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**Vier winterliche NA-Romances zum Verlieben** Still Falling For You Vivi würde für ihren besten Freund David alles tun – auch auf einer Hochzeit seine Fake-Freundin spielen. Mit wem sie bei den Hochzeitsvorbereitungen in der verschneiten Villa von Davids Eltern aber nicht gerechnet hat, ist Akeno. Akeno, den sie geküsst hat. Akeno, der seit ihrem magischen Abend zu zweit ihr Herz schneller schlagen lässt, obwohl sie diese Gefühle als Davids Fake-Freundin verstecken muss. Akeno, der nun denkt, Vivi hätte David mit ihm betrogen. Zwischen Lichterketten und prickelnden Whirlpoolmomenten findet sich die junge Schriftstellerin in einem verzwickten seelischen Konflikt wieder, den sie sonst nur aus ihren Büchern kennt. Am liebsten würde Vivi alles klarstellen, doch wie könnte sie das Geheimnis ihres besten Freundes lüften, nur um ihr eigenes Glück zu finden? Like Sparks in Your Sky In der Hoffnung auf einen Neubeginn zieht es Emilie kurz vor Weihnachten nach Nairn in die schottischen Highlands. Im alten Cottage ihrer Großmutter warten nicht nur Renovierungsarbeiten auf sie, sondern auch ein ziemlich frostiges Wiedersehen mit ihrem Jugendfreund Fin. Doch Emilie fühlt sich immer noch zu dem attraktiven Highlander hingezogen, und während sie ihm hilft den hoch verschuldeten Hof seines Großvaters zu retten, knistert es erneut zwischen ihnen. Die vielen gemeinsamen Stunden in den schneebedeckten Bergen lassen alte Gefühle aufleben, aber Fin kämpft verzweifelt dagegen an, denn er verschweigt Emilie ein dunkles Geheimnis ... What I Wish For Jedes Jahr während der Vorweihnachtszeit hilft Eira als Wunschvermittlerin in ihrem norwegischen Heimatdorf aus. Doch als der Besitzer des Stands verstirbt, hinterlässt er ihr einen unerwarteten letzten Auftrag: Sie soll zusammen mit seinem Enkel Liam das Geschäft weiterführen und den Leuten ihre Herzenswünsche erfüllen. Mit jedem Tag knistert es mehr zwischen ihnen, doch Eira weiß, dass ihre gemeinsame Zeit nur bis Weihnachten dauern kann und ihre Wege sich danach trennen müssen. Obwohl eine gemeinsame Zukunft aussichtslos scheint, ist es bald unmöglich, ihre Gefühle zu ignorieren ... When We Burn Like Ice Eigentlich hat Maeve in ihrem Leben keinen Platz für Männer, ist sie doch damit ausgelastet, für ihre Familie zu sorgen. Als aber das Jahrgangstreffen ihrer Highschool bevorsteht, taucht ausgerechnet Rome Hayes wieder auf. Der erfolgreiche und verflucht attraktive Profi-Eiskunstläufer könnte Maeves Gefühlen durchaus gefährlich werden – wäre da nicht die Tatsache, dass sie ihn schon seit Schulzeiten abgrundtief hasst. Nur leider ist er der Einzige, der mit ihr zusammen den Wettbewerb im Eiskunstlaufen an Heiligabend gewinnen würde. Angetrieben durch eine Wette wagt Maeve den Schritt aufs Eis und riskiert damit alles, auch ihr Herz … //Alle Romane in dieser E-Box sind einzeln lesbar.//
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Veröffentlichungsjahr: 2024
www.impressbooks.de Die Macht der Gefühle
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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH, Völckersstraße 14-20, 22765 Hamburg © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2024 Text © Lisa Gerland, 2023; Sarah Short, 2023; Marie Westendorf, 2022 ; Cassia Bieber, 2023 Coverbild: Adobe Stock / © Jenteva, Tartila / © Aastels / © Victor / © zaie / © Victor / © Philip Steury / © SMPTY / freepik.com / © godislove316 / © olga_gavrilova / © savvapanf / © pipochka / © rawpixel.com / © g.roman / © asrulaqroni / © NATASHA-CHU Covergestaltung der Einzelbände: 100covers4you; Makita Hirt ISBN 978-3-646-61182-3www.impressbooks.de
Lisa Gerland: Still Falling For You
Sarah Short: Like Sparks in Your Sky
Marie Westendorf: When We Burn Like Ice
Cassia Bieber: What I Wish For
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Lisa Gerland
Still Falling for You
**Verbotene Liebe, Schneegestöber und eine Luxus-Hochzeit**Vivi würde für ihren besten Freund David alles tun – auch auf einer Hochzeit seine Fake-Freundin spielen. Mit wem sie bei den Hochzeitsvorbereitungen in der verschneiten Villa von Davids Eltern aber nicht gerechnet hat, ist Akeno. Akeno, den sie geküsst hat. Akeno, der seit ihrem magischen Abend zu zweit ihr Herz schneller schlagen lässt, obwohl sie diese Gefühle als Davids Fake-Freundin verstecken muss. Akeno, der nun denkt, Vivi hätte David mit ihm betrogen. Zwischen Lichterketten und prickelnden Whirlpoolmomenten findet sich die junge Schriftstellerin in einem verzwickten seelischen Konflikt wieder, den sie sonst nur aus ihren Büchern kennt. Am liebsten würde Vivi alles klarstellen, doch wie könnte sie das Geheimnis ihres besten Freundes lüften, nur um ihr eigenes Glück zu finden?
Buch lesen
Autor*innenvita
Danksagung
© privat
Lisa Gerland wurde 1997 in einem Dorf in NRW geboren und lebt dort mit ihrem Mann und Sohn. Ideen zu neuen Geschichten sammelt sie am liebsten bei langen Spaziergängen. Ihre Bücher leben von unvollkommenen Figuren, atmosphärischen Settings, Drama und einer Prise Spice. Wenn sie nicht schreibt, bloggt sie auf ihrem Instagram-Account @lisascupoftea über Bücher, fotografiert oder postet auf ihrem TikTok-Kanal @lisagerland Videos.
An alle anderen, die für ihren Kopf-Kanon ständig belächelt werden. Ein bisschen Chaos im Kopf ist okay.
Den Kuchen mit dem Fahrrad zu transportieren, ist eine dumme Idee gewesen.
Eisregen ergießt sich über München, als hätte der Himmel vergessen, den Wasserhahn abzudrehen. Mit meinen Reifen rutsche ich eher über den Weg, als zu fahren. Als Wind aufkommt und an meinen durchnässten Haaren zerrt, halte ich geistesgegenwärtig die Abdeckung fest, die den Geburtstagskuchen schützen soll. Ich werde nicht zulassen, dass meine Arbeit von drei Tagen zerstört wird!
Menschen mit dicken Winterjacken und Strickmützen werfen mir mitleidige Blicke zu. Mir wäre sicher nicht so kalt, wenn ich mir etwas Wärmeres als meinen heiß geliebten Windbreaker angezogen hätte. Ich fluche leise, während ich Eisplatte für Eisplatte ausweiche. Das Problem ist jedoch, dass sich der Fahrradweg nach und nach in eine einzige Schlittschuhbahn verwandelt. Obwohl ich nichts lieber möchte, als endlich dem eisigen Regen zu entkommen, drossle ich das Tempo. Zu stürzen wäre der sichere Tod für mein Meisterwerk. Und für mich sicherlich auch nicht angenehm.
Gerade als ich durch den Regen eine überdachte Bushaltestelle entdecke, an der sich noch niemand untergestellt hat, rutscht mir mein Lenker zur Seite. Mir entfährt ein spitzer Schrei. Doch die erwartete Bruchlandung tritt nicht ein. Ein Fußgänger hält mit einer Hand mein Fahrrad und mit der anderen mich fest. Er hat seine Kapuze zu tief ins Gesicht gezogen, um etwas von seinen Gesichtszügen erkennen zu lassen.
»Du solltest bei dem Wetter lieber nicht Fahrrad fahren, das ist gefährlich.« Der fremde Retter hat eine angenehm dunkle Stimme, die mich an Kaminabende mit heißer Schokolade erinnert.
»I-ich weiß«, antworte ich zitternd – ich bin mir nicht sicher, ob es aufgrund der Kälte oder des Schocks wegen meines Beinahe-Sturzes ist.
»Möchtest du dich unterstellen?«, fragt er und hilft mir vom Rad. »Dort drüben ist eine Bushaltestelle.«
»Ich muss zu einem Geburtstag«, widerspreche ich, doch schon während ich meine Worte ausspreche, merke ich, dass es dumm ist. Die Gefahr, zu fallen, ist viel zu groß und ich habe keine Lust auf einen Besuch in der Notaufnahme.
»Das Geburtstagskind wird bestimmt verstehen, wenn du etwas später kommst«, erwidert er.
Ich zögere einen kurzen Moment und frage mich, ob es schlau ist, einem Fremden zu folgen, doch weiterhin im Regen stehen möchte ich auch nicht mehr. »Okay«, stimme ich deshalb zu.
Er geht neben mir her, während ich mein Fahrrad zum Unterstand schiebe. Erst als die Glasüberdachung der Bushaltestelle uns Schutz bietet, hebt mein Retter den Kopf, sodass ich ihm ins Gesicht sehen kann. Dunkle Augen mustern mich. Trotz seiner Kapuze kleben ihm ein paar schwarze Haarsträhnen an der Stirn und lassen ihn verwegen aussehen – im Gegensatz zu meinem Pony, der mir platt im Gesicht pappt. Er hat weiche Gesichtszüge für einen Mann, doch sie passen zu seinen schmalen Augen, der breiten Nase und den vollen Lippen. Bei seinem Anblick fühle ich mich noch unansehnlicher, als mich der Regen sowieso bereits gemacht hat. Ich wische über meine Wangen und stelle mit Schrecken fest, dass das schwarze Schlieren auf meinem Handrücken hinterlässt.
O nein, nein, nein!
Da schminke ich mich das erste Mal seit Monaten und schon passiert das!
»Hast du dir wehgetan?« Er sieht besorgt zu mir hinab, als er meinen panischen Blick bemerkt.
»Nein.« Ich seufze leise. »Ich habe nur gerade festgestellt, dass ich auf dem Geburtstag wohl als Clown aufkreuzen werde.«
Er lacht leise und Grübchen graben sich in seine Wangen. Obwohl es schief und heiser klingt, lässt es ihn noch attraktiver wirken – möglicherweise auch gerade deshalb. »Kinder stehen auf Clowns.«
»Es ist ein Erwachsenengeburtstag.«
»Oh …« Er beißt sich auf die Lippe, um ein Grinsen zu unterdrücken. »Auch Erwachsene können Clowns mögen.«
»Mein bester Freund hat Geburtstag und er hat panische Angst vor denen«, erkläre ich, während ich meinen Rucksack abnehme und darin krame – in stiller Hoffnung, Abschminktücher darin zu finden.
»Falls es dich beruhigt: Ich finde nicht, dass du wie ein Clown aussiehst …«
Kurz denke ich, er möchte mir ein Kompliment machen, doch dann fährt er fort.
»… eher wie ein Dämon. Oh, oder wie diese Scream-Maske. Kannst du mal den Mund so aufreißen?« Er demonstriert mir den weit aufgerissenen Mund der Maske.
Ich starre ihn verwundert an – und kann schließlich nicht anders, als zu lachen.
Er streift sich grinsend die Kapuze vom Kopf und fährt sich durch sein kurzes Haar. »Sorry, flirten liegt mir nicht so.«
Flirten? Mein Herz macht komische Dinge – es pocht so stark, dass mein Herzschlag in den Ohren widerhallt und mir schwindelig wird. Mir wird so warm, dass mein Körper das Frieren einstellt. Ist es naiv, dass mir seine Direktheit so gut gefällt? Vermutlich sollten wir zueinander mehr Abstand wahren. Mein bester Freund David scherzt immer darüber, dass mir der Vertrauensvorsprung, den ich Leuten gebe, noch zum Verhängnis werden wird und ich irgendwann als Opfer in einem True-Crime-Format behandelt werde.
Ich reiße mich aus meinen Gedanken los und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf unser Gespräch.
»Ähm, ich heiße übrigens Vivien«, stelle ich mich vor. »Aber die meisten nennen mich Vivi.«
Er reicht mir die Hand. Es ist so altmodisch, dass es mir schon wieder gefällt. »Akeno. Es ist schön, dich kennenzulernen, Vivi.«
Ich mag die Art, wie er meinen Namen ausspricht. Es klingt beinahe, als würde er ihn in die kühle Novemberluft hauchen. Wir sehen uns an und die Welt bleibt stehen. Der Eisregen rückt in den Hintergrund und alles, was ich wahrnehme, ist sein unwiderstehliches Lächeln. Wäre er ein Gefühl, dann wäre er das, was man empfindet, wenn man mit ausgekühlten Fingern einen Handwärmer hält.
Plötzlich sieht er auf und unterbricht somit unseren Blickkontakt. Seine Wärme entweicht mir so schnell wie Luft einem Ballon, in den man mit einer Nadel gestochen hat, als ich bemerke, dass ein Bus vorgefahren ist.
»Oh«, murmelt er. »Das ist meiner. Ich, ähm … sorry, ich muss los. Ich kann nicht zu spät kommen.« Akeno wendet sich von mir ab, um in den Bus zu steigen.
Ich verharre mit meinem Fahrrad unter der Überdachung und starre ihm nach. Mein Blick ist an ihm festgefroren.
Kurz bevor sich die Türen schließen, dreht er sich zu mir um. »Ich hoffe, wir sehen uns noch mal, Vivi.«
Das hoffe ich auch, Akeno, das hoffe ich wirklich.
***
Wie durch ein Wunder hat mein Kuchen die Fahrt mehr oder weniger unbeschadet überlebt, als ich – nachdem der Regen nachgelassen hat und ich den Rest des Weges mein Fahrrad geschoben habe – bei Davids Altbauwohnung ankomme. Ich schiebe mein Rad in den Innenhof und schließe es ab, bevor ich mich die Treppen bis in den vierten Stock hochquäle.
»Ich werde eine Petition starten, dass du in ein niedrigeres Stockwerk ziehen musst«, begrüße ich meinen besten Freund schnaufend, als ich endlich oben ankomme.
Er lacht und nimmt mir den Kuchen ab. »Ein bisschen Sport tut dir gut. Deine Ausdauer ist grottig.«
Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Dass er so etwas sagt, ist klar. Neben seinem Sportwissenschafts-Studium hat er von Boxen über Fußball bis hin zu Pilates gefühlt jede existierende Sportart ausprobiert und ist vermutlich bereits mit einem Sixpack auf die Welt gekommen.
Nachdem ich Schuhe und Windbreaker ausgezogen habe und er meinen Kuchen auf einer Kommode abgestellt hat, falle ich ihm in den Arm. Er hebt mich hoch, drückt mich an sich und dreht sich lachend mit mir, so wie wir es immer tun.
»Herzlichen Glückwunsch zum zweiundzwanzigsten Geburtstag!«, schreie ich direkt in sein Ohr.
»Danke, Äffchen.« Er lacht. »Deinetwegen bekomme ich irgendwann noch einen Hörsturz.«
»Ne, das kommt vom hohen Alter«, scherze ich.
Er lässt mich runter und schüttelt bloß den Kopf. »So frech wie eh und je.«
»Guck dir jetzt den Kuchen an«, verlange ich. Aufgeregt umrunde ich ihn, um den Kuchen von der Kommode zur Küche zu tragen.
Davids Wohnung ist groß und hell. Da seine Familie etwa zwei Stunden von München entfernt an der österreichischen Grenze eine erfolgreiche Baufirma leitet, muss er sich keine Gedanken um Geld machen. Während seines Studiums übernehmen seine Eltern sämtliche Lebensunterhaltskosten. Ich hingegen arbeite in der Buchhaltung eines großen Lebensmittelkonzerns, um mir ein kleines, dunkles WG-Zimmer leisten zu können.
Ich stelle den Kuchenteller auf der anthrazitfarbenen Arbeitsplatte ab und lüfte den Deckel. »Tada!«
David schnappt nach Luft, was genau die Reaktion ist, die ich mir erhofft habe. Er beugt sich vor und betrachtet den Kuchen, den ich in mühevoller Handarbeit komplett mit Smarties bedeckt habe. Ich habe sie farblich angeordnet, sodass die Regenbogentorte mit weißer Schokoladenglasur nicht nur innerlich, sondern auch von außen seinem bunten Namensgeber entspricht.
»Der Kuchen soll dir zeigen, dass du immer du selbst sein sollst – mit jedem Aspekt von dir«, erkläre ich.
Tränen treten in seine Augen. »Vivi … das ist so süß!«
Ich grinse. »Will ich auch hoffen, hat schließlich ewig gedauert.«
Dass David schwul ist, weiß ich seit dem Abend, an dem wir uns kennengelernt haben. Wir waren in einer Bar und er hat mich – nachdem ihn seine damaligen Kumpels lautstark dazu überredet hatten – angeflirtet. Er war stockbesoffen und hat einen so schlechten Anmachspruch gebracht, dass selbst ich als Fettnäpfchen-Königin Fremdscham empfunden habe. Ich habe ihn abblitzen lassen. Später in der Nacht habe ich ihn im Bus wiedergetroffen – dieses Mal allein. Und da David redebedürftig wird, wenn er betrunken ist, hat er mir während der Fahrt von seinen Eltern erzählt, die eine klassische Rollenverteilung haben und der Meinung sind, dass alle so leben sollten. Er hat mir gesagt, dass sie dumme Kommentare machen, wenn sich jemand in dem kleinen Dorf, aus dem sie kommen, outet. Und zuletzt hat er mir von den letzten Jahren berichtet, in denen ihm mit der Zeit klar geworden ist, dass Frauen ihn nicht anziehen, Männer hingegen schon. Ich war die erste Person, der er es erzählt hat.
Und da ich als Tochter zweier Mütter und bisexuelle Frau selbst mit Vorurteilen zu kämpfen habe, führte diese Begegnung zu einer Nacht voller angetrunkener Busgespräche und dem Gefühl, jemanden gefunden zu haben, bei dem man sich nicht verstellen muss.
David schließt mich abermals in eine Umarmung – dieses Mal ohne Herumwirbeln, dafür umso fester. Der bekannte Geruch seines holzigen Parfums steigt mir in die Nase. Es riecht nach zu Hause. Neben meinen Müttern ist David in meinen Augen auch ein Teil meiner Familie.
»Du bist die beste Freundin, die man sich wünschen kann.«
Nachdem wir beide jeweils zwei Stücke der Torte gegessen haben, durchforsten wir Netflix nach den schlechtesten Weihnachtsfilmen, um diese zu gucken und uns darüber lustig zu machen. Insgeheim aber auch deshalb, weil wir beide hoffnungslose Romantiker*innen sind.
Gerade stoße ich auf einen Titel, der besonders kitschig klingt, als ich Davids Blick auf mir spüre. Er knetet nervös seine Hände im Schoss.
»Alles okay?« Ich werfe ihm mit erhobenen Brauen einen Seitenblick zu.
Er fährt sich durch sein stoppeliges Haar. Seitdem er sich seine dunklen Haare auf wenige Millimeter abrasiert hat, wird er immerhin nicht mehr andauernd mit Shawn Mendes verglichen.
»Kann ich dich etwas fragen?«
»Klaro«, antworte ich. »Was ist denn?«
»Ähm …« Er räuspert sich.
Ich reiße meinen Blick vom Fernseher los, um ihn anzusehen. Er wirkt merkwürdig. Wann war er das letzte Mal in meiner Gegenwart so nervös? Was auch immer er fragen will, scheint ihm Unbehagen zu bereiten.
»Das wird bestimmt sehr komisch klingen«, druckst er herum.
»Sag es einfach. Vor mir brauchst du dich für nichts schämen«, versuche ich ihn zu beruhigen.
David errötet. »Ich weiß, aber das … ist irgendwie was anderes.«
Was möchte er mir sagen? Hat er jemanden kennengelernt?
»David, sa-«, beginne ich sanft, doch er lässt mich nicht ausreden.
»Ja, ich weiß, ich soll es jetzt einfach sagen: Willst du mich als meine feste Freundin zur Hochzeit meiner Schwester begleiten?«
Vermutlich sollte ich etwas Schlaues sagen, doch alles, was mir entfährt, ist: »Hä?«
Er beißt sich auf die Unterlippe. »Also als meine Fake-feste-Freundin, um genau zu sein.«
Obwohl seine Frage nun mehr Sinn ergibt, ziehe ich skeptisch die Augenbrauen zusammen.
Bevor ich etwas sagen kann, fährt er fort: »Du weißt ja, dass ich meiner Familie noch nicht gesagt habe, dass ich schwul bin. Und ich möchte es momentan auch nicht tun. Ich finde es unfair, dass Leute sich nur outen müssen, wenn sie nicht hetero sind – darüber haben wir ja schon oft geredet. Wenn ich irgendwann mal einen festen Partner an meiner Seite habe, werde ich ihn meiner Familie vorstellen, aber bis dahin …« Er macht eine kurze Pause. »Ich habe auf Ginas Hochzeit keine Lust, dass all die entfernten Verwandten und Bekannten meiner Familie ankommen und wissen wollen, wieso ich noch keine Freundin habe. Außerdem ist Ginas beste Freundin Kiya da und ich glaube, sie steht auf mich. Wenn ich als Single auftauche, wird sie jede Gelegenheit nutzen, um mich anzugraben. Und ich dachte, dass dieser ganze Wahnsinn mit dir erträglicher wäre. Gina ist sowieso der festen Überzeugung, dass wir beide schon lange heimlich ein Pärchen sind.«
Ich starre ihn an – überfordert und nicht sicher, was ich davon halten soll.
»Die Hochzeit ist kurz nach Weihnachten. Wir könnten um die Feiertage herum zwölf Tage dort sein und bei den letzten Vorbereitungen helfen. Du hast doch gestern deinen Resturlaub für die Zeit bewilligt bekommen und deine Mütter fliegen sowieso in der Zeit in die Karibik. Willst du das Fest der Liebe allein zu Hause verbringen? Nicht mal du bist so eine krasse Couchpotato. Und in Winterbruck kann man viele coole Unternehmungen machen: Ski oder Schlittschuh fahren, Schneeschuhwanderungen machen oder –«
»Du musst wirklich verzweifelt sein, wenn du versuchst, mich mit Sport zu ködern«, kommentiere ich lachend.
»Okay, dann halt anders: Meine Eltern haben einen Whirlpool und ihre Haushälterin kocht herausragend gutes Essen.« Er wackelt mit den Augenbrauen. »Also, was denkst du?«
Ich verdrehe grinsend die Augen. »Du lässt eh nicht locker, oder?«
»Du kennst mich doch.« David zuckt entschuldigend mit den Schultern.
Das bedeutet wohl nein. Ich seufze. »Ich weiß ja nicht …«
Wäre es nicht komisch, Weihnachten mit einer Familie zu feiern, die ich erst ein einziges Mal getroffen habe? Was ist, wenn sie mich nicht mögen? Sie könnten mich merkwürdig finden. Ich brauche meist lange, um mit anderen Menschen warm zu werden.
David rutscht vom Sofa hinab auf die Knie und faltet seine Hände. »Ich flehe dich an, Äffchen, sei bitte für zwölf Tage meine feste Freundin.«
»David …«
»Bitte, Vivi.« Seine Augen sind so groß und flehend, dass er aussieht wie eine Mischung aus Welpe und Koboldmaki. »Was willst du sonst an Weihnachten machen? Du kannst an so einem Tag nicht in deiner Bude im Schlafanzug gammeln und dir Tausende Konzertaufzeichnungen deiner Lieblingsbands ansehen, dich auf Bookstagram rumtreiben und an deinem Buch schreiben.«
Ich erröte. Er hat mich erwischt.
»Ich habe überlegt, meine Großeltern zu besuchen«, lüge ich.
David setzt sich wieder auf die Couch und sieht mich ernst an. »Vielleicht an Heiligabend, aber den Rest der Tage wirst du einsam verbringen.«
»Ich kann doch Kinga nicht allein lassen«, probiere ich es erneut.
»Deine Mitbewohnerin verbringt Weihnachten wie jedes Jahr in Polen bei ihrer Familie. Das hast du mir vorgestern erst erzählt.«
»Mist«, murmle ich. Nachdenklich wickle ich mir eine Strähne meines hellbraunen Haares um den Finger.
»Ich möchte dich zu nichts zwingen, aber es würde mir viel bedeuten, dich dabeizuhaben – nicht nur, um meine Fake-Freundin zu spielen.« Er greift nach meiner Hand. »Mit dir würde es so viel mehr Spaß machen. Ich besorge dir auch ein hübsches Kleid für die Hochzeit.«
Meine Finger streifen über seine und ich spüre, wie meine inneren Mauern nach und nach fallen.
»Ich bin nicht käuflich«, murmle ich in einem letzten Versuch des Widerstands.
»Und ich gebe die nächsten zehn Mal etwas zu Essen aus«, ergänzt er. Ein siegessicheres Grinsen zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. Er weiß, dass er damit gewonnen hat.
»Ich hasse und liebe es gleichzeitig, wie gut du mich kennst.«
»Ist das ein Ja?«
Ich verdrehe die Augen und muss grinsen, obwohl ich dagegen ankämpfe. Schließlich nicke ich. »Wenn’s sein muss.«
Er springt auf und zieht mich mit sich hoch. »Sie hat Ja gesagt! Oh, Äffchen, du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt.«
»O Mann, du bist so ein Idiot«, murmle ich in seine Halsbeuge.
»Das wird gut, das verspreche ich dir. Ich werde dir sämtliche Wintersportarten beibringen.«
Ich stöhne gequält auf. »Kann ich doch noch zurücktreten?« »Zu spät.« Ein süffisantes Grinsen lässt sein Gesicht strahlen. »Wir beide werden in fünf Wochen zusammen nach Winterbruck fahren.«
Um Winterbruck zu beschreiben, reicht ein einziges Wort: Schnee. In Massen türmt er sich am Straßenrand auf. Auf dem Beifahrersitz von Davids Auto kommt es mir vor, als würden wir durch eine eisige Schlucht fahren.
»Okay, aaaaber«, beginne ich erneut mit einem unwahrscheinlichen Szenario. »Was ist, wenn wir einschneien und plötzlich ein Serienmörder im Haus deiner Eltern auftaucht? Es liegt ganz schön abgelegen. Die Polizei wäre bestimmt bei dem ganzen Schnee nicht so schnell da und wir hä-«
»Vivi«, unterbricht mich mein bester Freund seufzend. Es ist nicht das erste Mal während dieser Fahrt. »Wenn wir nicht rauskommen, würde ein Serienmörder auch nicht reinkommen.«
»Ja, okay, aber –«
»Versuch dich zu entspannen. Du erfindest all diese seltsamen fiktiven Ereignisse nur, weil du nervös bist. Das machst du immer, wenn du dich deinen wahren Ängsten nicht stellen willst.« Er wirft mir einen wissenden Seitenblick zu. »Wovor hast du Angst? Du hast meine Eltern und meine Schwester doch schon kennengelernt, als sie im Sommer für ein paar Tage in München waren. Und sie mochten dich.«
Ich fahre mir unruhig mit den Händen über die Beine. »Ja, aber nicht als deine feste Freundin. Was ist, wenn sie denken, dass ich nicht gut genug für ihren Goldjungen bin?«
David wird langsamer und blinkt.
»Wieso hältst du an?«
Als der Wagen zum Stehen kommt, dreht sich mein bester Freund zu mir um. Er sieht mir fest in die Augen. »Sag niemals wieder, dass du nicht gut genug wärst. Würde ich auf Frauen stehen, dann könnte ich von Glück reden, so einen herzensguten, intelligenten und süßen Menschen an meiner Seite zu haben. Capito? Und wenn du etwas anderes behauptest, werde ich dich eigenhändig kopfüber in den nächsten Schneehaufen stecken.«
Ich kichere und verschließe meinen Mund mit einem imaginären Schlüssel. »Ich bin ja schon still.«
»Das will ich auch für dich hoffen«, erwidert er grinsend. Er wirft einen Blick in den Rückspiegel, bevor er sein Auto zurück auf die Fahrbahn lenkt. »Blaue Lippen würden dir nicht stehen.«
Wenige Minuten später biegt David auf eine lange Einfahrt ab, die von Tannen gesäumt wird. Über ihre Spitzen hinweg erkenne ich das Dach des Hauses. Doch erst, als wir von der gepflasterten Zufahrt auf den Hof biegen, sehe ich das Anwesen der Schönfelds in voller Größe.
»Heilige Scheiße«, keuche ich ungläubig. »Wie reich seid ihr denn bitte?«
»Jetzt übertreibst du aber.«
Ich übertreibe nicht und das sollte David genauso gut wissen wie ich.
Vor mir ragt ein dreistöckiges, langgezogenes Holzhaus mit Säulen aus hellgrauem Stein in die Höhe. Durch große Glaselemente fällt warmes Licht auf die Terrasse. Es ist die Art von Haus, die man als Winterresidenz internationaler Superstars vermuten würde.
»Vielleicht sollte ich auch in die Baubranche gehen«, überlege ich laut.
David verdreht lachend die Augen, während er unter einem Carport parkt, unter dem bereits mehrere Autos stehen.
Die Luft ist eiskalt, als ich aussteige. Meine Wangen brennen, sobald der Wind auf sie trifft, doch mir gefällt es, den Winter auf meiner Haut zu spüren. Der Duft von Weihnachten liegt in der Luft: Tannennadeln und frisch gefallener Schnee. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und starre in den Himmel, an dem die untergehende Sonne hinter den Bergen verschwindet und alles in blasses Rosa hüllt.
Neben mir öffnet David die Heckklappe seines Wagens und hievt unsere Koffer heraus. Ich nehme mir meinen und trage ihn zur Terrasse, über die man zur Haustür gelangt. Als ich die Hälfte der Holztreppe erklommen habe, wird die Tür aufgerissen. Gina stürmt hinaus und läuft uns entgegen. Erst umarmt sie mich, um daraufhin ihren Bruder zusammen mit mir in ihre Arme zu ziehen.
»Ich wusste, dass ihr heimlich zusammen seid«, jubelt sie. »Mir konntet ihr nie etwas vormachen.«
Wenn sie nur wüsste …
»Äh, ja«, antworte ich.
Die zierliche Brünette presst mich fest an sich und ihr Longbob kitzelt mein Gesicht. Ihr Shampoo duftet süßlich und ein wenig zu aufdringlich, doch es passt zu ihr. Ohne mich zu fragen, schnappt sie sich meinen Koffer und trägt ihn für mich die restlichen Stufen hoch.
»Du musst ni-«, setze ich an, doch sie unterbricht mich.
»Ich bestehe darauf.« Oben angekommen grinst sie mich über ihre Schulter hinweg an. »Wenn mein Bruder schon kein Gentleman ist, muss ich das wohl für ihn übernehmen. Er hat noch nie eine Frau mit nach Hause gebracht, deswegen habe ich ihm noch nicht beibringen können, wie er mit uns wundervollen Geschöpfen richtig umgeht.«
»Ich bin ein Gentleman«, murrt David, der hinter mir die Treppe hochstapft.
»Vielleicht bist du das. Aber du bist auch ein Lahmarsch.« Sie winkt uns zur Haustür. »Kommt schon, es wird kalt, wenn die Tür so lange offensteht.«
Das Erste, was mir auffällt, als wir in den Eingangsbereich treten, ist der Geruch von Zimt, der sich mit dem von Kaminfeuer und Holz vermischt. Im Inneren trifft – ähnlich wie von außen – der rustikale Look von Holz auf moderne Architektur. Die Decke aus Holz wird stellenweise von schwarzem Stahl unterbrochen. Man hat den Wohnraum offen gestaltet, sodass ich von hier aus durch einen gläsernen Windfang in Wohnzimmer und Küche sehen kann. Unter einem Element aus sandfarbenem Stein prasselt ein Feuer im Kamin.
Gina zeigt auf eine Garderobe unter der Treppe. »Zieht eure Schuhe und Jacken aus und kommt mit ins Esszimmer. Wir sind gerade am Essen. Eure Koffer könnt ihr auch erst mal hier stehen lassen.«
Wir gehen ihrer Bitte nach und folgen ihr um die Ecke. An einem langen Tisch sitzen Davids Eltern, Ginas Verlobter und eine junge Frau in unserem Alter. Die Männer tragen Hemden und die Frauen Blusen. Offenbar laufen Abendessen bei wohlhabenden Familien anders ab als bei meiner Mittelschicht-Familie. Ich sehe an mir herab und mein Kapuzenpullover sowie die ausgeleierte Jogginghose kommen mir noch schäbiger vor. Ursprünglich hatte ich mich umziehen wollen, bevor wir ankommen, doch David hat gesagt, dass wir bereits spät dran seien und dafür keine Zeit bliebe. Dass wir mitten ins Abendessen platzen und ich mir auf dem Zimmer nicht mal eine Jeans anziehen können würde, hatte ich nicht erwartet.
Unauffällig versuche ich mit meiner Hand den Fleck auf meiner Hose zu verstecken, den mein Eis verursacht hat, das David und ich uns zu Beginn der Fahrt vom Drive-in geholt haben. Doch der Blick von Davids Mutter liegt missbilligend auf ebendiesem.
Hitze steigt mir ins Gesicht. Hätte ich mich doch bloß während der Fahrt umgezogen – oder von vornherein etwas Vernünftiges angezogen.
»Hi«, sage ich. Meine Stimme ist leise. Als ich mich frage, ob niemand meine Begrüßung gehört hat und ich sie wiederholen sollte, steht endlich Ginas Verlobter auf und reicht mir die Hand.
»Hallo, Vivien, es ist schön, dich kennenzulernen. Ich bin Henry.«
Obwohl er nur einen halben Kopf größer ist als ich und mehrere Zentimeter kleiner als seine Verlobte, komme ich mir neben ihm klein vor. Winzig und unbedeutend. Er hat eine Ausstrahlung, die den ganzen Raum einnimmt. Von David weiß ich, dass er Junior-Chef bei der Hotelkette seiner Eltern ist. Selbst seine Zähne sind perfekt, als er mir ein Lächeln schenkt, ebenso wie seine gegelten Haare, bei denen kein einziges blondes Härchen aus der Reihe tanzt. »Nenn mich Vivi. Vivien klingt so streng«, antworte ich und reiche ihm zögerlich meine schwitzige Hand. »Es ist auch schön, dich kennenzulernen.«
Henry ist die Professionalität in Person. Sein Lächeln ist unerschütterlich. Er lässt sich nicht einmal davon aus der Fassung bringen, dass ich gerade mindestens einen Liter Schweiß auf seiner Hand verliere.
Worauf habe ich mich hier bloß eingelassen? Ich dachte, es würde leicht werden, Davids Familie zu begegnen, doch ihre kritischen Blicke sagen etwas anderes. Damals, als ich ihnen als Davids beste Freundin begegnet bin, war die Situation deutlich entspannter. Offenbar legen sie bei einer festen Freundin andere Maßstäbe an als bei einer besten Freundin.
»Wollt ihr euch eventuell erst umziehen?«, schlägt Davids Mutter vor, deren Stimme spitzer klingt, als ich sie in Erinnerung habe. Ihre teuer aussehenden Ohrringe funkeln im Licht des Kronleuchters und durch ihre in einem strengen Dutt steckenden Haare wirkt sie, als würde sie jeden Moment auf eine Gala gehen.
Ich will nicken, doch David kommt mir zuvor. Er greift nach meiner Hand und zieht mich zu den freien Plätzen. »Nein, so ist es viel gemütlicher. Und es ist ja nur ein Familienessen.«
Ich zerquetsche seine Finger mit meinen. Er soll den gleichen Schmerz fühlen, den ich innerlich durch meine Scham spüre. Wieso versteht er nicht, dass ich mich gerne umziehen möchte?
David reagiert nicht auf meinen Versuch und zieht mir stattdessen einen freien Stuhl vor. Ich setze mich und er nimmt neben mir Platz.
Die unbekannte Schwarzhaarige, die uns gegenübersitzt, mustert mich eingängig. Auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreicht. Sie erinnert mich an eine dunkelhäutige Version von Regina George. Und das gefällt mir ganz und gar nicht.
»Du bist also Davids Freundin?« Bevor ich antworten kann, redet sie weiter. »Mein Name ist Kiya, du hast bestimmt schon von mir gehört. Ich bin Ginas beste Freundin und Trauzeugin. David und ich waren sehr gute Freunde, als er noch hier in Winterbruck gelebt hat.«
Ich werfe David einen überraschten Seitenblick zu. Dass Kiya und er eine enge Freundschaft hatten, ist mir neu. Kaum merklich schüttelt mein bester Freund den Kopf, als wolle er mir damit sagen, dass es nicht stimmt.
»Schön, dich kennenzulernen«, erwidere ich freundlich. »Lebst du noch in Winterbruck?«
»Ja, ich arbeite hier als Architektin. Gina hat erzählt, du bist Sekretärin?«
»Bürokauffrau«, verbessere ich sie.
»Naja, nicht jeder kann studieren. Arbeitnehmer sind auch wichtig, damit das System funktioniert.« Ihr Tonfall hat eine unterschwellige verurteilende Note, die mich die Hände unter dem Tisch zu Fäusten ballen lässt. Was für eine hochnäsige Schnepfe.
»Kiya …« Ginas Stimme klingt warnend.
Eine unangenehme Stille entsteht.
»Eigentlich ist Vivi Autorin, das ist ihre wahre Berufung. Sie schreibt unglaublich gut.« David legt einen Arm um mich. »Sie schafft es, dass ich bei jedem ihrer Texte Gänsehaut bekomme.«
»Du hast Bücher veröffentlicht?«, forscht Herr Schönfeld überrascht nach. Für einen kurzen Moment erkenne ich Anerkennung in seinen markanten Gesichtszügen, die so viel Ähnlichkeit zu denen von David haben.
Dieser Blick des Wohlwollens verschwindet jedoch wieder, als ich den Kopf schüttle. »Noch nicht, aber hoffentlich irgendwann mal.«
»Aber wenn du noch nichts veröffentlicht hast, dann bist du doch keine Autorin«, klinkt sich Kiya ein. »Ich würde ja auch nicht behaupten, ich sei Tennisspielerin, obwohl ich noch nie einen Schläger gehalten habe.«
Äußerlich bleibe ich ruhig, obwohl in meinem Inneren ein Sturm tobt. Empörung breitet sich in mir aus.
»Sie schreibt, also ist sie Autorin«, verteidigt David mich.
Obwohl mich Davids Hilfe freuen sollte, bewirkt sie das Gegenteil. Ich fühle mich klein. Warum erwarte ich, ernst genommen zu werden, wenn ich nicht einmal für mich selbst einstehen kann?
»Was schreibst du denn, Vivien?«, erkundigt sich Frau Schönfeld. »Vielleicht haben wir hier ja die nächste Literaturnobelpreisträgerin am Tisch sitzen.«
Ich beiße mir verlegen auf die Unterlippe. »Das glaube ich nicht. Ich schreibe Liebesromane für junge Erwachsene. Das ist nicht unbedingt das Genre, das für den Literaturnobelpreis in Erwägung gezogen wird.«
Die Begeisterung aus Frau Schönfelds Gesicht verschwindet genauso schnell wie bei ihrem Mann kurz zuvor. Ich sinke noch ein klein wenig mehr in mich zusammen und frage mich, wieso ich meine Leidenschaft innerlich selbst kleinrede.
Davids Mutter räuspert sich leise – vermutlich, um die angespannte Stimmung im Raum zu überspielen. »Nun ja, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.«
Ich nicke und stecke mir eine Portion Erbsen in den Mund.
Aus den restlichen Tischgesprächen halte ich mich raus. Es wird über Aktienfonds geredet und über die Außenpolitik Ungarns. Ich fühle mich ungebildet und fehl am Platz.
Als alle aufgegessen haben, will ich meinen Teller abräumen, doch beim Aufstehen stoße ich mit jemandem zusammen. Mit einem erschrockenen Laut macht die junge Frau einen Satz nach hinten.
»Es tut mir schrecklich leid«, entschuldigt sie sich und streicht sich mit einer schnellen Bewegung einige Strähnen ihrer dunklen Afrolocken aus der Stirn.
»Mir tut es leid«, erwidere ich. »Ich habe nicht aufgepasst.«
»Imani, nimm doch unserem Gast ihren Teller ab.«
»Natürlich, Frau Schönfeld.« Imani nimmt mir meinen Teller ab, bevor ich protestieren kann. Sie stapelt noch weitere Teller darauf und verschwindet um die Ecke in die Küche.
»Das ist die Haushaltshilfe meiner Eltern«, wispert David mir zu.
Gina, Henry und Kiya erheben sich und verschwinden auf die überdachte Terrasse.
»Vivien.« Bei Herrn Schönfelds Erwähnung meines Namens muss ich mich zwingen, nicht den Mund zu verziehen.
»Vivi ist mir lieber«, sage ich erneut.
»In Ordnung … Vivi«, fährt er fort. Doch aus seinem Mund klingt mein Spitzname falsch. »Wärst du so gut und gehst schon hoch in euer Zimmer. Es ist oben, wenn du den Flur entlanggehst, die letzte Tür links. Meine Frau und ich würden gerne kurz allein mit David reden.«
Ein ungutes Gefühl breitet sich in mir aus. Was wollen sie mit ihm besprechen? Geht es um mich? Ich versuche mir mein Zittern nicht anmerken zu lassen, als ich zustimme und den Raum verlasse. Mein Weg führt mich um die Ecke durch die Küche, die zusammen mit dem Wohnzimmer zum Essbereich durch eine schmale Wand abgegrenzt ist. Von hier aus will ich zur Holztreppe gehen, doch ich halte inne. Imani sortiert die Teller in die Spülmaschine ein, während sie leise ein Lied summt, dessen Melodie ich nicht erkenne.
In der Hoffnung, meinen eigenen dunklen Gedanken zu entfliehen, schnappe ich mir einige Gläser und räume sie hinein.
»Du musst mir nicht hel-«, beginnt Imani, verstummt jedoch, als sie meinen flehenden Blick bemerkt.
Vermutlich ist es nicht die beste Idee, Hausarbeit für Menschen zu erledigen, die mich sowieso als nicht gut genug für ihren Sohn erachten, doch in diesem Moment erscheint es mir als willkommene Ablenkung. Zudem haben meine Mütter mir beigebracht, dass man bei Gastgebenden nach dem Essen beim Abräumen hilft. Nur weil sich die Schönfelds dafür zu fein sind, muss ich schließlich nicht meine Prinzipien über Bord werfen.
Schweigend macht sie für mich Platz, damit wir gemeinsam die Arbeit verrichten können.
»Worüber wollt ihr mit mir reden?«, fragt David im Nebenraum.
Vermutlich sollte ich nicht lauschen, doch ich bin zu neugierig. Macht mich das zu einem schlechten Menschen?
»Über dich und Vivien«, antwortet sein Vater.
Ich habe es geahnt. Meine Kehle wird eng.
Imani sieht zur Wand, hinter der David mit seinen Eltern sitzt, dann sieht sie zu mir. Ein kritischer Blick legt sich auf ihr pausbäckiges Gesicht.
»Vivien wirkt wie ein nettes junges Mädchen …« Frau Schönfeld macht eine kurze Pause, »aber dein Vater und ich fragen uns, ob sie die Richtige für dich ist.«
»Wieso sollte sie das nicht sein? Letztes Mal habt ihr gesagt, dass ihr sie toll findet.«
»Letztes Mal hast du sie uns als deine beste Freundin vorgestellt. Du hättest uns schon damals sagen können, dass es eine Lüge ist. Ich verstehe keinen Spaß, wenn man mich belügt, das weißt du, David.« Herr Schönfeld klingt sauer.
Ich schlucke und umklammere das Glas in meiner Hand. Wie würde er reagieren, wenn er wüsste, dass wir damals nicht gelogen haben, es aber nun tun?
»Das mit uns hat sich erst danach entwickelt«, antwortet David. »Wir haben nie gelogen.«
»Na gut, trotzdem sind wir uns unsicher, ob sie in unsere Familie passt. Ich habe doch gesehen, wie unwohl sie sich gefühlt hat«, beteuert Davids Mutter.
Damit hat sie recht. Ich fühle mich sogleich noch schlechter, weil ich gehofft habe, dass ich mein Unwohlsein verbergen konnte. Offenbar hat es nicht funktioniert.
»Natürlich fühlt man sich anfangs unwohl, wenn man neu in eine Gruppe kommt. Vivi braucht immer erst ihre Zeit, um aufzutauen«, verteidigt mich David.
»Gut möglich, aber auch wenn sie offener wird, macht das nicht diese offensichtliche … Diskrepanz wett.«
»Diskrepanz?«, wiederholt David die Beschreibung seiner Mutter.
»Vivien kommt nun mal nicht aus einer wohlhabenden Familie. Daraus möchte ich ihr keinen Vorwurf machen, jedoch hat sie dadurch viele Werte, die wir verinnerlicht haben, nicht vermittelt bekommen.«
David schnaubt. »Und was sollen diese Werte sein, die sie scheinbar nicht hat?«
Sein Vater ergreift das Wort: »Junge, müssen wir dir das wirklich aufzählen? Es ist offensichtlich.«
Ein straffes Band wickelt sich um meinen Brustkorb. Mit jedem Wort wird es enger und stiehlt mir etwas mehr Luft.
»Du hast doch gesehen, wie sie heute zum Abendessen erschienen ist. Deine Großmutter dreht sich bei dem Anblick im Grabe um. Du weißt doch, wie wichtig es uns ist, dass wir ein schönes Abendessen haben. Ganz zu schweigen von ihren Tischmanieren. Hat diesem Mädchen niemand beigebracht, dass man seine Ellenbogen beim Essen nicht auf dem Tisch ablegt?« Frau Schönfelds Stimme klingt mit jedem Wort missbilligender.
Ich zittere.
»Deine Mutter hat recht«, greift Herr Schönfeld seine Frau unterstützend ein. »Möchtest du sie so zu wichtigen Firmenfeiern mitnehmen? Als deine beste Freundin ist sie in Ordnung, aber als feste Partnerin? Wir sehen an deiner Seite eher eine Frau, die etwas mehr Bildung genossen hat und eine Karriere anstrebt. Eine Sekretärin, die Schmuddel-Romane schreibt, passt nicht zu dir.«
Sekretärin? Schmuddel-Romane? Mir wird schlecht. Sie haben mir nicht mal zugehört und verurteilen mich dennoch. Vermutlich hätte ich nichts sagen oder machen können. Ihre Meinung von mir war von Anfang an gefestigt. Am liebsten würde ich sofort wieder abreisen. Weihnachten allein in meinem dunklen WG-Zimmer zu verbringen, klingt doch nicht mehr so schlecht. Ich will zurück in meine Blase, in der alles gut ist und Menschen mich nicht verurteilen.
Ein lautes Geräusch ertönt, als würden Stuhlbeine über Parkett gerissen werden.
»Und ihr wollt, dass ich jemanden wie Kiya date, oder was? Seit ich vor Jahren ein einziges Mal mit ihr ausgegangen bin, messt ihr alle Menschen an ihr. Ist euch schon mal in den Sinn gekommen, dass ich niemanden wie sie will? Dass sie gar nicht mein Typ ist? Dass ich mir mehr vom Leben erhoffe als eine hübsche Frau, die ich Geschäftspartnern präsentieren kann?« Davids Stimme bebt. Ich spüre das Gewitter der Gefühle in jedem Wort. »Entschuldigt mich.«
Mit schnellen Schritten kommt er in die Küche. Er verharrt, als er Imani und mich entdeckt. Seine Augen werden groß. Ich halte den Atem an.
»Komm«, formt er lautlos mit seinen Lippen, umfasst meine Hand und zieht mich mit sich.
Davids altes Kinderzimmer ist mindestens doppelt so groß wie mein WG-Zimmer und wahrscheinlich dreimal so hell. Ein großes, dreieckiges Fenster zieht sich vom Giebel über die komplette linke Wand. Daraus kann man auf die Lichter des tiefer liegenden Dorfes blicken, die zum Teil durch Tannen verdeckt werden.
Ich liege auf dem Kingsize-Bett und starre auf die Spotlights in der spitz zulaufenden Holzdecke.
David lässt sich neben mir auf den Bauch fallen und streicht seufzend durch mein Haar. »Tut mir leid, dass du das mit anhören musstest, Äffchen.«
»Schon gut«, murmle ich, obwohl es nicht stimmt. Die Worte seiner Eltern haben mich verletzt, doch gleichzeitig versuche ich mir ins Gedächtnis zu rufen, dass alles nur gespielt ist und sie nicht meine echten zukünftigen Schwiegereltern sind. Mir kann egal sein, was sie von mir denken – trotzdem ist es das nicht.
»Wenn sie dich besser kennenlernen, werden sie sehen, wie toll du bist.«
Ich drehe ihm den Kopf zu. »Ich werde es zwölf Tage lang schon irgendwie aushalten, dass sie mich unwürdig finden.«
»Entschuldigung, dass ich dich da mit reingezogen habe. Ich dachte, es würde einfacher werden«, murmelt er, dann seufzt er und dreht sich ebenfalls auf den Rücken. »Wenn sie sogar etwas gegen dich haben, dann werden sie einen Mann an meiner Seite nie akzeptieren, oder?«
»Ich weiß es nicht«, antworte ich ehrlich.
Bevor ich noch mehr sagen kann, klopft es an der Tür. Wir setzen uns auf, bevor Gina den Raum betritt.
»Hey, ihr beiden. Störe ich?« Sie wackelt anzüglich mit den Augenbrauen. »Ich wollte euch nicht bei irgendwas unterbrechen.«
Mein Blick gleitet kurz über das Bett unter uns. Hitze steigt mir in die Wangen, obwohl es keinen Grund gibt, rot zu werden.
»Nein, wir haben nur geredet«, antwortet David. »Was gibt’s denn?«
Sie schließt die Tür hinter sich und lässt sich auf den grünen Ohrensessel gegenüber vom Bett fallen. »Ich habe gute und schlechte Neuigkeiten.«
»Und die wären?«, frage ich in der Erwartung des Schlimmsten.
»Eigentlich wollten Henry und ich heute etwas mit euch unternehmen, aber unsere Floristin hat gerade angerufen und gesagt, dass es Lieferengpässe gibt, die sich auf unser Blumenarrangement auswirken. Wir müssen gleich hinfahren und umdisponieren, damit alles bis zur Hochzeit da ist.« Sie verdreht die Augen und sinkt tiefer in den Sessel. »Diese Hochzeit raubt mir den letzten Nerv.«
»Oh, hoffentlich findet ihr andere Blumen, die euch gefallen.« Ich lächle aufmunternd.
Zwar hätte ich gerne Zeit mit Gina und ihrem Verlobten verbracht, doch vermutlich ist es besser, wenn David und ich möglichst wenig Situationen ausgesetzt sind, in denen wir uns als Paar zeigen müssen.
»Danke.« Gina erwidert das Lächeln und erinnert mich dabei an ihren Bruder. Beide sind so unbeschwert – ganz anders als ihre Eltern. »Ich habe mir überlegt, dass ihr das, was wir für heute geplant haben, zu zweit machen könntet. Natürlich nur, wenn ihr Lust darauf habt. Ich möchte, dass ihr hier eine schöne Zeit habt.«
»Worum geht’s denn?«, forscht David nach.
Mein innerer Unmut macht sich schon jetzt breit. Eigentlich hatte ich geplant, dass David und ich den restlichen Abend mit einer Tüte Chips im Bett verbringen und fernsehen.
»Im Stadtpark haben sie wieder den See zum Schlittschuhlaufen geöffnet und einige Stände und Hütten aufgebaut«, erzählt Gina mit strahlenden Augen und wendet sich David zu: »Da du Eislaufen früher so geliebt hast, dachte ich, dass es eine schöne Idee wäre.«
In Davids Gesicht tritt die gleiche Begeisterung wie in das von Gina. »Das ist der Hammer! Ich war den ganzen Winter noch nicht auf dem Eis.« Er sieht zu mir. »Da müssen wir hin, Vivi. Du wirst es lieben, vertrau mir. Die Stimmung dort gibt dir die Inspiration für die nächsten zehn Liebesromane. Mindestens.«
Die Geschwister starren mich erwartungsvoll an und obwohl ich ihnen gerne sagen würde, dass ich mit meiner Tollpatschigkeit keine zehn Meter auf dem Eis vorankommen werde, lasse ich es bleiben. Bei dem Leuchten, das Davids Gesicht umgibt, wird mir klar, dass Nein zu sagen keine Option ist.
»Okay«, antworte ich deshalb. »Lass uns Schlittschuh fahren.«
***
Ich frage mich, wieso ich zugesagt habe, David zu begleiten. Keine halbe Stunde nach unserer Ankunft ist er in ein Gespräch mit dem Verkäufer am Glühweinstand vertieft. Bei dessen dunklen Haaren, charmantem Grinsen und breiten Schultern kann ich es meinem besten Freund jedoch nicht verübeln. Und wenn ich Davids Lächeln betrachte, weiß ich, dass es das Richtige war. Ich kann ihm einfach keinen Wunsch ausschlagen, obwohl das für mich bedeutet, dass ich allein meine Runden auf dem zugefrorenen See drehen muss. Immerhin hat David mir einen dieser Pinguine besorgt, an dem ich mich festhalten kann, nachdem ich innerhalb der ersten Viertelstunde dreimal gestürzt bin. Eigentlich hatte er vorgehabt, uns am Getränkestand, der auf einer Halbinsel in den See ragt, zwei Tassen Glühwein zu holen, um mich aufzumuntern. Mittlerweile sind zehn Minuten vergangen und David hängt noch immer an den Lippen des gut aussehenden Barkeepers. Den Abend habe ich mir anders vorgestellt. Ein wenig nervt es mich, dass er mich links liegen lässt. Schließlich bin ich nur seinetwegen mitgekommen – sowohl nach Winterbruck als auch zum Schlittschuhlaufen. Ist es da zu viel verlangt, wenigstens den Abend mit mir zu verbringen?
Mit einer Sache hatte er jedoch recht: Die Atmosphäre im Park ist magisch. Auf dem Eis glitzert der Schein der Lichterketten, die rund um den See gespannt sind. In kleinen Holzhütten werden Getränke und bayerische Spezialitäten verkauft. Weihnachtliche Popsongs schallen aus den Verstärkern und heben meine Stimmung, obwohl es normalerweise nicht meine Musikrichtung ist.
Wäre mein Leben eine romantische Komödie, wäre jetzt der Moment, in dem ich mit einem gut aussehenden Fremden zusammenstoßen und mit ihm auf dem Eis liegen bleiben würde. Doch da es das nicht ist, spüre ich nur das Brennen meiner Waden, während ich mich langsam mit meinem Pinguin fortbewege. Eine Gruppe Kinder umrundet mich in einer Geschwindigkeit, von der ich nur träumen kann. Frustriert steuere ich die Bande an und halte mich daran fest. Ich hole mein Handy hervor und öffne meine Notizen. Wenn ich schon keinen magischen Abend haben kann, möchte ich mir wenigstens Notizen machen, um meinen Protagonistinnen in einem späteren Teil der Geschichte ein schönes Eislauf-Date zu bescheren.
Nachdem ich mein Handy wieder zurück in meine hintere Hosentasche gesteckt habe, beschließe ich, mit meinem Pinguin eine Runde zu drehen. Zu meiner Überraschung gewinne ich mit jedem Meter mehr Sicherheit auf dem Eis.
»Entschuldigung.« Eine Frau hält vor mir und deutet auf ein kleines Mädchen, das sich an der Hand ihres Vaters festklammert. »Brauchen Sie den Pinguin noch? Es gibt keine mehr und meine Tochter steht zum ersten Mal auf Kufen.«
Ich starre hinab auf meine Hände, die den Griff des Pinguins umklammern, und danach zu dem jungen Mädchen. Alles in mir sträubt sich dagegen, ihr meinen Fels in der Brandung zu überlassen, trotzdem nicke ich. »Kein Problem, nehmen Sie ihn ruhig.«
Ich hoffe, dass sie das Zittern in meiner Stimme nicht bemerkt.
»Das ist lieb von Ihnen, vielen Dank«, antwortet die Frau und nimmt den Pinguin an sich, um ihn ihrer Tochter zu bringen.
Einige Sekunden sehe ich ihr nach, bis mir klar wird, wie groß dieser See ist. Ich bin mindestens zehn Meter von der nächsten Bande entfernt.
»Verdammt«, fluche ich leise.
Vorsichtig schiebe ich mein Bein vor, um langsam an den Rand zu gleiten. Es funktioniert. Ich fahre. Zwar überholen mich noch immer alle Leute, doch ich komme von der Stelle, ohne umzufallen, und nur das zählt.
Die Bande ist keine zwei Meter mehr von mir entfernt, als ein kleiner Junge von der Seite auf mich zukommt. Ich versuche nach rechts auszuweichen, doch offenbar hatten wir beide den gleichen Gedanken. Im Gegensatz zu ihm bekomme ich jedoch nicht mehr die Kurve, sondern stürze mit einem spitzen Schrei zu Boden. Ich lande – genau wie die letzten drei Male – unsanft auf meinem Hintern, der mittlerweile von Eisstaub bedeckt ist. Die Kälte brennt sich in mein Fleisch.
Ich will gerade wieder aufstehen, damit mir niemand über die Hände fährt, als ich bemerke, dass etwas fehlt. Mein Handy steckt nicht mehr in meiner Gesäßtasche. Als ich hinter mich blicke, sehe ich es über die Eisfläche schlittern, bis es ein paar Meter von mir entfernt liegen bleibt. Mein Herz bleibt kurz stehen, um wenige Sekunden später wild gegen meinen Brustkorb zu hämmern. Auf meinem Smartphone habe ich all meine Notizen für meinen Roman und alle Bilder, die ich demnächst auf Bookstagram posten werde. Mein Handy ist mir heilig!
Ich kämpfe mich auf die Knie und ignoriere die Kälte, während ich über den Boden krabble. Leute weichen mir aus und fluchen lautstark.
Meine Hände brennen, genau wie meine Knie und mein Po. Nur noch wenige Meter trennen mich von meinem Handy.
Eine Gruppe Jugendlicher rast gefährlich nah an ihm vorbei und mir wird schlecht, als ich mir vorstelle, was Kufen auf meinem Display anrichten könnten.
Fast geschafft, nur noch ein kleines Stückchen!
Jemand bleibt direkt neben meinem Handy stehen und bückt sich danach, um es aufzuheben. Eine Hand wird mir entgegengestreckt. In der Hoffnung, es sei Davids, sehe ich auf und starre in tiefbraune Augen. Überrumpelt lasse ich mir von meinem Retter aufhelfen.
»Wir kennen uns doch, oder?«, fragt er.
Ich erkenne ihn sofort. Wenige Wochen zuvor haben mich die gleichen dunklen Augen gemustert. Dieses Mal trägt er keine Kapuze. Seine Haare stehen ihm leicht verwuschelt vom Kopf ab und lassen ihn dadurch noch attraktiver aussehen als bei unserer letzten Begegnung.
»Akeno?«, frage ich, obwohl ich mir bereits sicher bin, dass er es ist.
Erkenntnis lässt sein Gesicht aufleuchten. »Vivi?«
Ich frage mich, ob er realisiert, dass er noch immer meine Hand festhält. Und ob er auch dieses warme Prickeln spürt, das in der Berührung liegt.
»Ich, ähm, wow, ich meine, wow«, stammle ich.
Er grinst über meine Unbeholfenheit.
»Scheint so, als wärst du mein Schutzengel.« Ich kichere nervös. Kann ich mich noch peinlicher anstellen? Zur Erklärung setze ich hinterher: »Weil du immer zur Stelle bist, sobald ich falle, und mir aufhilfst, bevor ich von Autos oder Schlittschuhläufer*innen angefahren werden kann.«
Akeno lacht und mein ausgekühlter Körper beginnt zu glühen. Ist es normal, dass jemand so einen Effekt auf mich hat?
Bevor er etwas sagen kann, rede ich weiter, ohne meinen eigenen Mund unter Kontrolle zu haben: »Auf jeden Fall finde ich es toll, dass wir uns wiedersehen. Ich habe dich auf Instagram gesucht, aber ich war mir nicht sicher, ob du es überhaupt benutzt und –«
Ich unterbreche mich, als ich merke, dass ich ihm von meinen Stalking-Versuchen erzähle. Die Hitze, die er in meinem Körper entfacht, schießt mir in die Wangen. Was kann ich sagen, um diese Situation weniger peinlich zu machen?
»Wenn ich wüsste, dass ich nur hinfallen muss, um dich wiederzusehen, hätte ich das viel früher gemacht.« Nicht das, Vivi, definitiv nicht das …
Aus den Lautsprechern ertönt Still Falling For You von Ellie Goulding und ich möchte im Boden versinken. Selbst das Lied verhöhnt mich. Kann es noch unangenehmer für mich werden?
»Sorry, der Kopf-Kanon bringt mich wieder dazu, Blödsinn zu reden«, entschuldige ich meinen Wortausbruch kleinlaut.
»Kopf-Kanon?«, wiederholt er. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, doch ich glaube, echte Neugierde in seinem Blick zu erkennen.
Meine Hand, die immer noch in seiner liegt, wird schwitzig. Ich beende unsere Berührung, damit er es nicht bemerkt. »Ich, ähm, sage das immer, wenn zu viele Gedanken durch meinen Kopf schwirren und sie sich überschlagen. Manchmal fühlt es sich dann an, als würde ich im Kanon denken. Das hängt vermutlich mit meinem ADS zusammen. Das ist sehr ähnlich zu ADHS, aber wird weniger häufig diagnostiziert, weil es hauptsächlich Frauen betrifft. Und die fallen bei der Medizin bekanntlich viel zu häufig durchs Raster, weil sich ihre Symptomatik oft von derjenigen der Männer unterscheidet.« Ich kann meinen Mund nicht stoppen, obwohl ich gerne würde. »Die schlechte Priorisierung von Gedanken gehört da nämlich zu, genau wie verminderte Feinmotorik und die Tatsache, dass Betroffene häufig die eigenen Bedürfnisse nicht so gut wahrnehmen können. Da bekenne ich mich auch schuldig. Ich bin eine People Pleaserin.« Meine kleine Rede ist wie ein Unfall, den man nicht beobachten möchte, aber dennoch nicht ignorieren kann. Und jedes weitere Wort fühlt sich wie ein weiteres Auto an, das in die Massenkarambolage rast. Möchte ich ihm nicht gleich den gesamten Wikipedia-Artikel zitieren? »Außerdem sind Menschen mit ADS oft hypersensibel, unsicher, interpretieren in Aussage schnell Ablehnung hinein und wirken oft so verträumt, als wären sie nur körperlich anwesend, aber im Kopf ständig auf Reisen.«
Zu meiner Überraschung betrachtet er mich interessiert. Doch er sagt nichts. Wieso sagt er nichts? Habe ich ihn verschreckt? Ich hätte es wissen müssen. Ich hasse und liebe es gleichzeitig, wie mein Kopf funktioniert.
»Tja, jetzt weißt du, wie es in meinem Kopf aussieht«, witzle ich in der Hoffnung, die Situation dadurch zu retten. Aber die Anspannung bleibt an mir kleben wie das Kaugummi, das mir ein Mitschüler in der dritten Klasse in die Haare geschmiert hat.
»Kopf-Kanon«, wiederholt er noch mal, als wolle er das Wort mit jeder Silbe auf seiner Zunge spüren. »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Mir geht es auch manchmal so.«
Ich kämpfe gegen den Impuls an, einen erleichterten Seufzer auszustoßen.
»Zum Beispiel eben gerade.« Ein verlegenes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht: »Als du mir erzählt hast, dass du versucht hast, mich zu finden, dachte ich mir: Wow, diese tolle Frau hat nach mir gesucht. Soll ich ihr sagen, dass ich auch nach ihr gesucht habe, aber es viel zu viele Vivis in München gibt? Wie verrückt ist es bitte, dass wir uns ausgerechnet in meinem Heimatdorf wiedersehen? Ist das Schicksal? Hält sie mich für einen Blödmann, weil ich bei unserer ersten Begegnung so überstürzt abgehauen bin?«
»Ich mag deine Ehrlichkeit«, sage ich, obwohl ich gerne noch mehr sagen würde. Nicht nur mein Kopf spricht nach seiner Beichte mit mir im Kanon, sondern auch mein Herz. »Und ich halte dich nicht für einen Blödmann.«
»Das beruhigt mich.« Er grinst und reicht mir mein Handy. »Das möchtest du vielleicht wiederhaben.«
Erleichtert darüber, dass es unbeschadet ist, presse ich es an meine Brust.
»Gott sei Dank«, murmle ich.
»Gehörst du zu diesen Personen, die nonstop am Handy hängen?«, fragt er mit erhobener Augenbraue.
»Nein, also doch … manchmal. Ich benutze immer die Notizen, um mir Stichpunkte für mein Buchprojekt aufzuschreiben und um mir Fotoideen für Instagram-Fotos zu notieren«, gebe ich zu. »Außerdem ist es für mich manchmal wie ein Schutzschild, wenn ich keine Lust habe, mit meiner Umwelt in Kontakt zu treten. Das Handy lässt mich dann beschäftigt aussehen.«
Bevor er antworten kann, weicht uns ein Pärchen aus, das fast in uns gekracht wäre.
»Vielleicht sollten wir nicht mitten auf der Eisfläche stehen«, meint Akeno. »Kommst du mit zur Bande?«
»Ich –«, beginne ich, ohne zu wissen, wie ich ihm sagen soll, dass ich nicht weiß, wie ich unbeschadet bis dorthin kommen soll.
Er scheint die Besorgnis in meinem Blick zu bemerken und reicht mir seine Hand. »Wir können zusammen fahren.«
Ich verschränke meine Finger mit seinen. »Okay.«
Obwohl ich immer noch wackelig unterwegs bin und mich vermutlich viel zu stark an seine Hand klammere, schaffen wir es bis zur Bande.
»Danke für die Eskorte.«
»Kein Ding.« Er winkt ab. »Du hast eben erwähnt, dass du ein Buch schreibst.«
»Ja, aber das ist nicht der Rede wert. Das ist nur ein unbedeutendes Hobby von mir«, rede ich es klein, obwohl ich mir erst vor wenigen Stunden vorgenommen habe, es nicht mehr zu tun. Wieso schäme ich mich vor anderen für meine Leidenschaft? Habe ich solche Angst davor, dass Leute mich dafür verurteilen könnten?
»Das ist echt cool. Welches Genre schreibst du denn?«
Hat er gerade cool gesagt? Ich glaube, mein Herz schlägt gleich einen Salto!
»New Adult Romance, also Liebesromane für junge Erwachsene. Schwerpunkt Gay Romance.« Ich zwinge mich selbst dazu, seinem Blick standzuhalten, obwohl ich schon weiß, was als Nächstes kommt. Es ist immer das Gleiche: Ich erzähle Menschen, was ich am liebsten lese und schreibe, und sie schenken mir einen überheblichen Blick und fragen sich innerlich, wieso ich nicht etwas Niveauvolleres schreiben kann.
Doch Akenos Miene bleibt weich und sein Blick interessiert. »Klingt gut. Ich beneide alle, die künstlerisch begabt sind. Ich bin leider eine absolute Niete und vermutlich der unkreativste Mensch der Welt. Worum geht’s in der Geschichte?«
Überrumpelt von seinem bestehenden Interesse erzähle ich ihm von Emma, die zusammen mit ihrem krebskranken Opa eine Reise nach Paris antritt, um dessen jahrelange Brieffreundin endlich persönlich kennenzulernen, und dort auf deren Enkelin Aurélie trifft. Und weil er mich nicht unterbricht, rede ich immer weiter und weiter und erzähle ihm von all den romantischen Szenen, die ich geplant habe.
»Sobald du fertig bist, möchte ich das Buch lesen«, sagt er, als ich meine Erzählung beendet habe.
Mein Kopf-Kanon wird lauter als je zuvor. Zwischen Freudenschreie, weil er sich für meine Geschichte interessiert, mischt sich die Angst, sie könnte nicht gut genug sein. Bisher habe ich den Anfang erst wenigen Leuten zum Testlesen gegeben – neben meinen Müttern nur David.
»Natürlich nur, wenn das für dich in Ordnung ist. Es ist schließlich dein Buch«, setzt er hinterher.
»Ja, ich –«, ich räuspere mich leise, »ja, du kannst es gerne lesen, sobald ich fertig bin.« Denn etwas in meinem Inneren sagt mir, dass ich ihm vertrauen kann und dass er nicht auf meinem Herzensprojekt herumtrampeln wird, wenn ich es ihm zum Lesen gebe. Bin ich zu naiv?
Er kratzt sich verlegen am Hinterkopf. »Ich weiß nicht, ob das zu direkt ist, aber … du schreibst ja über zwei Frauen … und ich habe mich gefragt, ob du aus eigener Erfahrung schreibst. Tut mir leid, wenn die Frage übergriffig ist.«
»Ja … nein … also doch«, stammle ich und frage mich innerlich, wieso ich in seiner Gegenwart kaum einen geraden Satz herausbringe. Er muss denken, dass ich höchstens drei Gehirnzellen besitze. »Ich bin bisexuell. Meine erste Beziehung war mit einem Mann und die zweite mit einer Frau, also schreibe ich aus Erfahrung.«
Er lächelt. »Gut zu wissen.«
Vielleicht bin ich so nervös, weil wir noch immer auf dem Eis stehen: ein Ort, an dem ich mich ganz und gar nicht sicher fühle. Ich werfe einen Blick an Akeno vorbei. David steht noch vor der Bar und scheint immer dann mit dem Barkeeper zu flirten, wenn der gerade keine anderen Gäste bedient. Es sieht nicht so aus, als würde er in naher Zukunft vorhaben, von dort zu verschwinden.
»Sollen wir runter vom Eis und was essen?«, frage ich Akeno. »Ich gebe dir was aus.«
»Gerne«, antwortet er mir. Als wäre es das Leichteste der Welt, fährt er neben mir her, während ich mich an der Bande entlanghangele. Ich bin erleichtert, als ich zu dem Teil des Sees komme, auf dem man über ausgelegte Gummimatten zu einem Zelt kommt, in dem man seine Schlittschuhe gegen normale Schuhe tauschen kann.
»Hast du mehr Lust auf Crêpes oder Brezeln? Oder lieber frittiertes Gemüse?«, frage ich, nachdem wir unser Schuhwerk getauscht haben und neben den Essensbuden entlangschlendern. »Ich glaube, da hinten sind auch Stände mit Bratwurst, Semmelknödel und so nem Zeug. Das kannst du auch nehmen, ist aber nicht so mein Ding.«
»Du musst mir nichts ausgeben.«
»Ich will aber«, erwidere ich keck.
»Na schön, dann würde ich einen Crêpe nehmen. Wenn du eins über mich wissen musst, dann ist es, dass ich wirklich, wirklich, wirklich doll auf alles Zuckrige stehe. Meine Schwester scherzt immer, dass mein Blut vermutlich nur noch aus Zuckermolekülen besteht.«
Ich bedenke ihn mit einem unauffälligen Seitenblick, der scheinbar doch nicht so unauffällig ist, denn Akeno wirft mir ein Grinsen zu.
»Um das auszugleichen, versuche ich viel Sport zu machen. Und ein paar gute Gene kommen auch dazu«, erklärt er seine schlanke Statur. »Auch wenn ich mich selbst immer darüber wundere, wenn man bedenkt, wie viele Tassen Kakao ich am Tag trinke.«
»Ich liebe Kakao«, schwärme ich und zeige auf eine kleine Holzhütte, die sich etwas versteckt hinter einem festlich geschmückten Tannenbaum befindet. »Wir können zusätzlich zum Crêpe auch Kakao holen.«
»Oh, ähm, nein.« Akeno beißt sich auf die Unterlippe.
Einen Moment lang glaube ich, es könne eine Abfuhr sein, doch er fährt fort: »Ich trinke mittlerweile nur noch Kakao von einer bestimmten Marke.«
»Wieso?« Vermutlich sollte ich mich als Mitarbeiterin eines Lebensmittelkonzerns, der unter anderem für seinen Kakao bekannt ist, besser mit den Qualitätsmerkmalen des Heißgetränks auskennen, doch die Wahrheit ist: Ich schmecke keinen Unterschied heraus.
»Meine Schwester und ich wollen ein Start-up gründen, bei dem wir besondere Kakaokreationen in Pulverform verkaufen. Es wird Cozy Sips heißen. Drei Geschmacksrichtungen haben wir schon, aber bis zu unserem Release wollen wir fünf haben«, erklärt er. »Das Kakaopulver ist vegan, Fairtrade und mit Kokosblütenzucker hergestellt.«
»Das klingt wahnsinnig toll!« Kurz wäge ich ab, ihm zu beichten, dass ich bei der Konkurrenz arbeite, entscheide mich jedoch dagegen.
Gerade kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als hier und jetzt mit Akeno zwischen den Buden entlangzuschlendern, die Weihnachtsbeleuchtung zu bewundern und über Kakao zu reden.
»Falls du länger hierbleibst, kannst du mich gerne besuchen und den Kakao probieren. Ich habe einige Packungen für Freund*innen mitgebracht.«
»Ja, das wäre toll«, erwidere ich mit leuchtenden Augen – ehe mir einfällt, wieso ich überhaupt hier bin. »Aber vielleicht wäre es besser, wenn wir uns erst zum Kakaotrinken treffen, wenn wir nach den Feiertagen wieder in München sind. Die nächsten Tage werden hier vermutlich ein wenig … stressig.«
»Kein Problem. Ich werde wahrscheinlich selbst ziemlich unter Strom stehen.«
Wir kommen am Crêpes-Stand an und entscheiden uns beide für einen mit Zucker und Zimt. Auf einer freien Bank, von der aus wir freie Sicht auf die glitzernde Eisfläche haben, verspeisen wir sie.
Mittlerweile reden wir nicht mehr über Kakao, sondern über alles, was uns in den Sinn kommt.
Ich bin selbst davon überrascht, wie viel auch ich ihm über mich anvertraue. Meine Adoption und die Geschichte, wie ich als Kind unter dem Mobbing meiner Mitschüler*innen litt, sind normalerweise keine Themen, die ich bei einem ersten Treffen anschneiden würde. Doch mit Akeno fühlt sich alles anders an. Leichter. Vertrauter. Als würden wir uns schon ewig kennen, obwohl er eigentlich ein Fremder für mich ist. Bei ihm habe ich nicht das Gefühl, als müsse ich meine Worte filtern. Sie können frei und ungeschönt aus meinem Mund fließen.
Mit jeder verstreichenden Minute, in der wir uns unterhalten, dreht sich die Welt für uns langsamer.
»Was ist eine Sache, die du überhaupt nicht kannst?«, frage ich neugierig.
»Ganz klar: Geheimnisse für mich behalten. Sobald mir jemand ein Geheimnis anvertraut, baut das einen unheimlichen Druck in mir auf – wie bei einem Ballon, der kurz vorm Platzen steht. Als meine kleine Schwester ihren ersten Freund hatte, hat sie mich gebeten, es für mich zu behalten, nachdem ich die beiden in ihrem Zimmer erwischt habe. Doch nach drei Tagen ist es mir unserem Vater gegenüber rausgerutscht. Ayumie hat danach eine ganze Woche nicht mit mir gesprochen. Geheimnisse sind mein rotes Tuch, seit … na ja, fast schon immer.« Er senkt den Kopf und hüstelt verhalten.
Etwas liegt in seinem Blick, das ich nicht deuten kann. Sehnsucht? Trauer? Schmerz? Nostalgie? Bevor ich nachhaken kann, ergreift er das Wort.
