst du bei all deinen Dummheiten schon lange tot.« Aurora erhebt sich von der Couch und geht in die Küche.

Ich folge ihr. »Jetzt übertreibst du aber.«

Sie sieht mich mit erhobener Braue an, während sie sich ein Glas mit Leitungswasser füllt. »Denkst du das? Weißt du noch, als wir acht waren und du zu diesem zwielich-«

Ich hebe die Hände. »Schon gut. Das hältst du mir schon viel zu lange vor.«

»Zu Recht.« Sie hievt sich auf die marmorierte Küchenarbeitsplatte. »Ich hätte vermutlich schon damals wissen müssen, dass du deinen Hang zu Horror zum Beruf machen würdest. Und siehe da, es hat geklappt. Du bist berühmt dafür.«

»Ich bin nicht berühmt«, widerspreche ich ihr und nehme mir eine Tasse aus dem Regal.

»Fast eine Million Abonnenten auf YouTube und zahlreiche Follower auf Instagram und TikTok würde ich schon als berühmt bezeichnen.«

»713.000 Abonnenten sind nicht fast eine Million. Dazu fehlen leider noch einige. Außerdem gibt es auf YouTube einen Haufen anderer True Crime Creator und Creatorinnen, die viel bekannter sind als ich.«

»Na und?« Aurora zuckt mit den schmalen Schultern. »Der Erfolg anderer schmälert doch nicht deinen.«

»Natürlich nicht«, erwidere ich, stelle meine Tasse unter die Kaffeemaschine und schalte sie ein. »Trotzdem bin ich in der Szene kein großes Licht.«

Gluckernd fließt die dunkle Flüssigkeit in meine Tasse.

Aurora wirft mir einen tadelnden Blick zu. »Wirklich? Kaffee um diese Uhrzeit?«

»Ich muss noch das Video zu Ende schneiden.«

Sie schüttelt nur den Kopf. Vermutlich weiß sie, dass sie mich zwar in unserer Kindheit von so etwas hat abhalten können, doch das nicht mehr funktioniert, seitdem wir nicht mehr bei unseren Eltern wohnen. »Es kommt ja eigentlich auch gar nicht auf die Zahlen an. Du bist gut darin und das wissen die Leute, die dir folgen. So gut, dass du jetzt schon davon leben kannst. Wie viele schaffen das?«

Erschöpft fahre ich mir über die Augen. Langsam kriecht die Müdigkeit in mich wie Insekten in einen verwesenden Körper. Ich schiele zur Maschine, aus der die letzten Tropfen meines Kaffees ihren Weg in die Tasse finden. »Um weiterhin davon leben zu können, muss ich jedoch relevant bleiben. Und das schaffe ich nur, wenn genügend Leute meine Videos schauen. Bloß die Kriminalfälle gut erzählen zu können, reicht da manchmal nicht, wenn die großen Creator und Creatorinnen bei spannenden, neuen Fällen immer schneller sind.« Ich seufze. Schwer und lange. »Und mein letztes virales Video ist schon ewig her. Das war das über den Guillotine-Killer.«

Aurora schlingt mit sichtlichem Unbehagen ihre Arme um sich. »Ich werde dir nie verzeihen, dass du mir Bilder dazu gezeigt hast.«

Ich nehme die Zuckerdose aus dem Schrank und gebe einen Löffel in das nachtschwarze Gebräu. »Die waren doch zensiert.«

»Und trotzdem verfolgen sie mich noch Monate später in meinen Träumen.«

»Sorry.« Der herbe Kaffeeduft breitet sich in der Küche aus und ich atme tief ein. »Nächstes Mal zeige ich dir nur noch Bilder von Einhörnern unter Regenbögen.«

Aurora zeigt mir den Mittelfinger, doch ihr Grinsen verrät, dass sie mir nicht böse ist. »Manchmal glaube ich, dass sie dich im Krankenhaus vertauscht haben müssen.«

»Die Regenwolke in einer Familie von Sonnenstrahlen«, ergänze ich und nehme einen Schluck meines Kaffees, der viel zu heiß auf meiner Zunge brennt.

»Das trifft es gut … wobei … Granny hat letztens auch schon mit diesem Gruselkram angefangen.«

Ich blinzle verwirrt und setzte meine Tasse ab. »Granny steht auf True Crime?«

Unsere Großmutter ist vieles: Exzentrisch, mutig im Umgang mit Farben (die Farbpalette ihres Kleiderschranks ist vermutlich der Gegensatz unserer Einrichtung), promiskuitiv und nicht auf den Mund gefallen, doch sie hat noch nie erwähnt, dass sie ebenfalls an der Recherche zu Kriminalfällen interessiert ist.

»Wenn es sich um einen Fall aus ihrer Stadt handelt, dann schon.«

Ich verdrehe die Augen. »Ist etwa der Hund der Bürgermeisterin wieder entlaufen? Oder hat im Supermarkt jemand eine Packung Chips mitgehen lassen?«

Aurora sieht mich verschwörerisch an. »Weder noch. Ich spreche von Mord.«

»Mord?«, wiederholte ich ungläubig.

»Na ja, zumindest ein möglicher Mord«, verbessert sie sich. »Sie hat mir heute Vormittag davon erzählt, als wir telefoniert haben.«

Ich runzle die Stirn. »Ich habe nichts von einem möglichen Mord in Saltcreek mitbekommen. Und der Buschfunk in der True Crime Community ist normalerweise schnell.«

Aurora senkt die Stimme, als befürchte sie, uns könne jemand hören, obwohl wir alleine sind: »Das liegt daran, dass es nicht offiziell ist.«

Mit schief gelegtem Kopf mustere ich meine Schwester. Dafür, dass ihr Mordfälle eben noch zu gruselig waren, versteht sie es nun, Spannung aufzubauen. Eine Sache haben wir also doch gemeinsam. »Und woher weiß Granny das?«

»Erinnerst du dich noch an den Mann, mit dem sie letztens ausgegangen ist?«, fragt sie.

»Der, dessen Toupet bei der kleinsten Windböe fast vom Kopf geweht wäre oder der mit der Sammlung ausgestopfter Tiere?«

»Ersterer«, antwortet Aurora. »John ist der Vater des Sheriffs und war davor selbst jahrelang Sheriff in Saltcreek.«

»Und?« Wieso lässt sie sich alles aus der Nase ziehen?

»Sie haben kürzlich ein anonymes Bekennerschreiben bekommen. Sie sind bei dem Fall bisher von Selbstmord ausgegangen, aber John glaubt nicht daran.«

»Wieso versucht jemand es erst wie Suizid aussehen zu lassen und gibt es dann doch zu?«, überlege ich laut. »Vielleicht ein schlechtes Gewissen? Oder ein Psychopath, der mit der Polizei spielen will?«

Aurora hüpft von der Küchenarbeitsplatte. »Du guckst wirklich zu viele True Crime Dokus. Es kann auch nur ein dummer Streich von Jugendlichen gewesen sein.«

Gedankenverloren schwenke ich meinen Kaffee in der Tasse. »Ja … vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Worum geht es in dem Fall konkret?«

Aurora verlässt die Küche und schnappt sich ihr Handy vom Couchtisch. »Irgendein Mädchen ist wohl vor Jahren von einem Dach gestürzt, meinte Grandma. Aber so genau weiß ich es auch nicht. Du kannst sie ja morgen anrufen und fragen.« Sie gähnt herzhaft. »Nimm es mir nicht übel, aber ich gehe jetzt ins Bett. In zwei Tagen sind meine Finals und ich muss morgen fürs Lernen fit sein.«

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf die Semesterferien freue.«

Ich lächle, doch meine Gedanken sind woanders. Wieso hat die Polizei erst jetzt ein Bekennerschreiben bekommen, wenn der Tod des Mädchens schon Jahre her ist? »Das ist der Vorteil, wenn man nicht aufs College geht: Keine nervigen Prüfungsphasen.«

Aurora seufzt. »Ich würde für die Abschaffung davon echt morden.«

»Dann wäre ich immerhin an einem Fall ganz nah dran. Das würde Unmengen an Klicks bringen«, erwidere ich feixend.

»Vergiss es.« Sie lacht. »Ich will dafür nicht ins Gefängnis gehen. Dort würde ich keine vierundzwanzig Stunden überleben.«

»Ich könnte dich dort rausholen. Ein Gefängnisausbruch aus der Sicht der Täterinnen – das wäre doch auch was.«

Aurora schüttelt mit einem Grinsen den Kopf. »Gute Nacht.«

»Träum schön.«

»Wenn ich das nach deinem Grusel-Intro noch kann«, antwortet sie, bevor sie in ihrem Zimmer verschwindet.

Ich reibe mir über die Augen und nehme einen weiteren Schluck Kaffee. Obwohl ich eine Nachteule bin, steckt mir die Müdigkeit der letzten Tage in den Knochen. Die Sorgen, weil mein Wachstum auf YouTube schon seit einer ganzen Weile stagniert, und die Angst, das neue Intro könnte meinen Zuschauenden nicht gefallen, lasten schwer auf meiner Brust. Ich lasse meine Gelenke knacken, bevor ich mich wieder mit dem Laptop auf die Couch setze und mein Schnittprogramm öffne. In einem weiteren Fenster rufe ich den Ordner mit den Bildern und Videosequenzen auf, die ich für den Entführungsfall herausgesucht habe. Doch während ich die Sequenzen an die dafür vorgesehenen Stellen des Videos setze, schweifen meine Gedanken immer wieder ab. Mein Kopf pocht, mein Rücken schmerzt. Ich bin erschöpft. Doch ich will das Video fertig bekommen, damit ich es morgen hochladen kann. Nein, ich muss es fertig bekommen. Der Fall ist brandaktuell und ich muss die Erste sein, die ihn behandelt, um die größtmögliche Reichweite zu erzielen. Erneut versuche ich mir die Müdigkeit aus dem Gesicht zu wischen. Meine Wangen glühen vor Erschöpfung.

Auf der Suche nach Study Ambience zur Hintergrundbeschallung und Steigerung meiner Konzentration öffne ich YouTube … und erstarre.

Eine verhängnisvolle Affäre – die Entführung von Jessica Gallow leuchtet mir der Titel entgegen. Dazu ein Thumbnail, auf dem die junge Frau abgebildet ist, sowie das Haus, in dem sie gefangen gehalten wurde.

Mein neuer Fall. Fionas Crime Time hat ihn vor mir behandelt. Ausgerechnet die bekannteste True Crime YouTuberin der USA ist mir zuvorgekommen.

»Verdammt«, fluche ich.

Jeder wird ihr Video sehen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann eines ihrer Videos nicht die Top Ten der YouTube Trends gestürmt hat. Und ich kann es verstehen. Ihre Videos sind gut. Hervorragend, um genau zu sein. Sie ist eines meiner größten Vorbilder. Ihr Kanal hat mich dazu animiert, ebenfalls in die Szene einzusteigen. Dennoch ist sie eine Konkurrentin für mich. Eine Konkurrentin, die mir zuvorgekommen ist. Mal wieder.

Ich starre das Thumbnail an. So lange, als würde ich mir davon erhoffen, es mit der Kraft meiner Gedanken verschwinden lassen zu können. Doch es bleibt.

Ich war zu langsam. Die Erkenntnis lässt meinen erschöpften Körper noch schwerer werden. Ich schiebe den Laptop von mir und stehe auf. Zwar habe ich immer noch vor, das Video morgen zu posten, doch das Schneiden wird heute Nacht nicht funktionieren, wenn ich nicht den Kopf frei bekomme. Ich schlüpfe in meine Jacke und die schwarzen Doc Martens, die ich nur tragen kann, weil es aktuell ungewöhnlich kühl für Ende April ist. Vorsichtig ziehe ich die Wohnungstür hinter mir zu. Hoffentlich hört Aurora mich nicht. Sie würde sich Sorgen machen, auch wenn die Kriminalitätsrate in Sacramento moderat ist. Draußen empfängt mich ein kühler Wind, der mich aufatmen lässt. Es ist ruhig, während ich durch die Straßen ziehe – ein bestimmtes Ziel im Sinn. Ein Ort, an dem ich immer abschalten kann. Wo die Zeit stillsteht.

Ich lächle, als ich den Friedhof erreiche. Der Old City Cemetery ist normalerweise um diese Uhrzeit geschlossen, doch ich wäre nicht Imogen Okamura, wenn ich nicht ein Schlupfloch gefunden hätte. Statt den Friedhof durch das schmiedeeiserne Tor zu betreten, krieche ich durch ein kleines Loch im Zaun, das hinter einem Busch versteckt ist. Innerlich danke ich meiner Mutter für die kleine, schmale Statur, die mir ihre japanischen Wurzeln eingebracht hat. Ich klopfe mir den Dreck von den Knien und rupfe mir ein paar Blätter aus dem Haar, bevor ich meinen Blick über den Friedhof gleiten lasse.

Es ist für mich unverständlich, dass die meisten Leute Friedhöfe gruselig finden. Außer mir sind alle Menschen hier tot. Und ich glaube nicht an Geister. Doch woran ich glaube, ist die beinahe gespenstische Ruhe, die mich immer empfängt, wenn ich hier bin. Ich schlendere zwischen den Gräbern entlang. Die Bäume werfen lange Schatten im Licht des Mondes. Ich passiere die Stelle, an der 1850 sechshundert Cholera-Opfer in Massengräbern beerdigt wurden. Einige Meter davon entfernt setze ich mich auf eine Bank und lasse meinen Blick über den im Stil eines viktorianischen Gartens errichteten Friedhofs wandern.

Nur das Rascheln von Blättern und das leise Quietschen des schmiedeeisernen Eingangstores liegt in der Luft.

Totenstille. Wortwörtlich.

Ich atme tief durch und finde meine innere Mitte. Hier kann ich mich erden, wenn die Welt zu viel wird. Wenn meine Gedanken wieder destruktiv werden.

»Mein Kanal wird wieder wachsen«, verspreche ich mir selbst im Flüsterton. »Es werden bessere Zeiten kommen, wenn ich dran bleibe.«

Doch was, wenn nicht?, fragt die fiese Stimme in meinem Kopf. Du hast dafür aufs College verzichtet. Was ist, wenn du irgendwann nicht mehr von den Einnahmen deines Kanals leben kannst?

Ich schüttle den Kopf, um sie zu vertreiben.

»Ich werde es schaffen.« Doch bin ich mir selbst nicht sicher, ob es stimmt.

Wäre ich doch bloß an einem Fall näher dran, als alle anderen der True Crime Szene. Hautnah dabei und Insiderinfos – das wäre etwas, was ich gebrauchen könnte, um meinem Kanal den nötigen Aufschwung zu geben. Um wieder Fuß zu fassen; um die Stagnation zu beenden, die mich mit ihren ekligen Krallen festhält.

Frustriert lege ich den Kopf in den Nacken und starre in den sternlosen Himmel, als mir Auroras Stimme durch den Kopf schießt. »Sie haben kürzlich ein anonymes Bekennerschreiben bekommen. Sie sind bei dem Fall bisher von Selbstmord ausgegangen, aber John glaubt nicht daran.«

Vermutlich ist es nichts. Womöglich bloß ein dummer Streich von irgendwelchen Jugendlichen, doch etwas in mir fragt sich, ob das Bekennerschreiben echt sein könnte. Was, wenn die Polizei den Fall noch mal aufrollt und dabei feststellt, dass es wahrhaftig kein Selbstmord war? Das wäre ein neuer Fall. Ein besonders spannender sogar.

Ein Kribbeln durchfährt mich, während ich mein Handy entsperre und die Worte »Mädchen stürzt von Dach, Saltcreek« bei Google eingebe. Bereits das erste Suchergebnis zeigt mir einen beinahe drei Jahre alten Artikel der örtlichen Lokalzeitung.

Tränen in Saltcreek: Selbstmörderin stürzt sich von KinodachSaltcreek, der 10. Mai 2021Ein tragischer Vorfall erschüttert Saltcreek. Eine Schülerin der örtlichen High School stürzte in der Nacht von Freitag, den 8. Mai, auf Samstag, den 9. Mai, vom Dach des Saltcreek Movie Theater und starb.

Einen Tag nach dem tragischen Tod der Achtzehnjährigen sitzt die Trauer noch tief. Verwandte, Freunde und Mitschüler*innen der jungen Frau versammelten sich am gestrigen Tag vor dem Arthouse-Kino, um ihrer zu gedenken. Der Eingang des historischen Gebäudes ist gesäumt von Blumen, Kerzen und Bildern der Verstorbenen.

Es ist unklar, um wie viel Uhr sich der Vorfall in der Nacht ereignete und wie sie nach Öffnungszeiten des Kinos auf dessen Dach gelangen konnte. Gefunden wurde sie am nächsten Morgen von einer Joggerin, die einen Krankenwagen rief. Vor Ort konnte nur noch ihr Tod festgestellt werden.

»Wir gehen in diesem Fall von Selbstmord aus, da es keinen Hinweis auf Fremdverschulden gibt«, so Eric Smith, Sheriff der örtlichen Polizei. Weiter: »Die Tragik des Geschehenen ist allen hier schmerzlich bewusst. Caroline T. hatte noch ihr ganzes Leben vor sich. Es schmerzt, zu wissen, dass sie es sich mutmaßlich selbst genommen hat. Mein Beileid gilt den Hinterbliebenen.« Ein Team von Notfall-Seelsorger*innen kümmert sich derzeit um die Familie der Verstorbenen.

Das Bild zum Artikel zeigt einen Krankenwagen neben einem Backsteingebäude. Darunter steht: Vom Dach des örtlichen Kinos stürzte die Schülerin fünfzehn Meter in die Tiefe.

Ich lese den Artikel ein zweites Mal. Dann ein drittes Mal. Und zuletzt noch ein viertes Mal.

Etwas stimmt nicht. Ich kann es spüren. Es dauert einen Moment, bis ich es realisiere: Wieso sollte Caroline sich ausgerechnet vom Dach eines geschlossenen Kinos stürzen? Es gibt sicherlich leichtere Wege, um sich das Leben zu nehmen. Weshalb dieser?

Adrenalin breitet sich in mir aus. Bin ich womöglich auf einer Spur? Könnte dieses Bekennerschreiben echt sein? Ist das meine Chance, bei der Ermittlung eines Falls dabei zu sein?

Bevor ich voreilige Schlüsse ziehe, nehme ich mir vor, am nächsten Morgen mit Granny zu telefonieren, um auszuhorchen, was sie weiß. Doch ein Gefühl bleibt: Nervenkitzel.

***

Am nächsten Morgen warte ich bis nach dem Frühstück – schwarzer Kaffee und Pfannkuchen, die Aurora mir aufgezwungen hat –, um Granny anzurufen. Es dauert eine Ewigkeit, bis sie an ihr Handy geht

»Morgen.« Sie gähnt herzhaft.

»Guten Morgen. Habe ich dich geweckt?«

»Uns«, verbessert Granny und ich will gar nicht wissen, wen sie damit noch meint. »Kannst du bitte ein bisschen leiser reden? Mein Kopf bringt mich um.«

»Hast du etwa einen Kater?« Ich würde gerne behaupten, dass ich verblüfft sei, doch ich kenne es nicht anders von ihr.

Im Hintergrund knarzt ihr Bett und eine Männerstimme murmelt etwas.

»Bringst du mir eine Aspirin mit?«, fragt Granny jemanden, bevor sie mir antwortet: »Sorry, Imi. Derek und ich waren gestern noch im Club. Wir waren zwar die Ältesten – na ja, zumindest ich, Derek ist ja erst neununddreißig –, aber es war toll. Da fühlt man sich direkt wieder in seine Zwanziger zurückversetzt. Nur am nächsten Morgen fühlt man sein Alter.« Sie lacht ihr altbekanntes rauchiges Lachen, hält jedoch schnell inne. »Aua, verdammt. Ich sollte wohl erst die Aspirin abwarten, bevor ich lache.«

Granny ist mit neunundfünfzig in den Augen vieler noch zu jung, um die Großmutter zweier Einundzwanzigjähriger zu sein. Sie selbst bekam meine Mutter mit sechzehn und wenn man Grannys Abenteuern lauscht, könnte man meinen, sie wäre in diesem Alter hängengeblieben. Laut Mom sei Granny in ihrer Midlife-Crisis, doch meine Großmutter ist schon mein ganzes Leben lang so. Es ist ihre Art. Ein bisschen exzentrisch, ein bisschen partylustig und ein wahrer Männermagnet. Manchmal frage ich mich, ob sie die Typen, die sie abschleppt, mit ihrem Alter belügt. Mit dem langen, schwarzen Haar, der bunten, figurbetonten Kleidung und der strategisch aufgetragenen Schminke könnte sie auch als Mitte vierzig durchgehen.

»Soll ich lieber später zurückrufen?«

»Ach, iwo! Für meine kleine Imi nehme ich mir gerne Zeit.«

Eine angenehme Wärme durchflutet mich bei ihren Worten.

»Worüber möchtest du quatschen?«, fragt sie.

»Aurora hat mir von dem Kriminalfall erzählt, den du ihr gegenüber erwähnt hast. Der, bei dem das Mädchen vom Dach gestürzt ist und nun ein Bekennerschreiben aufgetaucht ist.«

Ich höre das Grinsen in Grannys Stimme, als sie antwortet: »Ich habe schon darauf gewartet, dass du mich darüber ausquetschst … Danke, Derek.« Es gluckert in der Leitung, als Granny die Tablette mit Wasser herunterspült. »Ich persönlich habe ja schon immer vermutet, dass Carolines Tod kein Selbstmord gewesen sein konnte. Es hat einfach nicht zu ihr gepasst.«

»Na ja, man kann Menschen nur vor den Kopf gucken. Vielleicht hat sie nach außen hin glücklich gewirkt, doch war in Wahrheit suizidal.«

»Natürlich«, pflichtet meine Großmutter mir bei. »Trotzdem kann ich es mir nicht vorstellen. Weißt du, ich habe mit Francine Turner geredet. Selbst sie als Carolines Mom hat nichts bemerkt. Und Caroline hat nicht mal einen Abschiedsbrief hinterlassen. Francine meint, dass der mutmaßliche Suizid ihrer Tochter nicht von langer Hand geplant gewesen sein kann.«

Kein Abschiedsbrief … ungewöhnlich für einen Suizid.

»Glaubt Miss Turner, dass ihre Tochter sich selbst vom Dach gestürzt hat?«, forsche ich nach.

»Sie spricht zumindest immer von einem mutmaßlichen Suizid, obwohl der Fall schon geschlossen wurde. Es klingt zumindest so, als würde sie daran zweifeln.«

Mein Herz rast. Kann ich der Intuition einer Mutter Glauben schenken?

»Und das Bekennerschreiben? Was ist damit?«

Granny senkt ihre Stimme. »John hat mir davon berichtet. Das ist der Mann, mit dem ich letztens ausgegangen bin … unser ehemaliger Sheriff. Er wollte mich wohl mit den Infos beeindrucken.«

Unwillkürlich lehne ich mich vor, als könnte mich das näher an die Informationen bringen. »Und was stand da drin?«

»Es war wohl nur ein Satz: Caroline Turners Tod war kein Selbstmord. Oder so etwas in der Art. Den genauen Wortlaut weiß ich leider nicht.«

»Und was denkt die Polizei dazu? Wird sie den Fall neu ausrollen?« Eine Gänsehaut überzieht meine Arme und wandert bis in meinen Nacken.

Granny seufzt leise. »Vermutlich nicht. Der aktuelle Sheriff ist sich sicher, dass es nur ein dummer Teenager-Streich ist. Aber John glaubt das nicht.«

»Er denkt auch, dass es echt sein könnte?«

»Ja, aber er kann seinen Sohn nicht davon überzeugen, diesbezüglich Nachforschungen zu betreiben. Sein Sohn lässt sich nicht gerne etwas von ihm sagen. Die Beziehung der beiden ist wohl nicht ganz so einfach.«

Ich nicke verstehend, obwohl Granny es nicht sehen kann. »Glaubst du, jemand könnte sie geschubst haben?« Abwartend halte ich den Atem an.

»Ja, das glaube ich.« Ihre Tonlage klingt ernst. Das kommt bei ihr so selten vor, dass es meine Gänsehaut noch weiter verstärkt.

Ich lasse die angehaltene Luft aus meinen Wangen entweichen. Granny besitzt eine erschreckend gute Intuition. Und etwas sagt mir, dass sie auch hiermit richtig liegt.

»Es ist traurig, dass die Polizei nicht bereit ist, den Fall noch mal zu untersuchen. Caroline war so ein liebes Mädchen.«

»Ich mache es«, sage ich, bevor ich darüber nachdenken kann. »Ich gehe der wahren Ursache ihres Todes auf den Grund.«

Kapitel2

Ein tiefgrüner Tannenwald rechts von mir und in der Ferne der Gipfel des Mount Saltcreek – das sind die Dinge, die sich auf der Fahrt nach Saltcreek wohl nie ändern werden. In den vergangenen zehn Stunden Fahrt habe ich mit Schrecken feststellen müssen, dass ich schon seit Jahren nicht mehr hier gewesen bin. Früher haben Aurora und ich regelmäßig unsere Sommerferien bei Granny verbracht, doch in den letzten Jahren ist unsere Großmutter über die Feiertage lieber zu uns nach Kalifornien gekommen.

In dieser Zeit habe nicht nur ich mich weiterentwickelt, sondern auch die Kleinstadt in der Nähe von Salt Lake City hat sich verändert. Das hölzerne Eingangsschild zum Ort ist gegen ein neues aus weißem Kunststoff ausgetauscht worden. Es wirkt zu modern für diesen Ort, an dem ich seit jeher das Gefühl habe, die Zeit würde still stehen.

Ich bin erleichtert, als ich sehe, dass die alten Gebäude aus rotem Backstein noch nicht Neubauten gewichen sind. Trotz der Nähe zu Salt Lake City hat Saltcreek seinen Kleinstadtcharme behalten. An einigen Stellen hat der Stadtrat zwar Modernisierungsmaßnahmen vorgenommen – die tollen, altmodischen Straßenlaternen, die ich schon als Kind so gemocht habe, sind leider neuen, langweiligen Standardlaternen gewichen –, doch im Großen und Ganzen hat sich wenig verändert. Aurora sagt immer, Saltcreek würde sie an Stars Hollow aus ihrer Lieblingsserie Gilmore Girls erinnern. Und seit ich weiß, dass die Serie am selben Set wie meine Lieblingsserie Wednesday gedreht worden ist, kann ich ihr nur zustimmen.

Ich biege auf den kleinen Parkplatz des örtlichen Supermarkts. Da ich genau weiß, dass Granny keine Hafermilch zu Hause hat, kaufe ich mir lieber selbst welche, bevor der Supermarkt schließt und ich morgen ohne Frühstück dastehe. Die Sonne taucht den Himmel in ein kräftiges Orange, während sie langsam hinter dem Gipfel des Mount Saltcreek verschwindet. Obwohl es auch Gebirge in Sacramento gibt, berührt mich die einzigartige Schönheit der zu den Rocky Mountains gehörenden Berge der Wasatchkette auf eine andere, tiefere Art. Während ich einparke, kann ich den Blick kaum vom Farbenspiel losreißen.

Einen Moment lang bleibe ich im Auto sitzen und betrachte den Berg. Mich überkommt das Gefühl, dass mein Aufenthalt hier ein Wendepunkt in meinem Leben wird und meine Karriere auf das nächste Level heben könnte. Ich werde nie wieder das Mädchen sein, das von anderen ausgelacht wird. Nie wieder. Ich werde stattdessen berühmt und bewundert werden, wenn ich den Fall löse. Vielleicht könnte das endlich die alten Wunden heilen …

Nur wenige Leute wandern durch die Gänge des kleinen Supermarkts. Der Betrieb ist auch schon in meiner Kindheit überschaubar gewesen. Mit dem regen Treiben in Großstadt-Supermärkten kann man das nicht vergleichen. In Saltcreek vergeht die Zeit nun mal langsamer. Wie auf meinem Friedhof bei Nacht. Ich mag das.

Die meisten Menschen würden wohl nicht glauben, dass sich an einem idyllischen Ort wie diesem jemals ein Mord ereignen könnte. Ich denke da anders. In den letzten Jahren habe ich zu genügend Kriminalfälle in Kleinstädten recherchiert. Wer glaubt, irgendwo wäre man vor schlimmen Dingen sicher, irrt sich. Und zwar gewaltig. Die Welt ist ein böser Ort.

Glücklicherweise finde ich schnell den richtigen Gang und nehme mir eine Hafermilch aus dem Regal. Nach der anstrengenden Fahrt habe ich wenig Lust auf eine Schnitzeljagd durch den Supermarkt.

An der Kasse sitzt eine hübsche junge Frau mit großen Augen und Haar, das meinem ähnelt – schwarz, glatt und bis zu ihrer Taille reichend. Sie mustert mich lächelnd, als ich die Hafermilch auf das Band lege.

»Auf der Durchreise?«, fragt sie, während sie das Tetrapak über das Band zieht.

Ich schüttle den Kopf. »Ich besuche hier meine Großmutter.«

»O wie schön! Wie lange bleibst du?«

Der Preis erscheint auf der Anzeige. Ich krame meinen Geldbeutel hervor und reiche ihr einen Fünf-Dollar-Schein.

»Ich weiß es noch nicht genau«, antworte ich wahrheitsgemäß. »Ich schaue mal, was sich ergibt.« Je nachdem, wie lange ich dafür brauche, um die Wahrheit über Caroline Turners Tod herauszufinden.

Sie tippt etwas auf einem Monitor ein, dann springt das Geldfach der Kasse auf. »Ich bin auch nur über die Semesterferien hier. Eigentlich studiere ich Jura an der Cornell … zusammen mit meinem Freund. Wir verbringen immer unseren Sommer bei unseren Familien, damit wir Zeit mit ihnen und unseren alten Schulfreunden verbringen können. Und natürlich, um durch unsere Nebenjobs ein bisschen Geld zu verdienen. Ach, da fällt mir auf, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt habe: ich bin Priya.«

Mit ihrer kontaktfreudigen Art erinnert sie mich an meine Schwester. Ich schenke ihr ein Lächeln. »Imogen.«

Sie erwidert es, während sie mir das Wechselgeld reicht. Priya müsste etwa in meinem Alter sein. Und somit auch in dem Alter, in dem Caroline Turner nun gewesen wäre. Ob sich die beiden wohl gekannt haben? Sind sie womöglich zusammen zur Schule gegangen? Kennt in einer Kleinstadt nicht sowieso jeder jeden? Ich kämpfe gegen den Impuls, sie nach der Verstorbenen zu fragen. Die Einheimischen sollen nicht wissen, dass ich vorhabe, den Todesfall unter die Lupe zu nehmen. Deckung wahren ist in dieser Phase meiner Ermittlungen gefragt.

»Ich will dich jetzt aber auch nicht länger aufhalten«, sagt sie, nachdem ich mein Wechselgeld in meinem Portemonnaie verstaut und mir die Hafermilch genommen habe. »Bestimmt sieht man sich den Sommer über noch mal. Saltcreek ist zwar nicht groß, aber falls du eine Stadtführung brauchst, dann kannst du dich gerne an mich wenden.«

Ich setze ein Lächeln auf, das viel breiter ist als das, was ich normalerweise Leuten widme. »Danke, das ist sehr lieb von dir.«

Ich sollte sie wirklich in den nächsten Tagen nach einer Führung fragen. Womöglich könnte ich unauffällig in Erfahrung bringen, ob sie Caroline gekannt hat.

»Schönen Abend noch«, verabschiedet sie mich.

»Ebenso«, erwidere ich.

Die orange glühende Sonne ist mittlerweile fast gänzlich hinter dem Berg verschwunden. Ihre letzten Strahlen hüllen den kleinen Parkplatz in ein warmes Licht. Zielstrebig steuere ich auf mein Auto zu und entriegle es. Ich habe bereits meine Hand am Türöffner, als ich jemanden hinter mir fluchen höre. Neugierig drehe ich mich um.

Ein hochgewachsener Mann mit schlaksiger Gestalt und dunklem Haar versucht einen Rollstuhl zwischen seinem Van und einer Hecke zu der geöffneten Schiebetür zu manövrieren, doch es ist zu eng.

»Ich hasse es, wenn nicht beeinträchtigte Menschen aus selbstsüchtigen Gründen Behindertenparkplätze belegen«, schimpft er.

Jemand im Auto antwortet ihm, aber die Stimme ist zu leise, um von hier aus mehr als ein tiefes Murmeln zu hören.

»Es geht mir ums Prinzip, Grandpa«, antwortet der junge Mann und dreht sich in meine Richtung. »Diese bescheuerte Rostlau-« Er hält inne und starrt mich an.

Sein Gesicht ist kantig und blass. In Kombination mit seinem dunklen Haar würden die meisten Menschen ihn wohl als kränklich beschreiben, doch der Vampir-Look hat mir schon immer Herzflattern bereitet. Er sieht gut aus. Sehr gut sogar. Seine vollen Lippen werden von einem leichten Bartschatten umrahmt; mit seiner Jawline könnte man Metall schneiden. Selbst seine Makel – abstehende Ohren und eine leicht krumme Nase –, wirken anziehend auf mich.

»Du«, knurrt er. Er zieht die Augenbrauen zusammen und marschiert auf mich zu. »Hast du einen Behindertenausweis? An deiner Windschutzscheibe konnte ich nämlich keinen finden.«

»Nein«, antworte ich perplex. »Wieso-« Mein Blick wandert zum Parkplatz, auf dem mein Auto steht. Es dauert einige Sekunden, bis ich das Schild entdecke, das ihn als Behindertenparkplatz ausweist. Es ist halb versteckt hinter dem Gestrüpp eines Busches und die Farbe ist durch die Sonne bereits leicht verblasst, aber es ist da und ich hätte es sehen müssen. Mist.

Ich will gerade zu einer Entschuldigung ansetzen, als der junge Mann weiterredet. »Wieso parkst du dann auf einem Behindertenparkplatz, hm? Es gibt Menschen, die darauf angewiesen sind. Daran schon mal gedacht?«

»Tut mir leid. Ich habe das Schild nicht gesehen.«

Er verdreht die Augen. »Ja, ist klar. Die Ausrede habe ich schon oft genug gehört. Gib doch wenigstens zu, dass du es getan hast, um es näher zum Eingang zu haben. Die Menschheit wird echt immer fauler.«

»Ich habe mich entschuldigt«, wehre ich mich. »Und ich habe das Schild tatsächlich nicht gesehen. Ich kann mein Auto gerne zur Seite fahren, damit du hier parken kannst.«

»Das ist wohl das Mindeste.«

»Sei nicht so gemein, Dash«, erklingt eine Männerstimme aus dem Auto.

»Ich bin nicht gemein«, ruft Dash zurück. »Ich kämpfe nur für die Dinge, die dir zustehen.« Dann wendet er sich wieder zu mir: »Machst du jetzt endlich Platz?«

Ich schnaube. »Ja, kein Grund, so unfreundlich zu sein.«

»Weil du ja so freundlich warst, als du dich unrechtmäßig auf diesen Platz gestellt hast. So was macht man natürlich aus reiner Herzensgüte.«

»Jetzt mach mal halblang. Ich habe mich doch schon entschuldigt und gesagt, dass es keine Absicht war«, erwidere ich gereizt.

»Und ich glaube dir nicht, das habe ich auch schon gesagt.«

Wir starren uns herausfordernd an. Seine Augen sind bernsteinfarben. Ein warmer Ton, der jedoch von der Kälte in seinem Blick überlagert wird.

»Dann tue es halt nicht«, zische ich. »Bist du immer so ein Arschloch?«

»Fährst du jetzt endlich?« Sein Tonfall klingt ungeduldig.

Ich öffne die Tür und setze mich hinter das Steuer, während ich leise »Arsch« murmle. Er erdolcht mich noch immer mit seinem Blick, als ich mein Auto aus der Lücke manövriere und vom Parkplatz fahre. Mein Blut kocht. Ich verstehe, dass er wütend darüber ist, dass jemand den Platz blockiert, der seinem Großvater zusteht, doch er hätte mich auch freundlich auf meinen Fehler hinweisen können. Er hat maßlos übertrieben. Gleichzeitig ärgere ich mich über mich selbst, weil ich das Schild übersehen habe. Ich wollte nicht, dass sich jemandem meinetwegen zusätzliche Barrieren in den Weg stellen.

In Gedanken hänge ich noch am Parkplatz-Vorfall, als ich in Grannys Einfahrt biege. Ihr Haus – schmal, gelb gestrichen, mit babyblauer Veranda und einem spitz zulaufenden Dach – sticht in der Reihe aus roten und weißen Einfamilienhäusern hervor wie ein Kanarienvogel unter Tauben.

Granny stürmt mit einem strahlenden Lächeln aus dem Haus. Als ich sie vor einer Woche gefragt habe, ob ich eine Weile bei ihr bleiben könne, ist sie begeistert gewesen – im Gegensatz zu Aurora, die mich für verrückt erklärt hat. Granny ist nun mal für alle Abenteuer zu haben. Und die Aussicht, dass ihre Enkeltochter womöglich einen Mordfall aufklären könnte, hat sie sofort überzeugen können.

»Imi!«, ruft sie und reißt mich in eine schwungvolle Umarmung.

»Hi, Granny«, murmle ich in ihren farbenfrohen Paisleymuster Overall. Bei der Menge ihres blumigen Parfums muss ich ein Husten unterdrücken.

»Wie schön, dass du jetzt da bist. Wie war die Fahrt? Bist du hungrig? Ich habe gekocht.« Ohne meine Antwort abzuwarten, holt sie meinen Koffer aus dem Auto.

Ich schnappe mir die Teile meines auseinandergebauten Ringlichts und mein Stativ und folge ihr ins Innere des Hauses. »Die Fahrt war gut. Überraschenderweise bin ich trotz der beginnenden Semesterferien gut durchgekommen. Und ja, ich habe tierischen Hunger.«

»Stell erst mal alles im Flur ab. Wir können die Sachen nachher auf dein Zimmer bringen.«

Ich folge ihr ins kleine, an die Küche grenzende Esszimmer. Auch im Inneren behält sich das Haus seine Farbenfreude bei. Granny hat in ihrer Einrichtung viele verschiedene Stile miteinander kombiniert – von Adelsgemälden über abstrakte Kunstwerke bis hin zu einer neongrün gepunkteten Wand und einem Haufen Pflanzen in Terracotta-Töpfen ist alles dabei.

»Setz dich.« Granny deutet auf eine aus verschiedenen, nicht zusammenpassenden Stühlen bestehende Essgruppe.

Das Essen, von dem Granny behauptet hat, es gekocht zu haben, stellt sich als Burger einer örtlichen Fast-Food-Kette heraus, doch es stört mich nicht. Eher im Gegenteil. Grinsend fische ich mir einen fettigen Veggie Burger aus der Verpackung und stöhne genüsslich, als ich hineinbeiße.

»Himmel«, murmle ich mit vollem Mund.

»Die besten Burger der Stadt«, verkündet Granny, als sie sich ebenfalls ihren Burger nimmt. »Seit ich vor ein paar Wochen mit Hank ausgegangen bin, bekomme ich sie dort umsonst.«

Ich frage mich, wer Hank ist, doch verwerfe den Gedanken schnell wieder. Durch die Männergeschichten meiner Großmutter werde ich wohl nie durchsteigen.

Granny stellt mir Fragen zu meinem Leben in Sacramento und erkundigt sich, wie Auroras Finals verlaufen sind – so wie wir es von meiner Schwester gewohnt sind, mal wieder super. Nachdem wir gegessen haben, bringe ich die Verpackungen in den Müll und wasche mir in der Spüle die Hände. Durch das Küchenfenster kann ich auf die Straße und die Einfahrt des Nachbarhauses blicken, auf die gerade ein Van biegt. Doch nicht irgendein Van …

O nein.

Ich bete innerlich, dass noch jemand anderes in dieser Stadt so einen Wagen fährt, doch meine Hoffnung wird im Keim erstickt, als Arschloch Dash aus dem Wagen steigt.

Wieso muss er ausgerechnet der Nachbar meiner Granny sein?

Ich beobachte ihn dabei, wie er einem älteren Mann aus dem Wagen in den Rollstuhl hilft. Gerade als ich mich vom Fenster abwenden will, sieht er zu mir. Die Überraschung in seinem Blick wird schnell von genervt zusammengezogenen Augenbrauen abgelöst.

Ich wende mich ab. Etwas zu schnell, um es zufällig aussehen zu lassen. Er weiß, dass ich ihn beobachtet habe. Und aus irgendeinem Grund stört mich das gewaltig.

Kapitel3

Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns nieder, als Granny und ich die Town Hall ansteuern. Da beim Town Meeting fast die ganze Stadt anwesend sein wird, hat meine Großmutter mich überzeugt, mitzukommen. Sie meint, ich könne mir so einen Eindruck von den Menschen machen, die diese Stadt bewohnen. Zudem wird sich Carolines Tod am kommenden Wochenende zum dritten Mal jähren. Es ist gut möglich, dass sie Gesprächsthema sein wird.

Das Town Meeting findet in einem unauffälligen roten Backsteingebäude statt, dessen überdachter Eingang von vier weißen Säulen gestützt wird. Über der Tür hängt das Wappen der Stadt. Die Einrichtung ist dermaßen trist, dass selbst Auroras Einrichtungsstil im Gegensatz dazu farbenfroh wirkt. Alles ist grau in grau in grau. Auf einer kleinen Bühne steht eine rothaarige Frau mittleren Alters – die Bürgermeisterin, wie Granny mir erklärt. Wir setzen uns in dem Moment, als sie die Anwesenden begrüßt.

Schon nach wenigen Minuten bereue ich, mitgekommen zu sein. Die Stadtversammlung ist langweilig. Einschläfernd langweilig. Nachdem ich die halbe Nacht zu einem spannenden True Crime Fall recherchiert und ein Skript für mein nächstes Video geschrieben habe, fällt es mir zunehmend schwerer, die Augen offenzuhalten.

Um mich zu beschäftigen, lasse ich meinen Blick durch die Reihen wandern. Ist womöglich ein Mörder oder eine Mörderin unter uns? Wenn ich eines in meinen Jahren als True Crime YouTuberin gelernt habe, dann, dass man Menschen Mordlust meistens nicht ansieht. Manchmal sind es die Personen, von denen man es am wenigsten erwarten würde. Vielleicht hat die gebrechliche Rollatorfahrerin neben mir Caroline vom Dach gestoßen – zugegeben, eher unwahrscheinlich – oder der kleine Junge, der vor mir auf seinem Tablett Candy Crush spielt – noch unwahrscheinlicher.

Mein Blick bleibt an Priya hängen, die drei Reihen hinter mir sitzt. Ein junger Mann mit dunkelbraunen Locken und einem ebenso dunklen Bart hat einen Arm um sie gelegt. In ihren eigenen Klamotten wirkt sie ganz anders als in ihrer Supermarktuniform. Die schwarze Bluse verleiht ihr etwas Seriöses.

Sie bemerkt mein Starren und lächelt mir zu. Ich erwidere es. Priya wendet ihren Blick ab, als jemand im Publikum sich meldet und eine Frage zum Bau eines neuen Spielplatzes stellt.

Eine junge, blonde Frau mit Pony und Sommersprossen flüstert Priya etwas zu. Die beiden kichern.

Und dann entdecke ich ihn. Er sitzt ein paar Plätze weiter. Arschloch Dash.

Innerlich verdrehe ich die Augen. Wenn ich auf eine Person absolut keine Lust habe, dann ist er es. Sein Blick ist gelangweilt auf sein Smartphone gerichtet. Das wirre schwarze Haar fällt ihm lässig in die Stirn. Plötzlich sieht er auf, als hätte er gespürt, beobachtet zu werden. Ich wende mich ab, bevor er merkt, dass ich ihn angesehen habe.

Zu meiner Enttäuschung kommt Caroline Turner nicht in der Rede der Bürgermeisterin vor. Doch selbst wenn, hätte es mir vermutlich nicht viel gebracht. Sie hätte wohl kaum mehr als ein paar klischeebeladene Worte darüber verloren, wie sehr dieser schreckliche Todesfall Carolines Familie und Freunde erschüttert hat. Nach dem offiziellen Teil verlassen die Anwesenden ihre Plätze und ich mische mich unter die Leute. Es haben sich Gruppen gebildet, in denen sich angeregt unterhalten wird.

»… und es ist eine bodenlose Frechheit, dass das Softball Team der Saltcreek High so viel weniger Budget bekommt als das Football Team. Ich bin der Meinung, dass …«, echauffiert sich eine Frau mittleren Alters.

Ich gehe weiter und lausche Gesprächen über den perfekten Sauerteig, Schwärmereien darüber, wie gut der neue Jugendpastor aussieht, und Lästereien, da eine Frau namens Diana es gewagt hat, beim letzten Barbecue nichts zu Essen beizusteuern. Kleinstadttratsch, der mir nicht bei meinem Fall weiterhilft. Ich bin kurz davor, diesen Ort zu verlassen und mich stattdessen woanders auf die Suche nach Hinweisen zu machen, als ich plötzlich Carolines Namen aufschnappe.

»… Carolines Tod bald drei Jahre her ist?«, erklingt ein Satzfetzen hinter mir.

Neugierig drehe ich mich um und entdecke zwei Frauen.

Die blonde von ihnen seufzt schwermütig, als wäre sie es leid, diese Frage zu beantworten. »Wie soll es mir schon gehen? Für mich und Harris ist es schwer. Es wird vermutlich immer schwer sein.«

Das muss Carolines Mutter sein. Obwohl ich Caroline nur auf dem Foto ihrer Traueranzeige im Internet entdeckt habe – sie scheint entweder nie Social-Media-Profile besessen zu haben oder diese wurden nach ihrem Tod deaktiviert – erkenne ich die Ähnlichkeit zwischen ihr und der hochgewachsenen Frau. Sie haben dieselben honigblonden Wellen, vollen Lippen und eisblauen Augen. Nur die schmale Nase der Frau unterscheidet sich von der ihrer verstorbenen Tochter. Trotz der unverkennbaren Trauer in ihrer Miene strahlt sie das Gleiche aus wie ihre Tochter auf ihrem Trauerfoto: Anmut und Schönheit.

»Hätte man doch bloß früher bemerkt, wie schlecht es ihr ging«, beteuert ihre Gesprächspartnerin.

Miss Turner nickt bloß, doch ich erkenne Widerwillen in ihren Augen, als lägen ihr tausende unausgesprochene Worte auf der Zunge.

»Sie wäre jetzt einundzwanzig, nicht wahr? Was hat sie noch mal studieren wollen?«

»Theatre Arts & Performance Studies. Sie hatte einen Platz an der Brown University. Caroline wollte do-«

»Hey.« Priya taucht mit einem strahlenden Lächeln vor mir auf und versperrt mir die Sicht auf die beiden Frauen. »So sieht man sich wieder.«

Neben ihr steht die blonde Frau, die vorhin neben ihr gesessen und mit ihr getuschelt hat. Sie mustert mich mit einem scheuen Ausdruck im Gesicht und dreht ihre Kreuz-Kette zwischen den Fingern hin und her.

Ich bemühe mich um ein Lächeln, obwohl ich mich insgeheim darüber ärgere, dass sie meinen Lauschangriff vereiteln. »Hey.«

Priya zeigt auf ihre Freundin. »Das ist Grace. Wir sind schon ewig beste Freundinnen.«

»Seit der Vorschule«, ergänzt Grace stolz.

»Na ja, genaugenommen war ich in der Vorschule zuerst mit Grace‘ Bruder befreundet, weil ich und meine Freunde sie damals noch nicht mochten. Sie stieß dann erst im Laufe der Grundschule zu unserer Gruppe dazu. Aber wie sagt man so schön: Die besten Freundschaften ergeben sich, wenn man einander anfangs nicht gemocht hat.«